Über das Buch:
Murphy Shepherd ist ein Mann voller Geheimnisse. Er lebt auf einer kleinen Insel an der Küste Floridas, allein mit Zitrusbäumen, Rosenstöcken und einer verlassenen alten Kapelle. Eines Tages rettet er eine verletzte Frau namens Summer aus den Fluten der Wasserstraße und von da an ist nichts mehr, wie es war. Er unterstützt sie bei ihrer verzweifelten Suche nach ihrer spurlos verschwundenen Tochter. Dabei fühlt er sich nicht nur immer mehr zu Summer hingezogen, sondern gerät auch in den Strudel dunkler Machenschaften von Mädchenhändlern, die entlang der Ostküste agieren.
Eine fesselnde, temporeiche und dennoch poetische Erzählung von Heldenmut und der heilenden Kraft der Liebe. Inspiriert vom Gleichnis des guten Hirten auf der Suche nach dem verlorenen Schaf.

Über den Autor:
Charles Martin ist New York Times-Bestsellerautor von über vierzehn Romanen. Er und seine Frau Christy leben in Jacksonville, Florida. Mehr über Charles Martin auf
www.charlesmartinbooks.com
Facebook: Author.Charles.Martin
Twitter: @storiedcareer

Kapitel 6

Der Mond stand hoch und klar am Himmel und warf unseren Schatten aufs Wasser. Dieser Abschnitt der Küstenwasserstraße war normal besiedelt und im Vergleich zu einer Stadt wie St. Augustine, Daytona oder Jacksonville nur spärlich beleuchtet. Auch wenn die Florida Keys einen Großteil der Aufmerksamkeit einheimsen, wenn es um die Wasserlandschaft Floridas geht – verständlicherweise, weil sie wirklich sehenswert sind –, gehören einige der schönsten Wasserabschnitte Floridas zum Matanzas River zwischen St. Augustine und dem Wasserreservat Tomoka Marsh. Oder zu dem Abschnitt, der nach Ormond Beach und Daytona Beach führt. Mitten zwischen St. Augustine und Daytona Beach liegt Marineland – das weltweit erste Ozeaneum. Es wurde achtzig Jahre lang von Hollywood-Filmemachern berühmt gemacht, die schon in den 1950ern Klassiker wie Der Schrecken vom Amazonas oder Die Rache des Ungeheuers schufen.

Eine halbe Stunde hinter St. Augustine fuhr ich mit verlangsamter Geschwindigkeit durch Crescent Beach und dann an dem Abschnitt entlang, wo die Fernverkehrsstraße A1A sozusagen das Flussufer darstellt. Ich fuhr mit Bug- und Heckbeleuchtung und hatte auch die Strahler auf dem Dach eingeschaltet, aber die elektronischen Geräte waren aus, weil sie mich dabei störten, die Mitte des Kanals und die jeweils nächste Boje zu finden. Schließlich fuhr ich um eine Flussbiegung nach Süd-Südwest und stieß auf die Heckwelle eines kleinen Wasserfahrzeugs. Es war nicht schwer zu erkennen. Weißer Schaum auf einem See aus schwarzem Glas.

Die Frau. Wer sonst.

Und sie war nicht die Einzige auf dem Wasser. Da war noch etwas anderes, das von Süd nach Nord fuhr. Etwas Großes.

Das Problem ist, dass die Küstenwasserstraße sich an dieser Stelle auf weniger als neunzig Meter Breite verengt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass auf beiden Seiten der Shoaling-Effekt auftritt, was bedeutet, dass die nutzbare Fahrrinne vielleicht fünfunddreißig Meter breit und zwei Meter tief ist.
Schmal und flach, ja, aber an sonnigen Nachmittagen kein Problem. Problematisch wurde es erst jetzt – wo es dunkel war und zwei Boote mit großer Geschwindigkeit genau an dieser Engstelle aufeinander zuhielten.

Ich sah das Weißwasser am Bug des nach Norden fahrenden Schiffs und schätzte es schnell auf dreißig Meter Länge. Die Frau in der Jolle war so klug, ihren Kurs nach rechts zu korrigieren, aber nur minimal, was zeigte, dass sie nicht ahnte, was ihrem kleinen Boot bevorstand. Sie konnte dem Bug der Jacht aus dem Weg gehen, aber nicht der Heckwelle.

Ich drückte leicht aufs Gas und wandte den Blick nicht von der entgegenkommenden Jacht ab.

Was als Nächstes geschah, wäre faszinierend gewesen, wenn es nicht so schreckliche Auswirkungen gehabt hätte. Mit Vollgas und einer Geschwindigkeit von zwanzig, vierundzwanzig Knoten fuhr die Frau blauäugig an der Buglinie vorbei und direkt in die Heckwelle der mit etwa dreißig Knoten fahrenden Jacht. Anders als das Weißwasser war die Heckwelle schwarz – wie das Wasser. Schwarz wie die Nacht.

Der Aufprall katapultierte sie aus dem Boot. Wie aus einer Kanone geschossen flog sie schreiend und mit den Armen rudernd meterhoch in die Luft. Ihre kleine Jolle fuhr die erste Welle hinauf und verlor dann jeden Wasserkontakt. Der Propeller drehte frei mit maximaler Drehzahl. Dann krachte der Bug der Jolle in die zweite Heckwelle. Durch die Wucht zerbrach das kleine Boot in zwei Hälften, die beide in einem See aus Schaum verschwanden.

Ich kreuzte den Bug der Jacht und drosselte meine Geschwindigkeit. Dabei drehte ich leicht nach West in Richtung Ufer und rollte über die zwei Meter hohe Heckwelle. Dann über die zweite und die dritte. Als das Wasser sich beruhigte, rammte ich den Gashebel nach vorn und fuhr dorthin, wo ich sie vermutete. Mein Tiefenmesser zeigte anderthalb Meter Wassertiefe, einen Meter zwanzig, dann sechzig Zentimeter. Angesichts der Höhe ihres Flugs hatte der Aufprall sie vermutlich bewusstlos geschlagen. Mit Sicherheit war ihr der Atem weggeblieben und womöglich waren einige Rippen gebrochen. Ich musste so weit heranfahren, dass ich sie an der Wasseroberfläche oder knapp darunter sehen konnte, ohne sie unter meinen Propeller zu saugen. Dabei beobachtete ich Tabby, der nach einem Lebenszeichen Ausschau zu halten schien. Als er sich plötzlich aufrichtete und nach rechts sah, zog ich den Gashebel zurück. Er fing an zu bellen und ich ging auf Standgas. Dann richtete ich einen Strahler aufs Wasser.

Ich sah nichts. Mit einer Handbewegung rollte ich das Steuer nach rechts und schaltete dabei den Motor aus, sodass der letzte Schwung mein Boot um neunzig Grad drehte, während ich aufs Wasser starrte. Tabby rannte zum Heck und bellte wie wild. Ich konzentrierte mich auf diesen Bereich. Als ich schlaffe Arme und einen Haarschopf an der Oberfläche entdeckte, zog ich das T-Shirt aus und sprang ins Wasser. Ich musste kräftige Züge machen, weil die Strömung uns voneinander entfernen wollte.

Ich legte mich ins Zeug und kam schließlich bei wild umhertretenden Füßen, rudernden Armen und einer wasserspuckenden, nach Luft röchelnden Frau an. Sie sank gerade unter die Oberfläche und ich fasste mit einer Hand unter ihre Armbeuge und hob sie hoch. Als ihr Mund über Wasser war, schnappte sie gierig nach Luft, röchelte und hustete und kämpfte um mehr Sauerstoff. Dabei zog sie mich mit nach unten. Solange sie mit mir kämpfte, konnte ich es unmöglich bis zum Boot schaffen. Also schob ich sie unsanft von mir, schlang ihr einen Arm um die Taille, sodass ihr Kopf an meiner Schulter und meiner Brust zu liegen kam, und schwamm wie ein Frosch in Richtung Boot und Tabby. Die Frau war regelrecht panisch. Konnte ich sie nicht bald an Bord bekommen, war das unser beider Untergang.

Als Tabby uns sah, sprang er ins Wasser, schwamm im Kreis um uns herum und führte uns zum Boot. Dort angekommen führte ich die Frau an die Schwimmleiter. Sie klammerte sich daran, hustete, würgte und zitterte so sehr, dass ich befürchtete, sie würde bald ohnmächtig werden. Also half ich ihr hoch, setzte sie auf die Sitzbank, wo sie die Arme um sich schlang und sich weinend vor- und zurückwiegte. Tabby kletterte derweil auf die Schwimmplattform, fand aber mit den Hinterläufen keinen Halt. Also packte ich ihn im Nacken und zog ihn ins Boot, wo er sich erst einmal schüttelte und dann daran machte, die Frau zu beschnüffeln.

Sie saß mittlerweile vornübergebeugt, die Knie an der Brust und blutete stark. Tabby stand neben ihr und leckte ihr über Gesicht und Ohren. Ich schnappte mir ein Handtuch aus einem der Stauräume im Bug und legte es ihr über die Schultern. Schließlich schaltete ich die Beleuchtung der Konsole und des T-Top-Dachs ein. Selbst im Licht der blauen LED und trotz Schlamm und Blut sah sie hübsch aus. Die Haare hingen ihr ins Gesicht, ihre Finger waren zerkratzt und zerschnitten. Das Blut, das ich sah, bedeutete, dass sie beim Aufprall im seichten Wasser Bodenkontakt gehabt haben musste. Auch im Gesicht hatte sie über einem Auge eine Wunde. Das Blut floss ihr bis über die Wange. Die Schultern waren ebenso zerkratzt. Der Rücken hatte offenbar den Hauptstoß des Aufpralls kassiert, denn hier gingen die Schnitte am tiefsten. Schnell zeigten sich die ersten roten Flecken im Handtuch.

Ich ging davon aus, dass sie reden würde, wenn sie dazu in der Lage war, und ließ zuerst einmal den Motor an und drehte nach Norden bei. Erst als das Boot übers Wasser glitt, sah ich mir die Frau genauer an. Sie starrte zurück, während Tabby ihr das Blut ableckte.

Ich fuhr in den Hafen zurück, legte eine Bugleine um eine Klampe, rollte das Steuer herum und ließ die Strömung den Whaler an den Liegeplatz treiben, während ich das Heck sicherte. Auf dem Steg wartete ein Hafenarbeiter. Als das Licht des kleinen Jachthafens die Sitzbank beleuchtete, fiel sein Blick auf die Frau. »Ach du Sch... Braucht sie Hilfe?«

Ich half ihr beim Aufstehen und merkte, dass ihr Rock fehlte. Sie trug nur Unterwäsche, aber auch diese nur in Fetzen. Schnell nahm ich ein zweites Handtuch und legte es ihr um die Taille. Dann half ich ihr von Bord. Sie war unter Schock und konnte nichts sagen. Ich sah den Hafenarbeiter an. »Ist ein Sanitäter vor Ort? Oder irgendein Arzt, der jetzt noch offen hat?«

Er schüttelte den Kopf. »Das nächste Krankenhaus ist Baptist South. Dreiviertelstunde in die Richtung.«

»Haben Sie ein Auto?«

»Sehe ich aus, als hätte ich ein Auto?«

Mir blieben nur wenig Optionen. Ein Uber zu rufen war eine Möglichkeit, aber der Fahrer würde mich nie mit ins Auto lassen, und auch wenn sich Rettungssanitäter um ihren körperlichen Zustand kümmern würden, konnten sie ihr nicht mit ihrem Problem weiterhelfen. Ich indessen konnte das, zumindest wahrscheinlich.

Zuerst mussten aber ihre Wunden versorgt werden, bevor sie sich infizierten. »Wo ist das nächste Motel?«

Er zeigte auf die Lichter an der Straße gegenüber von der Hafeneinfahrt. Die Türen des Motels waren alle nach vorn ausgerichtet und die Fenster blickten auf den Hafen. Ich reichte ihm einen 100-Dollar-Schein. »Besorgen Sie mir ein Zimmer, bringen Sie mir den Schlüssel, und den Rest können Sie behalten.«

Seine Augen wurden groß und er eilte vom Steg. Ich wandte mich ihr zu. Ihre Haare klebten noch immer im Gesicht. Sie hatte angefangen, unkontrolliert zu schluchzen. Das Handtuch über ihrer Schulter war ein einziger roter Fleck. »Können Sie laufen?«

Sie setzte das linke Bein vors rechte und knickte ein. Ich fing sie auf, half ihr wieder hoch, aber sie sackte in meine Arme. Also hob ich sie hoch und marschierte den Steg hinauf und über die Straße. Der Hafenarbeiter kam aus dem Büro und zeigte nach links. Ich folgte ihm. Beim letzten Zimmer vor der Treppe schloss er die Tür auf, trat beiseite und reichte mir den Schlüssel.

»Und noch eins«, sagte ich.

Er wartete.

»Passen Sie auf mein Boot auf. Damit es gut festgemacht ist und morgen noch da ist, wenn ich komme.«

Er lief ohne ein Wort davon.

Ich trug die Frau ins Zimmer und ließ die Tür hinter uns zufallen. Tabby stand aufmerksam neben uns. »Was jetzt?«, schien sein Blick zu sagen.

Ich setzte sie auf dem Bett ab, wo sie sich sofort wie ein Embryo zusammenrollte. Und zitterte. Vorsichtig zog ich eine Ecke des Handtuchs von ihrer Schulter, aber das Blut war schon leicht verkrustet, und je weiter ich es abzog, desto mehr riss ich alles wieder auf. Wenn ich so weitermachte, tat ich ihr weh. Ich ging ins Bad, stellte das Duschwasser an und kniete mich neben das Bett. »Hören Sie, ich kann auch einen Krankenwagen rufen ...«

Sie starrte die Wand zwischen uns und der Küstenwasserstraße an und schüttelte den Kopf.

»Ich muss mir ansehen, wie schlimm es Sie erwischt hat, aber wenn ich die Handtücher so abziehe, macht es das nur noch schlimmer. Wir brauchen warmes Wasser.«

Sie ließ die Füße auf den Boden rutschen und ich half ihr auf. Ob sie mir vertraute, weil sie sonst niemanden hatte oder weil sie so neben sich stand, konnte ich nicht sagen. So oder so, sie stützte sich auf mich und ich zog sie ins Bad. Heißer Wasserdampf umhüllte uns. Sie stieg in die warme Dusche und stand still, während sich die Duschwanne mit Blut und Schlamm und Muschelsplittern füllte.

Als sie so weit war, zog ich langsam das Handtuch von ihren Schultern und legte gut fünfzig Kratzer und unzählige kleine Splitter in ihrer Haut frei. Offensichtlich war sie nach der Landung über ein Austernfeld geschrammt. Sie drehte mir den zerkratzten Rücken und ihre zerrissene Bluse zu. Ich half ihr dabei, sie auszuziehen. Sie lehnte sich an die Wand und ließ sich das warme Wasser über den Rücken laufen, während Tabby neben der Dusche stand und mit dem Schwanz wedelte. Ich nahm die blutigen Handtücher aus der Wanne, damit das Wasser ablaufen konnte. Drei oder vier Minuten stand sie nur da. Schließlich sank sie nach unten und setzte sich auf den Boden, den Kopf auf die Knie gelegt, und ließ sich vom Wasser und Wasserdampf neues Leben einhauchen.

Die Muschelsplitter konnten nicht in ihrem Rücken bleiben. Ich drehte am Wannenknauf und schaltete von der Dusche auf den Wasserhahn. Dann setzte ich mich auf den Badewannenrand. »Sind Sie hart im Nehmen?«

Sie nickte nur. Ich schob den Stöpsel in den Abfluss und fing an, ihre Wunden von Schlamm und Austernsplittern zu säubern. Das Wasser in der Wanne wurde immer röter und ihr Rücken Stück für Stück sauber. Nach der Hälfte lehnte sie sich auf den Badewannenrand, was Tabby gleich als Einladung verstand, ihr die Hand sauber zu lecken. Sie legte ihm einen Arm um den Hals und ließ mich den Rest säubern. Es dauerte insgesamt fast eine Stunde. »Können Sie aufstehen?«, fragte ich, als ich fertig war.

Sie schaffte es und ich wusch ihr die Beine hinten und an den Seiten ab. Als sie so sauber war, wie es ging, sagte ich: »Ich hole ein paar Anziehsachen vom Boot. Ist das in Ordnung, wenn ich Sie kurz allein lasse?«

Sie nickte.

Aus dem Staufach backbord nahm ich eine Tasche mit Kleidung. Der Hafenarbeiter beobachtete mein Boot mit Argusaugen. »Ist hier noch irgendetwas offen?«, fragte ich. »Ein Restaurant oder so?«

Er dachte nach. Dann schüttelte er den Kopf. »Nur lauter Bars.«

»Sonst nichts?«

»Ein Supermarkt. Halbe Meile in die Richtung.«

»Danke.«

Ich lief bis zum Laden, wo auf einem Schild an der Tür stand: »No shirt, no shoes, no problem.« Ich ging hinein und merkte, dass sie gerade dabei waren zu schließen, also drehte ich schnell eine Runde um die Feinkosttheken. Ich kaufte ein Brathähnchen, Hähnchensalat, Äpfel, Suppe, Makkaroni mit Käse, Kräcker und Apfelmus. Dazu noch eine Flasche Wein, ein isotonisches Getränk und eine Packung Kräutertee. Auf dem Weg nach draußen ging ich durch die Apotheke und holte antibiotische Wundsalbe, Pflaster, Mullbinden, Schmerztabletten gegen die Schwellung und Wasserstoffperoxid. Wenn sie mich nicht jetzt schon hasste, dann sicher, wenn ich all das ihrem Rücken verabreicht hatte.

Ich klopfte, öffnete und sah sie auf der Seite im Bett liegen. Ihr Rücken war nackt. Die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt. Ihr Kopf ruhte auf einem Kissen. Die Decke bedeckte die Beine und einen Teil des Oberkörpers. Sie starrte noch immer in Richtung Süden an die Wand – die Himmelsrichtung, in die sie unterwegs gewesen war. Ich stellte einen Stuhl neben das Bett und zeigte ihr die Salbe und das Wasserstoffperoxid. Sie nickte. Ich tunkte eine Mullbinde ein und begann, ihre Kratzer zu säubern. Das dauerte seine Zeit. Ich machte immer weiter, bis keine Bläschen mehr zu sehen waren. Dann schmierte ich die Salbe auf alle Kratzer, was nach meinen Zählungen fast einhundert waren. Sie gingen bis über ihre Schultern, das Schlüsselbein und den Brustkorb. Es war unmöglich, sie alle zu verbinden, ohne dass sie wie eine Mumie aussah, also ließ ich es. Als ich fertig war, schob sie die Decke weg und ließ mich die Kratzer und Schnitte an ihren Beinen verarzten.

Sie würde wieder genesen, aber die nächsten Tage waren sicher kein Vergnügen. Trotzdem zuckte sie nicht ein einziges Mal während der Prozedur zusammen. Entweder waren Schmerzen nichts Neues für sie, oder irgendetwas schmerzte sie noch viel mehr als meine Verarztungsversuche.

Ich stellte das Essen auf einen Stuhl vor sie. Sie reagierte nicht. Ich öffnete die Suppe und bot ihr einen Löffel voll an. Sie setzte sich auf, nahm die Schale und trank in kleinen Schlucken. Dabei sah sie mich unentwegt an. Ich öffnete die Sardinenbüchse und stellte sie neben sie aufs Bett.

Dann versuchte ich, ein Gespräch in Gang zu bringen. »Wollen Sie beim Zirkus anheuern?«

»Offensichtlich«, flüsterte sie und nickte.

»Was machen Sie um diese Uhrzeit mit einer Nussschale auf dem offenen Wasser?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Die Leute vom Jachthafen werden Luftsprünge machen, wenn sie mitbekommen, dass ihr Boot auf Grund liegt.«

Sie sagte nichts.

Als die Suppe aufgegessen war, hielt ich ihr eine Tasse mit Tee hin, den ich in der Mikrowelle heiß gemacht hatte. Sie nahm ihn und schlürfte leise. Der Mond schien ins Zimmer. Ihr heftiges Schluchzen war zu kleinen, regelmäßigen Atemzügen geworden.

»Da haben Sie sich ja einen schönen Abend ausgesucht, um schwimmen zu gehen.« Ich versuchte, ihr ein Lächeln zu entlocken.

Sie legte den Kopf zurück und lachte mühsam. »Ich kann nicht schwimmen.«

Das erklärte so einiges. »Im Ernst?«

Sie starrte in ihre Teetasse. »Nie gelernt.«

»Sie wollen mir also sagen, dass Sie ein Boot geklaut haben, es bis eine halbe Stunde südlich von hier geschafft haben, auch wenn Sie noch nie eine Steuerpinne in der Hand hatten, und dann können Sie noch nicht mal schwimmen?«

Sie drückte auf ihre Rippen, zuckte zusammen und nickte.

»Kein Scherz?«

Achselzucken.

»Und was wollten Sie machen, sollten Sie über Bord gehen?«

Es bewegten sich nur ihre Augen. »Keine Ahnung.«

»Und wenn ich nicht aufgetaucht wäre?«

»Auch keine Ahnung.«

Sie nahm all ihre Kraft zusammen, setzte sich auf und zog die Decke zurück. Jetzt war sie nackt. Ihre Stimme klang müde und resigniert. »Allein schaffe ich es nicht aus dem Zimmer, und gegen Ihren Willen schon gar nicht. Wenn Sie etwas mit mir anstellen wollen ...« Sie sank zurück aufs Bett. »Dann bringen wir es endlich hinter uns.«

Manchmal leiden Menschen mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Ich ärgerte mich, dass ich es nicht schon früher gemerkt hatte.

Ich stellte den Rucksack aufs Bett und öffnete den Reißverschluss. »Hier sind ein paar Sachen zum Anziehen drin. Nicht viel, aber das ist alles, was ich habe. Vielleicht können wir Ihnen morgen etwas Weiblicheres besorgen. Heute Nacht sollten Sie ohne Oberteil schlafen, damit sich Schorf auf den Wunden bilden kann. Sonst klebt das Oberteil fest und Sie dürfen sich morgen früh wieder der ganzen Prozedur in der Dusche unterziehen.« Ich stellte die Schmerztabletten neben das Bett. »Morgen früh werden Sie sich fühlen, als hätte Sie ein Lastwagen überfahren. Zwei hiervon helfen gegen die Schmerzen und die Schwellungen.« Ich legte den Zimmerschlüssel auf den Nachttisch und ging zur Tür.

»Versuchen Sie zu schlafen«, sagte ich noch. »Morgen früh komme ich Sie wecken.«

Tabby stand da und sah mich an. Erwartung und Speichel tropften ihm aus dem Maul. Ich hob die Hand und er machte Platz. Dann zeigte ich aufs Bett. Er sprang hinauf und legte sich mit dem Kopf neben das Bein der Frau. Ich wiederholte mein Handzeichen. »Bleib.« Tabby wedelte mit dem Schwanz.

»Woher weiß ich, dass Sie wirklich wiederkommen?«, hörte ich noch, als ich die Tür zuziehen wollte.

»Tja, wenn nicht, können Sie ja den Hund behalten.«

Sie legte einen Arm um Tabby.

Ich schloss die Tür und sah hinunter in den Jachthafen auf Fingers’ orangefarbene Schachtel. Ihm hätte die Frau gefallen. »Ich weiß, ich weiß«, sagte ich in Richtung Box. »Sag nichts.«

Kapitel 7

Sonnenstrahlen drangen durch den Schlitz meiner Augenlider. Ich setzte mich auf und war allein. Die Sitzbank war leer. Die Rolex von Fingers sagte mir, dass ich ein paar Stunden geschlafen hatte. Ich kletterte aus dem Boot, lief den Steg entlang und dem Hafenarbeiter direkt in die Arme, der mir gerade einen Kaffee bringen wollte. »Ich wusste nicht, wie Sie ihn mögen.«

Ich nickte nur und steckte ihm zwanzig Dollar zu.

Er lächelte. »Also, wenn Sie einen Aufpasser brauchen, ich bin jederzeit einsatzbereit.«

Ich nahm einen Schluck und sah in Richtung Motel. »Und der schlechteste wären Sie auch nicht.«

Am Motel klopfte ich an ihre Tür und hörte Geräusche. Die Frau öffnete. Sie trug meine Shorts und das Langarm-Angelshirt. Beides war viel zu groß für sie. Tabby tauchte auf, leckte mir die Finger und ließ seinen Schwanz gegen mein Bein schlagen. Unter dem Langarmshirt trug sie noch ein T-Shirt, vermutlich um das Blut aufzusaugen und die äußere Schicht zu schützen. Die Haare hatte sie nach hinten gebunden, wodurch man noch mehr Kratzer sah, aber auch ihr hübsches Gesicht und den grauen Haaransatz. Sie sah nicht wirklich ausgeruht aus, aber so, als hätte sie zumindest ein wenig geschlafen. Barfuß stand sie an der Tür, machte sie weit auf und trat beiseite. Das Zimmer war sauber, das Bett gemacht, die Lebensmittel standen in Tüten bereit. Sowohl die Weinflasche als auch die Schmerzmittel standen auf dem Tisch. Weder der Korken noch der Verschluss waren geöffnet worden. Daneben stand eine dampfende Tasse Tee, aus der der Teebeutel hing.

Ihr Gesicht war über einem Auge leicht geschwollen. Sie setzte sich auf den Stuhl und nahm die Hände zwischen die Knie. »Ich habe kein Geld. Für ...« Ihre Hand deutete auf das Sammelsurium vor ihr.

»Haben Sie Hunger?«

Sie nickte nur.

Ich legte ihr ein paar Flipflops vor die Füße. »Wusste nicht genau, welche Größe Sie haben.«

»Sie neigen dazu, mir ausweichend zu antworten.«

Ich zeigte auf die Flipflops.

»Da, Sie tun es schon wieder.«

»Ich weiß, aber ich mache mir Sorgen um Ihre Füße.«

Sie schob die Füße in die Schuhe und rollte kurz die Zehen ein. Ihre Füße waren durchtrainiert, hohes Fußgewölbe, Schwielen an den Zehen, dazu muskulöse Waden. Sie stand auf und schob die Hände in die Taschen meiner Cargo-Shorts.

»Es redet sich besser mit etwas im Magen«, sagte ich.

Sie lächelte.

Wir liefen zwei Straßen weiter bis zu einem Restaurant und setzten uns gegenüber an einen Tisch. »Trinken Sie Kaffee?«

Sie rieb sich die Augen und versuchte sich an einem Lächeln. »Wer keinen Kaffee trinkt ... ist nur ein halber Mensch.«

Die Bedienung brachte uns das schwarze Getränk und nahm die Bestellung auf. Bevor das Schweigen undurchdringlich wurde, brach ich das Eis. Ich streckte ihr die Hand hin. »Murphy. Aber die meisten Leute nennen mich Murph.«

Sie erwiderte den Händedruck. »Elizabeth. Aber eigentlich nennen mich alle Summer.«

»Wie sind Sie denn von Elizabeth zu Summer gekommen?«

»Ich habe mein Broadway-Debüt als die Anna in Der König und ich gegeben. Am nächsten Tag war ich die Schlagzeile in der Times. Der neue Sommerhit. Und das blieb in der Besetzung als mein Spitzname haften. Seitdem heiße ich Summer.«

»Sie haben am Broadway getanzt?«

Sie nickte, aber ohne jede Arroganz. Nur ein stilles Anerkennen einer längst vergangenen Leistung. »Gesungen auch.«

»Wie lange ist das her?«

Sie betrachtete die Decke. »Über zwanzig Jahre.«

»Nur in dieser einen Produktion?«

»Nein.« Zum ersten Mal sah ich ihre Augen bei Tageslicht. Smaragdgrün.

Sie hatte offensichtlich nicht das Bedürfnis, sich zu profilieren. »In wie vielen?«, fragte ich.

»Vielleicht ein Dutzend.«

»Sie sind über ein Dutzend Mal am Broadway aufgetreten?«

»Nein. Ich war Teil von über einem Dutzend Shows, die jeweils ein paar Hundert Mal aufgeführt wurden.«

»Und was ist passiert?«

Sie sah aus dem Fenster und verschränkte die Arme, wie gegen eine kalte Brise, die nur sie spürte. »Schlechte Entscheidungen.«

»Wieso haben Sie nie schwimmen gelernt?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich war eben ein Stadtkind, das nur tanzen wollte. Hab mir nie die Zeit dafür genommen.«

»Und was wollten Sie da draußen?«

»Hab jemanden gesucht.«

»Gesucht oder verfolgt?«

Ihre hochgezogenen Augenbrauen verrieten mir, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte.

»Jemanden, der nicht gefunden werden will?«

Unsere Blicke trafen sich.

Ich kratzte mich am Kinn. »Ist sie sechzehn, sieht wie einundzwanzig aus, hat Beine wie Sie, ein neues Tattoo im Rückenbereich, dreht gern eine Pirouette, wenn sie einen Raum betritt … und hängt gerade mit ziemlich schlechten Leuten herum, die sie aber für ganz gut hält?« Ich zeigte ihr das Bild, das ich mit meinem Telefon gemacht hatte. »Und sie hört auf den Namen Angel?«

Sie berührte den Bildschirm zärtlich mit ihrer Fingerspitze und hielt sie lange dort. Die Bedienung brachte unser Essen und ich erzählte Summer die Geschichte, während sie das Rührei auf ihrem Teller hin- und herschob. Die Wahrheit schien sie nicht zu trösten, gemessen an ihren Tränen. Irgendwann wischte sie sich übers Gesicht und nickte.

Ich deutete mit dem Daumen hinter mich. »Ich war am Steg, als Sie Ihre Siebzehnpunktwendung hinlegten, um aus dem Hafen zu kommen.«

Sie nickte noch einmal. Etwas weniger peinlich berührt.

»Mein Gefühl sagte mir, dass Sie irgendwann im Wasser landen, wenn Sie lange genug mit der Jolle unterwegs sind. Also habe ich die Augen aufgehalten.«

Sie sah mich an. »Machen Sie sich immer auf die Suche nach dummen Leuten, die Sie nicht kennen?«

Interessant, wie viel Wahrheit in einer einzigen Frage stecken kann. Ich schob den nächsten Bissen auf die Gabel und lächelte. »Manchmal.«

Wir saßen schweigen da, während die Kellnerin uns die Tassen wieder füllte. »Schätzchen, kann ich Ihnen noch was bringen?«, fragte sie Summer. »Unser Apple Pie ist ziemlich gut. Oder einen Oreo Milchshake?«

»Nein, danke.«

Die Bedienung beäugte mich argwöhnisch. Dann wandte sie den Kopf seitlich zu Summer und kratzte sich am Auge. Dabei flüsterte sie: »Soll ich die Polizei rufen?«

»Nein, aber vielen Dank.«

Die Kellnerin verschwand wieder hinterm Tresen. »Ich glaube, sie mag Sie nicht«, sagte Summer.

»Nein, aber ich mag es, wie sie ›Schätzchen‹ sagt.«

Sie musste lachen.

Ich nahm einen Schluck. »Erzählen Sie mir von Angel.«

Summer berichtete von ihrer Tochter und der schwierigen Beziehung, die die beiden hatten. Als Angel immer mehr zu einer kleinen Schönheit heranwuchs und das Talent fürs Schauspiel nicht nur geerbt hatte, sondern scheinbar auch mühelos anwandte, hatte ihr dies die Hauptrolle in jedem Musical verschafft, seit sie sieben war. Bedingt durch ihre eigenen Fehler hatte Summer ihre Tochter überfürsorglich behandelt und immer mehr beschützen wollen. Doch im vergangenen Jahr war es ihr nicht mehr gelungen, Angel zu Hause einzusperren. Angel machte letzten Endes ihre eigenen schlechten Erfahrungen. Diese mündeten in der Entscheidung, einem dubiosen Muskelprotz und einer Horde gleichsam orientierungsloser Jugendlicher auf eine Jacht zu folgen und mit bewusstseinsverändernden Drinks und Drogen einen Monat auf vermeintliche Inseltour zu gehen.

»Gibt es sonst noch Familie? Irgendjemand, den wir anrufen können, damit er Ihnen hilft?«

»Nein. Wir sind nur zu zweit.«

»Ehemann?«

Sie wandte den Blick ab. Schüttelte einmal den Kopf.

»Haben Sie irgendeine Idee, wohin sie mit Angel fahren?«

Sie zuckte die Achseln. »Süden. Miami. Florida Keys. Bahamas. Hauptsache, der Wind weht, das Wasser ist klar und der Rum fließt in Strömen.«

»Haben Sie einen Plan?«

Sie lachte. »Ja. Aber der liegt am Grund des Küstenwasserwegs.« Wieder kam Schweigen auf. Als ich die Rechnung bezahlte, sah sie weg.

Es gefiel ihr nicht, sich von mir aushalten zu lassen. »Am Hafen hatten Sie eine Art Arbeitskleidung an. Wie von einer Bedienung ...?«

»Angel hat ... hatte ein Teilstipendium für eine sehr gute Schule. Aber das deckte nur fünfundsiebzig Prozent ab. Um die restlichen fünfundzwanzig Prozent und unseren Lebensunterhalt aufzubringen, machte ich drei Jobs gleichzeitig. Und einer war bei einem 24-Stunden-Restaurant, wo ich sechs Abende die Woche arbeite.«

»Und die anderen beiden?«

»Ich fülle sonntags die Regale bei einem Ersatzteilhändler für Autos, wenn sie geschlossen haben.«

»Und der dritte?«

»Ich habe ein Tanzstudio, nach Vereinbarung.«

»Wieso nur nach Vereinbarung?«

»Ich habe nicht genügend Kunden, um normale Öffnungszeiten anzubieten.« Ihre Stimme war leise geworden, als täte es ihr weh, das zuzugeben.

»Was bringen Sie denn den Leuten bei?«

»Hauptsächlich bringe ich zwei Menschen bei, sich nicht ständig auf die Füße zu treten.«

Ich lachte.

»Und ansonsten bringe ich Frauen bei, Männern zu folgen, die nicht führen können.«

»Hört sich anstrengend an.«

»Sich führen zu lassen ist nicht so einfach, wie es aussieht.«

»Wieso das?«

»Ginger Rogers hat alles gemacht, was Fred Astaire getan hat, aber rückwärts und mit hohen Absätzen.«

»Stimmt.«

»Die meisten Typen halten sich für Patrick Swayze, bis man ihnen zeigt, was sie tun müssen. Dann werden sie zu Weicheiern.«

»Klingt ziemlich anstrengend.«

»Fast alle Buchungen sind für Hochzeiten. Ehemann und Ehefrau.«

Mein Gefühl sagte mir, dass sie in meiner Gegenwart allmählich loslassen konnte, also ließ ich sie reden.

»Ich kann nach fünf Minuten der ersten Tanzstunde sagen, ob ein Paar zusammenbleibt oder nicht.«

»Und woher wissen Sie das?«

»Das ist Intuition. Wie er sie behandelt. Wie sie auf ihn reagiert. Wie seine Hände sie berühren, sagt viel darüber aus, wo sie in seinem Herzen wohnt.«

»Welche Schüler haben Sie am liebsten?«

»Die älteren. Die, die schon lange verheiratet sind. Ihr Tanzen ist ein Ausdruck dessen, wie sie gelebt haben.«

»Davon habe ich wenig Ahnung.«

»Wovon, vom Tanzen oder vom Altsein?«

Ich lachte. »Beides, aber ...«

Wir wurden langsam warm miteinander. »Nichts für ungut, aber das habe ich sofort gesehen.«

Wenn man genug Zeit mit Menschen verbracht hat, dann lernt man ihre Körpersprache zu lesen. Schmerz schafft es immer wieder, sich bemerkbar zu machen, und die meisten Leute zeigen einem, wenn er auf dem Weg nach draußen ist. Oft wissen sie gar nicht, was ihre Körpersprache alles verrät. Manchmal ist es sehr dezent, manchmal sehr laut. Schmerz hinterlässt immer eine Spur. Zittrige Finger. Juckende Haut. Kopfschmerzen. Müdigkeit. Dauerhunger. Es gibt Hunderte von Auswirkungen.

»Wie lange sind Sie schon trocken?«

Sie biss sich auf die Lippe, legte den Kopf schief und sah zu Boden. »Welches Mal?«

»Dieses Mal.«

»Seit die Sache mit Angel entgleist ist. Zwei Monate. Ungefähr.«

»Und was ist Ihr bevorzugtes Gift?«

»Gerade oder überhaupt?«

»Gerade.«

»Opiate.«

»Das erklärt, wieso Sie den Wein und die Schmerztabletten nicht angerührt haben.«

»Mit denen habe ich auch schon so meine Erfahrungen gemacht.« Sie schüttelte die Erinnerung ab. »Ich schlucke irgendwas, um den Schmerz zu betäuben, und ehe ich mich versehe, trinke ich es wie Eistee oder werfe es ein wie Kaubonbons.« Sie hatte eine schöne Art, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Eine entwaffnende Ehrlichkeit. »Ich war nervlich ziemlich am Ende ...«

Sie war wieder in ihrer Geschichte. Als fühlte sie sich genötigt, sie zu erzählen. Ich ging dazwischen. »Sie müssen mir das nicht ...«

»Es fühlt sich gut an, es endlich auszusprechen.«

Ich schwieg.

»Mit der Miete, der Leasingrate fürs Auto, Angels Schulgeld und noch ein paar Schulden war ich heillos überfordert. Dann zerrte ich mir ein paar Bänder im Knöchel, als ich mich in einem Einkaufswagen auf dem Parkplatz verhedderte. Und dann, weil ich das Geld brauchte, machte ich es noch schlimmer, als ich diesem einen Idioten trotz meines verletzten Knöchels das Tanzen beibringen musste. Da kam einer meiner Kunden ...«

Ich wusste, was jetzt kam.

»... und half mir aus. Brachte mir alles, was ich brauchte. Meinte, ich könne ihn ja später bezahlen.«

»Aber die Pillen vom Schwarzmarkt sind nicht billig.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Aber er versorgte Sie mit großem Eifer weiter.«

»Er war quasi meine Privatapotheke.«

Das hörte ich nicht zum ersten Mal.

»Aber es vergingen einige Monate. Mein Knöchel wurde besser, und allmählich, wenn auch nicht ohne Kampf, schlich ich die Kaubonbons wieder aus.«

Das hatte ich noch nie gehört. »Und wie?«

Sie lachte. »Das glauben Sie mir sowieso nicht.«

»Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.«

»Ich lese.«

»Sie haben recht. Das ist mir neu.«

»Sehen Sie?«

»Und was lesen Sie?«

»Zuerst Thriller. Lovestorys. Alles, was es auf dem Billigtisch zu holen gab.« Sie vollführte eine große Handbewegung. »Und was mich von hier wegbrachte.«

»Also haben Sie Ihre Schmerzmittelsucht mit Büchern überwunden?«

»Nicht mit irgendwelchen Büchern. Sondern schlussendlich mit einer Buchreihe von dreizehn Romanen, alle von demselben Autor. Ich habe sie zwanzig, dreißig Mal gelesen.«

»Sie haben ein Buch zwanzig, dreißig Mal gelesen?«

»Nein, dreizehn Bücher siebenundzwanzig Mal.«

Mein Gesichtsausdruck sprach vermutlich Bände. »Das müssen Sie mir erklären.«

»Die Medikamente haben meine Schmerzen behandelt. Die Bücher waren heilsam für mein Leben. Sie waren nachhaltiger, hatten kaum Nebenwirkungen und halfen mir, die Medikamente weniger zu brauchen. Also ersetzte ich eine Droge mit einer anderen.«

»Hört sich nach guten Büchern an.«

»Lesen Sie?«, fragte sie neugierig.

Ich lachte. »Nein. Nicht wirklich.«

Kapitel 8

Ich hatte die Büchse der Pandora geöffnet. Summer holte Luft und redete wie ein Wasserfall, während unser Essen kalt wurde. »Also, der Autor ist David Bishop. Er hat eine verrückte Lovestory geschrieben, wo die Hauptfigur, Bishop – ein Priester mit Zölibat und Armutsgelübde – den Beichtstuhl und die Geheimnisse, die ihm die Menschen anvertrauen, nutzt, um in die Geschichte einzusteigen und das Problem zu schildern, oder besser gesagt, wer die Bösen sind und wen er retten muss. Das Problem ist, dass er so ein guter Priester ist und seine Arbeit so gut macht, dass die Regierung auf ihn zukommt und ihn bittet, für sie zu arbeiten, worauf er widerwillig eingeht. Also erlebt er überall auf der Welt diese spannenden Abenteuer, während er sowohl für die Kirche arbeitet als auch für diese geheime Regierungsbehörde.

Und dann, jetzt kommt die Krönung, zwingt ihn die Regierung um seiner Tarnung willen, mit dieser schönen Frau zu reisen, die – jetzt kommt’s – eine Nonne ist. Sie war einst wunderschön, aber jetzt hat sie eine lange Narbe im Gesicht und ein Geheimnis, das sie ihm nicht verrät, weil sie Angst hat, dass er dann nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Insgeheim ist sie in ihn verliebt, und er in sie, aber keiner gesteht es dem anderen. Es ist völlig vertrackt.«

Sie wurde rot. »Und in jeder Geschichte kommen sie sich unglaublich nah. Jedes Mal lese ich ein Buch aus und denke, ›Bishop, du bringst mich noch um den Verstand! Jetzt küss Sie doch endlich. Gott hat schon nichts dagegen!‹

Und jetzt wird es verrückt: Die Figur schreibt die Romane. Ja, tatsächlich. Bishop verfasst seine eigenen Geschichten. Alles wird in Ich-Perspektive erzählt. Wie eine reale Autobiografie. Aber das ist sie nicht. David Bishop ist der Name außen auf dem Buchumschlag und der der Hauptfigur, aber niemand kennt die wahre Identität des Autors. Sogar die Biografie auf dem Schutzumschlag ist erfunden. Das heißt, der geheimnisvolle Mann oder die geheimnisvolle Frau hat weltweit Millionen von Büchern verkauft, aber niemand außer seinem Lektor hat ihn je persönlich getroffen. Die Presse hat ihm viel Geld angeboten, aber er verrät seine Identität nicht. Das Fernsehen hat dem Autor einen großen Batzen Geld angeboten, wenn er sich zeigt, aber er oder sie weigert sich.«

Sie hob einen Finger. »Deswegen glaube ich an die Gefängnistheorie.«

»Gefängnistheorie?«

»Entweder der Autor ist im Gefängnis und kann nicht raus, oder er – ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass es ein Er ist – ist in einer Art körperlichem Gefängnis durch eine Krankheit oder so. Vielleicht hatte er einen Unfall oder war in einem Feuer gefangen, was sein Aussehen verändert hat. Vielleicht sieht er aus wie der Glöckner von Notre-Dame. Er weiß, wenn er sein Gesicht zeigt, wird das Geheimnis zerstört. Und die Buchverkäufe gehen in den Keller. Für immer.«

Der ganze Gedankengang war unglaublich. Wie ihre Faszination an dieser Sache und dass sie so viel Zeit investiert hatte, um über jemanden nachzudenken, der nur in ihrer Vorstellung existierte. »Wo haben Sie all das her?«

»Es gibt Internetforen nur für neue Fakten, Theorien, Gespräche und mögliche Sichtungen und ... Hören Sie: Dieser Autor – den wie gesagt noch niemand gesehen hat oder von dem niemand auch nur im Entferntesten weiß, ob es ein Mann, eine Frau, ein Kind, ein Neandertaler, eine achtzigjährige Oma, ein kranker Perversling mit zweihundertsiebzig Kilo oder ein Serienkiller mit vierzig Mal lebenslänglich ist – hat seine eigenen Seiten in den sozialen Medien und diverse Fanpages von Lesern. Dutzende davon behaupten, der wahre Autor zu sein. Einige haben Hunderttausende Follower. Was bedeutet, dass der erfundene Autor, der erfundene Geschichten schreibt, noch mehr Erfundenes hervorbringt! Die Sache ist inzwischen größer als die Suche nach dem Yeti oder Elvis.

Wer auch immer das ist, er kann schreiben. Die Geschichten sind aufregende, temporeiche, atemlose Thriller-Lovestorys, und alle Leute – genau wie ich – lesen sie nur, weil sie wissen wollen, wann er es endlich mal hinter sich bringt und das Mädchen küsst! Ich meine, wie lange soll das noch dauern? Eine Frau kann nicht ewig für Nachwuchs sorgen.« Sie zeigte mit der Gabel auf mich. »Aber es gibt Gerüchte im Netz, dass im nächsten Buch etwas Großes passieren wird.«

Sie war mitten in ihrem Element. Wozu sie aufhalten? Es gefiel mir, sie so voller Energie zu sehen. »Wie zum Beispiel?«

»Die meisten sind sich einig, dass zwei Dinge infrage kommen: Entweder sie bricht ihr Gelübde gegenüber Gott und sie heiraten, was aber ihr Geheimnis offenbaren würde. Alle glauben ja, dass sie aufgrund ihrer wilden Vergangenheit nicht mehr schwanger werden kann, wodurch sie dann ein kinderloses Paar wären. Oder ... er hält um ihre Hand an, aber da holt ihn seine Vergangenheit ein und jemand entführt ihn. Und während er gefoltert wird, um Informationen preiszugeben, steht sie vorm Altar und denkt, er liebt sie doch nicht. Also kehrt sie ins Kloster zurück und legt ein Schweigegelübde ab. Als er entkommt, kann er sie nicht finden, weil sie nicht redet. So oder so, die Serie ist erledigt, was zugleich genial und auch verrückt ist.«

»Sie haben sich die Sache ja wirklich gründlich überlegt.«

»Diese Leute sind wie Familie für mich.«

»Natürlich ...«, ich beschloss, ein wenig mit ihr zu spielen, »... gibt es auch eine dritte Möglichkeit.«

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. »Welche?«

»Er schreibt einfach nichts mehr.«

Sie schüttelte den Kopf. »Niemals.«

Ich lachte. »Was macht Sie da so sicher?«

»Die heiraten, ganz sicher, gefolgt von ausgelassenen Flitterwochen, wo sie drei Tage lang das Zimmer nicht verlassen. Neun Monate später bringt sie den nächsten Jason Bourne auf die Welt. Kurzer Zeitsprung und der Spin-off geht bis ins Unendliche weiter. Obwohl ...« Sie hob die Gabel. »Ihr Sohn leistet seinen Dienst beim Militär und lernt dort, wie man Menschen mit einem Gummientchen umbringt, und dann kommt die Kirche zu seinem Vater und erklärt ihm, dass sie seinen Sohn brauchen. Also absolviert er – der Sohn, der einen coolen Namen wie Dagger oder Spear oder Bolt hat – die Ausbildung zum Priester in Rekordzeit, woraufhin er nach Rom gebracht wird und Sonderberater wird, und zwar« – sie schnippte mit den Fingern – »zack! Vom Papst. Aber in Wirklichkeit ist er der Leibwächter des Papstes. Und diese Geschichte kann man immer so weiterspinnen. Irgendjemand versucht immer, den Papst umzubringen, und dann gibt es außerdem das ganze Geld ...«

Ich lachte längst. »Sie fahren ja voll darauf ab.«

Sie nickte. »Der Verlag macht ein Heidengeld damit. Das ist ein richtiger Goldesel. Die Bücher gibt es in über achtzig Ländern und in genauso vielen Sprachen. Glauben Sie wirklich, dass sie ihn davonkommen lassen? Hören Sie: Sein ...«

»Sie glauben also wirklich, dass es ein Mann ist?«

»Ja. Es ist allgemein anerkannt, dass eine Frau diese Sehnsucht niemals so beschreiben könnte wie er. Ganz zu schweigen davon, dass die linguistischen Fakultäten von fünf Universitäten die Sprache aller Bücher analysiert haben, also die Satzkonstruktion, den Wortschatz und die Wortkombinationen, und als sie das alles durch den Computer laufen ließen, kam jedes Mal mit einer Wahrscheinlichkeit von über fünfundachtzig Prozent heraus, dass es ein Mann ist. Also, gehen wir einfach mal davon aus ...«

Ich war beeindruckt. »Woher wissen Sie das alles?«

»Dieser Mann hat mich von meiner Drogensucht befreit! Ich bin natürlich ein Riesenfan.«

Ich lachte. »Natürlich.«

»Sein Buch ist das erste in der Verlagsgeschichte, bei dem Firmen ihm Geld bieten, sechsstellig, übrigens, um ihre Produkte in seinem Text zu erwähnen. Autos, Uhren, Computer, Telefone, Sonnenbrillen, Motorräder ... Ein Weingut aus dem Napa-Valley hat einen Riesenbatzen Geld dafür bezahlt, dass er nur ihren Wein bei der Kommunion ausschenkt. Und einen Bonus obendrauf, wenn er ihn ihr gibt ...«

»Das ist absurd. Fast sogar blasphemisch.«

Sie nickte. »Ja, einige wütende Leser wären wohl Ihrer Meinung. Aber dieser Autor ist kein Dummkopf. Es läuft nicht ab wie in einem teuren Werbeclip. Er macht das sehr geschickt. Man liest einfach drüber, und dann fällt es einem plötzlich auf. ›Er hat wieder ein Produkt erwähnt.‹«

»Hollywood muss diesen Typen lieben.«

»Das ist es ja. Er hat Hollywood eine Abfuhr erteilt, was den Hype um ihn nur noch größer macht. Zwei Studios haben die Verleger wegen der Filmrechte verklagt, aber verloren. David Bishop ist ein Genie. Er hat ein Vermögen verdient und wird mit seinem nächsten Buch noch einen dicken Batzen oben drauflegen, weil er den Leuten ein bisschen von dem gibt, was sie wollen, aber nicht alles. Die Serie abbrechen? Nie im Leben.«

»Sie gehen natürlich davon aus, dass diese Person, wer auch immer es ist, nur auf das Geld aus ist.«

»Das ist ja das Verrückte. Mehrere Fernsehsender haben untersuchen lassen, wohin die Tantiemen gehen. Wollen Sie raten?«

»An irgendeinen fettleibigen, glatzköpfigen Typ mit dicken Goldkettchen und hässlicher Sonnenbrille, der am Strand von Monaco liegt, einen Schirmchendrink schlürft, die Kohle einstreicht und sich über Leute wie Sie lustig macht?«

Sie lächelte. »Knapp daneben. Die Tantiemen wurden zu einem Offshore-Konto verfolgt, aber einer der Reporter hatte einen Cousin oder so, der bei Google arbeitet, und der fand heraus, dass die Offshore-Sache nur eine Zwischenstation war und dass die meisten Geldtransfers nach einer Reihe von Zwischenstationen schließlich – wer hätte das gedacht? – bei einer gemeinnützigen Organisation landen. Kein Witz. Er verschenkt alles. Was die Verkaufszahlen nur noch mehr ankurbelt.« Sie aß einen großen Happen und sprach mit vollem Mund weiter. »Ich weiß nicht, was seine Motivation ist, aber diese ganze Idee – also ein Autor, der sowohl Autor als auch Hauptfigur ist, dann die Nonne mit der Narbe und dem Geheimnis und ihre unmögliche Liebe, die Art, wie ihre Abenteuer sie zusammenschweißen, aber eben nur fast, und dass die Tantiemen an irgendeine gemeinnützige Organisation gehen, die niemand kennt –, das alles ist genau das, wovon Leute wie ich träumen.«

»Und das wäre?«

Sie zuckte beiläufig mit den Achseln. »Ein Märchen. Es gibt viele Frauen, die glauben, sie seien auf ewig dazu verbannt, ein wertloses Spielzeug von Männern zu sein. Und dann kommt ein Autor, der uns glauben macht, dass uns vielleicht trotzdem jemand liebt trotz unserer Narben und all dem, was wir mit uns herumschleppen. Jemand, der so gut weiß, was ich denke, dass er meine Sätze vervollständigen könnte. Jemand, der genau wüsste, wie ich meinen Kaffee mag, sollten wir auf einer einsamen Insel landen. Jemand, der mich vor der bösen Welt da draußen beschützt.« Sie machte eine große Handbewegung.

Ich lachte. »Klingt eher nach einer Seifenoper. Oder noch schlimmer, nach Schundliteratur.«

Sie überlegte. »Ich glaube, wer auch immer das ist, ist selbst verletzt worden. Ziemlich tief sogar. Manchmal denke ich, er schreibt, um nicht zu vergessen. Und manchmal denke ich, er schreibt, um zu vergessen. Was auch immer es ist, ich lese seine Bücher, um zu glauben.«

»Woran?«

»An eine Liebe, von der ich nur träumen kann.«

»Hört sich an, als würden Sie ihn kennen.«

»Tue ich auch. Wir alle kennen ihn. Das ist ja das Wundervolle daran. So gut ist er.«

»Dann sollte ihn besser mal jemand finden«, lachte ich.