Über das Buch:
Im Westerwald während des 30-jährigen Krieges:
Die 13-jährige Johanna hat ihre gesamte Familie an die Pest verloren. Geblieben ist ihr nur ein unbekannter Onkel, der als Töpfer im Kannenbäckerland arbeitet. Damit sie in den Wirren des Krieges den weiten Weg überlebt, verkleidet ihre wohlmeinende Nachbarin sie als Jungen. Die neuen Freiheiten, die sie unterwegs genießt, erscheinen Johanna verlockend, genau wie die Aussicht auf eine Lehre im Töpferhandwerk. So verschweigt sie ihrem Onkel die Wahrheit und beweist in der Werkstatt bald nicht nur ein außergewöhnliches Talent, sondern auch eine einzigartige Leidenschaft. Doch kann sie ihre Täuschung in einer von Männern beherrschten Welt aufrechterhalten?
Über die Autorin:
Annette Spratte, Jahrgang 1970, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in einem kleinen Dorf im Westerwald. Die Liebe zu Büchern begleitet sie in ihrem Leben schon länger als die Liebe zu Pferden, und Bücher waren es auch, die ihr den Weg zum Glauben gewiesen haben, als sie noch sehr weit von Gott entfernt war. Heute arbeitet sie als Autorin und Übersetzerin. Wenn sie gerade nicht am Computer sitzt, kann man sie im Garten oder im Pferdestall antreffen. Über einen Besuch auf ihrer Homepage oder in den sozialen Medien freut sie sich sehr.
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8. Kapitel
Nach einem weiteren erfolgreichen Brand fuhr Wilhelm wieder zum Markt nach Grenzau.
Noch während die Töpferfamilie den Dippeswagen packte, tauchte Maria auf und beobachtete schweigend, wie ein Gefäß nach dem anderen sorgfältig mit reichlich Stroh gepolstert auf dem Leiterwagen verstaut wurde. Wilhelm ignorierte das Mädchen, aber Luise fragte sie nach einer Weile, was sie wollte.
»Habt Ihr zwei große Sauerkrauttöpfe? Meine Mutter braucht noch welche. Wir hatten Glück mit der Ernte dieses Jahr.«
»Ach Kind, warum sagst du das denn nicht gleich?«, schalt Luise kopfschüttelnd. »Die großen Töpfe sind ganz unten im Wagen!«
Maria lief rot an, als Wilhelm sich aufrichtete und ihr einen finsteren Blick zuwarf. »An einen komm ich noch gut ran«, sagte er und hob den schweren Topf wieder aus seinem Strohbett.
Johanna nahm ihn mit beiden Händen in Empfang und drückte ihn an sich, damit er ihr nicht aus den Armen rutschte.
»Geh und trag ihr den Topf nach Hause, Johann, der ist ja viel zu schwer für das Kind. Sag der Frau Hüwwels einen lieben Gruß und erklär ihr, wieso wir nur einen geben können. Wenn von den anderen einer übrig bleibt, kann sie ihn noch haben.«
Johanna musste schmunzeln. Maria und sie waren gleich groß, obwohl Maria ein Jahr älter war. Wenn Johanna den Topf tragen konnte, dann konnte Maria das auch. Trotzdem ging sie gern mit, denn es ersparte ihr einige Schufterei.
Maria strahlte sie an. »Das ist wirklich nett von dir, Johann«, sagte sie lächelnd. »Du bist sowieso viel netter als die anderen Jungs im Dorf. Nicht so ein Angeber.«
Johanna fing an zu husten, um ihr Lachen zu überspielen. Sie mochte Maria und hatte schon öfter ein paar Worte mit ihr gewechselt, wenn sie sich in der Kirche oder im Dorf begegnet waren. Sie hatte ihr auch die Hilfe nicht vergessen, als die Mitschüler sie hatten ausziehen wollen. Aber das versonnene Lächeln des Mädchens und die verstohlenen Blicke, die es ihr zuwarf, deuteten darauf hin, dass sich hier möglicherweise ein paar Schwierigkeiten anbahnten.
Johanna schüttelte den Kopf, was Maria natürlich auf ihre Aussage bezog. Sie blickte verschämt zu Boden. Zum Glück waren sie schon beim Haus der Nachbarn angekommen, sodass Johanna weitere Kommentare erspart blieben. Sie richtete alles aus, was man ihr aufgetragen hatte, und bekam von Frau Hüwwels neben dem Geld für den Krug auch einen Wurstzipfel zugesteckt, den Johanna schnell in ihrer Tasche verschwinden ließ. Ido würde sich sehr darüber freuen – nachdem sie selbst einmal abgebissen hatte.
Auf dem Rückweg trödelte Johanna ein wenig. Das Packen des Wagens war eine mühselige Bückerei und ihr tat schon der Rücken weh.
Entsprechend ungeduldig wurde sie von Luise in Empfang genommen. »Wo bleibst du denn, Johann! Los, los beeil dich. Du musst noch deine Sachen packen.« Die Tante schob sie in Richtung Haustür.
Johanna sah sie irritiert an. »Sachen packen?«
»Ja, willst du denn nicht mit zum Markt?«
Johanna blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. »Zum Markt? Ich darf mit zum Markt?«, rief sie aufgeregt und drehte sich zu Wilhelm um.
»Nicht, wenn du da rumstehst und Maulaffen feilhältst!«, entgegnete ihr Onkel vom Wagen herunter. »Nimm dir eine warme Decke und ein zweites Paar Socken mit, wir werden dort übernachten.«
In Windeseile war Johanna in ihrer Kammer und packte die nötigen Dinge in ihren Beutel. Trotz der Aufregung rief das Gepäckstück ein paar schaurige Erinnerungen wach, die sie nicht völlig verdrängen konnte.
»Darf Ido mit?«, fragte sie hoffnungsvoll, als sie den Beutel auf den Kutschbock warf.
»Der Hund bleibt hier«, ordnete Wilhelm an.
Bevor sie recht begriffen hatte, wie ihr geschah, saß sie schon neben dem Onkel auf dem Wagen. Mit großen Augen beobachtete sie, wie die Landschaft langsam an ihr vorbeizog.
Wilhelm sagte nichts, sondern starrte hochkonzentriert auf die zerfurchte Straße und dirigierte das Pferd sorgsam um alle tieferen Löcher herum.
»Warum fahren wir so langsam?«, wollte Johanna nach einer Weile wissen. Sie konnte das Schweigen kaum noch ertragen. Die Erinnerungen an ihre letzte verhängnisvolle Fahrt mit ihrem Vater trieben ihr die Tränen in die Augen.
»Damit der Wagen nicht kippt«, erwiderte Wilhelm knapp. Die steile Falte auf seiner Stirn zeigte seine Anspannung und verriet Johanna, dass er nicht reden wollte.
Zum Glück dauerte die Fahrt nicht so lange, wie sie erwartet hatte.
Grenzau war ein winziges Städtchen, das tief in einer engen Talsenke lag und deutliche Kriegsschäden aufwies. Die Burg, deren dreieckiger Bergfried hoch über der Stadt aufragte, hatte vor einigen Jahren gebrannt. Während in der Stadt überall Reparaturarbeiten im Gange waren, wirkte der Sitz des Grafen von Isenburg verlassen.
Auf dem engen Marktplatz herrschte bereits geschäftiges Treiben, obwohl der Markt erst am nächsten Tag begann.
Wilhelm zahlte die Marktsteuer und bekam einen Platz zugewiesen. Erst als das Pferd ausgespannt und versorgt und der Wagen gesichert war, schien er aufzuatmen und schenkte Johanna wieder seine Aufmerksamkeit. »So Johann, es hat einen Grund, warum ich dich mitnehmen wollte.«
Johanna spitzte die Ohren. Sie war froh, endlich nicht mehr mit ihren Gedanken allein sein zu müssen.
»Ich möchte, dass du zu allen Töpfern gehst und dir ihre Waren genau ansiehst, besonders die, die Ornamente haben. Wappen, Rosetten, Bilder, egal was, präge es dir ein.«
»Ja, Onkel.« Johanna stimmte ihm automatisch zu, doch dann wurde sie nachdenklich. »Warum haben Eure Kannen keine Verzierungen?«, fragte sie und hoffte, dass er nicht wütend wurde. Sie zog etwas die Schultern hoch, als sie bemerkte, wie sein Gesicht sich verfinsterte, doch er schimpfte nicht. Stattdessen hielt er ihr seine Hände vors Gesicht. Die Knöchel wirkten wie die Wurzeln eines knorrigen Baumes und seine Finger waren verkrümmt.
»Es ist die Gicht, Johann«, sagte er leise und mit einem traurigen Unterton. »Meine Hände wollen so feine Arbeiten einfach nicht mehr machen. Und auch meine Sehkraft reicht dafür nicht mehr aus.« Er schluckte und holte einmal tief Luft. »Aber du, Junge, du hast nicht nur eine ruhige Hand und ein gutes Auge. Du hast auch die Geduld für so feine, aufwendige Arbeiten. Die fehlte mir schon immer.« Er grinste schief und drehte sich zum Wagen um. Aus der Truhe unter dem Kutschbock holte er etwas Brot und reichte es Johanna. »Jetzt essen wir erst einmal etwas und dann können wir uns zur Ruhe begeben. Morgen müssen wir vor Tagesanbruch raus und unsere Waren präsentieren.«
Nachdem sie gegessen hatte, kroch Johanna unter den Wagen und rollte sich in ihre Decke ein. Schlafen konnte sie noch lange nicht, denn der Marktplatz war laut und viel zu interessant. Verschiedene Leute kamen, um mit Wilhelm ein paar Worte zu wechseln. Als langjähriger Verkäufer auf dem Markt war er vielen bekannt. Johanna lauschte, bis ihr irgendwann doch die Augen zufielen.
* * *
Sie hatte das Gefühl, kaum in den Schlaf gesunken zu sein, als Wilhelm sie schon wieder wachrüttelte. Gähnend reckte und streckte sie sich und rieb sich mit den Handballen den Schlaf aus den Augen.
»Geh du rauf auf den Wagen und reich mir die Dinge an, die ich dir nenne«, wies Wilhelm sie an. Er hatte schon mehrere Kisten hochkant aufgestellt, sodass sie mit dem Wagen zusammen eine kleine Verkaufsfläche boten. Johanna fragte sich, ob man wirklich vor Tagesanbruch alles aufbauen musste, aber als die ersten Käufer schon in der Dämmerung um die Stände streunten und neugierige Blicke wagten, wusste sie, dass dem so war.
Eine blasse Sonne stieg hinter den Häuserreihen auf und tauchte den Marktplatz in ein märchenhaftes Licht, in dem die Atemwolken der Menschen wie feenhafte Wesen wirkten. Je heller es wurde, desto lauter wurde es. Was als zaghaftes, heiseres Krächzen der Marktschreier begann, war bald eine wilde Kakophonie, an der auch Wilhelm sich mit wesentlich mehr Enthusiasmus beteiligte, als Johanna ihm je zugetraut hätte. Sein tiefer Bass dröhnte in die Menge und lockte tatsächlich eine ganze Reihe von Käufern an. Johanna war ganz zufrieden damit, auf dem Wagen zu sitzen und bei Bedarf Waren herunterzureichen, bis ihr gegen Mittag plötzlich ihr Auftrag einfiel. Sie sollte sich ja die Töpferwaren der anderen Kannenbäcker ansehen! Schnell kletterte sie vom Wagen und sagte ihrem Onkel Bescheid, dass sie sich jetzt umsehen wollte. Er nickte nur und winkte sie mit der Hand fort.
Gespannt streifte Johanna durch die Gassen des Städtchens. Die ansässigen Töpfer hatten ihre Waren vor ihren Häusern aufgebaut, ebenso wie der Bäcker und der Metzger. Zusätzlich gab es Woll- und Leinenweber, Bauern und Schmiede, die alle erdenklichen Waren feilboten. Bei all dem bunten Treiben gelang es Johanna nicht gleich, sich auf die Waren der Töpfer zu konzentrieren. An den ersten Häusern ging sie noch vorbei, denn sie konnte gleich sehen, dass das Geschirr ihres Onkels wesentlich hochwertiger war. Doch dann kam ein Haus mit Geschirr, das ihr die Sprache verschlug. Eine solche Pracht hatte sie noch nie zuvor gesehen. Keramiken mit filigranen Verzierungen, Bartmannskrüge, deren lebhafte Gesichter hinter ihr her zu blicken schienen, liegende Fässchen, deren Gebrauch sie sich nicht erklären konnte, sowie feinste Töpfchen und Kännchen.
»Dich kenne ich doch«, sagte eine Stimme mitten in ihr Staunen hinein.
Sie blickte auf in ein Paar grauer Augen, die von dunklen Wimpern umrahmt waren. Sofort erkannte sie den Jungen, der sie in der Werkstatt ihres Onkels so abfällig behandelt hatte. Sie richtete sich auf und verschränkte die Arme. Der Mann, der neben dem Jungen stand, war nicht der gleiche, der damals mit dem Onkel geredet hatte, aber ähnlich waren sie sich trotzdem. Der Mann streifte sie nur mit einem desinteressierten Blick und beobachtete dann wieder die Marktbesucher. Im Gegensatz zu allen anderen Verkäufern schwieg er.
Der Junge hatte jetzt ein freches Grinsen aufgesetzt. »Na, willst du dir mal ansehen, wie richtige Kannenbäcker arbeiten?«, fragte er.
Johanna kniff die Lippen zusammen. Am liebsten hätte sie mit einer Handbewegung eine Reihe der lächerlich kleinen Gefäße zu Boden gefegt, aber das tat sie natürlich nicht. »Wofür sind die?«, fragte sie stattdessen.
»Die Apotheker brauchen sie«, erwiderte der Junge geringschätzig, als würde es ihn langweilen, dass Johanna so etwas nicht wusste.
Das Mädchen beschloss, den Jungen einfach zu ignorieren, und sah sich alles genauestens an.
»Wenn du nichts kaufen willst, dann troll dich«, sagte der Mann jetzt mit einem leicht drohenden Unterton.
Johanna blickte zu ihm hoch. Was war nur mit diesen Leuten los? Durfte man sich jetzt noch nicht einmal ihre Waren ansehen?
»Vielleicht möchte ich ja etwas kaufen«, erwiderte sie frech und blieb, wo sie war. Sie musste sich diesen Henkel an der Kanne ansehen, der wie ein Zweig geformt war. Reihen von Blättern zogen sich um den Bauch der Kanne, abwechselnd blau bemalt und naturbelassen. Wie machte man das?
»Der will nichts kaufen, der will nur spionieren. Verzieh dich!«, fuhr der Junge Johanna an. Dann flüsterte er dem Mann etwas ins Ohr, was ihn zum Lachen brachte.
»Du gehörst zum Hatterod? Wo hat der dich denn aufgegabelt?« Der Mann konnte sich gar nicht wieder einkriegen. »Lass ihn nur gucken, Philipp, dann kann er sehen, was er nie erreichen wird.« Der letzte Satz war von einem niederträchtigen, stechenden Blick begleitet, der Johanna zu durchbohren schien. Doch anstatt sie dazu zu veranlassen, die Flucht zu ergreifen, regte sich in ihr ein brennender Ehrgeiz. Nie erreichen? Das wäre doch gelacht! Als hätte sie eine Mauer vor sich aufgebaut, prallte das höhnische Gelächter von ihr ab wie die Flamme vom Eingangsschild des Brennofens. Dieser Mann hatte ja keine Ahnung, was sie schon alles erreicht hatte. Und sie fing gerade erst an.
Unbeeindruckt studierte Johanna weiter das Steinzeug und überlegte sich, wie sie die Formen herstellen konnte. Zu gern hätte sie gefragt, aber das war unter den gegebenen Umständen wohl kaum möglich. Sie spürte, dass sie beobachtet wurde, und blickte hoch. Philipp ließ sie nicht aus den Augen. Im Gegensatz zu vorher wirkte er fragend und Johanna spürte einen kleinen Triumph in ihrer Brust. Vermutlich rätselte er, warum sie noch immer hier war. Sie lächelte ihn herausfordernd an. Spott und Hohn war sie gewohnt, den bekam sie in regelmäßigen Dosen in der Schule zugeteilt. Zum Glück hatten die Mitschüler aufgehört, sie körperlich anzugreifen, nachdem sie sowohl vom Schulmeister als auch von ihren Vätern ordentliche Strafen aufgebrummt bekommen hatten. Aber die Hänseleien blieben.
Jetzt legte Philipp den Kopf schief und so etwas wie Respekt schlich sich in seinen Blick, ehe er sich umdrehte.
Johannas Grinsen wurde breiter. Mich kriegst du nicht so schnell unter, dachte sie und machte sich endlich auf den Weg zurück zu ihrem Onkel.
Der war schon dabei, seine Waren wieder einzuräumen.
»Warum packst du schon?«, wollte Johanna wissen.
»Will heute noch nach Hause«, krächzte er. Seine Stimme war fast völlig weg. »Hilf mir, ja?«
Johanna packte sofort mit an. »Du hast aber viel verkauft, oder?«, fragte sie.
»Genug für heute. Warst du beim Knütgen? Hast dir alles genau angesehen?«
Knütgen, das war der Name. Johanna hatte sich nicht mehr erinnern können.
»Ja, Onkel. Wenn ich Euch beschreibe, was ich gesehen habe, könnt Ihr mir dann sagen, wie man das macht? Ich will es unbedingt versuchen! Die Sachen sind so schön.«
Ein Lächeln breitete sich auf Wilhelms Gesicht aus. »Das hoffe ich doch«, sagte er heiser.
9. Kapitel
»Hol mir neuen Ton aus dem Keller und schneide ihn für Teller zurecht, Johann.« Wilhelm hielt die Töpferscheibe mit dem Fuß an und erhob sich stöhnend.
Johanna stellte den Stock beiseite und verschwand in den Flur, der sich zwischen Werkstatt und Lager befand. Eine schmale Stiege führte dort nach unten in ein niedriges Bruchsteingewölbe, in dem der Ton gelagert wurde. Er war mit Tüchern abgedeckt, die Johanna regelmäßig befeuchten musste, damit das kostbare Material nicht austrocknete. Es gab kein Licht hier unten und Johanna stand einen Moment in der feuchten Kühle, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Ihr Herz schlug schneller. Sie hasste den düsteren Keller und hatte immer Angst, dass dort finstere Gestalten oder Dämonen lauerten. Besonders seit Jost ihr diese Schauergeschichte erzählt hatte, in der ein Töpfer in seinem Tonkeller abgehackte Köpfe und Beine gefunden hatte. Luise hatte ihn mit dem Nudelholz aus der Küche gejagt, aber zu spät, die Geschichte hatte seither in Johannas Fantasie die wildesten Blüten getrieben.
Wie sonst auch wollte sie sich schnell den nächstliegenden Klumpen schnappen und wieder nach oben rennen, musste aber feststellen, dass die Tücher überall flach auf dem Boden lagen. Nur unter einem war noch ein großer Klumpen Erde zu sehen. Er war so fest zusammengebacken, dass sie den Spaten nehmen musste, um ein Stück abzustechen. Sie deckte den Rest sorgsam wieder zu und ging mit dem kleineren Stück nach oben.
Sie zerteilte es nach dem Tellermaß in gleich schwere Klumpen, die sie für Wilhelm aufreihte und wieder mit einem feuchten Tuch abdeckte. Der Onkel war schon in die Stube vorausgegangen, also wusch Johanna sich die Hände und folgte ihm. Ido begrüßte sie schwanzwedelnd und sie tätschelte ihm den Kopf.
»Nachher gehen wir eine Runde in den Wald, mein Freund«, versprach sie ihm leise und rannte ins Haus.
Alle anderen hatten sich schon um den Tisch versammelt. Während Johanna auf die Bank rutschte, sprach Wilhelm ein Tischgebet und jeder bekam eine Schüssel mit Eintopf.
»Kein Brot dazu?«, fragte Jost mit hungrigem Blick.
Luise schüttelte stumm den Kopf.
»Wir können froh sein, dass Kohl und Rüben so gut gewachsen sind, sonst hätten wir gar nichts mehr zu beißen«, sagte Walli leise. »Ich gehe morgen Pilze suchen, vielleicht finde ich ja was nach dem Regen.«
»Das mache ich lieber«, erwiderte Luise knapp.
»Wir sollten nicht alles bei uns am Haus einkellern«, fügte Wilhelm hinzu. »Wenn wieder Soldaten hier durchziehen und Tribut einfordern …«
Walli stieß einen leisen Schrei aus und Luise legte sich die Hand auf die Brust. »Nur das nicht!«, wimmerte sie.
Johanna hielt im Löffeln inne. »Ist das schon mal passiert?«, fragte sie ängstlich.
»Einmal?«, erwiderte Wilhelm und stieß ein humorloses Lachen aus. »Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft sie uns ausgeraubt haben.«
»Ja, und als vor ein paar Jahren die Gefechte zwischen den Hessen und den Kaiserlichen unter dem Obristen van Werth tobten, ist hier kein Feld verschont geblieben. Die haben alles entweder leer gefressen oder niedergetrampelt. Das war ein furchtbarer Winter«, erinnerte sich Jost.
»Dieses Jahr wird es nicht so schlimm«, meinte Walli zuversichtlich.
»Möge Gott uns beistehen«, pflichtete Luise ihr bei, aber ihr sorgenvoller Ausdruck gab Johanna zu denken.
»Wir könnten jagen gehen«, sagte sie und sah in die Runde.
Jost horchte sichtlich auf.
»Das ist verboten, Junge.« Trotz der klaren Aussage lag ein gewisses Funkeln in Wilhelms Augen.
»Aber wird ein Fürst es wissen, wenn wir in diesen riesigen Wäldern mal einen Hasen oder ein Reh erlegen?«, gab Jost zu bedenken. »Das merkt der doch gar nicht.«
»Gott merkt es«, sagte Luise und warf ihm einen rügenden Blick zu.
Der hob sofort die Hände. »Das war seine Idee!«, rief er und zeigte auf Johanna.
Die schlug die Augen nieder und löffelte konzentriert weiter. Bei diesem Thema hielt sie besser den Mund. Wenn Gott sie lieber verhungern ließ, als Nachsicht zu haben, wenn sie ungerechte Gesetze brach, dann wollte sie nichts mit ihm zu tun haben. Aber das wollte sie ja sowieso nicht. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, sonntags nicht mit in die Kirche zu müssen. Die zwei Stunden auf der Kirchenbank erschienen ihr oft quälender als die Plackerei beim Befeuern des Brennofens.
»Mag schon sein«, sagte Luise leicht säuerlich, »aber du warst derjenige, der aussah, als würde er sich am liebsten gleich das Gewehr schnappen.«
Jost brummelte irgendetwas vor sich hin und wagte es nicht, Luise anzusehen.
Johanna hob kurz den Kopf und ihr Blick traf sich mit Wilhelms. Er nickte ihr kaum merklich zu.
»Kann Johann mir nachher helfen, ein paar Vorräte ins Waldversteck zu bringen?«, fragte Walli.
»Kann Jost das nicht machen?« Wilhelm schien auf Johannas Hilfe nicht verzichten zu wollen.
»Der muss noch den Schweinestall ausmisten«, kam es von Walli wie aus der Pistole geschossen und sie warf Luise einen flehenden Blick zu. Offensichtlich wollte sie auf keinen Fall mit Jost allein in den Wald gehen. Auch Wilhelm war das nicht entgangen. Seine Augen verengten sich und er betrachtete den Knecht kritisch. »Gut Johann, geh du mit. Aber beeil dich.«
Johanna jubelte innerlich, auch weil sie Wallis Bedenken gut verstand. Wie erpicht Jost auf solche Gelegenheiten war, hatte er ihr schon mehr als einmal erzählt. Ihr selbst kam ein Ausflug in den Wald gerade recht. In den letzten Tagen hatte sie wieder kaum etwas anderes getan, als die Töpferscheibe anzutreiben, und war es ziemlich leid. Wilhelm hatte ihr erlaubt, ein paar Versuche mit Verzierungen zu machen, aber die waren alle gründlich danebengegangen. Also hatte sie wieder hinter ihm gestanden und die Scheibe mit dem Stock angeschoben, bis sie fast in Trance gefallen war.
Über die Freude angesichts der Abwechslung vergaß sie völlig, ihrem Onkel zu sagen, dass der Ton zur Neige ging.
* * *
Walli hatte zwei große Tücher mit Rüben und Kohlköpfen gefüllt, die sie mit Johanna zusammen in den Wald schleppte. Ido sprang fröhlich um die beiden herum. Er hinkte aufgrund der gebrochenen Pfote jetzt dauerhaft, doch das schien ihn nicht sehr stark zu beeinträchtigen.
Es war kühl und nebelig und eine unheimliche Stille lag über dem Wald, die nur vom Rascheln ihrer Schritte im Laub unterbrochen wurde.
»Du gehst schnurgerade auf die große Eiche zu«, erklärte Walli flüsternd, als hätte sie Angst, belauscht zu werden.
Der uralte Baum wirkte wie ein riesiger, knorriger Wächter am Fuß eines felsigen Ausläufers des nächsten Berges. Johanna legte den Kopf in den Nacken und hätte dabei fast ihre Last verloren. Der Baum war so hoch, dass sie die obersten Zweige im Dunst nicht mehr erkennen konnte.
»Hier gehen wir nach rechts, da ist ein Rinnsal, meistens jedenfalls. Wenn es mal ein paar Tage nicht regnet, verschwindet es. Der Boden ist aber immer feucht. Dem folgen wir bis zum nächsten Felsen da oben.«
Schweigend kletterten sie die steile Böschung hinauf. Von unten sah es so aus, als würde der Fels direkt aus dem Waldboden ragen, doch als sie nahe genug waren, konnte Johanna die Mulde sehen, die sich vor dem Felsen gebildet hatte. Er hing ein ganzes Stück über und bildete eine natürliche Höhle.
Walli setzte ihr Tuch ab und wühlte mit den Händen im spröden Laub, das am Höhlenboden lag. Kurz darauf hob sie eine Falltür an. Erstaunt trat Johanna näher.
Walli kletterte über eine Leiter in das Loch, das jemand in den Boden gegraben hatte. »Reich mir die Sachen an.«
Johanna ließ beide Tücher nach unten gleiten und beobachtete, wie Walli die Vorräte in Fässern und Kisten verstaute.
»Da ist ganz schön viel Platz«, bemerkte Johanna.
»Ja, zum Glück. Ich hasse enge Keller«, erwiderte Walli, während sie die Leiter wieder heraufkam. Sie schloss die Falltür und streute dann mit vollen Händen Laub darüber. »So, das war’s. Unser kleiner Notvorrat, falls etwas passiert.« Bevor sie sich auf den Rückweg machten, spähte Walli angestrengt in alle Richtungen. »Man kann nie wissen«, murmelte sie und sah Johanna bedeutungsschwer an.
Der Abstieg war ohne die schweren Tücher wesentlich einfacher und Walli nutzte die Gelegenheit, Johanna auszufragen. »Wie findest du deinen Onkel?«, wollte sie wissen. »Ich würde sterben, wenn ich den ganzen Tag mit ihm in der Werkstatt verbringen müsste. Er ist oft so schlecht gelaunt und fährt einen wegen den kleinsten Kleinigkeiten an.«
»Ach, so schlimm ist es nicht«, meinte Johanna. »Ich komme ganz gut mit ihm zurecht.«
»Liegt bestimmt daran, dass du ein Junge bist. Jost kommt auch gut mit ihm aus, aber mich macht er furchtbar nervös. Ich habe mich schon oft gefragt, was Luise an ihm fand, dass sie ihn geheiratet hat.«
Darüber hatte sich Johanna noch nie Gedanken gemacht.
»Schade nur, dass die beiden keine Kinder haben. Ich glaube, Luise ist unendlich glücklich, dass du gekommen bist. Sie hat sich so sehr ein Kind gewünscht, aber Gott hat ihren Schoß verschlossen. Ob ich jemals Kinder bekomme? Wahrscheinlich müsste ich Jost heiraten, es gibt ja kaum noch Männer! Dieser schreckliche Krieg. Dass die Kerle aber auch alle losziehen müssen, um sich gegenseitig umzubringen. Hier gab es so einen netten Jungen im Dorf, der hätte mir schon gefallen können. Aber nun ist er schon zwei Jahre fort und keiner weiß, ob er noch am Leben ist. Vielleicht ist es ihm so ergangen wie Wilhelm?«
»Wie meinst du das?«
»Nun, Wilhelm ist auch in den Krieg gezogen. Deswegen ist er doch von zu Hause weg, obwohl er der älteste Sohn war! Er hat mit Luises Bruder zusammen gedient. Sie sind beide verletzt worden. Wilhelm hat den Bruder bis nach Hause getragen und ist mit ihm in den Armen auf der Türschwelle zusammengebrochen. Der war schon lange tot, aber Wilhelm war so von Sinnen, dass er es nicht gemerkt hat. Dann ist er in ein Fieber gefallen und alle dachten, er stirbt auch. Aber Luise hat ihn gesund gepflegt. Also, so gesund wie es ging, jedenfalls. Er ist geblieben, sie haben geheiratet und er hat das Töpfern von Luises Vater gelernt. Wäre der Bruder am Leben geblieben, hätte er gar nicht Meister werden können. Na ja, die Schnatzen leben ja auch ganz gut.«
»Was sind Schnatzen?« Johanna hatte das Wort schon mal gehört, konnte sich aber nichts darunter vorstellen. Sie freute sich sehr über Wallis Redseligkeit, denn dadurch beantworteten sich einige Fragen, die sie schon länger beschäftigten.
»Schnatzen sind Töpfer, die keine Meisterprüfung ablegen können – oder sie nicht bestanden haben. Gibt es da, wo du herkommst, keine Töpfer?«
»Bei uns im Dorf gab es keine, nein. Aber da waren auch nur vier Bauern.« Johanna pfiff Ido herbei und beugte sich zu ihm. Jeder Gedanke an ihre Heimat trieb ihr die Tränen in die Augen. Solange sie nicht daran dachte, ging es ihr gut, aber selbst diese kurze Frage von Walli brachte sie aus der Fassung.
Die plapperte jedoch unbeirrt weiter: »Na, da ist es ja kein Wunder, dass du so viele Dinge nicht weißt. Ich würde ja gern in die Stadt ziehen, aber wie soll ich das anstellen? Ich bin ja froh, dass ich bei Meister Hatterod Arbeit habe und nicht betteln und hungern muss.«
»Was ist mit deiner Familie?«, fragte Johanna.
Walli lachte. »Mein Vater hat sich immer die Haare gerauft. Vier Töchter und kein Sohn! Ich bin die vierte, da gab es keine Aussteuer mehr. Meine älteste Schwester ist bei der Geburt ihres dritten Kindes gestorben und die zweite hat die Pest erwischt, fast wie bei dir. Die ganze Familie tot. Die dritte versorgt jetzt die Kinder meiner ältesten Schwester und ich bin hier.«
»Macht es dir gar nichts aus?«, fragte Johanna mit leicht belegter Stimme. Sie konnte kaum fassen, wie unbeschwert Walli über das grausame Schicksal ihrer Familie sprach.
»Ach, was soll ich Trübsal blasen? Wir müssen alle sterben, das gehört zum Leben dazu. Wenn meine Zeit gekommen ist, sollen die Leute einmal weinen und dann über all den Unfug lachen, den ich angestellt habe. Dann wäre ich zufrieden.« Sie zwinkerte Johanna zu und nahm ihr das Tuch ab, das sie trug, denn sie waren wieder zu Hause angekommen. »Danke, dass du mich vor Jost bewahrt hast. Der wird manchmal ganz schön frech, wenn er denkt, es sieht keiner hin. Ich hoffe, du benimmst dich besser, wenn du mal groß bist!« Damit verschwand sie im Haus und Johanna blieb nichts anderes übrig, als Ido wieder anzuketten und in die Werkstatt zurückzukehren.
10. Kapitel
»Was soll das heißen, es ist nichts mehr da?«
Johanna zog den Kopf zwischen die Schultern. »Es tut mir leid!«
»Es tut dir leid? Verflixt noch mal, womit soll ich wohl arbeiten, wenn kein Ton mehr da ist? Hast du eine Ahnung, wie lange es dauert, neuen zu beschaffen? Das wirft uns um mindestens eine Woche zurück!«, wetterte Wilhelm.
Johanna schob sich vorsichtshalber an der Wand entlang Richtung Tür, damit sie schnell entwischen konnte, falls ihrem Onkel die Hand ausrutschte. »Ein Rest ist da ja noch«, warf sie schnell ein, was aber nicht dazu angetan war, Wilhelms Laune zu verbessern.
Er holte aus, erwischte sie aber nur mit den Fingerspitzen am Hinterkopf, da sie sich sofort wegduckte. Wütend vor sich hin schimpfend humpelte er in den Keller.
Johanna nutzte die Gelegenheit, um nach draußen zu verschwinden. Es war besser, wenn Wilhelm seinen Ärger mit sich selbst ausmachte. Sie streichelte Ido kurz den Kopf und rannte dann ein Stück den Weg hinauf bis zur großen Scheune, die die Hatterods sich mit den Hüwwels teilten. Darin konnte man sich zwischen den ganzen Fuhrwerken wunderbar verstecken.
Hätte es nicht so geregnet, wäre Johanna mit Ido in den Wald gegangen, aber das war ihr heute zu kalt und nass.
Kurzentschlossen kletterte sie die Leiter zur Tenne hinauf, nur zur Sicherheit, falls Wilhelm Ido darauf ansetzte, sie zu finden. Überrascht stellte sie fest, dass Maria dort oben in einer Ecke saß.
Bei Johannas Anblick fuhr sie erst erschrocken zusammen, stieß dann aber einen erleichterten Seufzer aus. »Ach, du bist es, Johann! Ich dachte schon, es wäre meine Mutter.«
Johanna kam näher und ließ sich neben ihr auf den Boden fallen. »Hast du auch was ausgefressen?«, fragte sie.
»Der Eimer mit der Milch ist umgefallen. Aber ich konnte nichts dafür! Die Ziege ist auf einmal weggesprungen! Das macht die sonst nie. Deswegen glaubt Mutter mir auch nicht und hat mir Schläge angedroht. Und du?«
»Ich hab vergessen, meinem Onkel zu sagen, dass der Ton zur Neige geht.«
Maria kicherte. »Kann mir vorstellen, wie der brummt und schimpft.«
Johanna sah, wie Maria sich kurz schüttelte, als wäre ihr ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen. Walli war anscheinend nicht die Einzige, die vor dem bärbeißigen alten Kauz Angst hatte. »Versteckst du dich auch immer hier, wenn du was angestellt hast?«, wollte Maria jetzt wissen.
Johanna grinste. »Nein, nicht immer. Oft verschwinde ich auch im Wald. Aber bei dem Mistwetter bleibe ich lieber hier.«
»In den Wald traue ich mich nicht allein. Was, wenn Wölfe oder gar Bären kommen?«
»Bären? Hab ich hier noch nie gesehen. Aber Wölfe schon, zum Glück nur von Weitem. Denkst du, die kommen ins Dorf?«
»Nein!«, rief Maria entsetzt und zog die Beine an, sodass sie die Knie mit den Armen umfassen konnte. »Das wäre ja grässlich! Stell dir vor, die würden unsere Ziegen reißen. Dann hätten wir keine Milch mehr und keinen Käse. Red nicht von so was. Das macht mir Angst.«
Johanna musste lachen, obwohl sie Marias Reaktion sehr gut verstehen konnte. Als sie noch bei ihren Eltern gelebt hatte, hatte sie sich auch vor solchen Dingen gefürchtet. Seltsam, dass sich das geändert hatte. Ob es an ihrer langen Wanderung lag? Oder an der Tatsache, dass sie jetzt so oft im Wald war? Jost erzählte die wildesten Schauermärchen, wenn sie gemeinsam arbeiteten, so wie neulich beim Fällen. Johanna hatte mit der großen schweren Axt nicht viel bewirken können, aber dafür war sie mit dem kleinen Beil beim Entasten des Baumes, den Jost gefällt hatte, sehr geschickt gewesen. Es hatte ihr sogar Spaß gemacht, viel mehr Spaß, als jegliche Arbeiten, die sie je als Mädchen hatte verrichten müssen. Und die ganze Zeit hatte Jost von tollwütigen Wölfen erzählt, die Menschen anfielen, von Ungeheuern, die in den Schluchten des Waldes hausten, und von irren Soldaten, die mit blutigen Säbeln durch den Wald streiften, um kleine Jungen zu meucheln. Natürlich hatte Johanna das nicht lustig gefunden, aber es hatte ihr längst nicht so viel ausgemacht, wie zu erwarten gewesen wäre. Letztendlich wusste sie inzwischen, dass Jost ein Schwätzer war und sie nur ärgern wollte.
»Ist deine Mutter lange böse? Mein Onkel beruhigt sich eigentlich recht schnell wieder und dann ist es auch gut. Bisher jedenfalls. So einen Patzer wie mit dem Ton habe ich mir noch nie geleistet.«
»Vermutlich bekomme ich die nächsten Tage immer wieder zu hören, wie unachtsam ich war. Aber strafen wird sie mich hoffentlich nicht mehr. Schlimm genug, dass es heute Abend keine Milch zu trinken gibt. Dass ihr noch die Kühe habt, wundert mich.«
»Jost hat erzählt, sie hatten immer Glück und konnten die Kühe noch in den Wald treiben, wenn die Soldaten kamen. Ich wünschte, der Krieg wäre vorbei.«
»Ja, ich auch.«
Beide erstarrten, als sie hörten, wie unten das Scheunentor aufgezogen wurde. Atemlos lauschten sie auf die Schritte, die alles abzugehen schienen. Dann kam jemand die Leiter herauf. Johanna wäre zu gern noch hinter einen Balken geschlüpft, aber dafür war es zu spät. Wer auch immer dort kam, hätte sie gehört.
Es war Luise. Als sie die beiden Kinder sah, zog sie eine Augenbraue hoch. »Du kommst besser mit, Johann. Wilhelm möchte, dass du beim Crolius und beim Remy nachfragst, ob einer Ton abgeben kann.«
Johanna kniff die Lippen zusammen, fügte sich aber in ihr Schicksal. Sie nickte Maria zum Abschied zu und folgte Luise die Leiter hinunter.
»Und du solltest auch wieder ins Haus gehen, Maria!«, rief Luise noch im strengen Ton nach oben.
Im Tor der Scheune drückte Luise Johanna ein paar Münzen in die Hand. »Wenn die nichts zu verkaufen haben, sehe ich die alle wieder, verstanden?«
»Ja, Tante.«
»Dann lauf. Und trödel nicht rum!«
Johanna trabte gehorsam bis zum anderen Ende des Dorfes, wo der Euler Crolius seine Werkstatt hatte. Es war sein Sohn Peter gewesen, der damals Johannas schön geschriebenen Psalm zerrissen hatte. Johanna ging der Familie meist aus dem Weg, denn es herrschte eine gewisse Spannung zwischen dem Hause Crolius und dem Hause Hatterod. Sie vermutete, es lag daran, dass Wilhelm zugewandert war und das Töpferhandwerk nicht schon von Kindesbeinen an gelernt hatte. Die trotzdem so hochwertige Qualität seiner Waren musste dem alteingesessenen Töpfer ein Dorn im Auge sein.
Das Wasser tropfte an Johanna herunter, während sie vor der Tür der Croliusschen Werkstatt stand und auf Einlass wartete. Wie sie befürchtet hatte, stand Peter vor ihr, als die Tür sich öffnete.
»Was willst du denn?«, fragte er abweisend.
»Bitte, mein Onkel lässt fragen, ob wir etwas Ton von euch kaufen können«, sagte Johanna und trat einen Schritt zurück, denn über ihr schien ein Loch in der Dachrinne zu sein, das ihr ein kaltes Rinnsal im Nacken bescherte.
Peter schlug wortlos die Tür wieder zu.
Johanna wusste nicht, ob er drinnen seinen Vater fragte oder ob er einfach unhöflich war. Glücklicherweise wurde die Tür unmittelbar erneut geöffnet und Meister Crolius stand im Rahmen, die Stirn in Falten gelegt.
»Wir haben nichts zu verkaufen. Wenn dein Onkel nicht in der Lage ist, vernünftig zu planen, ist das sein Problem.«
Die Tür fiel wieder ins Schloss.
Mit hängenden Schultern machte Johanna sich auf den Weg zu Meister Remy. Auch er war ein angesehener Euler, dessen Familie allerdings noch nicht so lange in Hilgert ansässig war. Ihr Empfang dort war deutlich freundlicher, aber Ton konnte sie trotzdem nicht kaufen. Meister Remys Lager war ebenfalls fast leer.
Was die Ablehnung für sie persönlich und auch für ihren Onkel bedeutete, konnte sie nicht abschätzen. Anstatt direkt in die Werkstatt zu gehen, suchte sie lieber Luise auf und gab ihr die Münzen zurück.
»Crolius wollte nichts rausrücken, stimmt’s?«, fragte Luise und verzog missmutig das Gesicht.
Johanna schüttelte stumm den Kopf.
»Hab ich mir schon gedacht«, brummte die Tante und steckte das Geld in ihre Schürzentasche. »Dabei hat er erst vor zwei Wochen Ton geholt, das hab ich doch gesehen. Und Meister Remy hatte auch nichts zu geben? Das heißt dann wohl, dass wir die nächsten Tage Ton graben werden. Hoffentlich hört dieser vermaledeite Regen endlich auf.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus.
In diesem Moment trat Wilhelm in die Stube und richtete seinen finsteren Blick auf Johanna. »Hast du was bekommen?«
»Nein«, erwiderte Johanna kleinlaut. Was Meister Crolius gesagt hatte, behielt sie wohlweislich für sich.
Wilhelm knurrte verächtlich und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. »Machst du mir ein Sandbad warm, Frau? Meine Finger wollen nicht mehr.«
Luise nickte und strich ihm über die Schultern, während sie an ihm vorbeiging, eine große Schüssel mit feinem Sand nahm und diese in die Glut des Feuers stellte.
»Geh und räum in der Werkstatt auf, Johann. Wenn du willst, kannst du noch einmal an den Rosetten üben.«
»Ja, Onkel.« Schnell schlüpfte Johanna aus der Stube, ehe es ihm doch noch einfiel zu schimpfen.
In der Werkstatt reinigte sie die Töpferscheibe und die Werkzeuge und deckte den unbearbeiteten Ton ab. Dann trug sie vorsichtig die neuen Kannen in das Lager und stellte sie zum Trocknen ins Regal. Die bauchigen Krüge gefielen ihr besonders. Luise war diejenige, die die Kannen mit Henkeln versah, aber Johanna fragte sich, warum sie die Henkel nicht eleganter gestaltete, mit kleinen Schnörkeln oder mit Zweigen, wie sie es auf dem Markt gesehen hatte. Es reizte sie, aber das Henkeln war Frauensache und Wilhelm wollte nicht, dass sie sich damit beschäftigte. Ebenso wie das Blauen. Sie lachte unwillkürlich auf. Würde sie als Mädchen hier leben, dürfte sie sehr wohl die Kannen henkeln und bemalen. Warum war nur alles so streng aufgeteilt?
Sie zuckte mit den Schultern und kehrte in die Werkstatt zurück, wo sie ein Stück Ton flach ausrollte und erneut versuchte, die Rosetten zu kreieren, die sie auf den Kannen des Töpfers Knütgen gesehen hatte. Mit einem kleinen Holzstock drückte sie Muster in den Ton, doch es wollte einfach nicht gelingen.
»Was machst du da?«
Johanna fuhr zusammen. Sie war so in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass sie Maria gar nicht bemerkt hatte, die scheinbar wie aus dem Nichts in der Werkstatt aufgetaucht war.
»Erschreck mich doch nicht so!«, rief sie, was das andere Mädchen zum Lachen brachte.
»Ich war gar nicht leise.« Neugierig beugte sie sich herunter und betrachtete Johannas klägliche Versuche. »Du solltest ein Messer benutzen und das Muster ausschneiden. So macht mein Vater es beim Schnitzen auch. ›Nimm alles weg, was du nicht brauchst‹, sagt er immer.«
Johanna sah Maria an, als würde sie von einem anderen Stern kommen. Vor ihrem inneren Auge sah sie blitzartig, warum ihr Bemühen nicht funktionierte und wie sie es besser machen konnte. Sie sprang auf, drückte die überraschte Maria kurz an sich und wühlte dann in Wilhelms Werkzeugen herum, bis sie ein feines Messer gefunden hatte. Sie zeichnete die Umrisse der Rosette mit der Messerspitze in den Ton und schnitt dann vorsichtig die Vertiefungen heraus. Gleich beim ersten Versuch sah es schon viel besser aus als alles, was sie vorher probiert hatte. Stolz wandte sie sich um. Maria stand noch immer dort und beobachtete alles mit einem seltsamen Blick, den Johanna nicht deuten konnte.
»Danke!«, rief sie und strahlte Maria an. »Das war genau der Hinweis, den ich gebraucht habe! Warum hat Wilhelm mir das nicht gesagt?«
Eine leichte Röte überzog Marias Wangen. »Ich gehe dann mal Frau Hatterod um Eier bitten«, sagte sie, blieb aber stehen, wo sie war.
»Ja, das mach nur. Ich glaube, wir haben genug«, erwiderte Johanna und widmete sich wieder ihrer Arbeit, innerlich den Kopf schüttelnd, wieso sie nicht selbst auf diese einfache Idee gekommen war.
Sie fertigte zehn Rosetten an, ehe sie beschloss, ihre Arbeit für den Tag zu beenden. Erst als sie aufstand, spürte sie, wie ihr die Glieder schmerzten. Sie hatte wirklich viel zu lange reglos an der Werkbank gehockt und mit dem Messer, einem dünnen Rundhölzchen und ihren Fingern die Konturen der Rosetten ausgearbeitet. Die letzte war ihr so gut gelungen, dass sie sie sogar schöner fand als die, die sie auf dem Markt gesehen hatte.
Vorsichtig trug sie diese über den Hof in die Stube, wobei sie ausnahmsweise einen Bogen um Ido machte, damit er ihr das kostbare Stück nicht aus der Hand stieß. Maria war inzwischen längst weg. Wie lange sie noch dagestanden und zugesehen hatte, wusste Johanna nicht.
Ich werde schon genauso absonderlich wie mein Onkel, dachte sie schmunzelnd. Sie konnte jetzt viel besser nachvollziehen, warum sie ihn nicht ansprechen durfte, während er an einem Stück arbeitete.
Aufgeregt drängte sie die Stubentür mit der Schulter auf. »Sieh nur Onkel!«, sagte sie leise, obwohl sie es am liebsten herausgeschrien hätte. Auf ausgestreckter Hand hielt sie ihm die Rosette hin.
»Mach doch die Tür zu, Kind, es zieht ja wie Hechtsuppe«, schalt Luise, aber Wilhelm hielt eine Hand hoch und brachte sie damit zum Schweigen. Lange saß er über Johannas Hand gebeugt und betrachtete ihr Werk bis ins kleinste Detail. Dann blickte er zu ihr hoch. »Wie hast du das hinbekommen?«, fragte er, ein ehrliches Staunen im Gesicht.
»Maria hat gesagt, ich sollte den Ton schnitzen wie Holz! Und das hat funktioniert!«
»Schau nur, Luise. Schau dir das an.« Er winkte seine Frau herbei.
»Johann!«, rief sie verblüfft aus. »Du bist ja ein richtiger Künstler! Das ist wunderschön geworden!«
Johanna platzte fast vor Stolz. »Ich habe zehn davon gemacht, aber die hier ist am schönsten.«
»Wir müssen sie auf die Kannen aufbringen, jetzt gleich«, sagte Wilhelm und stand auf. »Wenn der Ton erst angetrocknet ist, geht es nicht mehr. Komm, Junge.«
»Aber Wilhelm, du wolltest doch essen …«, warf Luise ein.
»Jetzt nicht, Frau«, erwiderte er barsch und nahm schon seine Jacke vom Haken.
»Eben hat er noch behauptet, er würde gleich umfallen vor Hunger«, hörte Johanna sie hinter sich murmeln, während sie die Tür zuzog.
11. Kapitel
Wilhelm hatte Johanna genau erklärt, wie sie die Rosetten auf den fertigen Kannen anbringen musste, und sie hatte es mit so viel Sorgfalt und Vorsicht ausgeführt, dass er ihr die Unachtsamkeit bezüglich der Tonvorräte dreimal vergeben hatte. Trotzdem mussten sie in den Wald zum Tongraben und Johanna war extrem neugierig, wie das vonstattenging. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das Material, mit dem sie tagtäglich arbeitete, einfach so draußen herumlag.
Mit Spaten, robusten Körben und einem Handkarren bewaffnet, stapften Wilhelm und Jost mit Johanna in den Wald. Es war ein trüber Tag mit starkem Wind, der ihr mehr als einmal die Mütze vom Kopf fegte und mit feuchtkalten Fingern unangenehm in ihre Kleidung kroch.
»Vor zwei Wochen wäre gutes Wetter zum Tongraben gewesen«, maulte Jost, der den Karren zog.
Wilhelm war scheinbar nicht bereit, sich seinem Unmut anzuschließen, denn er antwortete nicht.
Sie folgten einem kaum sichtbaren Weg, der einen überraschend festen Untergrund aufwies. Er machte einige in Johannas Augen sinnlose Schlenker, doch als sie abkürzen wollte, versanken ihre Füße bis zum Knöchel im weichen Waldboden. Mit dem Karren kämen sie da nicht durch.
Schließlich gelangten sie an eine Lichtung mit einigen Tümpeln. Jost stieß ein entnervtes Stöhnen aus, sagte aber nichts, da ihn sofort Wilhelms strafender Blick streifte.
Der nahm einen Spaten und ging damit auf die Lichtung hinaus, wobei er den Spaten immer wieder in den Boden stieß. Die beiden anderen warteten neben dem Karren und zogen ihre Jacken enger um sich.
Johanna steckte ihre Hände in die Achselhöhlen, um sie zu wärmen. »Was macht er da?«, fragte sie.
»Er sucht eine gute Stelle zum Graben. Wenn er nichts findet, müssen wir ins Wasser.«
»Ins Wasser?«, fragte Johanna entsetzt. Ihr war jetzt schon eiskalt.
»Die ganzen Tümpel – das sind alles Tongruben. Der Boden lässt das Wasser nicht durchsickern, also entstehen Pfützen.«
»Du meinst, hier ist überall Ton im Boden? Einfach so?«
»Genau. Das ist Gott wohl so eingefallen. Es gibt Unterschiede, je nachdem, wo du gräbst. Meister Hatterod will natürlich den feinsten haben.«
Johanna beobachtete, wie ihr Onkel sich immer wieder bückte, Laub beiseitewischte, etwas Erde in die Hand nahm und sie prüfend knetete. Nach einer Weile winkte er ihnen zu. Jost zog den Karren bis zu der Stelle, die Wilhelm angezeigt hatte. Sie lag am Rand eines Tümpels und Johanna sah sofort, dass der Boden hier anders war.
»Da siehst du es Johann, diese feine Erde werden wir uns mitnehmen. Nimm dir einen Korb und dann schaufelst du die Erde mit dem Spaten hinein. Jost leert die Körbe in den Karren.«
Das klang wesentlich einfacher, als es war. Als Erstes rutschte Johanna auf dem glitschigen Boden aus und saß mit Schwung im Dreck. Jost lachte sie unverhohlen aus und selbst Wilhelm grinste sie schelmisch an. Nachdem sie wieder auf den Beinen war, versuchte sie, den Spaten in den Boden zu stechen. Sie bekam ihn aber nur wenige Zentimeter hinein, also stellte sie sich auf die Kanten. Mit ihrem Körpergewicht ging er etwas tiefer rein, aber dann bekam sie ihn nicht wieder heraus. Sie zerrte und zog, bis sie den Spaten endlich befreit hatte, doch Ton hatte sie noch keinen in ihrem Korb. Josts schallendes Gelächter scheuchte einige Krähen aus den Bäumen auf.
Schließlich erbarmte er sich und stach ein Loch für sie in den Boden, von dem sie dann Stück für Stück die Kanten abstechen konnte.
Die Arbeit war hart und schweißtreibend. Durch den hohen Wassergehalt waren selbst geringe Mengen Ton sehr schwer und Johanna konnte einen gefüllten Korb noch nicht einmal anheben. Jost und Wilhelm wechselten sich ab mit dem Graben und nach gut zwei Stunden hatten sie den Karren halb gefüllt. Johannas Beitrag war zwar gering, aber sie hatte sich die ganze Zeit rangehalten. Jetzt allerdings verspürte sie einen deutlichen Druck auf der Blase. Das war ein Problem. Das nächste Gebüsch, hinter dem sie sich effektiv hätte verstecken können, war zu weit entfernt. Ihr fiel kein vernünftiger Grund ein, warum sie so weit weg gehen sollte, um ihre Notdurft zu verrichten. Andererseits sollten sie die beiden Männer keinesfalls dabei beobachten, wie sie sich hinhockte. Denn dass Männer sich im Stehen erleichterten, wusste sie wohl.
»Was ist los, Johann? Kannst du nicht mehr?« Ihr Onkel sah sie fragend an.
»Nein, ich …« Johanna verstummte. Ob sie sich einfach hinter den Karren ducken konnte? Nein, das ging auf keinen Fall. »Ich … mir ist nicht gut«, endete sie schließlich lahm.
»Mach eine Pause, Junge. Du bist schon knallrot im Gesicht. Nicht, dass du uns gleich umfällst.«
Dankbar ließ Johanna den Spaten im Boden stecken und krabbelte auf Händen und Füßen aus der Kuhle heraus. Das war besser, als noch einmal auszurutschen. Sie lehnte sich an den Karren. Wilhelm und Jost arbeiteten zügig weiter, auch wenn sie dabei viel stöhnten und so manches Mal fluchten.