Über das Buch:
Britisch-Kolumbien, 1863: In ihrer Heimat hält sie nichts mehr: In der Textilfabrik in Manchester arbeitslos geworden, will die junge Zoe Hart ihr Glück in der Neuen Welt versuchen. Sie hofft darauf, hier einen passenden Ehemann zu finden, mit dem sie eine gemeinsame Zukunft aufbauen kann. Doch zuerst muss sie eine alte Schuld begleichen und ihren Bruder Zeke finden, der nach Britisch-Kolumbien geflohen ist. Ihr Anfang in der neuen Heimat gestaltet sich unerwartet dramatisch: Sie verliert ihre beste Freundin und ist plötzlich verantwortlich für ein kleines Mädchen, dessen Mutter, eine Ureinwohnerin, verstorben ist. Unterstützung erhält sie bei dieser ungewohnten Aufgabe von Pastor Abe Merivale, der die Minenarbeiter betreut. Um ihrem Pflegekind ein gutes Zuhause zu geben, will Zoe schließlich auf den Heiratsantrag eines Minenarbeiters mit zweifelhaftem Ruf eingehen, der ihr verspricht, ihren Bruder zu finden. Doch das kann Abe nicht zulassen: Um sie zu schützen, bietet er Zoe eine Zweckehe an. Wie wird sie sich entscheiden?
Über die Autorin:
Jody Hedlund lebt mit ihrem Mann, den sie als ihren größten Fan bezeichnet, in Michigan. Ihre 5 Kinder werden zu Hause unterrichtet. Die Zeit, die ihr neben dieser Tätigkeit noch bleibt, widmet sie dem Schreiben.
Kapitel 7
Abe war für diesen Tag mit seiner Arbeit fertig und betrat durch die Seitentür die Christ Church Cathedral. Sein Pfeifen verstummte aus Respekt vor Gottes Haus.
In den letzten hektischen Tagen in Victoria hatte er so viel zu tun gehabt, dass er seine Gebetszeiten vernachlässigt und sich nicht genug Zeit genommen hatte, um dem Herrn seine Sorgen anzuvertrauen. Jetzt erdrückten ihn die vielen Lasten. Besonders sein Gespräch mit Zoe Hart nach der Beerdigung ließ ihm keine Ruhe. Obwohl seitdem Stunden vergangen waren, spannte sich sein Körper jedes Mal an, wenn er sich erinnerte, wie sie mit Dexter Dawson geredet und er dieses Gespräch am liebsten unterbrochen hätte.
Abe hatte Dex nach der Beerdigung nicht bemerkt. Er hatte erst gesehen, dass er mit Miss Hart gesprochen hatte, als es zu spät gewesen war. Sobald er den Mann erblickt hatte, war er so schnell wie möglich zu den beiden geeilt. Als er bei ihr angekommen war, war Dex jedoch schon wieder fort gewesen. Obwohl Abe kein Mann war, der handgreiflich wurde, wäre er Dex am liebsten nachgelaufen, hätte ihn gestoßen und angebrüllt, dass er die Finger von Miss Hart lassen solle.
»Genau aus diesem Grund brauche ich deine Gegenwart, Herr«, flüsterte er, während er in den schwach beleuchteten Seitengang huschte. »Ich bin schwach und sündig und brauche dringend deine Kraft.«
Als er ein Gemeindemitglied mit Bischof Hills in der Vorhalle sprechen sah, bewegte sich Abe leise weiter, um die beiden nicht zu stören. Obwohl er viele Gebetsorte hatte, war diese Kirche einer seiner Lieblingsorte. Der Frieden der Kathedrale hüllte ihn jedes Mal ein und die ehrfurchtsvolle Stille beruhigte seine Seele.
Die Buntglasfenster, die großen Säulen und hohen Bögen weckten Erinnerungen an seine Heimatkirche in Yorkshire und erinnerten ihn an Gottes Berufung: Er hatte seinen Dienst in der Kirche nicht nur angetreten, weil er ein jüngerer Sohn war, der kein Landgut zu verwalten und kein Erbe zu erwarten hatte. Nein, er hatte diesen Beruf gewählt, weil er auf der Welt etwas zum Guten verändern wollte, weil er den Menschen, die keine Hoffnung hatten, Gottes Liebe weitergeben wollte.
»Da ist er ja!« Bischof Hills’ laute Stimme hallte durch das Kirchenschiff. »Mr Merivale, wir haben gerade von Ihnen gesprochen. Officer Green ist gekommen, um mit Ihnen zu sprechen.«
Officer Green? Abe beschleunigte seine Schritte und trat zu den beiden. Hatte Officer Green Nachrichten über Herman Coxs Aufenthaltsort? Abe war an dem Tag, an dem ihm Herman das Baby gebracht hatte, zur Polizei gegangen. Seitdem hatte er der Polizeiwache jeden Tag einen Besuch abgestattet, um sich zu erkundigen, ob es Neuigkeiten gab. Nur heute war er nicht dort gewesen, da er mit der Beerdigung und den Ausschusssitzungen so beschäftigt gewesen war.
»Officer Green.« Abe nickte dem Polizisten zu. »Wie geht es Ihrer Frau?«
»Sie ist noch schwach, aber es wird schon besser.« Der Polizist senkte den Kopf. »Die Medikamente und Gebete helfen ihr.«
»Ich werde weiter für sie beten.«
»Danke, Herr Pfarrer. Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir.«
Abe mied Bischof Hills’ Blick. Sein Vorgesetzter würde ihn erneut ermahnen, dass er sich auf seine Gemeindemitglieder in den Bergdörfern konzentrieren und sich nicht in Dinge einmischen sollte, die ihn nichts angingen. Er hatte es nicht gutgeheißen, dass Abe Dr. Helmcken gebeten hatte, Mrs Green zu besuchen, obwohl der freundliche Arzt dann bei diesem Hausbesuch eine schwere Grippe bei der Frau diagnostiziert und behandelt hatte. Bischof Hills vertrat den Standpunkt, dass Gott Pastoren berufen habe, geistliche Themen anzusprechen, und er fand, dass Abe zu viel Energie und Zeit mit körperlichen Bedürfnissen vergeudete.
»Wir sind keine Hilfsorganisation, Mr Merivale«, hatte Bischof Hills bei ihrem letzten Gespräch gesagt. »Wir sind in den Kolonien, um das Evangelium zu verkünden und Kirchen zu bauen. Nur das Evangelium hat die Kraft, Menschenleben wirklich zu verändern, und das muss unser Schwerpunkt und unsere Priorität bleiben.«
Abe gab ihm in Bezug auf die Macht des Evangeliums recht. Trotzdem bereute er es immer noch, dass er für die Fabrikarbeiter in seiner Pfarrei in Sheffield nicht mehr getan hatte. Die schwere Arbeit, Metall zu schleifen, zu formen und zu polieren, war gefährlich und es kam oft zu Verletzungen und Krankheiten. Hätte er die Tragödie verhindern können, wenn er früher eingegriffen und die Not der Arbeiter angesprochen hätte?
Wenn er ihre Sorgen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Bezahlung unterstützt hätte, wäre es vielleicht möglich gewesen, eine friedliche Lösung für die Konflikte herbeizuführen. Doch stattdessen war die Unzufriedenheit der Arbeiter immer mehr gewachsen und schließlich eskaliert. Sie hatten ein Haus in die Luft gejagt und dabei einen ihrer Vorgesetzten mit seiner Frau und seinen zwei Kindern getötet.
Der Verlust dieser Menschenleben belastete Abe sehr. Seit er Sheffield verlassen hatte, war es ihm ein Anliegen, sich der Not und Probleme der Menschen, denen er begegnete, anzunehmen. Wenn nur Bischof Hills versuchen würde, ihn zu verstehen!
Wenn Abe eines Tages selbst Bischof wäre, würde er alles tun, um die Männer, die ihm unterstanden, besser zu verstehen. Und er würde sich unbedingt für die nötigen Veränderungen in der Kirchenpolitik einsetzen.
»Officer Green hat mir berichtet, dass Sie sich an der Suche nach dem Vater eines Indianerbabys beteiligen.« In Bischof Hills’ Tonfall schwang eine erneute Missbilligung mit.
»Ich habe diesen Goldgräber in meinem Gemeindebezirk kennengelernt, Hochwürden«, sagte Abe schnell. »Seine Frau ist vor Kurzem gestorben und er ist vor Trauer ganz krank.«
»Aber es gehört nicht zu Ihren Aufgaben, ein Zuhause für ungewollte Kinder zu suchen.« Bischof Hills faltete die Hände auf seinem Rücken und wippte auf den Fußballen vor und zurück. Der Bischof war mindestens dreißig Zentimeter kleiner als Abe, beherrschte es aber trotzdem, auf Abe herabzuschauen und ihm das Gefühl zu geben, er wäre ein unmündiges Kind.
»Ich habe die Absicht, dem Vater des Babys zu helfen, damit er seine Hoffnung auf den Herrn setzt und sich um seine Tochter kümmern kann.«
Der Polizist räusperte sich. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Herman Cox das nicht mehr kann.«
»Ich würde trotzdem gern mit ihm sprechen und beten.«
»Er ist tot.« Officer Greens Augen waren ernst. »Ich bin gekommen, sobald diese Nachricht bei uns eintraf. Ich dachte, dass Sie es sofort wissen wollen.«
»Danke, Officer Green.« Eine beunruhigende Sorge machte sich in Abes Brustkorb breit.
»Er wurde in seinem Hotelbett in New Westminster tot aufgefunden.«
»Weiß man, woran er gestorben ist?«
»Deputy Farthing in New Westminster schließt einen Mord aus. Er sagt, es gebe keine Spuren von einem Kampf.«
»War es Selbstmord?« Noch während Abe dieses Wort aussprach, legten sich eine schwere Traurigkeit und neue Schuldgefühle auf seine Schultern. Er hätte mehr für Herman tun sollen. Er hätte ihn besuchen sollen, nachdem er Rose geheiratet hatte. Er hätte neulich nicht das Krankenhaus verlassen sollen, ohne vorher mit ihm zu beten.
»Deputy Farthing konnte einen Selbstmord nicht ausschließen«, antwortete Officer Green. »Aber er konnte auch keinen Beweis dafür finden. Allem Anschein nach ist der Mann im Schlaf gestorben.«
»Dann ist sein Baby jetzt tatsächlich ein Waisenkind.«
Bischof Hills legte ermahnend eine Hand auf Abes Arm. »Wir sind für die Aufnahme von Waisenkindern nicht ausgestattet, Mr Merivale. Sie müssen das Kind Officer Green überlassen. Er wird sich darum kümmern.«
»Oh, nein!« Der Polizist trat schnell einen Schritt zurück. »Ich kann das Baby nicht mit zur Polizeiwache nehmen. Wir sind für eine solche Situation auch nicht ausgerüstet. Das geht auf keinen Fall.«
Der Bischof runzelte finster die Stirn. »Aber Sie können doch sicher jemanden in unserer Stadt finden, der bereit ist, das Kind aufzunehmen und es zu versorgen, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist.«
»Wir sind kein Waisenhaus.«
»Wir auch nicht!« Bischof Hills deutete zum Kirchenschiff, um seine Worte zu unterstreichen.
Abes Verstand arbeitete auf Hochtouren. Seine Gedanken rasten in hundert verschiedene Richtungen. Er wusste genauso wenig eine Lösung wie der Polizist und der Bischof. Aber er wusste, dass er versuchen musste, dem Kind zu helfen. »Herman wollte, dass ich ein gutes Zuhause für das Kind finde. Wenn ich dafür sorge, dass sich das in der Stadt herumspricht, wird sich vielleicht jemand melden.«
»Mr Merivale«, sagte der Bischof, »wir sind kein Waisenhaus und wir sind auch keine Adoptionsagentur. Ich verbiete Ihnen, Ihre Zeit und Energie noch weiter mit dieser Sache zu vergeuden. Besonders da wir beide wissen, wie erfolglos solche Bemühungen wären.«
Weil das Kind eine indianische Mutter hat? Abe lag es auf der Zunge, diese Frage laut auszusprechen. Aber er beugte den Kopf und betete im Stillen um die nötige Demut, sich seinem Vorgesetzten unterzuordnen, und um Weisheit, wie er sich in dieser Angelegenheit verhalten sollte.
»Die beste Lösung ist es, das Baby zu den Indianern zu bringen«, fuhr der Bischof fort. »Officer Green, ich schlage vor, dass Sie das Kind ins Nordlager bringen und es dort lassen.«
»Er kann Violet nicht einfach im Nordlager abliefern.« Abes Widerspruch fiel vehementer aus, als er beabsichtigt hatte.
Bischof Hills zog die Brauen hoch und blickte ihn strafend an.
Abe zügelte seine wachsende Frustration und sprach mit ruhigerer Stimme weiter. »Das Lager ist nicht mehr das, was es einmal war. Im Nordlager leben nur noch sehr wenige Menschen und um diese Jahreszeit kommen so gut wie keine Indianer dorthin, um Handel zu treiben. Wenn wir das Kind ins Nordlager bringen, dann können wir auch gleich sein Grab schaufeln.«
»Sparen Sie sich diese Theatralik, Mr Merivale. Im Lager wird sicher jemand Mitleid mit dem Waisenkind haben.«
»Eine Frau vom Brautschiff kümmert sich um das Kind.« Zum ersten Mal, seit Zoe Hart darauf bestanden hatte, sich um Violet zu kümmern, war Abe dankbar, dass sie das Baby in ihre Obhut genommen hatte. »Sie hat erwähnt, dass sie das Kind behalten möchte …«
»Das Kind sollte unter seinesgleichen sein. Außerdem ist eine alleinstehende Frau nicht geeignet, die Verantwortung für die Erziehung eines Kindes zu tragen.«
»Das sehe ich auch so, Sir«, stimmte Officer Green dem Bischof zu.
»Sie ist auf der Suche nach einem Mann«, gab Abe zu, obwohl ihm die Vorstellung, dass Zoe Dexter Dawson heiraten könnte, überhaupt nicht gefiel. »Wenn sie heiratet, wird sie sicher eine gute Mutter sein. Schon jetzt kümmert sie sich hingebungsvoll um das Kind.«
»Trotzdem«, erklärte der Bischof, »sollte das nur eine vorübergehende Lösung sein. Das Kind sollte auf jeden Fall zu seinem Volk zurückgebracht werden.«
Der Polizist und der Bischof sprachen noch einige Minuten weiter und äußerten ihre Bedenken. Als sich Officer Green verabschiedete, waren Abes Nerven extrem angespannt und sein Bedürfnis nach einem stillen Gebet war noch viel stärker geworden.
Als er nach vorne zum Altarraum gehen wollte, rief ihm der Bischof nach. »Warten Sie bitte noch kurz, Mr Merivale. Sie haben heute Morgen einen Brief von Elizabeth bekommen.«
Ein Brief von Elizabeth? Abes Herz schlug höher. Obwohl es für Lizzys übliche Korrespondenz noch relativ früh im Monat war, hatte er plötzlich das starke Bedürfnis, von ihr zu hören. Vielleicht hatte sie auf den Brief geantwortet, den er im Herbst mit seinem Heiratsantrag an sie geschickt hatte. Aber eigentlich konnte das nicht sein, denn es dauerte Monate, bis sein Brief sie erreichte und wiederum einige Monate, bis ihre Antwort bei ihm ankam.
Er kehrte zu Bischof Hills zurück und nahm den Umschlag, auf dem er Lizzys saubere Handschrift sah. Eifrig zog er sich in die vorderste Kirchenbank zurück und setzte sich. Er atmete tief aus, dann öffnete er den Brief, hielt ihn an seine Nase und versuchte, Lizzys süßen Duft einzuatmen.
Doch nach den vielen Meilen, die der Brief zurückgelegt hatte, roch das Papier nur noch nach dem stickigen Lagerraum, in dem es auf dem Weg von England bis in den Pazifischen Nordwesten monatelang gelegen hatte.
Er strich das Papier glatt und begann zu lesen. Mein liebster Abraham, ich schiebe diesen Brief schon eine ganze Weile vor mir her, aber mir ist bewusst, dass ich ihn nicht länger aufschieben kann. Wenn du diesen Brief bekommst, bin ich wahrscheinlich schon verheiratet.
Verheiratet?! Was sollte das heißen? Er las eilig weiter. Ich werde an Weihnachten Daniel Patterson heiraten.
Abes Pulsschlag verdoppelte sich. Sie konnte unmöglich einen anderen Mann heiraten! Sie hatte versprochen, auf ihn zu warten. Sie passten doch perfekt zueinander. Und er hatte in letzter Zeit immer öfter ans Heiraten gedacht.
Daniel und ich haben im letzten Jahr viel Zeit miteinander verbracht und eine tiefe Zuneigung zueinander entwickelt. Ich glaube, ich liebe ihn, Abraham. Ich bete, dass du das verstehst und dass du dich für mich freust.
Ein heißer, brennender Schmerz durchbohrte Abes Brust und raubte ihm den Atem. Lizzy liebte einen anderen Mann und nicht ihn! Sie hatten sich zwar nie ihre Liebe gestanden, aber er war davon ausgegangen, dass sie ihn lieben würde. Er hatte sie auf jeden Fall geliebt!
Warum hatte sie ihre Meinung geändert? Und wie in aller Welt konnte sie erwarten, dass er sich für sie freuen würde?
Er überflog den Rest des Briefes und konnte ihre Worte kaum verarbeiten. Sie schilderte, wie Daniel und sie sich bei ihrer gemeinsamen ehrenamtlichen Arbeit besser kennengelernt hatten, wie ihre Eltern sie zu dieser Verbindung ermutigt hatten und wie sehr sie die Zeit mit ihm genoss.
Auch wenn niemand mit dir zu vergleichen ist, Abraham, habe ich erkannt, dass Daniel ein guter Mann ist, der mir die Stabilität und Familie geben wird, nach der ich mich sehne.
Wollte Lizzy damit sagen, dass ihr Abe keine Stabilität und Familie geben konnte? Sie wusste doch bestimmt, dass er das nach seiner Rückkehr tun würde. Nach seiner Zeit als Missionar würde ihm die Kirche eine größere Gemeinde anvertrauen. Als anglikanischer Pfarrer könnte er ihr ein angenehmes Leben mit allem bieten, was sie je brauchen oder wollen konnte. Hoffentlich würde er eines Tages Bischof werden, was ihm noch mehr Ansehen einbringen würde.
War sie es einfach müde geworden, auf seine Rückkehr zu warten? Er ging im Geiste die Briefe durch, die sie ihm in den letzten Monaten geschrieben hatte. Sie hatte nie angedeutet, dass sie seine Abwesenheit nicht mehr ertragen könne. Sie hatte sich nie unzufrieden über ihre Vereinbarung geäußert. Und sie hatte ganz gewiss nie angedeutet, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Wenigstens glaubte er das nicht.
Warum hatte sie nichts gesagt? Dann hätte er sie viel früher gebeten, zu ihm zu kommen. Sie hätte schon vor einem Jahr nach British Columbia kommen können und sie könnten inzwischen längst verheiratet sein. So wie es aussah, war Abes Heiratsantrag wahrscheinlich erst bei Lizzy angekommen, als sie schon verlobt gewesen war und die Hochzeit mit Daniel Patterson geplant hatte. Viel zu spät, um ihre Pläne zu ändern.
Er las ihren Brief noch einmal. Seine Augen brannten und seine Brust hämmerte. Als er den Brief fertig gelesen hatte, zerknüllte er das Blatt, ließ es auf den Boden fallen und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
Lizzy war verheiratet. Die Frau, die er liebte, war nun für ihn unerreichbar geworden. Die Frau, die eine perfekte Ehefrau und Gefährtin für ihn gewesen wäre, gehörte jetzt zu einem anderen Mann.
Oh, Lizzy, was hast du getan?, schrie sein Herz mit einem Schmerz, der ihn von der Kirchenbank herunter auf die Knie gehen ließ.
Er musste beten, er musste zum Herrn schreien, aber er konnte keine Worte finden. Er konnte nichts anderes denken, als dass ihn Lizzy wegen eines anderen Mannes verlassen hatte. Sie hatte ihn ohne Vorwarnung einfach fallen gelassen. Sie hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, sich zu bessern. Sie hatte ihm ihre Gefühle erst geschrieben, als es zu spät gewesen war.
Wenn sie ihn wirklich mögen würde, hätte sie ihn doch vorgewarnt, oder täuschte er sich da? Wie konnte sie so egoistisch sein und nur an sich selbst denken?
Wenn sie eine solche Frau geworden war, dann ginge es ihm ohne sie besser! Er brauchte sie nicht. Er würde eine andere Frau finden und er wäre ihr ein guter Ehemann. Dann würde Lizzy sehen, was sie verpasste, weil sie ihn nicht geheiratet hatte! Sie würde ihre Entscheidung bitter bereuen. Dann würde sie zu ihm kommen und ihm gestehen, dass sie einen Fehler gemacht hatte und ihn vermisste.
»Pastor Abe?«, sagte eine Frauenstimme über ihm.
Er wollte im Moment nicht gestört werden. Er war nicht in der Verfassung, mit jemandem ruhig oder freundlich zu sprechen. Er wollte einfach mit seinen Gedanken in Ruhe gelassen werden.
»Ich will heiraten. Wären Sie dazu bereit?«
Er riss den Kopf hoch und entdeckte Zoe Hart, die neben ihm stand. Ihr langes Haar hing in weichen Wellen über ihren Schultern und die Strähnen an ihren Schläfen waren zu einem hübschen Knoten nach hinten gebunden. Er hatte sie schon vorher für schön gehalten, aber mit ihrem faszinierenden Haar, das wie ein dunkler Schleier über ihr lag, erschien sie ihm nun atemberaubend. Sie blickte mit ihren grünen Augen, die von langen Wimpern umrahmt waren, auf ihn hinab.
Hatte sie ihm soeben einen Heiratsantrag gemacht?
Ihre Frage war so verblüffend und ungewöhnlich, dass er seinen Mund nicht dazu bewegen konnte, ihr eine Antwort zu geben. Er konnte sie nur anstarren und versuchte zu begreifen, warum sie ihn heiraten wollte. Natürlich suchte sie verzweifelt einen Mann, um Violet behalten zu können. Sie hatte ihm nach der Beerdigung gesagt, dass sie, wenn nötig, sogar bereit sei, Dexter Dawson zu heiraten.
Vielleicht hatte Dex ihr einen Korb gegeben. Vielleicht konnte sie keinen anderen Mann finden, der bereit war, sie zu heiraten und Violet aufzunehmen. Vielleicht meinte sie, Abe wäre dazu bereit, da er sich für Violet verantwortlich fühlte.
»Was denken Sie?« Miss Hart warf einen Blick zur leeren Vorhalle. Zum Glück war Bischof Hills nicht mehr in der Kirche und hatte Abes Zusammenbruch wegen Lizzys Brief nicht mitbekommen.
Beim bloßen Gedanken an Lizzy schoss ein tiefer Schmerz durch seine Adern. Da Lizzy verheiratet war, hinderte ihn nichts daran, sich eine Frau zu nehmen. Er konnte heiraten und Lizzy schreiben, dass er eine andere Frau gefunden habe. Wenigstens wüsste sie dann, dass er sich nicht nach ihr verzehrte, dass er genauso schnell neue Wege eingeschlagen hatte wie sie.
Miss Harts Stirn legte sich in Falten. »Fühlen Sie sich wohl? Sie sehen nicht besonders gut aus.«
Er ließ den Kopf hängen, da ihn der Inhalt von Lizzys Brief erneut mit erdrückender Wucht traf. Aber genauso schnell, wie der Schmerz kam, regte sich auch starker Ärger in ihm. Er erhob sich und baute sich vor Miss Hart auf.
»Wann wollen Sie heiraten?«, fragte er.
»Ich dachte, heute Abend um neunzehn Uhr.«
»Heute Abend?« Er schluckte schwer und blickte sich in der leeren Kirche um. Konnte er das tatsächlich tun? Eine innere Stimme warnte ihn, dass das viel zu überstürzt wäre. Normalerweise war er immer derjenige, der zur Vorsicht mahnte und den Männern und Frauen riet, sich Zeit zu geben und sich zu keinen impulsiven Entscheidungen hinreißen zu lassen.
Aber seit der Aufforderung von Bischof Hills und Officer Green, dass er das Baby ins Nordlager bringen solle, hatte sich seine Sorge um das Wohl des Kindes verdoppelt. Er musste schnell eine machbare Lösung finden.
»Wenn Sie nicht dazu bereit sind«, sagte sie, »können Sie vielleicht nachsehen, ob jemand anders …«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht dazu bereit bin.«
»Dann sind Sie dabei?«
Warum eigentlich nicht? Obwohl ihm sein Verstand zig Gründe aufzählte, warum er vorsichtig sein sollte, verdrängte er diese Warnungen.
Miss Hart beobachtete erwartungsvoll sein Gesicht. Das Licht der Leuchter spiegelte sich in ihren Augen, vertiefte das Grün und ließ ihre Haut wie cremefarbenes Porzellan aussehen. Miss Hart wäre auf jeden Fall eine Augenweide. Er würde es nie müde werden, sie anzusehen. Sie besaß eine ungezähmte Schönheit, die im Vergleich zu Lizzys sachlich nüchternem Aussehen fast exotisch war.
»Gut«, hörte er sich sagen, obwohl seine Brust vor Schmerz brannte, weil die Frau, die er immer gewollt hatte, sich gegen ihn entschieden hatte. »Ich bin dabei.«
Kapitel 8
Zoe schaute Pastor Abe fragend an. Irgendetwas stimmte nicht. Sie hatte von ihm mehr Widerstand gegen ihren Wunsch, heute Abend zu heiraten, erwartet. Wenn er wüsste, dass sie sich für Dexter Dawson entschieden hatte, würde er sicher protestieren. Vielleicht glaubte er, sie wollte einen anderen Mann heiraten.
Sie warf einen Blick zur Tür und fragte sich erneut, ob es wirklich richtig war, Dexter zu heiraten. Als sie festgestellt hatte, dass sie zu früh in der Kirche war, hätte sie beinahe kehrtgemacht und wäre verschwunden.
»Bischof Hills könnte noch hier sein«, sagte Pastor Abe zögernd. »Aber ich bin nicht sicher, ob er der Trauung zustimmt.«
»Wir brauchen doch nicht die Erlaubnis des Bischofs, oder?«
»Nicht unbedingt.« Er zupfte an seinem Kollar, als schnüre ihm der Kragen die Luft ab. »Wir könnten zu Richter Woodcock gehen. Er schuldet mir noch einen Gefallen.«
»Sie meinen einen Friedensrichter?« Pastor Abes Worte ergaben keinen Sinn. Er hatte doch soeben eingewilligt, die Trauung durchzuführen. Wozu brauchten sie dann noch jemand anderen?
»Es sei denn, Sie möchten eine kirchliche Trauung?«
Bevor sie antworten konnte, ging die Seitentür auf. Sie erwartete, Dexter Dawson zu sehen, und war überrascht, dass ein junger Mann die Kirche betrat, der genauso wie Pastor Abe mit einem dunklen Anzug und einem Kollar bekleidet war.
»John, du kommst wie gerufen«, sagte Pastor Abe mit unüberhörbarer Erleichterung in der Stimme.
Der junge Mann lächelte breit. Trotz seiner schiefen Schneidezähne hatte er ein freundliches Lächeln. Er war ein Zwerg von einem Mann – klein und so dünn, dass ihn wahrscheinlich der leiseste Windhauch wegwehen würde. Sein Gesicht wies mehrere Narben auf, aber er strahlte eine jugendliche Energie aus, die Zoe an ihren Bruder erinnerte.
Pastor Abe und John umarmten sich und klopften sich auf den Rücken. »Du kommst genau im richtigen Moment.«
»Im richtigen Moment wozu?« John warf einen scheuen Seitenblick auf Zoe.
»Zu meiner Hochzeit.«
Zoe atmete scharf ein. Pastor Abe wollte auch heiraten?
Johns Lächeln erstarrte. »Zu deiner Hochzeit?«
»Ja. Ich heirate heute Abend Miss Hart und ich bitte dich, die Trauung durchzuführen.«
Vor Zoes Augen drehte sich plötzlich alles. Was war hier los? Wie kam Pastor Abe auf die Idee, sie zu heiraten? Sie ging im Geiste durch, was sie gesagt und getan hatte, seit sie in die Kirche gekommen war. Hatte sie ihm irgendwie den Eindruck vermittelt, sie würde ihn heiraten wollen? Oder hatte er von den vielen Absagen gehört, die sie heute bekommen hatte, und ging davon aus, dass er ihre einzige Option war? Hatte er von ihren Plänen, Dexter zu heiraten, gehört und beschlossen, sie lieber selbst zu heiraten?
Johns Lächeln erstarb. »Ich wusste nicht, dass du und Lizzy euch getrennt habt.«
Als dieser Name fiel, wurde Pastor Abes Miene hart. »Lizzy ist inzwischen mit einem anderen verheiratet. Ich bin frei und kann tun, was ich will.«
»Sie hat geheiratet?«, krächzte John.
»Ja. Offenbar hat sie an Weihnachten geheiratet.«
Der Schmerz in Pastor Abes Stimme und in seinen Augen verriet Zoe alles, was sie wissen musste: Lizzy war die Frau, die in England auf ihn gewartet hatte, die Frau, von der ihr Mrs Moresby erzählt hatte. Und sie hatte Pastor Abe offenbar sitzen gelassen.
John warf erneut einen scheuen Blick auf Zoe, bevor er sich zu Pastor Abe vorbeugte und leise murmelte: »Ich wusste nicht, dass du einer anderen Frau nahestehst.«
»Ich habe mit Miss Hart die ganze Woche zusammengearbeitet, um ein Baby zu retten. Wir stehen uns zwar nicht nahe, aber ich habe sie kennengelernt und kann ihren guten Charakter bezeugen.«
Johns Blick wanderte zwischen ihr und Pastor Abe hin und her, als wollte er das Rätsel ihrer Bekanntschaft und dieser überstürzten Hochzeit lösen. Zoe war genauso verwirrt wie er und konnte nur die Achseln zucken.
»Können wir anfangen?«, fragte Pastor Abe.
John nahm seinen hohen schwarzen Hut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte dann den Hut wieder auf. »Bist du dir sicher?«
»Solange sich Miss Hart sicher ist.« Endlich schaute Pastor Abe Zoe an. Aus seinen blauen Augen sprachen tiefe Wunden, die ihr vorher nicht aufgefallen waren. Die Muskeln an seinem Kinn arbeiteten unermüdlich.
War sie sich sicher? Sie war in die Kirche gekommen, um Dexter Dawson zu heiraten. Aber Pastor Abe war natürlich eine viel bessere Wahl. Er war über jeden Tadel erhaben, er würde Violet gern annehmen und für sie sorgen, statt das Baby nur zähneknirschend zu tolerieren.
Das Einzige, das Zoe außer Violet noch wichtig war, war die Suche nach Zeke. Da Pastor Abe im Goldgräbergebiet lebte, könnte er ihr zweifellos helfen, ihren Bruder zu finden. Auf jeden Fall wäre er bestimmt so freundlich, Erkundigungen nach ihm einzuziehen.
»Herman Cox ist tot«, platzte Pastor Abe heraus.
Ihr Herzschlag stockte. Einerseits wollte sie vor Erleichterung jubeln, andererseits trauerte sie um Violets Vater und um das Leben, das er verloren hatte. Er würde seine Tochter nicht aufwachsen sehen.
»Mein Vorgesetzter, Bischof Hills, hat verlangt, dass ich Violet ins Nordlager bringe«, fuhr Pastor Abe fort, als würde das seine Bereitschaft, sie zu heiraten, erklären. »Ich soll sie dort lassen.«
Von diesem Lager hatte Zoe noch nie etwas gehört, aber der Ernst in Pastor Abes Miene machte ihr klar, dass sie alles tun müsste, um Bischof Hills’ Plan zu verhindern. »Wird er Sie dazu zwingen?«
»Ich wüsste nicht, warum er das tun sollte, wenn wir heiraten und uns bereit erklären, uns um das Kind zu kümmern.«
Sie betete, dass er recht hätte. »Ich hatte eigentlich vor, Dexter Dawson zu heiraten. Aber wenn Sie bereit sind, mich zu heiraten, wie könnte ich da Nein sagen?«
Pastor Abe warf einen Blick auf das zerknüllte Papier auf dem Boden, schwieg einen Moment und nickte dann kurz. »Fangen wir an.«
Wenn sie diesen Moment nicht nutzte, wenn sie auch nur fünf Minuten länger wartete, würde er wieder zu Sinnen kommen und eilig verschwinden. Dann wäre ihre Chance, ihn zu heiraten, dahin und ihr bliebe nichts anderes übrig, als Dexter zum Mann zu nehmen.
Pastor Abe baute sich erwartungsvoll vor John auf. Zoe nahm den Platz an seiner Seite ein.
Wieder blickte John stirnrunzelnd und verblüfft von ihr zu Abe und wieder zu ihr zurück. »Das ist wirklich sehr ungewöhnlich.« Er steckte die Hand in die Innentasche seines Mantels und holte sein Gebetbuch heraus.
»Ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Maßnahmen.« Pastor Abe blieb steif stehen.
»Wie du meinst, mein Freund.« John schlug das abgegriffene schwarze Buch auf. »Ich gehe davon aus, dass du eine so folgenschwere Entscheidung erst nach reiflichem Gebet und Überlegen getroffen hast.«
Pastor Abe verzog das Gesicht, blieb aber regungslos stehen.
John blätterte in den dünnen Seiten, bis er die Liturgie fand, die er suchte. Er begann, die Einführungsworte der Trauungszeremonie vorzulesen.
»Vielleicht nur das Eheversprechen?«, schlug Pastor Abe mit angespannter Stimme vor.
Johns Augen weiteten sich. Er sah aus, als wollte er noch mehr sagen, aber nach einer Sekunde nickte er und blätterte einige Seiten weiter.
»Willst du diese Frau zu deiner angetrauten Frau nehmen und mit ihr vor Gott im heiligen Stand der Ehe leben? Willst du sie lieben, trösten, ehren und ihr die Treue halten in Krankheit und in Gesundheit und allen anderen entsagen, bis dass der Tod euch scheidet?«
Pastor Abe antwortete nicht.
Zoe blickte ihn von der Seite an. Die Muskeln an seinem Kinn arbeiteten und in seinen Augen stand eine tiefe Traurigkeit. Sie wusste nicht, was diesen Schmerz ausgelöst hatte. Im Grunde wusste sie überhaupt nicht viel über ihn. Trotzdem regte sich ein starkes Mitgefühl in ihr. Sie wollte ihn berühren und trösten, sie wollte ihm zeigen, dass er in seinem Kummer nicht allein war, dass sie verstand, wie es war, einen solchen Schmerz zu fühlen.
Aber sie spürte, dass er zurückweichen würde, falls sie ihn berührte. Vielleicht würde er sogar aus der Kirche laufen.
»Abraham?«, fragte John mit einem flehenden Tonfall.
»Ja, ich will«, sagte Pastor Abe schnell und entschlossen.
John schaute seinen Freund einen langen Moment an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die aufgeschlagene Seite in seinem Buch richtete. »Willst du diesen Mann zu deinem angetrauten Mann nehmen und mit ihm vor Gott im heiligen Stand der Ehe leben? Willst du ihn lieben, trösten, ehren und ihm die Treue halten in Krankheit und in Gesundheit und allen anderen entsagen, bis dass der Tod euch scheidet?«
»Ja, ich will«, antwortete sie.
Als sie das gesagt hatte, legte John Pastor Abes rechte Hand und ihre rechte Hand zusammen, wie es Brauch war. Pastor Abes Finger waren kalt und feucht, aber fest und unerschütterlich. Er wiederholte sein Eheversprechen ohne das geringste Zögern. Als er fertig war, gab Zoe ihr Versprechen.
»Hast du einen Ring?«, fragte John.
Pastor Abe schüttelte den Kopf. »Den Ring besorge ich später.«
»Gut. Dann beten wir zusammen.« John las ein Gebet und legte danach ihre Hände wieder zusammen. »Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Ihr habt euch vor Gott den heiligen Bund der Ehe versprochen, deshalb erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.«
Pastor Abe ließ den Kopf gebeugt. Zoe wollte ihn nicht bei seinem Gebet stören – falls er noch betete – und blieb deshalb still. John beugte ebenfalls den Kopf und warf hin und wieder einen verstohlenen Blick auf Pastor Abe. Nach mehreren schweigenden Minuten schaute John schließlich seinen Freund direkt an und räusperte sich.
Pastor Abe hob mit entschlossener Miene den Kopf.
John klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Herzlichen Glückwunsch Abraham. Möge Gott eure Ehe segnen und euch viel Glück schenken.«
»Danke, John.«
John wandte sich mit einem freundlichen Lächeln an sie. »Möge Gott Sie auch segnen, Mrs Merivale.«
Mrs Merivale. Sie war nun Mrs Merivale. Das war völlig ungewohnt.
»Sie haben in Abraham einen sehr guten Mann gefunden«, fuhr John fort. »Einen besseren Mann könnte sich keine Frau wünschen.«
»Lizzy offenbar schon«, murmelte Pastor Abe.
Johns Lächeln erstarb. »Nun ja. Das ist ihr Verlust und Mrs Merivales Gewinn.«
Die Kirchenglocke schlug, um die volle Stunde zu verkünden. Dexter Dawson würde jeden Moment auftauchen. Was würde er sagen – oder tun –, wenn er feststellte, dass sie einen anderen Mann geheiratet hatte? Obwohl sie Dexter erst zweimal begegnet war, hatte sie den Verdacht, dass er es gewohnt war, immer zu bekommen, was er wollte, und dass er auf ihre Ablehnung nicht freundlich reagieren würde.
»Ich sollte lieber gehen«, sagte sie. »Ich will Violet nicht zu lange allein lassen.«
»Natürlich«, erwiderte Pastor Abe. »Ich begleite Sie zur Kaserne.«
Und was dann? Sie sprach diese Frage nicht laut aus. Obwohl sie mutig war, wollte sie doch nicht so kühn sein.
Die Männer verabschiedeten sich voneinander, bevor Pastor Abe sie zu der Seitentür führte, durch die John in die Kirche gekommen war. Als sie die Kirche verließen, konnte sie Dexter nirgends entdecken, aber sie beschleunigte trotzdem ihre Schritte und senkte den Kopf.
»Sie haben es ziemlich eilig, zu Violet zu kommen.« Pastor Abe hielt mühelos mit ihr Schritt.
»Ja. Die Frauen waren so freundlich, auf sie aufzupassen. Aber sie wird schnell unruhig und kann die Geduld eines Menschen stark auf die Probe stellen.«
Vor ihnen lief eine ausgelassen lachende Gruppe auf der Straße. Die undurchdringliche Dunkelheit des Abends hüllte sie ein und das Licht der spärlichen Straßenlaternen war so schwach, dass Zoe die Männer nicht erkennen konnte. Nur für den Fall, dass Dexter Dawson unter ihnen war, ging sie vorsichtshalber vom hölzernen Gehweg auf die matschige Straße und wechselte auf die andere Straßenseite.
Pastor Abe folgte ihr und sie war dankbar, dass er nicht versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Als sie das Tor des Regierungsgebäudes erreichten, blieb sie zögernd stehen.
Er trat unbehaglich von einem Bein auf das andere und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Ich komme mit hinein und helfe Ihnen, Ihre Sachen zu packen.«
»Ich habe nicht viel.« Was würden die anderen Frauen sagen, wenn sie erfuhren, dass sie geheiratet hatte? Außer Mrs Moresby hatte sie niemandem von ihren Plänen erzählt.
»Sie haben Violet und ihre Sachen.«
»Sie hat auch nicht viel.« Da aber Mrs Moresby viele Babysachen gesammelt hatte, besaß Violet nun deutlich mehr als Zoe.
»Trotzdem, Miss Hart, würde ich gerne helfen.«
Sie war nicht mehr Miss Hart. Alles in ihrem Leben hatte sich in dem Moment verändert, in dem sie ihr Eheversprechen abgelegt hatte – auch ihr Name.
Als würde ihm das in diesem Moment auch bewusst, verlagerte er sein Gewicht erneut und schaute überallhin, nur nicht in ihr Gesicht.
»Sie können Zoe zu mir sagen«, schlug sie leise vor.
»Gut … Zoe.« Als er das sagte, begegneten sich ihre Blicke. Das helle Licht aus einem Fenster des Regierungsgebäudes verwandelte seine Augen in ein warmes, unschuldiges Blau. Er erwiderte ihren Blick nur kurz, dann senkte er ihn scheu. »Sie können Abe zu mir sagen und wir sollten uns duzen.«
»Abe? Nicht Abraham?«, neckte sie ihn.
»Wenn dir das lieber ist.«
»Mir gefällt beides.«
»Dann kannst du es dir aussuchen.« Er stieß mit der Schuhspitze gegen einen Stein.
Zögerte er, sie in dieser Nacht bei sich wohnen zu lassen? Wo wohnte er, wenn er in Victoria war? Vielleicht hatte er keinen Platz für sie und Violet. Vielleicht könnten sie das ganze unangenehme Hochzeitsnachtszenario vermeiden, wenn sie einfach in der Kaserne blieb, bis er Victoria wieder verließ und in die Berge zurückkehrte.
»Mir ist bewusst, dass diese Hochzeit sehr spontan war. Du bist vermutlich nicht darauf vorbereitet, dass Violet und ich bei dir wohnen. Wenn es dir lieber ist, können wir noch eine Weile in der Kaserne bleiben.«
Seine Hände steckten immer noch in seinen Jackentaschen und seine Haltung wurde noch etwas starrer. »Wenn ich in Victoria bin, wohne ich in einer Blockhütte auf dem Gelände des Bischofs. Er stellt die Hütten den Reisepredigern während ihres Aufenthalts in Victoria zur Verfügung.«
»Ich möchte keine Umstände machen.«
»Das tust du nicht.« Seine Stimme wurde heiser und er räusperte sich. »In der Hütte ist viel Platz.«
Sie wartete darauf, dass er den Blick heben und sie beruhigen würde. Aber er blieb stumm und konzentrierte sich weiterhin auf den Stein vor seinen Schuhen.
»Violet hält dich womöglich vom Schlaf ab.«
»Das stört mich nicht.«
»Bist du sicher?«
»Zoe.«
Ihr gefiel, wie er ihren Namen sagte, sanft und ernst. Und als er den Blick wieder hob, gefiel ihr die Freundlichkeit in seinen Augen.
»Du bist jetzt meine Frau. Ich habe vor, mich um dich und um Violet zu kümmern.«
Seine Worte ließen sie warm werden. Wie lange war es her, seit sich jemand um sie gekümmert hatte? Seit Zeke fort war, hatte sich definitiv niemand mehr für ihr Wohl interessiert. Vielleicht auch vorher nicht.
»Danke, Abe.«
Er nickte und seine Lippen verzogen sich zum Ansatz eines Lächelns. Er sah fast aus, als freue er sich, dass sie seinen Vornamen benutzte. »Wollen wir Violet holen?«
»Ja.«
Er öffnete das Tor und ließ sie eintreten. Als sie um das Hauptgebäude zu einem Innenhof herumgingen, wurden ihre Schritte langsamer. Ihr fiel unwillkürlich auf, dass er sich erneut ihren Schritten anpasste. Sie war sich seiner Nähe sehr bewusst und nahm seine eindrucksvolle Körpergröße, seine kräftigen Arme und seine breite Brust deutlich wahr.
»Konntest du mit Herman noch einmal sprechen, bevor er starb?«, fragte sie, da sie unbedingt das Thema wechseln musste.
»Nein. Leider nicht. Ich konnte ihn nicht rechtzeitig finden.«
»Das tut mir leid. Ich wusste, dass dir das sehr wichtig war.«
Er blieb stehen und ließ resigniert den Kopf hängen. »Ich hätte mehr tun sollen.«
Seine Selbstkritik überraschte sie. Sie nahm seinen Arm und drehte ihn sanft zu sich herum. »Sag so etwas nicht. Du hast getan, was du konntest. Du hast mehr getan, als jeder andere getan hätte. Herman wollte nicht gefunden werden. Daran ließ sich nichts ändern.«
»Ich hätte ihn öfter besuchen können. Vielleicht hätte ich dann früher von Roses Tod und seiner Trauer erfahren.« Abes Niedergeschlagenheit überraschte Zoe erneut. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass Pfarrer entmutigt sein oder Dinge bereuen konnten.
»Ich schätze, der Tod seiner Frau war nicht das erste Mal, dass Herman seine Probleme mit Alkohol betäubte.«
»Nein. Aber ich hätte mehr für ihn beten können.«
Sie legte eine Hand an Abes Wange und zwang ihn, den Kopf zu heben. Der Schmerz in seinen Augen war so stark, dass sich in ihrer Brust ein starkes Mitgefühl für diesen großzügigen Mann ausbreitete, dem die Menschen, denen er begegnete, augenscheinlich sehr wichtig waren. »Du hättest ihm nicht helfen können, solange er das nicht selbst wollte. Aber du hast jetzt die Gelegenheit, seiner Tochter zu helfen.«
Er betrachtete ihr Gesicht, während das Licht aus den Fenstern der Kaserne den Rasen im Innenhof, in dem sie standen, beleuchtete. »Du hast recht. Ich will die Gelegenheit, etwas für Violet zu tun, das ich für ihren Vater nicht tun konnte, unbedingt nutzen.«
Sie stimmte seiner Entscheidung lächelnd zu.
Er erwiderte ihr Lächeln echt und ungezwungen – und sehr attraktiv. Plötzlich nahm sie die Bartstoppeln auf seiner Wange unter ihrer Hand und sein markantes Kinn sehr deutlich wahr und begriff, dass er jetzt ihr Mann war und sie in Zukunft mit ihm zusammenleben würde.
Ihr Herzschlag erhöhte sich. Sie freute sich doch nicht etwa darauf, mit ihm zusammenzuleben? Schnell ließ sie die Hand sinken und trat einen Schritt zurück. »Dann sollten wir jetzt wohl hineingehen.«
Als sie zur Treppe gingen und er ihr die Tür aufhielt, wagte sie es nicht, ihn noch einmal anzusehen. Vielmehr ermahnte sie sich im Stillen, nicht zu vergessen, dass sie keine zu starken Gefühle für einen Mann entwickeln wollte. Ihr Herz hatte schon genug gelitten und sie wollte nicht das Risiko eingehen, wieder einen Menschen zu lieben, den sie irgendwann verlieren könnte.
Nein, sie war eine Zweckehe eingegangen. Und dabei sollte es auch bleiben.