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Gareth Stedman Jones

Das Kommunistische Manifest

von
Karl Marx und
Friedrich Engels

Einführung, Text, Kommentar

aus dem Englischen von Catherine Davies

 

 

 

 

 

C.H.Beck

 


 

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Zum Buch

Das Buch bietet die berühmte Einführung aus der Feder von Gareth Stedman Jones, die zuerst auf Englisch in der Reihe «Penguin Classics» erschienen ist. Zusätzlich enthält es den kommentierten Originaltext des kommunistischen Manifests. Stedman Jones ist weltweit einer der besten Kenner der ideengeschichtlichen Wurzeln des Marxschen Werkes. Sein meisterhafter Text ist die ausführlichste und gründlichste Einführung, die es zu diesem Schlüsseltext der Weltgeschichte gibt. Sie macht seinen Inhalt verständlich, verortet ihn in der politischen Ideengeschichte, seziert die unterschiedlichen Einflüsse, denen Marx und Engels bei der Abfassung unterlagen und fragt nach der gegenwärtigen Relevanz seiner Thesen.

Über den Autor

Gareth Stedman Jones ist einer der bekanntesten englischen Historiker. Bis 2010 war er Professor für Politikwissenschaft an der University of Cambridge und Fellow des King’s College. Seitdem lehrt er Ideengeschichte an der Queen Mary University of London. Seine Hauptwerke sind Outcast London (1971) und Languages of Class (1983).

Inhalt

Dank

 

Teil I
Einführung

 

  1. Vorwort

  2. Die Rezeption des Manifests

  3. Das «Gespenst des Kommunismus»

  4. Der Bund der Kommunisten

  5. Engels’ Beitrag

  6. Marx’ Beitrag: Vorrede

  7. Die Junghegelianer

a) Hegel und der Hegelianismus

b) Der Kampf gegen das Christentum und die Anfänge der Junghegelianer

c) Die Junghegelianer gegen den «christlichen Staat»

  8. Vom Republikanismus zum Kommunismus

  9. Politische Ökonomie und «Die wahre Naturgeschichte des Menschen»

10. Der Einfluss Stirners

11. Kommunismus

a) Der Beitrag von Adam Smith

b) Die Geschichte des Rechts und des Eigentums

c) Die zeitgenössische Diskussion über den Kommunismus

12. Schluss

 

Teil II
Karl Marx und Friedrich Engels Manifest der Kommunistischen Partei

Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1872

Vorrede zur russischen Ausgabe von 1882

Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1883

Vorrede zur englischen Ausgabe von 1888

Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1890

Vorwort zur polnischen Ausgabe von 1892

Vorwort zur italienischen Ausgabe von 1893

Manifest der Kommunistischen Partei

  I. Bourgeois und Proletarier

 II. Proletarier und Kommunisten

III. Sozialistische und kommunistische Literatur

1. Der reaktionäre Sozialismus

 a) Der feudale Sozialismus

 b) Kleinbürgerlicher Sozialismus

 c) Der deutsche oder der «wahre» Sozialismus

2. Der konservative oder Bourgeoissozialismus

3. Der kritisch-utopistische Sozialismus und Kommunismus

 IV. Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien

 

Anmerkungen zum «Kommunistischen Manifest»

Weiterführende Literatur

Register

Dank

Beim Verfassen dieses Buches konnte ich mich auf Erkenntnisse und Denkanstöße zahlreicher Menschen stützen, die ich hier nicht alle erwähnen kann. Doch muss ich jenen besonderen Dank aussprechen, die wissentlich oder unwissentlich in einem bedeutenden Maße zu der Interpretation beigetragen haben, die ich in dieser Einführung entwickelt habe: Raymond Geuss und Istvan Hont, die mit mir zusammen Seminare über Hegel gaben; Emma Rothschild, mit der ich die Geschichte des ökonomischen Denkens erkundete. Ich möchte auch jenen Menschen danken, die meine Abhandlung noch in Manuskriptform lasen: Chimen Abramsky, Sally Alexander, Edward Castleton, Tristram Hunt, Daniel Pick, Miri Rubin und Bee Wilson. Ihre Kritik, ihre Anregungen und ihr Fachwissen waren für mich ausgesprochen wertvoll. Für ihre Hilfe bei der Überarbeitung des Manuskripts für die Veröffentlichung bedanke ich mich besonders bei Susanne Lohmann, Inga Huld Markan and anderen am Centre for History and Economics sowie bei meiner Lektorin, Caroline Knight. Viel verdanke ich auch Margaret Hanbury sowie Simon Winder vom Penguin Verlag, die den Band in der vorliegenden Form möglich machten. Den größten Dank schulde ich schließlich meiner Familie, die mich beständig ermutigt und angeregt hat und mich auf diese Weise antrieb, dieses Projekt zu vollenden.

Teil I
Einführung

1. Vorwort

Die Bedeutung des Kommunistischen Manifests ist im 20. Jahrhundert nur selten in Frage gestellt worden. Wichtig war es nicht bloß wegen seines Inhalts, sondern mehr noch aufgrund der weltpolitischen Lage. In den zwanzig bis dreißig Jahren nach 1950 lebten Millionen von Menschen in der Sowjetunion, in China, Kuba und Osteuropa unter kommunistischer Herrschaft. Weitere Millionen lebten in Ländern, in denen der Kommunismus so prägend war, dass man sich ihm kaum entziehen konnte – ob man nun in Bürgerkriegen im südlichen Afrika, Lateinamerika oder Südostasien kämpfte oder in politische Auseinandersetzungen in Frankreich, Griechenland oder Portugal verwickelt war.

In Westeuropa wurde der Kommunismus als autoritäres System abgelehnt. Und dennoch wurde er, so seltsam das heute erscheinen mag, bis in die sechziger Jahre hinein mit der Vorstellung von einer rücksichtslosen und dynamischen Modernität identifiziert. Zur Zeit der Fünfjahrespläne der Sowjetunion in den dreißiger Jahren glaubte man, er besitze eine Antwort auf das Problem der Massenarbeitslosigkeit. In den siebziger Jahren galt der Kommunismus weithin als die effektivste Antwort auf wirtschaftliche Rückständigkeit. In vielen Teilen der Dritten Welt speisten sich die Ideologien der antikolonialistischen Freiheitsbewegungen aus einer Kombination von Marxismus und Nationalismus, während selbst in Nord- und Westeuropa eine Mischung aus Keynesianismus und moderaten Versionen sozialistischer Planwirtschaft immer größeren Anklang fand. So glaubte der britische Premierminister Wilson im Jahr 1964 als Anwalt der Modernität einen «nationalen Plan» zur Gesundung des Landes vorlegen zu müssen. Allein in den Vereinigten Staaten (und auch hier erst nach den Verfolgungen der McCarthy-Ära) schien die Bevölkerung immun zu sein gegenüber den Verlockungen des Sozialismus. Wer die moderne Welt verstehen wollte, so schien es damals, musste sich mit Marx beschäftigen, und wohl nirgends ist die Marxsche Botschaft so eindrücklich formuliert worden wie im Kommunistischen Manifest.

Diese politische Landschaft der Jahrhundertmitte aber veränderte sich in den achtziger und neunziger Jahren bis zur Unkenntlichkeit. Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, dem Zusammenbruch der Sowjetunion zwei Jahre später und dem überall (mit Ausnahme Chinas und Südostasiens) zu beobachtenden Aussterben der kommunistischen Parteien wurde dem «Kalten Krieg» ein abruptes Ende gesetzt, nachdem die meisten Menschen ihn schon als selbstverständlichen Teil ihrer Lebenswelt akzeptiert hatten. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass der Kommunismus so schnell und würdelos aus der Geschichte verschwinden würde.

Sozialistische und sozialdemokratische Parteien waren ebenfalls in die Defensive gedrängt worden. Nach den Ereignissen vom Mai 1968 waren sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken libertäre und antiautoritäre Bewegungen entstanden. Der Aufstieg eines neuen und aggressiveren Konservatismus, angeführt von der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, setzte dem Konsens der Nachkriegszeit und seinem Bekenntnis zu Währungsstabilität, Vollbeschäftigung und Sozialstaat ein Ende. Gleichzeitig begann die Wählerschaft der sozialdemokratischen Parteien wegzubrechen, da traditionelle Industrieberufe angesichts der zunehmend in die Dritte Welt verlagerten Produktion in der gesamten entwickelten Welt verschwanden. Darüber hinaus führten Neuerungen im Bereich der Computertechnologie und Elektronik zu Personalabbau, einer zunehmenden Prekarisierung der Büroarbeit und einem weiteren Niedergang der manuellen Arbeit. In dieser neuen Ära profitierte die Mehrheit der Arbeitnehmer immer noch von einem wachsenden Reichtum, der gleichwohl von einer zunehmenden Unsicherheit begleitet war, während gleichzeitig eine Unterschicht entstand, die in der postindustriellen Ökonomie keine sinnvolle Funktion mehr erfüllte. Traditionelle sozialistische und sozialdemokratische Ziele wie die Gestaltung der Wirtschaft oder die Umverteilung des Reichtums wurden so gut wie aufgegeben.

Die wachsende Partizipation von Frauen in der Arbeitswelt ließ zudem die Sprache des Kommunistischen Manifests überholt erscheinen: Aufrufe zur Einheit der «arbeitenden Männer» hört man kaum noch. Politische Kampagnen wurden mehr und mehr auf ein einziges Thema ausgerichtet, und die politischen Anliegen der Bevölkerung individualisierten sich zunehmend. So wirkt der Versuch, die Arbeiterklasse in eine politische Partei zu transformieren, heute unverständlich. Der Glaube an die Möglichkeit oder gar Wünschbarkeit einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft ist erloschen. In diesem neuen Zeitalter ist die Beschäftigung mit dem Manifest nicht mehr selbstverständlich; seine Relevanz steht auf dem Prüfstand. Wird es Eingang finden in die sehr kleine Reihe politischer Texte – Platons Politeia, Machiavellis Fürst, Hobbes’ Leviathan, Rousseaus Gesellschaftsvertrag gehören wohl dazu –, die selbst Jahrhunderte nach ihrer Niederschrift immer noch die Kraft haben zu provozieren? Oder wird das Manifest, die Inspirationsquelle der kommunistischen Bewegung, das gleiche Schicksal erleiden wie diese selbst und so lange an Bedeutung verlieren, bis sich nur noch Spezialisten für die Geschichte des politischen Denkens dafür interessieren?

Auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort. Das Manifest wird ein Klassiker bleiben, und wenn auch nur aufgrund seiner kurzen, aber unübertroffenen Darstellung des modernen Kapitalismus. Marx war der erste, der die scheinbar grenzenlose Macht und die globale Reichweite der modernen Wirtschaft erfasste. Er war der erste, der die unglaublichen Veränderungen beschrieb, die von der Entstehung des Weltmarktes und den entfesselten, beispiellosen Produktivkräften der modernen Industrie in einem Zeitraum von weniger als hundert Jahren ausgingen. Er skizzierte den immer neu beginnenden, unaufhörlich rastlosen und unfertigen Charakter des modernen Kapitalismus. Er hob die ihm innewohnende Tendenz hervor, immer neue Bedürfnisse und gleichzeitig die Mittel zu ihrer Befriedigung zu erfinden, seine Subversion überlieferter kultureller Praktiken und Überzeugungen, seine Verachtung für Grenzen, seien sie nun heilig oder säkular, seine Destabilisierung jedweder Hierarchie – sei es von Herrschenden und Beherrschten, Mann und Frau oder Eltern und Kind – sowie seine Art, alles in eine Ware zu verwandeln.

Kurzum, das Manifest zeichnet eine Sicht der Wirklichkeit, die heute, am Anfang des neuen Jahrtausends und angesichts endloser Diskussionen über Globalisierung und Deregulierung, als Bild unserer Welt ebenso zeitgenössisch und überzeugend wirkt, wie es Lesern des Jahres 1848 erschienen sein mag.

In den Jahren vor 1870 fiel es Nationalökonomen schwer, die gesellschaftsverändernden Möglichkeiten der Industrialisierung zu erkennen – die Angst vor Überbevölkerung und das Gespenst der fallenden Profitrate spukten nach wie vor durch ihre Köpfe.[1] Es blieb den Frühsozialisten der 1830er und 1840er Jahre und insbesondere den Anhängern Robert Owens als Aposteln einer sogenannten Sozialwissenschaft überlassen, sich mit der Aussicht auf Überfluss und der Möglichkeit einer Gesellschaft, die keinen Mangel mehr kennt, zu identifizieren. Doch setzten sie ihre Hoffnung in die Ideale der Wissenschaft und der Genossenschaft. Den Markt brandmarkten sie dagegen als System ungleicher Tauschbeziehungen, des «Kriegs aller gegen alle» oder des «billig kaufen, teuer verkaufen». Aus dieser Haltung heraus war es leicht, sich der Nostalgie einer «einfacheren» Gesellschaft mit vorhersagbaren Erwartungen und festen Bedürfnissen hinzugeben. Was am Manifest ungewöhnlich, wenn nicht einzigartig war – und dies gilt gewiss nicht für alle Werke von Marx –, war seine unbeirrbar modernistische Sichtweise, in der der kapitalistische Weltmarkt nicht einfach mit Ausbeutung und Destabilisierung, sondern auch mit Befreiung und mit der Macht identifiziert wurde, Menschen aus der Rückständigkeit und aus traditionsverhafteten Abhängigkeiten zu erlösen.

Der fortwährende Prozess der Innovation, die nicht aufhörende Erfindung neuer Bedürfnisse und die Schaffung neuer Märkte sind seit der Entstehung des Manifests nicht zum Erliegen gekommen. Die Tendenz zu grenzenloser Expansion besteht nach wie vor, auch wenn sie nun durch ökologische Gefahren behindert wird, so wie sie früher durch abnehmende Profite behindert wurde. Die Geschichte hat gezeigt, dass der Kommunismus nicht imstande war, die widersprüchlichen Tendenzen dieser Welt, wie sie im Manifest beschrieben werden, aufzuheben. Doch was immer man über den Rest des Manifests auch sagen mag: Seine große Leistung bestand darin, seine Theorie aus einer höchst einzigartigen und bemerkenswert neuen Sicht der modernen Welt zu entwickeln, die trotz all der ungeheuren Umwälzungen der vergangenen anderthalb Jahrhunderte immer noch die unsere ist.

Auch die historische Bedeutung des Manifests ist gewaltig. Ein Jahrhundert lang oder mehr war seine nun seltsam erscheinende Theorie von der Geschichte als Klassenkampf, der unvermeidlich zum Triumph des Weltkommunismus führt, das Credo von zehntausenden, manchmal hunderttausenden Anhängern in allen Teilen der Welt. Die Thesen des Manifests, die nicht bloß als Darlegung von Prinzipien oder als Ausdruck eines Wunsches formuliert waren, sondern als eine Reihe von Prophezeiungen verkündet wurden, bildeten im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Grundlage für die Schaffung einer weltweiten Arbeiterbewegung, und im zwanzigsten Jahrhundert befeuerten sie viele der politischen Auseinandersetzungen – und nicht wenige Kriege –, die die Welt zwischen 1917 und 1989 zerrissen.

Doch die Wirkung des Manifests blieb nicht auf sozialistische und kommunistische Kreise beschränkt. Eine abgeschwächte Version seiner Geschichtsthesen übte einen starken Einfluss auf die Geschichtsschreibung und das Gesellschaftsverständnis von Menschen aus, die selbst nicht direkt mit den Werken von Marx vertraut waren. Geschichte wurde nicht länger als eine Auseinandersetzung um Ideen und Glaubensbekenntnisse gesehen, sondern als das Aufeinandertreffen sozialer Kräfte, das an dem Ziel einer bevorstehenden oder späteren sozialen Revolution gemessen wurde. Die «materialistische Geschichtsauffassung», die Marx und Engels im Manifest auf die Geschichte des Kommunismus anwandten, wurde auch außerhalb kommunistischer Kreise weithin akzeptiert und sollte eine Form des geschichtlichen und gesellschaftlichen Denkens begründen, die selbst nach dem Ende des Kommunismus fortbestehen wird.

So sind sich etwa verzweifelte Vertreter der «alten Linken» und ungestüme Anwälte der marktliberalen Rechten darin einig, dass der globale Kapitalismus in seiner historischen Entwicklung nur eine wirkliche Herausforderung gekannt hat, nämlich den revolutionären Sozialismus als Vertreter der industriellen Arbeiterklasse. Beide Gruppen scheinen daraus den Schluss zu ziehen, dass nun, da diese Herausforderung definitiv bewältigt wurde, das weitere Fortschreiten eines keinem Zwang unterliegenden und vollständig globalisierten Kapitalismus durch nichts aufgehalten werden könne. Wenn diese Einschätzung aus der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges ein Zeichen dafür ist, wie nachhaltig das Manifest Denkweisen und Wahrnehmungen geprägt hat, so gilt dies auf einer modischeren Ebene wohl auch für die Haltung bestimmter Autoren der Postmoderne. Denn diese französischen und amerikanischen Theoretiker kommen zu dem Schluss, dass, nachdem der Klassenkampf im Zeichen des Kommunismus vorbei sei, die Geschichte selbst an ihr Ende gekommen sein müsse.

Eine mögliche Antwort auf diese weltgeschichtliche Überhöhung des Manifests lautet, dass die Kritik an der globalen Durchsetzung des Laissez-faire-Kapitalismus nicht erst mit der Industrialisierung und dem revolutionären Sozialismus begann. Auch ist es unwahrscheinlich, dass sie mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Ende des industriellen Zeitalters verschwinden wird. Seit dem Ende des vorigen Jahrtausends haben sich neue und anders ausgerichtete Ansätze herausgebildet, um das globale Wirtschaftssystem in einem nachhaltigeren und ethisch verträglicheren Rahmen zu verankern.

Doch die beste Antwort auf diese Form des Postmodernismus besteht darin, auf die mittlerweile vergessene Entstehungsgeschichte der mit Marx assoziierten historischen Großerzählung zu verweisen. Durch sie lässt sich erklären, wie diese nach wie vor bestehende Sicht der Welt ursprünglich zusammengebaut wurde. Zu diesem Zweck ist es erforderlich, eine recht lange und komplizierte Geschichte zu erzählen. Doch diese Geschichte ist wichtig, denn sie verdeutlicht, dass vieles von dem, was zum ersten Mal im Manifest behauptet und später als Erklärung der Entstehung der modernen Welt gemeinhin akzeptiert wurde, eher dem Reich der Mythologie als dem der Fakten zuzuordnen ist.

Insbesondere wird sich so zeigen, dass die Wurzeln des Marxschen Sozialismus gar nicht in der Industrialisierung oder den sozialen und politischen Hoffnungen der Industriearbeiter lagen. Er speiste sich stattdessen aus den Diskussionen, die die radikalen Schüler Hegels über die Frage führten, was das Christentum bzw. Hegels rationalisierte Version des Christentums, den «absoluten Geist», ersetzen solle. Aus einer europäischen Perspektive betrachtet, waren diese Wurzeln des deutschen Sozialismus in einer religiösen Reformbewegung nicht sonderlich überraschend. Denn sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich war der Sozialismus zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ebenfalls aus postchristlichen religiösen Reformbewegungen entstanden.[2]

Im Manifest unternahmen Marx und Engels den erfolgreichen Versuch, diese religiösen Spuren zu verwischen und sie durch eine sozioökonomische Genealogie zu ersetzen, die ihrem neuen kommunistischen Selbstbild angemessen war. Wie diese Einführung zeigen wird, klammerten sie in ihrer Darstellung allerdings nicht nur die religiöse Vorgeschichte des Kommunismus aus, sondern vielmehr jegliche Form von intellektueller Vorgeschichte. Erwähnt wurden weder der Einfluss der klassischen deutschen Historiker noch die sogenannte «deutsche historische Rechtsschule» und deren Geschichte der Eigentumsformen noch Adam Smiths oder Simone des Sismondis Überlegungen zur Funktionsweise der Marktgesellschaft noch Proudhons Kritik von Eigentum und Gemeinschaft noch der in der Naturrechtstradition des siebzehnten Jahrhunderts entwickelte historische Begriff der Gemeinschaft und des Privateigentums. Als Marx und Engels das Manifest entwarfen, ließen sie alle Hinweise auf diese Ideen, ob religiös oder säkular, einfach verschwinden. Sie lenkten zudem die Aufmerksamkeit von den sozialistischen oder kommunistischen Ideen auf die sozialen Kräfte, die von jenen angeblich repräsentiert wurden. So konnte der Eindruck entstehen, als sei die Geschichte des Sozialismus oder Kommunismus gleichbedeutend mit der Entstehung des industriellen Proletariats und dem Übergang zur modernen Gesellschaft, die mit der industriellen Revolution in Großbritannien ihren Ausgang nahm und dann auf den europäischen Kontinent und nach Nordamerika übergriff. Kriege und Revolutionen wurden zu Begleiterscheinungen der sozialen und politischen Kämpfe, die ihrerseits Produkte des weltweiten Industrialisierungsprozesses waren.

Doch trotz des Manifests sollten Sozialismus und Kommunismus nie gleichbedeutend werden mit der Perspektive des «Proletariats». Der spekulative oder quasireligiöse Ursprung und Charakter der sozialistischen Glaubensbekenntnisse, einschließlich desjenigen, das auf den Verkündigungen des Manifests selbst beruhte, blieb hinter der mit viel Mühe ausgearbeiteten sozioökonomischen Fassade immer sichtbar. Es war nicht die bloße Tatsache der Proletarisierung, die ursächlich war für die Kriege und Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern die Erfahrungen sozialer und politischer Unruhen, die in der militanten und apokalyptischen Sprache des Kommunismus und revolutionären Sozialismus zum Ausdruck gebracht wurden. Historiker haben deshalb zu Recht die Leidenschaften, die Kompromisslosigkeit und den Extremismus der Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Religionskriegen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts verglichen.

Mit Blick auf den Niedergang des Sozialismus in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sollte man ähnlich argumentieren. Obwohl die Krisen der sozialistischen Doktrin und der Zusammenbruch kommunistischer Staaten eindeutig durch politische, militärische und sozioökonomische Faktoren beschleunigt wurden, war die Säkularisierung politischer Überzeugungen in den Jahrzehnten nach 1950 doch ebenso bedeutsam. Das Ende des Kommunismus war nicht das «Ende der Geschichte», sondern das Ende einer Ära, in der sich die Kritik am globalen Kapitalismus überschnitt mit dem Aufstieg und Fall einer mächtigen und organisierten postchristlichen Religion, die sich im Namen der Wissenschaft an die Unterdrückten wandte.

Wenn es um die anhaltende historische Bedeutung des Manifests geht, muss abschließend auf seine rhetorische Kraft, seine Macht als Text eingegangen werden. Seine Thesen und Parolen sind selbst denen im Gedächtnis, die es nie gelesen haben – «Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus» … «Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen» … «Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten» … «PROLETARIER ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH!»

Doch das Manifest bezog seine Macht nicht einfach aus diesen einprägsamen Sätzen. Auch kann man nicht behaupten, dass es seinen Einfluss seinem Gesamtaufbau verdankt. Der letzte Abschnitt wurde in Eile niedergeschrieben und wirkt unfertig, während der dritte Abschnitt trotz seiner mitunter brillanten Sticheleien willkürlich und sektiererisch ist. So konzentriert sich die Stärke des Manifests zweifellos in seinen ersten beiden Abschnitten. Unbeirrbar und in beißender Schärfe entfaltet sich hier seine Argumentation, die durch verblüffende rhetorische Wendungen eine zusätzliche Lebendigkeit erhält, sodass jeder Absatz noch immer überraschend und verstörend wirkt.

Noch heute – und ganz sicher in den 1840er Jahren – erwarten die Leser eines «Manifests» wohl, hier eine Darlegung der «Grundsätze des Kommunismus» zu finden (die sie in einem früheren von Friedrich Engels verfassten Entwurf auch gefunden hätten) oder sogar (in der noch früheren Fassung eines anderen Mitglieds des Bunds der Kommunisten, Moses Hess) ein «kommunistisches Bekenntnis».[3] In den 1840er Jahren – und dies wird im Folgenden deutlich werden – wurde der Kommunismus ganz überwiegend entweder mit radikalen Traditionen des Christentums oder mit den Extremen des aus der Französischen Revolution stammenden jakobinischen Rationalismus identifiziert. Der Ausgangspunkt des Manifests ist ein ganz anderer. Es beginnt nämlich mit einer nachhaltigen Würdigung seines erklärten Gegners – dem Inbegriff von Privateigentum und Egoismus: der «Bourgeoisie» und der «modernen bürgerlichen Gesellschaft». Die «Bourgeoisie» hat «ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen». In kaum hundert Jahren hat sie «massenhaftere und kolossalere Produktivkräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen». Wenn die «moderne bürgerliche Gesellschaft» nun ihrem Ende entgegenging und die Macht an ihren Antipoden, das Proletariat, abtreten musste, so geschah dies nicht aufgrund ihrer Niederlagen, sondern wegen ihrer Triumphe.

Das Ende schien nah. Wie der «Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor», habe die Bourgeoisie durch die schiere Größe des von ihr bewirkten materiellen Fortschritts «die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen». Ebenso habe sie «die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier». Der erste Abschnitt endet mit einer Beschreibung der Verwandlung des Proletariats in eine Klasse. Die moderne Industrie bzw. die industrielle Revolution, diese große bürgerliche Errungenschaft, habe die Isolation der Arbeiter durch ihre «revolutionäre Vereinigung» zu einer Gruppe ersetzt. Der Niedergang der Bourgeoisie und der Aufstieg des Proletariats «sind gleich unvermeidlich».

Der zweite Abschnitt ist kaum weniger verblüffend, wenn auch der Tonfall hier ganz anders ist. In einem bemerkenswerten Umschwung vom Epischen ins Triviale findet ein Szenenwechsel statt – aus der Fabrik und dem Geschäftszimmer hinaus und in das bürgerliche Interieur hinein. Dort steht der Bourgeois, der nun kein herkulischer Erbauer, kein Weltveränderer mehr ist, sondern ein recht selbstmitleidiger Familienvater, ein schwatzender Haushälter, der sich den kalten Schweiß von der Stirn wischt und seine dicklichen Hände ringt, flehend, dass er der sicheren Vergeltung durch die Kommunisten entgehen möge.

Trotz seines Titels («Proletarier und Kommunisten») besteht dieser Abschnitt hauptsächlich aus einem imaginären Dialog zwischen dem Kommunisten und dem Bourgeois, ein Dialog, in dem die Physiognomie des kommunistischen «Gespensts» in geradezu reißerischer und unheimlicher Manier ausgemalt wird. Dieser Teil ist gleichermaßen bitter wie provozierend. Die meisten der gegen die Kommunisten vorgebrachten wilden Anwürfe – dass sie ihre Frauen teilen, dass sie die Nationen abschaffen wollen, dass sie das Eigentum und die Zivilisation zerstören wollen – werden dem Bourgeois umgehend wieder vor die Füße geworfen. Einige andere werden von den Kommunisten mit Heiterkeit aufgenommen. Wenn das «Gespenst» so ausgetrieben worden ist, dann auf eine ganz und gar nicht beruhigende Weise. Denn der Bourgeois wird bloß aufgefordert, seine kindischen Ängste abzulegen, um den sehr realen und erwachsenen Schrecken einer kommenden Revolution ins Auge zu sehen.

Der spielerische Sadismus dieses Abschnitts wiederum wird erst ermöglicht durch ein drittes und gleichermaßen fesselndes Merkmal des Manifests: die neue Identität des «Kommunisten». Es ist nun nicht mehr «der Kommunist», der den Bourgeois bedroht. Kommunisten tragen keine persönliche Verantwortung für die unmittelbar bevorstehende Enteignung der Bourgeoisie, und selbst das Proletariat wird nur die Rolle spielen, die die Geschichte ihm zugeteilt hat. Kommunisten sind nicht länger diejenigen, die sich bestimmten «Ideen oder Prinzipien» verschrieben haben; sie «sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse, eines existierenden Klassenkampfs, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung». Diese Bewegung ist Ausdruck einer

Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind.

Was den Kommunisten auszeichnet, ist sein klares Bewusstsein dieser Tatsache.

Der Kommunist ist daher jemand, der über den Vorteil verfügt, «die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung» zu verstehen. Zu diesen «allgemeinen Resultaten» zählen das Verschwinden der «Klassenunterschiede» und die Konzentration aller Produktion in den Händen der «assoziierten Individuen» oder, wie es in der späteren englischen Fassung hieß, einer «vast association of the whole nation». Schließlich «verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter» und an «die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist».

Zeugen diese kühnen Thesen von einem zusammenhängenden Denkprozess? Oder handelt es sich vielmehr um den bloßen Anschein theoretischer Einheit, hinter dem sich in Wirklichkeit eine zufällige Adhoc-Ansammlung von Behauptungen verbirgt, die sich aus verschiedenen Quellen speist? Warum hätte eine Deklaration des Kommunismus die weltverändernden Leistungen der «Bourgeoisie» herausstellen sollen? Warum die Behauptung, dass die existierenden sozialen und politischen Systeme unreformierbar seien und dass die regelmäßig wiederkehrenden Krisen auf ein Ende des Eigentumssystems insgesamt hindeuten? Warum die Annahme, dass es eine besondere Affinität zwischen den Anliegen der Arbeiter und den Zielen des Kommunismus gebe? Und schließlich: Warum hätte man davon ausgehen sollen, dass am Ende eines historischen Prozesses, der nicht von Idealen, sondern von dem Aufeinandertreffen materiell konkurrierender Interessen beherrscht wird (dem «Klassenkampf»), dennoch ein moralisch erstrebenswertes Ergebnis steht?

2. Die Rezeption des Manifests

Bis vor kurzem hätte man es schwer gehabt, auf diese doch recht naheliegenden Fragen klare Antworten zu finden. Um zu erklären, warum sie so selten gestellt wurden, muss man sich der Geschichte der Rezeption des Manifests zuwenden und fragen, wie sich die seiner Theorie zugeschriebene Bedeutung im Laufe der Zeit veränderte und für welche unterschiedlichen politischen Zwecke es nutzbar gemacht wurde.

Von Anfang an, so scheint es, sind die Verfechter des Manifests eher an den dort formulierten unmittelbaren politischen Anliegen interessiert gewesen als an seinen langfristigen kommunistischen Zielen. Nachdem Marx das Manifest in den ersten Wochen des Jahres 1848 in großer Eile niedergeschrieben hatte, erschien es just zu dem Zeitpunkt, als der europäische Kontinent von der Ostsee bis zum Balkan von einer Welle von Revolutionen erfasst wurde. Doch trotz – oder gerade wegen – dieses Zusammentreffens blieb eine durchschlagende Wirkung zunächst aus. Von der deutschen Originalfassung erschien 1848 lediglich eine Ausgabe.[4] Angesichts der revolutionären Unruhen wurde der auf den ersten Seiten des Textes verkündete Plan, das Dokument in fünf Sprachen zu übersetzen, bald aufgegeben, und in Deutschland hatten die beiden Autoren guten Grund, die Bedeutung sowohl der Forderungen des Manifests als auch der Partei, die es repräsentieren sollte, herunterzuspielen.[5] Tatsächlich wurde der Bund der Kommunisten, die Organisation, die das Manifest in Auftrag gegeben hatte, unmittelbar nach dem Ausbruch der Revolutionen (im Februar in Paris, in Wien und Berlin im März) aufgelöst.

Es war Marx selbst, der in seiner Funktion als neu gewählter Vorsitzender des Zentralkomitees des Bunds der Kommunisten diesen Schritt beschloss. Denn nun, da die Revolution auch Deutschland erfasst hatte und Marx aus seinem Exil in Brüssel und Paris zurückkehren konnte, ging es ihm vor allem darum, seine politische Karriere als Herausgeber der radikalen Kölner Rheinischen Zeitung wiederaufzunehmen, die er 1843 aufgrund der von der preußischen Regierung erzwungenen Schließung der Zeitung hatte aufgeben müssen. Als wiedereingesetzter Herausgeber der nunmehr umbenannten Neuen Rheinischen Zeitung war Marx der Ansicht, dass das Deutschland seiner Gegenwart noch nicht reif sei für die im Manifest skizzierten politischen Ziele («Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat»). Die neue Zeitung nannte sich im Untertitel «Organ der Demokratie», und ihr Ziel war es, die Stimme des radikalen Flügels einer «bürgerlichen Revolution» zu sein, vergleichbar mit der Französischen Revolution von 1789. Zwar hatte das Manifest voller Zuversicht prophezeit, dass «die deutsche bürgerliche Revolution (…) nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann»; gleichwohl glaubte Marx, dass es in Anbetracht der neuen Umstände ganz unangemessen wäre, «bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten», wie es das Manifest gefordert hatte. Es galt, eine parlamentarische Regierung samt bürgerlichen Freiheiten durchzusetzen, wie man sie mit der französischen Revolution von 1848 assoziierte. Erst auf dieser Basis könnte dann eine weitere Revolution die Abschaffung des Privateigentums bewirken. Aus diesem Grund sprach sich Marx gegen das separate Arbeiterprogramm aus, das ein anderes Mitglied des Bunds der Kommunisten, der Vorsitzende der Kölner Arbeitergesellschaft Andreas Gottschalk, propagierte. Doch war es nicht möglich, dieses zur Unzeit auftretende unabhängige Handeln der Arbeiterklasse zu unterdrücken, und so beschloss Marx die Auflösung des Bundes, um Gottschalk und seinen Anhängern den Boden zu entziehen.

Im Dezember 1848 wurde dann aber deutlich, dass Marx’ Strategie, die «bürgerliche» Revolution zu unterstützen und die Entwicklung einer unabhängigen proletarischen Partei zu behindern, gescheitert war. Die neuen Repräsentativorgane hatten die althergebrachte Macht der Autokratie in den Armeen und dem Adel der wichtigsten deutschen Staaten nicht überwinden können. Die deutsche Bourgeoisie hatte sich als unfähig erwiesen, ihre Revolution zu vollenden und wurde angesichts ihrer Furcht vor der Bedrohung von unten zusehends reaktionär. Anfang 1849 änderte Marx daher seine Meinung und begann, die Entwicklung proletarischer Unabhängigkeit aktiv zu fördern. Zu diesem Zeitpunkt ging es aber nicht mehr in erster Linie darum, den Übergang von einer «bürgerlichen» zu einer «proletarischen» Revolution sicherzustellen. Vielmehr stellte sich die Frage, wie man angesichts eines sich immer deutlicher abzeichnenden Siegs der Reaktion überhaupt noch ein Minimum dessen bewahren konnte, was im Frühjahr 1848 erreicht worden war.

Zwischen 1850 und 1870 erinnerten sich nur ein paar hundert deutschsprachige Veteranen der 48er Revolutionen an das Manifest. In größerer Zahl neu aufgelegt wurde es erst wieder in Bismarcks neu gegründetem Reich, als August Bebel und Wilhelm Liebknecht, zwei Führungsfiguren der deutschen Sozialdemokratie (und, in Liebknechts Fall, ein weiterer Veteran des Bundes der Kommunisten), im Jahr 1872 des Landesverrats angeklagt wurden, nachdem sie sich gegen den Krieg mit Frankreich ausgesprochen hatten. Um den Vorwurf des Verrats zu belegen, präsentierte die Staatsanwaltschaft dem Gericht das Manifest, von dessen antipatriotischem Ausspruch «Die Arbeiter haben kein Vaterland» sie sich große Wirkung versprach. Ein unbeabsichtigter Nebeneffekt war, dass sozialistische Verleger nunmehr die Zensurgesetze umgehen und eine Neuveröffentlichung des Manifests in Angriff konnten; so kam es zur deutschen Neuauflage von 1872.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden sozialistische und sozialdemokratische Parteien in großer Zahl und in fast allen Teilen der Welt, wodurch auch die Anzahl der Übersetzungen und Neuauflagen rapide zunahm; im Jahr 1914 waren es mehrere hundert, darunter auch Übersetzungen in Esperanto, ins Japanische, Jiddische, Tatarische und in alle wichtigen Sprachen des Russischen Reiches.[6]

Anfang der 1870er Jahre sah es zunächst so aus, als könne die politische Krise, in der sich Frankreich nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg und der Abdankung Napoleons III. befand, wie 1848 eine neue Welle von Revolutionen hervorrufen. In den 1840er Jahren hatte es erste Versuche gegeben, internationale Assoziationen von Radikalen, Demokraten oder Sozialisten zu bilden; 1864 dann hatte sich in London die Internationale Arbeiterassoziation gegründet, in der Karl Marx als Sekretär fungierte. Die Erste Internationale, wie sie heute in Geschichtsbüchern genannt wird, war zunächst nicht mehr als ein bescheidener Zusammenschluss von englischen und französischen Gewerkschaftern, die verhindern wollten, dass Unternehmer bei Arbeitskämpfen im Baugewerbe auf ausländische Arbeiter zurückgriffen.[7] Marx versuchte nun seine Position als Sekretär zu nutzen, um die Assoziation zu einem Vehikel der internationalen Arbeitersolidarität zu machen. Obwohl sie die meiste Zeit ihres Bestehens in erster Linie auf dem Papier existierte, hatte die Internationale gegen Ende der 1860er Jahre weltweite Berühmtheit erlangt, was ihrer stetig wachsenden geographischen Reichweite sowie ihren immer umfassender werdenden politischen Zielen zu verdanken war, die auf aufwendig beworbenen internationalen Kongressen artikuliert wurden. Während der instabilen Periode nach dem deutsch-französischen Krieg und dem Ende des Zweiten Kaiserreichs war man in Europa vielerorts der Überzeugung, dass die Internationale an der Übernahme der französischen Hauptstadt durch Arbeiter und Radikale im Frühjahr 1871 – der Pariser Kommune – federführend beteiligt war. Eine große Streikwelle in den sich industrialisierenden Regionen Westeuropas wurde ihr ebenso angelastet wie die Entstehung der ersten Massenarbeiterparteien in Deutschland, die sich zumindest teilweise zu einer sozialistischen Programmatik bekannten. Es war diese Reihe von Ereignissen, die Marx zu einer internationalen Berühmtheit machte. Wegen seiner Verteidigung der Pariser Kommune, die er 1871 in London unter dem Titel Der Bürgerkrieg in Frankreich in seiner Funktion als Sekretär der Internationalen Arbeiterassoziation verfasst hatte, wurde Marx von der konservativen Presse einhellig als Anführer einer geheimen internationalen kommunistischen Arbeiterverschwörung gebrandmarkt. Marx erfreute sich nun nicht mehr nur eines stetig wachsenden Renommees als Autor des 1867 erschienen ersten Bandes von Das Kapital, sondern hatte sich quasi über Nacht als großer revolutionärer Architekt des «wissenschaftlichen» Sozialismus etabliert.

Allerdings unterschieden sich die politischen Umstände, unter denen das Manifest wiederveröffentlicht wurde, signifikant von jenen seiner ursprünglichen Entstehung. In der Zeit zwischen den 1870er Jahren und 1914 war die Bedeutung, die dem Manifest von Seiten der etablierten sozialistischen Parteien Zentral- und Westeuropas zugeschrieben wurde, hauptsächlich symbolischer Natur. Kritische Fragen hinsichtlich der weitergehenden Ideen des Manifests, der Durchführbarkeit seiner Konzeption des Kommunismus und der Plausibilität des dort angenommenen Übergangs von einem allmächtigen sozialistischen Staat zu einer staatenlosen kommunistischen Gesellschaft waren innerhalb der Ersten Internationale Mitte der 1860er Jahre gestellt worden. Doch nachdem es Marx 1872 gelungen war, den russischen Revolutionär Michail Bakunin und seine Anhänger aus der Internationale auszuschließen, blieb die Beschäftigung mit solchen Fragen nunmehr hauptsächlich auf «Anarchisten» beschränkt.[8] Als zudem 1889 die Zweite Internationale begründet wurde, war die Ablehnung des Anarchismus sowohl auf der Ebene der Doktrin als auch auf der institutionellen Ebene zu einem festen Bestandteil der neuen sozialistischen Orthodoxie geworden.[9] Die neuen sozialistischen Parteien Europas der 1870er und 1880er Jahre setzten auf die Partizipation der organisierten Arbeiterschaft innerhalb des bestehenden politischen Systems.

Unter diesen Bedingungen konnte das im Manifest skizzierte politische Programm nicht länger als relevant gelten. Spekulationen darüber, wie die Welt nach der Abschaffung des Privateigentums aussehen könnte, wirkten nun immer abwegiger, während das Beharren auf dem «gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung» als geradezu gefährlich erscheinen musste. Ebenso verband man mit dem Begriff der Partei nun andere Vorstellungen als noch in den 1840er Jahren.[10] Die Sprache des Manifests hatte die kosmopolitischen, freimaurerischen und illuminatischen Assoziationen einer vergangenen unsichtbaren Kirche evoziert: «die Kommunisten» bildeten «keine besondere Partei», sondern brachten «die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats» zum Ausdruck und hatten ein klares Verständnis der «allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung».[11] Alternativ bezeichnete der Begriff einen Zusammenschluss gleichgesinnter Geister: So hatte Marx in den 1850er Jahren eine Gruppe ehemaliger Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung als «unsere Partei» bezeichnet.[12] In den 1870er Jahren dagegen kristallisierte sich eine Bedeutung heraus, der zufolge man unter dem Begriff «Partei» eine nationale Organisation verstand, die über eine demokratische Satzung verfügte und auf jährlichen Kongressen politische Leitlinien verabschiedete; eine Organisation, die auf Wahlen und zunehmend auch auf die Mitwirkung in repräsentativen Institutionen ausgerichtet war. Aus eben diesen Gründen bezeichneten sich die neuen Parteien lieber als «sozialistisch» oder, besser noch, als «sozialdemokratisch» denn als «kommunistisch».

Insoweit man sich in den Jahrzehnten nach 1870 mit dem Kommunistischen Manifest beschäftigte, wurde es als wegweisendes Beispiel des «wissenschaftlichen» Sozialismus interpretiert. Doch auch in dieser Hinsicht schien sein Ansatz nicht mehr zeitgemäß. Es war als Intervention in eine Debatte über den «Kommunismus» in den 1840er Jahren verfasst worden, wobei sein Spezifikum, wie noch zu zeigen sein wird, in dem Versprechen einer realisierbaren Konzeption des Kommunismus auf der Basis einer Historisierung des Begriffs des Privateigentums bestand. In den 1870ern und 1880ern dagegen wurde der Text einer sozialistischen Leserschaft als nur ein Baustein einer immer gigantischer werdenden Theorie kosmischen Ausmaßes präsentiert, die in der Hauptsache nicht länger politischer, sondern epistemologischer und methodologischer Natur war: eine «wissenschaftliche» Auffassung der Welt und sogar des Seins an sich, die in den folgenden siebzig Jahren in ihren Dimensionen immer größer und aufgeblähter werden sollte. Von der «materialistischen Geschichtsauffassung» über den «Marxismus» bis zum «historischen Materialismus» und «dialektischen Materialismus» erreichte dieser Prozess seinen hochtönenden und banalen Höhepunkt mit der Formulierung von Josef Stalins Schrift Über Dialektischen und Historischen Materialismus: «die Weltanschauung der marxistisch-leninistischen Partei».

Diese Entwicklung war in den späten 1850er Jahren von Engels in geheimer Absprache mit Marx mit dem Ziel initiiert worden, ihre Arbeit in neue Begriffe zu kleiden, die sie für die junge, post-48er Generation von säkularen und positivistischen Radikalen attraktiv machen könnten. Marx’ Arbeit sollte ihnen als große wissenschaftliche Entdeckung präsentiert werden, als der Beginn einer neuen und vollkommen originären «materialistischen Geschichtsauffassung». «Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur», erklärte Engels 1883 am Grabe Marx’, «so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte.»[13] Diese Behauptung hatte nicht nur wenig mit den Inhalten der politischen Debatten der 1840er Jahre zu tun, sondern entkoppelte die neue «Wissenschaft» auch von jeglicher Verbindung mit früherem politischen und sozialen Gedankengut.

Die erste Generation von «Marxisten», die in den 1870er Jahren politisch aktiv wurde, war für derartige Behauptungen besonders empfänglich und hielt Marx’ Kapital oder mehr noch Engels’ Anti-Dühring von 1877 als Leitfaden der neuen Weltanschauung für zuverlässiger als das Manifest.[14] So war Letzteres nicht länger der Entwurf eines aktuellen politischen Programms und auch nicht die maßgebliche Zusammenfassung des «wissenschaftlichen Sozialismus». Vielmehr sah man in ihm im späten neunzehnten Jahrhundert immer mehr ein altehrwürdiges politisches Relikt, eine geliebte, aber doch etwas verstaubte Geburtsurkunde des revolutionären Sozialismus und ein frühes und beständiges Symbol der politischen und intellektuellen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse. Mit Blick auf die Zwänge, denen die Sozialisten in Bismarcks neuem Reich ausgesetzt waren, hatten Marx und Engels in ihrer Einleitung zur Neuausgabe von 1872 dieser Sicht selbst ungewollt Vorschub geleistet: «[D]as Manifest», schrieben sie, «ist ein geschichtliches Dokument, an dem zu ändern wir uns nicht mehr das Recht zuschreiben.»[15]

So kam es, dass Das Kommunistische Manifest nicht im neunzehnten, sondern im zwanzigsten Jahrhundert seine größte politische Bedeutung erlangte. Erst die Umbrüche des Ersten Weltkriegs und der bolschewistischen Revolution von 1917 verliehen ihm schließlich schlagartig Leben und die Kraft, gewissermaßen aus seinem eigenen Jenseits heraus, «reale» Kommunisten zu generieren, die bereit waren, ein apokalyptisches Szenario der Weltrevolution buchstabengetreu umzusetzen.

Dabei hatte es bereits in den 1870er Jahren Anhänger gegeben, die bereit gewesen waren, den Verfügungen des Kommunistischen Manifest auf eine Weise zu folgen, die wortgetreuer war als alles, was die etablierten sozialistischen Parteien für angemessen hielten. In einem autokratischen Regime wie dem Zarenreich, das über keine Tradition parlamentarischen Regierens, des Sozialismus oder der organisierten Arbeiterbewegung verfügte, erschien der «gewaltsame Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung» sehr viel plausibler, während in Westeuropa und Nordamerika eine Reihe militanter und kompromissloser Splittergruppen, die aufgrund der offenkundigen Fügsamkeit der im Parlament vertretenen sozialistischen Parteien frustriert waren, die Bedeutungen und Implikationen des Manifests minutiös erörterten. Der Triumph der russischen Revolution unter Führung der Bolschewisten im Jahr 1917 katapultierte diese verhärteten Sektierer von den Rändern in das Zentrum sozialistischer Politik.[16]

Mit der Gründung der Dritten Internationale wurde eine noch nie dagewesene und globale Form des orthodoxen Marxismus etabliert, die dem Kommunistischen Manifest einen ganz neuen kanonischen Status verlieh.[17] Die philosophische Naivität des «Marxismus» nach 1870 wurde von dem bleiernen Gewicht des dogmatischen und intoleranten «Marxismus-Leninismus» überlagert. Die zahlreichen, aber limitierten Auflagen des Kommunistischen Manifests, die mit den sozialistischen Parteien und marxistischen Sekten der Zeit vor 1914 assoziiert wurden, wurden von dem Gewicht der weltweiten Ausgaben marxistisch-leninistischer Klassiker, die der Moskauer «Verlag für fremdsprachige Literatur» am laufenden Band produzierte, praktisch erdrückt. Die neuen Parteien, die ausdrücklich zu dem Zweck gegründet worden waren, die Oktoberrevolution zu unterstützen und ihre Prinzipien zu weltweiter Anwendung zu bringen, nannten sich «kommunistische» Parteien. Das Manifest der kommunistischen Partei – so sein ursprünglicher und vollständiger Name – wurde zu einem Text, dessen Theoreme jeder Kommunist lernen, verstehen und akzeptieren sollte. Fußnoten und Leseanleitungen im Geist der Orthodoxie bügelten Widersprüche aus. Einzig die von Marx und Engels selbst vorgeschlagene Änderung aus dem Jahr 1872 wurde offiziell übernommen. Deren beiläufige Beobachtung, ursprünglich von Marx im Zusammenhang mit der Pariser Kommune formuliert – dass «die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann» –, erhielt von Lenin den Status einer Lehrmeinung ex cathedra und markierte von da an die Grenze zwischen Sozialismus und Kommunismus. Die opportunistischen sozialistischen Parteien der Zeit vor 1914, so hieß es nun, waren der revolutionären Konsequenz dieser Wahrheit ausgewichen: Kommunisten müssen «die Staatsmaschinerie zerschlagen».[18]

Während der Kämpfe und Auseinandersetzungen um den Kommunismus, die die Welt zwischen 1917 und 1991 beherrschten, wurde das Manifest als ganz und gar zeitgenössisches Dokument behandelt. Einigen Formulierungen wurde nun eine geradezu obsessive Bedeutung zugemessen und seine Gesamtinterpretation sorgsam überwacht. In den zwanziger Jahren begann man, die historische Entstehung des Manifests zu erforschen, kam aber über einige vielversprechende Pionierarbeiten nicht hinaus.[19] Im Ergebnis verschwanden so große und elementare Fragen wie nach der Definition des Kommunismus und der Stellung des Manifests unter einer immer dichteren Schicht marxistisch-leninistischer Monologe.

Die Rezeptionsgeschichte des Manifests[20]