Aus dem Französischen
von Raimund Rütten
Mit einem Nachwort
von Karl-Heinz Ott
C.H.BECK textura
Denis Diderot (1713–1784), einer der wichtigsten Aufklärer und Herausgeber der berühmten Enzyklopädie, kämpfte Zeit seines Lebens für die Selbstbestimmung des Menschen und gegen jeglichen Aberglauben. Zugleich erprobte er als Literat eine ganz eigene Mischform aus Erzählung, Dialog wie auch Essay, «deren Kühnheit», wie Karl-Heinz Ott schreibt, «so manches, was dann später das 19. Jahrhundert hervorbringt, bei weitem übertrifft und bereits in die Postmoderne vorausweist.» Mit spitzer Feder zieht Diderot philosophische Diskurse sowie die Schwächen der französischen Gesellschaft durch den Kakao, ein erzählerischer Tausendsassa und literarischer Wegbereiter, der hier, in vier seiner besten Erzählungen, wiederzuentdecken ist.
Denis Diderot, am 5. Oktober 1713 in Langres geboren und am 31. Juli 1784 in Paris gestorben, war einer der großen Enzyklopädisten und französischen Aufklärer. Und als solcher ist er einer der bedeutendsten Vertreter der europäischen Universalbildung. Seine Ideen haben in vielerlei Hinsicht das Geistesleben seiner Nachwelt geprägt. Er hat neben den 6000 Artikeln der Enzyklopädie und philosophischen Schriften ein umfangreiches erzählerisches Werk von großer Eigenständigkeit verfasst.
Karl-Heinz Ott, 1957 in Ehingen an der Donau geboren, lebt in Freiburg. 1998 debütierte er mit dem Roman Ins Offene. Es folgten drei weitere Romane, zuletzt Winzenried (2011) über Jean-Jacques Rousseau. Außerdem veröffentlichte er Heimatkunde Baden (2007) und Tumult und Grazie – Über Georg Friedrich Händel (2008). Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Alemannischen Literaturpreis, dem Candide-Preis und dem Preis der LiteraTour Nord.
Erzählungen
Die beiden Freunde von Bourbonne
Unterredung eines Vaters mit seinen Kindern oder Von der Gefahr, sich über die Gesetze zu stellen
Dies ist keine Erzählung
Madame de la Carlière
Anmerkungen
Nachwort von Karl-Heinz Ott
Die Welt als Gerede, Gezänk und Geplauder
Es lebten hier zwei Menschen; man könnte sie die Orestes und Pylades von Bourbonne nennen. Der eine hieß Olivier, der andere Felix. Sie wurden am selben Tag, in demselben Haus und von zwei Schwestern geboren; dieselbe Milch hatte sie genährt; denn da die eine der Mütter im Wochenbett starb, nahm die andere beide Kinder zu sich. Gemeinsam wurden sie erzogen; von anderen blieben sie getrennt; sie liebten sich, wie man da ist, wie man lebt – ohne darüber nachzudenken; jeden Augenblick fühlten sie es und hatten es einander vielleicht nie gesagt. Olivier rettete einmal Felix, der ein großer Schwimmer sein wollte und fast ertrunken wäre, das Leben; keiner von beiden erinnerte sich daran. Hundertmal hatte Felix seinen Olivier aus mißlichen Abenteuern befreit, in die ihn sein Ungestüm verstrickt hatte, und niemals war es diesem eingefallen, ihm dafür zu danken; sie kehrten gemeinsam nach Hause zurück, redeten entweder gar nichts oder von etwas anderem.
Als die neuen Soldaten ausgehoben wurden, fiel das erste schicksalhafte Los auf Felix; Olivier sagte: das zweite ist für mich. Sie leisteten ihre Dienstzeit ab, sie kamen in ihr Dorf zurück; ob sie einander noch lieber geworden waren als zuvor, könnte ich dir nicht versichern: denn, Brüderchen, wenn gegenseitige Wohltaten eine überlegte Freundschaft festigen, so ändern sie vielleicht nichts an solchen, die ich animalische, häusliche Freundschaften nennen möchte. Bei der Armee wurde Olivier im Gefecht von einem Säbelhieb bedroht, der ihm den Kopf spalten sollte: mechanisch warf sich Felix dem Hieb entgegen und behielt eine Narbe zurück. Man behauptet, er sei auf diese Wunde stolz gewesen: ich glaube es nicht. Bei Hastenbeck zog Olivier den Felix aus dem Haufen Toter, unter dem er geblieben war. Wenn man sie fragte, sprachen sie zuweilen von der Hilfe, die jeder vom anderen empfangen, niemals von der, die er dem anderen geleistet hatte. Olivier redete von Felix, Felix redete von Olivier; aber sie rühmten sich nicht.
Als sie eine Zeitlang wieder auf ihrem Dorfe waren, wollte es der Zufall, daß sie sich in dasselbe Mädchen verliebten. Nicht die geringste Rivalität entstand zwischen ihnen; der zuerst die Leidenschaft seines Freundes bemerkte, entfernte sich. Es war Felix. Olivier heiratete; und Felix, des Lebens überdrüssig, ohne zu wissen warum, stürzte sich auf allerlei gefährliche Gewerbe: zuletzt wurde er Schmuggler. Es ist dir bekannt, Brüderchen, daß es in Frankreich vier Gerichtskammern gibt, wo die Schmuggler gerichtet werden: Caen, Reims, Valence und Toulouse; und daß unter den vieren die in Reims die strengste ist, an der ein gewisser Coleau den Vorsitz führt, der grausamste Mann, den die Natur je hervorgebracht hat. Felix wurde, mit den Waffen in der Hand, ergriffen, vor den schrecklichen Coleau geführt und, wie fünfhundert andere vor ihm, zum Tode verurteilt. Olivier hörte von dem Verhängnis, das Felix getroffen hatte. Eines Nachts erhebt er sich von der Seite seiner Frau, und, ohne ihr etwas zu sagen, begibt er sich nach Reims. Er geht zum Richter Coleau, er wirft sich ihm zu Füßen und bittet um die Gnade, Felix sehen und umarmen zu dürfen. Coleau sieht ihn an, schweigt einen Augenblick, winkt ihm, sich zu setzen. Olivier setzt sich. Nach einer halben Stunde zieht Coleau seine Uhr hervor und sagt zu Olivier: Wenn du deinen Freund lebend sehen und umarmen willst, so mußt du dich beeilen; er ist auf dem Weg; und geht meine Uhr richtig, so wird er, ehe zehn Minuten vorbei sind, gehängt sein. Außer sich vor Wut springt Olivier auf, entlädt auf dem Nacken des Richters Coleau einen ungeheuren Stockschlag, der diesen fast tot zu Boden streckt; läuft zum Richtplatz, kommt, schreit, schlägt auf den Henker, auf die Gerichtsdiener ein, bringt den Pöbel auf, der über solche Hinrichtungen erbittert war. Steine fliegen; Felix wird befreit und flieht; Olivier sucht sich zu retten; aber ein Gendarm hatte ihm sein Bajonett zwischen die Rippen gestoßen, ohne daß er es bemerkt hatte. Er gewann das Stadttor, konnte aber nicht weitergehen: barmherzige Fuhrleute warfen ihn auf ihren Karren und setzten ihn vor seiner Haustüre ab, kurz bevor er sein Leben aushauchte. Kaum hatte er noch Zeit, seiner Frau zu sagen: Weib, komm her, daß ich dich umarme; ich sterbe, aber das Narbengesicht ist gerettet.
Als wir uns eines Abends, wie gewohnt, auf der Promenade ergingen, sahen wir vor einer Strohhütte eine hochgewachsene Frau stehen; vier kleine Kinder waren zu ihren Füßen; ihre traurige, aber aufrechte Haltung machte uns aufmerksam, und unsere Aufmerksamkeit weckte die ihre. Erst schwieg sie eine Weile, dann sagte sie: Seht die vier kleinen Kinder; ich bin ihre Mutter und habe keinen Mann mehr. Diese stolze Art, Mitleid hervorzurufen, mußte uns rühren. Wir boten ihr unsere Hilfe an, die sie mit Anstand entgegennahm. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir die Geschichte ihres Mannes Olivier und seines Freundes Felix. Wir haben ein Wort für sie eingelegt, und ich hoffe, unsere Fürsprache wird nicht nutzlos gewesen sein. Du siehst, Brüderchen, daß Seelengröße und erhabener Charakter in allen Ständen und allen Ländern vorkommen; daß mancher unbekannt stirbt, dem nur ein anderer Schauplatz fehlte, und daß man nicht bis zu den Irokesen zu gehen braucht, um zwei Freunde zu finden.
Zur Zeit, als der Räuber Testalunga Sizilien mit seiner Bande unsicher machte, wurde sein Freund und Vertrauter Romano ergriffen. Er war Testalungas Stellvertreter. Der Vater jenes Romano wurde verhaftet und wegen Verbrechen ins Gefängnis geworfen. Man versprach Romano, seinen Vater zu begnadigen und in Freiheit zu setzen, wenn er seinen Hauptmann Testalunga verriete und auslieferte.
Gewaltig stritten in ihm Kindesliebe und geschworene Freundschaft. Aber Vater Romano überzeugte seinen Sohn, der Freundschaft den Vorrang zu geben, voller Scham, sein Leben einem Verrat verdanken zu sollen. Romano fügte sich dem Urteil seines Vaters. Vater Romano wurde hingerichtet; und nicht die grausamsten Folterungen vermochten dem Sohn Romano auch nur ein verräterisches Wort über seine Spießgesellen zu entreißen.
Du wolltest gerne wissen, Brüderchen, was aus Felix geworden ist; diese Neugierde ist so natürlich und ihr Beweggrund so lobenswert, daß wir uns Vorwürfe machten, sie nicht selbst gehabt zu haben. Um diesen Fehler wiedergutzumachen, dachten wir zuerst an Herrn Papin, Doktor der Theologie und Pfarrer von Sainte-Marie in Bourbonne; doch Mama hat sich anders besonnen, und wir haben den Subdelegaten Aubert vorgezogen, einen guten, entgegenkommenden Mann. Dieser hat uns folgenden Bericht zugeschickt, auf dessen Wahrheit du dich verlassen kannst.
Besagter Felix lebt noch. Den Händen der Justiz in Reims entwischt, schlug er sich in die Wälder der Provinz, wo er während seines Schleichhandels alle Wege und Stege kennengelernt hatte, und versuchte, sich Schritt für Schritt der Wohnung Oliviers, dessen Schicksal ihm unbekannt war, zu nähern.
Im Innersten eines Waldes, wo Sie, Madame, zuweilen spazierengingen, hauste ein Kohlenbrenner, dessen Hütte dergleichen Leuten als Zuflucht diente; auch war sie Lager für ihre Waren und Waffen. Dorthin begab sich Felix, nicht ohne sich der Gefahr auszusetzen, in die Fallen der Gendarmerie zu laufen, die ihm auf der Spur war. Einige seiner Verbündeten hatten die Nachricht seiner Verhaftung in Reims dorthin gebracht; und der Kohlenbrenner und die Kohlenbrennerin hielten ihn bereits für hingerichtet, als er vor ihnen erschien.
Ich will Ihnen die Begebenheit erzählen, wie ich sie von der Kohlenbrennerin gehört habe, die vor nicht allzu langer Zeit hier gestorben ist. Zuerst sahen ihn die Kinder, die um die Hütte strolchten. Während er verweilte, das jüngste, dessen Pate er war, zu liebkosen, rannten die anderen in die Hütte und schrien: Felix, Felix! Vater und Mutter kamen heraus und wiederholten das gleiche Freudengeschrei; aber der Elende war vor Müdigkeit und Entbehrung so ermattet, daß er nicht die Kraft hatte zu antworten und fast ohnmächtig in ihre Arme sank.
Die guten Leute sprangen ihm bei mit dem, was sie hatten; gaben ihm Brot und Wein, etwas Gemüse: er aß und schlief ein.
Sein erstes Wort, als er erwachte, galt Olivier. Kinder, wißt Ihr nichts von Olivier? Nein, nichts, war die Antwort. Er erzählte ihnen von dem Abenteuer in Reims; er brachte die Nacht und den folgenden Tag bei ihnen zu. Er seufzte; er rief den Namen Oliviers; er glaubte ihn in den Kerkern von Reims; er wollte dorthin; er wollte mit ihm zusammen sterben; und den Kohlenbrenner und die Kohlenbrennerin kostete es nicht wenig Mühe, ihn davon abzubringen.
Um die Mitte der zweiten Nacht nahm er eine Flinte, hing sich einen Säbel um und rief leise: Kohlenbrenner! – Felix! – Nimm die Axt, wir wollen gehen. – Wohin? – Schöne Frage! Zu Olivier. – Sie gehen. Aber kaum haben sie den Wald verlassen, sind sie schon von einer Abteilung Gendarmen umringt.
Ich halte mich an das, was mir die Kohlenbrennerin darüber zu erzählen wußte; dennoch wurde nie vernommen, daß zwei Männer zu Fuß sich gegen zwanzig Berittene haben halten können: allem Anschein nach hatten sich diese verteilt und wollten ihre Beute lebend fassen. Wie dem sei, das Gefecht war hitzig; fünf Pferde wurden lahm geschossen und sieben Reiter zerhackt oder zersäbelt. Der arme Kohlenbrenner blieb mit einem Schuß in der Schläfe tot auf dem Platz. Felix erreichte wieder den Wald; er lief, unglaublich behende, wie er war, von einem Ort zum andern; lud beim Laufen seine Flinte, schoß, pfiff. Diese Pfiffe, diese Flintenschüsse, zu verschiedener Zeit, an verschiedenen Orten ausgestoßen oder abgefeuert, ließen die Gendarmen fürchten, es müsse eine ganze Bande Schmuggler sein, und sie zogen sich eilends zurück.
Als Felix sah, daß sie sich entfernt hatten, kehrte er auf den Kampfplatz zurück; er lud den Leichnam des Kohlenbrenners auf seine Schultern und nahm den Rückweg zur Hütte, wo die Kohlenbrennerin und ihre Kinder noch schliefen. Vor der Tür bleibt er stehen; er legt den Leichnam vor seine Füße, kauert sich nieder, den Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht zum Eingang der Hütte gewendet. Dies war der Anblick, der auf die Kohlenbrennerin wartete, sobald sie ihre Hütte verließ.
Sie erwacht; sie findet den Mann nicht an ihrer Seite. Ihre Augen suchen Felix; kein Felix ist da. Sie steht auf; sie geht hinaus; sie sieht; sie schreit, stürzt rückwärts zu Boden. Ihre Kinder kommen gelaufen, sie sehen; sie schreien; sie wälzen sich auf ihrem Vater, wälzen sich auf ihrer Mutter. Die Kohlenbrennerin, durch den Lärm und durch das Geschrei ihrer Kinder wieder zu sich gebracht, rauft sich die Haare, zerkratzt sich die Wangen; Felix, unbeweglich am Fuß seines Baumes, die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelehnt, sagt mit erloschener Stimme: Tötet mich! Einen Augenblick wird es still; dann neu erwachender Schmerz, wieder Schreie, und wieder sagt Felix: Tötet mich! Erbarmen, Kinder, tötet mich!
So verbrachten sie drei Tage und drei Nächte mit Klagen; am vierten sagte Felix zur Kohlenbrennerin: Weib, nimm deinen Quersack, tu Brot hinein und folge mir. Nach einem langen Umweg über unsere Berge, durch unsere Wälder, langten sie bei Oliviers Haus an, das, wie Sie wissen, am Ende des Fleckens liegt, dort wo sich die Straße in zwei Wege teilt, wovon der eine nach Burgund, der andere nach Lothringen führt.
Hier sollte Felix Oliviers Tod vernehmen und sich zwischen den Witwen zweier Männer befinden, die um seinetwillen gemordet worden waren. Er ging hinein, und unvermittelt fragte er Oliviers Frau: Wo ist Olivier? An ihrem Schweigen, an ihrer Kleidung, an ihren Tränen merkte er, daß Olivier nicht mehr lebt. Da wurde ihm übel; er stürzte und zerschlug sich den Kopf am Backtrog. Die beiden Witwen hoben ihn auf; sein Blut floß auf sie herab; und während sie es mit ihren Schürzen zu stillen suchten, sagte er: Ihr seid ihre Frauen, und Ihr helft mir! Dann verlor er die Besinnung, dann kam er wieder zu sich und sagte seufzend: Hätte er mich doch gelassen! Warum mußte er nach Reims kommen? Warum ließ man ihn fort? … Dann verwirrte sich sein Kopf; ein Wüten packte ihn; er wälzte sich am Boden, zerriß seine Kleider. In einem dieser Anfälle zog er seinen Säbel und wollte sich töten; aber die beiden Frauen warfen sich auf ihn, riefen um Hilfe; die Nachbarn eilten herbei. Man band ihn mit Stricken und ließ ihn sieben- bis achtmal zur Ader; sein Wüten legte sich mit der Erschöpfung seiner Kräfte; drei oder vier Tage blieb er wie tot, dann kam er wieder zu Verstand. Wie aus tiefem Schlaf erwacht, schaute er um sich, dann fragte er: Wo bin ich? Frauen, wer seid Ihr? Die Kohlenbrennerin antwortete ihm: Ich bin die Kohlenbrennerin. Darauf er: Ach ja, die Kohlenbrennerin … Und Ihr? … Die Frau Oliviers schwieg. Da fing er an zu weinen; er drehte sich zur Wand, schluchzend sagte er: Ich bin bei Olivier … Dieses Bett ist Oliviers Bett … und dieses Weib da war sein Weib! Ach!
Die beiden Frauen trugen so viel Sorge für ihn, flößten ihm so viel Mitleid ein, baten ihn so dringend, doch zu leben, stellten ihm so rührend vor, er sei ihre einzige Stütze, daß er sich überzeugen ließ.
Die ganze Zeit, da er in diesem Hause blieb, legte er sich nicht mehr zu Bett. Nachts ging er aus, irrte auf den Feldern umher, wälzte sich auf der Erde, rief Olivier; eine der Frauen folgte ihm und führte ihn bei Anbruch des Tages wieder zurück.
Verschiedene Leute wußten, daß er in Oliviers Haus war; unter ihnen gab es auch Übelgesinnte. Die beiden Witwen machten ihn auf die Gefahr aufmerksam, welcher er sich aussetzte. Es war an einem Nachmittag; Felix saß auf einer Bank, den Säbel auf seinen Knien, die Ellbogen auf einen Tisch gestützt und beide Fäuste vor seine Augen gepreßt. Zuerst gab er keine Antwort. Oliviers Frau hatte einen Jungen von siebzehn bis achtzehn Jahren; die Kohlenbrennerin ein Mädchen von fünfzehn. Plötzlich sagt er zur Kohlenbrennerin: Kohlenbrennerin! Geh, hol’ deine Tochter, führ sie hierher. Er besaß einige Mahd Wiesen und verkaufte sie. Die Kohlenbrennerin kam mit ihrer Tochter zurück: Oliviers Sohn heiratete sie. Felix gab ihnen das Geld von seinen Wiesen, umarmte sie, bat sie mit Tränen in den Augen um Vergebung; und sie ließen sich in der Hütte nieder, wo sie noch sind und den übrigen Kindern Vater und Mutter ersetzen. Die beiden Witwen blieben zusammen; und Oliviers Kinder hatten einen Vater und zwei Mütter. Es sind fast anderthalb Jahre vergangen, seit die Kohlenbrennerin tot ist; Oliviers Frau beweint sie noch täglich.
Eines Abends, da sie nach Felix Ausschau hielten, denn immer behielt ihn eine der beiden im Auge, sahen sie, wie er in Tränen ausbrach; stillschweigend streckte er seine Arme gegen die Tür aus, die ihn von den Frauen trennte, dann begann er, sein Bündel zu schnüren. Sie sagten nichts; denn sie wußten nur zu gut, wie notwendig sein Aufbruch war. Wortlos aßen alle drei zu Abend. In der Nacht stand Felix auf; die Frauen schliefen nicht; auf Zehen ging er zur Tür. Dort blieb er stehen, sah nach dem Bett der beiden Frauen, wischte sich die Augen und ging. Die beiden Frauen schlossen einander fest in die Arme und weinten die ganze übrige Nacht. Man weiß nicht, wohin er flüchtete; aber selten verging eine Woche, ohne daß er ihnen nicht irgendeine Unterstützung schickte.
Der Wald, in dem die Tochter der Kohlenbrennerin mit Oliviers Sohn lebt, gehört einem Herrn Le Clerc von Rançonnières, einem sehr reichen Mann und Herrn eines anderen Dorfes in diesen Kantonen, das Courcelles heißt. Eines Tages, als Herr von Rançonnières oder von Courcelles, ganz wie Sie wollen, in seinem Forst jagte, kam er zur Hütte des jungen Olivier: er ging hinein; er scherzte mit den Kindern, die hübsch sind; er stellte ihnen Fragen; das Gesicht der Frau, das nicht übel ist, gefiel ihm; der entschlossene Ton des Mannes, der viel von seinem Vater hat, nahm ihn ein; er hörte von dem Geschick ihrer Eltern: er versprach, für Felix um Gnade zu bitten; er tat es, und erwirkte sie. Felix trat bei dem Herrn von Rançonnières, der ihm die Stelle eines Wildmeisters gab, in Dienst.
Ungefähr zwei Jahre schon lebte er auf Schloß Rançonnières und schickte einen guten Teil seines Lohnes den Witwen, als ihn die Anhänglichkeit an seinen Herrn und seine stolze Wesensart in einen Handel verwickelten, der, ursprünglich belanglos, die ärgerlichsten Folgen nach sich zog.
Herr von Rançonnières hatte in Courcelles einen Herrn Fourmont, Präsidialrat von Lh… zum Nachbarn. Beide Häuser trennte nur ein Grenzstein. Dieser Grenzstein behinderte das Tor des Herrn von Rançonnières und erschwerte das Einfahren der Kutschen. Herr von Rançonnières ließ ihn einige Fuß zu Herrn Fourmont hin versetzen; dieser schob den Stein wieder um ebensoviel zu Herrn von Rançonnières hin, und so kam es zu Haß, zu Beschimpfungen, zum Prozeß zwischen den beiden Nachbarn. Der Prozeß um den Grenzstein führte zu zwei oder drei anderen, noch erheblicheren. So standen die Dinge, als eines Abends Herr von Rançonnières mit seinem Wildmeister von der Jagd zurückkam und auf der Straße dem Herrn Rat Fourmont und dessen Bruder, dem Offizier, begegnete. Dieser sagte zu seinem Bruder: Mein Bruder, wie wär’s, wenn man dem alten Bock dort die Visage zerfetzte? Dieses Wort hörte der Herr von Rançonnières nicht; aber zum Unglück hörte es Felix, der sich unerschrocken an den jungen Mann wandte und sagte: 16der Traurige