Final Logout

 

 

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Ein Programmierer im Himmel

 

 

Von Paul Kavaliro

 

 

 

Buchbeschreibung:

Gibt es ein Leben nach dem Leben? Programmierer Hannes hat keine Zeit, darüber nachzudenken. Als treuer Projektsoldat schont er die Gesundheit nicht. Nur seine unerfüllte Schwärmerei für die bezaubernde Tanja lenkt ihn gelegentlich von der Arbeit ab.

Eine Herzattacke? Das ist was für Greise und nichts für Mittdreißiger! Doch er irrt sich und landet bald darauf im Jenseits.

Dort begegnet er einem alten Bekannten, mit dem ihn eine innige Abneigung verbindet. Doch ausgerechnet der bittet ihn um Hilfe, weil er gewaltsam von der Erde abberufen wurde. So gerät Hannes plötzlich mitten in die Aufklärung eines irdischen Mordes. Das bedeutet Stress wie in guten alten Zeiten. Doch öffnet sich dadurch womöglich eine Tür zurück zu Tanja?

 

Über den Autor:

Paul Kavaliro schreibt Bücher für Kinder („Spuk für Anfänger“) und Erwachsene („Die Rache des Don Wiggerl“), auch als Ratgeber („Heimwerken macht sexy“).

 

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Ein Programmierer im Himmel

 

Von Paul Kavaliro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage, 2019

© Alle Rechte vorbehalten.

Impressum am Buchende

 

 

 

 

Am Anfang war das Ende

„Schaffen wir den Abgabetermin?“

„Ja, wenn wir die Zeit anhalten.“

Eine typische Unterhaltung in der heißen Phase eines Projekts. Die Software muss fertig werden.

Die Projektpläne haben keinen Stress vorhergesagt. Trotzdem klopft er an die Tür und bringt seine Geschwister Zeitknappheit und Versagensangst mit.

Der gewöhnliche Wahnsinn tobt.

So auch in diesem Zimmer. Ein Schreibtisch dominiert den Raum, garniert mit runden Ornamenten – Abdrücke einer stetig und hastig nachgefüllten Kaffeetasse. „Hannes“ steht in großen Buchstaben darauf und ihr Eigentümer sitzt wie ein zum Sprung bereites Raubtier auf seinem Stuhl. Sein Blick ist fest auf das Opfer gerichtet – den Monitor. Auf dem reihen sich endlose Stränge von Befehlen, durch Operatoren verknüpfte Zahlen, Methoden und Klassen zu dem Programmcode aneinander, an dem Hannes schwitzt und dem noch einiges fehlt. Eine essenzielle Funktion hat Lücken, wie die Tester kürzlich festgestellt und damit mangelhafte Absprachen aufgedeckt haben.

Hannes badet es aus. Und nicht nur das, ständig grätschen ihm 5 freche Bugs rein. Diese Fehler drängeln sich zu unmöglichen Gelegenheiten in den Vordergrund und vermasseln den Gesamteindruck oder Neudeutsch die „User Experience“.

Die Tester sind noch am Werk. Sie erledigen ihren Job akribisch und das bedeutet: Sie werden weitere Bugs finden. So positiv es ist, die Probleme zu kennen, so anstrengend ist ihre Behebung. Und Zeit ist kaum mehr welche da.

Rechnet man alles zusammen, steht am Ende der Gleichung Stress, viel Stress.

Den lädt sich Hannes auf wie einen zu großzügig gepackten Rucksack. Schon seit Wochen verbringt er die meiste Zeit im Büro. Morgens in aller Frühe treibt ihn der Gedanke an die ungelösten Probleme aus dem Bett. Abends lassen ihn die unerledigten Aufgaben erst spät nach Hause aufbrechen. Dazwischen gesteht er sich selbst nur 4 Stunden Schlaf zu.

Er packt das, da ist er sich sicher. Das ist nicht die erste und nicht die letzte Belastungssituation in seinem Informatikerleben.

Für die Wochenenden nimmt er sich schon lange nichts mehr vor. Sie ertrinken im Wochenbrei, denn die Meilensteine zur Abrechnung von Zwischenzielen hat die Projektleitung meistens auf Montag gelegt – unbedarft oder fies, vermutlich letzteres. Hannes wühlt dann samstags und sonntags, um Arbeitspakete unter „erledigt“ abzuheften.

Zum Glück steht nicht jede Woche einer der gefürchteten Meilensteine an, zur allgemeinen Erleichterung. Für Hannes bedeutet das keinen Unterschied. Er arbeitet trotzdem am Wochenende in der vagen Hoffnung, dass die gleichmäßigere Arbeitsverteilung auf alle Tage der Woche ihm etwas Luft zum Atmen gibt. Er hofft vergebens.

Die Schlange der Aufgaben verkürzt sich nicht. Dauernd verleibt sie sich neue Probleme ein.

Deshalb sitzt er heute hier. Noch. Denn eigentlich wollte er schon längst woanders sein: auf der Party zum Firmenjubiläum. Hannes arbeitet für eine Firma, die sich auf Auftrags- und Beratungsprojekte im Finanzsektor spezialisiert hat. Und sein Arbeitgeber jubiliert in diesen Tagen, in denen das Projekt normalerweise schon durch sein sollte.

„Arbeitgeber“ ist keine adäquate Bezeichnung, denkt sich Hannes. „Arbeitanbieter“ passt besser, in seinem Falle sogar „Arbeitaufzwinger“. Und er, der Programmierer, ist nicht der Arbeitnehmer – ach wie toll wäre es, wenn ihm einer der Kollegen an diesem stressigen Abend die Arbeit abnehmen würde – sondern der Arbeiterbringer.

Ja, das ist er. Dabei hat der Tag heute früh so gut angefangen. Hannes hat sich auf die Party gefreut. Und er hat große Pläne dafür geschmiedet. Schon seit etlichen Monaten findet er die fesche Tanja aus der Buchhaltung ziemlich interessant, ziemlich sehr sogar, eigentlich sogar nett, oder sagen wir doch gleich: aufregend!

In seiner Schwärmerei knüpft er an alte Zeiten an: In der Schule oder im Studium pflegte er ein Leben neben der Pflicht, eines mit Freundeskreis und zarten Liebeleien. Doch die führten nicht weit. Vielleicht war er zu wenig bei der Sache?

Nach dem Studium zerstob der Freundeskreis in alle Herren Länder, wie nach dem Urknall. Hannes wollte sich als Anfänger im Job beweisen und gleichzeitig mangelte es ihm an Antrieb, sich abends unters Volk zu mischen. So betrat er den ausgetretenen Weg der Bequemlichkeit. Das ging eine lange Strecke so und irgendwann beschlich ihn der Gedanke, dass das Ortsschild seines Ziels die Aufschrift „Alte Jungfer“ trägt.

Also will er aus diesem Pfad ausbrechen und Tanja ist sein Navigationsgerät, zumindest soll sie das werden. Sie sieht gut aus, ohne aus dem Rahmen zu fallen. Sie kommt nicht so aufreizend rüber wie die Frauen vom Schlag einer Maria Kaminsky – einer höheren Angestellten in der Firma, als geschätzte Mittdreißigerin recht jung für die Führungsriege. Die muss so sein, wie sie ist – auffällig. Das behagt Hannes nicht. Da ist die unscheinbarere Tanja Arnold aus der Buchhaltung ein lohnenswerteres Objekt der Begierde.

Er hat vor, ihr per Hauspost einen Zettel zu schicken: „Freue mich auf die Party, Sie auch?“ So was in der Art; einen unaufdringlichen Anreiz schaffen, einen Anknüpfungspunkt für ein Gespräch. Er hat inzwischen nicht einen, sondern 20 Zettel geschrieben. Der beste davon stellt ihn immer noch nicht zufrieden, liegt aber jetzt in einem Hauspostumschlag auf seinem Tisch und wartet auf Beförderung. Was nun, wenn er es gar nicht zur Party schafft?

Das klingt nach Ausrede. Und das ist es auch. Der wahre Grund der Nichtbeförderung ist seine Schüchternheit.

Ausrede hin oder her – dass er es gar nicht zur Feier schafft, ist leider wahrscheinlich, denn vor etwa einer Stunde hat sich sein „liebster“ Kollege hier vor dem Schreibtisch aufgebaut: Mike Karbach, der Projektleiter. Er hat eine stumpfe Motivationsrede vom Stapel gelassen – von der Wichtigkeit einer funktionierenden Software, von der Vollständigkeit, von der Fehlerfreiheit und am Ende nochmal, wie wichtig es doch ist, dass alles einwandfrei funktioniert. Sonst könnten sie sich nicht vor dem Kunden, der selbstredend wichtig ist, sehen lassen und das wäre doch kein Aushängeschild für diese Produktentwicklung, für das gesamte Team, ja für die ganze Firma.

Ja, so ist er, der Mike. Ist man Mitarbeiter in einem seiner Projekte, dann fährt man insofern gut, dass diese Unternehmungen immer die wichtigsten sind. Das macht er jedem klar, auch den Chefs. Nur zahlt man einen hohen Preis als Insasse: viel Arbeit. Dabei ist jede zu erledigende Aufgabe wichtig. Projektleiter Karbach ist gern präsent und macht Druck.

Dabei ackert Hannes mitnichten in einem 1-Mann-Projekt. Aber Mike hat sich an ihn gewandt, an keinen anderen, nicht an Raffaela, nicht an Malik und nicht an Bernd. Der Grund dafür ist naheliegend: Mike ist klar, dass nur Hannes das Ruder herumzureißen vermag. Und in der Wahl seiner Mittel ist er nicht zimperlich, streut als Hinweis oder Motivationsrede getarnte Beschwerden. Er erzeugt Druck. Damit wirft er einen Brandbeschleuniger in das Feuer hinein, das in Hannes ohnehin schon lodert, weil er nicht nur kompetent, sondern außerdem pflichtbewusst ist und fleißig und ehrgeizig und weil er dabei selten an sich selber denkt.

Deshalb sitzt Hannes jetzt noch hier. Mit dem nicht überbrachten Briefumschlag und mit seiner Kaffeetasse. Mist – die ist schon wieder leer. Zeit zum Nachschenken. Er hat heute viel davon getrunken. Er hat in den letzten Wochen viel davon getrunken. Allein der Milchanteil darin reicht schon, um ihn zu sättigen. Er geht manchmal gar nicht zum Mittagessen. Er ist auch so satt genug und gewinnt außerdem Zeit. Der Kaffee ernährt ihn. Hätte seine Vernunft eine Stimme, sie würde ihm sagen, dass er weniger dem Koffeingebräu frönen sollte. Ach was, zum Teufel mit der Vernunft; die Müdigkeit braucht einen Gegner! Her mit dem Kaffee!

Hektisch zapft er sich ein frisches Heißgetränk an der Kaffeemaschine im Raum nebenan. Er liebt die kleine Küche – die Verheißung einer kurzen Entspannung, den angenehmen Geruch. Vor allem setzt er aber auf die belebende Wirkung von dem, was er regelmäßig von hier in seinem Trinkgefäß abholt. Koffein ist sein Treibstoff.

Als er zum Platz zurückkehrt, hat er die kleine Pause schon wieder vergessen, die ihm das Kaffeeholen beschert hat. Eilig nippt er am noch zu heißen Getränk, verzieht das Gesicht und stellt die Tasse hastig ab, einen weiteren Kaffeerand auf dem Tisch hinterlassend. Der Reinigungsdienst wird sich schon drum kümmern.

Das ist sein Leben; so plätschert es im Takt der Kaffeemaschine dahin, tagaus, tagein. Nichts lenkt ihn ab. Niemand wartet auf ihn. Er kann sich der Arbeit widmen, ihr all seine Konzentration schenken.

Doch heute nagt der Gedanke an die Party an ihm. Eigentlich sollte er dorthin. Eigentlich sollte er Tanja schon lange Bescheid gesagt haben. Doch der Zettel liegt noch immer hier.

Kann ihn eine schnelle E-Mail retten? Besser nicht, denn so eine elektronische Post vergisst das System nicht. Und wenn die nette Dame aus der Buchhaltung super korrekt ist, wie Buchhalter nun mal so sind, und derlei Avancen als Belästigung einordnet und entsprechend nach oben weitermeldet? Dann ist er dran. Dann ist alles dokumentiert.

Ein unschuldiger handgeschriebener Zettel ist hingegen etwas, was man zur Not schnell zur Seite wischt, was nicht zwischen all den Dienst-Mails auftaucht, was einem nicht minütlich ins Auge sticht, was kein neugieriger Kollege auf dem Monitor lokalisieren und pikiert schauen kann. So einen Zettel steckt man schnell weg und in einem Moment der unbeobachteten Ruhe zieht man ihn wie eine Trophäe hervor und liest. Und man denkt in Ruhe über das nach, was auf dem Papier steht.

Nein, eine E-Mail ist falsch. Ja, ein Zettel ist richtig. Soweit zum Medium. Aber zur Auslieferung?

Hannes schaut auf die Uhr. Sie zeigt 20.23 Uhr. Was? Echt schon so spät? Und die Probleme vor ihm auf seinem Rechner sind keinen Zentimeter gewichen.

Nein, er wird es nicht schaffen. Nein, er kann nicht zur Party gehen. Nein, er wird Tanja heute nicht erobern. Die Nachricht bleibt hier.

Hannes‘ Gestalt fällt für einen Moment in sich zusammen, in ein Häufchen Elend, in Verkrampfung.

Mühsam entfaltet er sich wieder zu halbwegs normaler Größe. Draußen an der Tür hält ein Schatten an. Es ist Projektleiter Mike. Versucht der ihm nachzuspionieren, ob er auch ja noch hier sitzt und Höchstleistungen vollbringt? Es sieht so aus. Sir Karbach winkt huldvoll mit der Hand und zieht weiter. Vermutlich schleicht er sich zur Party. Bestimmt wird er dort prahlen, wie gut das Projekt läuft und wie angestrengt alle arbeiten. Und garantiert wird der große Projektleiter den „kleinen“ Hannes und dessen Beitrag mit keiner Silbe würdigen. Mike stellt sich selber ins Sonnenlicht und nicht in den Schatten eines anderen. Und um dem die Krone der Unverschämtheit aufzusetzen: Womöglich amüsiert er sich dort mit den Kolleginnen. Womöglich mit Tanja – während Hannes hier schuftet.

Projektleiter gibt es viele gute auf der weiten Welt: vernünftige, umsichtige, verantwortungsvolle. Warum musste Hannes unter allen Kandidaten gerade einen erwischen, dem diese Tugenden fremd sind?

Wut steigt in ihm auf, so viel Wut, wie sie ein ansonsten sanfter Programmierer nur verspüren kann. Warum hat ihm das Schicksal diesen Mike vor die Nase gesetzt? So einen fiesen Ehrgeizling, der seine Sonnenliege gerne auf den ächzenden Rücken anderer aufschlägt.

Ist Mike deshalb sein Feind? Nein, das ginge zu weit. Andersherum gefragt: Ist Mike sein Freund? Nein, das definitiv nicht. Und Hannes ist umgekehrt auch nicht Mikes Freund. Selbst das Wort Kollege ist schon zu hoch gegriffen. Kollege beinhaltet Respekt. Mike zeigt den kaum, sondern nur Zielstrebigkeit. Ach, wenn Hannes diesen Typen doch auf den Mond schießen könnte, ohne Rückfahrkarte!

Doch genug des Selbstmitleids. Sein Pflichtbewusstsein meldet sich. Nein, er darf sich jetzt nicht gehen lassen. Er muss die Energie nutzen, um die Probleme vor ihm auf dem Computer zu lösen. Seine innere Stimme klingt wie frisch von einem Softskills-Seminar geölt.

Er muss die Funktion vervollständigen. Er muss die Fehler finden. Er muss sie ausmerzen. Er muss funktionieren. Er muss. Er muss. Er muss.

Er fegt alle arbeitsfremden Gedanken zur Seite und nimmt den Bildschirm ins Visier. Dabei lenkt ihn ein plötzlich aufsteigendes leichtes Unwohlsein ab. Das kennt er sonst nicht. Egal, keine Zeit. Ist der dehydriert? Ein Schluck aus der Kaffeetasse – das ist seine Antwort.

Die Konzentration fällt ihm schwer. Trotz der inzwischen leeren Kaffeetasse stellt sich keine Besserung ein. Er spürt einen Schweißausbruch aufkommen. Der hat eine Steigerung des Unwohlseins im Gepäck.

Hannes knöpft sein Hemd auf. Er braucht Luft. Ein paar Mal Durchpusten – das wird schon wieder. Er ist doch erst 34 Jahre alt. Herzinfarkte sind was für Greise.

Aber es wird nicht wieder. Es wird schlimmer. Er spürt jetzt einen stechenden Schmerz in der Brust. Er schnürt ihm die Kehle zu. Der Monitor verschwimmt vor seinen Augen. Sein Körper wird schwer wie Blei. Seine Unterarme, die wie tote Schlangen auf dem Schreibtisch ausgebreitet liegen, vermögen den Oberkörper kaum aufrecht zu halten.

Die Stiche werden unerträglich. Er greift mit seiner bleischweren Hand zur Brust, als ob das etwas helfen würde. Es hilft nicht. Die Hand fehlt ihm jetzt beim Halten der Balance. Sein Oberkörper kippt zur Seite wie ein Schiff mit Schlagseite. Weder Tisch noch Stuhl bremsen ihn.

Hannes fällt – auf den Boden und weit darüber hinaus. Er stürzt in eine unendliche Tiefe. Seine Sinne werden wie in einem Strudel hinweggespült. Sie verblassen.

Nur noch Stille hüllt ihn ein.

 

Ziehen Sie eine Nummer

Hannes schwebt im Dämmerzustand. Langsam kommen seine Sinne zurück. Er kann nicht sagen, wie viel Zeit seit dem Sturz vergangen ist. Die Brust schmerzt nicht mehr. Das ist erfreulich. Dann ist er noch einmal davongekommen. Schwein gehabt!

Doch wo ist er hier gelandet? Er liegt auf einer schmucklosen Unterlage auf dem Boden. Um ihn herum ist es hell.

So ist das eben in Arztpraxen. Oder liegt er im Krankenhaus? Ebenfalls möglich. Es ging ihm schlecht. Aber das ist jetzt vorbei. Er ist wieder auf dem Damm.

Sein Pflichtbewusstsein erwacht. Er muss zurück in sein Büro, an seinen Schreibtisch, zu seinem Computer, auf seinen Stuhl, vor seinen Monitor.

Hannes richtet sich auf. Schwer kämpfen die Augen gegen das gleißende Licht. Schwach kann er den Raum erkennen: weiße Wände, eine Tür, dazu die Unterlage, auf der er gelegen hat. Und sonst? Nichts. Nur eine Lichtquelle an der Decke, die alles unerbittlich in grelles Weiß taucht.

„Eine OP-Lampe“, versucht Hannes, sich selbst seine offenen Fragen zu beantworten. Aber sieht so ein Operationssaal oder wenigstens eine Intensivstation aus? Dort liegt man wohl kaum allein, sondern überall wuseln Ärzte und Schwestern herum. Alles steht voller Geräte. Doch hier sind keine Ärzte und Schwestern und auch keine Maschinen. Hier steht nicht mal ein Krankenbett oder gar ein OP-Tisch.

Hier ist nur er – Hannes. Wände, eine Unterlage, eine Lichtquelle und eine Tür leisten ihm Gesellschaft.

Kein Laut ist zu hören, kein Hinweis zu sehen, was von ihm in dieser Situation erwartet wird. Von ihm wird doch sonst ständig etwas verlangt.

Was kann das für ein Ort sein? Die Tür drängt ihn durch ihre bloße Existenz dazu, sie zu benutzen. Wozu ist sie sonst da, als dafür, den Raum zu verlassen? Er muss dazu niemanden um Erlaubnis fragen. Es ist keiner da.

Hannes gehorcht der Tür. Er schreitet langsam auf sie zu und ergreift die gediegene Klinke. Überhaupt scheint hier alles edel. Die Wände offenbaren keinen Makel, auch die Tür besteht aus einem Material mit hochwertiger Anmutung. Im Baumarkt zahlt man für sowas gewiss ein Vermögen. Falls das hier ein Krankenhaus ist, dann verwundert es nicht, warum die Kassenbeiträge so hoch sind.

Hannes tritt durch die makellose Tür aus seinem makellosen Aufwachraum in einen makellosen Flur. Alles strahlt perfekt weiß. Er versucht, sich in dieser Schneelandschaft zu orientieren. Sie sendet ihm einen Hinweis, denn schräg gegenüber öffnet sich eine weitere Tür. Ein steinaltes Mütterchen tritt heraus. Es schaut kurz und schreitet dann zum Flurende, im gemächlichen Schritt, den das Alter zulässt.

Links von Hannes klappt eine weitere Tür auf. Ein junger Mann erscheint. Hui – er hat eine klaffende Kopfverletzung. Mühsam windet er deshalb ein makelloses, weißes Tuch um sein Haupt, um die Blutung zu stillen. „Schön blöd“, denkt sich Hannes. Die trieft doch gleich vor Blut. Doch das tut sie nicht. Sie bleibt nach außen makellos, wie alles hier. Und sie lindert die Beschwerden des Jungen auf einen Schlag. Er beachtet Hannes nicht. Er strebt, genau wie das Mütterchen, dem Ende des Flures zu.

Ja haben die alle nichts besser zu tun hier, als Gänge entlang zu wandern?

Hannes wüsste schon, was er als Nächstes vorhat: seinem zurückgelassenen Projekt den Puls fühlen. Wie lange dauerte seine Pause? Wurden inzwischen weitere Probleme entdeckt? Nähern wir uns dem Ziel?

Projekte scheinen hier niemanden zu interessieren. Keiner spricht und tauscht sich mit anderen aus.

Was nun, wenn Hannes gar nicht in einem Krankenhaus steckt, sondern seinen Kollaps vor dem Computer nicht überlebt hat? Ist er dann hier im Himmel gelandet? Aber es gibt keine Wolken hier. Oder in der Hölle? Nein, die ist wohl kaum weiß gestrichen. Oder doch?

Ist das hier das Jenseits? Ist das der Ort, an den man nach dem Tode kommt? Oder ist das nur ein Traum?

Hannes schafft es nicht, seine Gedanken an einem einzelnen Faden aufzureihen. Er kennt sich hier nicht aus. Und die völlige Orientierungslosigkeit behagt ihm ebenso wenig.

Doch er lässt sich nicht hängen. Er zwingt sich zur Ordnung: einen Gedanken nach dem anderen. Dann findet er den Faden wieder, hoffentlich.

Für die Jenseitstheorie spricht, dass immer mehr Leute den Flur entlanggehen, die so aussehen, als hätte ihr Leben geendet und als läge dieses Ende kurz zurück: Der Mann mit der Kopfverletzung, das alte Mütterchen, das bestimmt bettlägerig war und sich jetzt wie auf geborgten Beinen mit knapper Not den Gang entlang schleppt und andere mit Blessuren und Anzeichen von Krankheit.

Doch wo streben all die „Erledigten“ hin? Folgen sie einer geheimnisvollen Programmierung?

Ein Informatiker rät nicht, er analysiert. Also sieht sich Hannes um: In den reinweißen Zimmern ist es langweilig. Deshalb strebt jede menschliche Seele gern hinaus, anstelle in der Einsamkeit zu verharren. Weiterhin hat jeder Raum genau einen Ausgang. Und da die Zimmertüren auf diesen Flur führen, landen alle automatisch hier – wie Lemminge, wenn es im Computerspiel nur einen Ausgang gibt.

Er späht den Gang entlang. Dort hinten deutet sich ein größerer Raum an.

Hannes beschließt, dem kleinbürgerlichen Drang nachzugeben und der Masse hinterherzulaufen. Mal sehen, was sich ergibt.

Und er staunt, als er aus dem Flur heraus hinein in eine riesige Halle tritt. Hier geht es zu wie auf einem Flughafen - hunderte Leute, ach was – tausende! Sie strömen aus allen Richtungen hierher. Hannes würgt einen kurzen Anfall von Platzangst herunter. Wie orientieren sich all die Leute? Was passiert, wenn es einen Tumult gibt?

Aber es gibt keinen Tumult. Chaos ist diesem Ort fremd. Hannes entdeckt über sich eine Anzeigetafel. Er hat so etwas schon oft gesehen und trotzdem klappt ihm die Kinnlade herunter, denn auf ihr prangt in großen Lettern: „BITTE ZIEHEN SIE EINE NUMMER“.

Hannes ist in einer Behörde gestrandet!

Ein Amt – das bedeutet eingespielte Abläufe und kein Raum für Abweichungen, es bedeutet sinnlos verwartete Zeit, es heißt Zwang, es ist das Gegenteil von Spontaneität und von Spaß. Hannes resigniert und gibt sich vollends dem Zug der Lemminge hin. Er zieht eine Nummer aus einem der Automaten.

Er hat die Ziffern auf seinem Zettel kaum abgelesen, da prangen sie schon über einer der Türen. Er ist dran! Genauso reflexartig, wie er in eine fremdbestimmte Behördenlethargie gefallen ist, schüttelt er sie jetzt wieder ab. Seine Nummer verheißt Fortschritt, eine Bestimmung für den Tag. Das fühlt sich schon wieder mehr nach normalem Leben an. Er wird gesteuert.

Zielstrebig schreitet er auf die Tür zu. Er wird es diesen Leuten hier schon zeigen. Er muss zurück in sein Projekt. Er kann sich nicht mit Behörden und Formularen und all dem Kram aufhalten. Nicht er, nicht Hannes Barthold.

 

Das Leben nach dem Leben

„Sie sind tot“, wiederholt der Beamte, der vor Hannes sitzt. Er bemüht sich um eine ruhige, feste Stimme. Doch es fällt ihm zunehmend schwer und das ist kein Wunder, denn sie reden jetzt schon seit mindestens zehn Minuten miteinander – ohne greifbares Ergebnis.