Eine andere Geschichte
der Menschheit
C.H.Beck
Der bekannte Ökologe Hansjörg Küster lehrt uns in diesem bedeutenden Buch einen anderen Blick auf die Geschichte der Menschheit: Der Mensch ist, was er sät und erntet. Kultivierung ist der Akt der Menschwerdung schlechthin. Um Kulturpflanzen anzubauen, wurden Menschen sesshaft; sie wurden Bauern, die sich die Erde untertan machten, wie es in der Bibel heißt.
Landwirtschaft und Kulturpflanzenanbau entwickelten sich an mehreren Orten der Erde etwa zur gleichen Zeit, aber unabhängig voneinander: in Vorderasien, in Südostasien, an verschiedenen Orten in Afrika, in Mittel- und Südamerika. Um den Anbau von Korn, Hülsenfrüchtlern und Ölpflanzen zu ermöglichen, musste die Umwelt teilweise stark verändert werden. An den großen Strömen des Orients brauchte man eine künstliche Bewässerung. Sie funktionierte nur, wenn eine weit entwickelte öffentliche Verwaltung vorhanden war. Man schuf staatliche Strukturen und die Schrift.
Kulturpflanzen wie Weizen und Roggen, Erbse und Linse, Mais und Kartoffel sowie die vielen Gewürze sind aber auch Vorboten der Globalisierung. Schon vor Jahrtausenden wurden Kulturpflanzen und die Techniken ihres Anbaus zwischen den Zentren der kulturellen Entwicklung ausgetauscht.
Heute ist nur noch ein kleiner Anteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Vor allem in den Industrieländern bewirtschaften immer weniger Landwirte immer größere Flächen. Je größer die Vielfalt der angebotenen Waren in den letzten Jahren wurde, desto eintöniger wurde jede einzelne Landschaft. Für die Vielfalt im Warenangebot sorgt allein der billige Transport von Waren. Keine Landwirtschaft entspricht der „Natur“; sie ist immer eine Form von Kultur, sogar die ursprünglichste Form von Kultur.
Hansjörg Küster, geb. 1956, ist Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik der Leibniz Universität Hannover. Bei C.H.Beck sind von ihm u.a. erschienen: Die Elbe. Landschaft und Geschichte (2007), Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart (42013), Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart (42010 sowie Jubiläumsedition 2013), Das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Landschaft und Geschichte (2010, zus. mit Ansgar Hoppe), Die Entdeckung der Landschaft. Einführung in eine neue Wissenschaft (2012).
1 Wie Kulturpflanzen Menschheitsgeschichte schrieben
2 Einige biologische Grundlagen
3 Jäger und Sammler
4 Die ersten Ackerbauern
5 Entstehung von Kulturpflanzen und Landwirtschaft an anderen Orten der Welt
6 Landwirtschaft an den großen Strömen des Orients
7 Früher Ackerbau am Mittelmeer
8 Früher Ackerbau in Südost- und Mitteleuropa
9 Neue Kulturpflanzen und Ausweitung des Siedellandes in Europa
10 Zivilisationen und Barbaren: Zwei Landnutzungssysteme stoßen aufeinander
11 Ein neues Landnutzungssystem im Mittelalter
12 Sonderformen des mittelalterlichen Kulturpflanzenanbaus
13 Globalisierung der Kulturpflanzen
14 Die Vielfalt an Gemüse, Salat und Obst
15 Reform der Landnutzung und Aufschwung des Welthandels
16 Die moderne Landwirtschaft und der kritische Verbraucher
17 Der Regenwald und der Supermarkt
Nachwort
Literatur
Bildnachweis
Register der Pflanzennamen
Ohne Kulturpflanzen wäre die Geschichte der Menschheit völlig anders verlaufen. Vielleicht hätte sie gar nicht stattgefunden: Menschen wären Jäger und Sammler geblieben, die sich die Erde nicht untertan gemacht hätten. Die Schrift wäre nicht erfunden worden, weil sie nicht gebraucht wurde, Menschen hätten keine Städte und Staaten gegründet, weil dazu keine Notwendigkeit bestand, hätten nie Industrieanlagen gebaut. Es war eine Weichenstellung besonderer Art, die die Menschen vor etwa zehntausend Jahren dazu brachte, Pflanzen oder Teile von ihnen nicht nur zu sammeln, sondern auch zu produzieren: durch Anbau von Kulturpflanzen auf einem Feld oder in einem Garten.
Damals kultivierten Bauern nicht nur erstmals Pflanzen, sondern begannen zudem, Tiere zu halten. Doch allein der Anbau von Pflanzen war die Voraussetzung dafür, dass Menschen sesshaft wurden und trotzdem jeden Tag Nahrung bekommen konnten: das tägliche Brot. Wenn sie allein Tiere gehalten hätten, wären keine festen Wohnungen notwendig gewesen. Die Menschen hätten als Nomaden oder Hirten auf ähnliche Weise durch die Lande ziehen können wie zu den Zeiten, als sie lediglich durch die Jagd und das Sammeln von Pflanzen oder Pflanzenteilen ihre Nahrung erworben haben. Sie hätten keine Häuser gebaut und keinen Besitz in ihnen angesammelt.
Durch den Anbau von Kulturpflanzen änderte sich die menschliche Lebensweise von Grund auf. Ackerbauern waren die ersten Menschen, die sesshaft an einem bestimmten Ort lebten. Später führte der Anbau von Kulturpflanzen zur Herausbildung von geordneten Staatswesen, von Zivilisationen, und es entstanden immer weiter ausgreifende, schließlich globale Handelsnetze. Wo man Kulturpflanzen auf den Feldern zog, setzte ein enormes Bevölkerungswachstum ein, dazu eine Verbesserung der Lebensbedingungen und ein Wachstum des Wohlstandes.
Unter dem Einfluss des Ackerbaus und später durch eine systematische Züchtung nahmen Kulturpflanzen Eigenschaften an, die ein dauerhaftes Überleben dieser Gewächse ohne den Menschen, seine Kultur und seine Pflege unmöglich machten. Kulturpflanzen wachsen zwar ebenso wie andere Pflanzen; ihr Wachstum folgt einem natürlichen Prinzip. Aber in der freien Natur gedeihen Wildpflanzen besser; sie überwuchern die Kulturpflanzen und verdrängen sie. Viele Eigenschaften von Kulturpflanzen haben sich erst unter dem Einfluss des Menschen herausgebildet; Kulturpflanzen können daher als Erzeugnisse von Kultur verstanden werden. Ebenso verhält es sich mit den Tieren, die die Menschen zu halten begannen und die sie später züchteten. Auch Haustiere können ohne den Menschen nicht existieren, der ihnen Futter gibt, sie pflegt und ihre Krankheiten behandelt.
Der Anbau von Kulturpflanzen und das Halten von Tieren führten zur Herausbildung charakteristischer Landschaften: Wälder wurden gerodet oder aufgelichtet, so dass Offenland mit Äckern, Viehweiden und später Wiesen entstand. Trockenes Land wurde durch Bewässerung fruchtbar, feuchtes Land dagegen wurde trockengelegt, damit man es nutzen konnte, und an steilen Hängen schuf man Terrassen. Damit ermöglichte man einen Anbau auf ebenen oder nur leicht geneigten Anbauflächen, die in der vollen Sonne lagen. Zugleich verhinderte man, dass zu viel Boden von den Hängen abgetragen wurde.
Die ganze Welt sähe ohne den Anbau von Kulturpflanzen anders aus. Die Menschen würden ein anderes Leben führen, ihre Geschichte wäre anders verlaufen, es gäbe keinen Ackerbau, das ganze Land wäre anders gestaltet. Kurzum: Die Einführung des Anbaus von Kulturpflanzen mit allen ihren Begleiterscheinungen kann als eine, wenn nicht die entscheidende Innovation der Menschheit angesehen werden, die das menschliche Leben und die Umwelt des Menschen in den letzten Jahrtausenden auf neue Weise prägte.
Dennoch befasste sich die Wissenschaft erst spät mit den kulturgeschichtlichen Phänomenen, die von der Entwicklung von Kulturpflanzen ausgingen. In kaum einer allgemeinen Darstellung der Geschichte der Welt oder der Geschichte eines kleineren Gebietes geht es um Kulturpflanzen. Man liest dort Vieles über bestimmte Menschen, von denen in Urkunden die Rede ist; es wird auf Bauten oder archäologische Funde aus Stein oder edlen Metallen eingegangen, doch nicht auf die Überreste von Pflanzen. Dennoch lassen sie sich bei Ausgrabungen finden; die meisten Hinweise auf die Verwendung von Pflanzen sind allerdings so klein, dass man sie mit bloßem Auge zwischen anderen Bodenbestandteilen nicht erkennt.
Zu den ersten Wissenschaftlern, die sich mit der Geschichte der Kulturpflanzen befassten, gehörte der Schweizer Naturforscher Oswald Heer (1809–1883), der sowohl in der Biologie als auch in der Geologie zu den führenden Wissenschaftlern seiner Zeit gehörte. Er untersuchte Pflanzenteile, die bei Ausgrabungen von Pfahlbausiedlungen am Zürichsee gefunden wurden. Seine Ergebnisse publizierte er 1865 als «Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich für das Jahr 1866». Dem Text wurden sehr schöne Tafeln beigegeben, auf denen die Pflanzenteile abgebildet waren: Ganze Getreideähren hatte man in den Seeufersiedlungen aus der Jungsteinzeit gefunden, dazu Haselnussschalen, Mohnkapseln und zahlreiche Samen von Unkraut und Wildpflanzen. Heer stellte die Getreideähren aus dem Zürichsee solchen gegenüber, die auf griechischen Münzen abgebildet waren.
Solche Altertümer hat man zur damaligen Zeit eher beachtet; Philologen stellten Nachrichten über Kulturpflanzen aus der antiken Literatur zusammen. Harald Othmar Lenz (1799–1870) hatte 1859 eine «Botanik der alten Griechen und Römer» veröffentlicht, in der zahlreiche Quellen zur Geschichte von Pflanzen aus der Literatur erschlossen wurden. Wenige Jahre später, aber ebenfalls noch vor Heers Arbeit erschien «Der Feld-, Garten- und Wiesenbau der Römer», den Adolf Friedrich Magerstedt (1801–1879) herausgab, ein Pastor aus Thüringen. Die Werke von Lenz und Magerstedt werden bis heute gelesen; es gibt aktuelle Nachdrucke.
Viktor A. Hehn (1813–1890), deutscher Kulturhistoriker, Aufnahme um 1880.
Das wichtigste und bis heute bekannteste Werk über die Geschichte von Kulturpflanzen und Haustieren, das im 19. Jahrhundert erschien, wurde jedoch das Buch «Kulturpflanzen und Hausthiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa» von Victor Hehn (1813–1890), der vor allem linguistisch arbeitete: Wenn in mehreren Sprachen identische oder verwandte Wörter für den gleichen Begriff vorkamen, galt dies als Beleg dafür, dass Gegenstand und Wort von einem bestimmbaren Ort aus weiterverbreitet worden waren.
Hehns Buch erschien zum ersten Mal 1870 und wurde bis zu seiner 8. Auflage 1913 regelmäßig nachgedruckt. Der Historiker Theodor Schiemann (1847–1921), der den Lebenslauf Hehns in der «Allgemeinen Deutschen Biographie» schrieb, wies auf den bezeichnenden Untertitel von Hehns Buch hin: «Historisch-linguistische Skizzen». Hehn hatte unermüdlich Quellen exzerpiert und dabei seinen Plan, eine komplette Kulturgeschichte Europas zu schreiben, zu breit angelegt. Seine Skizzen wirkten aber außerordentlich anregend auf viele Generationen von Wissenschaftlern aus zahlreichen Fächern. Sein «ethnographische(s) Interesse führte ihn weiter zu neuen Untersuchungen, welche bestimmt waren, festzustellen, welches das Erbe war, das von Urzeiten her durch die Erlebnisse der Alt-Vordern als inhärente Anlage oder als Instinct in die Seele der gegenwärtig lebenden Volksgenossen übergegangen war», schrieb Theodor Schiemann über Victor Hehn. Zahlreiche Kulturpflanzen und Haustiere waren aus dem Orient in den Okzident gelangt; das konnte Victor Hehn auf der Grundlage seiner sprachgeschichtlichen Studien feststellen. Sie sind bis heute lesenswert, obwohl der rote Faden der «Skizzen» nicht ganz deutlich wird. Hehn beginnt mit einer grandiosen Übersichtsdarstellung zur Landschaft, dann folgen spezielle Artikel über das Pferd und den «Weinstok». Dem Weizen und dem Rind wendet er sich aber nicht in einzelnen Kapiteln seines Buches zu.
Eigentlich ging es Victor Hehn im Kern nicht um Pflanzen und Tiere, sondern um die Frage der Herkunft der Indogermanen. Später befasste sich damit auch der Indogermanist Otto Schrader (1855–1919), der neuere Auflagen von Hehns Standardwerk bearbeitete. Deutlich wird dies angesichts der Bedeutung, die man dem Artikel zum Thema «Pferd» gab. Die Linguisten kamen zu der Ansicht, dass die Indogermanen aus dem Gebiet nördlich und östlich des Schwarzen Meeres stammten. Diese Meinung herrscht bei manchen Wissenschaftlern bis heute vor, was vielleicht auf die große Wirkung von Hehns Buch zurückgeht. Doch wäre eigentlich grundsätzliche Quellenkritik zu leisten. Hehn und Schrader gingen bei ihren sprachgeschichtlichen Analysen nämlich davon aus, dass die benannten Dinge und ihre Bezeichnungen sich zur gleichen Zeit ausbreiteten. Das muss aber nicht so sein; es ist genauso gut möglich, dass bereits vorhandene Dinge, etwa eine Kulturpflanze oder ein Haustier, im Zusammenhang mit Akkulturation neue Namen erhielten, ohne dass es zu einer Ortsveränderung oder einer Wanderung von Menschen kam. Dies kann einfach dadurch geschehen, dass eine Bezeichnung für einen Gegenstand oder für ein Lebewesen von einer anderen Gruppe von Menschen übernommen wurde. Beispielsweise konnte die Gerste in einer Gegend schon lange vorher bekannt gewesen sein, bevor man sie so nannte, eventuell weil eine neu vordringende Sprache oder eine eindringende Bevölkerung diesen Begriff für die Getreideart verwendete. Dies ist namentlich dann zu vermuten, wenn es zur Ausbreitung von Dingen oder Pflanzen in einer Zeit kam, in der keine schriftlichen Dokumente entstanden; und das war bei den Kulturpflanzen jahrtausendelang der Fall, nämlich bis zum Einsetzen der antiken oder mittelalterlichen Geschichtsschreibung.
Eine nächste zusammenfassende Darstellung der Kulturpflanzengeschichte berücksichtigte zwar stärker die Ergebnisse aus den Forschungen von Botanikern und Archäologen, stammte aber ebenfalls aus der Feder eines Philologen. Johannes Hoops (1865–1949) veröffentliche sein umfangreiches Werk «Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum» im Jahr 1905. Hoops stellte ebenso wie Hehn heraus, dass die Kulturpflanzen der Alten Welt aus Südwestasien stammten. Dafür zog er sowohl Argumente aus den Sprachwissenschaften heran als auch archäologische und botanische Resultate. Doch genauer eingrenzen konnte er das Herkunftsgebiet der ältesten Kulturpflanzen noch nicht.
In den folgenden Jahrzehnten, im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert, folgten nur wenige dem Beispiel Oswald Heers und untersuchten in entsprechender Weise Pflanzenteile, die man bei archäologischen Ausgrabungen finden konnte. Nur hin und wieder analysierten Schweizer Botaniker Hinterlassenschaften, die man in den Siedlungen der «Pfahlbauer» in den jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Seeufersiedlungen fand, darunter Ernst Neuweiler (1875–1950).
Auf der Grundlage solcher Untersuchungen hätte man den Ablauf der Vorgeschichte des Menschen sehr gut gliedern können, indem man von Anfang an zwischen den Kulturen der nicht sesshaften Jäger und Sammler sowie den Kulturen von sesshaften Ackerbauern und Viehhaltern unterschied. Doch die Archäologen folgten seit dem 19. Jahrhundert einem anderen Einteilungsschema für ihre Funde, dem sogenannten Dreiperiodensystem mit Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit. Es richtete sich nach den Werkstoffen, die Menschen in bestimmten Zeiten bearbeiten konnten und aus denen die Artefakte bestanden, die man bei Ausgrabungen fand, und nicht nach der Lebensweise als Jäger oder Bauer. Die Fähigkeiten von Menschen, unterschiedliche Werkstoffe zu bearbeiten, standen im Zusammenhang mit Innovationen, die das menschliche Leben erleichterten und Lebensmöglichkeiten erweiterten, etwa dadurch, dass selbst steinigere Böden bearbeitet werden konnten. Die eigentlich zentrale Innovation der Menschheitsgeschichte aber, der Beginn des Ackerbaus, fand im Dreiperiodensystem keine Berücksichtigung.
Zunächst war zu untersuchen, wann überhaupt Menschen in den einzelnen Gebieten Europas Getreide anzubauen begannen, das aus dem Nahen Osten stammte. Dazu genügte es aber nicht, nur Pflanzenreste zu untersuchen, die sich in einem feuchten Milieu unter Luftabschluss, unter den sogenannten Feuchtbodenbedingungen, optimal erhalten hatten. Dabei handelte es sich um Überreste von prähistorischen Ufersiedlungen an den Voralpenseen und in Siedlungsschichten, deren Ablagerungen in einem feuchten Milieu von Torf überwallt worden waren. Glücklicherweise gibt es auch andere Erhaltungsbedingungen für Pflanzenteile aus vorgeschichtlichen Siedlungen. Insbesondere Getreidekörner kamen in den Siedlungen immer wieder mit Feuer in Berührung. Sie wurden nach der Lagerung erhitzt und getrocknet, bevor man sie entspelzte. Dabei wurden sie von den kleinen Blättern befreit, die die Körner mehr oder weniger fest umhüllten. Bei diesem Vorgang kam es vor, dass die Körner verkohlten – ähnlich wie ein Toastbrot, das zu lange im Toaster verbleibt. Verkohlte Körner waren für die Ernährung unbrauchbar geworden und wurden in den Abfall gegeben. Und in Ansammlungen von Abfall, etwa in Grubenfüllungen, kann man die Körner aus vergangenen Jahrtausenden heute finden: zwischen mehr oder weniger humosem Bodenmaterial, Keramikscherben, Resten von Geräten und Holzkohle.
Man gibt einige Liter Bodenmaterial aus einer uralten Abfallschicht in einen Eimer und bedeckt den Schutt mit Wasser. Einige Bodenbestandteile lösen sich im Wasser auf, andere werden gelockert. Die meisten leichten Holzkohlen und verkohlten Pflanzenteile schwimmen an die Oberfläche des Wassers oder liegen anschließend auf dem übrigen Bodenmaterial. Man gießt das Wasser mit dem gelockerten Bodenmaterial durch Siebe und kann anschließend unter einer Lupe die Körner aus dem übrigen Material herauslesen. Man braucht dazu keine starken Mikroskope: Eine zehnfache Vergrößerung durch die Lupe ist meistens völlig ausreichend, um die Körner identifizieren zu können. Sehr oft behalten die Pflanzenteile selbst in verkohltem Zustand ihre Merkmale, so dass sie sich exzellent einer Pflanzenart zuordnen lassen. Fast die gesamte Urgeschichte von Getreide konnte in den letzten Jahren durch Identifikationen verkohlter Körner rekonstruiert werden.
Im frühen 20. Jahrhundert wusste man aber noch nicht, dass sich verkohlte Getreidekörner in den Abfällen tatsächlich jeder vorgeschichtlichen Siedlung finden lassen. Damals griff man auf ein anderes Mittel zurück, um herauszufinden, ob den Menschen einer Siedlung der Getreidebau bekannt war. Man untersuchte Abdrücke von Getreidekörnern und Spelzen, die man in Keramikscherben entdeckt hatte. Mit einer Gummimasse konnte man die Abdrücke auskleiden und die Abformungen unter einer Lupe bestimmen; dort sahen sie aus wie die Getreidekörner, die sich vor Jahrtausenden, während der Fertigung der Keramik, in sie hineingedrückt hatten. Nur durch die Untersuchung dieser Überreste und Abdrücke von Pflanzen erhielt man Kenntnis über ihre Verwendung aus einer Zeit, in der keine Schriftquellen aufgezeichnet wurden.
Auslesen von Pflanzenresten aus den Schichten einer vorgeschichtlichen Siedlung unter der Binokularlupe.
Elisabeth Schiemann (1881–1972), deutsche Botanikerin und Genetikerin, Aufnahme um 1916.
1938 initiierte Elisabeth Schiemann ein internationales Forschungsprogramm, in dem systematisch die Frage untersucht werden sollte, zu welcher Zeit in den Ländern rings um Nord- und Ostsee der Getreidebau eingesetzt hatte. Die Genetikerin und Kulturpflanzenforscherin Elisabeth Schiemann (1881–1972) war die Tochter des Historikers Theodor Schiemann, der die schon oben erwähnte Biographie über Victor Hehn geschrieben hatte. Sie entwickelte die Forschungen Hehns weiter, indem sie, wie die Physikerin Lise Meitner, ihre Freundin, schrieb, «das Ablesen der menschlichen Kulturgeschichte durch die Zusammenarbeit von Naturwissenschaften, Archäologie und Linguistik» voranbrachte. Schiemann hatte auf dieser Basis ein Buch zur Entstehung der Kulturpflanzen geschrieben. Nun ging es ihr um den weiten Überblick zur Einführung des Getreidebaus. Nach nur wenigen Jahren legten Knud Jessen (1884–1971) und Hans Helbaek (1907–1981), zwei dänische Wissenschaftler, eine Übersicht zur Entwicklung des Getreidebaus auf den Britischen Inseln vor. Helbaek befasste sich ebenfalls mit Getreidefunden aus prähistorischen Siedlungen Dänemarks. Håkon Hjelmqvist (1905–1999) publizierte ein Buch zur «Ältesten Geschichte der Kulturpflanzen in Schweden».
Doch in Deutschland erschien das Werk, das mit den genannten Publikationen korrespondieren sollte, erst 1982. Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem Elisabeth Schiemann das Projekt initiiert hatte, und dem Jahr, in dem es durch Maria Hopf (1914–2008) endlich abgeschlossen werden konnte, lagen dramatische Jahrzehnte, die auf die Entwicklung der Forschungen zur Kulturpflanzengeschichte in Deutschland großen Einfluss hatten.
Nach der Nahrungsmittelknappheit und der nachfolgenden Versorgungskrise im Ersten Weltkrieg hatte man vor allem in der Sowjetunion und in Deutschland die Notwendigkeit erkannt, die Pflanzenzüchtung zu fördern. Man beschloss, Samensammlungen anzulegen, um genetisches Material von Kulturpflanzen und deren nahen Verwandten aus verschiedenen Regionen zu sammeln und zu konservieren. Die Keimfähigkeit der aufbewahrten Samen war jedoch zeitlich begrenzt. Daher wurden sie nach ein paar Jahren ausgesät, so dass Pflanzen aus ihnen hervorgingen, die man ernten konnte. Die frisch geernteten Samen und Früchte wurden danach wieder für einige Jahre eingelagert. Auf diese Weise sollte es gelingen, stets ein reichhaltiges genetisches Material für Einkreuzungen bei der Pflanzenzüchtung zur Verfügung zu haben.
Der bedeutende russische Genetiker Nikolai Iwanowitsch Vavilov (1887–1943) baute eine solche Sammlung in Leningrad auf. Vavilov unternahm zahlreiche Reisen in alle Welt, um Samen von Wild- und Kulturpflanzen zu sammeln. Dabei fiel ihm auf, dass es sogenannte Genzentren gibt, Gegenden auf der Erde, in denen besonders viele Arten, Sorten und Rassen von Pflanzen vorkommen und in denen auch die Kulturpflanzen ihre Heimat haben. Seine Forschungen hierzu hatte er 1927 auf dem Internationalen Kongress für Vererbungswissenschaft in Berlin präsentiert und ein Jahr später publiziert. Elisabeth Schiemann, die an der Organisation des Kongresses beteiligt war, wurde dadurch stark beeinflusst. Eigentlich sollte sie 1928 im neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung einen Abteilungsleiterposten für «Geschichte der Kulturpflanzen» übernehmen. Das blieb ihr dann doch versagt, wohl namentlich deshalb, weil man einer Frau eine Leitungsfunktion nicht zutraute, unter der Herrschaft der Nationalsozialisten kamen politische Gründe hinzu. Unter anderem weil sie in der Bekennenden Kirche aktiv war, entzog man ihr den Professorentitel. 1943 wurde sie dennoch zur Abteilungsleiterin am Kaiser-Wilhelm-Institut für Kulturpflanzenforschung ernannt, das damals in Tuttenhof bei Wien gegründet wurde. Den Umzug von Material dorthin organisierte Schiemann noch; sie selbst trat ihren Dienst am neuen Posten in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges nicht mehr an.
Nikolai Iwanowitsch Vavilov (1887–1943), russischer Genetiker, Aufnahme um 1933.
In der Sowjetunion war es in der Zwischenzeit zu Auseinandersetzungen zwischen Vavilov und Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898–1976) gekommen. In Widerspruch zu allen herrschenden Lehrmeinungen behauptete Lyssenko, dass die Eigenschaften von Lebewesen nicht genetisch vorbestimmt seien, sondern sich in Abhängigkeit von den jeweiligen Umweltbedingungen herausbildeten. Seine Ergebnisse kamen zum Teil nur durch Fälschungen zustande. Aber die politischen Spitzen der Sowjetunion waren von Lyssenkos Forschungen überzeugt, und Stalin förderte ihn vehement. Dies hatte später Missernten in der Sowjetunion zur Folge. Zunächst aber musste Vavilov seine Posten räumen; er wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Man begnadigte ihn anschließend zu einer langjährigen Haftstrafe, doch er verhungerte 1943 im Gefängnis.
In Deutschland wusste man von Vavilovs Sammlungen, die unter Lyssenkos Einfluss zu verkommen drohten. Einige deutsche Genetiker entwarfen Pläne, wie man die wertvollen Sammlungen retten könnte, andere wollten sie regelrecht rauben. Wie viel von diesen Plänen umgesetzt wurde, ist unklar. Aber man muss davon ausgehen, dass es gerade im Zusammenhang mit der Belagerung von Leningrad zu schweren Verlusten in den Pflanzensammlungen Vavilovs kam. Darüber hinaus wird berichtet, dass Mitarbeiter der Sammlungen Pflanzenproben mit nach Hause nahmen und sie trotz des grassierenden Hungers nicht als Nahrung verwendeten, sondern sie bis zum Ende der Belagerung aufbewahrten. So groß war die Wertschätzung für diese Sammlung!
Heute sind die Vavilov-Sammlungen in Sankt Petersburg die wohl bedeutendsten ihrer Art weltweit. Auch die Sammlungen in Deutschland wurden stark ausgebaut. Sie kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Gatersleben bei Quedlinburg. In der DDR wurden sie in die Akademie der Wissenschaften eingegliedert, und nach dem Ende der DDR wurde eine Forschungseinrichtung des Bundes und der Länder daraus.
In der Bundesrepublik entwickelte sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem alten Kaiser-Wilhelm-Institut ein Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung. Zunächst gehörte dazu eine Abteilung für Kulturpflanzengeschichte, der Elisabeth Schiemann vorstand. Aber sie war bei Kriegsende bereits 64 Jahre alt; nach ihrer Pensionierung wurde ihre Stelle nicht mehr besetzt, und man schloss die Abteilung des Institutes wenige Jahre später. Maria Hopf als dortige Mitarbeiterin wurde mitsamt ihrer Stelle an das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz versetzt, wo sie fortan nicht mehr in einem biologischen Institut, sondern in Kooperation mit Archäologen arbeitete. Als Maria Hopf in den Ruhestand ging, wurde ihre Forschungsrichtung am Museum in Mainz aufgegeben.
Einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zusammenfassung der Kulturpflanzengeschichte, die nicht aus einem groß angelegten Forschungsprojekt hervorging, sondern von zwei Wissenschaftlern verfasst wurde, die in ihrem Fach eher Einzelgänger waren: Karl Bertsch (1878–1965), ein Lehrer aus Schwaben, und sein Sohn Franz (1910–1944), der im Zweiten Weltkrieg fiel. Ihre «Geschichte der Kulturpflanzen» wurde von Karl Bertsch vollendet und 1947 publiziert. Elisabeth Schiemann lag mit Franz Bertsch in wissenschaftlicher und auch weltanschaulicher Hinsicht im Streit. Schiemann hatte «die weltbürgerliche Kultur des Ackerbaus» im Fokus, während Franz Bertsch (in den Worten von Schiemann) «eine ‹Selbständigkeit der germanischen Kultur für den Ackerbau›, d.h. Unabhängigkeit vom Orient, bewiesen» haben wollte.
Weder von Elisabeth Schiemann und Maria Hopf noch von Karl Bertsch und seinem Sohn gingen unmittelbare Wissenschaftstraditionen aus. Geschuldet war das den Widrigkeiten der Zeitläufte und der fehlenden Wertschätzung für kulturgeschichtliche Fragestellungen innerhalb der Biologie und ihrer angewandten Bereiche. Durch die Versetzung von Maria Hopf wurde ihr Fachgebiet zwar in ein Forschungsfeld verschoben, in dem kulturgeschichtliche Fragestellungen eine wichtige Rolle spielten; biologische Probleme aber standen dort nicht im Vordergrund. Dies ist bis heute ein Problem der Forschungen zur Geschichte der Kulturpflanzen geblieben; eine engere Verzahnung zwischen Naturwissenschaft und Kulturgeschichte ist weiterhin ein Desiderat.
Die schwierigen Forschungsbedingungen führten weiterhin dazu, dass Maria Hopf das in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts begonnene Projekt erst mehr als vierzig Jahre später zu Ende bringen konnte. Die Erkenntnis, dass immer dann, wenn prähistorische Menschen in Mitteleuropa Keramik herstellten, auch Getreide angebaut wurde, war damals längst erbracht; man wusste, dass der Kulturpflanzenanbau in der Jungsteinzeit begonnen hatte. Der vielleicht wichtigste wirtschaftliche Umbruch in der Menschheitsgeschichte lag also nicht zwischen zwei Hauptepochen innerhalb des Dreiperiodensystems der Archäologen, sondern mitten in dem Zeitalter, das die Archäologen Steinzeit genannt hatten.
Später trat die Einsicht hinzu, dass Keramikherstellung und Ackerbau zwar in Mitteleuropa zeitgleich begonnen hatten, aber in anderen Teilen der Welt durchaus nicht miteinander verbunden waren. Im Vorderen Orient gab es Ackerbauernkulturen, denen die Keramik unbekannt war. In Nordeuropa dagegen wurden Keramik herstellende Gruppen von Menschen nachgewiesen, die keinen Ackerbau betrieben.
Innerhalb der Archäologie bildete sich ein Zweig heraus, der als Siedlungsarchäologie bezeichnet wurde. Für diese Arbeitsrichtung spielte die Untersuchung von Kulturpflanzenresten aus den Schichten prähistorischer Siedlungen eine große Rolle; auch den Überresten von Unkräutern und Wildpflanzen wurde immer mehr Beachtung geschenkt. Insgesamt entwickelte sich eine Forschungsrichtung, die vor allem von Botanikern betrieben wurde, die überwiegend in Forschungseinrichtungen der Vor- und Frühgeschichte (Museen, Denkmalämtern, Forschungsinstituten) arbeiteten. Einem Vorschlag von Hans Helbaek folgend, wurde diese Forschungsrichtung mit dem sperrigen Begriff «Paläoethnobotanik» bezeichnet. Heute wird ebenfalls der Begriff «Archäobotanik» verwendet; er macht deutlich, dass es über die Geschichte der Kulturpflanzen hinaus um die Untersuchung zahlreicher anderer Pflanzenreste geht, auf die man bei archäologischen Forschungen stößt. Genetik und Pflanzenzüchtung hingegen greifen kaum noch auf Fragestellungen und Ergebnisse dieser Forschungsrichtung zurück.
In Verbindung mit archäologischen Projekten wurden in den folgenden Jahren überdies immer häufiger Pflanzenreste untersucht. So gewann man zunehmend klare Vorstellungen davon, welche Kulturpflanzen in früheren Zeiten angebaut worden waren. Auch im Nahen Osten, wo den Forschungen von Vavilov, Schiemann und anderen zufolge das Herkunftsgebiet sehr vieler Kulturpflanzen lag, begann man mit Untersuchungen von Pflanzenresten aus prähistorischen Siedlungsschichten.
Zu einer Internationalisierung der Forschungen auf diesem Gebiet, die Elisabeth Schiemann schon Jahrzehnte zuvor angeregt hatte, kam es erst 1968. Damals entstand die «International Work Group for Palaeoethnobotany», die sich in der Burg von Kačina in der Nähe von Prag gründete. Die Tagung fand etwa zwei Monate nach der Niederschlagung des «Prager Frühlings» durch die Truppen des Warschauer Paktes statt. Die Arbeitsgruppe bemühte sich bis 1990 sehr stark um Kontakte zwischen Wissenschaftlern, die östlich und westlich des Eisernen Vorhangs arbeiteten. Viele Forschungen wurden in deutscher Sprache publiziert, weil diese Sprache in den Altertumswissenschaften international eine große Bedeutung hatte, gerade in Ländern wie der Tschechoslowakei und Ungarn.
In den Jahren nach 1990 sind die Treffen der «International Work Group for Palaeoethnobotany» zu großen internationalen Kongressen geworden. Und seit 1992 gibt es das mehrmals im Jahr erscheinende internationale Journal «Vegetation History and Archaeobotany», in dem ausschließlich englischsprachige Artikel erscheinen. Obwohl nach wie vor viele der Autoren der Zeitschrift an archäologischen Forschungsinstituten arbeiten, sind die Inhalte der Beiträge weniger kulturgeschichtlich als naturwissenschaftlich geprägt. Führend in der Forschung zur Geschichte der Kulturpflanzen ist also nicht mehr eine kultur-, sondern eine naturwissenschaftlich vorgehende Arbeitsrichtung. Weiterhin jedoch gilt die Aufdeckung der Geschichte der Kulturpflanzen nicht als naturwissenschaftliche Grundlagenforschung.
Um hier deutliche Fortschritte zu erzielen, müsste auf kulturwissenschaftlicher Seite die Erkenntnis um sich greifen, dass man mit den Nachweisen von Pflanzen Geschichte schreiben kann. Die Naturwissenschaften, insbesondere die Biologie, müssten hingegen das Bewusstsein dafür schärfen, dass ihre Untersuchungsgegenstände, Tiere, Pflanzen und Lebensgemeinschaften, nicht einfach bestehen oder «da sind». Vielmehr leben im Lauf der Zeit immer wieder andere Individuen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Zeit führt also zur Veränderung der auftretenden Formen des Lebens und der Eigenschaften von Ökosystemen. Dann könnte ein Fachgebiet, das zwischen den Natur- und Kulturwissenschaften steht, weit mehr Bedeutung erhalten, die ihm eigentlich von großen Forschern wie Victor Hehn, Nikolai Iwanowitsch Vavilov und Elisabeth Schiemann einmal zugewiesen wurde.
Die Kulturpflanzen des westasiatisch-europäischen Kulturkreises kamen aus dem Orient in den Okzident – das ist bis heute gültige Lehrmeinung. Heute wissen wir aber: Das Zentrum dieses Orients ist nicht, wie noch die Indogermanisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts meinten, das Land am Schwarzen Meer, sondern es sind die Bergländer Vorderasiens. Nicht ein bestimmter Ort ist es, von dem die Kulturentwicklung ihren Ausgang nahm, sondern eine ganze Region. Von Anfang an herrschte Vielfalt, und sie ist bis heute prägend für die Geschichte der Kulturpflanzen und der Ernährung geblieben.
Wer Lebensmittel kauft, verlässt sich darauf, dass sie immer die gleichen Eigenschaften haben. Man achtet streng darauf, dass ein Laib Brot stets das angegebene Gewicht hat. Auf Lebensmittelverpackungen ist zu lesen, aus welchen Bestandteilen der Inhalt zusammengesetzt ist, wie hoch der Zuckeranteil ist, ob sich ein Lebensmittel beispielsweise für Kleinkinder oder Allergiker eignet. Wer seine Lebensmittel nicht fertig kauft, sondern selbst zubereitet, also etwa einen Kuchen bäckt, braucht, wie es im Kinderlied heißt, sieben Sachen: Eier und Schmalz, Zucker und Salz, Milch und Mehl, schließlich Safran, der den Kuchen «gehl» macht, also gelb. Jeder Verbraucher geht selbstverständlich davon aus, dass diese Bestandteile von Nahrung, wenn man sie im Laden kauft, bestimmte Eigenschaften haben.
Doch dabei muss man bedenken, dass die diversen Zutaten eines Kuchens ihrer Natur nach einen grundsätzlich unterschiedlichen Charakter haben. Nur das Salz stammt nicht von einem Lebewesen, sondern wurde in einem Salzbergwerk abgebaut oder in einem Salzgarten am Meer gewonnen. Kochsalz hat eine feste chemische Formel. Daher kann reines Kochsalz tatsächlich immer das gleiche Produkt mit genau definierten Eigenschaften sein, wenn man es von anderen Salzen getrennt hat. Ähnlich verhält es sich mit Zucker: Er wurde zwar aus Pflanzen hergestellt, aber anschließend raffiniert, das heißt, es wurden verschiedene Zuckersorten voneinander getrennt. In der Zuckertüte, die man beim Herstellen des Kuchenteigs nimmt, ist in den meisten Fällen Glucose oder Traubenzucker enthalten. Man kann ebenfalls Fructose oder Fruchtzucker verwenden; das ist für Diabetiker wichtig.
Eier, Milch und Schmalz sind tierische Produkte. Diese Produkte haben nicht immer die gleichen Eigenschaften. Man muss einsehen, dass eine Kuh, die Milch liefert, ein Huhn, das ein Ei gelegt hat, oder ein Schwein als «Produzent» von Schweineschmalz Individuen sind. Doch die Waren im Supermarkt sollen, so der allgemeine Wunsch, immer gleich sein, einen bestimmten Fettgehalt aufweisen, immer gleich viel wiegen. Das wirft Schwierigkeiten auf. Eier zum Beispiel sind kleiner oder größer. Man kann sie zwar nach Größenklassen sortieren, aber damit ist nicht gesagt, dass sie tatsächlich genau gleich groß und genau gleich schwer sind. Kein Ei gleicht dem anderen!
Selbst Mehl ist eine Ware mit bestimmten Eigenschaften: Es stammt von unterschiedlichen Getreidearten, es kann auch aus verschiedenen Mehlsorten zusammengemischt sein, es kann feiner oder gröber gemahlen sein, und es ist in unterschiedlicher Weise ausgesiebt. Angaben dazu lassen sich aus der Typenbezeichnung auf der Mehltüte ableiten: Die Zahl gibt an, welcher Anteil des Mehls beim Verbrennen als Asche zurückbleiben würde. Das Innere des Kornes, das aus reinem Mehl besteht, enthält fast keine Asche. Mineralstoffe, die große Bedeutung für unsere Ernährung haben, beim Verbrennen des Mehls aber als Asche zurückbleiben, sind vor allem in den äußeren Teilen der Körner enthalten. Mehl, aus dem die gröberen und mineralstoffreicheren äußeren Kornbestandteile ausgesiebt sind, weist einen sehr geringen Ascheanteil auf: Feines Weizenmehl enthält etwa 0,405 Prozent Asche, es hat die Typenbezeichnung 405. Gröberes Mehl, auch als Vollkornmehl bezeichnet, hat eine größere Zahl als Typenbezeichnung, denn es enthält einen größeren Mineralstoffanteil. Es gibt Weizenvollkornmehl Type 1050 (bei seiner Verbrennung bleiben 1,05 Prozent Asche zurück) und Roggenvollkornmehl mit der Typenbezeichnung 1370 (mit 1,37 Prozent Ascheanteil).
Bei Lebensmittelqualitätskontrollen wird regelmäßig überprüft, ob diese Zahlenwerte eingehalten sind, und Produzenten, die von den Normen abweichende Lebensmittel herstellen, liefern oder verkaufen, können dafür bestraft werden. Besonders schwierig sind Qualitätskontrollen bei einem Gewürz wie Safran, der aus dem Blütenstaub einer Krokusart besteht. Der Würz- und Farbstoff kann nur mit großer Mühe gewonnen werden; daher war in vergangenen Jahrhunderten die Versuchung groß, diese Ingredienz von Kuchen oder Brot zu «strecken» oder zu verfälschen. Das wurde und wird streng bestraft, lässt sich aber eventuell nur mit aufwendigen Methoden nachweisen: Mikroskopische und lebensmittelchemische Untersuchungen von speziell geschulten Lebensmittelkontrolleuren sind dazu notwendig.
Trotz aller Qualitätskontrollen muss aber davon ausgegangen werden, dass gewisse leichte Unterschiede der Waren bestehen bleiben. Denn sie stammen alle von Lebewesen ab, die Individuen sind. Doch auch das nehmen wir auf den ersten Blick oft nicht wahr. Auf dem Bauernhof werden Kühe häufig noch als Individuen erkannt; viele Bauern geben ihren Kühen Namen. Aber Schweine werden schon seltener als individuelle Lebewesen unterschieden, Hühner kaum einmal. Auch Pflanzen, deren Produkte wir als Lebensmittel verwenden, sind Individuen. Wer ein Weizenfeld sieht, hält zunächst alle dort wachsenden Pflanzen für identisch. Dass jede von ihnen einmalig ist, erfährt man, wenn man anfängt, die Pflanzen zu messen, etwa ihre Höhe oder die Länge der Ähren. Man kann die Blätter zählen, deren Längen und Breiten feststellen, die Körner in jeder Ähre zählen, man kann einzelne Körner mit einer Präzisionswaage wiegen, ihren Reifegrad feststellen, die Bestandteile der Körner untersuchen: Nun werden Unterschiede deutlich. Je intensiver die einzelnen Weizenpflanzen, ihre Körner oder das daraus gewonnene Mehl untersucht werden, desto besser treten ihre unterschiedlichen Eigenschaften zutage.
Der berechtigte Anspruch von Lebensmittelkäufern, stets die gleiche Ware im Einkaufskorb haben zu wollen, bleibt bestehen. Aber man sollte sich immer darüber bewusst sein, wie schwierig es ist, aus den Produkten individueller Lebewesen Lebensmittel mit stets der gleichen Qualität herzustellen. Denn alle Tiere und Pflanzen, die wir zu einer Art von Lebewesen zählen, unterscheiden sich, weil sie Individuen sind.
Ohne dieses Wissen kann man nicht verstehen, wie sich zunächst unter natürlichen Bedingungen, dann unter der immer stärker eingreifenden Hand von Menschen Kulturpflanzen und Haustiere herausbilden konnten. Genauso wie sich alle Individuen von Pflanzen und Tieren ihrem Äußeren oder ihrem Phänotyp nach unterscheiden, enthält jedes Lebewesen anderes genetisches Material; auch der Genotyp jedes Individuums ist daher stets einmalig. Zu jedem Lebewesen gibt es, wenn es nicht aus einer einfachen Zellteilung hervorgegangen ist, einen Mutterorganismus und einen Vaterorganismus, die beide unterschiedliche individuelle Eigenschaften besitzen. Das genetische Material beider Eltern wird im Organismus des Nachkommens auf neue Weise miteinander kombiniert. Die Jungpflanze oder das Jungtier ähnelt den Eltern, aber die neuartige Rekombination von genetischem Material lässt zudem neue Eigenschaften zum Vorschein kommen; der nachkommende Organismus besitzt also auch Eigenschaften, die die Eltern nicht hatten. Er kann sich also beispielsweise früher oder später entwickeln als die Eltern. Oder er kann an einem Ort wachsen und gedeihen, an dem dies den Eltern nicht möglich war. Alle Individuen der Nachkommen unterscheiden sich von denjenigen, die zuvor gelebt haben. Daher unterscheiden sich die Gruppen von Kühen, die ein Bauer im Lauf der Zeit im Stall stehen hat, und die Gesamtheit aller Weizenpflanzen auf einem Getreidefeld weist von Jahr zu Jahr andere Eigenschaften auf. Das ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, aber es offenbart sich bei genauen wissenschaftlichen Analysen.
Das macht die Herstellung von Lebensmitteln, die immer wieder die gleiche Qualität aufweisen sollen, vom Prinzip her noch komplizierter. Mehl kann eigentlich nicht immer die genau gleiche Qualität aufweisen. Es hat zum Beispiel unterschiedliche Eiweißgehalte, die sich beim Brot- oder Kuchenbacken auswirken können. Diese Unterschiede hängen aber nicht nur von abweichenden genetischen Konstitutionen ab, sondern auch von den Witterangsbedingungen während der Wachstumsphase und der Reifung der Körner sowie den Bedingungen der anschließenden Lagerung.
Die Vielfalt individueller Lebewesen wird dadurch noch stärker vergrößert, dass sich das genetische Material von Populationen im Lauf der Zeit verändert. Immer wieder kann es zu Mutationen kommen. Sie führen ebenfalls zur Herausbildung von Individuen mit Eigenschaften, die man zuvor noch nicht beobachtet hatte. Mutationen brauchen keinen erkennbaren Auslöser; sie können jederzeit auftreten. Durch bestimmte Chemikalien, radioaktive oder auch ultraviolette Strahlung wird ihre Häufigkeit erhöht. Jede einzelne Mutation führt mit der Zeit nicht nur zur Bildung eines einzelnen Individuums mit neuartigen Eigenschaften. Vielmehr entstehen im Verlauf zahlreicher nachfolgender Kreuzungen von Organismen viele Individuen mit weiteren Eigenschaften, die sich von denen anderer Individuen unterscheiden.
In einer Population von Pflanzen, beispielsweise auf dem Weizenfeld oder bei Buschwindröschen im Wald, gibt es Individuen, die unter feuchteren Bedingungen besser gedeihen, weil sie die mit dem Wasser herantransportierten Mineralstoffe gut nutzen und zugleich einen Sauerstoffmangel im dauernd nassen Boden ertragen können. In der gleichen Population gibt es überdies Individuen, die bei Sauerstoffmangel im Boden nur kümmerlich wachsen und die das dort reichlichere Angebot an Mineralstoffen weniger gut nutzen können, bei denen aber auch unter trockenen Bedingungen genug Wasser aus dem Boden in die Blätter gelangt. Je nachdem, ob diese Population von Pflanzen auf feuchterem Untergrund steht oder an einem trockenen Ort wächst, sind andere Individuen bevorzugt oder benachteiligt.
Auf einem Getreidefeld oder in einem Wald sind die Verhältnisse noch viel komplizierter. In der Zeit, in der die Pflanzen an diesen Orten wachsen, ändert sich die Witterung: mal ist es trockener, mal feuchter. Es gibt insgesamt feuchtere und trockenere Jahre. Daher steht am Beginn des Wachstums der Pflanzen noch nicht fest, welche Individuen innerhalb der Population sich am besten entwickeln: diejenigen, die auf trockenem Untergrund besser wachsen, oder andere, die bei Feuchtigkeit besser gedeihen. Es sind immer wieder andere Individuen, die früher blühen, mehr Samen hervorbringen und mehr Nachkommen haben als andere. Welche Individuen von Pflanzen dies sein werden, kann niemand am Anfang der Wuchsperiode wissen. Das hängt vom Wetter ab. Durch das bessere oder schlechtere Wachstum einzelner Individuen entwickelt sich der Charakter der gesamten Population in eine bestimmte Richtung.
Nach mehreren Jahren und immer wieder neuartigen Rekombinationen von genetischem Material sind einzelne Individuen in der Lage, über den bisherigen Ort hinaus an einem anderen Ort zu wachsen, den die zur Population gehörenden Pflanzen bisher nicht besiedeln konnten. Das bringt im Prinzip einen großen Vorteil mit sich: An dem neu «eroberten» Wuchsort stehen einzelne Individuen allein und werden nicht von ihren Artgenossen bedrängt. Es muss sich aber zuerst einmal herausstellen, ob der neu eroberte Wuchsort überhaupt dauerhaft von Individuen einer bestimmten Pflanzenart besiedelt werden kann. Vor allem dort, aber auch an anderen Wuchsorten von Individuen der Pflanzenart findet beständig eine natürliche Selektion statt: Organismen, die an die speziellen Bedingungen am Wuchsort angepasst sind, überleben oder haben zumindest einen Entwicklungsvorteil gegenüber anderen Individuen. Andere, die sich dort weniger gut entwickeln können, sind benachteiligt; sie wachsen nur kümmerlich oder werden von solchen Individuen verdrängt, die ihnen unter den speziellen Bedingungen an einem Standort überlegen sind.
Die Vorgänge der Selektion oder Auslese der am besten angepassten Organismen sind nicht leicht zu verstehen. Vor allem muss klar sein, dass Selektion in der Natur kein aktiver Prozess ist, sondern dass durch die Standortbedingungen entschieden wird, welche Individuen am besten angepasst sind und sich dort am besten entwickeln können. Ferner ist es wichtig zu bedenken, dass kein Individuum unabhängig von seinem Wuchs- oder Standort optimal angepasst ist. Kein Individuum ist an alle Stand- oder Wuchsorte gleich gut adaptiert. Stets sind einige Individuen von Pflanzen innerhalb einer Population besser an den einen Wuchsort angepasst, andere an einen Wuchsort mit anderen Qualitäten. Einige wachsen besser auf feuchtem, andere besser auf trockenem Untergrund.
Die natürliche Selektion kann sehr verschiedene Auswirkungen auf die Entwicklung einer Population von Organismen haben. Es könnten vor allem Individuen mit durchschnittlichen Merkmalen gefördert werden. In diesem Fall spricht man von einer stabilisierenden Selektion, in deren Verlauf immer wieder grundsätzlich solche Organismen gefördert werden, die ihren Eltern besonders stark ähneln. Oder Organismen werden besonders gefördert, die über neue Eigenschaften verfügen, welche ihre Eltern noch nicht besaßen. Dann erfolgt die Selektion gerichtet, die Population verändert sich allmählich stärker. Oder es werden zwei oder mehrere Gruppen von Individuen mit unterschiedlichen Eigenschaften gefördert, die durch diesen Vorgang immer weiter voneinander getrennt werden. Eine solche disruptive Selektion tritt etwa ein, wenn sowohl sehr große als auch sehr kleine Organismen anderen überlegen sind, die mittlere Eigenschaften aufweisen. Dann kommt es allmählich zu einer Trennung einer Gruppe aus größeren Organismen von einer anderen mit kleineren Organismen.
Vorgänge der Eroberung von neuen Stand- oder Wuchsorten und die Selektion spielten beispielweise eine Rolle, als erstmals Landpflanzen auftraten: Pflanzen hatten bis zu diesem Zeitpunkt unter Wasser gelebt. Dort gab es jederzeit genug Wasser und Mineralstoffe für die Fotosynthese, an der Wasseroberfläche standen auch Kohlenstoffdioxid und Licht in ausreichender Menge zur Verfügung. Jahr für Jahr entwickelten sich neue Individuen von Pflanzen, die immer besser zuerst teilweise, dann ganz außerhalb von Wasser gedeihen konnten. Das war nur möglich, wenn sich in ihrem Inneren Leitbahnen befanden, in denen Wasser von den Wurzeln zu den Blättern transportiert werden konnte. An den Blättern musste es Spaltöffnungen geben, die sich öffneten, wenn genug Wasser zur Verfügung stand, und sich bei Wassermangel schlossen. Sie sollten aber so lange wie möglich offen stehen, damit genug Kohlenstoffdioxid für die Fotosynthese ins Innere der Blätter gelangte. Schließlich gab es einzelne Pflanzenindividuen, die vollständig außerhalb von Wasser wachsen konnten.
Es kam dabei zu einer gerichteten Selektion: An einem bestimmten Wuchsort, nämlich demjenigen außerhalb des Wassers, konnten einzelne Individuen mit der Zeit immer besser überdauern. Die Selektion erfolgte ebenfalls disruptiv. Denn anschließend wurden sowohl Individuen mit durchschnittlichen Eigenschaften gefördert, nämlich diejenigen, die wie bisher im Wasser lebten, als auch andere Pflanzen, die außerhalb des Wassers gediehen. Weniger gut gefördert wurden Organismen, die teils überflutet wurden. So entwickelte sich anschließend sowohl eine Population aus Wasserpflanzen als auch eine andere aus Landpflanzen. Die Unterschiede zwischen ihnen wurden immer größer; nach einer bestimmten Zeit waren sie so weit voneinander getrennt, dass sie sich nicht mehr fruchtbar kreuzen konnten und zwei verschiedenen Populationen oder Pflanzenarten zugerechnet werden mussten.
Die ersten Landpflanzen lebten nur dort, wo der Boden feucht war, denn ihr Wassertransportsystem in den Leitbahnen war noch nicht optimal entwickelt, und auch die Spaltöffnungen waren nicht sehr leistungsfähig. Aber im Verlauf von vielen Jahrmillionen entstanden nach weiteren Mutationen und durch die anschließenden vielfältigen Rekombinationen von genetischem Material schließlich Individuen von Pflanzen, die ebenfalls unter trockeneren Bedingungen wachsen konnten. Trockenheit kann mehrere Ursachen haben: Einerseits ist selbstverständlich an Wassermangel an einem Wuchsort von Pflanzen zu denken, andererseits aber an Frost. In diesem Fall nämlich gefriert Wasser im Boden und in den Leitungsbahnen der Pflanzen, so dass es den Gewächsen genauso wenig zur Verfügung steht wie in einer Trockenwüste.
Pflanzen in einer stetig feuchten Umgebung, beispielsweise in einem Tropischen Regenwald, haben meistens ausreichend Wasser zum Wachstum; die Temperaturen sind konstant hoch. Daher können zu jeder Zeit neue Pflanzen keimen: Individuen, die sich von ihren Eltern unterscheiden. Tropenpflanzen haben prinzipiell zu jeder Jahreszeit Knospen, Blüten, unreife und reife Früchte.