Uwe M. Schneede
Paula
Modersohn-
Becker
Die Malerin, die in
die Moderne aufbrach
C.H.Beck
Paula Modersohn-Becker (1876–1907) war eine der großen, singulären Künstlerpersönlichkeiten der Moderne. Mutig ging sie, allein auf sich gestellt, ihren Weg – lernte Paris und seine Kunst kennen und wurde mit ihren intensiven und ausdrucksstarken Bildern zu einer Wegbereiterin der deutschen Avantgarde. Als sie 1907 im Alter von nur 31 Jahren starb, hatte sie mit ihrem bedeutenden Œuvre die kurze Epoche zwischen dem Alten und dem Neuen, dem 19. und dem 20. Jahrhundert, künstlerisch wesentlich geprägt. Heute steht sie paradigmatisch für die erste Generation von selbständigen, starken Malerinnen der Moderne.
Uwe M. Schneede, einer der besten Kenner von Paula Modersohn-Beckers Werk, legt mit diesem Buch eine umfassende Monographie über die bedeutende Malerin und Wegbereiterin der Moderne vor.
Uwe M. Schneede war von 1991 bis 2006 Direktor der Hamburger Kunsthalle, zuvor Professor für die Kunstgeschichte der Moderne an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Bei C.H.Beck sind zuletzt von ihm erschienen: Otto Dix (2019), Vincent van Gogh (³2019), Die Kunst der klassischen Moderne (³2020).
Vorwort
Im Schutz der Künstlerprovinz – 1896–1899
«Eine Leidenschaft, die alles andere ausschließt»
Ausstellungsgenüsse
Worpswede, «Wunderland»
Erste Werke
Auf Distanz zum Umfeld
Paris 1900
Die symbolische Reise
ins neue Jahrhundert
Erkundungen
Die ganze Welt der Kunst
Die Deutschen: «etwas spießbürgerlich»
Zwischen zwei Künstlergenerationen
Die Fremdheit des Vertrauten – 1901–1905
«Ich erkenne keine Norm an»
Spärlichkeit als Motiv
Kinder: «als ob ihnen das Leben
noch nicht aufgegangen sei»
Pariser Lehren 1903
In Worpswede: die Anderen
Erneut Paris, 1905
«Diesmal die aller, allermodernsten»
«Farbiges Leuchten im Schatten»
Direkt und doch entrückt
Der verfälschende Firnis
In der Welt der Kunst
«Ich glaube, es wird» – 1906
«Zwischen meinem alten und
meinem neuen Leben»
In Paris: Erste Anerkennung
Archetypische Substanz
Balance und Irritation
Austreibung des Abbilds
Picasso: Parallelentwicklung im Schlüsseljahr 1906
Das Pariser Atelier als Ausstellungsprovisorium
Die Selbstbildnisse:
Ich als eine Andere – 1897–1907
Vielschichtigste Bildgattung
Das «tolerante Spiegelbild»
Kleine Persönlichkeitsverschiebungen
Das große symbolische Selbstbild
Ikonisierung
Rituelle Stärke
Alter Ego
Die Hauptwerke aus dem Pariser
Atelier: Eine Welt für sich – 1906/07
Frei und abhängig
Eigene Bildhoheit
Kinder als Inbilder
Bildwelten parallel zur Wirklichkeit
Die Kunst der Welt im Atelier
Ideen für künftige Bilder?
«Das Mächtige der Farbe»
Die letzten Werke – 1907
Rückzug
Neue Lebhaftigkeit
Nochmals die Welt der Anderen
Schluss
Anhang
Lebensdaten
1876–1891
1892
1893–1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1903
1904
1905
1906
1907
Anmerkungen
Literatur (Auswahl)
Abbildungsverzeichnis
Bildnachweis
Detail aus Abb. 1
Sie war, wie wir heute wissen, eine der großen Künstlerpersönlichkeiten der Moderne. Als sie 1907 im Alter von 31 Jahren starb, hatte sie mit einem gewichtigen Werk die kurze Epoche zwischen dem Alten und dem Neuen, dem 19. und dem 20. Jahrhundert künstlerisch wesentlich geprägt, eine Phase, in der die Kunst stagnierte, jedenfalls in Deutschland. Erst nach ihr begannen die Avantgarden wie die Brücke und der Blaue Reiter die weiterreichende Erneuerungsarbeit.
Paula Modersohn-Beckers künstlerischer Dreh- und Angelpunkt war die damalige Weltstadt der Kunst, Paris. Rasch erwachte bei mehreren Aufenthalten ihr Interesse an der aktuellen französischen Malerei. 1906 zog sie in der Absicht, dauerhaft zu bleiben, von der norddeutschen Künstlerkolonie Worpswede nach Paris um. So floh sie die provinzielle Enge, in der die Malerkollegen ihre Kunst kaum wahrgenommen hatten. Wo sich ansonsten die jungen deutschen Künstler nur für kurze Zeit zu Zwecken der Inspiration in Paris aufzuhalten pflegten, suchte sie, allein auf sich gestellt, mit seltenem Mut als Malerin in ertrotzter Unabhängigkeit ihren eigenen Weg. Zu jener Zeit war niemand auf ihre Arbeiten vorbereitet und kaum jemand willens, sich auf sie einzulassen.
In dieser Monographie wird das Schaffen Paula Modersohn-Beckers aus der für sie maßgeblichen Pariser Perspektive näher untersucht. In Deutschland fehlten die Anregungen, die sie zielstrebig suchte. Zwar schätzte sie in Worpswede die Stille zum Arbeiten, und sie bezog auch die Motive und die Tiefe ihrer Farben aus dieser herben Gegend, aber sowohl die Bildkonzeption als auch die Bildsprache verdankten sich Anstößen verschiedenster Kulturen in Pariser Museen sowie in aktuellen Ausstellungen, auch in Ateliers namhafter Kollegen. Daraus ergab sich ein eigenständiges, allein dastehendes Werk. Teils unmittelbar parallel zu Picassos grundstürzender Formerneuerung schuf sie in ihrer letzten Pariser Zeit 1906/07 die Hauptwerke: eine Malerin, die eigensinnig in die Moderne aufbrach, und zwar nach eigenem Zeugnis «freudig als moderner Mensch und Kind meiner Zeit».
Einen Höhepunkt bilden die Pariser Selbstbildnisse. Sie präsentieren ein anderes Ich, das in seiner hieratischen Haltung wie ein archaischer Souverän und zugleich wie die Verkörperung einer unabhängigen Kunst anmutet. Schließlich entwarf Modersohn-Becker in ihren beiden letzten Jahren mit szenisch wirkenden Arrangements eine eigene Bildwelt, in der Figuren und natürliche Attribute ein fremd erscheinendes Ritual eingehen. Diese Bildwelt zielt auf die Überwindung der stilistischen Spezialisierungen, die sich mit den Avantgarden anbahnen sollten; es wird damit in der Moderne ein Wiederherstellen des alten Kunstanspruchs angestrebt.
So erscheint Paula Modersohn-Becker heute als eine singuläre, letztlich in Paris anzusiedelnde Künstlerpersönlichkeit, als die Schöpferin einer neuen Ikonographie und als epochale Wegbereiterin der Moderne unmittelbar vor dem Auftritt der deutschen Avantgarden.
Viele Anregungen verdanke ich jenen Interpreten, die sich dem Werk der Künstlerin in den letzten Jahren mit Recherchen und neuen Fragen sachlich genähert haben, namentlich Simone Ewald, Karin Schick, Frank Schmidt und vor allem Rainer Stamm. Unentbehrlich waren wieder der Rat, die Unterstützung und die Anregungen von Wolfgang Werner, dem Nachlassverwalter, dessen weitreichende Kenntnisse mir schon 1976 bei einer Ausstellung der Zeichnungen Paula Modersohn-Beckers im Kunstverein in Hamburg und dann bei der Paula Modersohn-Becker-Schau 2017 im Bucerius Kunst Forum Hamburg ganz entschieden geholfen haben. Ihm sei herzlicher Dank gesagt. Im Verlag hat Alexandra Schumacher dankenswerterweise das Manuskript und die Herstellung des Buchs wiederum so umsichtig wie engagiert begleitet.Der ganz besondere Dank gilt meiner Frau, die wie stets bedachtsam herausfordernd mitgewirkt hat.
1896–1899
Detail aus Abb. 5