Über das Buch:
Michigan 1883
Lily Young ist die Assistentin eines Fotografen. Ihre Arbeit führt sie in unzählige Holzfällerdörfer und damit mitten hinein in das bunte Treiben ihrer Zeit. Doch eigentlich hat Lily eine ganz andere Mission: Sie will ihre Schwester finden. Um jeden Preis.
In Harrison begegnet sie Connell McCormick. Der ist fasziniert von der waghalsigen Lily, doch ihren Kampf gegen die Ausschweifungen in Harrison kann er nicht verstehen. Dabei hätte gerade er die Macht, etwas an den Umständen zu ändern. Aber reicht es nicht, wenn jeder auf sein eigenes Handeln achtet?
Unweigerlich verstrickt Connell sich immer tiefer in Lilys Suche. Doch will er wirklich seine Zukunft für sie aufs Spiel setzen? Und kann es ihnen gemeinsam tatsächlich gelingen, Lilys Schwester zu retten?
Über die Autorin:
Jody Hedlund lebt mit ihrem Mann, den sie als ihren größten Fan bezeichnet, in Michigan. Ihre fünf Kinder werden zu Hause unterrichtet. Die Zeit, die ihr neben dieser Tätigkeit noch bleibt, widmet sie dem Schreiben.
Kapitel 8
Lily schluckte die Enttäuschung, die sie schon den ganzen Tag plagte, herunter.
Dieses Gefühl war unlogisch, schalt sie sich.
Sie klemmte sich den Dreifuß unter den Arm und hängte sich die Tasche mit den trockenen Platten über die Schulter. Ein Blick auf den Schlitten verriet ihr, dass sie alles hatte.
Mit einem Seufzen ging sie über den Hof zum Hintereingang des Hotels. Der Stall und das Toilettenhäuschen waren ein Stück vom Hauptgebäude entfernt, und mehrere Wäscheleinen waren über den Hof gespannt. Ein einsames Paar Wollsocken flatterte im Wind, während es allmählich dunkel wurde.
Die Eiseskälte des frischen Windes ließ sie erschauern und erinnerte sie daran, dass es trotz der ungewöhnlich warmen Temperaturen immer noch Winter war.
Nur ungern gab sie zu, wie sehr sie darauf gehofft hatte, dass sie und Oren an ihrem zweiten Sonntag, an dem sie die Holzfäller fotografierten, in einem Lager von Connell landen würden.
Den ganzen Tag über war ihr Blick unwillkürlich durch das Lager gewandert, und sie hatte ihn gesucht, obwohl sie das eigentlich nicht gewollt hatte. Als sie schließlich ihre Ausrüstung eingepackt hatten, hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass er wie in der ersten Woche auftauchen würde.
Es war dumm von ihr zu erwarten, dass sie ihm wieder über den Weg lief. Aber trotzdem war sie selbst überrascht, wie sehr sie es sich wünschte.
Sie schob sich die Tasche mit der Ausrüstung über die Schulter. Das warme Licht aus der Speisezimmertür hinten in der Küche lockte sie an.
Natürlich hatte sie ihm nur begegnen wollen, um ihm zu sagen, wie froh sie darüber war, dass er sich James Carr widersetzt und dabei geholfen hatte, Frankie aus den Klauen dieses Mannes zu befreien. Das war alles. Immerhin war es höchste Zeit, dass er endlich Stellung gegen das Böse bezog, das in dieser Stadt herrschte.
Sie machte einen Schritt auf das Holzbrett, das in die Speisekammer führte, und schob mit ihrer Hüfte die Tür auf.
Der Geruch von überreifen Äpfeln und alten Zwiebeln, die bereits austrieben, kam ihr entgegen. Sie warf einen Blick auf die Kellertreppe und sah unten das schwache Licht von Orens Öllampe in der Feuchtigkeit des kleinen Raums, den er als Dunkelkammer benutzte.
„Da bist du ja!“, rief Vera aus der Küche. „Beeil dich und komm essen, bevor es kalt wird.“
Lily legte die Kameraausrüstung an der Treppe ab und bahnte sich dann einen Weg zwischen den Kisten auf dem Fußboden und einem Berg schmutziger Bettwäsche, der schon für den Waschtag bereitlag. Sie erreichte die Tür, die zur Küche führte, und stellte sich auf Zehenspitzen, um an Veras kräftiger Gestalt vorbei durch die gegenüberliegende Tür in den Speiseraum schauen zu können.
„Schneit es schon?“, fragte Vera. „Mein linker Fuß tut weh. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Schnee gibt.“
„Oh, natürlich hat es nicht geschneit.“ Lilys Blick überflog den Speiseraum. „Dein Fuß lügt dich an. Heute war wieder ein herrlicher sonniger Tag.“
Sie suchte nur Frankie, sagte sie sich. Ob Connell schon an seinem Platz in der Ecke saß und in seine Bücher vertieft war, interessierte sie natürlich gar nicht. Aber als sie seinen blonden Kopf entdeckte und die ungezähmte Locke, die ihm in die Stirn fiel, schlug ihr Herz erwartungsvoll höher.
Wenn sie sich an ihren gewohnten Platz setzte, ließe sie ihm keine andere Wahl, als sie immer wieder unauffällig anzuschauen, während er vergeblich versuchte weiterzuarbeiten. Ein Lächeln zog über ihre Lippen. Sie genoss es, ihn zu beobachten, wenn er so tat, als säße er über seinen Büchern und arbeite, obwohl sie ganz genau wusste, dass er das nicht tat.
Vera trat vom rauchenden Herd zurück und schaute sie mit hochgezogener Augenbraue an.
Daraufhin riss Lily ihren Blick von Connell los. „Wie hat sich Frankie heute gemacht?“
Verwundert zog Vera ihre zweite Augenbraue nach oben. „Ich dachte, Frankie sei bei euch.“
„Wie kommst du denn darauf?“ Lily ließ ihren Blick wieder über den Speiseraum und die Männer, die an den Tischen saßen, schweifen, aber Frankie konnte sie nirgends entdecken. Vor Sorge um das Mädchen zog sich ihr Magen zusammen. „Ich habe dir doch gesagt, dass wir Frankie hierlassen. Es würde zu viel Unruhe auslösen, wenn wir sie mit ins Holzfällerlager nähmen.“
Vera schob eine Pfanne mit halb braunen Kartoffeln auf eine der hinteren Herdplatten. Die Falten in ihrem Gesicht vertieften sich. „Ich habe sie den ganzen Tag über noch nicht gesehen. Deshalb dachte ich mir, ihr hättet es euch anders überlegt und sie doch mitgenommen.“
Lily blieb beinahe das Herz stehen. War Frankie den ganzen Tag über in ihrem Zimmer geblieben? Vielleicht hatte sie zu viel Angst, um allein herauszukommen.
Aber noch während Lily durch die Küche und den Speiseraum eilte und in das Zimmer ging, das sie mit dem jungen Mädchen teilte, verwandelte sich ihre Sorge in ein entsetzliches Grauen. In den letzten zwei Tagen hatte Frankie sich als fleißige Arbeitskraft erwiesen und war Vera bei allen Arbeiten, die anfielen, tatkräftig zur Hand gegangen.
Lily hatte sogar insgeheim gehofft, die Hellers würden sich dafür entscheiden, Frankie hierzubehalten, sie einzustellen und sie als ihr Kind anzunehmen, da sie selbst keine Kinder hatten. Wenn sie das nicht tun würden, wusste sie, dass Molly May in Midland sie aufnehmen würde. Aber sie hatte gewollt, dass durch ihre Rettungsaktion den Hellers und Frankie geholfen würde.
Lily suchte schnell ihr Zimmer ab. Frankies Leinentasche war da und ihre persönlichen Sachen lagen immer noch sauber und ordentlich zwischen Lilys unordentlich hingeworfenen Dingen.
Nachdem sie das Hotel von oben bis unten abgesucht hatte, dazu den Hof, den Stall und jeden möglichen Winkel und Schrank, kehrte Lily schließlich in die Küche zurück.
„Ich kann sie nirgends finden.“ Vor Panik war inzwischen jeder Muskel ihres Körpers angespannt. „Und den ganzen Tag hat sie niemand gesehen.“
Vera hielt über einer Wanne mit Abwaschwasser inne. „Ich habe ein ungutes Gefühl.“
„Warum hast du ein ungutes Gefühl?“ Connell hatte sein schmutziges Geschirr aufeinandergestapelt und brachte es in die Küche. Er schaute zuerst Lily und dann Vera an.
„Frankie ist verschwunden.“ Vielleicht könnte Connell ihr helfen, das Mädchen zu finden.
Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Hat jemand heute James Carr in der Nähe des Hotels gesehen?“
Allein schon bei der Erwähnung dieses Namens wand sich Lily innerlich. „Du glaubst doch nicht, dass Carr wiedergekommen ist, um sie zu holen? Du hast ihm doch das Geld für die Fahrkarte gegeben.“
„Diesem Mann würde ich alles zutrauen.“
Die Hände immer noch im Spülwasser, sagte Vera: „Ich habe Mr Carr nicht gesehen, aber Jimmy Neil musste ich mir heute Morgen zur Brust nehmen, weil er halb betrunken im Speiseraum auftauchte.“
Bei dem Gedanken, dass Jimmy es überhaupt gewagt hatte, das Northern Hotel zu betreten, konnte Lily nur mühsam ein Schauern unterdrücken. Welchen Grund konnte er gehabt haben, hierher zurückzukommen?
Connell ging durch die Küche und tauchte sein Geschirr in die Spülwanne. Es versank neben Fleischresten, aufgeweichten Brotstücken und mehreren halb zerdrückten Bohnen.
„Ich sage es ja nur ungern“, seufzte Connell, „aber ich wette, dass Carr zurückgekommen ist und Frankie mitgenommen hat, weil er sie für sein Eigentum hält.“
Als er den Blick hob, konnte das Bedauern, das sie in seinen Augen sah, sie nicht beruhigen. Er hatte doch hoffentlich nicht vor, Carr gegenüber klein beizugeben, oder? Nicht jetzt, nachdem sie sich ihm schon einmal widersetzt hatten. „Wenn du glaubst, dass Carr sie geholt hat, dann sollten wir am besten sofort zum Stockade hinaufgehen, um sie zu befreien.“
Connell verschränkte die Arme vor seiner Brust und lehnte sich an den großen Arbeitstisch, der mit Bergen von alten Apfelschalen überhäuft war. „Wir können nicht einfach dort hinaufmarschieren und sie zurückverlangen, Lily. So funktioniert das nicht.“
„Wenn Carr sie entführt hat und sie zwingt, gegen ihren Willen als Prostituierte zu arbeiten, dann können wir natürlich verlangen, dass er sie freilässt. Der Sheriff wird uns helfen und …“
„Nicht in dieser Stadt.“ Vera wischte ihre Hände, die von der Arbeit ganz rau waren, an einem nassen, grauen Handtuch ab. „Der Sheriff tut, was Mr Carr ihm befiehlt. Er wird nämlich von ihm bezahlt.“
„Vera hat recht“, sagte Connell. „Von ihm können wir keine Hilfe erwarten. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der Carr dazu zwingen könnte, Frankie freizugeben.“
„Wir müssen es aber doch wenigstens versuchen.“
Vera ließ die Schultern hängen. Und Connell sagte kein Wort.
„Du fürchtest dich doch nicht davor, dort hinaufzugehen, oder?“, fragte Lily. Die Enttäuschung war ihrer Stimme deutlich anzuhören.
„Natürlich habe ich keine Angst“, erwiderte Connell. „Aber ich will es nicht riskieren und die Zukunft von McCormick-Holz noch mehr aufs Spiel setzen.“
Tiefe Enttäuschung legte sich wie ein schwerer Umhang um sie. Offenbar war sie die Einzige, die bereit war, etwas zu unternehmen.
„Dann bleibt mir wohl keine andere Wahl.“ Sie eilte aus der Küche in die Speisekammer. „Ich muss selbst losgehen und sie holen.“ Entschlossen stapfte sie zur Hintertür und riss sie auf.
Eiskalter Wind schlug ihr entgegen.
„Wohin willst du denn?“ Connell hielt die Tür auf, bevor sie ins Schloss fiel, und folgte ihr nach draußen.
Mit der aufziehenden Dunkelheit hatten sich dunkle Wolken über die Stadt gelegt. Sie schlang ihren Mantel enger um sich, während sie auf die Eingangsseite des Hotels zuging und versuchte, die langen Schatten zu ignorieren, die ihre bedrohlichen Finger nach ihr ausstreckten. „Ich gehe zum Stockade und schaue, ob Frankie dort ist.“
„Du kannst unmöglich allein dort hinaufgehen“, rief er ihr nach.
„Ich bin mir sicher, dass es Gottes Wille ist, dass ich das Mädchen rette, auch wenn ich allein gehen muss.“ Sie beschleunigte ihre Schritte und stapfte durch den matschigen Schnee, der nach dem Tauwetter der letzten Woche noch übrig war.
Sie kam keine zehn Meter weit, als Connell sie am Oberarm packte und sie zum Stehenbleiben zwang. „Ich lasse dich aber nicht gehen.“ Er drehte sie zu sich herum, dass ihr keine andere Wahl blieb, als ihn anzuschauen.
„Wie kannst du es wagen, mich festzuhalten? Wer gibt dir das Recht, mich aufzuhalten?“ Sie wollte sich von ihm losreißen.
Aber er ließ sie nicht los. „Niemand gibt mir das Recht, dich aufzuhalten.“
Sie versuchte erneut, sich loszureißen. Dieses Mal kräftiger. „Dann lass mich los.“
Er schwankte und erweckte fast den Eindruck, als würde er sie gehen lassen, aber dann zog er sie zu sich und hielt sie mit seinem starken Griff fest. Sein fester Brustkorb, an den sie gedrückt wurde, und die Nähe zu ihm hielten sie viel mehr gefangen als seine Hände.
Einen langen Moment lang konnte sie nicht atmen, sich nicht bewegen, keinen klaren Gedanken fassen. Sie hörte nur das laute Hämmern ihres Herzschlags und das leise Keuchen seines Atems. Sein Blick blieb an ihrer Wange, an ihrem Kinn, an ihren Lippen hängen.
Plötzlich hatte sie Schmetterlinge im Bauch, und sie konnte es sich nicht verkneifen, seinen Mund zu betrachten, der so nahe war, so warm, so fest. Aber die Kühnheit ihres Blickes ließ ihre Wangen vor Scham erröten, und sie hätte am liebsten den Kopf gesenkt.
„Lily“, flüsterte er. Seine Augen waren so dunkel wie der nächtliche Wald. „Ich will einfach nicht, dass dir etwas zustößt. Ich kann dich nicht ins Stockade hinaufgehen lassen. Das ist viel zu gefährlich.“
Das Grauen davor, was der armen Frankie wahrscheinlich zugestoßen war, erfasste sie erneut. „Zu gefährlich? Dann ist es doch umso dringender, sie zu retten.“ Das Mädchen zitterte wahrscheinlich vor Angst und betete inständig, dass Gott ihr jemanden schickte, der sie rettete. Wenn es nicht schon zu spät war!
Connell schüttelte den Kopf.
„Stell dir vor, Carr hätte mich entführt“, sagte sie schnell. „Ich bin genauso unschuldig wie Frankie. Was wäre, wenn er mich gefangen hielte und mich zwänge, so etwas Unvorstellbares zu tun?“
Connells Atem war warm auf ihrer Haut. Sein Griff um ihre Oberarme wurde noch fester.
„Ich habe Gott vor langer Zeit versprochen, dass ich mich nie von jemandem abwenden werde, der meine Hilfe braucht“, flüsterte sie.
Seine dunklen Augen schauten sie durchdringend an, und seine Miene verriet, dass er ihre Worte ernst nahm, dass er versuchte, ihren Standpunkt zu verstehen.
Konnte er in ihr Herz hineinschauen und sehen, was sie brauchte? Konnte er ihre Leidenschaft fühlen? Sah er, was sie selbst verloren hatte?
Sie zitterte. Noch nie war sie einem Mann so nahe gewesen. Sein Körper war muskulös, und seine Arme waren stark. Sie konnte beinahe seinen Herzschlag hören.
Ihr stockte der Atem. Natürlich wusste sie, dass sie einen Schritt zurücktreten und größeren Abstand zu ihm aufbauen sollte. Aber es war so aufregend, seine starken Arme um sich zu fühlen.
Einen Moment lang flackerte ein Leuchten in seinen Augen auf, das ihr verriet, dass er das Gleiche dachte. Aber genauso schnell, wie der Funke entfacht war, schob er Lily von sich zurück und baute einen halben Meter Abstand zwischen ihnen auf. Dann verschränkte er die Arme vor seiner Brust und steckte die Hände in seine Achseln, als klemme er sie dort fest, um sie daran zu hindern, Lily wieder zu berühren.
Ein kalter Windstoß traf sie, und sie presste die Arme an ihren Körper. Eine seltsame Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung erfasste sie.
„Ich gehe hinauf“, sagte er.
„Wirklich?“
Er nickte. „Ich schaue, ob ich herausfinden kann, was mit ihr ist.“
Neue Hoffnung erwachte in ihrem Herzen zum Leben, und noch etwas anderes, etwas, das sie nicht genau beschreiben konnte, etwas, das in ihr den Wunsch weckte, sich wieder in seine Arme zu werfen und seine kräftige Brust und seine starken Arme erneut zu fühlen.
„Aber nur, wenn du mir versprichst, dass du hierbleibst.“ Er schaute sie durchdringend an. „Versprich mir, dass du nicht in die Nähe des Stockades gehst. Jetzt nicht. Und auch sonst nie.“
„Ich verspreche dir, dass ich ins Hotel zurückgehe und dort auf dich warte.“
Er schaute sie lange forschend an.
Dass sie nie in die Nähe des Stockades ginge, das konnte sie ihm nicht versprechen. Denn wenn es nötig wäre, würde sie auch direkt in die Hölle hineinmarschieren, um Daisy zu finden.
„Also gut.“ Er schaute zum Stockade hinauf. In der hereinbrechenden Dunkelheit wirkten die scharfen Zacken des Zauns wie Giftzähne, die nur darauf warteten, jeden zu packen, der ihnen zu nah kam.
„Ich werde für dich beten“, sagte sie.
„Gut. Das werde ich brauchen.“
Kapitel 9
Lily marschierte nervös im Speiseraum auf und ab, bis Oren schließlich genug hatte und sie anknurrte.
„Setz dich, Mädchen, bevor du mir den letzten Nerv raubst!“
Sie sank auf die nächste Bank, setzte sich auf die Kante und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Er ist schon viel zu lange fort. Und wenn Carr ihm etwas angetan hat?“
Oren schob seinen leeren Teller beiseite und zog die Pfeife aus seiner Westentasche. Er brummte ein paar unverständliche Worte in seinen Bart.
„Mach dir wegen Connell keine Sorgen.“ Vera wischte über die Tischdecke, sodass die Krümel auf dem Boden landeten. Der säuerliche Geruch ihres Wischlappens klebte an jeder Oberfläche. „Er ist stark und kann schon auf sich aufpassen.“
„Ich hoffe, er kommt mit einem gebrochenen Arm zurück.“ Oren stopfte mit dem Daumen Tabak in seine Pfeife. „Dann muss ich ihm nicht den Arm brechen, wenn er endlich den Mut aufbringt, Lily anzufassen.“
„Oren!“, schimpfte Lily mit einem Lächeln. Wie gut, dass er nicht wusste, dass das längst passiert war, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.
„Ich bin doch nicht blind. Ich sehe, wie dieser Mann dich anschaut“, brummte Oren und stopfte noch eine zweite Ladung Tabak in seine Pfeife. „Selbst ein Blinder würde sehen, dass er die Augen nicht von dir lassen kann.“
Bei jedem Wort über Connell schlug ihr Herz schneller.
„Connell McCormick ist ein guter Junge.“ Vera wischte sich mit dem Arm über die Stirn, dass ihre zerzausten Haare noch struppiger wurden. „Ich bin noch nicht vielen Jungen begegnet, die so gut waren wie Connell.“
Lily musste ihm recht geben. Einen Mann wie Connell hatte sie auch noch nicht kennengelernt. Er handelte überlegt und einfühlsam.
„Ich sage doch nur, dass er von Glück sagen kann, dass ich ihm noch nicht die Augen ausgestochen habe, weil er sich erlaubt, Lily so oft anzuschauen.“
„Er fühlt sich zu ihr hingezogen“, erwiderte Vera, die sich nie scheute, Oren zu widersprechen, wenn sie es für nötig hielt. „Daraus kannst du dem Jungen doch keinen Vorwurf machen. Lily ist wahrscheinlich das hübscheste Mädchen, das er je gesehen hat.“
„Natürlich ist sie das.“ Oren stopfte eine letzte Schicht Tabak in seine Pfeife.
Mr Heller nickte scheu von seinem Platz am Kamin, wo er wie üblich an seinem Stock schnitzte.
Lily zog den Kopf ein. Komplimente war sie nicht gewohnt. Sie hatte in ihrem Leben selten ein nettes Wort gehört.
Hatte Vera recht? Fühlte sich Connell wirklich zu ihr hingezogen?
Eine kleine Flamme wie die einer Öllampe, die über dem Tisch hing, flackerte in ihrem Herzen auf. Warum sollte ein Mann wie Connell sich für ein Mädchen wie sie interessieren?
Aber noch während sie im Stillen versuchte, Veras Behauptung zu widersprechen, schlug ihr Herz bei der Erinnerung an das, was draußen vor dem Haus passiert war, höher.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Lily sprang auf die Beine.
Connell trat aus der schwarzen Nacht herein und wurde von einem kalten Windstoß begleitet.
Von Kopf bis Fuß musterte sie ihn fragend. Die Anspannung in ihr löste sich. Es war ihm nichts passiert. Sie sah keinen einzigen Kratzer.
Er zog die Tür hinter sich zu und musste dabei gegen den nächsten Windstoß ankämpfen. Dann nahm er den Hut ab und atmete hörbar aus.
Erst jetzt stellte Lily fest, dass er allein war.
Enttäuschung ergriff sie. „Wo ist Frankie?“
Seine Stirn zog sich in Falten, und die Traurigkeit in seinem Gesicht ließ ihren Puls noch höher schlagen.
„Was ist passiert?“ Sie ging auf ihn zu und rieb sich die Arme, um die plötzliche Kälte abzuwehren, die sie erfasste.
Seine Finger spielten nervös mit seiner Hutkrempe. „Sie ist nicht dort.“
„Wirklich? Bist du dir da sicher?“
„Ja, ganz sicher.“
Neue Hoffnung keimte in ihr auf. „Dann hat sie vielleicht beschlossen, Harrison zu verlassen, und ist mit dem Zug wieder nach Hause gefahren. Wahrscheinlich wusste sie nur nicht, wie sie sich verabschieden sollte.“
Connell sagte nichts. Stattdessen senkte er das Kinn und starrte verdrossen seine Hutkrempe an, während er mit den Fingern an dem harten Filz drehte.
Ein kaltes Schauern erstickte ihren winzigen Hoffnungsfunken. Etwas war schiefgelaufen. Furchtbar schief.
Erschrocken wich sie einen Schritt zurück, da sie sich nicht sicher war, ob sie hören wollte, was er ihr zu sagen hatte.
In diesem Augenblick hob Connell den Blick und schaute sie direkt an. „Es tut mir leid, Lily.“
Am liebsten wäre sie in ihr Zimmer gelaufen, hätte den Kopf unter ihrem Kissen vergraben, um die schlechte Nachricht nicht hören zu müssen. Sie hatte schon genug Enttäuschungen in ihrem Leben einstecken müssen, und sie wollte nicht noch mehr hören.
Vera stellte die restlichen Teller auf einen wackeligen Turm. „Sag uns, was mit dem Mädchen passiert ist. Hat Mr Carr sich hier he-reingeschlichen und sie vor unserer Nase entführt?“
„Ich weiß nicht genau, wie Carr es geschafft hat, sie in die Finger zu bekommen.“ Connells Stimme war leise. „Aber er hat es geschafft.“
„Und?“, wollte Vera wissen.
„Er hat sie nach Merryville zur Teufelsranch gebracht.“
Vera stieß einen leisen Pfiff aus.
Lily konnte nur ahnen, was die Teufelsranch war: ein weiteres Bordell. Aber Merryville? Vielleicht bestand ja die Chance, Frankie zu folgen und sie zu retten. „Wo ist Merryville?“
„Ungefähr zehn Kilometer nordöstlich von hier“, sagte Connell. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Pere-Marquette-Linie von Harrison durch Merryville führt. Wenn es so weit ist, ist Carr auf den Boom vorbereitet, den die Eisenbahn der Stadt bringen wird.“
„Zehn Kilometer ist nicht weit.“ Lilys Verstand arbeitete bereits auf Hochtouren. Sie und Oren mussten oft mehrere Kilometer zurücklegen, um ein Holzfällerlager für ihre Fotoaufnahmen zu erreichen. Sie konnten doch sicher zehn Kilometer fahren, um Frankie zu retten.
„Zehn Kilometer sind um diese Jahreszeit zehn Kilometer zu viel.“ Connell schlüpfte aus seiner Jacke.
„Aber nicht, wenn ein unschuldiges Leben auf dem Spiel steht.“
„Selbst wenn wir hinfahren würden, kämen wir wahrscheinlich mit leeren Händen zurück.“
„Das wissen wir erst, wenn wir es versucht haben.“ Ihre Entschlossenheit war unerschütterlich. Eine Weile konnte sie an nichts anderes denken als an Daisy. Inzwischen hatte ihre Schwester bestimmt erkannt, was für einen furchtbaren Fehler sie gemacht hatte. Wahrscheinlich weinte sie und bettelte darum, ihr Gefängnis verlassen zu können. Aber sie war wie die meisten anderen Mädchen gefangen. Und sie würde so lange gefangen sein, bis Lily sie gefunden und gerettet hatte. Frankie war auch gefangen, solange sie ihr nicht half.
Connell hängte seine Jacke an den Haken neben der Tür.
„Wir müssen etwas unternehmen“, ließ Lily nicht locker. „Jetzt. Noch heute Abend.“
Langsam drehte Connell das Gesicht zu ihr herum. Seine Miene war ernst. „Selbst wenn ich daran glauben würde, dass wir sie retten könnten, könnten wir unmöglich heute Nacht gehen.“
„Warum nicht? Wenn wir sofort aufbrechen …“
„Nachts ist es zu gefährlich.“
Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie ihn an. „Ich glaube, du willst nur nicht gehen.“
Er seufzte. „Es ist kompliziert, Lily. Wir befinden uns in Clare County. Carr weiß genau, dass wir keine Chance haben. Die Teufelsranch liegt gleich hinter der Grenze in Gladwin County. Dort haben wir keine gesetzliche Handhabe gegen ihn, selbst wenn wir es versuchen sollten.“
„Du gibst also auf? Einfach so?“
Er warf die Hände in die Luft. „Was erwartest du von mir? Soll ich dort hinreiten, mir gewaltsam Zutritt zu dem Bordell verschaffen und das Mädchen mit angelegtem Gewehr herausholen?“
„Ja.“
„Kinder, jetzt hört auf zu streiten“, versuchte Vera sie zu beruhigen.
Oren hatte seine Pfeife angezündet, und der süße Geruch seines Tabaks erfüllte die Luft. Das Feuer knisterte und strahlte eine angenehme Wärme aus, die Lily jedoch nicht erreichte.
„Uns fällt bestimmt eine Möglichkeit ein, wie wir Frankie helfen können“, sprach Vera weiter. „Aber heute Nacht können wir nichts mehr für sie tun.“
Lily wollte schreien, dass es zu spät sein könnte, wenn sie bis morgen warteten. Sie konnte sich vorstellen, wie verzweifelt Frankie im Moment sein musste. Sie wartete bestimmt darauf, dass jemand kam und sie rettete. Lily hatte dieses Gefühl auch schon erlebt. Im Waisenhaus hatte sie Tag für Tag gewartet, dass jemand kam und sie und Daisy rettete und sie aus dem lieblosen, sterilen Gebäude befreite.
Aber niemand war gekommen.
Sie konnte es nicht zulassen, dass Frankie das auch passierte. Und schon gar nicht, wenn sie in einem Bordell gefangen gehalten wurde.
„Du bringst mich also heute Nacht nicht nach Merryville?“ Sie warf Connell einen flehenden Blick zu.
„Ich habe es dir doch schon erklärt. Es ist zu gefährlich.“
„Aber Frankie ist das Risiko wert!“ Ihre Enttäuschung verlieh ihrer Stimme eine Schärfe, die sie nicht beabsichtigt hatte.
„Meine Güte, Mädchen!“ Oren beugte sich schließlich vor. Er schaute sie finster an, aber tief in seinen Augen lag ein stiller Stolz. „Geh jetzt ins Bett, und sobald der Tag anbricht, fahre ich dich dorthin, damit du eine deiner verrückten Rettungsaktionen durchführen kannst.“
Lily lächelte, und ihr Herz war von Dankbarkeit erfüllt. Sie dankte Gott immer wieder, dass er sie mit einem Freund wie Oren gesegnet hatte. Er brachte sie zwar nicht auf der Stelle zu Frankie, aber wenigstens war er bereit, ihr zu helfen.
„Ich halte es für keine gute Idee, wenn ihr zwei allein zur Teufelsranch fahrt“, warf Connell ein.
„Wir schaffen das schon. Wir zwei sind ein gutes Team.“ Sie ging durch den Raum auf Oren zu.
„Diese Ranch ist zehnmal gefährlicher als das Stockade“, fügte Connell hinzu.
„Lily hat schon mehrere solche Rettungsaktionen durchgeführt“, erwiderte Oren. „Und sie ist entschlossener als eine Wolfsmutter, die ihre Jungen verteidigt.“
Dankbar drückte sie Oren einen Kuss auf seine Melone.
Er winkte sie mit seiner Pfeife weg. „Aber glaub ja nicht, dass du den verlorenen Arbeitstag nicht wieder hereinholen müsstest. Denn ich rechne damit, dass wir das Mädchen zu Molly May bringen müssen, damit es wirklich in Sicherheit ist.“
Sie wandte sich ab, und ihr Lächeln verblasste.
Hatte Connell recht? War es ein zu riskantes Unterfangen, Frankie retten zu wollen?
Oren war ein guter Mann. Trotz seiner rauen Schale setzte er sein Leben aufs Spiel, um anderen zu helfen. Das hatte er in diesem Winter bereits mehrmals getan.
Aber falls Connell recht hatte, war dieses Mal die Gefahr vielleicht zu groß. Sollte sie lieber allein losgehen und auf eigene Faust tun, was getan werden musste? Oren bedeutete ihr sehr viel; den Gedanken, dass ihm ihretwegen irgendetwas zustoßen könnte, konnte sie nicht ertragen.
Es war nicht nötig, auch noch sein Leben in Gefahr zu bringen.
Außerdem konnte sie nicht warten. Jede Minute war kostbar. Schließlich ging es darum, ob sie Frankies Unschuld retten konnte oder nicht.
* * *
Ein Klopfen an der Tür riss Connell aus dem Schlaf. Er sprang vom Stuhl auf und warf einen verwirrten Blick auf sein Bett, das noch unberührt war.
Er hatte nicht vorgehabt einzudösen, sondern hatte sich nur ausruhen wollen, um bereit zu sein, wenn Oren und Lily aufbrachen. Alles in ihm protestierte gegen den Gedanken, dass die beiden allein zu einer solchen verrückten Rettungsaktion aufbrachen. Er wusste, dass er nichts anderes tun konnte, als ihnen in sicherem Abstand zu folgen und dafür zu sorgen, dass ihnen nichts passierte.
Wieder klopfte jemand an seine Tür. Dieses Mal lauter.
Er schritt durch das Zimmer und instinktiv fuhr seine Hand an das Messer, das er immer mit sich trug. Er öffnete die Tür nur einen Spaltbreit und schaute in die schwarze Dunkelheit auf dem Flur.
Im nächsten Moment wurde der kalte Lauf eines Gewehrs an seine Schläfe gerammt. „Wo ist Lily, du wertloses Stück Dreck?“, knurrte Oren ihn an.
„Ich habe sie nicht gesehen.“ Connell schob das Gewehr zur Seite und unterließ es, sein Messer zu ziehen. Er würde Oren nicht bedrohen. „Ich dachte, sie will mit dir fahren.“
Oren ließ sein Gewehr sinken und fluchte leise vor sich hin.
„Ist sie denn nicht in ihrem Zimmer?“ Connell hatte auf das Knarren der Bodendielen gewartet, auf das Klicken ihrer Tür auf der anderen Seite des Flurs. Wie hatte er nur diese Geräusche überhören können?
Oren murmelte etwas vor sich hin.
Kalte Angst ergriff ihn und durchbohrte ihn wie das scharfe Ende eines Eispickels. „Sie wird doch hoffentlich nicht allein nach Merryville aufgebrochen sein!“
„Genau das befürchte ich.“ Orens Stimme zitterte, und seine ganzen Drohgebärden waren vergessen.
Connells Angst verwandelte sich in Panik. Ohne nachzudenken, packte er hastig die Decken von seinem Bett und rollte sie zu einem festen Bündel zusammen. „Um wie viel Uhr, glaubst du, ist sie aufgebrochen?“, fragte er, während er das Bündel in seine Tasche stopfte, dazu ein Paar Socken, seine Axt und alles andere, was er in der Eile finden konnte.
„Sie hatte anscheinend nicht die Absicht, sich von mir fahren zu lassen“, sagte Oren. „Sie ist viel zu ungeduldig.“
„Das heißt, dass sie einen deutlichen Vorsprung hat?“
Oren antwortete ihm nicht. Aber sein Schweigen sprach Bände.
Connell schulterte die Tasche und, ohne abzuwarten, ob Oren ihm folgte, ging er runter in die Küche. In der Dunkelheit wühlte er in den Lebensmittelvorräten und stopfte, so viel er konnte, in den Sack.
„Lily ist fort.“ Oren erklärte Vera, die plötzlich im Nachthemd auftauchte, was passiert war. Ohne Zeit zu verlieren, zündete sie eine Laterne an und half Connell, seine Taschen zu füllen.
„Es liegen schon drei Zentimeter Neuschnee“, sagte sie, während sie ihm seine Jacke brachte. „Und so weh wie mein Fuß die ganze Nacht tut, wird es weiterschneien.“
Sie alle wussten, wie gefährlich die Situation war. Schon in einer ruhigen Winternacht war es für eine Frau nicht ratsam, in der Wildnis von Michigan unterwegs zu sein. Es bestand die Gefahr, dass sie sich in der Dunkelheit verirrte. Aber da ein Schneesturm aufzog, hatte sich das Risiko vervielfacht.
Und dann waren da noch die Wölfe, die auf Beute gingen. In jedem Winter verschwanden einige Holzfäller. Manchmal fand man im Frühling, wenn der Schnee weggetaut war, noch einzelne Knochen. Mehr blieb meist nicht übrig, wenn ein Wolfsrudel über einen Menschen herfiel.
„Du kannst meinen Schlitten nehmen“, bot Oren ihm an.
Connell zog seine dicken Lederhandschuhe an. „Auf meinem Pferd komme ich schneller voran.“
„Dann nimm wenigstens mein Gewehr.“ Oren schob ihm die Winchester und einen Lederbeutel mit Kugeln zu. Der Mann war in den letzten zwanzig Minuten um zwanzig Jahre gealtert.
Connell klemmte sich das Gewehr unter den Arm, warf sich die Taschen über den Rücken und ging mit der Laterne in der Hand in den Schnee hinaus. Die Flocken wehten ihm bereits ins Gesicht und der beißende Wind raubte ihm den Atem.
Ein letztes Mal schaute er Oren an. Die Sorge um Lily war ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich werde sie finden“, versicherte Connell und betete, dass er auch recht behielt und nicht zu spät kam.
Wenige Minuten später hatte er mit Mr Hellers Hilfe sein Pferd gesattelt und brach zur Pere-Marquette-Linie auf. Er hoffte, dass Lily so klug gewesen und den Gleisen gefolgt war. Aber der Schnee wehte viel zu kräftig, und falls sie Fußspuren im Schnee hinterlassen hatte, waren sie längst wieder zugeschneit.
Er rechnete sich aus, dass Lily wahrscheinlich einen Vorsprung von zwei Stunden hatte, wenn sie das Hotel kurz nach Mitternacht verlassen hatte. Er würde sein Pferd kräftig antreiben müssen, um sie einzuholen.
Er machte sich große Sorgen um sie. Da der Schneesturm erst vor Kurzem eingesetzt hatte, hoffte er, dass er sie einholen würde, bevor sie Frostbeulen, Erfrierungen oder noch viel Schlimmeres erlitt.
Obwohl er seine Stute kräftig antrieb, kam er aufgrund des starken Windes und des Schneefalls doch nur langsam voran. Nach einer halben Stunde waren seine Finger vor Kälte so steif, dass er die Laterne kaum noch halten konnte. Nach einer weiteren halben Stunde konnte er wegen der dichten Schneeflocken keinen halben Meter weit sehen.
„Gott“, flüsterte er mit vor Kälte klappernden Zähnen. „Ich habe dich nie um viel gebeten.“ Wenn er genauer darüber nachdachte, hatte er Gott seit jenem Abend vor zwei Jahren, als er Rosemarie in den Armen von Tierney angetroffen hatte, eigentlich überhaupt nicht mehr um etwas gebeten.
Sein Ärger wuchs bei der Erinnerung daran, wie sein Bruder Rosemarie verführt hatte. Besonders wenn er daran dachte, dass Tierney die Frau gar nicht hatte heiraten wollen. Im Gegenteil, Rosemarie war mit einem anderen Mann verlobt gewesen. Nämlich mit ihm.
Connell bemühte sich, das Bild von Rosemarie und die Leidenschaft, die er an jenem Tag in ihrem zarten Gesicht gesehen hatte, aus seinem Gedächtnis zu löschen. Eine solche Leidenschaft hatte sie ihm gegenüber nie gezeigt. Er hatte sie immer anständig behandelt, denn dazu hatte seine Mutter ihn erzogen.
Offenbar hatte Tierney all das über Bord geworfen.
„Gott“, versuchte Connell es erneut. „Ich habe dich nicht um viel gebeten. Aber wenn du mir jetzt helfen könntest, wäre ich dir wirklich dankbar.“
Er hielt die Laterne höher und strengte seine Augen an, um trotz des dichten Schnees und der Finsternis etwas zu sehen. Er rief Lilys Namen, aber in der abgrundtiefen Dunkelheit verschluckte der Wind seine Stimme.
Und wenn sie von den Gleisen abgewichen war? Bei dem zunehmenden Schneefall und den Schneeverwehungen waren die Gleise nicht mehr zu sehen. Es genügte ein einziger falscher Schritt, und man verlor die Orientierung, wich vom Weg ab und war hoffnungslos verloren.
Sein Arm, mit dem er die Laterne trug, wurde müde, und seine Stimme vom vielen Rufen schon ganz heiser. Obwohl es nutzlos war, rief er weiter, solange auch nur die geringste Chance bestand, dass der Wind seine Stimme zu ihr trug.
Nach einer halben Stunde, die ihm aber wie eine Ewigkeit vorkam, glitt er von seiner Stute. Große Enttäuschung machte sich in ihm breit. Der Schnee reichte ihm schon fast bis ans Knie.
Obwohl er sich nach der letzten Woche dringend mehr Schnee gewünscht hatte, konnte er sich jetzt nicht mehr darüber freuen. Im Gegenteil, er hatte ihn noch nie so verflucht wie in diesem Moment.
„Lily!“, rief er wieder. Er stapfte weiter. Sein Pferd führte er mit der einen Hand, in der anderen hielt er die flackernde Laterne. Sein Körper war von der Kälte ganz steif, und er wollte gar nicht daran denken, wie durchgefroren Lily sein musste. Wenn sie überhaupt noch am Leben war.
Der kalte Nordwind, der aus Kanada herüberwehte, machte ihm das Atmen zunehmend schwerer. Schließlich zog er sich einen Schal über Mund und Nase.
Als plötzlich seine Stiefelspitze gegen etwas stieß, spürte er sein Herz kräftig gegen seine Rippen schlagen.
Er bückte sich und grub sich durch die Schneewehen.
„Oh, Gott sei Dank.“ Seine Hände bekamen einen Körper zu fassen, der zu einer Kugel zusammengerollt war. Mit den Handschuhen berührte er Lilys schöne Haare.
Er zog ihren regungslosen Körper in seine Arme. Ihr Gesicht war blass, ihre Lippen blau, die Augen hatte sie geschlossen. Es sah fast so aus, als wäre sie schon tot.
Mit einem entsetzten Stöhnen zog er einen Handschuh aus. Mit seinen eiskalten Fingern suchte er panisch einen Pulsschlag an ihrem Hals. Doch er war zu ungeduldig und seine Finger wegen der Kälte gefühllos. Daher hielt er seine Finger an ihre Lippen und wartete darauf, dass er ihren warmen Atem spürte.
Oh, Gott, bitte lass sie atmen!
„Wach auf, Lily.“ In seiner plötzlichen Verzweiflung schüttelte er sie. „Wach auf!“
Ihre Augenlider zuckten und ein leichter Atem strich über seine Finger. Dann schlug sie die Augen auf.
Vor Dankbarkeit schnürte sich seine Kehle schmerzlich zusammen, und Tränen brannten in seinen Augen. „Du lebst.“
„Connell“, flüsterte sie und sah ihn auf eine Weise an, dass ihm trotz der Eiseskälte ganz warm wurde.
Ihre langen, dichten Wimpern fielen auf ihre blassen Wangen, und ihr Atem wurde schwächer. Die Kraftlosigkeit ihres Körpers, die Farbe ihrer Haut und ihr schwacher Atem verrieten ihm, dass er keine Zeit hatte, sie den ganzen Weg bis nach Harrison zurückzubringen.
Er musste eine Möglichkeit finden, schnell ihren Körper wieder aufzuwärmen. Sofort. Ihr Leben hing davon ab.
Ein neuer Anflug von Panik durchfuhr ihn.
In seinem Gepäck kramte er nach Decken. Mit zitternden Händen gelang es ihm, sie darin einzuwickeln. Noch während er sie vor sich auf das Pferd setzte, wusste er, dass seine schwachen Bemühungen nicht ausreichen würden. Er lenkte die Stute in Richtung Harrison, während sein Verstand auf Hochtouren berechnete, wo er genau war und welches Holzfällerlager am nächsten war.
Wagte er es, die Eisenbahngleise zu verlassen und zu versuchen, ein Lager zu erreichen? Und wenn er sich verirrte?
Die Dichte des Schneetreibens kündigte einen Blizzard an. Selbst wenn er auf Gleise stieß, die ihn in ein Lager führten, würde Lily nicht so lange durchhalten.
Aber vielleicht gab es einen Unterschlupf in der Nähe. Eine verlassene Indianerhütte? Die alte Hütte eines Fallenstellers?
Eine Weile ging er in Gedanken jeden Zentimeter der Pere-Marquette-Gleise ab. „Die Sweeny-Hütte“, kam es ihm schließlich in den Sinn; nun war er von neuer Energie erfüllt.
Wenn seine Schätzungen richtig waren, war er etwa sieben Kilometer weit gekommen. Zur alten Sweeny-Hütte dürften es nur noch ein paar Hundert Meter weit sein. Erst an den Schienen entlang, dann in Richtung Osten von den Gleisen abbiegen und noch einmal ein paar Meter weit gehen.
Er drehte sich wieder mühsam um und trieb sein Pferd weiter an. Mit einem Arm umklammerte er Lily und in der anderen Hand hielt er seine Laterne. Hoffentlich reichte das Öl, bis er bei der Hütte ankam. Und er betete verzweifelt, dass seine Berechnungen stimmten. Wenn nicht, würden sie sich hoffnungslos mitten im Wald verirren.
Als er sein Pferd von den Gleisen weglenkte, wurde ihm das Gewicht von Lilys reglosem Körper so schwer, dass er kaum noch konnte. Seine Arme brannten von der Anstrengung, sein Pferd zu lenken. Aber er zwang sich weiterzureiten und maß jeden Schritt präzise ab, da er wusste, dass ihrer beider Leben davon abhing.
Als er nach seinen Berechnungen bei der Hütte angekommen sein müsste, hielt er das Pferd an und glitt herunter. Er hielt die Laterne hoch, konnte aber nichts erkennen, das auch nur entfernt nach einer Hütte aussah.
Eine entsetzliche Angst erfüllte ihn. Hatte er sich verrechnet?
Lilys lebloser Körper war schwerer geworden. Sie rührte sich nicht. Und er wusste auch nicht, ob sie noch atmete.
Ihm lief die Zeit davon.
Mit einem frustrierten Stöhnen beugte er sich vor und suchte mit seiner Laterne die Umgebung ab. Plötzlich fiel das flackernde Licht auf eine schneebedeckte Hütte.
Es war nicht mehr als ein notdürftiger Unterschlupf, drei Meter auf drei Meter, ein Teil war eine Höhle, die man mit Holzbrettern von einem Meter zwanzig Höhe verlängert hatte. Der Scout Bill Sweeny hatte sie gebaut, als er vor zehn Jahren auf der Suche nach den besten Kiefern das erste Mal nach Clare County gekommen war, das Land parzelliert und Grenzen gezogen hatte.
Eine schnelle Untersuchung ergab, dass das Dach kurz vor dem Einstürzen war und die Tür halb aus dem Rahmen hing. Die Hütte befand sich in einem jämmerlichen Zustand, aber sie war besser als nichts.
Als Connell sich bückte, um hineinzugehen, und Lily auf den kalten Erdboden legte, hoffte er, dass es für sie nicht schon zu spät war.