Die zwei Seiten des Ichs
Von Paul Kavaliro
Buchbeschreibung:
Fähnrich Tim Forsberg kann seinen ersten Einsatz kaum erwarten. Doch warum schickt man ihn ausgerechnet auf einen staubigen Planeten am Ende der Welt, der über viele Jahre hinweg nur von einem einzelnen Offizier bewacht wurde?
Ein Blick hinter die karge Fassade bringt überraschende Antworten, aber reißt gleichzeitig tausend neue Fragen auf.
Nicht jeder ist der, der er anfangs zu sein scheint.
Tim gerät mitten hinein in ein Spinnennetz aus Ränkespielen. Er kämpft sich hindurch, auf der Suche nach der Wahrheit - und nach sich selbst.
Über den Autor:
Paul Kavaliro schreibt Bücher für Kinder („Spuk für Anfänger“) und Erwachsene („Final Logout“, "#RettetEllen"), auch als Ratgeber („Heimwerken macht sexy“).
Die zwei Seiten des Ichs
Von Paul Kavaliro
1. Auflage, 2021
© 2021 Paul Kavaliro – alle Rechte vorbehalten.
Impressum am Buchende
„Willst du ein Bier?“
Die Frage reißt Fähnrich Tim Forsberg aus seinen Gedanken. Neben ihm hat sich ein Hüne breitgemacht. Und der ist auf der Suche nach Zerstreuung, denn lange Raumflüge sind öde. Tim sitzt in so einem zähen Flug fest. Und dieser Abschnitt ist nur ein Anschlussflug für wieder eine andere Zwischenverbindung. Da wird man leicht die Beute trüber Gedanken.
Genau das kann der Hüne nicht gebrauchen. Also strebt er nach Unterhaltung und investiert dafür ein Bier.
Tim lässt sich auf ein Gespräch ein, wenn es denn nötig ist, aber auf Alkohol lieber nicht. Er tippt mit dem Finger auf das Rangabzeichen an seiner nagelneuen Jacke.
Das schärft die Sinne des Hünen: aha, ein frischgebackener Militärangehöriger. Das bedeutet, dass er einer Reihe von Zwängen unterworfen ist. Biertrinken ist nicht, nicht mal hier auf diesem zivilen Flug. Die arme Sau.
„Früher war alles besser, was?“, grunzt der Hüne und stupst Tim in die Seite.
Der ist froh, dass er das Bier erfolgreich vermieden hat. „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ – so lautet das Sprichwort. Er mustert das Ungetüm neben sich. Der Riese okkupiert nicht nur einen, sondern gleich zwei Sitze in diesem Mittelklasse-Langstrecken-Raumgleiter. Dicke sind gemütlich, heißt ein bekanntes Vorurteil – und redselig. Da kocht man Gespräche lieber auf Sparflamme. „Hm“, summt der Fähnrich zur Antwort.
Der Koloss lässt sich nicht davon abhalten. „Da gab es noch Truppentransporte, voll mit Leuten wie dir.“ Zischend öffnet der Hüne sein Bier. Die künstliche Schwerkraft im Schiff hält das Getränk in der Flasche. Kurze Zeit später stürzt es in die Kehle des Mannes. Er wirkt bald darauf enttäuscht, denn die Portion hätte gerne üppiger ausfallen dürfen. Größere Mengen sind für sein Verdauungssystem kein Problem.
Tim sieht sich das Trink-Schauspiel an. Es gibt ihm Zeit, nach einer Entgegnung zu suchen. Möglichst findet er eine, die diesem ewigen früher-war-alles-besser-Blues ein Stoppschild vor die Nase setzt. „Ja, da war auch noch Krieg.“
Der Hüne nickt. „Krieg ist schlecht“, pflichtet er bei und unterdrückt dabei mühsam ein Bäuerchen. „Alles ist teuer, alles ist knapp. Und es gibt kein Bier.“ Er lacht glucksend.
Tim lächelt pflichtbewusst zurück. Die Unterhaltung hat kaum angefangen und schon ist er ihr überdrüssig. Leutselig ist er nicht gerade. Das war er auch nie, erst recht nicht seit der Akademie. Sich auf andere einzulassen ist nicht sein Ding: den Sprung zu wagen, sich auf eine Entdeckungsreise in das Wesen des Gegenübers zu begeben. Die Möglichkeit, enttäuscht oder gelangweilt zu werden, erdrückt die Chancen. Ist das das Gehabe eines angehenden Militärs? Hat ihm das der Drill eingeimpft? Nur nicht zu viel preisgeben und Angriffsfläche bieten. Hinter jedem Kontakt kann für einen Kadetten ein Risiko stecken. Nun, das ist er nicht mehr, sondern ein Absolvent vom Range eines Fähnrichs. Er wird jetzt in die Welt geschickt, um sich zu beweisen. Erst später wird entschieden, ob er sich auf den Weg zu höheren Dienstgraden begibt, ob er ein Spezialist wird oder ob er im Niemandsland der Karriereleiter steckenbleibt und als Treibgut den Strömungen unterliegt, die andere entfachen. Aus der letzteren Gruppe kennt er Beispiele. Und er möchte keins davon werden.
Der Hüne mustert ihn. Warum tut er das? Ach so, weil er darauf wartet, dass Tim etwas sagt. Aber was? Da ist sie wieder, die fehlende Leutseligkeit. Selbst von diesem gutmütigen Riesen springt der Funke nicht zu ihm über. Er könnte jetzt vom Wetter anfangen, doch jenseits der Hülle des Raumgleiters findet keins statt. Er überlegt zu lange.
Der Hüne verdreht enttäuscht die Augen und schaut danach suchend in die Runde. Gerade er landet auf diesem Flug neben einem Langweiler! Sein Blick bleibt bei einer Frau mittleren Alters hängen. Sie sieht sich Bilder auf ihrem Kommunikator an, einer reichlich Handteller-großen Mischung aus Mini-Computer, Telefon, Messenger und digitalem Begleiter für alle Lebenslagen. Der Riese reckt sich nach oben. Er sieht Aufnahmen von Kindern. Vielleicht ihre? Vielleicht die der Schwester? Vielleicht die Enkel? Egal – solche Leute wollen reden. Nein, sie müssen es sogar: Gedanken teilen, Anerkennung einheimsen, mit ihrem Nachwuchs angeben. Die Dame wird ihn unterhalten. Dieser Dreikäsehoch-Fähnrich hier beherrscht das nicht. Welch glücklicher Zufall, dass neben der Frau zwei Plätze frei sind. Er packt seine Tasche, in der weitere Flaschen seines Lieblingsgetränks klimpern und zieht um.
Tim hört ihr Lachen. Die beiden verstehen sich – ein von der Gelegenheit zusammengebrachtes Paar Reisender auf der Suche nach Ablenkung, eine Zweckgemeinschaft, eine Symbiose. Manchmal wünscht Tim, dass ihm das mehr läge. Es steckt eben nicht in seinen Genen.
Die trüben Gedanken kehren wieder. Das Ziel seiner Reise ist keine Plauderrunde wert. Deshalb ist es dem Hünen gegenüber als Thema durchgefallen. Trotzdem muss er dorthin.
Seine Ambitionen waren größer, als er vor kurzem noch dem Abschluss der Akademie und der Weichenstellung seine die Zukunft entgegenfieberte. Wohin würde er abkommandiert? Würde er als heißer Anwärter auf höhere Weihen an der Militärschule bleiben? Oder würde man ihn als neuen Besen auf einen der Truppen-Stützpunkte entsenden? Schickte man ihn auf ein Forschungsschiff, um dort Wissenschaftlern den Rücken vor bösen Buben freizuhalten? Delegierte man ihn sogar auf eines der militärischen Schiffe der Strategischen Flotte, die die Gemeinschaft und die Völker, Planeten, Mächte und Allianzen drumherum im Gleichgewicht hielten?
Manche seiner Mit-Kadetten hatten in den entscheidenden Wochen damit geprahlt, dass man mit ihnen schon gesprochen habe und was sie erwarten konnten – selbstredend war allen eine Heldenlaufbahn vorbestimmt. Mit Tim hatte hingegen niemand Kontakt aufgenommen. Kein Wink, keine Andeutung. Nichts.
Dann endlich kam ein Termin herein. Der Kommandant der Akademie hatte Tim einbestellt.
Forsberg trat als Kadett durch die Tür hinein und wollte als angehender Held wieder herauskommen, genau wie die großmäuligen Absolventen. Er hielt sich für besser als sie und er war bereit für höhere Aufgaben.
Major Wolny empfing ihn – wie immer akkurat, wie immer straff, wie immer finster. Dieser Mann vermochte es, ganze Karrieren zu zerstören. Tim hatte es während seiner Ausbildung erlebt. Manche blieben auf der Strecke, vom Kommandanten mit eiserner Hand ausgesiebt. „Diese Leute sollen ihre Zukunft woanders suchen“, wischte sie der Major weg wie lästige Ameisen, die die Ordnung störten.
Wer durchkam, der hatte eine Perspektive. Und so auch Tim. Nur schien sein Weg an diesem Tag der Einbestellung von der gewohnten Geradlinigkeit abzuweichen und eine Abbiegung zu nehmen.
„Forsberg!“, begann der Vorgesetzte in dem ihm eigenen Befehlston.
„Jawohl, Herr Major!“
„Ich schicke Sie nach Varandin!“
„Jawohl! ... Herr Major?“
„Was? Ist Ihnen das nicht fein genug?“
„Doch ...“
„Doch, was?“
„Doch, Herr Major!“
Es brauchte einen Moment, bis Tim seine Gedanken straffgezogen hatte wie eine Uniform, die nicht richtig saß.
Dass Varandin ein Grenz-Planet der Gemeinschaft ist, das wusste Tim damals schon. Aber sonst tauchte er nicht in Berichten auf, was deutlich auf drohende Langeweile hinwies. Immerhin war ihm klar, dass er schier unendlich weit entfernt lag. Doch bereits die Anrainer hätte er nicht auswendig aufsagen können.
Das übernahm Wolny: „Die Nachbarplaneten Patilios, Bagra und wie sie alle heißen – die schauen uns nicht einfach über den Gartenzaun hinweg zu. Die werden uns herausfordern, und wenn nicht jetzt, dann später. Wir müssen präsent sein! Sie werden den Außenposten verstärken!“
„Jawohl, Herr Major!“
„Forsberg, jetzt vergessen Sie mal endlich diesen elenden Besenstiel, den Sie verschluckt zu haben scheinen.“
„Jawohl! Äh ... ja, Herr Major!“
„Ich brauche keine Leute mit einem Stock anstelle eines Rückgrats.“ Er machte eine ausschweifende Handbewegung über die sich draußen vor dem Fenster entfaltende Schulanlage mit ihren Gebäuden und Trainingseinrichtungen. „Davon gibt es genug. Viele von Ihnen haben keine Zukunft hier.“
Ja, da waren sie wieder, seine Sprüche. Von wegen wer hierhin gehörte und wer nicht. Dabei führte sich Wolny auf, als wäre er der Oberbefehlshaber der Truppe, der Herrscher über Gut und Böse, der gnadenlose Entscheider, der den Daumen hob oder senkte.
Warum trat er selbst eigentlich als Major auf der Stelle? Er hatte was zu sagen, ja. Über Tim schien er beispielsweise nach Belieben bestimmen zu können. Doch es gab viele, die mehr zu sagen hatten als er. Man munkelte, Wolny habe Beziehungen in höhere militärische Kreise, aber wohin hatten ihn diese Bande geführt? Auf den Dienst-Sessel von jemandem, der einem seiner Absolventen eine Mission auf Varandin schmackhaft machte? Wichtige Aufträge von wichtigen Leuten klangen anders.
„Forsberg“, färbte Wolny seine Stimme von Befehlston auf eindringlich um und beugte sich über den Tisch zu ihm hin. „Ich brauche Sie dort!“
Tim war verwirrt. Wohin zeigte der Daumen des Herrschers? Oben? Unten? Zur Seite?
„Kann ich mich auf Sie verlassen?“, neigte sich der Kommandant noch ein weiteres Stück zu seinem Untergebenen hin, stellte den Vertraulichkeitsregler abermals eine Raste nach oben.
„Das können Sie, Herr Major“, versuchte sich Tim in gespielter Gelassenheit, den Besenstil aus seiner Körperhaltung tilgend. Wie befohlen.
Wer weiß, vielleicht war das alles nur eine Prüfung, reimte sich Tim zusammen, nachdem er wieder draußen stand. In Wahrheit bekäme er ein anderes Kommando. Man wollte nur prüfen, ob er nicht trunken von Ruhm überschnappte. Der Gedanke gefiel ihm, er hatte etwas von Verheißung, von der Vorfreude auf Weihnachten, die er im Kindesalter intensiv erlebt hatte und die zusehends verblasste, je mehr das Erwachsensein von seinem Geist Besitz ergriff.
Aber es folgte kein zweites, echtes Gespräch. Auf der Anzeige seines Kommunikators prangte unverrückbar der Marschbefehl. Ziel: Varandin. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Deshalb sitzt er jetzt hier. Drüben glucksen der Hüne und seine Reisebekanntschaft, stoßen mit einem Bier an. Das wievielte wird es wohl sein? Ihre Kommunikatoren leisten ihnen gute Dienste. Übersetzungen gehören zum Standard-Repertoire, wenn die Sprachkenntnisse der Diskussionspartner gar zu weit auseinanderliegen.
Tim sollte seinen eigenen digitalen Begleiter checken. Der funktioniert bestens. Wie gut! Doch er zeigt nach wie vor das bekannte Ziel. Neue Befehle sind nicht reingekommen. Korrekturen gab es ebenfalls keine. Wie langweilig.
Die Gemeinschaft – eine expandierende Gruppe von Zivilisationen, in die sich sein Heimatplanet Erde vor etwa 200 Erdenjahren eingereiht hat – lässt ihn seine Flügel nicht entfalten. Sie schickt ihn stattdessen nach Varandin. Das ist nicht gerade der Aufbruch nach Pandora wie in dem Uralt-Klassiker. Ihn erwartet keine galoppierende oder fliegende Fauna und kein Feuerwerk einer Flora.
Varandin ist ein karger Mini-Planet, auf dem außer anspruchslosem Gestrüpp nur Steine zu wachsen scheinen. Wenigstens gerät man dort nicht in Konflikte mit Lebensformen, die sich nicht domestizieren lassen. Solche Storys kennt man aus manchem Sci-Fi-Film. Es warten neben ein paar versprengten Pflanzen höchstens Mikroorganismen, denen Domestikation und weitere höhere Konzepte vollkommen fremd und überaus egal sind.
Entdecker und andere Personen mit einem Hang zur Entfaltung sind dort fehl am Platze.
Tim schüttelt stumm den Kopf. Dabei ließ sich die Akademie damals gut an. Die Umstellung vom Schüler zum Kadetten bereitete ihm am Anfang einige Schwierigkeiten. Aber er zeigte sich nach der ersten Eingewöhnung den Herausforderungen gewachsen. Er kam mit. Nie lief er Gefahr, auf der schwarzen Liste zu landen, die die Ausbilder führten. Die erkannten schnell, wer Potenzial hatte und wer nicht. Und sogar Wolny wurde auf ihn aufmerksam, kein Schulterklopfen, nur dezente Kenntnisnahme. Aber der Major wusste, dass es einen Tim Forsberg gab und wer das war.
Tim wähnte sich vorne dabei, auf dem Weg zu all den Stützpunkten oder Schiffen, die eine Anziehungskraft ausstrahlten. Doch dann kam der besagte Tag der schroffen Abbiegung und des Abschieds von einer „geraden“ Laufbahn. War er zu überzeugt von sich? War er gar überheblich? Waren die anderen ihm eine Nasenspitze voraus? War das die reinigende harte Landung, die er gebraucht hatte? Die Maßregelung zum rechten Moment?
Seine Gedanken fliegen – auf der Suche nach Schuldigen, nach Ausreden, nach einem Grund.
Vielleicht hätte er den Umweg nicht nehmen müssen, wenn er im letzten Ausbildungsjahr mit all seinen Prüfungsterminen nicht erkrankt wäre. Die Infektion schien vom Himmel gefallen zu sein. Außer ihm hatte sie keinen erwischt. Sie überwältigte ihn wie eine Bestie, die ihr Opfer aus dem Hinterhalt ansprang. Er hatte sich einen Virus eingefangen, wahrscheinlich an einem der tausend Orte, an denen seine Ausbildung stattfand, im Manöver, im Feldlager, in Probeeinsätzen auf dem Fleckenteppich der Planeten der Gemeinschaft. Die Ärzte erklärten ihm das so, nachdem er aus dem Koma erwachte und sie seine Infusionsbeutel wegräumten, die ihn im Diesseits hielten. „Seien Sie froh und dankbar! Andere sterben an sowas.“
Tim beschäftigte sich nicht lange damit, froh und dankbar zu sein. Er sah diese Episode nur als ein Schlagloch auf seinem Weg und nicht als das Ende der Straße. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus rackerte er, peitschte sich nach vorn. Er zeigte allen, aus welchem Holz er geschnitzt war, dass die Pause keine Schwäche bedeutete. Man nickte wohlwollend. Aber er schaffte es nicht in die Riege der Besten. Sondern nach Varandin.
Es fühlt sich falsch an, genau wie dieser nicht enden wollende Flug und all die unzähligen Anschlussflüge. Drüben glucksen wieder der Hüne und seine neue Freundin. Haben die keine Probleme? Scheinbar zu wenige als dass die Laune darunter leidet.
Tim atmet durch. Ist es nicht langsam Zeit, das Selbstmitleid zu begraben? Ja, ist es. Also auf nach Varandin!
Sanft setzt die automatische Taxi-Kapsel auf der Planetenoberfläche auf. Sie überbrückt das letzte Stück Flugzeit vom nächstgelegenen Weltraumbahnhof – einer Passagier-Umsteige-Station im All – zu Tims Ziel. Der Antrieb wirbelt Staub auf. Der Fähnrich kneift angestrengt die Augen zusammen, als er das Vehikel verlässt und seine Taschen nach draußen wuchtet.
Die Atmosphäre auf Varandin ist weder toxisch noch zu kalt oder zu heiß. Aber einen Menschen vermag sie dennoch nicht am Leben zu erhalten. Tim benötigt eine Sauerstoffzuleitung, die er unmittelbar vor der Landung an die Unterseite seiner Nase geschoben hat. Er kommt sich vor wie ein Patient, der nicht selbstständig atmen kann. Das ist im ersten Moment beklemmend. Aber das Gerät arbeitet zuverlässig, er hat es x-mal überprüft. Und jetzt, da er hier auf der Oberfläche steht und nicht aus Atemnot in Ohnmacht fällt, hat er die Bestätigung, dass er alles korrekt eingestellt hat.
Sein Blick wandert umher: Steine, dazwischen Staub, dann noch ein paar Steine mit noch mehr Staub. Gelegentlich haben eine übersichtliche Anzahl dürrer Büsche ihre Existenz der Landschaft abgerungen. Was hier wächst, ist zäh.
Tim wird später genug Zeit haben, den Planeten zu studieren. Jetzt greift er seine Taschen und verlässt den Landeplatz. Das ist Vorschrift. Man sollte nicht in die Abgase der Taxi-Kapsel geraten. Sonst ist der Aufenthalt hier auf dem fremden Himmelskörper bald vorbei. Das Vehikel schießt hinter ihm in die Höhe, eine noch größere Staubwolke aufwirbelnd.
Tim wischt sich den Dreck aus dem Gesicht und sieht dem Gefährt hinterher, wie ein Kind der Mutter, wenn sie ihren Sprössling in der Tagesstätte zurücklässt, um sich in den beruflichen Trubel zu stürzen. Da zieht sie dahin und verschwindet in den Wolken – die Nabelschnur, die ihn mit der Zivilisation und der ihm bekannten Welt verbunden hat. Er ist jetzt in einer neuen Umgebung. Er ist auf sich gestellt. Doch wozu diese nutzlosen Gefühle? Er atmet durch, bläst sie mit der Atemluft nach draußen. Gut so.
Seine Schultern ächzen unter der Last des Gepäcks. In der künstlichen Schwerkraft des Raumgleiters war es buchstäblich leichter zu ertragen. Gibt es hier keinen, der ihn abholt? Wahrscheinlich nicht, denn seine Einsatzunterlagen sprechen von einem arg knapp besetzten Grenzposten. Fast alles läuft automatisch. Eine einzelne Person bewacht die Anlage, bis jetzt.
Ein Windzug fährt in Tims militärisch-spärliches Haar. Eine Staubwolke hüllt ihn ein, nimmt ihm die Sicht auf die Umgebung. Er verlangsamt seinen Gang, denn er hat abschüssiges Gelände vor sich. Da sind Vorsicht und Orientierung das A und O.
Schritte auf dem Gerölluntergrund dringen an sein Ohr. Sie kommen näher. Tim schielt auf seine Handfeuerwaffe. Sollte er sich bedroht fühlen? Und, wenn ja, von wem? Ein kurzes Poltern ist zu hören, gefolgt von einem mühsam unterdrückten Fluch. Die Schritte stoppen für einen Moment und setzen sich dann wieder fort. Ein wenig unrund, aber stetig. Ein gedrungenes älteres Männchen schält sich aus dem staubigen Hintergrund. Sein linker Schuh zeigt einen Kratzer von der Begegnung mit einem Stein. Es lächelt tapfer und wirkt nicht bedrohlich. „Ich bin Henry Barton.“
Tim wirft seine Taschen in den Dreck und salutiert. „Tim Forsberg!“ In Ermangelung der Kenntnis des Dienstgrades seines spärlichen Gegenübers huschen seine Augen über die Kleidung des Männchens und versuchen krampfhaft, Rangabzeichen zu entlarven. Klar, hat er sich vorbereitet, aber Personendetails jenseits von der Zugehörigkeit Bartons zur Gattung Mensch und seiner Herkunft von der Erde, genau wie bei Tim, waren kaum zu erhaschen. Geheimhaltung ist Trumpf, damit die Feinde angesichts der sparsamen Besetzung des Postens nicht auf dumme Ideen kommen.
„Sparen Sie sich die Mühe, Fähnrich“, entlässt ihn der ältere Herr aus der Pflicht der Dienstgradenträtselung. „Oberleutnant Barton. Die Formalitäten können Sie weglassen. Wir sind hier unter uns.“
Sie schütteln sich die Hände zur Begrüßung. Tim muss sich dabei bücken. Sein Gegenüber wirkt wie die Wiedergeburt von Meister Yoda aus dem Uraltklassiker. Nicht dergleichen kampferprobt, sondern so klein. Ob er auch mit der Kraft seines Geistes Lasten bewegen kann?
Kann er nicht. Er macht stattdessen Anstalten, eine von Tims Taschen über seine Schulter zu werfen. Tim unterbindet das im Ansatz und schanzt ihm sein leichtestes Gepäckstück zu. Haben die hier keine Lastwagen?
„Tja, der Rover, unser Transportmittel, braucht ein Ersatzteil. Wir müssen laufen“, schneidet Barton die Hoffnung auf ein bequemeres Reisen schnöde ab. „Zu viel Staub hier, darunter leiden die Radlager.“
Langsam beschleicht Tim eine Unsicherheit, was ihn hier sonst noch alles an Ausfällen erwartet. Wird er die meiste Zeit auf den Knien verbringen, fluchend nach Werkzeug langend, vor irgendwelchen Gerätschaften, die er flottmachen muss? War es das, was Wolny für ihn im Blick hatte?
Tim gibt es ungern zu: Nach all der Zeit, die er mit Nachdenken und dem Versuch, den Geschehnissen einen Sinn abzuringen, verbracht hat, liegt die Absicht hinter seinem Einsatz immer noch im Nebel. Tim solle den Außenposten verstärken, die Anrainer im Blick haben, nach dem Rechten sehen. Woher kommt auf einmal dieser Bedarf, wenn man all die Jahre Meister Yoda hier stationiert hat, nur dass der nicht die Superkräfte seines Vorbilds mit der gebückten Gestalt hat und somit eine ganze Armee aufwiegt?
Das Männchen zieht ein Mini-Tablet aus der Tasche. „Ich muss nur kurz auf die Technik schauen“, erklärt er den Blick.
„Probleme?“, unkt Tim.
„Ach was“, wehrt Barton ab. „Läuft alles am Schnürchen. Alles automatisch. Ist alles teures Zeug. Das fällt nicht aus. Der Rover hingegen war nicht teuer. Der darf mal Pause machen.“
Tim nickt erleichtert.
Der Weg wird beschwerlicher, denn es geht bergauf. Meister Yoda hält sich tapfer, trotz seines scheinbar fortgeschrittenen Alters. Schließlich erreichen sie den Gebäudekomplex. „Mein Reich“, erklärt Barton mit einer ausladenden Armbewegung. „Unser Reich“, verbessert er sich.
Tim ist jetzt schon ein paar Wochen hier. Ein Tag dauert etwas länger als auf der Erde, aber der 7-Tage-Rhythmus gilt auch auf Varandin. An die Routine hat er sich schnell gewöhnt. Barton und er teilen sich die Überwachung der Technik, führen Tests aus, fordern Spezialisten an, wenn irgendeine Messung auch nur wenige Prozentpunkte neben der Norm liegt. Sicher ist sicher.
Sie staffeln ihre Schichten so, dass sie einige Zeit gemeinsam wach sind. Barton füttert Tim mit all dem Wissenswerten, was ein Außenposten mit sich bringt. Der Fähnrich staunt, welches Arsenal an Waffen hier lagert. Es gibt unterirdische Abschusseinrichtungen, durch mächtige Klappen an der Oberfläche vom allgegenwärtigen Staub der Landschaft abgeschirmt. Auf Knopfdruck von der Zentrale oder durch Fernbedienung sind sie bereit, Zerstörung und wenn es sein muss auch Tod in die Weltraumstraße zwischen Varandin und den Nachbarn zu bringen.
Akribisch werden alle Bewegungen im Weltraumkorridor zwischen hier und dem Anrainer Patilios aufgezeichnet. Der Technik entgeht nichts. Barton hält die Einrichtung am Laufen, aber den Stolz darüber trägt er nicht auf den Lippen. Wenn Tim die Anlage bestaunt, dann winkt der Oberleutnant nur ab. „Automatik ist das Zauberwort. Die im Hinterland“, und dabei zeigt er mit dem ausgestreckten Daumen über seine Schulter, „die sind über alles im Bilde – über Werte und Fehlerzustände der Anlagen.“
Das klingt etwas nach Resignation und verpasster Gelegenheit, wichtig zu sein. Hier regiert der Alltag, nicht das Abenteuer. Mit Meister Yoda hat Barton nur die Hülle gemein. Er kämpft nicht mit dem Schwert und zeigt auch nichts anderes, was man in die „bewundernswert“-Schublade stecken könnte.
Aber er ist beflissen. Kommen Nachrichten herein, dann antwortet er direkt. Es gibt keine Spur von abwartender Distanz, von in der Routine ertränktem Elan. Was zu tun ist, wird erledigt, prompt. Müßiggang duldet er nicht. Das geht auch nicht anders, denkt sich Tim, wenn man in der Situation einer isolierten Ameise gefangen ist, die sich um alles kümmert und zu der sich erst jetzt eine Zweitameise gesellt.
Tim findet es nach wie vor erstaunlich, dass Barton hier über all die Jahre als Einzelner den Laden schmeißt und der Außenposten nicht ohnehin stärker besetzt ist – bei allem Vertrauen auf die Technik. Vielleicht ist es ja das, was Wolny im Blick hatte: Tim an eine inzwischen wichtige Stelle zu bugsieren. Sie versprüht zwar nicht den Glanz von Kampf- oder Wissenschaftsschiffen. Aber wenn Tim in einer klaren Nacht auf den in der Entfernung gut sichtbaren Planeten Patilios und auf das weiter weg glimmende Bagra schaut und ahnt, dass es danach mit Antamino, Poltar und Bartona weitergeht und auf der anderen Seite die Planeten der Gemeinschaft schlummern – Kemstran, Rembos, Tana, Qarinton und wie sie alle heißen – dann durchströmt ihn ein wohltuender Stolz. Dieser wird gefüttert von dem Gefühl, seinen Platz in der Maschinerie zu haben. Dann ist Varandin nicht mehr nur der öde Außenposten, sondern liegt in der Mitte der Welt.
Er hat sich mit der Gemengelage beschäftigt. Patilios ist die nächste Ansiedlung jenseits des Zaunes der Gemeinschaft. Offiziell verhält sich die Führung des Planeten neutral. Aber man ist sich sicher, dass sich in seinem Umfeld Kräfte formieren, die ein Interesse daran haben, dass sich die machtvolle Allianz von Völkern, die Tim hier vertritt, nicht noch mehr breitmacht.
Wirtschaftlich steht Patilios ausgesprochen gut da. Viele Waren passieren die Domänengrenze zwischen der Gemeinschaft und den anderen Gebieten. Und diese Waren werden von Händlern bewegt, die in zwei Gruppen aufgeteilt sind: die, denen die Gemeinschaft nicht traut und die, denen der Rest nicht traut. Als Konsequenz daraus werden all die Produkte hier umgeschlagen, vom misstrauten zum vertrauten Mittelsmann und Patilios hält bei jeder Transaktion die Hand auf und kassiert Steuern. An einem noch nicht absehbaren Punkt in der Zukunft wird man sich darauf besinnen, die Handelshemmnisse abzubauen. Doch bis dahin ist Patilios bereits ein reicher Planet.
Das ist der Gang der Dinge, wenn weiterhin alles so läuft wie bisher. Die Situation ändert sich vollkommen, sobald irgendein Konflikt aufbrandet und die Domänengrenze in Brand steckt. Doch Tim ist hier, damit das nicht passiert. Vielleicht hat es Wolny ins Konzept gepasst, dass sein Kadett kein goldenes Abschlusszeugnis geschafft hat. Dadurch konnte er ihn ohne Aufsehen genau hierher schicken. Tim gefällt der Gedanke – es ist eine Verschwörungstheorie mit Zuckerguss. Er ist auf einer Mission, gemeinsam mit Meister Yoda – na ja, einer zahmen Version davon.
Der Alte spricht nicht allzu viel, und wenn, dann von früher. Wie der Posten aufgebaut wurde, dass er selbst mit dabei war, dass es vorher einen Vertrag mit dem nächsten Nachbarn Patilios gab. Der Kontrakt erlaubt jeder Seite, Verteidigungslinien zu ziehen. Überwachen: ja; das eigene Terrain schützen: ebenso, angriffstaugliche Schiffe im Orbit der Gegenseite kreuzen lassen: nein. Auf dem Boden dieser Regeln und der wehrhaften, defensiven Sicherheit möge die zarte Pflanze des Vertrauens gedeihen.
Doch selbst Barton mit all seinen Dienstjahren auf dem Buckel ist sich nicht sicher, ob da etwas gedeiht. Die Diplomatie sei eine Blume, die im Verborgenen blühe. Über die Medien werden Nettigkeiten ausgetauscht, guter Willen demonstriert, die Gemeinsamkeiten betont. Aber das ist nur die polierte Oberfläche. Keiner weiß, was darunter liegt.
Gleich im Anschluss an solch eine kurze Beschäftigung mit der Gegenwart und der Zukunft erzählt er wieder Geschichten von früher. Dass es Besucher gab, gebetene und ungebetene. Dass er sie empfangen oder in die Schranken gewiesen hat. Als er davon spricht, blitzen für einen Moment seine Augen auf.
Wenn Tim sich erkundigt, was heutzutage hier so los ist, dann kehrt Bartons Miene wieder in die Ausdruckslosigkeit zurück. Der Alte zuckt nur mit den Schultern: „Alles sicher hier.“ Er mustert sein jugendliches Gegenüber und fragt: „Du willst was erleben, Bürschchen, stimmt’s?“ Sie duzen sich seit zwei Wochen.
Ja, Tim hätte nichts dagegen. Denn: Was passiert, wenn er später auf seine Kumpane von der Akademie trifft und keine Geschichten zu erzählen hat? „Das Abenteuer ist der Feind der Sicherheit“, doziert der Alte. „Das war schon immer so und so halten wir es gerne weiter.“
Tim nickt resigniert.
Dann kommt wieder eine Nachricht herein und Barton springt auf. Die Beflissenheit ist seine Triebfeder. Hat er Angst, durch Unachtsamkeiten negativ in Erscheinung zu treten und in Ungnade zu fallen? Dabei ist er schon nahe an der Pensionierung und könnte sich Gelassenheit erlauben. Doch Barton will nichts von Müßiggang wissen. Zeichen von Rost sind für ihn Schandflecken. Trotz seines Alters zeigt er an, dass er bereit ist und dass er es drauf hat.
Schlägt Tim den öffentlichen Teil von Bartons Profil auf, so findet er eine überschaubare Anzahl von Belobigungen. Es wirkt so, als habe man ihm ein paar Brotkrumen hingeworfen. Nach einer der Ehrungen hat man ihn sogar für ein Magazin der Truppe interviewt. Das verbreitet gute Laune – seht, da sind ganz einfache Kameraden, eher durchschnittlich zwar, aber mit etwas Fleiß schaffen sie es, sich über das Mittelmaß zu erheben und sichtbar zu werden. Wenn Henry Barton das schafft, dann auch ihr!
Ein Satz daraus sticht für Tim als Leser hervor: Auf die Frage nach seinen Zielen antwortete Henry: „Einmal ein Held sein. Das ist der Motor, der mich vorantreibt.“
Diesen Ausspruch tätigte der heutige Oberleutnant zeitig in seiner Laufbahn, nach dem Motto „seht her, hier stehe ich, ruft mich und ich bin da“. Tatsächlich bemerkten Entscheider sein Verlangen gepaart mit Ordnungsbewusstsein. Sie betrauten ihn mit unterschiedlichen Aufgaben. Über Zwischenstationen kam er nach Varandin, um hier zu herrschen und sich zu beweisen. Mit anderen Worten: Um ein Held zu sein, wenn es die Situation verlangte. Doch dann ist dieser Recke auf der Stufe des Verwalters und auf dem Dienstgrad des Oberleutnants hängengeblieben – ja, er ist schon Offizier, sonst dürfte er hier nicht das Zepter schwingen. Aber trotzdem klebt immer noch das zweitniedrigste Offiziers-Rangabzeichen an seiner Uniform. Erfüllte Träume sehen anders aus.
Ja, nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung. Barton weiß das und Tim erst recht. Und er wird daran erinnert, als ihn Henry in einem Anflug von Leutseligkeit fragt, ob er Familie hat. Die harmlose Frage bringt die bittersten von Tims Erinnerungen hervor. Da kann selbst der finale Misserfolg an der Akademie nicht mithalten: Seine Mutter ist vor Jahren gestorben, als Tim noch zur Schule ging. Die Gemeinschaft hatte viele Feinde besiegt, doch an ihrer Krankheit biss sie sich die Zähne aus. Sogar hochdekorierte Mediziner scheiterten. Sie fuhren ein breit gestaffeltes Programm an Untersuchungen und Behandlungen auf. Wenn sich die Mutter mal wieder ins Krankenhaus verabschiedete, lächelte sie Tim zu, um ihn mit ihrem Mut anzustecken. Zurück kam sie zwar mit etwas Linderung im Gepäck, aber leider keiner durchgreifenden Besserung. Sie konnten den fatalen Kreis nicht durchbrechen: Kurze Phasen der vorsichtigen Hoffnung wurden jäh von der seelenzerreißenden Enttäuschung abgelöst, dass die ersehnte Heilung ausbleibt. Und man stieg in eine neue Behandlungsrunde ein. Das Lächeln wurde blasser.
Und irgendwann gelangten sie an das Ende der Straße. Tim musste seine Mutter gehen lassen. Der Schicksalsschlag, die finale Gewissheit traf ihn trotz aller Vorbereitung auf das Unvermeidliche mitten ins Gesicht. Und er änderte seine Einstellung: In den Tag hineinzuleben war zu wenig. Er musste kämpfen, vorankommen. Wenn er nur genug erreichte, dann würden ihn Schläge wie dieser nicht so leicht aus der Bahn werfen. So beschloss er, nach dem Schulabschluss an die Akademie zu gehen. Das war das richtige Umfeld für seine Entwicklung.
Doch zuvor musste er Abschied von seiner Mutter nehmen. Am Tag der Beisetzung blieb sein Herz stehen, so fühlte es sich an. Das Leben auf der Erde erstarrte, kein Windhauch erreichte seine Sinne.