image

Giacomo Casanova

MEINE FLUCHT AUS DEN BLEIKAMMERN VON VENEDIG

Die Geschichte meiner Flucht aus
dem Gefängnis der Republik Venedig,
den sogenannten Bleikammern,
niedergeschrieben in Dux in Böhmen
im Jahre 1787

Aus dem Französischen
von Ulrich Friedrich Müller
und Kristian Wachinger

C.H.Beck textura

Vir fugiens denuo pugnabit.
Hor.

Zum Buch

Giacomo Casanova (1725–1798), bis heute der Inbegriff des Frauenhelden, beschreibt ein Kapitel seines Lebens, das ihn fernab von Erotik und Verführung zeigt: Gefangen in den Bleikammern des Dogenpalasts von Venedig, ist er dazu gezwungen, das Beste aus seiner Haft zu machen und sich den kleinen Dingen des Lebens zu widmen. So wird bereits das Basteln einer Öllampe hinter dem Rücken der Gefängniswärter zu einem aufregenden Abenteuer. Welches Verbrechen Casanova begangen haben soll, bleibt ungewiss, und schon bald beginnt er, immer ausgefeiltere Fluchtpläne zu schmieden. Er versteht es, die Stärken und Schwächen seiner Mithäftlinge herauszufinden und jedem von ihnen eine passende Rolle bei seinem bühnenreifen Ausbruch zuzuweisen.

Im Jahre 1787 noch vor den umfangreichen Memoiren verfasst, stellt die vorliegende Erzählung mit ihren geistreichen und amüsanten Ausführungen wohl eine der spannendsten Episoden aus Casanovas Leben dar.

Über den Autor

Giacomo Casanova, geboren 1725 in Venedig, gestorben 1798 auf Schloss Duchcov in Böhmen, war Schriftsteller, Abenteurer und Libertin. 1755 wurde er im Auftrag der venezianischen Staatsinquisition verhaftet und verbrachte 15 Monate in den Bleikammern auf dem Dachboden des Dogenpalasts, ehe ihm die Flucht gelang.

Über die Übersetzer

Ulrich Friedrich Müller (1932–1988) hat am Dolmetscherinstitut Heidelberg studiert, war als Verlagslektor und Konferenzdolmetscher tätig und hat Bücher aus dem Französischen, Spanischen und Englischen übersetzt.

Kristian Wachinger, geboren 1956, Studium der Germanistik und Romanistik in Hamburg, Nantes und München, seit 1984 Verlagslektor in München. Als Übersetzer ist er Schüler von Ulrich Friedrich Müller. Dessen Casanova-Übersetzung lag in einer Rohfassung zu großen Teilen vor, als er 1988 starb. Wachinger hat die Arbeit in seinem Sinne zu Ende geführt.

VORWORT

Jean-Jacques Rousseau, der berühmte Ketzer, der beredte Schriftsteller, der Denker mit weitem philosophischen Blick, der sich gern als Menschenverächter gab und gern provozierte, schrieb ein einzigartiges Vorwort zu seiner Nouvelle Héloïse: Er beschimpft darin den Leser, verstimmt ihn aber nicht. Da ein kleines Vorwort jedem Werk gut ansteht, schreibe ich auch eines; es ist aber vor allem, um Euch, geneigter Leser, mit mir bekannt zu machen und mich Eurer Zuneigung zu versichern; ich hoffe, Ihr werdet erkennen, dass ich weder mit meinem Stil noch mit den neuen und überraschenden Sittenbildern etwas bezwecke, wie es der eben erwähnte Autor tut, der nicht einfach schrieb, wie man spricht, und der, statt sich durchgängig für ein Denksystem zu entscheiden, Weisheiten aussprach, die aus der zufälligen Aneinanderreihung seiner lauwarmen Umschreibungen entstanden und nicht aus kühler Vernunft; seine Lehrsätze sind Widersprüchlichkeiten, die den Geist zum Niesen bringen sollen: Sind sie einmal in den Prüftiegel der kritischen Betrachtung geraten, so lösen sie sich in Rauch auf. Macht Euch darauf gefasst: In dieser Geschichte werdet Ihr nichts Neues finden als die Geschichte selbst, denn was die Philosophie angeht, so haben Sokrates, Horaz, Seneca, Boethius und einige andere bereits alles gesagt. Was wir noch bieten können, sind Beispiele; und man braucht keine große Begabung dazu, um sogar recht hübsche zu geben.

Ihr müsst mir Wohlwollen entgegenbringen, lieber Leser, denn einzig mit dem Ziel, Euch zu unterhalten, und in der Gewissheit, Euch zu gefallen, lege ich Euch ein Bekenntnis ab. Wenn eine solche Schrift nicht das ist, was man ein aufrichtiges Bekenntnis nennt, dann sollte man sie aus dem Fenster werfen, denn ein Autor, der sich selbst lobt, ist nicht wert, gelesen zu werden. Ich empfinde Reue und Scham, und mehr ist nicht nötig, um mein Bekenntnis vollständig zu machen. Aber denkt nicht, ich wäre zu verachten: Ein offenes Bekenntnis macht nur den verächtlich, der es ohnehin schon ist; und ein solcher wäre schön dumm, sein Bekenntnis vor der Öffentlichkeit abzulegen, deren Wertschätzung jeder kluge Mensch erstreben muss. Ich bin also sicher, dass Ihr mich nicht verachten werdet. Ich habe nur Fehler gemacht, wo mich mein Herz getäuscht oder wo mich eine Maßlosigkeit des Geistes überwältigt hat, die erst das Alter bezähmen konnte; schon das genügt, mich erröten zu lassen. Das Ehrgefühl, das ich von denen gelernt habe, die mich leben gelehrt haben, war zwar nicht immer vor Schmähung sicher, doch es war stets mein Allerheiligstes. Nur darauf halte ich mir etwas zugute.

Zweiunddreißig Jahre nachdem sie sich abgespielt hat, entschließe ich mich, eine Geschichte zu Papier zu bringen, die mir im Alter von dreißig Jahren widerfuhr, nel mezzo del cammin di nostra vita. Der Grund für die Niederschrift ist der: Ich will mir die Mühe ersparen, sie jedes Mal von Neuem zu erzählen, wenn verehrungswürdige und liebenswerte Menschen von mir verlangen oder mich bitten, dass ich ihnen dieses Vergnügen bereite. Hundert Mal ist es mir so ergangen, dass mein Wohlbefinden nach dem Erzählen der Geschichte irgendwie gelitten hat, sei es wegen der starken Erinnerung an das traurige Abenteuer, sei es, weil die Bemühung, die Umstände bis in alle Einzelheiten zu schildern, meinen Organismus ermüdete. Hundert Mal habe ich mir vorgenommen, die Geschichte aufzuschreiben, immer standen mehrere Gründe im Wege; heute sind sie alle zurückgetreten hinter den Grund, der mich nun zur Feder greifen lässt.

Ich fühle, dass ich nicht mehr die Kraft habe, das Geschehnis erzählend vorzutragen, nicht einmal mehr die Kraft, den Neugierigen, die mich darum bitten, zu sagen, dass mir die Kraft fehlt. Lieber würde ich den schlimmen Folgen einer solchen Anstrengung erliegen als mich dem hässlichen Verdacht fehlender Gefälligkeit aussetzen. Darum folgt nun diese Geschichte, die ich bis heute nisi amicis idque coactus erzählt habe, da sie sich sonst möglicherweise herumgesprochen hätte. Sei’s drum. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich meiner Gesundheit größere Opfer bringen muss. Um mündlich zu erzählen, braucht man eine gute Aussprache. Eine lockere Zunge allein genügt nicht, man muss Zähne haben, denn die Konsonanten, zu denen man sie braucht, machen mehr als ein Drittel des Alphabets aus, und ich habe unglücklicherweise bereits alle meine Zähne verloren. Beim Schreiben kann der Mensch auf sie verzichten, aber sie sind unerlässlich, wenn er sprechen, wenn er überzeugen will.

Es ist ein großes Unglück, den Verfall unserer Glieder und den Verlust dessen, was unsere Person zum Wohlbefinden braucht, zu überleben; Elend kann sich nur vom Fehlen des Notwendigen herleiten. Wenn einen freilich dieses Unglück im Alter ereilt, darf man sich nicht beklagen, denn: hat man uns auch die Möbel genommen, so hat man uns doch das Haus gelassen. Diejenigen, die wegen solchen Ungemaches Selbstmord begehen, befinden sich in einem Irrtum; denn wer sich das Leben nimmt, tilgt zwar gewiss sein Ungemach, doch ebenso gewiss entledigt er sich seiner nicht: Indem er sich tötet, nimmt er sich ja auch die Möglichkeit, diese Wohltat wahrzunehmen. Der Mensch hasst das Ungemach nur deshalb, weil es dem Leben unbequem ist; hat er aber das Leben nicht mehr, kann ihn auch der Selbstmord von nichts mehr erlösen. Debilem facito manu – Debilem pede, coxa – Lubricos quate dentes – Vita dum superest bene est.

Wer gesagt hat, Kummer sei bedrückender als die größten Übel, die den Körper heimsuchen, hat eine schlechte Weisheit verbreitet; denn die Übel des Geistes greifen nur den Geist selber an, während die des Körpers diesen niederwerfen und jenen verzweifeln lassen. Der wirklich Weise, im Sinne von sapiens, ist immer und überall glücklicher als alle Könige der Erde, nisi cum pituita molesta est. Wir können nicht alt werden, ohne dass sich unsere Werkzeuge abstumpfen: Ich glaube sogar, wir würden den Todesstoß sehr viel empfindlicher spüren, wenn nicht der natürliche Verschleiß sie beeinträchtigt hätte. Die Materie kann dem Zahn der Zeit nicht widerstehen, ohne ihre Form zu verlieren: singula de nobis anni praedantur euntes. Das Leben ist wie ein lockeres Mädchen, das wir lieben und dem wir letzten Endes alles erfüllen, was es von uns will, Hauptsache, es verlässt uns nicht. Wer meint, man müsse es verachten, der irrt; den Tod muss man verachten, nicht das Leben. Das ist nicht dasselbe, es sind zwei gänzlich verschiedene Auffassungen: Liebe ich das Leben, so liebe ich mich selbst und hasse den Tod, weil er der Henker des Lebens ist. Der Weise sollte allerdings nur Verachtung für ihn empfinden, denn Hass ist ein Gefühl, das dem Wohlbefinden abträglich ist. Wer den Tod fürchtet, ist ein bisschen dumm, denn der Tod ist unentrinnbar; wer ihn herbeisehnt, ist ein Schwächling – es steht ja jedem frei, sich selbst den Tod zu geben.

Bevor ich nun mit der Niederschrift der Geschichte meiner Flucht aus dem Staatsgefängnis der Republik Venedig, den sogenannten Bleikammern, beginne, glaube ich, meinem Leser noch eine Erklärung zu schulden zu etwas, das seine Kritik heraufbeschwören könnte. Die Leute haben es nicht gern, wenn Schriftsteller viel von sich selbst reden, und in der Geschichte, die ich nun niederschreiben will, wird in jedem Augenblick von mir die Rede sein. Ich bitte den Leser, mir dies nachzusehen; ich versichere ihm, dass er kein Eigenlob zu lesen bekommen wird, denn inmitten meines ganzen Unglücks habe ich – Gott sei Dank – immer eingesehen, dass an erster Stelle ich selbst daran schuld war. Was meine nachdenklichen Abschweifungen und mehrere kleine Einzelheiten angeht, so lasse ich allen, die davon gelangweilt sind, die Freiheit, sie zu überspringen.

Jeder Schriftsteller, der diejenigen zum Denken bringen will, die lesen, um sich der Versuchung zum Denken zu entziehen, ist ungezogen. Ich erkläre hiermit, dass ich stets nur geschrieben habe nach dem Grundsatz, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu schreiben, und dass ich der Meinung war, ich würde die Leser betrügen, wenn ich die geringste Kleinigkeit fortließe, die mit der Sache zu tun hat. Entschließt man sich, ein Geschehnis schriftlich darzulegen und sich damit zu ersparen, es mündlich zu erzählen, so muss man es, wie mir scheint, genau und vollständig wiedergeben. Ich muss hinzufügen, dass – ebenso wie es mir unangenehm wäre, wenn ich alle Umstände dieses Geschehnisses vorlesen müsste – es mir auch unangenehm und für befriedigendes Arbeiten hinderlich wäre, wenn jemand mich zwänge, auch nur die geringste Einzelheit, die mit meiner Geschichte zu tun hat, zu verschweigen. Um die Zustimmung aller zu gewinnen, glaubte ich mich mit allen meinen Schwächen zeigen zu müssen, so wie ich mich selbst vorfand, als ich im Verlauf des Geschehens dazu kam, mich selbst kennenzulernen: In meiner schrecklichen Lage erkannte ich meine Verirrungen, und ich fand heraus, inwiefern ich sie mir nachsehen konnte. Da ich die gleiche Nachsicht von meinen Lesern brauche, wollte ich ihnen auch nichts vorenthalten, denn mir ist eine Verurteilung, die sich auf Wahrheit gründet, viel lieber als ein günstiges Urteil, das auf Lügen beruht.

Wenn man irgendwo in meiner Geschichte einen bitteren Unterton gegenüber der Gewalt findet, die mich festhielt und dadurch sozusagen zwang, mich in die Gefahren zu begeben, die die Ausführung meines Vorhabens bedeutete, so erkläre ich hier, dass meine Klagen nur aus der unbeherrschten Natur gekommen sein können; denn in meinem Herzen oder Sinn ist keine Bitterkeit, die aus Hass oder Zorn entstanden sein könnte. Ich liebe mein Vaterland, und also auch die, die es regieren. Damals war mir meine Verhaftung nicht recht, weil mir die Natur das nicht erlaubte; heute jedoch heiße ich sie gut, zumindest wegen der Wirkung, die sie auf mich getan hat, und wegen der Zurechtweisung, die ich bei meinem Betragen nötig hatte. Allerdings verurteile ich das Verfahren und die Mittel. Hätte ich gewusst, was mir zur Last gelegt wurde und wie lange die Haft dauern sollte, die ich zur Sühnung benötigte, ich hätte mich nicht in die offenkundige Gefahr begeben, mein Leben zu verlieren. Was mich umgebracht hätte, wenn ich umgekommen wäre, wäre die Wirkung des Despotismus gewesen, der – bedenkt man seine unheilvollen Auswirkungen – von ebenjenen abgeschafft gehört, die ihn ausüben.

ERSTER TEIL

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen, nachdem ich in Rom den geistlichen Stand verlassen, den militärischen angenommen und in Korfu wieder aufgegeben hatte, nachdem ich den Advokatenberuf ergriffen und aus Abscheu wieder fallen gelassen, nachdem ich mein ganzes Italien, beide Griechenländer, Kleinasien, Konstantinopel und die schönsten Städte Frankreichs und Deutschlands gesehen hatte, kehrte ich im Jahre 1753 in meine Vaterstadt zurück: einigermaßen gebildet, voller Selbstvertrauen, leichtsinnig, vergnügungssüchtig, jeder Voraussicht abhold; ich redete über alles drauflos, munter, dreist und handfest, inmitten eines Freundes-Klüngels, dessen Bannerträger ich war; ich machte mich über alles lustig, was mir töricht erschien, Heiliges und Weltliches, nannte Vorurteil, was nicht schon den Wilden bekannt war, spielte mit hohen Einsätzen, unterschied nicht Nacht und Tag und achtete nur die Ehre, die ich ständig im Munde führte, freilich mehr aus Hochmut als aus Pflichtgefühl; ich war bereit, um die Meine vor jedem Flecken zu bewahren, alle Gesetze zu übertreten, die mich hätten daran hindern können, Genugtuung, Entschädigung, Rache für alles zu erlangen, was nach Beleidigung oder Zudringlichkeit aussah. Ich meinerseits trat niemandem zu nahe, störte den Frieden keiner Gesellschaft und mischte mich nicht in Staatsangelegenheiten oder private Auseinandersetzungen; das war auch schon alles, was ich mir zugutehalten konnte, und es schien mir ausreichend, um gegen alles Unglück gefeit zu sein, das mich unverhofft einer der Freiheiten hätte berauben können, die ich für unantastbar hielt. Wenn ich zuweilen einen Blick auf mein Verhalten warf, befand ich es stets für untadelig; mein freizügiges Leben konnte mich ja höchstens an mir selbst schuldig machen, und so war mein Gewissen von keinem Reuegefühl beschwert. Ich meinte, ich hätte keine Pflicht außer der, ein Mann von Ehre zu sein, und darauf war ich stolz. Da ich zum Unterhalt weder eine Stellung noch ein Amt brauchte, die meine Freiheit für einige Stunden hätten einschränken oder mich zwingen können, die Allgemeinheit durch geregelten und erbaulichen Lebenswandel zu beeindrucken, pries ich mich glücklich und machte getrost weiter.

Herr von Br…, ein höchst bedeutender Senator, hatte sich meiner angenommen; sein Geldbeutel war der meine; er liebte mein Herz, er liebte meinen Geist. Nachdem er in der Jugend ein großer Leichtfuß und Sklave aller Leidenschaften gewesen war, gebot ihm ein Schlaganfall das grausame Halt; er brachte ihn an den Rand des Grabes und zurück zur Vernunft. Als er wieder handlungsfähig war und hoffen durfte, bei rechter Lebensweise ein hohes Alter zu erreichen, fand er kein anderes Mittel als die Frömmigkeit; sie allein konnte ihm helfen, Laster durch tugendhafte Taten zu ersetzen. Er tat dies im besten Glauben, weil er in mir sein eigenes Abbild zu erkennen meinte und ich ihm leidtat; er sagte, ich triebe es so ungestüm, dass ich unfehlbar bald zur Vernunft kommen würde; in dieser Hoffnung hat er mich nie aufgegeben; er erwartete, dass der immer gleiche Ausgang meine Leidenschaften zum Abklingen bringen würde, aber er hat nicht lange genug gelebt, seine Wünsche erfüllt zu sehen. Er hielt mir ständig vortreffliche Moralpredigten, die ich mit Vergnügen, auch mit Bewunderung anhörte und denen ich auch nie auswich: Das war alles, was er von mir verlangte. Er gab mir gute Ratschläge und Geld; was er mir vorenthielt, war, dass er ständig Gott anflehte, mir die Ungehörigkeit meines Verhaltens klar werden zu lassen.

Im März 1755 nahm ich eine Wohnung im Haus einer Witwe an dem Kai, der in Venedig Fondamenta Nuove genannt wird, wobei ich Herrn von Br… versicherte, dieses neue Quartier sei für meine Gesundheit erforderlich, weil der Sommer vor der Tür stehe und ich zu den Zeiten großer Hitze, die man vor allem im Stadtinneren spürte, in einem der frischen Luft und dem kühlen Nordwind zugewandten Viertel leben müsse. Der edle Herr, der ja alles gut fand, was ich begehrte, billigte mein Vorhaben und war schon zufrieden, dass ich ihm versprach, jeden Tag zu ihm zum Abendessen zu kommen. Mein eigentlicher Grund zum Verlassen seines Palazzo war, dass ich in der Nachbarschaft eines Mädchens, das ich liebte, wohnen wollte. Die Einzelheiten der Affäre haben nichts mit dieser Geschichte zu tun; deshalb erspare ich sie dem Leser.

Am 25. Juli verließ ich die Erberia eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang, um schlafen zu gehen. Die Erberia ist eine Stelle am Kai des Canal Grande gleich bei der Rialtobrücke; sie heißt so, weil sich dort der Kräuter-, Obst- und Blumenmarkt befindet. Die Männer und die lockeren Damen, welche die Nacht bei den Genüssen der Tafel oder in der Erregung des Spiels zugebracht haben, spazieren dort oft noch ein wenig, bevor sie schlafen gehen. Diese Promenade zeigt, wie rasch sich der Charakter eines Volkes ändert. Die Venezianer von einst, geheimnistuerisch in Politik und Liebesabenteuern, sind heute von solchen verdrängt, denen vor allem daran gelegen ist, aus nichts mehr ein Geheimnis zu machen. Der Ort ist schön anzusehen, aber das ist wohl nur ein Vorwand. Man geht auf der Erberia mehr zum Gesehenwerden als zum Sehen, und den Frauen ist sie wichtiger als den Männern: Die Welt soll wissen, dass sie sich nicht zieren; jede kokette Verstellung ist wegen des schäbigen Aufzugs unmöglich. Der Tag bricht an, aber alle tun, als nähmen sie das nicht wahr; für sie ist es das Ende des vorhergehenden, und jeder Mann, jede Frau muss am anderen die Anzeichen der Ausschweifung sehen: Die Männer müssen den Überdruss an der allzu strapazierten eigenen Herrlichkeit zur Schau tragen, und die Frauen müssen eine unansehnlich gewordene Toilette vorführen, die keine Beachtung gefunden hat: Jeder muss erschöpft wirken und zeigen, wie sehr es ihn ins Bett zieht. Ich versäumte diese Promenade nie; meist war ich nichts als ein bloßer Beobachter ihrer Gesetzmäßigkeiten.

Um diese Zeit mussten in meinem Haus eigentlich alle schlafen. Meine Überraschung war also nicht gering, als ich die Haustür offen fand, und sie verstärkte sich noch, als ich das Schloss herausgeschlagen sah. Ich gehe hinauf und stelle fest, dass die ganze Familie auf den Beinen und meine Wirtin ganz verzagt ist wegen einer außerordentlichen Haussuchung, bei der alles drunter und drüber geworfen worden war. Sie sagte mir völlig verstört, eine Stunde vor Tagesanbruch habe der Messer grande (das ist der Titel des obersten Büttels der Republik) die Haustür eingeschlagen, sei mit seinem Trupp heraufgekommen und habe im ganzen Haus die peinlichste Durchsuchung vorgenommen, und zwar auch in meiner Wohnung, wo er alle Ecken untersucht habe. Nach all seinen vergeblichen Bemühungen habe er gesagt, es sei gestern Morgen bei ihr ein großer Koffer abgeladen worden, und er wisse, dieser Koffer sei voll Salz. Sie habe ihn ihm daraufhin gezeigt, nicht mit Salz, sondern mit Kleidern vom Grafen Securo gefüllt, einem Freund des Hauses, der ihn vom Lande geschickt hatte. Der Messer grande sei gegangen, nachdem er das gesehen hatte. Ich versprach meiner Wirtin, ich würde ihr die glänzendste Genugtuung verschaffen, und ging ohne die mindeste Beunruhigung zu Bett.

Gegen Mittag stand ich auf, um bei Herrn von Br… zu speisen; ich berichtete ihm den Vorfall und stellte die Notwendigkeit dar, eine angemessene Genugtuung für die Frau zu erwirken, weil die Gesetze jedem Haus, in dem kein Verbrechen begangen wurde, Ruhe und Frieden zusicherten. Ich sagte, zumindest müsse der unbesonnene Minister seinen Posten verlieren. Der weise alte Mann hörte mir sehr aufmerksam zu und sagte dann, er werde mir nach dem Essen eine Antwort geben. Wir verbrachten zwei Stunden höchst angeregt mit zwei anderen Adeligen, die, obwohl jünger, ebenso brav und fromm waren wie er; beide waren gute Freunde von mir und dachten ebenso über mich wie er. Die enge Verbindung dieser drei achtbaren Personen mit mir war Anlass zur Verwunderung für alle, die sie beobachteten; man sprach davon als von etwas Seltsamem, dessen Ursache mysteriös sein müsse, denn man konnte einfach nicht begreifen, wieso der Charakter der drei mit dem meinen zusammenpasste: sie ganz Ewigkeit und Tugend, ich ganz Welt und Laster. Böse Zungen erfanden schändliche Erklärungen; es könne, hieß es, nicht mit rechten Dingen zugehen. Üble Nachrede mischte sich hinein: Es musste ein Geheimnis dahinterstecken, das es zu lüften galt. Zwanzig Jahre später habe ich erfahren, dass man uns beobachten ließ und dass die tüchtigsten Spitzel vom Gericht der Staatsinquisitoren den Auftrag hatten, den verborgenen Grund für diese unbegreifliche, empörende Verbindung herauszufinden. Ich dagegen, von meiner Unschuld überzeugt, misstraute niemandem und führte mein Leben denkbar zuversichtlich weiter.

Herr von Br… sagte mir gleich nach dem Essen, nur im Beisein der beiden Adeligen, ruhig und entschieden, ich dürfe nicht auf Rache für die meiner Wirtin zugefügte Beleidigung sinnen, sondern müsse zusehen, mich an einen sicheren Ort zu verfügen. Er sagte mir, der Koffer voll Salz sei ein vom Messer grande erfundenes Schmuggelgut; der habe es nur auf mich abgesehen. Gewiss, er spreche nur eine Vermutung aus, aber da er selbst dem Gericht angehört habe, erkenne er die Art und Weise der seinerzeit von ihm angeordneten Verhaftungen wieder. Er sagte, er habe deshalb seine Gondel mit vier Rudern ausrüsten lassen, und ich müsse damit unverzüglich nach Fusina abreisen, um dort die Post nach Florenz zu nehmen, wo ich bleiben solle, bis er mir schriebe, ich könne zurückkehren. Am Ende seiner klugen Rede gab er mir eine Rolle mit hundert Zechinen. Voller Achtung und Dankbarkeit erwiderte ich, ich bäte ihn tausend Mal um Verzeihung, wenn ich seinem Rat nicht nachkäme. Aber vor der Gerechtigkeit des Gerichts könne ich keine Furcht haben, da ich mich nicht schuldig fühle. Er sagte, ein Gericht wie dieses könne mehr wissen als ich und Verbrechen an mir finden, an denen ich mich vielleicht unschuldig glaubte; vorläufig sei es für mich am sichersten, die hundert Zechinen zu nehmen und zu verschwinden. Ich entgegnete, kein Mensch könne ein Verbrecher sein, ohne es zu wissen, und ich würde mich an mir selbst verfehlen, wenn ich durch meine Flucht den Staatsinquisitoren einen Hinweis auf irgendwelche Gewissensbisse gäbe, der sie nur in ihrer Meinung bestärken könne. Ich fügte hinzu, da das Schweigen die Seele des Hohen Magistrats sei, könne man nach meiner Abreise unmöglich herausbekommen, ob ich zu Recht geflohen sei, und ich könne den Entschluss nur fassen, wenn ich meiner Vaterstadt auf ewig Lebewohl sagte, weil nichts mir die Gewissheit geben würde, dass ich nach meiner Rückkehr ohne Furcht dort leben könne, ohne dieselbe Furcht, die mich jetzt zum Weggehen bewegen würde. Indem ich das zu ihm sagte, umarmte ich ihn; das angebotene Geld mochte ich nicht annehmen, und ich bat ihn inständig, nicht durch seine Besorgnis meinen Seelenfrieden zu stören. Tu mir wenigstens den Gefallen, sagte er, heute Nacht nicht in deiner Bude zu schlafen. Auch darauf ließ ich mich nicht ein – zu Unrecht: die Bitte kam von der Güte in Person, und aus einem denkbar leichtfertigen Grunde habe ich sie nicht beachtet. Es war der Tag des heiligen Jakob, meines Namenspatrons, und am Tag darauf war das Fest der heiligen Anna, so hieß das Mädchen, das ich damals gerade liebte; ich hatte ihr geschrieben, wir wollten miteinander auf dem Castello essen gehen. Auch hatte mir an diesem Tag der Schneider einen Taftrock gebracht, dessen Borte in Silberspitze von meiner Schönen entworfen war. Ich fand nicht, dass ich dieses Stelldichein der weisen Vorsicht und liebevollen Fürsorge meines Wohltäters opfern sollte. Dabei war ich weder bösartig noch undankbar, sondern töricht und gelüstig auf das Vergnügen, das ich mir im Voraus immer größer vorstellte. In diesem Alter ist eine solche Verabredung etwas sehr Wichtiges: amare et sapere vix Deo conceditur ist ein Satz, dessen Richtigkeit ich erst kürzlich wieder in Wien erfahren habe. Als ich mich von Herrn von Br… verabschiedete, sagte er lachend, wir würden uns vielleicht nie mehr sehen. Diese Worte machten mich stutzig, aber er selbst fürchtete wohl, zu viel gesagt zu haben, und nahm mir meine Überraschung, indem er als wahrer Stoiker sagte: Geh, geh, mein Sohn, sequere Deum, fata viam inveniunt. Tatsächlich habe ihn damals zum letzten Mal gesehen, obwohl er meine Flucht um zehn Jahre überlebt hat. Ich umarmte meine beiden anderen Freunde, die verdutzt dastanden, und da ich am anderen Morgen früh aufstehen musste, kehrte ich um ein Uhr nachts in meine Wohnung zurück und ging gleich zu Bett.

Am 26. Juli 1755 trat bei Tagesanbruch der Messer grande in mein Schlafzimmer. Erwachen, ihn erblicken und seine Fragen hören, alles geschah im gleichen Augenblick. Er nannte meinen Namen und fragte mich, ob er sich nicht täusche; denn er hatte mich nie zuvor gesehen. Ich antwortete ihm, er täusche sich nicht. Gebt mir, sagte er, alles, was Ihr Schriftliches habt, von eigener oder fremder Hand; zieht Euch an und kommt mit. Ich fragte ihn, von wem er den Auftrag habe, und er entgegnete, er habe den Befehl des Gerichts. Daraufhin stimmte ich zu, dass er alle meine Papiere nahm und von zweien seiner Leute in einen Sack packen ließ, und kleidete mich an, ohne noch einmal den Mund aufzutun. Erstaunlich, dass ich mich rasierte, mich frisieren ließ, ein Spitzenhemd und meinen Ausgehfrack anlegte, nicht wie einer, der weiß, dass er ins Gefängnis soll, sondern wie man auf eine Hochzeit oder zu einem Ball geht; ich tat das ganz mechanisch, denn als ich es am Tag darauf bedachte, konnte ich mir selbst nicht erklären, wie das geschehen war. Der Messer grande ließ mich meine ganze Toilette machen, ohne mich aus den Augen zu lassen. Als er sah, dass ich fertig war, erklärte er mir, ich müsse auch noch als Bücher gebundene Handschriften haben; die müsse ich ihm zur Verwahrung übergeben. Da meinte ich, doch noch ein wenig hinter die Sache zu kommen. Ich zeigte ihm einen Stapel gedruckter Bücher, auf denen vier solche Handschriftenbände lagen. Er nahm sie an sich, und dazu alle Druckwerke, die er auf meinem Nachttisch sah: Ariost, Petrarca, Horaz, einen Band der kleinen Schriften Plutarchs und einige französische Broschüren. Die Handschriften umfassten angebliche Zauberbücher, die Clavicula Salomonis, Talismane, die Kabbala, das Ben Zechor, Picatrix, Duftrezepte und Beschwörungsformeln, um mit den Dämonen aller Klassen ins Gespräch zu kommen. Die Neugier hatte mich in den Besitz all dieser betörenden Dinge gelangen lassen, die mir überhaupt nicht wichtig waren; die Menschen, die wussten, dass ich so etwas besaß, glaubten nicht daran, und ich ließ sie denken, was sie wollten; ich hatte gar nichts dagegen, dass man meinte, ich hätte Interesse an Zauberei.

Zwei Monate vor diesem Ereignis hatte ich einen Venezianer, dessen eigentlicher Beruf Edelsteinfasser war, kennengelernt, der mir einen hübschen Brillantring preisgünstig zum Kauf anbot; bei einem Besuch in meiner Wohnung sah er die Zauberbücher. Zwei oder drei Wochen später kam er und sagte mir, einer, der nicht genannt sein wolle, würde mir tausend Dukaten dafür geben, wenn ich sie zu verkaufen bereit sei, wünsche sie aber vorher zu sehen. Der Vorschlag gefiel mir, und ich antwortete, es mache mir nichts aus, sie ihm für vierundzwanzig Stunden anzuvertrauen. Zwei Wochen später bat er mich um die Bücher und gab sie tags darauf zurück mit der Erklärung, der Betreffende halte sie nicht für echt. Acht Tage später wurde ich verhaftet. Da mich der Messer grande nach ebendiesen Büchern fragte, ahnte ich einen Zusammenhang, konnte allerdings zu keinem Schluss kommen. Später habe ich erfahren, dass dieser Venezianer ein Gerichtsspitzel war.

Beim Verlassen meines Zimmers erblickte ich zu meiner Überraschung dreißig bis vierzig Büttel: Man hat mir die Ehre erwiesen, sie zu meiner Ergreifung für notwendig zu halten, obwohl zwei ausgereicht hätten nach dem Satz ne Hercules quidem contra duos. Seltsam, dass in London, wo doch jedermann mutig ist, immer nur ein Mann eingesetzt wird, um einen anderen zu verhaften, und in meiner Vaterstadt Venedig, wo die meisten feige sind, dreißig. Ich glaube, es liegt daran, dass ein auf Befehl angreifender Feigling immer mehr Angst hat als der Angegriffene, der bei einer solchen Gelegenheit mutig werden kann. Tatsächlich gibt es in Venedig viele, die sich bei der Verhaftung gewehrt und nur gegen die Macht der Überzahl aufgegeben haben.

Der Messer grande ließ mich in eine Gondel steigen, wo er sich neben mich setzte, nachdem er nur vier Mann bei sich behalten und alle übrigen fortgeschickt hatte. Die Gondel fuhr zu seinem Amtshaus. Er führte mich in ein Zimmer, bot mir Kaffee an, den ich ablehnte, und ließ mich dann allein. Fast vier Stunden habe ich dort in einem schweren, ziemlich ruhigen Schlaf zugebracht, der nur jede Viertelstunde durch den Drang zum Wasserlassen unterbrochen wurde, eine höchst sonderbare Erscheinung, denn es war über die Maßen heiß, ich hatte nicht zur Nacht gegessen und am ganzen vorhergehenden Tag nur bei Dunkelwerden ein Eis zu mir genommen; trotzdem habe ich zwei große Nachttöpfe mit Urin gefüllt. Das Erschrecken über meine bedrückte Lage wirkte wie ein starkes Betäubungsmittel auf mich; dergleichen hatte ich schon früher an mir beobachtet, aber für harntreibend hatte ich es nicht gehalten – ich überlasse den Fall den Ärzten. Vielleicht könnte man es so erklären, dass zur gleichen Zeit, da mein in Furcht versetzter Geist Anzeichen des Versagens durch die Erschöpfung seines Denkvermögens zeigte, auch mein Körper, als stecke er in einer Presse, einen großen Teil der Flüssigkeit ausscheiden musste, die in ständigem Kreislauf unser Denkvermögen in Gang hält. So kann ein überraschender Schrecken zum plötzlichen Tode führen, weil er die Seele vom Blut wegreißen kann.

Beim Schlag der Terza trat der Messer grande herein und sagte mir, er habe Befehl, mich in die Bleikammern zu bringen. Ich folgte ihm. Wir begaben uns in eine andere Gondel, und nach einem Umweg durch kleine Kanäle bogen wir in den Canal Grande ein und stiegen am Anlegeplatz des Gefängnisses aus. Nachdem wir einige Treppen hinaufgegangen waren, überschritten wir eine hohe, geschlossene Brücke, die das Gefängnis über den Rio di Palazzo genannten Kanal hinweg mit dem Dogenpalast verbindet. Wir gingen auf der anderen Seite der Brücke eine Galerie entlang und betraten einen zweiten Raum, wo er mich einem in Patriziergewänder gekleideten Mann vorführte, der mich erst musterte und dann sagte: è quello: mettetelo in deposito. Diese Person war der Sekretär der Herren Inquisitoren, il circospetto Domenico Cavalli, der sich offenbar schämte, in meiner Gegenwart venezianisch zu sprechen, denn er verfügte meine Verhaftung in reinem Toskanisch. Nun übergab mich der Messer grande dem Wärter der Bleikammern, der mich mit zwei Mann Gefolge zwei kleine Treppen hinaufführte, dann in eine Galerie, dann in eine weitere, die durch eine abschließbare Tür abgetrennt war, dann in noch eine, an deren Ende wieder eine Tür war, hinter der ich mich in einem großen, hässlichen, schmutzigen, sechs Klafter langen und zwei Klafter breiten Dachboden wiederfand, der nur von einer hohen Luke Licht empfing. Ich hielt diesen Dachboden für mein Gefängnis, doch ich täuschte mich. Mein Begleiter nahm einen schweren Schlüssel, öffnete eine mächtige, eisenbeschlagene Tür von dreieinhalb Fuß Höhe, die in der Mitte ein rundes Loch von acht Zoll Durchmesser hatte, und hieß mich eintreten. Während er die Tür öffnete, betrachtete ich aufmerksam ein eisernes Gerät, das an der starken Trennwand befestigt war; es hatte die Form eines Hufeisens, war einen Zoll stark und hatte fünf Zoll Abstand zwischen den gegenüberliegenden Enden. Ich überlegte, was das sein mochte, als der Wärter lächelnd sagte: Ich sehe, mein Herr, Ihr wollt wissen, wozu dieses Gerät dient. Ich kann es Euch sagen. Wenn Ihre Exzellenzen anordnen, dass jemand erdrosselt werden soll, setzt man denselben auf einen Schemel mit dem Rücken zu diesem Halseisen, den Kopf so, dass es die Hälfte seines Halses umschließt; eine dicke Seidenschnur umgibt die andere Hälfte und geht mit den beiden Enden durch dieses Loch, hinter dem ein Rad befestigt ist, an dem sie festgebunden werden; und ein Mann dreht es, bis der Delinquent seinen Geist aufgegeben hat und bei Gott ist, denn der Beichtvater verlässt ihn, der Herr sei gelobt, erst, wenn er tot ist. – Sehr sinnreich, erwiderte ich, und ich nehme an, mein Herr, dass Ihr selbst die Ehre habt, das Rad zu drehen. Er antwortete nicht. Bei meiner Größe von fünf Fuß und neun Zoll musste ich mich ziemlich bücken, um einzutreten; er schloss hinter mir ab. Durchs Gitter fragte er mich, was ich zu essen wünsche; ich antwortete, daran hätte ich noch nicht gedacht. Er ging und schloss alle Türen wieder zu.

Betäubt stützte ich meine Ellenbogen auf den oberen Rand des Gitters. Es war zwei Fuß im Quadrat groß, sechs Eisenstäbe von einem Zoll Durchmesser gingen längs und quer darüber, die sechzehn quadratische Öffnungen von je fünf Zoll bildeten. Die Zelle wäre davon hell genug geworden, wenn nicht ein anderthalb Fuß starker rechteckiger Tragbalken des Dachstuhles, der unter der schräg gegenüber befindlichen Luke in die Wand eingelassen war, das in den Dachboden einfallende Licht abgefangen hätte.

Ich nahm erst einmal eine Erkundung meines abscheulichen Gefängnisses vor, mit gesenktem Kopf, weil es nur fünfeinhalb Fuß hoch war; tastend stellte ich fest, dass es drei Viertel eines Quadrats mit zwei Klafter Seitenlänge maß. Das Viertel neben dem fehlenden war tatsächlich eine Art Alkoven, in den ein Bett gepasst hätte, aber ich fand weder Bett noch Sitzgelegenheit noch Tisch noch sonst ein Möbelstück, nur einen Eimer für die Notdurft und ein an der Wand befestigtes Brett, einen Fuß breit und vier Fuß über dem Boden. Dort legte ich meinen schönen Seidenmantel und meinen hübschen, so übel eingeweihten Frack ab, dazu meinen mit spanischen Spitzen geränderten Hut mit weißer Feder. Es war über die Maßen heiß.

Traurig und nachdenklich stellte ich mich an den einzigen Platz, wo ich die Ellenbogen aufstützen konnte. Ich sah die Dachluke nicht, aber ich sah das Licht, das den Dachboden erhellte, und ich sah Ratten darin herumlaufen, groß wie Kaninchen.