Alexander Schreiber

Fernab

Gedichte eines Vergessenen

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über Vergänglichkeit und Melancholie

Über Liebe und Sehnsucht

Über Natur und den Menschen

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Über Vergänglichkeit und Melancholie



Perpetuum mobile


Scheinbar ohne einen Grund
ach, haben deine Wangen
deine Tränen, dick und rund
behutsam aufgefangen.

Gefangen darin schaut ein Mann
zu mir und leidet stumm
und fängt sogleich zu weinen an
und weiß nicht recht, warum.




Alte Briefe


Nun sitz ich über deinen alten Briefen.
Ich bin schon längst nicht mehr, wem sie einst galten.
Und doch entsteigt ein Zittern jenen Tiefen.
Wer mag derartig Aufgewühltes halten?

In deinen Worten - deinem Meer - dort schliefen
Gezeiten, die urewigen Gewalten,
die mich dereinst aus meinem Schlummer riefen
und wohl noch immer in den Träumen walten.

Wärst du jetzt hier, ich wüsst dir nichts zu sagen.
Gingst du dann fort, so fiel's mir wieder ein.
Wer soll die Unzulänglichkeit ertragen?

Wie einen Brief aus beinah fremden Tagen -
der könnte auch an mich geschrieben sein -
so schließ ich dich in mein Erinnern ein.




Auflösung


Wie leer sind nun die überfüllten Hallen!
Wie wenig bin ich nunmehr "ich",
in tausend Nichtigkeiten schon zerfallen,
nebensächlich ohne dich!




Einem Herzen gleich


Ich formte sorgsam Laub zu einem Zeichen,
als wär's vom Wind auf deinen Weg geweht
und doch als wollt es einem Herzen gleichen,
das ganz aus deiner Fantasie entsteht.

Du bliebst und hobst den Blick, nur um zu danken
den Wipfeln und der Höhe wohl an sich,
von wo die Gaben dereinst niedersanken,
als träf dein Blick in weiter Ferne - mich!

Dann sank dein Blick, zu Erden angekommen,
nahmst du ein einzig Blatt nur in die Hand,
fast so, als hättest du mich mitgenommen,
als dort dein Schattenbild im Dunst verschwand.




Noch eh ich ging, wollt ich zurück.


Noch eh ich ging, wollt ich zurück.
Noch als wir lachten, wollt ich weinen.
Vielleicht kreuzt irgendwo dein Blick
in der Unendlichkeit den meinen.




Waldesrauschen


Dem leisen Waldesrauschen
entsteiget dein Gesang
und im geneigten Lauschen
erbebt geheim mein Drang.

"Ach, könnt ich dich doch wieder
mit offnen Augen sehn!"
Dann senk ich meine Lider
in dein Vorübergehn.

Und wie ich dich erahne,
dreh ich mich um nach dir.
Was sehe ich im Wahne
für Geistestblüten hier?

Wo Nebel grade eben
noch durch das Strauchwerk strich,
dort füllt den Wald mit Leben
dein schönes Angesicht.

"Ach, sag bist du's tatsächlich
in deinem weißen Kleid?"
Du nickst mir zart, fast schwächlich
in die Undeutlichkeit.

Und wie in alten Tagen,
so reizest du mich bald,
dir hinterher zu jagen -
vergnüglich durch den Wald.

Die weißen Tücher wehen
und ich - ich seh dich dort
im Moore untergehen,
just an demselben Ort.

So dunkel und so stille
wie meiner Seele Pein,
wie ein verwirkter Wille
schließt er die Tränen ein.




Über Wunden


Ich lasse dich von Liebe sprechen,
um Überwindung anzuzeigen.
Du siehst mich in die Worte lächeln
und überhörst zum Glück mein Schweigen.




Abschied


In deinem Blick erlag die Zeit
und als, geschützt in deinen Armen,
mir unterdrückte Tränen kamen -
dies war der Tod, war Ewigkeit.
Und meine weite Seele schreit
von überall her deinen Namen.




Trost


Ich sprach: "Ich werde dich vermissen."
und starrte an die Wand
und fing ganz furchtbar an zu weinen.

Du führtest meinen Kopf zum Kissen
und hieltest meine Hand:
"Auch nach mir wird die Sonne scheinen."

Ich ließ dich zärtlich mich belügen,
ich liebte dich zu sehr
und regte meinen Kopf nicht weiter.

Noch heute kann ich dich nicht rügen,
wiegt auch die Wahrheit schwer,
ist deine Lüge warm und heiter.




Andacht


Hier am allzu stillen See
"Schaut der Kranich mitgenommen."
klage ich mein tiefes Weh.
"Denn er weiß, der Herbst wird kommen."

Noch will keine Zeit verstreichen.
"Noch ein Frühling, das wär schön"
Gerne wollt ich nach dir reichen
"und dir in die Augen sehn.

Halte mich noch einmal fest,"
Hör ich etwas? Röhricht, singe!
"bis ich geh und du mich lässt!"
Wenn der Wind nur rückwärts ginge!




Und wieder kehrt der Mond zurück


Und wieder kehrt der Mond zurück
und wieder will ich nach dir greifen,
nach Geistern, die im Augenblick
zerstreut durch mein Erinnern streifen.

Vergangenheit und dich zu lieben,
sonst gibt es keine Wirklichkeit.
Nach allem ist mir nichts geblieben
als Schatten einer andern Zeit.




Rückblick


Und einmal wenn die Wälder glühen
in grellem Abschiedsrot,
nur mehr Erinnerungen blühen,
ist Rückblick das Gebot.

Und einmal wird das Laub vergehen
und lässt die Zweige bar,
dann werde selbst auch ich verstehen,
dass einmal Frühling war.




Licht und Schatten


Enttäuschung ist wohl unabwendlich.
Ein Schatten bin ich, fällt ein Licht.
Denn alles in der Welt ist endlich.
Nur meine Sehnsucht ist es nicht.




Die Wahrheit ist anmaßend