TOM
CLANCY
UND
MARK GREANEY
DER CAMPUS
Thriller
Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer
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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Support and Defend bei G.P. Putnam’s Sons, New York
Redaktion: Werner Wahls
Copyright © 2014 by Rubicon, Inc.
Copyright © 2015 der deutschen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich
ISBN 978-3-641-17646-4
V003
www.heyne.de
Hauptpersonen
DOMINIC »DOM« CARUSO: Außenagent des Campus
ETHAN ROSS: Stellvertretender Abteilungsleiter für den Nahen Osten und Nordafrika, Nationaler Sicherheitsrat
EVE PANG: IT-Netzwerk-Systemingenieurin, Ross’ Freundin
DARREN ALBRIGHT: Leitender Spezialagent, Spionageabwehr-Abteilung des FBI
NOLAN und BEALE: Sonderermittler, FBI-Special Surveillance Group
ADARA SHERMAN: Leiterin der Transportabteilung des Campus
HARLAN BANFIELD: Journalist, Mitglied des International Transparency Project
GIANNA BERTOLI: Direktorin des International Transparency Project
MOHAMMED MOBASCHERI: Iranischer Revolutionsgardist
KASCHAN, SCHIRAZ, ISFAHAN und ORMAND: Agenten der Quds-Einheit
ARTURO: Offizier des venezolanischen Geheimdiensts
LEO: Offizier des venezolanischen Geheimdiensts
RIGOBERTO FINN: Lügendetektortester, FBI
GERRY HENDLEY: Direktor von Hendley Associates und des Campus
ARIK YACOBY: Ehemaliger Agent der Schajetet 13, der Kommandoeinheit der israelischen Marine
DAVID: Israelischer Geheimagent
PHILLIP McKELL: Computernetzwerkexperte
Prolog
Im Mondlicht erschien plötzlich die indische Küste. Tatsächlich war gar nicht viel zu sehen, nur ein schmaler Sandstreifen, der einige Hundert Meter vor dem Schiffsbug aus der Dunkelheit auftauchte, aber das erste Land, das er seit vier Tagen erblickte, vermittelte dem Mann auf dem Vorderdeck zwei wichtige Informationen:
Erstens: Die Eindringphase seiner Operation war erfolgreich verlaufen.
Und zweitens: Es war Zeit, dem Kapitän die Kehle durchzuschneiden.
Der Mann auf dem Vorderdeck zog sein Messer und ging zur Treppe hinüber, die zur Kommandobrücke hinaufführte. Zwei seiner Männer folgten ihm auf dem Fuß, sollten ihm jedoch nur zusehen. Als Anführer war es seine Aufgabe, den Kapitän zu töten. Tatsächlich war das für ihn auch keine Belastung. In Wahrheit begrüßte er die Gelegenheit, den anderen wieder einmal seine Hingabe für ihre gemeinsame Mission zu beweisen.
Der Anführer und sein Sechsmannteam hatten die ersten drei Tage an Bord eines omanischen Fischkutters auf dem offenen Arabischen Meer verbracht. In der letzten Nacht näherten sie sich diesem fünfundzwanzig Meter langen Trockengutfrachter und winkten ihnen mit einem gerissenen Keilriemen zu. Auf Hindi baten sie dann um Hilfe. Als der Frachter sich neben sie legte, huschten der Anführer und seine Männer jedoch wie Sumpfratten an Bord, überrannten die kleine Mannschaft und schlachteten alle ab. Nur den Kapitän ließen sie am Leben und befahlen ihm, genau nach Osten Kurs auf die indische Malabarküste zu nehmen.
Der Anführer hatte einen halben Tag gebraucht, um den verängstigten Kapitän davon zu überzeugen, dass er nicht dasselbe Schicksal erleiden würde wie seine Mannschaft. Wenn er ihn jetzt tötete, würde sich das natürlich als Lüge erweisen, aber als der Anführer zur dunklen Brücke hinaufstieg, machte ihm dieser Vertrauensbruch nicht im Mindesten zu schaffen. Seine Gedanken waren schon längst an Land und galten nur noch der Zielphase seiner Operation.
Der Anführer war ein Unterkommandeur der Essedin-al-Kassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas. Man hatte ihn auf diese Mission geschickt, um einen einzigen Mann auszuschalten, aber er wusste von Anfang an, dass viele andere wie etwa der Kapitän und seine Mannschaft bei dieser Aktion notwendigerweise geopfert werden mussten.
Bisher hatte er vollständige Kontrolle über seinen Einsatz gehabt. Die nächste Phase lag jedoch in der Hand von jemand andres, was ihm große Sorge bereitete. Alles hing jetzt von der Kompetenz einer lokalen Kontaktperson ab – einer Frau. Bei der Einsatzbesprechung hatte man ihm mitgeteilt, dass sie die Anwesenheit der Zielperson festgestellt und die Einsatzbereitschaft der örtlichen Polizei überprüft hatte und, Inschallah, ein Fahrzeug zu seiner Landestelle bringen würde und, Inschallah, daran denken würde, die Schlüssel unter den Fahrersitz zu legen.
Am Ende der Treppe zum äußeren Brückendeck verlor der Anführer kurzzeitig das Gleichgewicht und streckte den Arm aus, um sich aufzufangen. Die Männer hinter ihm auf der Treppe hatten sein Stolpern nicht mitbekommen. Darüber war er froh, denn sie könnten sich sonst fragen, ob es sich dabei um ein Zeichen von Nervosität handelte, und das durfte auf keinen Fall geschehen. Tatsächlich hatte ihn nur ein leichter Schwenk des Schiffes nach Steuerbord aus dem Gleichgewicht gebracht. Im Übrigen war es kein Wunder, dass seine Beine nicht unbedingt seefest waren. Er stammte zwar aus dem Gazastreifen, wo er in unmittelbarer Nähe des Meeres aufgewachsen war, hatte jedoch vor dieser Woche nichts Größeres als ein Fischerboot mit Außenbordmotor betreten.
Man hatte ihn wegen seiner Intelligenz, Rücksichtslosigkeit und Entschlossenheit, aber bestimmt nicht wegen irgendwelcher seemännischen Fähigkeiten ausgewählt.
Oben auf dem Brückendeck hielt der Anführer kurz an, um aufmerksam in alle Richtungen in die Dunkelheit zu spähen. An Land gab es außer einigen Bretterbuden kaum Anzeichen von Zivilisation. Nur im Süden war im Dunst der Lichtschein der fünfundvierzig Kilometer entfernten riesigen Küstenmetropole Kochi zu erkennen.
Zufrieden, dass es niemand gab, der einen Schrei über das offene Wasser hören würde, griff er nach dem Türriegel.
Der nicht mehr ganz junge indische Kapitän schaute sich nicht einmal um, als der Anführer die Brücke betrat. Er hielt weiterhin das Steuerrad fest und schaute unverwandt geradeaus. Nur sein schwerer Atem zeigte seine Angst.
Er wusste Bescheid.
Der Anführer ging auf ihn zu und hielt sein Messer hinter dem Oberschenkel versteckt. Eigentlich wollte er ihn mit lockerer Stimme irgendetwas fragen, um ihn abzulenken, damit er einen Augenblick ruhig blieb. Aber jetzt sagte er kein Wort, sondern hob nur die Klinge in seiner rechten Hand.
Drei Schritte später stand er direkt hinter dem Rücken des Mannes, umfasste ihn mit dem rechten Arm, stieß ihm das Messer in den Hals und zog die Klinge durch die Kehle nach hinten. Danach ließ er das Messer fallen und trat einen Schritt zurück. Der Inder wirbelte herum, und sein Blut spritzte quer über die Brücke auf die Hosen und Schuhe des Anführers, obwohl dieser bis zur Wand der Steuerkabine zurücksprang, um ihm auszuweichen.
Die beiden anderen beobachteten das Ganze durch die offene Tür und entgingen damit dem rhythmisch spritzenden Blutschwall.
Der Kapitän sank auf die Knie. Für einen Augenblick war das Zischen und Gurgeln aus seiner offenen Wunde zu hören. Dann starb er. Sein Todeskampf war Gott sei Dank nur kurz, dachte der Anführer mit einer gewissen Erleichterung.
»Allahu akbar«, rief er in ehrerbietigem Ton, stieg über die Leiche, stellte sich notgedrungen mitten in die immer größer werdende Blutlache und packte das Steuerrad.
Aber nur für einen Moment. Schließlich war er kein Kapitän. Tatsächlich wusste keiner seiner Männer, wie man den Frachter sicher in einen Hafen bringen konnte. Der Kapitän hatte ihnen allerdings erzählt, dass es dort überhaupt keinen Hafen gab. Der Anführer schaltete also nur die Motoren in den Leerlauf und befahl seinen Männern, das Beiboot, in das sie bereits ihre gesamte Ausrüstung geladen hatten, zu Wasser zu lassen.
Zwanzig Minuten später kletterten die Männer in die leichte Küstenbrandung hinaus und zogen das kleine Beiboot auf den Ufersand hinauf, bis es die anbrandenden Wellen nicht mehr erreichen konnten.
Das Boot hier einfach zurückzulassen war kein Problem. Sie würden es nicht mehr benötigen. Laut Plan würde die Abzugsroute in Richtung Osten über Land nach Madurai verlaufen, wo sie mit gefälschten Papieren von einem Flugzeug ausgeflogen werden würden. Außerdem fiel das Boot hier gar nicht auf und konnte deshalb auch nicht ihren Einsatz gefährden, da auf diesem Uferstreifen mehrere kleine Wasserfahrzeuge unbeaufsichtigt herumlagen. Netzfischer hatten sie dort über Nacht zurückgelassen. Nur die Außenbordmotoren hatten sie entfernt und in ihre heimischen Strohhütten mitgenommen, um sie vor Dieben zu schützen.
Die Männer holten schwarze Segeltuchtaschen aus dem Beiboot und legten ihre Ausrüstung an. Drei zogen sich schwere Schutzwesten und darüber große schwarze Windjacken an. Die anderen vier hängten sich kleine Maschinenpistolen an Gurten um den Hals und schnallten sich Munitionstaschen um. Ihre Waffen waren Micro-Uzis, 9-mm-Maschinenpistolen, die ausgerechnet in Israel hergestellt worden waren. Aber die Ironie ihrer Auswahl wurde von der unbestreitbaren Zuverlässigkeit der Waffen in den Schatten gestellt.
Drei Minuten später hatten sie den Sandstrand verlassen und liefen eine dunkle Uferstraße entlang, die von Kokospalmen gesäumt war.
Die örtliche Kontaktperson hatte tatsächlich ihr Fahrzeug auftragsgemäß direkt neben der Straße an einen schmalen Graben gestellt. Wie man es dem Anführer während der Einsatzbesprechung mitgeteilt hatte, handelte es sich um einen großen braunen Lieferwagen, der normalerweise Milch aus einem örtlichen Bauernhof zu den Einwohnern von Kochi beförderte. Die Kühlanlage hatte man aus dem Laderaum ausgebaut, was den fünf Männern, die jetzt durch die Seitentür einstiegen, gerade genug Platz ließ.
Auch die Schlüssel lagen wie ausgemacht unter dem Fahrersitz. Der Anführer war ebenso erfreut wie erstaunt über die Tüchtigkeit dieser Frau. Er rutschte auf den vorderen Beifahrersitz, sein Stellvertreter klemmte sich hinter das Lenkrad, und die anderen setzten sich nach hinten. In dieser ganzen Zeit sprachen sie kein einziges Wort.
Sie verließen die Uferzone und fuhren nach Osten über eine enge befestigte Straße, die durch die sogenannten Backwaters führte, ein System von natürlichen und künstlich angelegten Brackwasserseen und Kanälen, wo sich das Salzwasser aus dem Arabischen Meer mit dem Süßwasser des Periyar-Flusses vermischte. Auch diese Straße säumten auf beiden Seiten Kokospalmen. Dichter Dunst zerstreute das Licht der Scheinwerfer.
Der Anführer schaute auf die Uhr und auf sein tragbares GPS-Gerät, in das er die Koordinaten eingegeben hatte, die ihnen die örtliche Kontaktfrau übermittelt hatte. Ihr erster Halt war der Mobilfunksendemast an der Landstraße von Paravur nach Bhoothakulam. Da zu ihrer Zielperson keine Telefonleitung hinführte, würde sie die örtliche Polizei nicht mehr alarmieren können, nachdem sie den Sendemast außer Funktion gesetzt hatten.
Der Anführer besprach sich kurz mit seinem Fahrer und drehte sich danach zu den Männern hinter ihm um. Er sah nur dunkle Silhouetten.
Zwei der fünf Männer kannte er bereits seit Jahren. Sie waren wie ihr Anführer und der Fahrer Fedajin aus den von Israel besetzten Gebieten. Obwohl er ihre Gesichter nicht sehen konnte, erkannte er sie an ihrer Körperhaltung. Die drei anderen Männer hatte er erst kurz vor der Abfahrt im Lager im Jemen kennengelernt. Er konzentrierte sich jetzt ausschließlich auf diese Ausländer und lächelte sie sogar wie ein geduldiger, gütiger Onkel an. In Wirklichkeit hielt er diese Männer für Narren. Er wollte ihnen auf keinen Fall Waffen geben, da er ihre Kampffähigkeit bezweifelte. Diese Männer würden keine Waffen tragen, hatte der Anführer beschlossen, weil sie selbst Waffen waren.
Sein Lächeln vertiefte sich, als er die Narren auf arabisch ansprach: »Die Zeit ist gekommen, meine tapferen Brüder. Ihr müsst euch jetzt darauf vorbereiten, Märtyrer zu werden.«
1
Dominic Caruso war erst zweiunddreißig Jahre alt und in jeder Hinsicht körperlich fit. Trotzdem fiel es ihm schwer, mit dem fünfundvierzigjährigen Mann Schritt zu halten, der mehrere Meter vor ihm herrannte. In der vergangenen Stunde hatten die beiden acht Kilometer auf Straßen und Wegen, nur unterbrochen von einer achthundert Meter langen Schwimmstrecke, zurückgelegt. Die äußeren Bedingungen waren ebenfalls nicht sehr hilfreich. Dom saugte so viel von dieser übel riechenden Luft in seine Lungen, wie er nur konnte, nur um überhaupt weiterlaufen zu können. Es war mitten in der Nacht und trotzdem immer noch brütend heiß. Der Dschungelpfad war mit Ausnahme des gelegentlichen Mondlichts, das durch die Palmwedel hindurchdrang, völlig dunkel.
Doms Laufpartner hatte anscheinend keinerlei Schwierigkeiten, den Weg in dieser Dunkelheit zu finden, während sich Dom mit der Schuhspitze in der freiliegenden Wurzel eines Jakarandabaums verfing und der Länge nach auf seine Hände und Knie stürzte.
»Verdammte Scheiße«, fluchte er schwer atmend vor sich hin.
Sein Trainer schaute sich kurz nach ihm um, ohne jedoch anzuhalten. Dom meinte, ein Lächeln auf dem Gesicht des Älteren zu entdecken. Dessen Stimme war leise und wies einen schweren Akzent auf: »Brauchen Sie einen Krankenwagen?«
»Nein, ich bin nur …«
»Dann stehen Sie auf, verdammt noch mal!« Der Ältere kicherte und fügte hinzu: »Auf geht’s, D, keine Müdigkeit vorschützen!«
»In Ordnung.« Dom rappelte sich wieder hoch, wischte den Schlamm von seinen Shorts und versuchte, zu dem anderen aufzuschließen.
Noch vor einem Monat hätte der Amerikaner auf keinen Fall einen 16-Kilometer-Lauf bei dreißig Grad Hitze und einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent absolvieren können und dies auch noch mitten in der Nacht nach einem ganztägigen Kampfsporttraining. Aber seit seiner Ankunft hier in Indien hatte seine körperliche und mentale Stärke schneller zugenommen, als er sich das je hätte vorstellen können. Dies alles verdankte er Arik Yacoby, dem Mann, der jetzt zwölf Meter vor ihm her trabte.
Der schlammige Dschungelpfad endete an einer befestigten Straße, auf die Arik nach links einbog. Dominic jagte ihm nach, obwohl er dachte, sie hätten sich eigentlich nach rechts wenden müssen. Er war schließlich der Besucher, und er vertraute darauf, dass Yacoby sich hier weit besser auskannte als er.
Yacoby war zwar auch kein Einheimischer, aber er lebte bereits einige Jahre hier. Seine ausgezeichnete körperliche Verfassung zeigte, dass er diese Wege und Straßen bereits Hunderte Male entlanggelaufen sein musste.
Dom wusste nur wenig über Arik Yacobys Vergangenheit, nur dass er Israeli war, nach Indien ausgewandert war und früher einmal in der Armee gedient hatte. Dom hatte keinerlei Probleme, sich Arik als Elitesoldaten vorzustellen. Seine Fitness und Disziplin und das selbstsichere und entschlossene Funkeln in seinen stählernen Augen zeigten dies jedem, der wusste, worauf er achten musste.
Dom war nach Indien gekommen, um sechs Wochen mit diesem Mann zu trainieren. Yacoby besaß den schwarzen Gürtel des vierten Grades in Krav Maga, einer Kampfsportart, die für das israelische Militär entwickelt worden war. Doms Kampftraining mit Arik war für sich allein schon höchst intensiv, aber diese zusätzlichen nächtlichen Konditionstrainingseinheiten fügten dem noch eine weitere äußerst anstrengende Facette hinzu.
Sie waren geschwommen, gerannt und geklettert – oft alle drei Fortbewegungsarten in ein und derselben Nacht. Dom hatte das Gefühl, dass es Arik als seine Pflicht empfand, ihm nicht nur seine Fähigkeiten im Kampf Mann gegen Mann weiterzugeben, sondern ihm jeden körperlichen und mentalen Aspekt zu vermitteln, den ein Mitglied der israelischen Streitkräfte besitzen musste.
Zumindest alles außer dem Gebrauch von Schusswaffen. Dies hier war Indien, und obwohl Yacoby jetzt seinen ständigen Wohnsitz in Paravur hatte, war er kein Polizist und kein Soldat und konnte deshalb legal auch keine Waffe erwerben.
Dom glaubte jedoch nicht, dass die fehlende Schusswaffe Yacoby in irgendeiner Weise ungefährlicher machte.
Dieser Aufenthalt in Indien, um Krav Maga zu üben, war der dritte von fünf Teilen eines viermonatigen Trainingskurses, den sich Dominic Caruso selbst verordnet hatte. Bevor er hierher kam, war er drei Wochen bergsteigen im Yukon-Territorium, wobei ihn ein altgedienter kanadischer Alpinist seine gesamten Kniffe lehrte. Davor hatte er sich zwei Wochen lang in Reno, Nevada, von einem Meisterzauberkünstler die besten Taschenspielertricks und andere Ablenkungsmethoden beibringen lassen.
Nach seinem Krav-Maga-Training in Indien sollte Dom nach Pennsylvania fliegen, um dort mit einem ehemaligen Scharfschützen der US-Marines das Schießen über große Entfernungen zu üben. Als Letztes würde er direkt ins japanische Sapporo zu einem Schwertkampfmeister reisen.
Bei jeder dieser Trainingsphasen profitierte Dom von der Erfahrung dieser Spezialisten, die sich ihm ganz allein widmeten. Dabei löcherte er sie buchstäblich mit Tausenden von Fragen. Die Trainer stellten ihm dagegen kaum eine Frage. Sie kannten seinen wirklichen Namen nicht – Arik sprach ihn einfach mit »D« an –, sie wussten nicht, für welche Organisation er tätig war, und sie wussten auch sonst nichts über seinen Hintergrund. Sie wussten nur, dass Dom den Segen wichtiger Persönlichkeiten aus der US-amerikanischen Geheimdienstgemeinschaft besaß. Mehr mussten sie auch nicht wissen. Ihnen war bewusst, dass Dom zur CIA, DIA, JSOC oder einer anderen Organisation mit einem Akronym gehörte, das möglicherweise Ärger bedeuten konnte, wenn man ihr zu nahe kam, und Caruso selbst tat nichts, um diese Meinung zu zerstreuen. Dabei gehörte er zu keiner von ihnen. Er war nicht einmal Mitglied einer offiziellen Regierungsbehörde.
Stattdessen war Dominic Caruso Einsatzagent einer Organisation, die sich Campus nannte. Es handelte sich um einen geheimen, nicht staatlichen Nachrichtendienst mit einer Abteilung für direkte Vor-Ort-Einsätze. Nur wenige im offiziellen Staatsapparat wussten überhaupt von der Existenz des Campus. Diese wenigen hatten jetzt ihre Beziehungen zu Eliteausbildern in der ganzen Welt spielen lassen, um Dom und seinen Mitagenten ein persönliches Spezialtraining bei Kampfsportlern, Bergsteigern, Scharfschützen, Tauchern, Extremsportlern, Sprach- und Kulturexperten und Meistern in irgendeiner anderen Disziplin zu vermitteln, die sie einmal bei ihren Geheimeinsätzen benötigen könnten.
Vor seiner Zeit beim Campus war Dom Spezialagent beim FBI gewesen. Dort hatte er zwar eine Menge Praxistraining erhalten, aber die FBI-Akademie in Quantico ließ ihre Rekruten dennoch keine Berge emporklettern oder durch tropische Sümpfe schleichen.
Caruso hatte auf dieser sehr speziellen Trainingstour bereits eine Menge gelernt, aber seine Zeit hier mit Arik Yacoby war die bisher schönste Erfahrung. Dies lag vor allem an Yacoby und seiner Familie. Ariks Frau Hanna, eine Yogalehrerin, hatte ihn wie einen lange vermissten Verwandten in ihr Haus aufgenommen, und ihre beiden kleinen ein- und dreijährigen Jungen Mosche und Dar behandelten ihn von Anfang an wie einen menschlichen Abenteuerspielplatz und kletterten jeden Abend spielerisch an ihm hinauf, während die Erwachsenen im Wohnzimmer von Ariks rustikalem Dorfbauernhaus saßen und sich bei gutem Essen und Bier über alles Mögliche unterhielten.
Dominic war als überzeugter Junggeselle nicht wenig überrascht, wie sehr er diesen Einblick in ein Familienleben genoss.
An diesem Abend hatte sich Dom nach dem gemeinsamen Abendessen in sein Zimmer zurückgezogen, um seine »Hausaufgaben« zu machen und über die Philosophie des Krav Maga zu lesen. Noch vor elf Uhr war er eingenickt, aber kurz nach Mitternacht riss Yacoby die Tür auf und erklärte ihm, er habe genau drei Minuten Zeit, um Shorts und Laufschuhe anzuziehen und ihn vor dem Haus zu treffen.
Diese Nachtübungen, wie sie Yacoby nannte, sollten Carusos Körper daran gewöhnen, sich an plötzliche Arbeitsanforderungen anzupassen, auch dann, wenn er nur wenig geschlafen hatte oder sein Biorhythmus ihm mitteilte, es sei Zeit, die Arbeit erst einmal einzustellen.
Tatsächlich hatte sich Doms Körper, wenn auch zögerlich, an diesen Trainingsplan gewöhnt, während Arik selbst die Lauf- und Schwimmübungen mitten in der Nacht sogar zu genießen schien.
Drei Minuten nachdem Yacoby Caruso aufgeweckt hatte, begannen die beiden Männer ihren Nachtlauf. Sie wählten eine Straße, die sie aus der Ansammlung von Farmen und Bungalows des jüdischen Viertels in die Palmenwälder hinausführte. Dort wandten sie sich nach Westen in Richtung Meer, um kurz darauf nach Norden abzubiegen. Sie ließen das Nachbardorf hinter sich und joggten einen Dschungelpfad entlang, der manchmal in dieser vollkommenen Dunkelheit unter dem doppelten Blätterdach der Kokospalmen und Bananenbäume fast unpassierbar war.
Als sie das Ufer des Paravur-Sees erreichten, stürzte sich Yacoby ins Wasser, ohne groß an Geschwindigkeit zu verlieren. Seine ruhigen, aber kräftigen Bruststöße brachten ihn so schnell vorwärts, dass Dom nur in einem wilden australischen Kraulstil mithalten konnte.
Dom mochte diesen See überhaupt nicht. Als er beim ersten Mal an seinem anderen Ende ankam, stellte er voller Schrecken fest, dass er nur wenige Schritte von einem Nest voller Kobras entfernt war. Arik lachte über Doms Panik und erklärte ihm, dass die Kobras wie die meisten gefährlichen Lebewesen auf diesem Planeten nur in Ruhe gelassen werden wollten. Wenn sich Dom also ruhig verhalte, würden sie ihrerseits ganz bestimmt nichts unternehmen.
An diesem Abend bemerkte Dom im Uferschilf eine riesige Python. Als er Ariks Rat beherzigte und sie einfach ignorierte, schlängelte sie sich davon, und die beiden Männer konnten ohne weitere Komplikationen ihre Schwimmstrecke beenden. Dann liefen sie auf einem Damm an einem großen Maniokfeld entlang, bevor sie erneut den Dschungel erreichten und die nächsten dreieinhalb Kilometer dem zweiten stockdunklen Pfad an diesem Abend folgten.
Auf einer befestigten Straße erreichten sie bald das Dorf Nord-Paravur. Ein kleines Tuk-Tuk knatterte auf der ansonsten völlig leeren Straße an ihnen vorüber. Sein Zweitaktmotor hustete vor sich hin, als es an einem Haus anhielt, um eine Frau abzuholen, die zur örtlichen Bushaltestelle wollte, um zu ihrer Frühschicht in einer Fabrik in Kochi zu fahren. Arik und Dom winkten dem Fahrer und der Frau zu, als die Motorrikscha direkt vor ihnen wendete.
Schließlich wurde Arik langsamer und ging in den Gehschritt über. Er atmete zwar etwas angestrengt, konnte jedoch ohne Probleme sprechen: »Bis nach Hause sind es noch zwei Kilometer. Auf dem Rest der Strecke machen wir es uns bequem. Heute Nacht werde ich Sie ein wenig schonen.«
Dom versuchte, sein Keuchen zu unterdrücken. Trotzdem konnte er kaum antworten. Zwischen seinen Atemstößen brachte er nur ein gepresstes »Vielen Dank« heraus.
»Morgen früh werden Sie mir erst recht danken. Wir fangen mit einem Vollkontakt-Training im Dojo an und schwimmen danach noch vor dem Mittagessen eine ziemlich lange Strecke.«
Dom nickte nur und sog beim Gehen gierig die heiße, nasse Luft ein.
Einige Sekunden später tauchten hinter ihnen die Lichter eines Fahrzeugs auf. Die beiden Männer verließen kurz die Fahrbahn, als ein großer brauner Milchlieferwagen auf seinem Weg nach Süden an ihnen vorbeifuhr.
Arik runzelte beim Anblick des Fahrzeugs die Stirn, sagte jedoch kein Wort.
Eine Minute später gingen Dom und Arik an der dunklen örtlichen Synagoge vorbei. »Auf dem Friedhof dahinter liegen Vorfahren von mir«, sagte Arik. »Das hier ist die älteste jüdische Gemeinde in Indien, wissen Sie.«
Dom nickte nur. Ihm fehlte immer noch der Atem, um etwas zu entgegnen, aber er musste doch ein Lächeln unterdrücken. Schließlich hatte ihm Arik das im vergangenen Monat bereits ein halbes Dutzend Mal erzählt. Yacobys Vorfahren hatten tatsächlich seit ewigen Zeiten an der Westküste Indiens gelebt, bis seine Familie von hier nach Israel ausgewandert war. Er war vor einigen Jahren während eines Urlaubs vom Militärdienst hierher zurückgekehrt, um seine Wurzeln zu erforschen. Als er damals die alte Synagoge besuchte und durch die Straßen von Nord-Paravur ging, entschloss er sich, eines Tages zurückzukehren und hier zu leben, die kleine jüdische Gemeinde zu verstärken und seine Kinder auf demselben Land großzuziehen, auf dem seine Vorfahren bereits über viele Generationen gewandelt waren.
Das mochte Dom an Arik. Er war charakterstark und zielstrebig.
Die kleine Farm der Yacobys lag am Ende einer langen Stichstraße, die von der Temple Road abzweigte. Auf beiden Seiten lag dichter Dschungel und hinter dem Farmhaus ein riesiges Pokkali-Reisfeld. Das Gelände war vom Rest des Dorfes abgeschnitten, aus diesem Grund fiel Arik und Dom das Fahrzeug, das vor ihnen am Straßenrand parkte, bereits auf, als sie noch gut fünfzig Meter von ihm entfernt waren.
Es war der Milchlieferwagen, der vor zehn Minuten an ihnen vorbeigeprescht war.
Yacoby packte Dom am Arm und ging langsamer. »Der gehört nicht hierher.«
Als sie sich dem Wagen näherten, waren sie eher neugierig als besorgt. Als sie durch die Fenster schauten, merkten sie, dass er leer war.
Arik schaute die Straße in Richtung seiner Farm hinunter.
»Den Lieferwagen habe ich früher schon mal gesehen«, sagte Dom.
Arik zog sein Handy aus einer wasserdichten Tasche seiner Cargo-Shorts. Gleichzeitig sagte er: »Ja, aber nicht hier. Er liefert Milch von einer Farm nördlich der Stadt nach Kochi im Süden. Seine tägliche Fahrtstrecke geht zwei Kilometer westlich von hier vorbei.«
Caruso war beeindruckt. Yacoby kannte also die Bewegungen eines einzelnen örtlichen Fahrzeugs mit einer solchen Genauigkeit. Trotzdem teilte er die offensichtliche Besorgnis seines Trainers noch nicht.
Yacoby wählte die Nummer seiner Frau, während er die Straße weiter entlangging. Dom folgte dicht hinter ihm. Nach einem kurzen Moment schaute Arik auf sein Handy.
»Kein Netz.«
»Passiert das hier öfter?«, fragte Dom.
»Gelegentlich«, antwortete Arik flüsternd. »Aber ich glaube nicht an solche Zufälle. Hier geht etwas Seltsames vor.«
Dom fand, dass Arik seine Schlüsse etwas voreilig zog. Yacoby kannte jedoch die Gegend und die hiesigen Bedrohungen viel besser als er. »Schauen wir einfach mal nach«, sagte Dom und wollte auf der Straße weitergehen.
»Nicht auf diesem Weg«, entgegnete Arik. »Wir nähern uns von Westen her durch die Bäume.« Arik verschwand im dichten Unterholz, und Dom folgte ihm.
Im Dschungel selbst merkte Dom, dass der gar nicht so dicht war, wie er von außen erschien. Alle Kokospalmen und Bananen-, Jakaranda- oder Mangobäume ließen in ihrem Umfeld keinen Konkurrenten groß werden. Es gab also zwischen den Stämmen genug Platz, um ohne größere Schwierigkeiten hindurchzukommen. Außerdem beschränkte das wenige Licht, das bis zum Boden durchdrang, das Unterholz. Arik hatte zwar eine Taschenlampe dabei, ließ sie jedoch in der Tasche. Stattdessen nutzte er das schwache Leuchten seines Handys, um sie beide durch den Dschungel zu führen, ohne dabei ihren Standort zu verraten. Trotzdem kamen die beiden Männer schnell voran. Beide trieb der Wunsch vorwärts, endlich herauszufinden, wer die Handyverbindung gekappt und den Lieferwagen abgestellt hatte.
Als sie den Dschungel schließlich verließen, standen sie direkt hinter einem Holzschuppen, der neben der Kieszufahrt zu Ariks Farmhaus lag. Die beiden Männer ließen sich auf ein Knie nieder und musterten das ganze Grundstück. Dabei kam ihnen ihre ausgezeichnete Nachtsicht zugute. Sie hatten schließlich die letzten anderthalb Stunden draußen in der Dunkelheit verbracht. Deswegen waren ihre Pupillen inzwischen darauf eingerichtet, auch noch das letzte Quäntchen Umgebungslicht aufzufangen.
Die Farm war nur etwa anderthalb Hektar groß. In ihrer Mitte standen das zweistöckige Wohnhaus, ein langes einstöckiges Gebäude, das Arik in sein Dojo und Hannas Yoga-Studio umgewandelt hatte, und dahinter ein großer Hühnerstall neben dem Gemüsegarten. Auf der Zufahrt parkten direkt vor dem Wohnhaus Yacobys Kleintransporter und seine zwei Jeeps.
Caruso griff langsam zu Yacoby hinüber und kniff ihn ganz leicht in den Arm. Der Israeli folgte dem Blick des Amerikaners. In der Dunkelheit konnte er auf der anderen Seite eines kleinen Teichs vor dem Wohnhaus eine Bewegung ausmachen. Es war eine menschliche Gestalt, das war sicher, aber bei dieser Dunkelheit ließ sich unmöglich Näheres feststellen.
Einige Sekunden später wandten sich die beiden Männer dem Geräusch von knirschendem Kies zu. Eine zweite Gestalt huschte zwischen Ariks und Hannas Jeeps hindurch, die nebeneinander auf der Zufahrt standen. Von dort bis zu den Männern, die zwischen den Palmen knieten, waren es nicht einmal zwanzig Meter. Die zweite Gestalt gesellte sich zu der ersten neben dem Teich. Gemeinsam schienen sie jetzt das Haus zu beobachten.
Dominic hatte zuerst gedacht, Arik habe bei dem Anblick des leeren Lieferwagens überreagiert, aber jetzt fing sein Herz heftig zu schlagen an, und er spürte den dumpfen Schmerz in seinem Kreuz, der ihn jedes Mal in einer Gefahrensituation überkam. Irgendetwas Ominöses ging hier vor, und er war sich schmerzlich bewusst, dass er und sein Trainer unbewaffnet waren und nichts außer Cargo-Shorts trugen.
Arik zog Dom ein paar Meter in die Deckung zurück und erklärte ihm im Flüsterton, während seine Augen immer noch die Dunkelheit vor ihnen zu durchdringen versuchten: »Also zwei Leute vor dem Haus. Vielleicht kann ich erkennen, ob sie irgendwelche Waffen haben. Sie sollten sich durch die Bäume hindurcharbeiten und schauen, ob sich hinter dem Haus auch jemand befindet. Danach kommen Sie hierher zurück. Los!«
»Arik, wenn das eine Art Test ist oder …«
Yacoby wandte sich Caruso zu. Seine Augen waren starr vor Sorge, und sein Kinn war vorgereckt und leicht erhoben. »Das ist keine Übung, D. Das ist die Wirklichkeit.«
»Verstanden.« Dom schlich davon.
Caruso benötigte weniger als eine Minute, bis er einen Blick auf die Rückseite des Grundstücks werfen konnte. Zuerst fiel ihm nichts auf außer einem gelegentlichen Flügelschlag im Hühnerstall und einer großen Eidechse, die den oberen Rand eines Holzzauns beim Gemüsegarten entlanghuschte. Gerade als er wieder zum Holzschuppen zurückkehren wollte, spürte er in der Dunkelheit direkt hinter dem Haus eine Bewegung. Er schlich ein paar Meter nach rechts und reckte den Hals, um zu erkennen, was dort vor sich ging.
Jetzt sah er sie trotz der schwarzen Nacht. In dreißig Meter Entfernung standen zwei Gestalten. Wenigstens eine von ihnen besaß eine Waffe, die von einem Gurt über ihrer Schulter herabhing. Beide trugen dunkle Kleidung und standen dicht nebeneinander im Zentrum des Hinterhofs. Ihr Gesicht war Ariks Haus zugewandt.
Dom vermutete, dass einer von ihnen eine Maske trug, da sich kein Mondlicht in seinen Gesichtszügen spiegelte. Über ihre Volkszugehörigkeit oder ihre Absichten konnte er nichts sagen. Er konnte nicht einmal erkennen, um welche Waffe es sich handelte. Er zog sich in den Palmenwald zurück und machte sich so leise wie möglich auf den Rückweg. Hinter dem Holzschuppen wäre er fast an Arik vorbeigegangen, ohne ihn zu bemerken.
»Und?«, fragte Arik und tauchte aus der fast vollkommenen Dunkelheit auf.
»Zwei Männer. Ich habe eine Schusswaffe gesehen. Eine Maschinenpistole oder so etwas. Was genau, konnte ich nicht erkennen. Sie beobachten das Haus von jenseits des Hühnerstalls aus. Sind die Kerle hier vorne bewaffnet?«
»Einer hat eine Micro-Uzi und trägt eine Maske. Der andere hat vielleicht eine Pistole, aber ich kann seine Hände nicht deutlich sehen.«
Doms Gedanken überschlugen sich. »Shit. Gibt es denn irgendeine Möglichkeit, dass es sich um indische Polizisten handelt?«
Yacoby schüttelte den Kopf.
»Was denken Sie?«
»Zwei-Mann-Feuerteams. Das ist die klassische Vorgehensweise der Fedajin.«
»Laschkar?«, fragte Dom. Die Laschkar-e-Taiba waren eine pakistanische Terrororganisation, die seit Jahren in Indien aktiv war.
»Vielleicht«, erwiderte Arik, klang jedoch nicht sehr überzeugt.
»Glauben Sie, dass sie das Haus angreifen werden?«
Bevor Arik etwas antworten konnte, schallte der Schrei einer Frau durch die heiße Nachtluft. Es war Hanna, Ariks Ehefrau, die dort schrie, wie Dom sofort erkannte. Sie klang eher kämpferisch als ängstlich, aber ihre erhobene Stimme in der ansonsten so stillen Nacht ließ einem das Blut gefrieren.
Yacoby sprang auf und wollte erst in Richtung des Schreis seiner Frau laufen, aber er fing sich wieder und ging erneut auf die Knie. »Das haben sie bereits«, flüsterte er. »Die da vor uns sollen das Ganze nach außen absichern. Drinnen gibt es noch ein paar andere. Wenigstens zwei. Es könnten aber noch mehr sein.«
Dom schaute den Israeli entsetzt an. Er bemerkte die verhältnismäßige Ruhe in Yacobys Stimme. Er war angespannt, aber es war keinerlei Panik zu erkennen. Natürlich musste er an seine Frau und seine Kinder denken, aber es gelang ihm irgendwie, diesen Gedanken beiseitezuschieben und sich ganz auf das Problem vor ihm zu konzentrieren.
Irgendwie musste er an den vier Männern draußen vor seinem Haus vorbeikommen.
»Was haben Sie jetzt vor?«, fragte Caruso.
Arik beobachtete immer noch das Haus. Er sprach schnell, aber leise. »Es würde eine halbe Stunde dauern, um die Ortspolizei hierherzubekommen, und ich könnte mir vorstellen, dass sie die Lage eher noch schlimmer machen würden. Keiner meiner Nachbarn hat einen Festnetzanschluss oder eine Schusswaffe. Ich muss mit dieser Situation allein fertigwerden.«
»Richtig.«
»Hanna und ich haben einen Notfallplan vereinbart. Wenn sie noch die Zeit dazu hatte, hat sie die Kinder in das Badezimmer neben unserem Schlafzimmer gebracht. Dort gehe ich jetzt hin. Ich gehe direkt ins Haus. Von der Zufahrt führt eine Seitentür in die Küche.«
»Und ich?«
»Sie bleiben hier. Beobachten Sie die Männer hinter dem Haus und schlagen Sie Alarm, wenn es ein Problem geben sollte.«
Caruso schüttelte den Kopf. »Kommt gar nicht infrage. Ich werde Sie begleiten. Ich kann Ihnen im Haus besser Deckung geben.«
Arik drehte nicht den Kopf zu Dom, sondern nickte nur leicht, während er seine Augen weiterhin auf die Szene vor ihm richtete. »Gut. Dann gehen wir gemeinsam zur Seitentür hinüber. Wenn wir drinnen sind, hole ich mir ein Küchenmesser und versuche, zu meiner Familie im ersten Stock zu gelangen. Sie greifen sich ebenfalls ein Messer und nehmen sich die vier Typen hier draußen vor, wenn sie ins Haus eindringen wollen.«
Es klang für Dom wie ein Himmelfahrtskommando, aber er sah ebenfalls keine andere Möglichkeit.
Yacoby stand ganz langsam auf und machte sich bereit, aufs Haus zuzueilen, als er sich plötzlich noch einmal Caruso zuwandte. »Wenn mir etwas zustoßen sollte und Sie dorthin gelangen können: Ich bewahre ein Tavor-Gewehr und sechs Magazine in einer Stahlkiste mit Zahlenschloss unter meinem Bett auf. Die Kombination ist eins, neun, sechs, sechs, vier.«
Dom wusste, dass Arik hier in Indien eigentlich kein Gewehr haben durfte, aber er war dennoch nicht sehr überrascht.
»Eins, neun, sechs, sechs, vier. Verstanden.«
In aller Eile, aber immer noch flüsternd, sagte Arik: »Es darf jetzt kein Zögern geben. Sie dürfen gegenüber diesen Männern keinerlei Gnade walten lassen.«
Dom stand auf. »Gehen Sie einfach zu Ihrer Familie.«
Die beiden Männer bewegten sich gerade auf den Holzschuppen zu, als Hanna Yacoby erneut einen Schrei ausstieß. Ihre Stimme schnitt wie ein Messer durch die schwülheiße Nacht.