Susanne Billig
DIE KARTE DES PIRI REʾIS
Das vergessene Wissen der Araber und die Entdeckung Amerikas
C.H.Beck
Seit dem 12. Jahrhundert haben arabische Seefahrer versucht, das «Meer der Finsternis» in westlicher Richtung zu überqueren. Sie folgten Berichten über Reichtümer auf der anderen Seite, aber sie vertrauten auch ihrer hochentwickelten Nautik. Schon Jahrhunderte vor den Europäern konnten Araber Längen- und Breitengrade verlässlich ermitteln und exakte Karten zeichnen. Susanne Billig führt anhand zahlreicher Abbildungen in die arabische Astronomie, Nautik, Kartografie und Seefahrt ein und zeigt, wie dieses Wissen von den technisch rückständigen Europäern übernommen wurde, die seine arabische Herkunft verschleierten. Ihr faszinierendes Buch folgt den bahnbrechenden Forschungen des großen Orientalisten Fuat Sezgin, die hier erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Susanne Billig arbeitet als Wissenschaftsjournalistin für große öffentlich-rechtliche Radiosender. Daneben ist sie als Buch- und Drehbuchautorin tätig. Der Kinofilm «Verfolgt», der nach ihrem Drehbuch entstand, erhielt auf dem Filmfestival in Locarno einen Goldenen Leoparden.
Fuat Sezgin ist Professor em. für Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Frankfurt sowie Gründer des Instituts für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften. Er hat hier eine weltweit einzigartige Sammlung von arabischen wissenschaftlichen Instrumenten und Karten zusammengetragen und in Istanbul ein Museum der arabischen Wissenschaft gegründet.
Vorwort
ERSTER TEIL: KONNTEN DIE ARABER NACH AMERIKA SEGELN?
1. Vergessenes Wissen
Die Wissenschaften wurden nicht in Griechenland geboren
Der verkannte Beitrag der arabisch-islamischen Geografie
Wer entdeckte Amerika?
2. Die Geburt der arabischen Wissenschaften
Ein neues Großreich entsteht
Frühe Offenheit
Eine Übersetzungsbewegung beginnt
Persischer und indischer Einfluss
Ursachen der raschen kulturellen Entwicklung
Die islamische Religion fördert die Wissenschaften
Koran und Hadithe – Exegese und Geschichtsschreibung
ZWEITER TEIL: DIE ARABISCHE ASTRONOMIE
3. Die wichtigsten arabischen Astronomen – Ideen und Werke
Sterne, Himmel, Horizont
Der Aufbau des Kosmos
Die Taumelbewegung der Erde
Der Almagest gibt Impulse
Das «Haus der Weisheit»
Die mathematische Astronomie explodiert
Große Namen des 9. und 10. Jahrhunderts
Erste systematische Experimente im 11. Jahrhundert
Kampf gegen das ptolemäische System
4. Die großen Sternwarten
Erste arabisch-islamische Sternwarten in Bagdad
Sternwarten in Persien
Sternwarten in Nordafrika
Die Sternwarte von Marāgha
Die Sternwarte von Istanbul
Die Sternwarte von Samarkand
Sternwarten im Mogulreich von Indien
5. Astronomische Instrumente
Die Optimierung der Astrolabien
Der transportable Quadrant und das umfassende Instrument
Rubinkästchen und Torquetum
Äquatorien
6. Wie die arabische Astronomie im Abendland weiterlebte
Das Wissen wandert: Sizilien, Kreuzfahrer, Byzanz und Spanien
Kopernikus: auf den Schultern arabisch-islamischer Vorgänger
Beobachtungsinstrumente aus arabischer Hand
Tycho Brahe und die Sternwarte von Hven
Verachten und verschweigen
DRITTER TEIL: DIE ARABISCHE NAUTIK
7. Die Kunst der arabischen Seefahrt
Segeln nach den Sternen
Längengradbestimmung auf hoher See
Vermessung riesiger Meeresstrecken
Wetter und Gezeiten
Selbstbewusste Nautiker
Sternhöhenmessung zur See: Der Jakobsstab
Der Kompass
8. Die arabische Nautik und der Westen
Breitenbestimmung und nautische Tabellen aus arabischer Hand
Portugiesen segeln mit dem Polarstern
Schätzung der zurückgelegten Strecke
Der Längengrad, die große Unbekannte
Die Übernahme von Jakobsstab und Quadrant
Der Kompass gelangt in den Westen
VIERTER TEIL: ARABISCHE GEOGRAFIE UND KARTOGRAFIE
9. Die arabische Reisegeografie
Wurzeln der beschreibenden Geografie
Ibn Churdādhbih: «Fliegende Fische mit Eulenköpfen»
«Ich fragte immer wieder jeden Menschen»
«Die Welt und ihre Wunder»
Die Blüte des 10. Jahrhunderts
Das Indienbuch des al-Bīrūnī
Ibn Battūta, der Weltreisende
Chroniken und biografische Lexika
Leo Africanus: Lebendige Geografie im 16. Jahrhundert
10. Frühe Wurzeln der mathematischen Geografie
Frühe Vorstellungen von Himmel und Erde
Mathematische Geografie in Griechenland und im Römischen Reich
Marinos von Tyros
Projektionen und Klimata
Claudius Ptolemäus
Syrer tradieren das griechische Erbe
Perser führen die alten Quellen zusammen
Indische Mathematik und Astronomie
11. Die Anfänge der mathematischen Geografie in der arabischen Welt
Die arabische Geografie entsteht
Die Weltkarte der Maʾmūn-Geografen
Al-Bīrūnī und die mathematische Geografie als eigenständige Disziplin
Die Geometrie der Kugel
Breitenmessung an jedem beliebigen Tag
12. Die Blütezeit der arabischen Geografie
Europa in klaren Konturen
Qualitativer Sprung
Durchbruch in Marāgha
Neue Weltkarten entstehen
Qutb ad-Dīn asch-Schīrāzī und die Portolankarten
Verschollene Werke
Erfasst: Kleinasien und der Ägäische Raum
Orient und Okzident fließen zusammen
Portugiesen finden erstaunlich präzise Karten vor
Die sogenannte Cantino-Karte
Der javanische Atlas
Die Vermessung des indischen Subkontinents
Die Karten des Pīrī Reʾīs
13. Europäische Entdeckungsreisen mit arabischen Karten
Frühe Zeugnisse des arabischen Einflusses
Westliche Gehversuche in mathematischer Geografie
Die Geografie der «Göttlichen Komödie»
Die arabische Weltkarte in China
Die Karten des Marco Polo
Mühsame Annäherung an arabisches Wissen
Zufall und Ästhetik der Kartenwerke
Der Weltatlas des Nicolas Sanson d’Abbéville
Jean Dominique Cassini bringt den Durchbruch
FÜNFTER TEIL: STILLER TRIUMPH DER ARABISCHEN WISSENSCHAFTEN
14. Der sinkende Einfluss der arabischen Kultur in Europa
Kreuzzüge: Schwächung trotz technischer Überlegenheit
Invasion der Mongolen und Verlust der Iberischen Halbinsel
Portugal und Spanien übernehmen die Herrschaft über die Weltmeere
15. Die Weltkarte des Pīrī Reʾīs und die Entdeckung Amerikas
Arabische Vorstöße über den Atlantik
Logbücher und die Karte des Pīrī Reʾīs
Ungenaue Messungen abendländischer Seefahrer
Die Vorlage für die «Kolumbuskarte»
Das Logbuch des Kolumbus
Flüchtige Bekanntschaft mit der Antarktis
Südamerika auf der Karte des Alberto Cantino
Die «Magellanstraße», den Arabern längst bekannt
Die Karte von Juan de la Cosa
Brasilien im javanischen Atlas
Die Weltkarte des Fra Mauro
Araber zeigten den Weg nach Amerika
ZUM SCHLUSS: PERSPEKTIVENWECHSEL
Dank
Schriften von Fuat Sezgin
Anmerkungen
Bildnachweis
Personenregister
Die Geschichtsbücher lehren bislang, dass es der in Diensten der spanischen Krone segelnde Christoph Kolumbus war, der im Oktober 1492 als Erster auf den dem amerikanischen Festland vorgelagerten Karibischen Inseln anlandete. Während seiner vier Amerikafahrten – die letzte im Jahre 1504 – wähnte Kolumbus sich in asiatischen Küstengewässern, anfänglich noch in der Nähe Cipangos (Japans), das er meinte gesichtet zu haben. Noch heute sprechen wir von Indianern als den ursprünglichen Bewohnern Amerikas. Es scheint, als hätte der amerikanische Kontinent sich auf dem Seeweg der spanischen Flottille in Richtung Asien einfach dazwischengeschoben. Wie dem auch sei, Kolumbus gilt gemeinhin als der Entdecker Amerikas, wenn wir von möglichen und anders zu bewertenden Neufundlandfahrten der Wikinger einmal absehen.
Fuat Sezgin hat dieser eurozentrischen Sicht eine neue Perspektive von den arabischen Wissenschaften aus entgegengesetzt, die in dem langen Zeitraum, der in Europa «Mittelalter» und «Vormoderne» genannt wird, alles andere als mittelalterlich und vormodern waren. Susanne Billig macht seine Forschungen mit diesem Buch erstmals einer größeren deutschsprachigen Leserschaft bekannt.
Der 1924 im türkischen Bitlis geborene Fuat Sezgin studierte unter anderen bei dem Islamwissenschaftler Hellmut Ritter in Istanbul und wurde – nach einem Militärputsch in der Türkei seit 1961 in Frankfurt lebend – 1965 an der dortigen Goethe-Universität in Geschichte der arabisch-islamischen Naturwissenschaften habilitiert. In der Folgezeit widmete er sich ganz diesem Forschungsschwerpunkt, aus dem 1970 der erste Band der Geschichte des Arabischen Schrifttums (GAS) hervorging. Die bislang in 17 Bänden erschienene Reihe behandelt die Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften, Kultur und Literatur, ihre Vorgeschichte und Übernahme in Europa. Das umfangreiche Werk gilt in Arabistik und Islamwissenschaften weltweit als geschätztes Standardwerk. Die Bände 10, 11, 12 (Kartenatlas) und 13 behandeln die Geschichte der Geografie und Kartografie im Islam und ihr Fortleben im Abendland, die Bände 14 und 15 die Anthropogeografie. Es sind neben weiteren Arbeiten, darunter dem Band zur Geschichte der Astronomie (GAS 6), diese Bände, auf denen das vorliegende Buch basiert.
Die Geschichte von Geografie und Kartografie zu erforschen, erfordert eine umfassende Gelehrsamkeit, über die nur ganz wenige Wissenschaftler verfügen. Neben Kenntnissen diverser Sprachen wie des Arabischen, Türkischen, Persischen, Lateinischen und Altgriechischen sowie romanischer Sprachen ist ein fundiertes mathematisches und astronomisches Wissen erforderlich, darüber hinaus Erfahrung in der Handhabung verschiedener historischer astronomischer und nautischer Instrumente. Fuat Sezgin war stets bestrebt, Manuskripte und Karten in Archiven und Museen im Original zu studieren, sei es in Madrid, Istanbul, Berlin, Kairo oder andernorts.
Parallel zu seiner Arbeit an der Geschichte des Arabischen Schrifttums hat Fuat Sezgin Hunderte von historischen Instrumenten – Astrolabien, Kompasse und viele andere – rekonstruiert. Die Modelle sind heute im Museum des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften in Frankfurt und seit 2008 auch in Istanbul der Öffentlichkeit zugänglich.
Susanne Billig gebührt großer Dank dafür, dass sie in diesem Buch die Forschungen von Fuat Sezgin allgemeinverständlich darstellt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, die Fuat Sezgin jahrzehntelang beschäftigt hat: War es den Arabern möglich, nach Amerika – und zurück – zu segeln, und gibt es Zeugnisse von solchen Fahrten? Die Antwort ist ein vorsichtiges «Höchstwahrscheinlich». Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, sich mit Fuat Sezgin auf eine Forschungsreise zu begeben und die bisherige eurozentrische Sicht von der Entdeckung Amerikas zu überdenken.
Istanbul, 8. März 2017 |
Detlev Quintern |
Dr. Detlev Quintern ist Direktor für Lehre und Entwicklung an der Prof. Dr. Fuat Sezgin Research Foundation for the History of Science in Islam in Istanbul.
ERSTER TEIL
«Etwa im Jahre des Herrn 1420 fuhr ein Schiff … vom Indischen Meer auf dem Wege zu den Inseln der Männer und Frauen über das Kap Diab hinaus zwischen die Grünen Inseln im Meer der Finsternis auf dem Wege nach Westen … 40 Tage fand es nichts anderes als Luft und Wasser. Sie durchliefen in günstiger Fahrt nach ihrer Schätzung 2000 Meilen. Es kehrte schließlich in 70 Tagen zum genannten Kap Diab zurück.» Eintrag auf der Weltkarte des venezianischen Mönchs und Kartografen Fra Mauro, 1457
Kolumbus hat Amerika entdeckt – das gilt im Abendland als selbstverständlich. Dabei ist historisch gesichert, dass Seefahrer schon in den Jahrhunderten vor Kolumbus von Osten her bis zur Neuen Welt vordrangen. Sicher lässt sich dies für die Wikinger sagen, vielleicht auch für die Phönizier, die Karthager und die Kelten. Doch sie alle gelangten wohl mehr oder weniger zufällig an amerikanische Küsten. Wer gezielt über den Atlantik setzen wollte, musste gut ausgestattet sein: mit geeigneten Schiffen, einer überragenden Navigationstechnik und dem Wissen, dass die Erde eine Kugel ist.
Alles dies trifft für die arabisch-islamische Kultur in der Blüte ihres wissenschaftlichen und technischen Schaffens zu. Schon in der Frühzeit des Islams gelangten die arabischen Eroberer im Norden nach Kleinasien und Westpersien und westlich bis Ägypten. In den kulturellen Zentren, die sie eroberten, lernten die muslimischen Araber die dortigen Sprachen, Literatur, Poesie, Verwaltungsabläufe, philosophische Ideen, Mathematik, Astronomie und Wissenschaftskulturen kennen, eigneten sich diese in einem erstaunlichen Tempo an und entwickelten sie bald kreativ weiter. In diesem Buch sollen uns zwei große Fragen interessieren: Gab es einen Zeitpunkt, ab dem Wissen und Können der arabischen Geografen und Seefahrer ausreichte, um gezielt den Atlantik zu überqueren und die Küsten Süd- und Nordamerikas anzusteuern? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sie dies auch taten?
Die Frage nach der Entdeckung Amerikas liefert den roten Faden dieses Buches. Sein wichtigstes Anliegen besteht jedoch darin, der arabischsprachigen Welt des Mittelalters und der frühen Neuzeit in der Universalgeschichte der Wissenschaften ihren gebührenden Platz einzuräumen. Als der C.H.Beck Verlag den Vorschlag an mich herantrug, einen Ausschnitt der umfangreichen Forschungsarbeiten von Fuat Sezgin in einem Buch zu verdichten und allgemein verständlich darzustellen, habe ich gerne zugesagt, war ich doch nach einem Besuch im Museum des Institutes für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften in Frankfurt am Main, das von Fuat Sezgin gegründet wurde, sofort fasziniert von den erstaunlichen Exponaten dort. Die technisch ausgefeilten – und nebenbei wunderschönen – astronomischen, nautischen und medizinischen Instrumente und die umfangreiche Bibliothek des Instituts mit ihren großformatigen, alten Lexikon- und Kartenbänden führten mir eindrucksvoll vor Augen, wie hoch das technische und theoretische Wissen der Araber bereits über Jahrhunderte entwickelt war, bevor Europa überhaupt an die wissenschaftliche Erkundung von Himmel und Erde, von Musik, Medizin und Sprache dachte. Hinzu kommt, dass ich die zunehmend islamfeindliche Stimmung hierzulande mit großer Sorge beobachte. Auch darum halte ich Fuat Sezgins Forschungsarbeiten für sehr aktuell und ein weithin verständliches Buch darüber für ein wichtiges Korrektiv in den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten. «Die Karte des Pīrī Reʾīs» folgt weitgehend den Publikationen von Fuat Sezgin, die ich aus Gründen der Verständlichkeit allerdings an vielen Stellen um allgemeine historische und naturwissenschaftliche Erläuterungen ergänzt habe.
Zwar konzentrieren wir uns in diesem Buch auf die Geschichte der arabisch-islamischen Astronomie, Geografie und Nautik, wir könnten aber ebenso gut über Musik und Poesie, Grammatik und Physik, Chemie und Technik sprechen. Denn auch in diesen Bereichen haben die Araber Bedeutendes geleistet – und vor allem sehr viel mehr, als das Abendland in der Regel zur Kenntnis nimmt. Lange Zeit hat sich die Wissenschaftsgeschichte, wenn es um den Einfluss der arabisch-islamischen Wissenschaften auf das westliche Europa ging, fast ausschließlich für die abendländischen Übersetzungen arabischer Werke interessiert. Die nahm man in den Blick und untersuchte die erhaltenen Handschriften. Ein Thema kam dabei viel zu kurz: der gewaltige Einfluss der arabisch-islamischen Wissenschaften auf das Abendland. Dieser blinde Fleck der Forschung hat Fuat Sezgin als Wissenschaftshistoriker seit vielen Jahrzehnten dazu motiviert zu untersuchen, auf welch vielfältige und tiefgreifende Weise der Westen im ausgehenden Mittelalter und in der Neuzeit von den wissenschaftlichen Leistungen des arabisch-islamischen Kulturraums beeinflusst und geprägt wurde – ein Einfluss, der bis heute nachwirkt.
Schon vor dem Mittelalter gab es im Mittelmeerraum und im Nahen Osten Kulturen, die einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaften und der Technologie leisteten – einen Beitrag, den die Wissenschaftsgeschichte ebenfalls viel zu wenig beachtet. Seit gut dreihundert Jahren und vielfach noch heute dominiert die Ansicht, die Errungenschaften der Griechen bildeten den Auftakt der exakten Wissenschaften – obwohl das archäologische Erbe der Sumerer, Babylonier, Assyrer, Hethiter, Kanaanäer, Aramäer und Ägypter längst eine andere Sprache spricht. Der große österreichisch-amerikanische Astronom und Wissenschaftshistoriker Otto Neugebauer (1899–1990) wies ein halbes Jahrhundert lang – leider weitgehend ungehört – darauf hin, dass die Griechen nicht am Anfang, sondern in der Mitte der Wissenschaftsgeschichte einzuordnen sind: Den 2500 Jahren, die nach der Blüte der griechischen Wissenschaftskultur verstrichen sind, muss man eine Phase von weiteren 2500 Jahren voranstellen, um all jenen Kulturen gerecht zu werden, auf deren Errungenschaften die Griechen aufbauen konnten.
Im 7. und 8. Jahrhundert breiteten sich die Araber über ihre angestammte Heimat auf der arabischen Halbinsel hinaus aus und eroberten Nordafrika, Spanien, Palästina, Syrien und Persien. Schon zu Beginn ihrer Expansion begegneten sie den Kulturen, die sie eroberten, ohne Berührungsängste und in wissbegieriger Offenheit – eine Haltung von enormer kulturhistorischer Bedeutung, die wesentlich dazu beitrug, dass Muslime später auch bis an amerikanische Küsten segelten. Im zweiten Kapitel werden wir sehen, in welchen Phasen sich die arabisch-islamische Wissensrezeption vollzog, und die vielfältigen Faktoren kennenlernen, die den erstaunlichen kulturellen Aufstieg der Araber katalysierten. Die vielleicht etwas umständlich wirkende Formulierung «arabisch-islamischer Kulturraum», der wir in diesem Buch viele Male begegnen werden, hat ihren Grund eben darin: stets zu betonen und im Kopf zu behalten, dass es hier nicht allein um «die Araber» geht und auch nicht um «die frühen Muslime», sondern dass wir es zu tun haben mit einem Aufeinandertreffen ganz verschiedener Ethnien, Wissenschaftstraditionen und religiöser Welten, die durch die einheitliche Hoch- und Verkehrssprache des Arabischen in eine anspruchsvolle Kommunikation traten und sich gegenseitig befruchteten. Dieser neue Kulturraum, der so etwas wie Einheit in der Vielfalt bot, machte den phänomenalen Aufstieg der arabisch-islamischen Wissenschaftskultur erst möglich.
Die Astronomie war eines der Gebiete, auf denen sich die arabisch-islamische Kultur wissenschaftlich hervortat, mit großer Bedeutung für die Seefahrt. Im dritten Kapitel werden die bedeutendsten arabisch-islamischen Astronomen mit ihren kosmologischen und astronomischen Überlegungen zur Drehung der Erde, zum Charakter der Milchstraße, mit ihren Theorien über die Planeten und zum Für und Wider der ptolemäischen Vorstellungswelt vorgestellt. Die Rede soll aber auch von den Förderern der Astronomie sein, denen diese Wissenschaft ihren erstaunlichen Aufstieg verdankte – zum Beispiel dem siebten Kalifen der Abbasiden-Dynastie, al-Maʾmūn (regierte 813–833), der die Astronomie nicht nur finanziell unterstützte, sondern selbst engagiert als Forscher vorantrieb.
In Kapitel 4 sehen wir dann, wie früh in Bagdad und Damaskus bereits Sternwarten entstanden. Im Laufe der Jahrhunderte kamen immer elaboriertere Observatorien hinzu, ausgestattet mit kunstvoll konstruierten und immer weiter optimierten astronomischen Instrumenten: Planetarien und Himmelsgloben, Tischsonnenuhren und Solstitial-Armillen, Astrolabien und mechanisch-astronomischen Kalendern. Am Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften in Frankfurt ist eine weltweit einmalige Sammlung solcher Geräte zusammengetragen worden, und viele Modelle wurden dort auf der Grundlage alter Handschriften nachgebaut. Im fünften Kapitel werden vor allem solche Instrumente in Text und Bild vorgestellt, die für das Thema dieses Buches wichtig sind und zur mathematischen Geografie hinleiten.
Im 10. Jahrhundert begann das Abendland in einem Prozess, der fast fünfhundert Jahre andauern sollte, sich die arabisch-islamische Astronomie durch Übersetzungen zugänglich zu machen. Kapitel 6 wird zeigen, wie substantiell und vielfältig das Fach auf das Abendland einwirkte. Allerdings erschienen viele arabische Schriften das ganze Mittelalter hindurch unter falschen Namen, nicht selten wurden antike griechische Autoren fälschlich als Urheber ausgewiesen, was den Einfluss der islamischen Welt auf die abendländische Astronomie immer wieder unkenntlich machte und die tatsächlichen Autoren und Entdecker in Vergessenheit geraten ließ. Auch das soll uns in diesem Kapitel beschäftigen.
Natürlich brauchte man auch eine hoch entwickelte wissenschaftliche Nautik, um den Atlantik gezielt überqueren zu können. Darum befassen wir uns im siebten Kapitel mit der Kunst der arabischen Seefahrt. Schon im 7. Jahrhundert eroberten die muslimischen Araber mit eigenen Flotten erstmals Inseln im Osten des Mittelmeers, wuchsen bald im gesamten Mittelmeerraum zu einer gefürchteten Seemacht heran, segelten bis nach China und dehnten ihren Radius in der Folgezeit immer weiter aus. Wir lernen die komplizierten nautischen Messverfahren kennen, mit deren Hilfe die arabischen Seeleute den Indischen Ozean sicher in alle Richtungen durchfuhren. Sie kannten sich vorzüglich mit der in ihrem Kulturkreis gepflegten Astronomie und Mathematik aus und konnten auf hoher See erstaunlich genaue Positionsbestimmungen berechnen. Die Sammlung des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften in Frankfurt am Main umfasst etliche Kompasse der Bauart, wie sie den arabischen Seefahrern bei der Orientierung halfen, und wir werden sehen, wie arabisch-islamische Wissenschaftler und Techniker diese Geräte kontinuierlich optimierten.
Wie die arabische Nautik im Abendland weiterlebte, ist das Thema von Kapitel 8. Auch hier wird sich zeigen, dass der Westen den bedeutenden Beitrag seiner arabischen Vorgänger teils nicht wahrhaben wollte und teils absichtlich unterschlug. Mit ihren wagemutigen Reisen standen die europäischen Seefahrer auf den Schultern ihrer arabischen Vorgänger, doch über Jahrhunderte hinweg und bis in die heutige Zeit herrschte im westlichen Europa die ahistorische und naive Auffassung vor, die Portugiesen der frühen Neuzeit hätten ihre Kartenwerke und Seefahrerkünste quasi aus dem Nichts hervorgebracht. Dieser Topos der genialischen Neuerfindung leugnet jedoch die Kontinuität zwischen der mittelalterlichen arabisch-islamischen Kultur und dem frühneuzeitlichen Abendland. Tatsächlich ist die europäische Seefahrt vom 13. bis zum 18. Jahrhundert nicht denkbar ohne das Jahrhunderte währende, mathematisch überaus elaborierte und in seinen Zielen sehr ehrgeizige Schaffen arabischer Nautiker, Techniker und Seeleute.
Mit dem neunten Kapitel wenden wir uns dann der arabischen Geografie zu, die seit vielen Jahrzehnten zu Fuat Sezgins wichtigsten Forschungsgebieten gehört. Die arabisch-islamische Kartografie ruht auf zwei großen Säulen: der mathematisch-astronomischen Geografie mit ihren antiken griechischen, indischen und persischen Vorläufern sowie einer intensiv betriebenen beschreibenden Geografie. Diese Anthropogeografie und ihre Nebenzweige – die historische Geografie, die Stadt- und Lokalgeografie und die Reisegeografie – hatten möglicherweise ebenfalls iranische Wurzeln, erlebten aber vor allem in der islamischen Welt eine intensive Blüte. Das Kapitel führt uns zunächst mitten hinein in die lebendigen Reiseberichte arabischer Abenteurer und Welterkunder.
In Kapitel 10 lernen wir die Ursprünge der mathematischen Geografie kennen. Wir werden das geo- und kartografische Erbe der antiken Griechen beleuchten und nachzeichnen, wie die frühen Araber dieses Erbe aus syrischer und persischer Hand entgegennahmen. Selbstverständlich flossen aber auch Kenntnisse der Babylonier, der Ägypter und der Inder in die arabische Geografie ein – Kulturen, deren großer Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaften und der Technologie in der Wissenschaftsgeschichte ebenfalls viel zu wenig gewürdigt wird.
Das elfte Kapitel wird dann zeigen, wie die Araber die mathematische Geografie und die dazu notwendigen Kenntnisse weiterentwickelten, und es führt uns zu einem besonders spannenden Abschnitt ihres Schaffens. Kalif al-Maʾmūn, der schon erwähnte bedeutende Förderer der Wissenschaften, erteilte im frühen 9. Jahrhundert einer großen Gruppe von Gelehrten den Auftrag, eine neue Geografie und eine Weltkarte zu schaffen. Fuat Sezgin entdeckte im Jahr 1984 diese lange verschollen geglaubte Weltkarte als Kopie wieder – ein für die Geschichte der arabischen Geografie überaus wichtiger Fund, zeigte er doch, dass die Forscher des Kalifen das Verständnis von der Verteilung der Landmassen auf der Erde auf ein völlig neues Niveau gehoben haben.
Kapitel 12 führt uns schließlich in die reiche Blütezeit der arabisch-islamischen Geografie und Kartografie, die vom 9. bis in das 16. Jahrhundert dauerte. Neue Messverfahren, neue Tabellen mit geografischen Koordinaten von faszinierender Präzision und neue Weltkarten tauchen in dieser Zeit auf.
In den Seewegen, Karten und Koordinatentabellen der europäischen Seefahrt lebten die arabische Geografie und Kartografie weiter, denn die kulturellen Kontakte zwischen arabisch-islamischer und abendländischer Welt waren über Jahrhunderte vielfältig und intensiv; dem Normalfall der kulturellen Kontinuität stand darum nichts im Wege. Das kartografische Bild von Asien und dem Indischen Ozean, das abendländische Gelehrte nach und nach erzeugten, basierte auf Jahrhunderten arabischer Forschung und Welterkundung. Arabische Spuren finden sich schon in den frühesten Weltkarten des Abendlandes. In westliche Ortsverzeichnisse flossen die umfangreichen arabisch-islamischen Tabellen mit geografischen Koordinaten ein. Auf welchen Wegen dies geschah und wie abendländische Geografen und Kartografen sich zu ihren arabischen Quellen verhielten, soll uns in Kapitel 13 beschäftigen.
Dass die arabisch-islamische Kultur seit dem 7. Jahrhundert Kenntnisse, Verfahren, Theorien und Instrumente anderer Kulturen sich nicht nur aneignete, sondern auch erheblich weiterentwickelte, ist einer entschlossenen staatlichen Förderung und einer enormen religiösen Toleranz zu verdanken, dazu einer erstaunlichen kulturellen Neugier, begünstigt durch das vorherrschende Islamverständnis der damaligen Zeit. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts allerdings begann diese Kreativität nachzulassen und kam am Ende des Jahrhunderts, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu einem Stillstand. Gleichzeitig übernahm nun das Abendland in den Wissenschaften die Führung und löste den islamischen Kulturkreis in dieser Rolle ab. Kapitel 14 geht der Frage nach, wie es zu diesem Stillstand kam und welche Faktoren dabei ineinandergriffen. Eines sei schon an dieser Stelle deutlich gesagt: Der Islam ist für den kreativen Stillstand nicht verantwortlich zu machen, wie es ein geläufiges Vorurteil glauben machen will.
Christoph Kolumbus entdeckte Amerika. Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien. Ferdinand Magellan umsegelte aus eigener Kraft die Erde. Tatsächlich? Das fünfzehnte Kapitel zeigt, dass die Eroberung Amerikas durch die Spanier nur dank der nautischen, technischen, astronomischen und geografischen Kenntnisse, die das Abendland jahrhundertelang von den Arabern übernommen hatte, verwirklicht werden konnte. Viele Quellen machen es für Fuat Sezgin zudem höchstwahrscheinlich, dass die von europäischen Seefahrern und «Entdeckern» verwendeten Karten tatsächlich arabisch-islamischen Ursprungs waren. Die Landung der Europäer in Amerika war ohne Zweifel ein epochaler geografisch-nautischer Erfolg. Doch er wäre undenkbar gewesen ohne den Kontakt zu den Muslimen, die über siebenhundert Jahre auf der Iberischen Halbinsel präsent waren, ohne deren entwickelte Nautik und erweiterten geografischen Kenntnisse. Und die Araber selbst? Segelten sie an amerikanische Küsten? Karten, die nur aus arabischer Quelle stammen können, machen dies in der Tat so gut wie sicher – auch sie werden wir in diesem Kapitel kennenlernen. Dort begegnen wir dem Zitat vom Beginn dieses Kapitels wieder.
Warum drängt die westliche Geschichtsschreibung die Tatsache immer wieder an den Rand, dass das Abendland mit seinem astronomischen, nautischen und kartografischen, aber natürlich auch mit seinem medizinischen oder chemischen Schaffen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit auf den Schultern seiner arabischen Vorgänger steht? Warum steht nach Jahrhunderten muslimischer Präsenz auf der Iberischen Halbinsel und Sizilien überhaupt in Frage, ob der Islam zu Europa gehört? Am Ende des Buches geht es auch um die antiarabischen Befangenheiten in der europäischen Wissenschaftsgeschichte – besonders um den Mythos einer «Renaissance», die als unmittelbare Fortsetzung der griechischen Periode zu verstehen sei und die den arabisch-islamischen Gelehrten bestenfalls die Rolle von Übersetzern und Vermittlern zukommen lasse. Als Europa selbst wissenschaftlich kreativ wurde, hatte das 16. Jahrhundert bereits begonnen: Vorangegangen waren nicht weniger als fünfhundert Jahre eines intensiven Studiums arabischer Werke und Autoren.
«Ich habe getan, was jedermann in seinem Beruf tun sollte: die Leistungen der Vorgänger mit Dankbarkeit entgegennehmen, etwaige Fehler ohne Scheu verbessern und was bewahrenswert erscheint den Nachfolgern und späteren Generationen weitergeben.» Al-Bīrūnī (973–1048)
Die Erde liegt im Mittelpunkt des Universums. Sieben Planeten umkreisen sie auf ineinanderliegenden Bahnen, jeder mit seinen besonderen Eigenschaften, seiner eigenen Entfernung und Geschwindigkeit. Die Planeten sind umschlossen von der Sphäre der Fixsterne, die sich unablässig mit dem gesamten Himmel bewegen. Die Anzahl aller Sterne aber bleibt für den Menschen unerforschlich. Das ist die Gestalt der Welt, wie sie muslimischen Arabern im 8. Jahrhundert aus antiken griechischen Schriften entgegentritt, die sie intensiv sammeln und in die eigene Sprache übersetzen. Vorerst ist das ein reines Erkunden und Zusammentragen, getragen von kultureller Neugier und Offenheit. Die vielen kleinen Schritte jedoch werden schon wenig später in eine erstaunliche Blüte der arabisch-islamischen Kultur münden und eine höchst lebendige, kreative Wissenschaftslandschaft entstehen lassen. Was geschieht da am Beginn dieser neuen Kultur? Welche Faktoren begünstigen den erstaunlichen Aufstieg der Araber, und welche Rolle spielt die Religion in diesem Prozess?
Die Geschichte der arabisch-islamischen Kultur beginnt mit der Ausbreitung des frühen arabischen Reiches im 7. Jahrhundert. Rund zwei Jahrzehnte nachdem Mohammed die neue Religion des Islams gegründet hat, dringen muslimische Eroberer im Norden der arabischen Halbinsel bis nach Kleinasien und Westpersien und im Westen bis nach Ägypten vor. Auf diese Weise kommen die frühen Muslime zunächst als Eroberer, später als Kaufleute und Händler mit den großen kulturellen Zentren der Antike in Kontakt – Städten, die erst zum Römischen und später zum Byzantinischen Reich gehörten und in denen die Künste und Wissenschaften der Antike zu ihrer Vollendung gelangt sind.
Nur vier Jahre nach dem Tod des Religionsstifters nahmen Araber im Namen des Islams im Jahr 636 die Stadt Damaskus ein, 637 Aleppo und Emessa, das heutige Homs, im Jahr 638 Antiochia und 642 Alexandria. Die neuen Herrscher hätten die militärische Macht besessen, Kultur und Religionen ihrer neuen Untertanen zu unterdrücken und weitgehend auszulöschen. Das aber taten sie nicht. Da die Araber weder eine entwickelte eigene Rechtswissenschaft noch Verwaltungsideen mitbrachten, übernahmen sie zunächst die administrativen Strukturen und Rechtsformen der eroberten Länder. Steuer- und Verwaltungsangelegenheiten wurden anfangs sogar noch in den angestammten Sprachen abgewickelt – auf Koptisch, Griechisch und Persisch –, bis ganz am Ende des 7. Jahrhunderts das Arabische als alleinige Amtssprache galt. Dennoch sollte man sich den geistigen Abstand zwischen den Eroberern, vor allem den städtischen Arabern, und ihren neuen persischen, griechischen und ägyptischen Untertanen nicht allzu groß vorstellen – sonst wäre eine kulturelle Begegnung auf dem hohem Niveau, das wir in diesem Buch kennenlernen werden, sicher nicht möglich gewesen.
Gegenüber den religiösen Vorstellungen von Juden, Christen und Zoroastriern zeigten sich die neuen muslimischen Herrscher weitgehend großzügig. Die Anhänger der Buchreligionen erhielten Religionsfreiheit, sofern sie ihre Gebete nicht öffentlich zur Schau stellten, und mussten nur selten gewalttätige Übergriffe oder Enteignungen erleiden. Im Gegenzug wurden die nicht-muslimischen Schutzbefohlenen zu einer besonderen Kopfsteuer verpflichtet; die Wohlfahrtssteuer der Muslime blieb ihnen dafür erlassen. Erst im Laufe von Jahrhunderten konvertierten viele Anhänger der anderen Buchreligionen zum Islam.
Die liberale Haltung der neuen Herren in den eroberten Ländern spiegelte sich auch im Umgang mit den Wissenschaften wider. Nicht um Zerstörung, sondern um Aneignung ging es ihnen – sie wollten von dem Wissen und den technischen Kenntnissen der Fremden profitieren. Die arabisch-islamische Kultur war nicht einmal dreißig Jahre alt, als sie sich bereits intensiv mit der Rezeption fremden Wissens befasste. Von nun an durchliefen die Araber eine tiefgreifende kulturelle Wandlung.
Die Hauptwege der Wissenschaften in die arabisch-islamische Welt
Für ein besonders liberales und kulturell aufgeschlossenes Klima sorgte der Aufstieg der Umayyaden, der ersten Kalifen-Familie, die von Damaskus aus von 661 bis 750 über das junge islamische Reich herrschte. Der Begründer der Dynastie, der erste Umayyadenkalif Muʿāwiya I., ging als einer der bedeutendsten arabischen Herrscher in die Geschichte ein. Berührungsängste mit der Bevölkerung der eroberten Länder hatte der Herrscher nicht: Sein gesundheitliches Wohl vertraute er dem christlichen Arzt Abū al-Hakam an, stand dieser doch in dem Ruf, besonders wirksame Arzneien herzustellen.
Schon im 7. Jahrhundert übertrugen die Araber erstmals ein medizinisches Lehrbuch der Griechen in die arabische Sprache und suchten dabei die Zusammenarbeit mit einheimischen Gelehrten. Bald schon befassten sie sich auch mit dem syrischen und mittelpersischen Schrifttum. Eine Übersetzungsbewegung setzte ein, die sich intensiv mit der Übertragung des reichen astronomischen und mathematischen, aber auch kosmologischen, philosophiegeschichtlichen, alchemistischen und meteorologischen Erbes der eroberten Kulturen in die arabische Sprache befasste. Diese Übersetzungsarbeiten waren von hoher Qualität: Noch viele Hundert Jahre später, in der zentralasiatischen Blütezeit des Islams im 11. Jahrhundert, sollte der berühmte Universalgelehrte Abū ar-Raihān al-Bīrūnī mit mindestens einer dieser frühen Übersetzungen arbeiten.
Schon im 7. Jahrhundert entstanden die ersten juristischen Abhandlungen in arabischer Sprache. Noch geschah dies in bescheidenem Umfang, und die Autoren konzentrierten sich auf einzelne Themen, doch schon im 8. Jahrhundert legten arabische Autoren auch umfangreichere und systematische Texte zum islamischen Recht vor. Bald schon erschienen voluminöse Schriften zum islamischen Rechtswesen, aber auch zur Geschichte der islamischen Expansion und zu den Besonderheiten der eroberten Länder. Dazu kamen Werke über altarabische Poesie, Grammatik und Musiktheorie. Hervorzuheben ist das «Buch über die Grammatik» (al-kitāb fī al-nahw) des persischen Sprachwissenschaftlers Sībawaih, der in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts lebte. Sībawaihs monumentales Werk, das späteren Generationen als Kanon der Grammatik gelten sollte, beschreibt die arabische Sprache überaus detailliert und unterscheidet zum Beispiel schon präzise zwischen Phonetik und Phonologie. Nach dem Willen seines Autors sollte das Buch vor allem neuen Muslimen, die der arabischen Sprache nicht mächtig waren, helfen, den Koran zu lesen und zu verstehen. Umfang und systematischer Aufbau des Werkes zeugen davon, wie rasch und substantiell sich die Geisteswissenschaften entwickelten. Sībawaihs Grammatik trug wesentlich dazu bei, dass sich die arabische Sprache im Nahen Osten so rasch verbreiten konnte.
Schon in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts befassten sich die Araber mit fast allen Wissensgebieten ihrer Zeit. Der Erste, der sich, von Quellen vielfach bezeugt, beispielsweise mit der Alchemie auseinandersetzte, war der Umayyadenprinz Chālid ibn Yazīd, der von etwa 655 bis 704 lebte, wahrscheinlich in Damaskus und Alexandria. Er kümmerte sich nicht nur darum, dass alchemistische und astrologische Schriften in die arabische Sprache übersetzt wurden, sondern verfasste wohl auch selbst Texte zur Astrologie, die allerdings noch reine Adaptionen und Imitationen antiker Schriften waren. Ein weiterer herausragender Vertreter des Faches in früher Zeit ist Dschābir ibn Hayyān; er wurde vor 725 geboren, starb um das Jahr 812 und ist auch unter seinem latinisierten Namen Geber bekannt. Mehrere Hundert Schriften aus seiner Hand zeigen, dass er sich vor allem auf «pseudo-epigrafische» Texte stützte – also auf Texte, die zwar den Autorennamen einer bekannten Autorität der Antike trugen, etwa Aristoteles, Sokrates oder Galen, aber tatsächlich von unbekannten Autoren verfasst worden waren. Als Chemiker und Alchemist wollte Dschābir ibn Hayyān zunächst nur ein Fach begründen, das die Mengenverhältnisse der in der Natur vorkommenden Substanzen maß. Schon bald entwickelte er sich jedoch zu einem kühnen und äußerst kreativen Naturphilosophen, der sich für fast alle Wissensgebiete seiner Zeit interessierte. In seinen Augen lag allem menschlichen Wissen ein Prinzip des Gleichgewichts zugrunde. Dies nannte er die «Lehre von den Maßen»: ʿilm al-mīzān.
An dieser Stelle eine wissenschaftshistorische Randbemerkung: Der Umgang mit den pseudo-epigrafischen Texten zeigt, was uns in diesem Buch leider noch oft begegnen wird, nämlich wie vorurteilsbehaftet die abendländische Wissenschaftsgeschichte mit den Arabern verfährt. Es treten uns viele frühe arabische Übersetzungen aus dem Griechischen in Form solcher «Pseudo-Epigrafien» mit falschen Autorennamen entgegen. Diese Werke, von unbekannten Gelehrten des griechischen Kulturraums geschrieben, waren meist in der Spätantike entstanden, also kurz vor der Geburt des Islams. Den Arabern und später auch dem Abendland erschienen die Autorennamen als echt. Erstaunlicherweise sahen und sehen viele westliche Arabisten darin aber Fälschungen durch arabisch-islamische Gelehrte – eine absurde Theorie, sagt Fuat Sezgin, denn wie hätten die Araber so früh solch komplexe Inhalte erfinden sollen? Indem Arabisten die pseudo-epigrafischen Texte als «Machwerke arabischer Fälscher» entwerten, datieren sie diese Texte zudem noch fälschlicherweise in die Frühzeit des Islams – auf diese Weise geht der Wissenschaftsgeschichte der Spätantike wichtiges antikes Forschungsmaterial verloren.
Im Jahr 642 errangen die arabischen Eroberer einen entscheidenden Sieg gegen das riesige persische Sassanidenreich. In der folgenden Zeit spielten persischsprachige Wissens- und Kulturträger eine wichtige Rolle als Lehrer der Muslime. Die Perser hatten ihrerseits zuvor mehrere Jahrhunderte lang die wissenschaftlichen Erkenntnisse anderer Kulturen intensiv studiert, vor allem der Griechen, der Inder und indirekt wahrscheinlich auch der Spätbabylonier. Nun trugen persische Lehrer ihre Kenntnisse der Astronomie, Astrologie, Mathematik, Geografie, Philosophie und Medizin in die aufblühende arabische Kultur. Das berühmte sassanidische Wissenschaftszentrum Gundischāpūr blieb noch mindestens bis zur Zeit des Kalifen al-Maʾmūn im 9. Jahrhundert intakt – und persische Ärzte von hier verkehrten nachweislich auch in Bagdad. Überliefert ist, dass der alternde Kalif al-Mansūr 765 einen persischen Oberarzt und Verfasser medizinischer Werke von Gundischāpūr nach Bagdad rief, damit er ihn von einem Magenleiden heile.
Noch während die Araber an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert intensiv damit befasst waren, die reichen Wissensschätze ihrer neuen Untertanen zu sichten und kennenzulernen, begann bereits die Phase der Assimilation: Jetzt tränkte sich die islamische Kultur mehr und mehr mit dem Wissen der Antike und machte es zu einem Teil der eigenen Identität. Interessanterweise lässt sich der Anfang der Assimilationsphase sehr genau datieren: Im Jahr 770 begannen die Araber, das indische Brāhmasphuṭasiddhānta aus dem Sanskrit in das Arabische zu übersetzen. Dieses hochkomplexe mathematisch-astronomische Werk hatte rund einhundert Jahre zuvor der indische Mathematiker und Astronom Brahmagupta geschrieben. Die Araber übersetzten das Buch jedoch nicht nur, sondern machten sich umgehend daran, es zu korrigieren und zu ergänzen; bald schon verfassten sie selbständig astronomische Werke. Schon fünfundzwanzig Jahre später übertrugen sie den kaum weniger komplizierten und umfangreichen Almagest, Hauptwerk des hellenistisch-griechischen Gelehrten Claudius Ptolemäus, in die arabische Sprache – gleich mehrfach, um die Übersetzung zu optimieren.