Martin Guan Djien Chan

KOREA

Gegenwart und Zukunft
eines geteilten Landes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-534-73308-8
eBook (epub): 978-3-534-73309-5

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Inhaltsverzeichnis

Vorspiel auf dem Kriegstheater

Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen …

KAPITEL 1

Das unbekannte Land

Fünf Sisyphusse und ein Stein

Karneval des Völkerrechts

KAPITEL 2

Der Osten ist rot

KAPITEL 3

L’État, c’est Kim

Wer ist Karl Marx?

Tönerner Koloss auf stählernen Füßen

Mit dem Rücken zur Wand

KAPITEL 4

Die Angst vor dem Glück

Das Land der stillstehenden Sonne

Der erpresste Drache

Der Bär schläft

Der gerupfte Adler

Fernöstlicher Rubikon

KAPITEL 5

The Day After

Phönix oder Pleitegeier?

To Unite or Not to Unite, That Is the Question

Götterdämmerung

Auferstanden aus Ruinen

Anhang

Abbildungsnachweis

Register

Vorspiel auf dem Kriegstheater

Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen …

Ein Albtraum. Stellen Sie sich vor, Sie lassen Ihren Feierabend ganz entspannt vor dem Fernseher ausklingen. Ein Tatort, eine Seifenoper oder sogar etwas Anspruchsvolleres. Es ist kurz nach elf Uhr abends. Plötzlich blendet der Sender einen Lauftext ein: „Krieg in Korea. Seoul liegt unter Beschuss!“ Eventuell wird das Programm sogar für eine Sondersendung unterbrochen. Wie dem auch sei, ob Sondersendung oder ob Sie auf CNN zappen, in den ruhigen Feierabend platzen Bilder der brennenden Millionenmetropole Seoul. Kein amerikanischer Videokrieg wie in Bagdad, bei dem man die Bilder aus der Kamera des anfliegenden Marschflugkörpers bis zu seinem Einschlag mitverfolgen konnte, sondern livegeschaltete Kameras aus der Sicht des Opfers. Die Kamera, sagen wir von CNN oder einem südkoreanischen Sender, filmt von der Straße oder dem Dach eines Hochhauses das totale Chaos und Flammeninferno einer bombardierten Stadt. Das sind keine Bilder eines „modernen“ Krieges, es sind Bilder wie aus Coventry oder Dresden, nur dass die Flugzeuge fehlen. Es sind Zehntausende von Artilleriegranaten, die eine der größten, modernsten und wichtigsten Metropolen der Welt innerhalb weniger Stunden in ein Flammenmeer verwandeln.

Halt! Das ist doch reine Phantasie!

Ist es das?

Kann so etwas passieren?

Ist das überhaupt möglich?

Und wenn ja, wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Fangen wir bei der letzten Frage an: Sie ist nicht zu beantworten. Um Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, benötigt man empirische Daten, die man entsprechend statistisch auswertet und berechnet. Mit anderen Worten, es sind Vergleichswerte vonnöten. Nordkorea und sein bizarres Regime sind jedoch auf ihre Weise einzigartig – und damit nicht vergleichbar. Was festgestellt werden kann, ist nur eines: Für das nordkoreanische Regime war und ist Krieg immer eine Option. Und wenn Nordkorea einen Krieg beginnt, dann, das kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, wird dieser Krieg ein totaler sein.

Doch nun zur Frage, ob es denn, rein technisch gesehen, überhaupt möglich ist, dass Nordkorea mit seiner hoffnungslos veralteten Artillerie die Hauptstadt eines der modernsten Flächenstaaten der Welt, der zudem über eine der schlagkräftigsten Streitkräfte verfügt, in Schutt und Asche legen kann?

Die Antwort ist leider: Ja! Die nördlichen Außenbezirke Seouls beginnen wenige Kilometer hinter der militärischen Waffenstillstandslinie. Das Stadtzentrum liegt im Schussbereich der schweren nordkoreanischen Artillerie und selbst Außenbezirke südlich des Stadtzentrums können von der Fern- und Raketenartillerie beschossen werden.

Kann so etwas passieren? Ja, es könnte tatsächlich passieren. Nicht zwangsläufig und es gibt genügend Grund zur Hoffnung, dass es nicht passieren wird, aber leider sprechen viele Indizien dafür, dass ein neuer Koreakrieg ausbrechen kann.

Diktatoren sind häufig unbelehrbar und weigern sich zu kapitulieren. In jüngster Zeit hatten wir Saddam Hussein, der in einem Erdloch aufgegriffen wurde, Zine el-Abidine Ben Ali, der ins saudische Exil flüchtete, Muhammad Husni Mubarak, der stur seine Niederlage bis zur Verhaftung ignorierte, und Muammar al-Gaddafi, der am Ende der Revolution gelyncht wurde. In Syrien ist die Präsidentenfamilie gewillt, alle auch noch so blutigen Mittel einzusetzen, um an der Macht zu bleiben. Warum sollte ausgerechnet das nordkoreanische Regime besonnener und humaner reagieren als die genannten gefallenen Diktatoren, deren Systeme im Vergleich zu Nordkorea geradezu liberal und menschlich wirkten?

Damit ist auch die erste Frage beantwortet: Nein, bei dem Szenario handelt es sich um keine Fantastik, Utopie oder Science-Fiction. Es ist schlichtweg das Worst-Case-Szenario einer real existierenden Situation. Dem letzen Überbleibsel des Kalten Krieges, der an dieser Stelle doch noch zu einem heißen und sogar atomaren werden könnte.

Und was bedeutet das für uns Europäer? Für den friedlich eingeläuteten Feierabend und den Morgen danach? Spielen wir das Horrorszenario doch einmal durch. Zunächst: Was geschah, wie konnte es dazu kommen?

Sie kennen wahrscheinlich den Film „Der Untergang“. Die nordkoreanische Führung sitzt seit zwei Jahrzehnten im mentalen Führerbunker, nur dass dieser aus mehreren luxuriösen Palastanlagen besteht. Psychologisch gesehen ist die Situation aber durchaus vergleichbar. Es ist offensichtlich, dass der (kalte) Krieg verloren ist. Im Gegensatz zu Hitler verläuft die Zeit für Kim Jong-il und heute für Kim Jong-un jedoch nicht in Stunden, sondern in Jahren. Ergo, wenn schon untergehen, dann richtig. Im Gegensatz zu Hitler verfügen die Nordkoreaner aber noch über militärische Mittel, die Millionen von Feinden vernichten können.

Diese Untergangs-Psychose des Regimes ist, wie wir später sehen werden, ein ganz entscheidender Faktor. Langfristig kann das Regime nicht überleben, Reformen sind nicht möglich, ohne die Macht zu verlieren, und ein politischer Umsturz würde zwangsläufig zum Tod der Herrschenden führen. Auch Hitler und seine wichtigsten Getreuen waren sich dessen bewusst. Der Kampf bis zur letzten Patrone, die Opferung der Hitlerjugend und des Volkssturms, die Flutung der Berliner U-Bahn – all dies lässt sich nur aus diesem Untergangsgefühl heraus erklären. Und genau aus diesem Grunde besteht im Fall Nordkoreas die durchaus realistische Gefahr, dass auch dieses Terrorregime kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch noch einmal alle Kräfte bündelt, einen letzten Ausbruchsversuch unternimmt, um doch noch Seoul im Sturm zu erobern. Trotz der letztendlichen Erfolglosigkeit einer solchen Verzweiflungstat wäre sie aus der Sicht der Herrschenden eine bessere Option, als sang- und klanglos im Chaos eines staatlichen Zusammenbruchs unterzugehen: Im Lichte der eigenen militaristischen Ideologie wäre eine solche Tat heroisch. Das einsame Nordkorea im verzweifelten Kampf gegen die überlegenen imperialistischen Mächte!

Ganz abgesehen davon kann man im Chaos eines totalen Krieges eher fliehen und untertauchen als bei einem einfachen Regimezusammenbruch. Auch dies wäre ein plausibler Grund für eine solche Wahnsinnstat.

Wie würde der Krieg beginnen, gäbe es Vorzeichen, wer wäre involviert?

Die zweite Frage dieses Abschnittes ist einfach zu beantworten: Es würde keine Vorzeichen geben. Wenn überhaupt, dann eine diplomatische Friedensoffensive, welche die Welt von den wahren Absichten ablenken soll. In den dreißiger Jahren gab es eine Karikatur mit der Bildunterschrift: „Es riecht nach Krieg, Hitler hat wieder eine Friedensrede gehalten.“ Diese Karikatur lässt sich problemlos auf Korea übertragen.

Die nordkoreanische Militärdoktrin kennt nur den Überraschungsangriff. Wie bei dem Überfall auf Polen würde irgendein Grund erfunden, damit ab 5:45 Uhr zurückgeschossen werden kann. Auf einen Schlag würden fast zehntausend Geschützrohre aller Kaliber die südkoreanische Hauptstadt beschießen. In der ersten Kriegsstunde würden über eine Million Granaten und Raketen Seoul „in ein Flammenmeer verwandeln“, wie es die nordkoreanische Propaganda regelmäßig androht. Hunderttausende von Soldaten, Reservisten, Milizionären würden erbarmungslos von ihren Offizieren auf die feindlichen Stellungen getrieben werden, um einen schnellen Durchbruch zu erlangen. Verluste, und mögen sie in die Millionen gehen, wären für das nordkoreanische Regime belanglos. Wer Millionen von Landeskindern verhungern lässt, während die Armee aufgerüstet, die Atombombe entwickelt wird und neue Paläste für den Geliebten Führer gebaut werden, der schreckt auch vor einem solchen Gemetzel nicht zurück.

Ganz gleich, ob die nordkoreanischen Angreifer den Verteidigungsring um Seoul durchbrechen oder nicht, die Metropole am Han-Fluss wird verwüstet, Hunderttausende von Zivilisten würden Opfer des erbarmungslosen Bombardements. Aber ebenso sicher ist, dass die 670.000 Mann starke südkoreanische Armee, nachdem sie acht Millionen gut ausgebildete und modern ausgerüstete Reservisten mobilisiert hat und damit zu einem der kampfstärksten Heere der Welt geworden ist, letztendlich den Sieg davontragen wird. Allerdings zu einem fürchterlichen Preis.

Und nun zur letzten Frage, wer involviert wäre: Im Prinzip die ganze Welt. Zwar kann der Koreakrieg der fünfziger Jahre auch als Bürgerkrieg betrachtet werden, völkerrechtlich jedoch ist er ein Krieg der Vereinten Nationen gegen Nordkorea gewesen. Der einzige Krieg übrigens, der jemals im Namen der UNO geführt wurde und, da offiziell nicht beendet, noch geführt wird. Inwieweit sich auch alle ihre Mitgliedsstaaten im Kriegszustand mit Nordkorea befinden, ist ungeklärt. Sollte dies so sein, würde sich Nordkorea, welches 1991 zusammen mit Südkorea aufgenommen wurde, mit sich selbst im Kriege befinden. Ein weites Feld für juristische Theoretiker. Fakt ist jedoch, dass die Vereinten Nationen in New York offiziell die prinzipiellen Entscheidungen treffen, selbst wenn die UN-Truppen auf dem Kriegsschauplatz fast ausschließlich von den USA und Südkorea gestellt werden. Der UN-Generalsekretär ist der oberste Befehlshaber, der Sicherheitsrat und die Generalversammlung sind die entscheidenden politischen Gremien und das militärische Hauptquartier der Vereinten Nationen in Korea UNC ist für die taktische Kriegsführung verantwortlich. In diesem Sinne wäre ein erneuter Koreakrieg ein Weltkrieg, da die UNO als Vertretung der Welt und der Menschheit in ihrer Gesamtheit die Verantwortung trägt.

Direkt involviert wären natürlich neben den beiden Koreas in erster Linie die USA, die nicht nur 28.000 Soldaten auf der Halbinsel stationiert haben, sondern auch als atomare Schutzmacht für Südkorea und Japan auftreten. Japan ist, entgegen landläufiger Meinung, in diesem Konflikt nicht neutral, denn es beherbergt sieben Militärbasen der Vereinten Nationen, von denen aus Nordkorea im Kriegsfall bombardiert werden würde. Die Volksrepublik China unterhält offiziell immer noch ein Militärbündnis mit Nordkorea und fungiert als Schutzmacht. Allerdings ist es mehr als fraglich, ob es diesen Verpflichtungen im Fall eines erneuten Krieges nachkommen würde. Russland ist das einzige Nachbarland Koreas, welches seine Interessen in Nordkorea weitgehend aufgegeben hat und sich im Kriegsfalle höchstwahrscheinlich im Hintergrund halten würde. Abgesehen davon sind die russischen Streitkräfte in Fernost in einem dermaßen erbärmlichen Zustand, dass militärische Interventionen eher in einem blamablen Fiasko denn in einem gloriosen Sieg enden würden.

Zieht man einen Kreis mit einem Radius von fünfhundert Kilometern um die koreanische Halbinsel, erfasst also das geographische Gebiet, das in direkter Nachbarschaft zum Kriegsschauplatz läge, so kann man feststellen, dass in dieser Region über eine halbe Milliarde Menschen leben: die gesamte wirtschaftliche Supermacht Japan, die chinesische Mandschurei, welche das schwerindustrielle Herz des Reiches der Mitte ist, die Metropole Peking und wichtige Kernprovinzen wie Shandong, die als Heimatprovinz des Konfuzius als zivilisatorische Seele Ostasiens angesehen werden kann. Die beiden wichtigen Häfen Dalian (ehemals Port Arthur) und Tianjin, die den gesamten Norden Chinas einschließlich Peking versorgen, würden im Fall von Kriegshandlungen nur noch eingeschränkt, wenn überhaupt, von zivilen Handelsschiffen angelaufen werden können. Diese Häfen sind die Lebensadern der nordchinesischen Industrie. Der südkoreanische Hafen Pusan wäre für die zivile Schifffahrt gesperrt, was einem Ausfall Rotterdams oder Antwerpens gleichkäme (nicht Hamburg, denn dieser Hafen ist im Vergleich zu Pusan klein und bedeutungslos). Auch Yokohama, Lebensader Tokyos, würde unter Einschränkungen leiden. Der zivile Luftraum um Korea wäre aus Sicherheitsgründen nicht mehr passierbar. Sowohl Tokyo als auch Peking, beides Knotenpunkte höchster Bedeutung, würden nur eingeschränkt operieren können. Selbst die ehemals deutsche Kolonie Tsingtau an der Südküste Shandongs, die sich gerade anschickt der fünftgrößte Hafen der Welt zu werden und den ehemalig britischen Rivalen Hongkong hinter sich zu lassen, könnte betroffen werden. Tsingtau ist der Hafen für die chinesische strategische Erdölreserve.

Im Gegensatz zu Bürgerkriegen auf dem Balkan oder in Zentralafrika und zu militärischen Interventionen in Afghanistan oder im Irak würde ein erneuter Koreakrieg mitten in einem der wichtigsten globalen Wirtschaftszentren und nicht an der ökonomischen Peripherie stattfinden. Auf europäische Verhältnisse übertragen, mit ähnlichen Bevölkerungszahlen, würde dies bedeuten, dass ein atomar bewaffnetes Belgien mit mehreren Millionen Soldaten und 16.000 Geschützen das Ruhrgebiet überfällt und Frankreich droht, sollte es den Deutschen zu Hilfe eilen, Paris und ein weiteres halbes Dutzend Städte atomar einzuäschern. In Europa ist ein solches Szenario eine groteske Vorstellung, in Ostasien leider nicht. Ein Krieg, der eine Mischung aus Verdun, Blitzkrieg und atomarem Holocaust darstellen würde, inmitten einer dicht besiedelten Region, die zu den wichtigsten ökonomischen, politischen und kulturellen Gebieten der Welt gehört, der die Hauptstädte der zweit- und drittwichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt direkt bedrohen würde, der mit Südkorea eine der wichtigsten Industrienationen zu einem großen Teil verwüsten wird – ein solcher Krieg träfe direkt ins Herz der menschlichen Zivilisation.

Führen wir das Szenario weiter. Als die al-Qaida-Selbstmordbomber in die Zwillingstürme des World Trade Centers rasten, töteten sie ungefähr dreitausend Menschen und zerstörten Gebäude im Wert von zehn Milliarden US-Dollar. Die Kursverluste an den Börsen vernichteten ein Vielfaches an Werten und bescherten der Welt eine kleine Wirtschaftskrise. Der Gesamtschaden wird auf vierzig Milliarden US-Dollar geschätzt. Der Tsunami, der große Teile Nordjapans verwüstete, legte auch einen Teil der Weltproduktion lahm, weil spezialisierte Fabriken nicht mehr liefern konnten. Die globale Automobilindustrie wurde von einem immensen Nachschubproblem heimgesucht. In kleinerem Maße führten 2011 die Überschwemmungen in Thailand zu einem ernst zu nehmenden Engpass bei Computerfestplatten. Nicht nur Japan, sondern auch Südkorea und Nordchina sind zentrale Produktionsstandorte der Weltwirtschaft. Südkorea hat sich an die Spitze der Hightech Nationen vorgearbeitet. Fällt Südkorea aus, so stehen auch in Deutschland viele Bänder still. Nordchina ist, global betrachtet, nicht ganz so wichtig, aber wenn Dalian und Tianjin von den zivilen Handelsflotten nicht mehr angesteuert werden können, wird auch das beträchtliche Auswirkungen haben. Aber diese Auswirkungen werden erst einige Wochen nach Kriegsbeginn zum Tragen kommen.

Bleiben wir in der Chronologie des Szenarios. Seit 5:45 Uhr wird also zurückgeschossen. Die asiatischen Börsen haben noch nicht geöffnet, in Europa ist es kurz vor Mitternacht. Die Wall Street bereitet sich gerade auf den Feierabend vor. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Börsenaufsichten einen Notfallplan für einen Koreakrieg haben und sämtlichen Handel innerhalb von Minuten auf unbestimmte Zeit aussetzen könnten. Insbesondere der elektronische, computerisierte automatische Handel müsste sofort unterbrochen werden. Keine Aktie, keine Devise dürfte mehr gehandelt werden. Ansonsten erschiene der Zusammenbruch der Lehman Brothers geradezu wie eine lustige Anekdote aus einem goldenen Zeitalter.

Im Vergleich zu einem Bombardement von Seoul mag dies nichtig sein, denn es werden bei einem Börsenzusammenbruch ja keine Menschen direkt getötet. Wenn man aber die Auswirkungen auf Länder der Dritten Welt betrachtet … Wie werden die Nahrungsmittelspekulanten reagieren? Wo brechen ganze Volkswirtschaften zusammen? Wie viele verarmte und hoch verschuldete Bauern im Punjab werden sich das Leben nehmen, weil die Kreditzinsen erneut steigen? Sicher, es werden nicht so viele Menschen an der Wirtschaftskrise sterben wie in der Hölle von Seoul, aber es wird ganze Länder ins Elend stürzen, die den Auswirkungen der internationalen Märkte hilflos ausgesetzt sind. Statistisch wird man diese Opfer nie erfassen können, aber es ist sicher, dass ein neuer Koreakrieg auch in Afrika und Südamerika seine Opfer fordern wird.

Aber es würden nicht nur die Börsen zusammenbrechen, sondern auch das Vertrauen in die internationale Ordnung, die eigene Regierung, die Verbündeten etc. Am wenigsten in Südkorea, denn dort wird man mit dem eigenen Überleben beschäftigt sein. Solange der Krieg tobt, wird diese Nation zusammenstehen, die Probleme kommen später. Aber was ist mit Japan und China? In beiden Ländern, die zunächst nicht direkt in den Krieg verwickelt sind, werden Fragen über Fragen aufgeworfen werden. In Japan: Können wir uns wirklich auf die Amerikaner verlassen? Ist unser Nachkriegspazifismus richtig? Sollten wir nicht lieber doch eine eigene Atombombe entwickeln? In China wird es noch komplexer: Auf welcher Seite sind wir? Sind wir nicht Verbündete? Finden wir Südkorea nicht eines der tollsten Länder und kennen wir nicht alle Popstars, Computerspiele und Seifenopern? Und letztendlich: Haben wir vielleicht 1950 die falsche Seite unterstützt? Die letzte Frage tangiert direkt den Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei. Das witzige – oder besser tragikomische – an der chinesischen Position ist, dass die Volksrepublik als Staat eigentlich keine wirklichen „Freunde“ hat. Das einzige Land auf der Welt, mit dem sich über die letzten Jahrzehnte eine bilaterale freundschaftliche Beziehung entwickelt hat, die über das übliche ökonomische und politische Kalkül hinausgeht, ist – Südkorea. Mit keinem anderen Land ist der kulturelle Austausch Chinas so tief und intensiv wie mit Südkorea. Aber auch diese Fragen werden erst langsam nach dem ersten Schock gestellt werden.

Wie würde es weitergehen nach Blitzkrieg und wahrscheinlichem Börsenzusammenbruch der ersten Stunden?

Der ursprüngliche Grund, warum Nordkorea ein unverantwortlich großes Maß seiner geringen Ressourcen in die Entwicklung der Atombombe steckt, war der, in einem erneuten Krieg eine ausländische Intervention von Seiten des Südens zu verhindern. Mit der Bombe soll Japan erpresst werden, die Militärbasen der Vereinten Nationen zu schließen, und Amerika zum Rückzug bewegt werden. Ob dieser Plan überhaupt realistisch ist, sei dahingestellt, in Nordkorea spekuliert man jedenfalls darauf, dass Japan und die USA nicht bereit wären für die Verteidigung des Südens das Risiko eines Atomkrieges einzugehen. Der Norden hätte überhaupt nur eine Chance, nennenswerte militärische Erfolge zu erlangen, wenn eine ausländische Intervention ausbliebe. Ein Ultimatum an UNO, USA und eben auch Japan, den neuen Krieg als rein innerkoreanische Angelegenheit zu betrachten, wäre die logische Konsequenz. Doch dieses Ultimatum müsste entsprechend untermauert werden. Und genau dies ist der Grund, warum ein erneuter Koreakrieg so leicht in einen atomaren Krieg ausarten könnte. Nur wenn der Norden seinen unerbittlichen Willen zeigt, den totalen Krieg zu entfachen, hätte er überhaupt eine Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Die Atombomben des Kalten Krieges wurden gebaut, um nicht eingesetzt zu werden. Sie dienten der Abschreckung, der Kriegsverhinderung. Die nordkoreanischen Bomben werden gebaut, um eingesetzt zu werden. Sie dienen der Kriegsermöglichung.

All das soeben geschilderte würde natürlich nur im schlimmsten Fall eintreffen. Natürlich hoffen wir, dass es nie zu der geschilderten Katastrophe kommen wird. Oder wenn tatsächlich ein Krieg ausbricht, dieser doch nicht so katastrophal wird wie geschildert. Doch wie stehen die Chancen auf eine friedliche Entwicklung wirklich?

Das Hauptproblem bei dem Versuch, die Koreakrise zu analysieren, besteht darin, dass der Hauptakteur, Nordkorea, nach einer völlig eigenen Logik und Ratio handelt. Um die Handlungen des nordkoreanischen Regimes zu verstehen, muss man sich in diese interne Logik hineinversetzen und versuchen, die Welt aus der Sichtweise des Herrschers bzw. der Herrscherfamilie zu betrachten. Auf diese Weise kann erkannt werden, dass bestimmte Optionen, die aus europäischer Sicht naheliegend wären, für das Regime in Pjöngjang überhaupt nicht zur Debatte stehen.

Für den europäischen Betrachter stellen aber auch die anderen fünf involvierten Staaten eine Herausforderung dar. Die amerikanische Weltsicht unterscheidet sich zwar sehr stark von der europäischen, sie ist aber zumindest gut bekannt und nachvollziehbar. China, Japan und Südkorea gehören jedoch einem völlig anderen Kulturkreis an. Das außenpolitische Verständnis, die politische und diplomatische Etikette und die Geschichte der zwischenstaatlichen Beziehungen dieser Länder sind den meisten Europäern unbekannt. Auch hier macht es Sinn, die Koreakrise aus den Blickwinkeln der verschiedenen Länder zu betrachten, um die unterschiedlichen Interessenlagen herauszuarbeiten.

Der erste einleitende Teil dieses Buches gibt einen kurzgehaltenen Überblick über die Geschichte Koreas, den koreanischen Kommunismus, den Koreakrieg und die Teilung des Landes. Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit den beteiligten sechs Ländern und stellt deren Blickwinkel in den Mittelpunkt. Im abschließenden Teil werden die Widersprüche und Gemeinsamkeiten und die Wahrscheinlichkeit von möglichen Entwicklungen diskutiert. Zu guter Letzt wird auf die Auswirkungen dieser verschiedenen Möglichkeiten eingegangen.

KAPITEL 1

Das unbekannte Land

Als das Unternehmen Daewoo in den neunziger Jahren beschlossen hatte, seine Autos auf dem europäischen Markt einzuführen, wurde in Deutschland eine originelle Plakatwerbung geschaltet: Ein Paar Lippen vor weißem Hintergrund formten das Wort Daewoo und als einziger Text begleitete die phonetische Lautschrift dieses Bild. Diese Werbung veranschaulicht geradezu den Bekanntheitsgrad Koreas in Europa – so gut wie nichts war damals, und ist weitgehend auch heute noch, über dieses Land bekannt. Neben dem Koreakrieg fiel den meisten Deutschen zum Thema Korea, wenn es hoch kam, gerade noch ein, dass die Hauptstadt Seoul hieß und 1988 Gastgeberin der Olympischen Sommerspiele gewesen ist. Heute sind noch ein paar weitere Firmennamen bekannt und der ein oder andere hat schon einmal koreanische Tütensuppen gegessen. Aber generell stellt Korea für die Mehrheit ein weitgehend unbekanntes Land dar.

Brave und zurückhaltende Menschen fallen wenig auf, herumpolternde Rabauken dagegen schon. Ähnlich verhält es sich mit Staaten und Völkern. Friedliche Nationen werden weniger wahrgenommen als kriegslüsterne Eroberer. In der ganzen koreanischen Geschichte gibt es keinen einzigen Fall, in welchem ein koreanischer Staat versucht hätte, Ländereien außerhalb der Halbinsel zu unterwerfen. Wenn Kriege geführt wurden, so waren es Verteidigungskriege gegen zentralasiatische Reiterheere oder japanische Invasionsflotten. Interne Machtkämpfe kamen natürlich auch vor und zu verschiedenen Anlässen mussten koreanische Seeleute in fremden Kriegsmarinen dienen. Geschichtsschreiber waren zu allen Zeiten in erster Linie von Eroberungszügen, siegreichen Schlachten und glorreichen Triumphen fasziniert. Die Nichtexistenz koreanischer Eroberungszüge ist sicher ein Grund, warum das Land bis heute kaum bekannt ist. Ein zweiter wichtiger Grund ist die selbst gewählte Isolation, in die sich das Land seit dem siebzehnten Jahrhundert begeben hatte.

Dieser geringe Bekanntheitsgrad ist nicht ganz gerechtfertigt, handelt es sich bei Korea doch um eine sehr alte Kulturnation, welche der Welt im Laufe ihrer Geschichte eine Reihe von bedeutenden Erfindungen geschenkt hat. So stammt der Druck mit Metalllettern weder aus China noch aus Deutschland, sondern aus Korea. Auch die moderne Meteorologie wurde im fünfzehnten Jahrhundert in Form standardisierter landesweiter Niederschlagsmessung eingeführt und das gepanzerte, mit Kanonen versehene Schlachtschiff ist nicht, wie allgemein angenommen, eine Erfindung aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Im sechzehnten Jahrhundert versenkte Admiral Yi mit einer Flotte Panzerschiffe die japanische Invasionsflotte. Auch in den Geisteswissenschaften waren Koreaner nicht untätig. Die beiden Werke „Fünf Staatsriten“ und „Buch über effizientes Regieren“ gehören zu den bedeutendsten konfuzianischen Werken und damit in den Kanon der globalen Staatstheorie.

Die Ursprünge der koreanischen Zivilisation liegen in der benachbarten chinesischen Provinz Liaoning. Bereits in der Jungsteinzeit soll hier der mythische Dangung Wanggeon das Königreich Gojoseon gegründet, das nördliche Korea erobert und die Hauptstadt in die Nähe des heutigen Pjöngjangs verlegt haben. Auf der Grenze zwischen Liaoning und Nordkorea liegt auch der heilige Berg Paektusan, dem mythischen Ursprungsort des koreanischen Volkes.

Koreaner, wie auch Japaner, sind ursprünglich uralaltaischer Herkunft und damit mit Türken, Finnen, Ungarn und Mongolen verwandt. Der Schamanismus ist auch heute noch ein wichtiger Teil des koreanischen Alltagslebens. Allerdings hat der enge Kontakt zur chinesischen Zivilisation Kultur und Sprache von Koreanern und Japanern so stark beeinflusst, dass die uralaltaische Herkunft nur noch schwer zu erkennen ist.

Die historische Geschichtsschreibung setzt in Korea mit dem Kontakt zur chinesischen Kultur ein. Abkömmlinge der chinesischen Shang-Dynastie gründeten im dreizehnten Jahrhundert v. u. Z. das erste belegte Königreich auf koreanischem Boden, welches ebenfalls Gojoseon genannt wurde, nicht jedoch mit dem mythischen Gojoseon identisch ist. Im Jahr 108 v. u. Z. eroberten Truppen der chinesischen Han-Dynastie Gebiete im nördlichen Korea und errichteten vier Präfekturen. Dadurch wurde der politische und kulturelle Kontakt mit China intensiviert. In den nächsten Jahrhunderten kämpften mehrere Königreiche um die Vorherrschaft auf der koreanischen Halbinsel und auch chinesische Dynastien versuchten wiederholt, diese militärisch zu erobern.

In der Mandschurei wurde im Jahr 37 v. u. Z. das Königreich Goguryeo gegründet, dessen Expansionspolitik die Geschichte Koreas entscheidend begründete. Aus der Mandschurei heraus versuchte es, die von China kontrollierten Teile der koreanischen Halbinsel zu erobern, was es in einen jahrhundertelangen Kampf mit verschiedenen chinesischen Dynastien führte. Auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte es die Mandschurei einschließlich des heutigen russischen Fernen Ostens und die koreanische Halbinsel bis südlich von Seoul. Einen Feldzug der Sui-Dynastie, an dem über eine Million chinesische Soldaten teilnahmen, konnte Goguryeo zwar abwehren, jedoch hatten die langen Kriege die Staatsfinanzen zerrüttet.

Die neue chinesische Tang-Dynastie nahm den Kampf gegen Goguryeo wieder auf. Zunächst militärisch nicht erfolgreich, brachte ein Bündnis zwischen den Tang und dem Königreich Silla im Süden der koreanischen Halbinsel die Wende. 668 wurde mit der Einnahme seiner Hauptstadt Pjöngjang das Königreich Goguryeo vernichtet und zwischen der Tang-Dynastie und dem Königreich Silla aufgeteilt.

Im siebten Jahrhundert war das Königreich Silla zur vorherrschenden Macht Koreas geworden. Das Bündnis mit den Tang hatte keinen Bestand, denn in Silla trachtete man danach, auch den Rest der Halbinsel zu erobern. Aus einem sechsjährigen Krieg gegen die Tang ging das Königreich siegreich hervor und beherrschte nun einen Großteil des Landes.

Im Sieg des Königreichs Silla kann man den Beginn der koreanischen Nation sehen. Die politische Einheit führte zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Blüte, welche die Grundlagen der koreanischen Hochkultur legte. Der in dieser Zeit aus China kommende Buddhismus begann das religiöse Leben umzugestalten und zu vereinheitlichen. Des Weiteren wurde auch der Konfuzianismus als Moral- und Staatsphilosophie übernommen.

Im späten neunten Jahrhundert begann die Macht Sillas zu wanken und die Königreiche Hubaekje und Taebong konnten ihren Einfluss ausbreiten. Beide sahen sich dabei als Erben früherer Königreiche. 936 gelang es Taebong schließlich, Korea erneut zu einen. Das neue Reich wurde in Goryeo (Koryŏ) umbenannt, was versinnbildlichen sollte, dass das neue Reich in der Tradition des alten Goguryeos stand. Aus diesem Landesnamen ist später der europäische Begriff „Korea“ hervorgegangen.

Der Goryeo-Dynastie gelang es, fast die gesamte koreanische Halbinsel zu erobern. Die Grenze ähnelte der heutigen Landesgrenze. Das Königreich Silla legte die Grundlagen zur koreanischen Nation, unter Goryeo bildeten sich der koreanische Nationalstaat und das koreanische Volk als geschlossene Ethnie heraus.

Ende des zehnten Jahrhunderts nahm der militärische Druck aus Zentralasien stetig zu. Kara-Kitai und Jurchen drangen wiederholt nach Korea ein, konnten jedoch zurückgeschlagen werden. Dem Mongolensturm war aber auch das Königreich Goryeo nicht gewachsen. 28 Jahre, von 1231 bis 1259, verteidigten sich die Koreaner gegen die Mongolen, bis sie letztendlich kapitulieren mussten. Teile des Landes fielen an die mongolische Yuan-Dynastie in Peking, der Rest des Landes wurde zum Vasallenstaat degradiert. Mit dem Sturz der Mongolenherrschaft über China 1368 konnte sich auch Korea seine Unabhängigkeit und die verlorenen Territorien zurückerobern. Die Dynastie selber überlebte jedoch die Unabhängigkeit nicht lange, 1388 wurde sie durch einen Militärputsch des Generals Yi Seong-gye gestürzt und 1393 offiziell beendet, indem Land und Dynastie in Joseon umbenannt wurden.

In der Goryeo-Zeit bildete sich nicht nur der koreanische Nationalstaat klar heraus, das Land rückte auch unter die führenden Kulturnationen der Welt auf. In den Bereichen Buchdruck, Schiffbau und Waffentechnik gehörte Korea zur technologischen Avantgarde.

Auch die neue Joseon-Dynastie benannte sich nach einem historischen Vorgänger. Diesmal wurde auf das bronzezeitliche Gojoseon zurückgegriffen, welches von 2333 bis 108 v. u. Z. existierte. Zunächst ging die zivilisatorische Entwicklung Koreas weiter. Eine Reihe von Verwaltungsreformen stärkten die Wirtschaft und das allgemeine Lebensniveau. Die neokonfuzianische Schule entwickelte in Korea eine eigene landesspezifische Ausrichtung. Kämpfe um die Thronfolge und konservative Gegenströmungen bildeten Kontrapunkte zu dieser positiven Entwicklung.

Seit jeher stellten japanische Piraten eine Bedrohung der koreanischen Küste dar und im fünfzehnten Jahrhundert stieg diese Bedrohung weiter an. Gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts kamen in Japan jedoch auch die ersten Eroberungspläne, Korea betreffend, auf. 1592 überraschte eine japanische Invasionsarmee Korea und überrannte das Land. Nur durch die Entsendung chinesischer Armeen konnten die Invasoren in langen und verlustreichen Kämpfen zurückgedrängt werden. Ein zweiter Invasionsversuch von 1597 scheiterte nicht zuletzt an den besser vorbereiteten Koreanern. Ihre Flotte aus gepanzerten Schlachtschiffen versenkte einen Teil der Invasionsflotte und behinderte den Nachschub der japanischen Truppen.

Aufgrund dieser Invasionsversuche näherte sich Korea weiter dem chinesischen Reich an. China stieg zur Schutzmacht des Landes auf, bis es 1895 von Japan besiegt wurde. Zunächst jedoch zog eine andere Gefahr am Himmel auf. Die Ming-Dynastie schwächelte und wurde von inneren Krisen heimgesucht. Die Korruption blühte und Rebellionen griffen um sich. Ende des sechzehnten Jahrhunderts war der Niedergang der Ming nicht mehr aufzuhalten. Gleichzeitig hatte der Jurchenfürst Nurhaci die Nomadenstämme Nordostasiens unter dem neuen Namen Mandschuren vereint. Die erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts war von mandschurischen Angriffen auf Korea und Nordchina geprägt. 1644 marschierten die Mandschuren in Peking ein. Der letzte Ming-Kaiser beging Selbstmord und der Drachenthron ging erneut in die Hände eines nomadischen Eroberers über.

Der Widerstand gegen die neue mandschurische Qing-Dynastie setzte sich noch drei Jahrzehnte fort und endete erst 1683 mit der Eroberung Formosas, dem heutigen Taiwan. Dorthin hatten sich die letzten Ming-Loyalisten zurückgezogen. Der kulturelle Widerstand gegen die mandschurische Fremdherrschaft blieb jedoch bis zum Ende der Kaiserzeit bestehen und einige der heute aktiven großen chinesischen Triaden haben ihre Ursprünge im verdeckten Kampf gegen die Qing-Dynastie. Auch Korea musste sich als Vasall den Qing unterordnen, lehnte diese jedoch auf dem chinesischen Thron ab.

Bereits die chinesischen Ming hatten in Ostasien das Zeitalter der Isolation und Stagnation eingeläutet. 1421 hatte China seine bis dahin expansionistische Außenpolitik aufgegeben. Entdeckungsreisen wurden eingestellt und der Außenhandel zurückgefahren. Innenpolitisch setzte sich ein konservatives Denken durch, das Innovationen wenig Raum bot. China hörte auf, Motor der zivilisatorischen Entwicklung zu sein und stagnierte auf hohem Niveau. Japan und Korea waren von dieser Entwicklung zunächst nicht betroffen, doch schlugen auch diese Länder ab dem siebzehnten Jahrhundert den Weg der Isolation ein. In Japan hatte dies politische Gründe. Die nach heftigen Kriegen an die Macht gelangte Familie Tokugawa sah in der Isolation eine Möglichkeit, ihre Macht zu festigen und zu bewahren. Die Kriege der Reichseinigung hatten mit Musketen bewaffnete Massenheere hervorgebracht, welche in dieser Größe in Europa erst in den napoleonischen Kriegen erscheinen sollten. In Japan erkannten die neuen Machthaber die soziale Gefahr, die von dem Masseneinsatz von Feuerwaffen ausging. Schusswaffen wurden daher verboten und der Samurai hatte sein Comeback als monopolistischer Krieger.

Die Qing in Peking setzten die isolationistische und konservative Politik ihrer Vorgänger weitgehend fort. Kontakte mit Ausländern blieben streng limitiert. Korea passte sich diesem allgemein isolationistischen Umfeld immer mehr an und war am Ende des Jahrhunderts ein weitgehend abgeschottetes Land, das nur zur Qing-Dynastie und Japan einige wenige Kontakte unterhielt.

Im achtzehnten Jahrhundert war ganz Ostasien in eine alles lähmende Stagnation verfallen. Dabei muss der Begriff Stagnation auf hohem Niveau genauer erklärt werden. Oberflächlich betrachtet kann man diese Stagnation zunächst nicht feststellen. In vielen Bereichen sind die ostasiatischen Zivilisationen den europäischen noch bis ins neunzehnte Jahrhundert überlegen. Dies bezieht sich auf die unterschiedlichsten Bereiche wie Kunsthandwerk, vorindustrielle Produktion, Verwaltung, Poesie, Geschichtsschreibung und Medizin. Der Unterschied zu früheren Epochen und zum damaligen Europa ist der, dass keine neuen, revolutionären Ideen mehr entwickelt wurden. Vorhandene Techniken wurden verfeinert. Der Kunsthandwerker ersetzte zu nehmend den Künstler. In der Philosophie und den Naturwissenschaften, den Trägern des Fortschritts, wurden kaum noch Neuerungen erdacht. Als die Jesuiten in der späten Ming-Zeit an den Hof zu Peking kamen, beeindruckten sie in erster Linie durch ihre astronomischen Kenntnisse, einem Fach, in welchem China zwei Jahrtausende lang führend gewesen war.

Portugiesen und Holländer waren in Ostasien schon seit längerem bekannt. Ihre Schiffe und Kanonen waren zwar den ostasiatischen überlegen, aber die geringe Anzahl und die langen Versorgungswege verhinderten, dass diese beiden Nationen eine militärische Bedrohung darstellten. Erst im neunzehnten Jahrhundert änderte sich diese Situation. Die napoleonischen Kriege hatten eine technische Revolution im Rüstungswesen ausgelöst, waren aber auch ein „Weltkrieg“. England baute in dieser Zeit seine Macht in Übersee aus. Der französische Einfluss in Indien wurde minimiert und von dieser Basis aus setzte Albion zur Erkundung Ostasiens an. Bereits in diesem Krieg suchten englische Schiffe japanische Gewässer nach niederländischen Handelsfahrern ab.

Japan und Korea blieben vorläufig noch weitgehend verschont von der abendländischen Expansion. Russlands militärische Stärke im Fernen Osten war noch relativ unbedeutend, die USA hatten erst seit 1848, nach der Abtretung Kaliforniens durch Mexiko, Zugang zum Pazifischen Ozean. Richtig in Schwung kam die englische Expansion jedoch erst mit dem Ersten Opiumkrieg von 1839 bis1842, der unter anderem auch Hongkong als britische Kolonie etablierte.

In Nordostasien war das einschneidende Ereignis das Bombardement der Hafenbefestigungen von Edo durch den amerikanischen Kommodore Matthew C. Perry im Sommer 1853. Die direkte Folge war die erzwungene Öffnung Japans für den amerikanischen Handel. Dieses Ereignis löste jedoch die Meiji-Restauration aus, welche das Tokugawa-Shogunat stürzte und die Modernisierung des Landes einleitete. Japan war das einzige Land der Welt, welches auf den westlichen Imperialismus mit einer eigenen gesellschaftlichen Revolution antwortete, welche es kompatibel mit der Moderne machte. Innerhalb eines halben Jahrhunderts hatte Japan seinen Rückstand gegenüber dem Westen aufgeholt und wurde selber zu einer der führenden imperialistischen Mächte.

Korea beschritt jedoch nicht den Weg der Reformen. 1866 kam es nach einem Massaker an französischen Missionaren und koreanischen Konvertiten zu einer französischen Strafexpedition gegen Korea. 1871 intervenierten die USA als Antwort auf die Zerstörung des bewaffneten Handelsschiffes General Sherman. Beide Militärinterventionen offenbarten die absolute Unterlegenheit der koreanischen Armee und Marine gegenüber westlichen Streitkräften. Mit dem Vertrag von Ganghwa von 1876 wurde Korea schließlich gezwungen, seine Isolation aufzugeben. Diese Öffnung bewirkte zwar auch ein Eindringen modernen westlichen Gedankenguts, konnte jedoch keine Reformbewegung wie in Japan hervorrufen.

Die ökonomische Situation des Landes und die soziale Lage der Bauern verschlechterten sich im neunzehnten Jahrhundert zudem zunehmend. Missernten führten zu Hungersnöten und diese wiederum zu Bauernrebellionen. Seit den sechziger Jahren entstand die Donghak-Bewegung. Die Donghak-Lehre vereinte klassische konfuzianische und buddhistische Elemente mit universellen humanistischen und sozialistischen Vorstellungen. Als nationalpatriotische Bewegung wollte sie durch Reformen sowohl Ungerechtigkeit beseitigen als auch die koreanische Nation stärken, um sich gegen den wachsenden ausländischen Einfluss wehren zu können.