Matthias Drobinski
und Thomas Urban
JOHANNES PAUL II.
Der Papst, der aus
dem Osten kam
C.H.Beck
Johannes Paul II. (1920–2005) war ein Jahrhundertpapst. Er begeisterte die Massen, und seine Besuche in Polen zeigten den Menschen im Ostblock: Es gibt eine Kraft, die stärker ist als der kommunistische Staatsapparat. Doch so sehr Karol Wojtyła in seiner Heimat stets die Reformer in der Kirche unterstützt hatte – als Papst regierte er selbst autoritär, beschnitt die Unabhängigkeit der Ortskirchen und maßregelte Theologen. Matthias Drobinski und Thomas Urban erzählen keine Heiligengeschichte, sondern porträtieren eine faszinierende Persönlichkeit, die Revolutionär und Reaktionär in Einem war.
Unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Terrorregimes entschied sich Karol Wojtyła für das Priestertum. Er entwickelte eine Theologie, die von der Freiheit und Würde des Menschen ausgeht, der über sich und seine materielle Existenz hinausstrebt. Er half durch sein Auftreten gegen den Kommunismus, den Eisernen Vorhang einzureißen, aber unerbittlich kritisierte er auch den Materialismus des Westens. In einem mutigen Schritt hat er als Papst um Vergebung gebeten für die Schuld der Vergangenheit. Doch mit seinem Festhalten an einer rigiden Sexualmoral, dem Nein zur Frauenordination und der Verkennung des Missbrauchsskandals hinterließ Johannes Paul II. seiner Kirche ein schweres Erbe.
Matthias Drobinski ist seit 1997 in der «Süddeutschen Zeitung» zuständig für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Als Journalist begleitete er die Amtszeiten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Nun berichtet er über Papst Franziskus.
Thomas Urban war als Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» von 1988 bis 2012 Zeitzeuge der großen Umwälzungen in Osteuropa. Bei C. H.Beck ist zuletzt von ihm erschienen: «Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens» (2015).
VORWORT
1. NON SUM DIGNUS
Helden des Fußballs und der Romantik
Jüdische Freundinnen und Freunde
2. DEUTSCHER TERROR UND LEBEN IM UNTERGRUND
Zwangsarbeit, Askese und Meditation
Vom verbotenen Theater zum verbotenen Priesterseminar
3. SUCHE NACH NISCHEN IM STALINISMUS
Römische Studien und Begegnungen
Kulturkampf an der Weichsel
Kaplan für Bauern und Studenten
Non possumus!
Christlicher Personalismus vs. absoluter Personalismus
4. JÜNGSTER BISCHOF DER
VOLKSREPUBLIK POLEN
Wonne, Liebe und Verantwortung
Fleißiger Netzwerker auf dem Konzil
Triumph mit Freude und Hoffnung
5. EIN UNBEQUEMER GEGNER FÜR DIE PARTEIIDEOLOGEN
Der Irrtum des kommunistischen Chefideologen
Stichwortgeber für «Humanae vitae»
Brot und Recht auf Freiheit
Große Auftritte bei Reisen in den Westen
6. HABEMUS PAPAM
Überraschende Wahl des Außenseiters
Weißer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle
Alarm in den Parteizentralen in Warschau und Moskau
7. FRISCHER WIND IN DER KURIE
Ein eigenes Machtzentrum im Vatikan
Dialog der Kirchen und Religionen
Charisma und spontane Begegnungen
8. TRIUMPH IN DER HEIMAT, SKEPSIS BEI DEN NACHBARN
Bestürzung und Unmut in der Parteiführung
Papstbilder auf der Lenin-Werft
Erste Konflikte mit den Deutschen
Maßregelung der Niederländer und Jesuiten
9. SCHÜSSE AUF DEM PETERSPLATZ
Die drei Geheimnisse von Fátima
Gescheiterter Prozess um die «bulgarische Spur»
Gesäuberte Archive und falsche Gerüchte
10. KRIEG DER KOMMUNISTEN GEGEN DAS EIGENE VOLK
Spitzel und Spione im Herzen der Kirche
«Auf den Knien vor dem Papst rutschen»
11. RIGIDER KURS NACH INNEN, DIALOG NACH AUSSEN
Die Aufwertung des Opus Dei und der Legionäre Christi
Streit um die Befreiungstheologie
Konfrontation mit den Sandinisten
Ein revolutionäres Treffen in Assisi
Begeisterung bei der Jugend, Skepsis bei den Frauen
Reform der Kurie und Bruch mit den Traditionalisten
Ein Kardinal für Köln
12. DAS ENDE DES OSTBLOCKS
Werben für ein «neues Europa»
Ärger und Enttäuschung über die polnischen Landsleute
Vergebliche Einsätze für Frieden
13. POSITIONSBESTIMMUNG IN DER GLOBALISIERTEN WELT
Kritik am Kapitalismus und am moralischen Relativismus
Warnungen vor einer «Kultur des Todes»
Aufruf zur Ökumene, Dialog mit den Juden
Gemeinsam mit Postkommunisten für Europa
Spannungen mit dem Dritten Rom
Ein neues Bild Martin Luthers
14. SORGEN IM NEUEN JAHRTAUSEND
Vom Garten Gethsemane zur Grabeskirche
Ungehörte Warnungen vor Krieg in Nahost
Skandale um die sexuelle Gewalt
Unterstützung für die Europäische Union
15. SANTO SUBITO!
Am Ende des Lebenswegs
Die große Pilgerfahrt
Jubel in Polen über den deutschen Nachfolger
NACHWORT
ANMERKUNGEN
1. Non dignus sum
2. Deutscher Terror und Leben im Untergrund
3. Suche nach Nischen im Stalinismus
4. Jüngster Bischof der Volksrepublik Polen
5. Ein unbequemer Gegner für die Parteiideologen
6. Habemus papam
7. Frischer Wind in der Kurie
8. Triumph in der Heimat, Skepsis bei den Nachbarn
9. Schüsse auf dem Petersplatz
10. Krieg der Kommunisten gegen das eigene Volk
11. Rigider Kurs nach innen, Dialog nach außen
12. Das Ende des Ostblocks
13. Positionsbestimmung in der globalisierten Welt
14. Sorgen im neuen Jahrtausend
15. Santo subito!
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
LITERATURVERZEICHNIS
1. Schriften Karol Wojtyłas und Johannes Pauls II.
2. Memoiren
3. Biographien
4. Studien und Dokumente
ABBILDUNGSNACHWEIS
PERSONENREGISTER
Es ist ein Pilgerzug, wie ihn die moderne Welt noch nicht gesehen hat. Schon in den letzten Märztagen 2005, als der sterbende Papst Johannes Paul II. mit letzter Kraft und stumm vom Fenster in der obersten Etage des Apostolischen Palasts aus die wartende Menge auf dem Petersplatz segnet, haben sich Tausende auf den Weg nach Rom gemacht, aus Polen, Europa, der ganzen Welt, darunter auffallend viele junge Frauen und Männer. Nun, da der tote Papst aufgebahrt im Petersdom liegt, platzt die Stadt aus allen Nähten. Dreieinhalb Millionen Menschen sind gekommen, um Abschied von Karol Wojtyła zu nehmen, der die katholische Kirche ins dritte Jahrtausend geführt hat. So schätzt es die römische Stadtverwaltung – tatsächlich aber weiß niemand, wie viele Menschen sich da auf den Weg gemacht haben, ohne irgendeine Unterkunft gebucht zu haben. Das angeblich so säkular gewordene Europa ist ergriffen vom Sterben des Mannes, der mehr als 26 Jahre lang die katholische Kirche geleitet hat; länger war nur das Pontifikat von Papst Pius IX., der von 1846 bis 1878 im Amt war – und die legendenhafte 30-jährige Leitung der jungen Christenschar durch den heiligen Petrus. Weltweit zwei Milliarden Menschen verfolgen angeblich die Trauerfeier im Fernsehen; in den Straßen Roms erschallen Sprechchöre: «Santo subito!» Sprecht ihn heilig, sofort!
Johannes Paul II. war ein Jahrhundert- wenn nicht ein Jahrtausendpapst. Er war der erste Nichtitaliener seit 455 Jahren auf dem Stuhl Petri, der erste Medienpapst, dessen Reisen und Fernsehpräsenz ihn zum bekanntesten Menschen der Welt machten, gemeinsam mit dem jeweiligen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seine Reisen nach Polen seit 1979, wo bis zu einem Drittel der Bevölkerung zu den Messen mit dem Papst strömte, seine Unterstützung für die Gewerkschaft Solidarność trugen zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Mittel- und Osteuropa bei: Da war ein Papst, dem die Grenzen des Eisernen Vorhangs nichts bedeuteten. Sein Glaube an Gott und an das Recht des Menschen auf Menschenwürde und Freiheit erwies sich als stärker als Materialismus und Marxismus. Nach 1990 wurde er in der zunehmend globalisierten Welt zum globalen Mahner für die unteilbare Würde des Menschen vom Beginn bis zum Ende des Lebens; er war überzeugt, dass auch der kapitalistische Materialismus und der egoistische Konsum Götzen seien, denen die Kirche widersprechen müsse. Bis zuletzt versuchte er, schon von Krankheit gezeichnet, den Irakkrieg 2003 zu verhindern – vergebens.
Nach seiner Wahl am 16. Oktober 1978 rief ein strahlender, energiegeladener Papst der Menge auf dem Petersplatz zu: «Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen und Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine Macht!» Dieser Papst fuhr Ski und scherzte polyglott mit den Journalisten, er brach mit vielen althergebrachten Gewohnheiten im Vatikan, begeisterte mit Menschlichkeit und Herzlichkeit. Gegen alle Bedenken suchte er den Dialog mit Juden und Muslimen; 1986 beteten auf seine Initiative hin Vertreter der drei abrahamitischen Religionen in Assisi für den Frieden. Und im Jahr 2000 bekannte er in einem mutigen Akt die Fehler und Sünden, die im vergangenen Jahrtausend im Namen der katholischen Kirche begangen worden waren, Ketzerverbrennungen und Judenverfolgungen eingeschlossen. Wie der zitternde Papst zur Jahrtausendwende auf der Schwelle der Heiligen Pforte kniete, wie er als Büßer zum Zeichen der Reue mühsam den Korpus eines Holzkreuzes küsste – das gehört zu den großen Augenblicken der Kirchengeschichte.
Dennoch: Vielen Katholiken in Deutschland und Westeuropa galt er als autoritärer Papst, manchen gar als eine Art geistlicher Diktator, als Vertreter einer lebensfernen Sexualmoral, der am Ende die katholische Kirche in die theologische und geistliche Enge getrieben hat. Der Papst, der in Polen so unerschrocken für die Freiheit des Menschen eintrat, bekämpfte in Lateinamerika mit all seiner Macht die Befreiungstheologie. Er ließ weltweit Theologen maßregeln, die ihm der Abweichung verdächtig erschienen. Er ließ Bischöfe und ganze Bischofskonferenzen auf Linie bringen, in Lateinamerika und in den Niederlanden – in Deutschland war es der bittere Streit um den schließlich verordneten Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung, der auch viele treue Katholiken in die Opposition zum Papst trieb. Johannes Paul II. sagte kategorisch Nein zur Priesterweihe für Frauen und verlangte von Theologen einen Treueeid, der sie verpflichtete, päpstliche Meinungen als Lehre der Kirche anzunehmen, auch wenn sie nicht als Dogma festgeschrieben sind. Er förderte reaktionäre Gemeinschaften wie das Opus Dei und die Legionäre Christi, setzte ungeeignete und unfähige Bischöfe ein, die auf Jahre hinaus die Ortskirchen spalteten. Und er verdrängte den Skandal, dass Priester und Ordensleute Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt antaten. Dass die katholische Kirche heute weltweit in der Krise steckt, hat seine Wurzel im Pontifikat Johannes Pauls II.
Der Revolutionär und der Reaktionär, der brüderliche und der autoritäre Papst – trotz des Widerspruchs, der sich aufzutun scheint: Keiner der führenden Menschen der Jahrtausendwende hat seine Maximen so konsequent gelebt wie er. Im Zeitalter zunehmender Beliebigkeit blieb er kompromisslos seiner Weltanschauung treu, so radikal, dass er auch vielen Menschen im Westen fremd bleiben musste, nicht willens, ihren Pluralismus zu akzeptieren und ihre Versuche, den Katholizismus mit Moderne und Postmoderne zu versöhnen. Die Kirche musste für Karol Wojtyła die gottgewollte Ordnung vertreten, gegen alle Staaten, Wirtschaftssysteme, Ideologien; sie durfte deshalb ihren Glauben, ihre Normen nicht relativieren, sie musste mit starker Hand die Menschen leiten.
«Du wirst die Kirche ins dritte Jahrtausend führen», hatte ihm Stefan Wysyzński, der polnische Primas, nach der Papstwahl 1978 mit auf den Weg gegeben. Für Johannes Paul II. war das mehr als ein frommer Wunsch. Es war für ihn der Plan, den Gott mit ihm hatte. Und wahrscheinlich kann ein Mensch die Strapazen eines solchen Pontifikats nur in diesem Bewusstsein aushalten: Dich hat Gott gesandt und dir eine Aufgabe gegeben. Nur so waren das Attentat vom 13. Mai 1981 und die vielen Operationen zu überleben. Am Marienwallfahrtsort Fátima sagte Johannes Paul II. im Jahr 2000, durch die Fürsorge Mariens sei 1981 die Kugel des Attentäters Ali Ağca abgelenkt worden. Dahinter steckte die Überzeugung: Das Werkzeug Gottes bricht nicht vor der Zeit. Als Abbild des leidenden Gottesknechts, der die Schmerzen der Welt trägt, ist Johannes Paul II. bis zuletzt seinem Amt und seiner Sendung treu geblieben und hat damit auch viele Menschen berührt, die seine Weltsicht nicht teilten: Dieser Mann war ganz und gar er selbst.
Dieses Buch versucht, sich der Persönlichkeit Karol Wojtyłas zu nähern, der vor nunmehr hundert Jahren geboren wurde – im Bewusstsein, dass eine solche Biografie immer nur eine Annäherung sein kann, dass Menschen immer rätselhafter, vielschichtiger und komplexer sind, als Biografen das ergründen können. Papst Franziskus hat Johannes Paul II. heiliggesprochen und den Wunsch der Rufer des Jahres 2005 nach schon neun Jahren erfüllt. Die Autoren allerdings mögen kein Heiligenbild des Jahrtausendpapstes schreiben; sie versuchen, sein Handeln darzustellen und sein Denken zu ergründen, seine faszinierende und bewundernswerte historische Leistung genauso zu beschreiben wie seine Grenzen und Fehler. So hat ja auch Franziskus in seinem Schreiben «Gaudete et exsultate» beschrieben, was einen Heiligen ausmacht: nicht, dass er perfekt ist und ohne Fehler oder Irrtümer, sondern dass er sein Leben in Liebe und Hingabe lebt. Liebe und Hingabe – das wird keiner Karol Wojtyła mit guten Gründen absprechen können.
*
Dieses Buch verdankt viel mehreren Vatikan-Berichterstattern der internationalen Presse, die den Papst viele Jahre begleitet und vielerlei Kontakte in die Kurie gepflegt haben. Genannt seien hier die umfangreichen Publikationen des Polen Jacek Moskwa, des Amerikaners George Weigel sowie des Italieners Marco Politi. Sie haben seit der Wahl Karol Wojtyłas zum Papst zahlreiche Weggefährten und Zeitzeugen befragt, die mittlerweile alle verstorben sind; auf diese Weise haben sie wichtige Beiträge zu einem Bild von seiner Persönlichkeit geleistet. Diesen drei Biographen gebührt der besondere Dank der Autoren. Zu nennen wären hier auch die polnischen Historiker, die nach der politischen Wende in ihrem Heimatland in unermüdlicher Fleißarbeit Zehntausende von Berichten der kommunistisch kontrollierten Geheimdienste durchgearbeitet und die wichtigsten Dokumente publiziert haben. Der zeitgeschichtlichen Forschung verschlossen geblieben sind dagegen bis heute die Archive der sowjetischen Geheimdienste, die das Wirken des polnischen Papstes von Anfang an als Bedrohung für den Bestand des von Moskau beherrschten Ostblocks ansahen, nur einzelne Dokumente wurden bekannt. Angeführt ist als Quelle auch mehrmals die in Krakau erschienene «Autobiografia» Johannes Pauls II. Dabei handelt es sich indes nicht um von ihm verfasste Memoiren, sondern um ein Mosaik von Äußerungen zu seinem Leben, die er bei vielen Gelegenheiten gemacht hat. Die Übersetzungen fremdsprachiger Zitate stammen, sofern nicht anders ausgewiesen, von den Autoren.
Der 18. Mai 1920 war ein Dienstag. Auf dem Markt der polnischen Kleinstadt Wadowice, 50 Kilometer südwestlich von Krakau, herrschte lebhaftes Treiben. Wenige Schritte davon entfernt erblickte an diesem Tag im ersten Stock des Hauses mit der Adresse Kirchstraße 7 Karol Józef Wojtyła das Licht der Welt. Wie damals üblich war es eine Hausgeburt, sie verlief ohne Komplikationen, der Junge war gesund und kräftig. Die Mutter erzählte ihm später, die Geburt sei auch deshalb so ruhig verlaufen, weil sie durch das geöffnete Fenster Chorgesang aus der nahegelegenen Kirche gehört habe. Sie habe dies als besonderes Zeichen Gottes gedeutet.
Emilia und Karol Wojtyła, die Eltern des künftigen Papstes, bei ihrer Hochzeit in der Krakauer Garnisonskirche am 10. Februar 1906
Karol Wojtyła war das dritte Kind der Eheleute Karol und Emilia Wojtyła, 40 und 36 Jahre alt. Der Vater war Leutnant der polnischen Streitkräfte, die Mutter Hausfrau, durch Näharbeiten trug sie zur Aufbesserung der Haushaltskasse bei. Ihr erster Sohn Edmund war bereits 14 Jahre alt. Auch eine Tochter wurde ihnen geboren, aber sie lebte nur 16 Stunden. Der frühe Tod des kleinen Mädchens, das auf den Namen Olga getauft werden sollte, hat die Mutter schwer getroffen; Karol erinnerte sich an sie als verhärmte Frau.
Der einjährige Karol, ein gesundes und kräftiges Kind (1921)
Wadowice war eine Garnisonsstadt, es gab mehrere kleine Fabriken und eine Papiermühle. Die Zeiten waren unruhig. Erst anderthalb Jahre vor der Geburt des Jüngsten der Wojtyłas war der polnische Staat mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder entstanden. Die Nachbarn Preußen, Österreich und Russland hatten das Land Ende des 18. Jahrhunderts unter sich aufgeteilt. Wadowice hatte zum österreichischen Teilungsgebiet gehört, der gelernte Schneider Karol Wojtyła senior hatte als Unteroffizier in den k.u.k. Streitkräften gedient. Der jüngere Karol hat später nie die Version dementiert, dass seine beiden Vornamen auf die Verehrung seines Vaters für die Habsburger zurückgingen: Der erste Name sollte an den – von ihm als Papst seliggesprochenen – letzten Kaiser Karl I. erinnern, der zweite an den langjährigen Herrscher Franz Joseph. Der Vater hat demnach die Habsburger dafür gerühmt, dass in ihrem Reich die Völker friedlich nebeneinander gelebt hätten sowie alle Sprachen und Kulturen respektiert worden seien.[1] Nach einer anderen Version hatten seine Namen dagegen einen patriotischen Ursprung: Karol hieß er schlicht nach dem Vater und Józef nach Marschall Piłsudski, dem ersten Staatschef des wiederentstandenen Polens.
1918 war die Habsburgermonarchie untergegangen, sie hatte mit den anderen beiden Teilungsmächten, dem Deutschen Reich und dem Zarenreich, zu den Kriegsverlierern gehört. Ihre Niederlage schuf die Voraussetzungen für die Wiedergeburt Polens nach 123 Jahren. Die Konferenz von Versailles gestand der neuen polnischen Republik einen großen Gebietszuwachs auf Kosten des Deutschen Reiches zu. Die Frage der polnischen Ostgrenze aber blieb offen, weil in diesem Teil Europas noch Kämpfe stattfanden. Dort standen noch Kontingente der Reichswehr, und es tobte der Russische Bürgerkrieg zwischen den zarentreuen Weißen Verbänden und der Roten Armee.
Marschall Józef Piłsudski, der Oberkommandierende der polnischen Streitkräfte, strebte eine Konföderation unter Führung Warschaus an, zu der Litauen sowie weite Teile Weißrusslands und der Ukraine gehören sollten, somit eine Neuauflage der einstigen europäischen Großmacht Polen-Litauen. Als die Rote Armee die litauische Hauptstadt Wilna besetzte, gingen die Polen zum Gegenangriff über. Sie machten riesige Geländegewinne und zogen Anfang Mai 1920 in Kiew ein. In der Garnison von Wadowice war die Freude über diesen ersten Erfolg der neu aufgestellten Streitkräfte groß, auch bei Leutnant Wojtyła, der wegen seiner fragilen Gesundheit nicht zur kämpfenden Truppe beordert worden war. Als sein zweiter Sohn am 18. Mai geboren wurde, wusste er nicht, dass die Rote Armee inzwischen die Truppen Piłsudskis in die Flucht geschlagen hatte und selbst wieder nach Westen vorrückte – die Nachrichten darüber waren in den Kriegswirren noch nicht in die Presse gelangt.
Im August erreichte die Rote Armee die Weichsel südlich von Warschau und schickte sich an, die polnische Hauptstadt einzunehmen. Der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin hatte bereits eine neue bolschewistische Führung für Polen bestimmt; an ihrer Spitze sollte der aus einer adligen polnischen Familie stammende Feliks Dzierżyński stehen, der Chef der Geheimpolizei Tscheka und somit oberster Vollstrecker des «roten Terrors». Die Polen sahen ihren jungen Staat in seiner Existenz bedroht und warfen alle ihre Verbände der Roten Armee entgegen. Es gelang ihnen, deren Einheiten von hinten zu umfassen und vernichtend zu schlagen.
Der Sieg am 15. August 1920 wurde zum «Wunder an der Weichsel» verklärt. Da er auf das Fest Mariä Himmelfahrt gefallen war, wurde die Muttergottes in einer gemeinsamen Zeremonie der polnischen Bischöfe und der Armeeführung zur Oberbefehlshaberin der polnischen Streitkräfte erklärt. Leutnant Wojtyła war dies sehr recht: Er war ein frommer, gottesfürchtiger Mann. Statt einer Hochzeitsreise hatte er mit seiner frisch angetrauten Frau eine Wallfahrt unternommen. Im Wohnzimmer der Familie stand ein Kniebänkchen, auf einer Kommode ein kleiner Altar mit einem Kruzifix, vor dem Kerzen brannten, neben der Tür hing ein kleiner Weihwasserkessel. Fast jeden Morgen besuchte er die Frühmesse, meist begleitet von seinen Söhnen. Gemeinsam betete die Familie oft den Rosenkranz.
Wie schon zu k.u.k. Zeiten hatte er einen Posten in der Militärverwaltung inne. Er musste nicht in seiner Kaserne wohnen, meist kam er zum Mittagessen nach Hause. Die Wojtyłas wohnten zur Miete, der Hausbesitzer war ein wohlhabender jüdischer Kaufmann, der unter anderem mit Motorrädern handelte. Karol Wojtyła junior beschrieb ihn als freundlich und überaus korrekt. Ein Viertel der knapp 10.000 Einwohner des Städtchens waren Juden. Der «Autobiografia» zufolge erlebte er ein «Gefühl der Zusammengehörigkeit» zwischen den meisten Katholiken und Juden von Wadowice: «Beide Religionsgruppen, so vermute ich, hat das Bewusstsein verbunden, dass sie zum selben Gott beteten.» Die Juden hätten sich als «polnische Patrioten» gesehen.[2]
Lolek, wie er mit dem Kosenamen in der Familie und der Schule genannt wurde, war ein ausgezeichneter und fleißiger Schüler.[3] Als er in der ersten Klasse war, gewann ihn der Kaplan Kazimierz Figlewicz, der in der Schule den Religionsunterricht gab, für die Ministrantengruppe. Figlewicz betreute auch die Schulklasse bei der Vorbereitung zur Erstkommunion, er wurde Karol Wojtyłas erster Beichtvater. Der Junge trug bei dem Fest den Kommunionanzug seines Bruders, für einen neuen war kein Geld im Haus.[4] Der Kaplan sollte auch später noch eine wichtige Rolle im Leben des künftigen Papstes spielen.
Der neunjährige Karol am Tag seiner Erstkommunion am 25. Mai 1929
Figlewicz war für den damals Neunjährigen auch eine Stütze, als Emilia Wojtyła starb, gerade einmal 45 Jahre alt. Die Jahre zuvor war sie wiederholt schwer krank gewesen, auch litt sie permanent unter Rückenschmerzen. Der Sohn äußerte später, als er Priesterseminarist war, gegenüber einem Kommilitonen: «Meine Mutter war eine kranke Frau. Sie musste hart arbeiten und hatte nie Zeit für mich.»[5] Die letzte Zeit vor ihrem Tod hatte sie aber nicht mehr arbeiten können, sie war gelähmt und bettlägerig. Die Ärzte gaben als Todesursache Nierenversagen und einen angeborenen Herzfehler an. Als er Student war, widmete Karol ihr ein Gedicht, dem er den Titel «Das weiße Grab» gab. Mehrere Papst-Biographen sehen im frühen Verlust der Mutter den Grund für seine tiefe Marienverehrung. Die Verehrung der Muttergottes war allerdings auch eine lange Familientradition: Schon sein Urgroßvater und sein Großvater hatten Marienwallfahrten angeführt.[6]
Karol Wojtyła war ein Musterschüler, der seine Klassenkameraden nie abschreiben ließ (um 1930)
Nach dem Tod der Mutter unternahm der Vater gemeinsam mit dem neunjährigen Karol eine Wallfahrt in das Dorf Kalwarya am Rande der Beskiden, wo in der Karwoche Passionsspiele Zehntausende Gläubige anziehen. Gemeinsam beteten sie auf allen Stationen des Kreuzwegs, auf dem lebensgroße Figuren das Leiden Christi veranschaulichen.[7] Er kehrte immer wieder an diesen Ort zurück. Am Allerheiligentag 1966, zum 20. Jahrestag seiner Priesterweihe, schrieb er dort in sein persönliches Notizbuch: «Eine wunderbare Vereinigung des Kreuzwegs Christi und des Weges seiner Mutter.» Aus diesem Erbe sei sein eigenes Priestertum geboren.[8]
Neben dem Vater wurde für den Jungen nun sein älterer Bruder Edmund die wichtigste Bezugsperson. Wie er später schilderte, bewunderte er ihn. Edmund Wojtyła studierte mittlerweile an der Jagiellonen-Universität in Krakau Medizin. Er spielte sehr gut Fußball und Tennis, auch war er ein begabter Schachspieler. Seine Begeisterung für Sport übertrug er auf den kleinen Bruder, er brachte ihm Skifahren bei und nahm ihn auf Bergtouren mit. 1930 wurde Edmund Wojtyła mit der Note «Magna cum lauda» zum Doktor der Medizin promoviert. Doch nur zwei Jahre später starb er, er hatte sich bei einer Patientin mit Scharlach angesteckt. Kaplan Figlewicz hatte den Eindruck, der plötzliche Tod des bewunderten Bruders habe den zwölfjährigen Karol noch mehr getroffen als der Tod der Mutter. 50 Jahre später sagte der Papst bei einem Besuch der Jagiellonen-Universität: «Das sind Ereignisse, die sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben – der Tod meines Bruders vielleicht noch tiefer als der Tod meiner Mutter, ebenso wegen der tragischen Umstände wie wegen meiner größeren Reife zu dieser Zeit.»[9] Er bekam das Stethoskop des Bruders, es fand später seinen Platz auf seinem Schreibtisch im Vatikan.
Wadowice war als Kreisstadt Sitz eines Jungen- und eines Mädchengymnasiums. Zwei Laientheater, ein Laienorchester und ein Literaturzirkel sorgten für ein solides Kulturangebot. Karol Wojtyła war auch als Gymnasiast ein ausgezeichneter Schüler. Sein besonderes Interesse galt der polnischen Literatur und Geschichte sowie den Fremdsprachen, beginnend mit Latein, das ihm sehr leicht fiel. Sein Vater versuchte auch, ihm Deutsch näher zu bringen, immer wieder redete er mit ihm auf Deutsch. Als er in die Oberstufe kam, versuchte der Sohn, mit Hilfe eines Wörterbuchs Kants «Kritik der reinen Vernunft» im Original zu lesen, war aber bei diesem Vorhaben nicht sehr erfolgreich, wie er selbst später einräumte.
Wie sein verstorbener Bruder Edmund wurde auch Lolek ein begeisterter Sportler. Er spielte exzellent Tischtennis, vor allem aber Fußball, wobei er sich immer wieder das Knie aufschlug; am liebsten stand er im Tor. Nach den Schilderungen von Mitschülern war er bei Zweikämpfen nicht zimperlich, aber stets fair. Oft traten auf den Straßen und Plätzen, wo sich die Jugend traf, katholische gegen jüdische Mannschaften an. Wenn letztere nicht genug Spieler zusammenbrachten, wechselte Karol die Seiten und hütete das jüdische Tor.[10] Er unterhielt zu einigen seiner jüdischen Mitschüler freundschaftliche Kontakte; Jerzy Kluger, der Sohn eines Rechtsanwalts, wurde sein bester Freund in Wadowice und blieb es bis ins hohe Alter. Von Kluger stammen viele Informationen über die gemeinsame Jugendzeit.[11]
Begeistert hörte er gemeinsam mit Freunden Übertragungen von Fußballpartien im Radio. Sein Lieblingsverein war Cracovia, der erste polnische Fußballmeister, auch als Papst bekannte er sich dazu. Es war auch ein weltanschauliches Bekenntnis: Cracovia galt in Krakau als Club des liberalen Bürgertums, in dem religiöse oder nationale Fragen keine Rolle spielten. Die Nationalpatrioten sprachen abschätzig vom «jüdischen Club». Deren Lager stand hinter dem Lokalrivalen Wisła Krakau, der grundsätzlich keine Juden als Mitglieder aufnahm.
Zu den Cracovia-Stars, die damals die Anhänger des Clubs wie Karol Wojtyła verehrten, gehörten der jüdische Dribbelkünstler Leon Sperling, der Torjäger Adam Kogut und der Abwehrrecke Stefan Fryc. Das spätere Schicksal dieser drei, die auch polnische Nationalspieler waren, spiegelt das Los Polens im Zweiten Weltkrieg wider: Sperling fand im Ghetto von Lemberg den Tod, Kogut geriet als Kompaniechef der Panzertruppe in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde vom Geheimdienst NKWD im Wald von Katyn erschossen, Fryc wurde als Angehöriger des polnischen Widerstands von der SS ermordet.[12]
Eines tat Karol Wojtyła nicht: Er prügelte sich nie während eines Fußballspiels oder danach. Auch ging er anschließend nie mit den anderen in die Kneipe, um Bier zu trinken, sondern zog es vor, nach Hause zu gehen. An seiner Schule wurde er mit 15 Jahren Vorsitzender des Clubs der Abstinenzler, die sich zur Aufgabe gesetzt hatten, ihre Mitmenschen von der Schädlichkeit des Alkohols zu überzeugen.
Übel genommen wurde es ihm offenbar nicht, er galt als religiöser Sonderling, der seine Frömmigkeit nicht verhehlte. Weiterhin ging er nahezu täglich zur Frühmesse. Er wurde Oberministrant und übernahm an seiner Schule die Leitung der Bruderschaft Mariens, eines von Jesuiten gegründeten Laienzirkels, in dem regelmäßig der Rosenkranz gebetet wurde. Als ein Mitschüler ihn fragte, ob er Priester werden wollte, antwortete er auf Lateinisch: «Non sum dignus.» – Ich bin nicht würdig.
Karol Wojtyła nahm gern an Festen teil. Bei Abenden am Lagerfeuer glänzte er als unterhaltsamer Witze- und Geschichtenerzähler; gekonnt ahmte er seine Lehrer nach. Nur an einem Punkt störten sich manche seiner Klassenkameraden: Er ließ niemanden abschreiben, sondern stand auf dem Standpunkt, dass gute Noten ehrlich verdient werden müssten.[13]
Am Lagerfeuer sangen die Jugendlichen auch die Rota, ein patriotisches Lied über den Kampf gegen die Unterdrückung der Polen in Preußen.[14] Im preußischen Teilungsgebiet war im Rahmen des Kulturkampfs Bismarcks gegen die katholische Kirche auch die polnische Sprache massiv unterdrückt worden. Die bekanntesten und am lautesten gesungenen Verse der Rota lauten: «Der Deutsche wird uns nicht ins Gesicht spucken/nicht unsere Kinder germanisieren!»
Das Lied entsprach dem Zeitgeist in der wiedererstandenen Republik, auch die Schulprogramme unterstrichen den Kampf der Polen für ihre Freiheit. Im Mittelpunkt des Literaturunterrichts standen deshalb die Werke des Romanciers Henryk Sienkiewicz (1846–1916) sowie der polnischen Romantik. Diesen Büchern war gemeinsam, dass sie, oft in allegorischer Form, den Kampf um die Freiheit der geteilten Nation zum Gegenstand hatten.
Wie wohl die meisten seiner Altersgenossen hat Karol Wojtyła begeistert Sienkiewiczs Historienromane gelesen, in denen die Polen Kriege gegen die deutschen Ordensritter, die ukrainischen Kosaken sowie die nach Mitteleuropa vordringenden Schweden und Türken gewinnen. Die gedemütigte Nation richtete sich an diesen Schilderungen auf. Nicht minder beeindruckt hat ihn der Roman «Quo Vadis» über die Christenverfolgung im alten Rom; Sienkiewicz bekam dafür den Nobelpreis für Literatur.
Zeichnen sich diese Heldenromane, in denen es auch an amourösen Geschichten nicht fehlt, durch eine gewisse Oberflächlichkeit und schematische Zeichnung der Protagonisten aus, so verlangten die Werke der Romantiker eine tiefer gehende inhaltliche Auseinandersetzung. Auch bei ihnen ist das Hauptmotiv die Hoffnung auf die Wiedergeburt der Nation, verknüpft mit Bekenntnissen zum Katholizismus. Ihre führenden Köpfe waren Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki.
Mickiewicz (1798–1855) stellte die Polen als ein vom Herrn auserwähltes Volk dar. Die Teilung und die Repression des polnischen Geistes bedeute Leiden, doch das Martyrium sei Voraussetzung und Weg zur Freiheit und zur Herrlichkeit. «Polen ist der Christus der Völker», verkündete Mickiewicz, der auch religiös-philosophische Schriften verfasste. Wenn Polen am Ende seines Leidenswegs frei sein werde, so werde es auch andere unterdrückte Völker befreien können. Er wurde somit zum Herold des polnischen Messianismus, der nicht nur den jungen Wojtyła stark beeinflusste, sondern auch sein späteres Wirken als Bischof und als Papst.
Für Mickiewicz kommt nach dem Glauben an Gott gleich der Glaube an die Unvergänglichkeit der Nation; die höchste Form der Liebe zur Nation stelle der Kampf in einer Freiwilligenlegion dar. Dieser Messianismus beflügelte die Polen im 19. Jahrhundert zu mehreren Aufständen gegen die Teilungsmächte, die indes alle brutal niedergeschlagen wurden. Dass die Unterdrücker das protestantische Preußen und das orthodoxe Zarenreich waren, bestärkte die Polen in der Überzeugung, dass sie als Freiheitskämpfer auch Märtyrer des wahren, nämlich des katholischen Bekenntnisses seien. Mickiewicz versuchte selbst, ein Beispiel zu geben: Er scharte Freiwillige um sich, die eine Legion für den Kampf gegen die Armee des Zaren bilden sollten.
Der Gymnasiast Karol Wojtyła machte sich durchaus Mickiewiczs Geschichtsbilder zu eigen. Doch befremdete ihn der Gedanke, Blut im Kampf für die Freiheit zu vergießen. Immerhin beeindruckte er seine Mitschüler damit, dass er Mickiewiczs berühmtes Versepos «Herr Thaddäus» (Pan Tadeusz) auswendig lernte. Die Haupthandlung besteht in einem alten Streit zwischen zwei polnischen Adelssippen, die sich dann aber zusammentun, um die russischen Besatzer zu bekämpfen.
Auch der romantische Dichter Juliusz Słowacki (1809–1849), dessen Hauptwerke ebenfalls zur Schullektüre Wojtyłas gehörten, verkündete, dass Polen eine besondere Rolle im Drama der Menschheit zu spielen habe. Die polnische Gesellschaft, im Glauben an Gott vereint, sei der Platz für den Geist, der über das Schicksal der Menschheit bestimme. Słowacki ging noch einen Schritt weiter als Mickiewicz: Er sagte 1848 voraus, dass eines Tages ein «slawischer Papst» kommen werde, um die Christenheit zu führen:
«Wenn Gefahr droht, dann hebt Gott der Allmächtige
Mit gewaltigem Glockenton
Als neuen Papst
Einen Slawen auf seinen Thron.»
Noch näher als den beiden Verfechtern einer romantischen Nationalmythologie sah sich Wojtyła einem jüngeren ihrer Zeitgenossen: Cyprian Norwid (1821–1883). Auch er sah das Heil der Menschheit in der Religion: «Christus hat die Menschen aus dem Reich des blinden Schicksals in das Reich der Freiheit geführt.» Er fasste jedoch auch die realen Nöte der Gegenwart ins Auge: «Würde und Erfüllung in der Arbeit vermag der Mensch nur zu finden, wenn er sie mit Liebe verrichten kann.» Norwid verlangte Solidarität mit allen Benachteiligten in der Gesellschaft. Er geißelte Materialismus, Gewinnstreben und blinde Technikgläubigkeit in der modernen Welt, wie sie sich nach seiner Auffassung vor allem in den USA zeigten.
Dem Dreigestirn Mickiewicz, Słowacki und Norwid näherte sich Karol Wojtyła auch auf der Bühne des Schultheaters. Das Theaterspiel wurde seine große Leidenschaft. Der Leiter des Laientheaters von Wadowice, Mieczysław Kotlarczyk, der auch am Jungengymnasium unterrichtete, entdeckte sein Talent für die Schauspielerei und förderte ihn. Kotlarczyk, den Wojtyła später als «glühenden Christen» bezeichnete, legte großen Wert auf eine klare Diktion; immer wieder mussten seine Eleven Sprechübungen machen. Gleichzeitig lehnte er Effekthascherei wie theatralische Gestik, Schreien oder Schluchzen entschieden ab – nichts dürfe vom Wort ablenken. Kotlarczyk war neben dem Kaplan Figlewicz der zweite Lehrer aus Wadowice, der eine wichtige Rolle in Wojtyłas Leben spielte. Beide wurden zu Konkurrenten um den Einfluss auf ihren Schützling.
Wojtyła wurde zur Stütze des Schultheaters, seine Schulfreundin Halina Królikiewicz (links) wurde eine berühmte Schauspielerin
Der Gymnasiast übernahm Hauptrollen und führte auch bei mehreren Aufführungen Regie. An ihm war schon damals der ausgeprägte Hang zu beobachten, die Zuschauer zum Applaus zu bewegen, wie Mitspieler später berichteten. Auf dem Spielplan standen überwiegend historische Dramen aus dem polnischen Repertoire der Romantik und Neoromantik, meist hatten sie einen starken religiösen Bezug.[15]
Das Schultheater hatte für die jungen Schauspieler einen besonderen Reiz: Die weiblichen Rollen übernahmen Schülerinnen des Mädchengymnasiums. Karol Wojtyła war nicht kontaktscheu. Er freundete sich mit mehreren von ihnen an, besonders eng mit Halina Królikiewicz, der Tochter seines Schuldirektors. Sie schrieb später über ihn: «Allgemein herrschte auf dem Gymnasium die Meinung vor, dass er Schauspieler werde. Er war gut gebaut, sah gut aus, war mit einer schönen Stimme gesegnet, er hatte ein hervorragendes Gedächtnis, eine sehr gute Aussprache, er war nachdenklich und sensibel.»[16] Doch war sie es, die später Karriere im Theater machte.
In Wadowice verwies sie ihn bei einem Rezitierwettbewerb, bei dem eine berühmte Schauspielerin aus Krakau die Noten vergab, auf den zweiten Platz. Als er Papst war, hielt er ihr dies bei einem Treffen scherzhaft vor. Die Freundschaft hielt ihr Leben lang.
Seine Mitschüler berichteten, dass er bei Festen gern tanzte. Besonders Tango habe es ihm angetan, bei dem die Tänzer allerdings sittsam Abstand voneinander hielten. Auch beim Walzer habe er eine gute Figur abgegeben. Diese Schilderungen führten später zu zahlreichen Spekulationen über Liebschaften oder gar eine sexuelle Beziehung des Gymnasiasten zu einer der Schülerinnen. Als ein junger polnischer Priester dies in einem Artikel über die jungen Jahre des Papstes andeutete, bekam er überraschend Post aus dem Vatikan. Der Papst schrieb ihm persönlich: «Können Sie sich nicht vorstellen, dass ein junger Mann leben kann, ohne sich schwer zu versündigen?»[17]
Zu einer der jungen Schauspielerinnen aus dem Mädchengymnasium pflegte er eine besonders innige Freundschaft: Regina Beer, genannt Ginka. Sie war Jüdin und zwei Jahre älter als er. Wojtyłas Freund Jerzy Kluger beschrieb sie mit den Worten: «Ein schlankes jüdisches Mädchen mit leuchtenden dunklen Augen und pechschwarzen Haaren, eine hervorragende Schauspielerin.» Kluger meinte auch, sein Freund habe für das schöne Mädchen geschwärmt.[18] Gemeinsam gingen sie nach den Theaterproben nach Hause, sie wohnten in derselben Straße.
Für die polnischen Juden war nach dem Tod des Staatschefs Piłsudski 1935 das politische Klima im Land immer drückender geworden. Der Marschall hatte Polen mit harter Hand regiert, seine Minister waren angewiesen, Streit unter den Glaubensgemeinschaften zu unterbinden. Piłsudski selbst hatte sich mit der katholischen Kirche überworfen; sie hatte ihm den Segen verweigert, als er die Scheidung von seiner Frau betrieb, um seine Geliebte zu heiraten. Nach seinem Tod kamen nationalistische Gruppierungen an die Macht. Zu den antisemitischen Gesetzen, die sie verabschiedeten, gehörte ein Numerus clausus für Juden an den Universitäten.
Der katholische Primas, Kardinal August Hlond, trug seinen Teil zur antisemitischen Stimmung bei. In einem Hirtenbrief erklärte er 1936: «Die Juden sind aktiv im Freimaurertum, sie bilden die Avantgarde der Gottlosigkeit und der Bewegung der Bolschewiken. Es ist eine Tatsache, dass der jüdische Einfluss auf die allgemeine Sittlichkeit negativ ist, auch propagieren ihre Verlage die Pornographie. Ebenso ist es wahr, dass Juden zu Betrügereien und Wucher neigen sowie Menschenhandel treiben.» Immerhin fügte Hlond an: «Aber nicht alle Juden sind so.» Er forderte die Gläubigen auf, «jüdische Geschäfte zu meiden». Doch sei es eine Sünde, Juden körperlich anzugreifen und ihre Geschäfte zu demolieren.[19]
Eine Reaktion von Karol Wojtyła auf diesen verstörenden Hirtenbrief ist nicht überliefert. Als Papst hat er später seine Distanz zu Hlond indirekt bekundet: 1992 unternahm der nationalkatholische Flügel des polnischen Episkopats einen ersten Versuch, den umstrittenen Primas wegen seines angeblich tugendhaften und vorbildlichen Lebens selig sprechen zu lassen. Dagegen protestierten die amerikanischen Bischöfe und internationale jüdische Organisationen. Aus Vatikankreisen wurde gestreut, dass Johannes Paul II. den Seligsprechungsprozess persönlich blockiert habe.
Auch in Wadowice schlug der antisemitische Kurs von Regierung und Kirchenführung durch. Der Vater von Wojtyłas Freund Jerzy Kluger musste am Klingelschild seiner Anwaltskanzlei zusätzlich einen jüdischen Vornamen anbringen. Doch es gab auch Widerstand dagegen: Nach einer Rauferei zwischen katholischen und jüdischen Schülern erklärte Klugers und Wojtyłas Geschichtslehrer der Klasse unter Berufung auf Mickiewicz, dass Juden und Christen gleichermaßen Kinder Abrahams seien, der jüdischen Religion müsse als der älteren mit Respekt begegnet werden.[20]
Im Mai 1938 besuchte der Erzbischof von Krakau, Adam Stefan Sapieha, Wadowice, um den älteren Schülern das Sakrament der Firmung zu spenden. Er stammte aus einer berühmten Fürstenfamilie, an der Kampagne gegen die Juden hat er sich nicht beteiligt, antisemitische Äußerungen von ihm sind nicht bekannt. Als Klassenbester hielt Wojtyła die Begrüßungsrede für den hohen Gast.
Der Krakauer Erzbischof Adam Stefan Sapieha wurde zum großen Förderer Karol Wojtyłas
Nach der Feier erkundigte sich Fürst Sapieha beim Religionslehrer, ob der Musterschüler sich schon zu seinen Berufswünschen geäußert habe. Der Kaplan sagte: «Er wird Polonistik studieren.» Der Erzbischof sagte daraufhin: «Schade, dass er nicht Theologie gewählt hat.» So hat es Johannes Paul II. selbst dargestellt.[21] Sapieha sollte später zu seinem großen Förderer werden.
Als bester Schüler seines Jahrgangs legte Wojtyła 1938 das Abitur ab
Im selben Jahr bestand Karol Wojtyła als Klassenbester das Abitur. Er schrieb sich für das Wintersemester an der Jagiellonen-Universität in Krakau für die Fächer Philosophie und Polnische Literatur ein. Sein Vater war mittlerweile pensioniert worden und kränkelte, der Sohn fühlte sich zunehmend für ihn verantwortlich und nahm die Organisation des Alltags in die Hand. Die beiden beschlossen deshalb, die Wohnung in Wadowice aufzugeben und zwei Zimmer im Souterrain des Hauses von Verwandten in Krakau zu beziehen. Die kleine Wohnung war feucht, dunkel und kalt, der alte Kachelofen sorgte im Winter nicht für ausreichende Wärme.[22]
Neben den obligatorischen Seminaren in den Hauptfächern belegte Karol Wojtyła ein Seminar «Humor, Komik und Ironie in der Literatur», Anfängerkurse für Russisch und Altkirchenslawisch sowie eine Einführung in die russische Literatur. Überdies nahm er privat Französischunterricht. Auch arbeitete er freiwillig in der Institutsbibliothek mit.
Weiterhin besuchte er fast täglich die Frühmesse. Oft ging er in die Wawel-Kathedrale, an die sein erster Religionslehrer Kazimierz Figlewicz als Kaplan versetzt worden war. Auch schrieb er ein Magnificat, eine Hymne auf die Muttergottes, die aber damals nicht veröffentlicht wurde. Kommilitonen legten auf seinen Platz ein Kärtchen mit den Worten: «Karol Wojtyła, Heiliger in Ausbildung» – er soll es mit Humor genommen haben. Nach den Schilderungen seiner Mitstudenten war er weit davon entfernt, ins Priesterseminar zu gehen. Vielmehr habe er es seine Pflicht genannt, als christlicher Laie bei der Lösung sozialer Probleme zu helfen. Erstmals schrieb er eine Reihe von religiösen Gedichten, erste Versuche nach dem Vorbild polnischer Poeten aus dem 16. Jahrhundert. Den Zyklus nannte er deshalb «Psalmenbuch aus der Renaissance»; das Jugendwerk wurde sechs Jahrzehnte später veröffentlicht.
Seine Leidenschaft blieb das Theater. In Krakau fand er Anschluss an eine kleine experimentelle Bühne und übernahm Nebenrollen. Wieder fand er sich schnell in die Gruppe ein. Kommilitonen berichteten, dass sich auch junge Frauen offenkundig für ihn interessiert hätten, doch er sei in diesem Punkt sehr zurückhaltend geblieben. Einer von ihnen schrieb später, dass Karol Wojtyła durchaus Freude am Leben gehabt habe, er habe gern bei Gesellschaftsspielen mitgemacht und auch die Schlager mitgesungen, die damals in Mode waren. Aber: «Umso mehr hat es uns gewundert, dass er nichts von den anderen Annehmlichkeiten genießen wollte, die sich uns, die wir mittlerweile erwachsene Männer waren, damals eröffneten.» Einer der Kameraden habe über Wojtyła und sein distanziertes Verhältnis zu Frauen gesagt: «Wenn ich diesen Körperbau und diese Stimme hätte, dann stünde mir die Welt offen und ich säße nicht zu Hause herum.»[23]
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