Androidenjagd
Von Paul Kavaliro
Buchbeschreibung:
Tim Forsberg lebt unter all den Normalen und darf als Besonderer nicht auffallen: als Mischung aus Mensch und Maschine.
Doch eine Fehlfunktion macht es ihm schwer, das Versteckspiel weiter durchzuhalten. Da ist es auch nicht hilfreich, dass sich in den Nachrichten Vorfälle mit Androiden häufen und ein gesellschaftlicher Streit zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Existenz künstlicher Lebensformen entbrennt.
Unter den Skeptikern sind einige, die eiskalt ihre Ziele verfolgen. Sie ziehen Tim und seine wenigen Verbündeten hinein in eine perfide Jagd auf Leben und Tod - einen Wettkampf zwischen Mensch und Technik.
Über den Autor:
Paul Kavaliro schreibt Bücher für Kinder („Spuk für Anfänger“) und Erwachsene („Final Logout“, "#RettetEllen", "Die zwei Seiten des Ichs"), auch als Ratgeber („Heimwerken macht sexy“).
Androidenjagd
Die zwei Seiten des Ichs 2
Von Paul Kavaliro
1. Auflage, 2021
© 2021 Paul Kavaliro – alle Rechte vorbehalten.
Impressum am Buchende
Etwas ist kaputt. Tim Forsberg ist nicht mehr der Alte: Sein Gedächtnis lässt ihn im Stich. Und damit ist er nicht voll funktionstüchtig. Mit anderen Worten: Er hat einen Defekt.
Bei normalen Lebewesen würde man sagen: Er ist krank oder es ist das Alter. Aber Tim ist kein reines Lebewesen, kein reiner Mensch. Ein Teil von ihm ist eine Maschine. Dieser künstliche Baustein im Körper ist notwendig – als Gefäß für seine Erinnerungen aus dem früheren, echten Leben und außerdem zur Steuerung. Und diese zweite Seite seines Ichs funktioniert nicht so, wie sie soll. Die Zahl seiner Jahre kann nicht der Grund dafür sein, denn er ist jung. Das Greisenalter mit der typischen Vergesslichkeit liegt in weiter Ferne. Und sein künstlicher Anteil kann sich nicht mit landläufigen Krankheiten infizieren.
Woran hat Tim bemerkt, dass etwas nicht stimmt? Solange er nur Routineaufgaben erledigt, läuft alles reibungslos. Wenn er jedoch über den Tellerrand schauen muss und nicht alltägliches Wissen benötigt, dann fangen die Probleme an: Sobald sein biologisches Gehirn Datennachschub aus dem Speicher seines Androiden-Systems braucht, so registriert er Aussetzer. Manche Daten kommen nicht an, obwohl Tim sich sicher ist, dass sie an ihrem Ursprungsort schlummern – im nicht-menschlichen Teil seines Körpers, den er nach außen unsichtbar in sich trägt. Verunsicherung und peinliche Situationen sind die Folge: Er versucht ein Gerät zu bedienen, eines das er in seiner militärischen Ausbildung studiert hat, und kriegt es nicht auf Anhieb hin. Oder er probiert es gar nicht erst und liest zunächst nach, bevor er sich an das Bedienfeld wagt. Seine Kameraden bei der Truppe schauen irritiert, sagen aber nichts. Doch Tim kann förmlich ihre Gedanken hören und wie sie sich wundern.
Er sollte besser einen Arzt aufsuchen. Das ist leichter gesagt als getan, denn die Leute, die davon wissen, dass er besonders gebaut ist, die kann man an einer Hand abzählen. Major Wolny, der Kommandant der Militärakademie gehört dazu. Er hat gemeinsam mit Tims Vater Niklas Forsberg das aus ihm gemacht, was er heute ist: Sie haben den Geist, das Wissen und die Erinnerungen eines unrettbar erkrankten jungen Mannes in einen neuen, geklonten Körper mit kybernetischen Zusätzen verpflanzen lassen. Und dieses Gesamtkunstwerk ist zu einem Fähnrich gediehen, der auf dem Sprung zu einer Beförderung steht, nachdem er Besonderes für die Gesellschaft geleistet hat. Er bewahrte den Frieden – zwischen den in der sogenannten „Gemeinschaft“ zusammengeschlossenen Planeten auf der einen und ihren Anrainern Patilios und Bagra auf der anderen Seite. Das friedliche Nebeneinanderleben stand am Abgrund dunkler Machenschaften und drohte abzustürzen. Das hätte die Region in ein Chaos gerissen. Doch Tim wendete das Inferno ab. Er hat damit Unzähligen geholfen. Aber wer hilft jetzt ihm?
Da gibt es zum Beispiel den arg beschäftigten Doktor Xo auf Bagra, der Tims besonderen Aufbau zufällig bei einer Untersuchung entdeckte. Der Arzt öffnete ihm damals die Augen, denn bis dahin hatte der Fähnrich selbst keine Ahnung davon, wie „speziell“ er ist. Er war nicht eingeweiht.
Doch Xo ist weit weg. Die Reise dauert zu lang, als dass Tim sie unauffällig an einem Wochenende unterbringen kann, neben dem normalen Dienst in der Woche.
Bei seiner Schwester Cynthia braucht er ebenfalls nicht anzuklopfen. Es ist nicht so lange her, da hat Dr. Xo sie geheilt entlassen, ohne dass sie zu einem halben Roboter gemacht werden musste – so wie Tim. Sie litt an der gleichen Krankheit wie schon ihre Mutter Miriam und wie Tim. Jetzt ist sie glücklich zurück bei ihrer Familie und ihr seelisches Gleichgewicht pendelt sich langsam wieder ein. Da stören brüderliche Speicherprobleme nur.
Immerhin: Tim kann sich selber einer Untersuchung unterziehen. Er verfügt zu diesem Zweck über einen medizinischen Scanner, damit er nicht so oft zu einem Arzt zur Kontrolle gehen muss. Solche Besuche wirbeln nur Staub auf und er hat sich deswegen sowie aus Bequemlichkeit noch nicht die Mühe gemacht, einen Mediziner seines Vertrauens hier im Umkreis zu suchen. Stattdessen schwört er auf das Gerät – er ist schließlich selber eines, zum Teil zumindest.
Aus Dankbarkeit für den beigemessenen Stellenwert bescheinigt das automatisierte Taschen-Hospital Tim wahrheitsgemäß, dass sein Organismus tipptopp arbeitet, sein Androiden-System jedoch eine Macke hat. Der ausgegebene Fehlercode zeigt in Richtung Speichertransfer und belegt dadurch Tims Beobachtung. Aber er vermag sein Problem deswegen noch lange nicht exakt zu benennen, geschweige denn zu reparieren. Muss Hardware getauscht werden oder reicht ein Update seiner Software? Das einzugrenzen liegt jenseits seiner technischen Möglichkeiten.
Wenigstens will er vorbereitet sein auf eine Reparatur, so wie sich ein Patient über seine Krankheit informiert und nicht nur den Ärzten das Feld überlässt. Tim hat versucht, sich schlauzumachen. Aber genau hier behindert ihn sein Defekt: Früher vermochte er Informationen in einem Detailgrad abzuspeichern, den sich kein vernünftiger Mensch merken kann. Ja, und dann die Daten zum Nachdenken in sein Gehirn zurückzuholen, Muster zu erkennen, Zusammenhänge abzuleiten. Dieser Vorteil ist jetzt futsch. Tim steckt in einem Teufelskreis fest. Die Sorgen belasten seine Seele und sein System, das dadurch gefühlt noch weniger leistet. Und mit der sinkenden Leistung wachsen die Sorgen, und der Reigen beginnt von vorn. Er kommt sich so gar nicht mehr besonders vor, sondern vielmehr verwundbar.
Und das alles passiert unbedingt in dieser ereignisreichen Zeit! Sie nahm an einem normalen Tag mit normalem Dienst und einer normalen Mittagspause ihren Anfang. Tim hatte eine zweistündige Lehreinheit an der Akademie als Ausbilder übernommen. Es erfüllte ihn mit Stolz, wie jedes Mal, wenn ihm der Kommandant der Schule, Major Wolny, eine solche Gelegenheit zuschanzte. Er hielt den Rekruten einen Vortrag über die Geheimdienststrukturen der Nachbarn der Gemeinschaft. Damit kennt er sich aus erster Hand aus, denn er hat mit diesen Organisationen selbst zusammengearbeitet.
Nach getaner Arbeit saß er gegen Mittag im Essens-Saal zusammen mit all den Auszubildenden an den Tischen neben sich, die in militärisch straffer Eile ihre Nahrung in sich hineinschaufelten. Die nächste Ausbildungsstunde wartete schon auf sie.
Er hingegen genoss das Privileg, sich Zeit zu nehmen, denn er hatte im Gegensatz zu ihnen bereits Spuren in der Historie der Gemeinschaft hinterlassen, wohingegen sie sich noch beweisen mussten. Außerdem hatte er keinen eiligen Anschlusstermin vor sich. Als Ausdruck seines Luxus‘ zog er seinen Kommunikator hervor, ein zierliches Gerät für die Handfläche, der ihm die neuesten Nachrichten anpries: Ein medizinisches Behandlungsabkommen mit Bagra wurde abgeschlossen – wie nett, sein Kontakt Dr. Xo hat bestimmt eine Aktie am Zustandekommen. Und der Patientenstrom zu ihm hin wird breiter. Was noch? Nahe dem Planeten Rembos trieb ein großes Frachtschiff antriebslos im All und musste abgeschleppt werden. Langweilig. Weiter zur nächsten Schlagzeile: Auf der Erde gab es bei einem Verkehrsunfall 3 Tote. Solche Unglücke waren selten, denn die Technik der Fahrsicherheit war ausgereift, egal ob das Vehikel automatisiert oder mit Piloten oder Fahrer unterwegs war. Schade um die 3 Schicksale, aber Unfälle passierten nun mal und damit ging es weiter zum nächsten Eintrag. Moment! Ein Update blinkte auf dem Display auf: Zum Verkehrsunfall wurde eine neue Entdeckung nachgereicht. Erhöhte sich etwa die Zahl der Beteiligten? Nein. Gut! Tim wollte schon weiterblättern, las aber dann doch die Aktualisierung zu Ende: Sie rankte sich um die Identität eines der Opfer. Während die anderen beiden Menschen waren, handelte es sich beim dritten Verunfallten um eine hybride Lebensform, einen Cyborg – eine Mischung aus Mensch und Maschine! So wie Tim.
Forsberg erschrak, wie immer, sobald irgendetwas schiefging, was mit Androiden – selbst wenn sie wie hier die Opfer waren – oder auch nur ansatzweise mit Automatisierung zu tun hatte. In diesem Fall schob man die Schuld dem Vehikel zu, das den Unfall ausgelöst hat. Stets spürte er eine Mitschuld, so wie man betroffen ist, sobald jemand aus der Familie negativ aus der Reihe tanzt.
So war es auch vor einigen Monaten bei der Meldung, dass ein automatisches Waffensystem nach einem Update eine Fehlfunktion aufwies, die man während der Testphase nicht entdeckt hatte. Ergebnis: ein Schwerverletzter. Das fiel unter die Kategorie „Friendly Fire“, denn es kam von der gleichen Seite und nicht etwa vom Gegner. Aber der Schütze war niemandes Freund. Er war eine Maschine, dazu noch ein fehlerhaft programmiertes Exemplar. Das macht schwermütig, selbst wenn man nicht unmittelbar beteiligt oder gar betroffen ist.
Tim erlebte in diesen Tagen nicht gerade die Sternstunde der Automatisierung und Robotik.
Auch wenn es drei Mal weit hergeholt war: Sicher gab es Leute, die ihm solche Fehler persönlich ankreideten, sofern sie wüssten, dass in seinem Inneren ebenfalls automatisierte Mechanismen ineinandergriffen und dass er nicht nur Zellen, sondern auch Transistoren besaß. War er selber korrekt programmiert oder spielte ihm sein Androidensystem eines Tages einen fatalen Befehl zu und er verletzte oder tötete jemanden?
Jede Meldung, jedes Ereignis dieser Art löste eine ganze Kaskade von Erinnerungen an ähnliche Vorfälle aus. Diese Rückblicke waren selbst mit Tims lädiertem Speichersystem noch möglich. Und auf dem Fuße folgte die Befürchtung, dass noch mehr von der Sorte passiert.
Der Kommunikator entglitt seiner Hand, weil seine Haut einen sofortigen Ausstoß von Schweiß fabrizierte und damit dem zur Schau gestellten Luxus – genährt aus der Entspannung – ein jähes Ende bereitete. Krachend landete das Gerät auf der Tischplatte. Die Rekruten an den Nebentischen hoben für einen knappen verwunderten Moment die Köpfe, um anschließend stumpf weiterzuschaufeln.
Betont unauffällig griff Tim den Kommunikator. Der Vorfall mit dem Hybriden fand nicht gerade vor seiner Haustür statt und trotzdem machte es ihn betroffen, so als hätte das unheilvolle Fahrzeug auch ihn gestreift. Er war nicht mehr einzigartig, es gab mindestens einen weiteren Hybriden, den man auf das öffentliche Leben losgelassen hatte. Und ein Unfall setzte diesem Experiment ein jähes Ende.
Tim hingegen befand sich mittendrin in seinem eigenen Experiment. Und das sollte bitteschön weitergehen. Eilig verbarg er für einen Moment seinen Kommunikator, so als wollte er das Aufsehen, das er erregt hatte, rückgängig machen. Verstohlen ließ er seinen Blick über die Umgebung schweifen. Hatte jemand Verdacht geschöpft? Was machte der Militärpolizist da drüben, der gerade sein Essenstablett abgab? Würde er gleich darauf geradewegs auf Tim zusteuern, um ihn festzunehmen?
Doch der Polizist verließ den Saal, scherzte auf dem Weg nach draußen mit einem Kameraden. Tim gab sich eine innere Ohrfeige dafür, dass er sich auf geradem Weg dahin befand, die Kontrolle zu verlieren.
Er widmete sich wieder dem Kommunikator. Vergessen war der Rest der Nachrichtenliste. Der Unfall hatte Platz 1 in Tims Aufmerksamkeit errungen. Er schaltete auf einen Nachrichtenkanal, der anstelle knapper Textzusammenfassungen Bildmaterial bot. Und so sah er die Szenerie des Zusammenstoßes. Heftig musste der gewesen sein: Die ineinander verkeilten Wracks legten Zeugnis davon ab. Um die Verletzten herum wimmelte eine Schar von Helfern. Von den Toten waren nur eilig mit Tuch abgedeckte Silhouetten zu sehen.
Die Bilder erinnerten Tim an seine eigene Sterblichkeit. Er war ihr einmal entronnen, als er nach der Krankheit in seinen neuen Körper schlüpfte. Doch er würde ihr nicht ewig davonlaufen können.
„Kann das weg?“, fragte eine betriebsame Stimme neben ihm. Er hatte den Schatten, der zu ihr gehörte, nicht kommen sehen. Erschrocken hätte er beinahe seinen Kommunikator ein zweites Mal fallen lassen. Aber er fing ihn sowie seine eigene Fassung gerade noch so auf. Die Küchenhilfskraft zeigte auf Tims Geschirr. Ihr standen die Reinheit der Kantine und der Zeitplan im Sinn. Wichtigtuerisch in Nachrichtenmeldungen schwelgende Fähnriche gehörten zu ihren Gegnern. Entsprechend burschikos fiel ihre Anrede aus. Tim blieb nur, reflexartig zu nicken.
Er war hier nicht mehr willkommen. Eilig packte er seinen Kram und ging zum Ausgang. Seine Augen klebten an dem Kommunikator. Der zeigte, wie man Verletzte abtransportierte und sie vor den Blicken der Berichterstatter abschirmte. Ein Schwarm Reporter wurde von den Ablageorten der Toten verscheucht. Das klappte nur zum Teil und so fing die Kamera ein, dass ein Auto neben einem der Opfer hielt. Eine Gruppe von Leuten stieg aus. Sie lüfteten die Abdeckung über einem der Leichname. Die Ankömmlinge sahen sich in die Augen. Sie hatten den oder die Tote identifiziert. Was für eine grausame Pflicht!
Tim hatte genug, wollte den Kommunikator zur Seite legen. Da blieb sein Blick an einem der Gesichter der Abordnung hängen. Es war ihm vertraut: Jackie Barton, die er von früher kannte, sogar sehr gut. Sie hatten zusammen den Großvater der jungen Dame gerettet, als Tim gemeinsam mit ihm auf einem Wachposten diente – auf der planetaren Einöde Varandin.
Leider nur trachtete sie nicht danach, den hoffnungsvollen Fähnrich so nah kennenzulernen, wie es nach seinem Geschmack gewesen wäre. Schade drum, echt.
Zurück zur Unfallszene: Weshalb tauchte sie dort auf? Wie war das gleich: Wollte sie nicht an die Uni gehen, um zu studieren und an hybriden Lebensformen zu forschen? Die Vorfälle um ihren Großvater hatten sie zu dem Thema inspiriert und das war das Letzte, was Tim von ihr gehört hatte. Hatte sie inzwischen ihre Vision einer Forschungslaufbahn wahrgemacht? Und war das beklagenswerte Opfer auf dem Bildschirm am Ende ihr Schützling?
Tim war mittlerweile dem Essens-schweren Dunst der Kantine entronnen und im Freien angekommen. Er saugte gierig die frische Luft in sich ein, so als ob sie ihm die verlorene Energie aus dem Schrecken wegen der schlechten Neuigkeiten wiedergeben konnte. Hier draußen konnte er leicht das Opfer des Standesdünkels von Offizieren werden, wenn er an einem vorbeiging, ohne ihn militärisch zu grüßen. Also steckte er seinen Kommunikator weg. Das Bild von Jackie, die ihm vorhin wie aus dem Nichts erschienen war, blieb in seinem Kopf.
Später verfolgte er, wann immer er Zeit hatte, die Nachrichten zum Unfall. Doch die Quellen vertrockneten bald und es wurden keine Neuigkeiten zum Vorfall mehr nachgeschoben. Noch nicht mal zur genauen Ursache des Unglücks.
Die Fragen, die das Thema aufwarf, standen jedoch in der gesellschaftlichen Diskussion in voller Blüte. Wie konnte eine Mischung aus Lebewesen und Maschine unerkannt in das öffentliche Leben eingeschleust werden? Keiner scherte sich um autonom fahrende Autos, um Telefon-Bots, die einem ohne Zutun einer lebenden Menschenseele einen Versicherungsvertrag andrehten. Man wusste, dass es sie gab, und man hatte sich damit abgefunden. Dass allerdings halbe Androiden mit dir und mir gemeinsam unerkannt durch den Tag gehen, das sprengte die Grenzen des Wohlwollens der besorgten Mehrheit. Und das war nicht nur auf der Erde so, das sahen die Medien der gesamten Gemeinschaft ähnlich: Werden wir als Gesellschaft bereits unterwandert und bemerken es nicht? Verlieren wir die Kontrolle?
Es folgten die üblichen Geschichten: Reportagen von Leuten, die schon immer gemutmaßt hatten, dass ihre Nachbarn Roboter waren, und die Interviews gaben, in denen sie fernab aller Beweise mit Verdächtigungen um sich warfen. In Tim nährte das die Hoffnung, dass sich das Thema im Netz der Lächerlichkeit verfangen und sich totlaufen würde. Danach schlief er wieder besser für ein paar Tage.
Aber dann betrat jemand die Bühne und zerschnitt die Netze: Es war ausgerechnet Jackies Großvater, Oberleutnant Henry Barton. Tim verfolgte sein Interview. Die Zeit hatte ihn seit ihren gemeinsamen Tagen auf Varandin, am Ende der Welt, weiter gebeugt und damit noch näher an die Gestalt von Meister Yoda gerückt, mit dem ihn Tim immer verglichen hatte.
Verbittert schilderte der Offizier seinen Leidensweg: Dass er von einer unfreundlichen Macht geklont und ausgetauscht worden war – gegen genau so einen Hybriden, einen Cyborg. Dass dieser ein Meister der Irreführung gewesen ist und sein Oberleutnant-Leben an seiner Stelle ausgefüllt hat, während er selber im Koma versteckt in einer Gruft vermodert ist. Dass man ihn als Gefangenen gehalten hat, den niemand vermisst hat, weil keiner bemerkt hat, dass er aus dem Verkehr gezogen worden war. Dass er Opfer einer arglistigen Täuschung geworden ist und dass darüber hinaus die ganze Gemeinschaft hinterhältig aufs Kreuz gelegt worden war. Dass ihn nur der entschlossene Einsatz seiner Enkelin und von Kameraden gerettet hat, die über den Tellerrand hinausgeschaut haben und einem Verdacht bis zum bitteren Ende nachgegangen sind.
Tim kam dabei fast das Essen hoch. Er selbst war einer dieser Leute, die ihren Horizont jenseits des Tellerrandes suchten und genau er war – ein Hybride! Und dieses Männchen da vor der Kamera war drauf und dran, auch wenn es das nicht bezweckte, ihm den Garaus zu machen!
Henry Barton versilberte mit dem Interview den Ballast seiner Erinnerungen, die er mit sich herumschleppte. Er warf ihn vor seiner bevorstehenden Pensionierung ab, wie einen Rucksack, der einem mit der Zeit beim Tragen zu schwer wurde. Er holte zu etwas aus, wofür er seine gesamte stramme Laufbahn über nie die Chance hatte: zu einem letzten großen Schlag in Richtung Bedeutsamkeit. Man hatte ihn nie genug gewürdigt und man hatte sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein selten honoriert. Er schwang sich auf und plauderte Geheimnisse aus, jetzt im Abendrot seines Lebensweges, da er keine unehrenhafte Entlassung oder Degradierung mehr zu befürchten hatte. Seinen Vorgesetzten gegenüber war er zu nichts verpflichtet.
Tim konnte es ihm nicht verdenken und er hätte das nur gerecht gefunden, wenn ihn die Offenbarungen des Oberleutnants nicht selber drohten in den Strudel der öffentlichen Diskussion hineinzureißen. Zum Glück sorgte die militärische Filterung dafür, dass in gewohnter Manier eine Informationsbrandmauer gezogen wurde und keine Namen auftauchten, wenn man schon nicht imstande war, das ganze Interview abzuwürgen. Zensur ist ein garstiges Wort. Egal, so blieb Tim im Schutz der nachrichtentechnischen Dunkelheit und niemand hat nachgegraben.
Doch ein Schaden ließ sich nicht vollends vermeiden. Was die offizielle Berichterstattung damals nach Bartons Entführung mühsam unter der Decke der Verschwiegenheit der Beteiligten hielt, das brach jetzt ans Tageslicht. Die Sprengkraft der Thematik entlud sich und türmte eine urgewaltige Welle auf. Laut hallte der Schrei der Entrüstung durch die Kanäle: Die Existenz der Hybriden – der Mischung aus Lebewesen und Androiden – wurde aus der Verborgenheit in den Fokus der Öffentlichkeit gezerrt.
Tim fürchtete, dass in naher Zukunft und getragen von einer Massenhysterie Schnelltests den Alltag erobern würden, ob jemand „echt“ oder nur „halb echt“ oder ob er vollkommen synthetisch war.
Er steckte mitten in einer epischen Pechsträhne: erst die Unfälle, dann das Medienecho, schließlich auch noch seine Fehlfunktion. Nutzte ihn das Leben ab?
Egal, er musste auf der Hut sein, musste vorsichtig und wach in den Tag einsteigen. Er durfte keine Fehler begehen. Jeder davon konnte sein letzter sein. Die Bilder in seinem Kopf verdichteten sich zu Albträumen von einem Mob außer Rand und Band, der ihn mit Fahrzeugen vor sich her durch die Straßen trieb.
Der Kommunikator war sonst sein wichtigster Begleiter. Doch sein medizinischer Scanner lief ihm in diesen Tagen den Rang ab. Dieses unscheinbare Gerät fiel nicht auf. Andere Militärangehörige mit Krankheiten trugen es ebenfalls bei sich. Tim beobachtete damit seinen Zustand. Denn was würde passieren, wenn sich seine moderaten Fehlfunktionen plötzlich weiter verschlechterten? Wenn er sie nicht mehr kontrollieren konnte? Wenn sie seine wahre Identität dem Meer der Unbedarften offenbarten, in das er jeden Morgen eintauchte und in dem er bis zum Abend hin zu seinen täglichen Zielen schwamm?
Der Scanner sicherte ihn dagegen ab. Er wurde sein bester Freund. Doch schließlich machte Tim selbst ihn durch einen Fehler zu seinem größten Verräter. Es passierte in der Militärakademie. Sport stand auf dem Programm und auch die gelegentlichen Ausbilder – so wie Tim – waren zum Mitmachen angehalten. Er war gut drauf und bereit, denn sein kleiner Defekt hielt ihn nicht von Bewegung ab. Mit seinem organischen Anteil war alles in Ordnung und den extra Speicher brauchte er heute gewiss nicht. Also ließ er die Zügel locker: endlich etwas tun, bei dem nicht die ständige Gefahr der Entdeckung von der Tagesordnung grüßte.
Sie spielten Fußball und es machte Spaß. Hinterher waren alle geschafft und die Gewinnermannschaft glücklich. Tim genoss die Dusche nach dem schweißtreibenden Spiel. Er nahm sich Zeit, denn bis zum nächsten Termin war es noch ein Stück hin. Die anderen hatten sich eilig ihre Uniform übergeworfen und waren schon weitergezogen.
Tim ging gemütlichen Schrittes zurück in den Umkleideraum, der sich verwaist vor ihm ausbreitete. „Sicher ist sicher“, dachte er sich und tastete in seiner Uniformjacke nach dem Scanner. Wenn er schon ungestört war, konnte er auch gleich schauen, ob die Erschütterungen durch den Sport nicht irgendwas mit dem Zustand seines Androiden-Systems angestellt hatten – hin zum Guten oder zum Schlechten. Er schaltete das Gerät ein und fuhr damit über seinen Körper, bis genug Werte gesammelt waren.
Das Display vermeldete das Ergebnis und zeigte: keinen Unterschied. Der Gesundheitsstatus seines Organismus verharrte bei 100%. Das waren erfreuliche Nachrichten. Sein Androiden-System wurde nach wie vor mit 87% taxiert. Natürlich war das Gerät „smart“ und hatte sich gemerkt, dass Tim schon x-mal zuvor gemessen hatte. Also hielt es eine Erinnerung für seinen Herrn und Meister für angebracht: „Suchen Sie einen Service-Punkt auf!“
Ha, die musste man erst noch erfinden! Tim schwenkte den Scanner spielerisch in seiner Hand. Da näherte sich unvermittelt ein Poltern vom Gang und im nächsten Moment stand einer der Sportskameraden von gerade eben vor ihm: Unteroffizier Subo Ronin, einer der permanenten Ausbilder hier. Obwohl er nicht von der Erde stammte, hatte er deren Fußballkultur umarmt und war vorhin im Spiel ein Aktivposten gewesen. Nach dem Wettkampf war alles ausgewertet worden – die Szenen, was gut gelaufen war und welche Chancen man in Zukunft besser nicht mehr vergeigen sollte. Darunter hat die Konzentration beim anschließenden Umziehen gelitten.
„Hab was vergessen“, erklärte Subo und tastete unter einer der Bänke, um sein heruntergefallenes Trikot hervorzuziehen.
Tim war so erschrocken, weil das Poltern und Subos Ansage und der Griff nach dem zurückgelassenen Kleidungsstück quasi parallel abliefen, dass ihm der Scanner entglitt. Krachend schlug er auf dem Fliesenboden auf. Es war diese Art ungesundes Geräusch, wenn ein edles Gerät, das nicht zum Fallen bestimmt war, auf einen harten Untergrund traf.
Natürlich purzelte es weg von Tim, hin zu Subo. Der war auf Draht, griff – einmal in der Hocke – nach dem unfreiwilligen Wurfgeschoss und hielt es Tim hin. Ronin, der Meister der Gleichzeitigkeit, musterte es grob, während er es dem Fähnrich hinhielt. „Ist das dein neuer Rasierapparat?“, flachste der Unteroffizier.
Forsberg griff hastig zu, etwas zu fest.
„Oh, an dem muss dir ja einiges liegen.“
„Tut es!“, beeilte sich Tim zu versichern. „Danke“, setzte er hinterher, denn Unfreundlichkeit macht verdächtig.
Ronin nickte kurz und weg war er.
Tim schaute auf das Display des Gerätes. Es zeigte weiterhin das Ergebnis der Untersuchung und die Service-Aufforderung. „Mist!“, stieß er hervor, schaltete den Scanner eilig aus und verstaute ihn in seiner Jacke, wo er sicher vor dem Herausfallen und vor neugierigen Blicken schlummern konnte. Hätte er doch bloß nicht diesen blöden Scan gemacht! Typischer Fall von „zu viel gewollt“.
Dieser Vorfall fand gestern statt und er hat alles geändert. Dort, wo in Tims Seele bisher seine Angst vor einer möglichen Entdeckung gehaust hat, wuchert jetzt ein handfester Verfolgungswahn. Die Welt steckt voller Augen. Und alle davon sind auf ihn gerichtet. Werden sie sein Besonderssein erkennen, werden sie ihn wegen seiner Schwäche entlarven? Ruhig schlafen ist unmöglich und auch nur unauffällig über den Appellplatz der Akademie zu gehen ist eine Herausforderung mit eingebautem Angstschweißausbruch.
Wie steht Tim da? Unvollkommen, verletzlich und überaus nervös. Ein kaputtes technisches Gerät kann man einfach abschalten und in die Ecke stellen. Vielleicht kann man es reparieren. Vielleicht muss es sogar entsorgt werden.
Doch Tim ist zum großen Teil ein Mensch. Er kann sich nicht einfach herunterfahren, etwas ändern, danach neu starten und hoffen, dass wunderbare Dinge passieren. So leicht kommt er aus der Sache nicht raus. Er muss weiter marschieren, hin auf eine Lösung zu. Doch der Vorfall mit Ronin gestern hat seine Sicherheit gedämpft, dass er das ohne entdeckt zu werden hinbekommt.
Sein Selbstvertrauen ist nur noch eine verschwommene Erinnerung. Kann er weiter in diesem Zustand verharren und abwarten? Das nährt nur das Problem und lässt die Zahl der potenziellen Beobachter wachsen. Die Paranoia im Bunde mit der Beklemmung brütet eine Entscheidung aus: Er wird nicht warten; er wird sich Hilfe holen, jetzt!
Die Bande zwischen Major Wolny und Tim reichen tief. Sie schlingen sich von Schicksalsschlägen über gemeinsame Abenteuer wie das Patilios/Bagra-Komplott bis hin zu geteilten Geheimnissen. Dazu zählen auch die zwei Seiten von Tims Ich.
„Soso, Sie fühlen sich beobachtet“, resümiert der Major, nachdem Tim ihm vom allgegenwärtigen Fokus auf heimliche Hybriden erzählt hat. „Nun ja, man hört ja in den Nachrichten davon, so nebenher.“
„Es ist erdrückend“, legt Tim noch eine Schippe drauf, weil der Ernst seiner Lage nicht anzukommen scheint. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, gegenüber einem Vorgesetzten Schwäche zur Schau zu stellen. Doch wenigstens sollte das die irritierende Unbekümmertheit des Offiziers auf den Boden der Tatsachen holen. Sicher hat dieser Raum bereits hunderte Dramen erlebt. Wolny ist ein vielbeschäftigter Mann. Es war schwer, überhaupt diesen Termin zu bekommen. Da muss Tim schon ein paar Geschütze auffahren.
„Na von mir aus, dann sehen Sie sich eben von Problemen und Beobachtern umzingelt“, gibt Wolny nach. „Aber so kenne ich Sie nicht.“
„Ich versuche meist, selber eine Lösung zu finden. Doch diesmal ist das schwer. Denn, tja, da ist noch was“, leitet Tim wie aufs Stichwort über und erzählt von dem, was dem Major bislang ebenfalls unbekannt war: der technische Defekt. „Kann Doktor Johnson da etwas machen?“, garniert er seinen Bericht immerhin mit einem Lösungsvorschlag. Diesen Arzt hatte er bei der Aufklärung der Austausch-Affäre um Henry Barton kennengelernt. Johnson hat sich seitdem mit dem Thema hybrider Organismen auseinandergesetzt und könnte hilfreich sein. Allerdings kann Tim da nicht einfach so hin marschieren, als hätte er einen Husten. Da holt er sich schon lieber Rückendeckung von oben.
Der Major legt den Kopf auf die Seite und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Eine Antwort bleibt aus.
Tim tritt von einem Bein aufs andere.
Wolny wendet seinen Blick zurück auf seinen Gast und fokussiert ihn scharf. „Was ist denn los mit Ihnen? Gibt es noch ein weiteres ‚noch was‘?“
„Ja.“ Tim breitet den Vorfall mit Subo Ronin und dem „Rasierapparat“ vor ihm aus.
„Forsberg, Sie lassen nach!“
Tim steckt den Tadel ein, ohne eine Miene zu verziehen. Er hat genug Schwäche für heute gezeigt.
Der Major erhält eine Nachricht aus dem Vorzimmer. Der nächste Termin wartet und dieses Gespräch braucht einen Abschluss.
„Ich überlege mir was. Machen Sie sich bis dahin unsichtbar!“, befiehlt Wolny.
Tim ist aus dem Zimmer entlassen. „Wie geht es weiter, Herr Major?“, erkundigt er sich noch schnell.
„Ich benachrichtige Sie“, ruft der Kommandant durch die Tür hindurch, bevor sie sich hinter dem Fähnrich schließt.
Tim meldet sich für den Rest des Tages ab. „Krankheitssymptome“ gibt er als Grund an. Das ist nicht gelogen.
Die nächsten Stunden über bewacht er seinen Kommunikator. Er ist erleichtert, dass er sich durch seinen Bericht vom Korsett des Alleinseins mit seinem Problem befreit hat. Aber er hat hoch gepokert, hat seinen hochrangigen Gönner bemüht. Wenn dem die Hände gebunden sind, dann kann er sehen, wo er bleibt.
Erst spät am Abend schlägt sein mobiles Nachrichtenzentrum an. Wolny ist dran. Er befindet sich immer noch in seinem Büro. Forsberg hat ihn an einem arbeitsreichen Tag erwischt.
„Nun gut“, leitet der Major ein. Er klingt nicht besonders freundlich. „Ich unternehme etwas wegen Ihres Problems. Damit Sie sich nicht mehr verstecken müssen. Keine Angst, ich werde Ihren Status dabei bis auf weiteres niemandem verraten.“
Schon besser. Tim nickt in die Kamera. „Danke.“
„Es dauert aber etwas. Ich muss Gespräche führen.“
„Ok. Mit wem sprechen Sie?“, hakt Tim nach, eine Spur zu neugierig. „Falls Rückfragen zu mir kommen sollten“, schickt er als Erklärung hinterher.
„Das behalte ich für den Anfang gerne für mich“, entgegnet der Offizier. „Und nein, Rückfragen sind unwahrscheinlich.“
Tim bleibt nur zu nicken. Doch ein Detail muss er schon noch wissen: „Was wird mit Ronin?“
„Der wird versetzt.“
Tim zuckt zusammen. Das ist das Ende seiner Karriere als Saubermann, als ewig Aufrechter. Sicher hat der Unteroffizier nicht von sich aus um Versetzung gebeten. Tim hat womöglich einen Lebenslauf ruiniert.
„Um Ihren Boxenstopp, das technische Problem müssen Sie sich selber kümmern. Doktor Johnson sollten wir nicht auf die Schnelle einweihen. Inoffizielle Behandlungen von einem Militärarzt sind heikel. Sie wissen schon: Meldepflicht von Ergebnissen und so.“
„Ok“, sagt Tim, obwohl er Hoffnungen auf den Arzt gesetzt hat.
„Sie bekommen Urlaub dafür.“
Tim nickt wieder. Er hat jetzt den Freiraum, sich einen Heiler zu suchen. Und dabei möglichst niemanden aus dem Militär.
Der Fähnrich verliert keine Zeit. Er trägt Daten aus seinem Scanner zusammen. Danach verabredet er ein Videotelefonat. Die Terminabsprache dafür verläuft holprig. Erst eine direkte Nachricht an den gewünschten Gesprächspartner bringt ihn ans Ziel. Diese Person ist genauso weit weg wie ausgelastet. Doch Wolny hat wenigstens das Zeitproblem für die womöglich notwendig werdende Reise für ihn gelöst.
„Guten Tag, Doktor Xo! Wie geht es den Varandin-Pilzen?“, verbindet Tim die Begrüßung mit der Erinnerung an das, was der Arzt ihm zu verdanken hat: den Grundstoff der Behandlung, für die er berühmt ist.
„Danke. Geht gut. Was kann ich für Sie tun?“ Er kommt gleich zur Sache. Zeitknappheit ist ein intergalaktisches Phänomen.
„Ich habe ein gesundheitliches Problem und möchte Sie um Hilfe bitten.“
„Ist die Krankheit Ihrer Mutter und Ihrer Schwester bei Ihnen zurückgekommen?“, zeigt sich der Arzt besorgt. Tim kann erahnen, dass er nebenher auf dem Bildschirm eine Krankenakte überfliegt. Vermutlich ist es die von Cynthia und er frischt vorsorglich seine Erinnerung an die Behandlung auf.
„Zum Glück nicht“, versichert Tim. „Aber es gibt einen Defekt in meinem Androiden-System.“
„Oh.“
„Und es gibt wenige, die eingeweiht sind. Und Ihnen vertraue ich.“ Tim legt seine Verzweiflung in die Waagschale.
Xo rutscht auf seinem Stuhl hin und her. „Wissen Sie“, windet er sich, „das ist nicht mein Metier.“
„Aber Sie sind doch Arzt! Sie kennen meine Schwester, Sie kennen meine Vorgeschichte. Sie haben mich früher untersucht. Sie haben festgestellt, wer – oder vielmehr – was ich bin.“
„Ist denn Ihr organischer Teil beeinträchtigt?“, besinnt sich Xo auf das, was er einbringen kann.
„Noch nicht; er steht bei 100 Prozent.“
„Hm“, summt Xo, um Zeit zu gewinnen. „Bereiten Sie doch mal Ihre Scannerdaten vor und schicken Sie sie mir. Dann sehen wir weiter.“ Gleich darauf suchen seine Augen bereits den Knopf zum Beenden des Gesprächs.
Tim kommt ihm zuvor. „Ich habe sie hier.“ Seine Vorbereitung zahlt sich aus. „Ich sende Sie Ihnen in diesem Moment.“ Er betätigt eine Schaltfläche auf seinem Kommunikator. „Sie sind unterwegs.“
Xo wird kleiner vor der Kamera. Gewichte drücken auf seine Schultern. Patienten warten. Ja, er hat einen Puffer für Ferndiagnosen in seinem Tagesablauf eingebaut. Das ist ja auch Werbung für ihn – für die Anbahnung neuer Behandlungen. Doch einen halben Androiden hatte er dabei weniger im Sinn. Er müsste zu viel Zeit aufwenden, um richtig in der Materie zu stehen. Und Zeit ist knapp und sein Puffer für heute schon aufgebraucht.
Doch er will nicht undankbar sein. Dieser Forsberg war der Garant dafür, dass die anfangs illegale Gewinnung der Pilze in der Einöde Varandins inzwischen legalisiert ist und dass das Geschäft brummt.
Jetzt überfliegt er die Daten, die ihm Tim geschickt hat. „In der Tat, Sie sind organisch gesund. Aber die Defektdaten über Ihr Androidensystem – tja, die sagen mir nichts.“
„Sie sind von Medizintechnik umgeben, Sie müssen sich doch auskennen!“, hält Tim dagegen.
„Herr Forsberg, mein Fokus ist die Medizin. Sie und ihre Fortentwicklung – neue Behandlungswege, neue Medikamente – muss ich verfolgen.“ Er formt verzweifelte Gesten mit seinen Händen. „In die Technik steige ich ein, so weit wie ich muss, um zum Beispiel etwas richtig zu bedienen. Aber nicht weiter! Das elektronische Innenleben von Geräten liegt jenseits meines Horizonts. Dafür habe ich Spezialisten.“
„Können die nicht ...?“
„Herr Forsberg“, schneidet ihn Xo ab. „Wollen Sie wirklich, dass ich meine Leute hier reinziehe? Soweit ich weiß, ist Ihr Status als Cyborg geheim. Meine speziellen Experten sind Bagraner. Ich kann nicht kontrollieren, was sie weitergeben.“
„Verstehe“, antwortet Tim matt. Er ist enttäuscht, kann aber das Argument des möglichen Weitererzählens von Informationen nicht entkräften. Und sei es, dass es ungewollt passiert, ein Mitarbeiter eine unbedachte Bemerkung fallenlässt und sie von den falschen Ohren aufgeschnappt wird.
„Sehen Sie, ich will nicht undankbar sein ... “
Tim winkt ab. „Schon gut.“ Er findet bei Xo keinen Ansatzpunkt.
„Kennen Sie nicht jemandem aus dem Militär oder aus der Forschung, die diese Technologie geboren hat? Vielleicht kann dort einer ...“ Xo spricht in Satzfragmenten – aus Hilflosigkeit und um Zeit zu sparen.
Tim zuckt mit den Schultern. Sein Androidensystem schickt abgespeicherte Bilder von Kandidaten an sein Gehirn, so gut das noch geht. Er bleibt bei einem der Gesichter hängen. „Ja, da gibt es womöglich jemanden.“
„Sehen Sie“, jubiliert Xo. „Und wenn Sie gar nicht weiterkommen, dann melden Sie sich nochmals. Alles Gute!“
Tim signalisiert, dass er die Floskel zur Kenntnis genommen hat: Er zieht kurz die Mundwinkel nach oben. „Danke trotzdem, Dr. Xo!“, sagt er mit fester Stimme. Auch er will nicht undankbar sein. Dieser Mann hat seine Schwester geheilt, obwohl er genauso gut sein Gegner hätte sein können. Bagra und die Gemeinschaft sind nach wie vor kein Liebespaar.
Sie verabschieden sich.
Tim bleibt kurz sitzen und denkt nach. Danach steht er mit einem Ruck auf und packt eine kleine Tasche. Sein Ziel ist nicht weit entfernt, aber es wird ein großer Schritt für ihn werden, dorthin zu gehen.
Das Institut liegt auf einem Forschungscampus. Studenten bevölkern die Wege, ein buntes Völkchen. Doch der farbenfrohe Fluss gerät ins Stocken, weil Wächter in unbunt schwarzen Uniformen Kontrollen durchführen, Personalien aufnehmen, Abgleiche mit Datenbanken von Auffälligen oder Gewaltbereiten vornehmen. Und wer weiß, wie viel automatische Überwachung es außerdem gibt. Auch Tim muss sich vor einem dieser Wachmänner ausweisen.
„Sie habe ich noch nicht auf meiner Liste. Was wollen Sie denn hier?“, fragt der Kontrolleur und schaut betont finster.
„Das ist vertraulich“, antwortet Tim wahrheitsgemäß, wenn auch nicht mit offiziellem Geheiß. Aber das hat den finsteren Mann nicht zu interessieren.
„In Zivil?“, absorbiert der Security-Mitarbeiter die Nicht-Antwort und schießt eine neue Frage hinterher.
„Klar. Wie gesagt: vertraulich“, pariert Tim. Dem schwarzgekleideten Wächter bleibt nur, gute Miene zum geheimen Spiel zu machen, und das fällt ihm schwer. Immerhin, dieser Herr Forsberg scheint in Ordnung zu sein. Der Datenabgleich zeigt keine Probleme.
Und Offiziere oder andere Dienstgrade tummeln sich hier jeden Tag, in Uniform oder ohne, denn sie sind bedeutende Förderer der Forschung. Viele der Professoren der Einrichtung umarmen die Chance und liegen mit dem Militär im Bett, in so einer Art Dauer-Flitterwochen, denn Ideen haben sie so einige und Geld ist nicht das größte Problem der Streitkräfte.
„Zu wem wollen Sie?“, fragt der Sicherheitsmann.
„Sagte ich doch ...“, holt Tim aus.
„Ihre Vertraulichkeit können Sie gleich stecken lassen, Herr Forsberg“, bellt der dunkle Hüter der Gerechtigkeit. „Ich muss in meine Liste einen Kontakt eintragen und wenn Sie hier rein wollen, dann nennen Sie mir den jetzt, und zwar bitteschön wahrheitsgemäß!“
Einige der Studenten, die nebenan kontrolliert werden, drehen schon die Köpfe.
In Tim breitet sich wieder dieses unangenehme Gefühl aus, unter Beobachtung zu stehen. Und von dort bis zur Aufdeckung ist es nur ein Katzensprung.
Das Bild, das er bereits am Ende der Unterhaltung mit Xo im Kopf hatte, wird aufgerufen: „Jackie Barton.“
„Na geht doch“, sagt der Wächter, macht seine Eintragung und zieht dabei seltsam die Augenbrauen hoch.
„Ist was?“, fragt Tim genervt.
„Nein, nichts ist. Frau Barton ist sonst recht autonom und bekommt kaum Besuch vom Militär. Mutig, dass Sie es bei ihr versuchen.“
Und ob Tim das wird! Schließlich braucht er dringend einen Boxenstopp.
„Jackie Barton“ steht auf der Tür, darunter „Cyborginos“.
Tim räuspert sich. Automatisch rückt er den Kragen seiner Jacke zurecht und zieht sein Hemd straff. Hat das Gehen über den elend langen Flur seinen Puls in Wallung gebracht oder ist es das Wiedersehen? Er klopft an, etwas zu laut.