Über das Buch:
England / Britisch-Kolumbien 1860:
Mercy Wilkins ist in einem Londoner Armenviertel aufgewachsen. Engagiert setzt sie sich für die ein, die es noch schlechter haben. Als ihr eine Passage nach Kanada angeboten wird, sieht sie im Auswandern ihre Chance, eine gut bezahlte Stelle zu finden. Vielleicht wird es ihr so endlich gelingen, ihre Schwester aus dem Armenhaus loszukaufen!
Was ihr verschwiegen wurde: Es handelt sich bei der Tynemouth um ein Brautschiff, das sechzig Bräute übers Meer bringen soll. Und sie ist eine von ihnen!
Während der Überfahrt fordert der adlige Schiffsarzt, Lord Joseph Colville, Mercy immer wieder als Unterstützung an. Gemeinsam stellen sie sich allen Stürmen und Krankheiten und lernen einander dabei kennen – und lieben. Doch die Standesunterschiede, die das Miteinander der Frauen an Bord erschweren, stehen auch zwischen ihnen … Außerdem warten in Britisch-Kolumbien unzählige Männer auf ihre Bräute!

Über die Autorin:
Jody Hedlund lebt mit ihrem Mann, den sie als ihren größten Fan bezeichnet, in Michigan. Ihre 5 Kinder werden zu Hause unterrichtet. Die Zeit, die ihr neben dieser Tätigkeit noch bleibt, widmet sie dem Schreiben.

Kapitel 7

Joseph hielt sich an der kleinen, geöffneten Schublade fest, um auf dem schaukelnden Schiff nicht den Halt zu verlieren. Die Flaschen in der Schublade klirrten, als er sie näher zusammenschob und dadurch Platz für die übrigen Medikamente schuf, die er mitgebracht hatte. Mit dieser Auswahl war er auf die Krankheiten, die die Crew und die Passagiere während der langen Schifffahrt bekommen konnten, hoffentlich ausreichend vorbereitet.

Er war am Vorabend zu spät auf die Tynemouth gekommen, um noch bei Tageslicht auspacken zu können.

Die Kabine, die als Behandlungszimmer vorgesehen war, war nicht groß, aber deutlich größer, als Joseph es auf anderen Schiffen erlebt hatte. Für das Bullauge war er besonders dankbar. Es war zwar klein und verrostet, ließ jedoch zumindest etwas natürliches Licht herein, was bei Operationen oder beim Nähen von Wunden hilfreich sein würde. An der Wand war ein Bett festgeschraubt, auf dem er die Kranken behandeln konnte. An der Seite befand sich der Tisch mit den Schubladen, in denen er seine Medikamente aufbewahrte. Ein Regal darüber bot zusätzlichen Stauraum.

Ein Schreibtisch mit Stuhl drängte sich in eine der übrigen Nischen. Die Schrauben, mit denen er befestigt war, schienen neu zu sein. Kapitän Hellyer hatte wahrscheinlich angeordnet, dass diese Möbelstücke als besonderes Entgegenkommen in die Kabine gebracht wurden. Joseph würde sich bei ihm für diesen schönen Raum bedanken. Da auf einem Schiff der Platz immer sehr begrenzt war, wusste er diese Großzügigkeit sehr zu schätzen. Noch hatte er nicht mit dem Kapitän gesprochen, aber dazu würde er sicher Gelegenheit haben, bevor sie in ein paar Tagen die Anker lichteten.

Er hatte bereits von Bekannten in London erfahren, dass Kapitän Hellyer seine Offiziersausbildung in der Königlichen Marine gemacht hatte. Da es in den letzten Jahren keinen Krieg gegeben hatte, in dem er hätte kämpfen müssen, gehörte er zu den Königlichen Marine-Reservisten. Obwohl er auf der Tynemouth zum ersten Mal das Kommando auf einem Handelsschiff hatte, ging Joseph davon aus, dass der Kapitän sich als äußerst fähig erweisen würde.

Es klopfte an der Tür. Joseph strich sich übers Haar, rückte seine Manschetten gerade und öffnete. Er hatte damit gerechnet, den Kapitän zu sehen, doch vor ihm stand nicht Hellyer, sondern ein kurz gewachsener Mann, der mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Nervosität zu ihm aufblickte.

Der Fremde trug einen schwarzen Anzug mit einem hohen, gestärkten weißen Kragen, der ihn fast zu erwürgen schien. Joseph sah ihn schlucken, bevor der Mann sich tief verbeugte.

»Lord Colville«, schnarrte er. »Ich bin hocherfreut, Ihre erlauchte Bekanntschaft zu machen.«

Der Mann blieb so lange in seiner gebeugten Haltung, dass Joseph sich schon fragte, ob er ihm helfen sollte, sich wieder aufzurichten. Er räusperte sich. »Es freut mich auch, Sie kennenzulernen, Mr …«

»Pfarrer William Richard Scott.« Sein Gegenüber schnellte wieder in die Höhe. »Von der Kirche St. Maria Magdalena in Harlow.« Er schaute Joseph erwartungsvoll an. »Die erlauchte Lady Carlyle ist eine Förderin unserer Gemeinde.«

Joseph kannte Lady Carlyle schon sein ganzes Leben lang, aber das bedeutete nicht, dass er wusste, wen sie alles unterstützte.

»Sie hat wahrscheinlich von mir gesprochen oder wenigstens von meinen Predigten, da man sagt, dass meine Rhetorik unvergleichlich sei.«

»Ich muss leider gestehen, dass sie Sie nicht erwähnt hat, Mr Scott.« Josephs Blick wanderte an den Türen zu den Kabinen der zweiten und dritten Klasse entlang, die gerade für die Passagiere vorbereitet wurden. Der Großteil der Mitreisenden, besonders die Auswanderer aus der ärmeren Bevölkerung, würden auf dem Zwischendeck untergebracht sein, während die oberen Kabinen für die Reicheren reserviert waren.

Einige Kabinen der dritten Klasse befanden sich in der Nähe der Arztkabine gleich hinter dem Schiffsschornstein. Weiter hinten, hinter dem Besanmast, verlief eine weitere Reihe von etwas größeren Kabinen für Passagiere der zweiten Klasse.

»Ich hoffe sehr, dass Sie meine Gottesdienste besuchen werden, Lord Colville. Dann können Sie meine Predigten mit eigenen Ohren hören. Sie werden davon zweifellos genauso angetan sein wie Lady Carlyle. Ich zitiere oft aus Bischof Laws Eine ernsthafte Ermunterung an alle Christen zu einem frommen und heiligen Leben und aus Bischof Butlers Predigten. Das wird Ihnen gefallen.«

»Bestimmt«, antwortete Joseph höflich, obwohl seine Aufmerksamkeit gerade mehr von der Aussicht auf Dart Harbor gefesselt wurde, wo hundert oder mehr Schiffe, Fischerboote, Kohlenschlepper und sogar Ausbildungsboote neben der Tynemouth vor Anker lagen.

Die Stadt Dartmouth und die Bayards Cove breiteten sich entlang des Hafens aus. Die Reihen mit dicht aneinandergedrängten Häusern sahen aus, als wären sie stufenförmig auf den Klippen errichtet worden. Das alte steinerne Bearscore Castle stand wie ein unerschütterlicher Wächter am Fuß der Klippen.

Der Hafen strahlte in diesem regenreichen Frühling ein trübes Graubraun aus. Zum Glück herrschte nur ein schwacher Wellengang und der Sonnenschein dieses Mainachmittags gab einen kleinen Vorgeschmack auf den Sommer.

»Meine Familie und ich wohnen in einer Kabine der zweiten Klasse am anderen Ende des Decks.« Der Gesichtsausdruck des Pfarrers blieb ernst und seine Stimme klang sehr monoton. »Ich hoffe sehr, dass ich Ihnen bald meine Frau und meine beiden Töchter vorstellen kann, Lord Colville. Man sagt, dass die zwei sehr attraktiv und intelligent sind. Sie können sehr gut nähen, sticken, zeichnen, malen – und das sind nur einige ihrer Talente.«

»Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen«, sagte Joseph. »Aber als einziger Arzt auf dem Schiff werde ich wahrscheinlich nicht viel Zeit haben.«

»Das verstehe ich vollkommen, Mylord.« Mr Scott neigte ehrerbietig den Kopf. »Ich werde ebenfalls bis an meine Grenzen gefordert sein, um die Herde, die mir der Herr für diese Fahrt anvertraut, zu hüten.«

Joseph nickte und trat in seine Kabine zurück, um sich von dem Pfarrer zu verabschieden, aber der Mann stellte sich steif in den Türrahmen und verhinderte Josephs Rückzug.

»Ich hatte gehofft, ich könnte mit dem ehrwürdigen Pfarrer Thomas Nettleship Staley, dem neu geweihten Bischof von Honolulu, zu den Sandwich-Inseln reisen. Vielleicht haben Sie von ihm gehört?«

Joseph schüttelte den Kopf.

»Ich hatte die Ehre, gebeten zu werden, ihn dabei zu unterstützen, die Eingeborenen zu bekehren und das Evangelium unter den Heiden zu verbreiten. Aber Miss Angela Georgina Burdett Coutts – kennen Sie die entzückende Miss Coutts?«

Als Erbin der millionenschweren Coutts-Bank war Angela Coutts jedem Mitglied der Londoner Aristokratie bestens bekannt. »Ich hatte tatsächlich ein- oder zweimal …«

»Sie ist eine engagierte Philanthropin und setzt sich sehr für gesellschaftliche Reformen ein. Ihre guten Taten und ihre christliche Nächstenliebe sind genauso inspirierend wie Charles Dickens’ Schriften. Ich fühle mich geehrt, dass sie mich für ihr Anliegen ausgewählt hat.«

»Welches Anliegen, Mr Scott?«, fragte Joseph und überlegte bei sich, wie er den redseligen Pfarrer loswerden könnte.

»Ich werde die jungen ledigen Frauen, die von der Columbia-Missionsgesellschaft unterstützt werden, begleiten und beaufsichtigen. Mir wurde die wichtige Aufgabe übertragen, sie von den Versuchungen des Bösen fernzuhalten, damit sie, wenn sie in Vancouver Island eintreffen und mit den Männern zusammenkommen, die ihre Ankunft sehnsüchtig erwarten, als reine Bräute in das Sakrament der heiligen Ehe eintreten können.«

»Die Gerüchte, dass die Tynemouth ein Brautschiff ist, sind also wahr?« Joseph war dank Tante Pens Warnung nicht überrascht. Trotzdem ärgerte er sich. Kapitän Hellyer hätte dieses Detail erwähnen müssen.

Mr Scott straffte die Schultern und schob sein Kinn über den steifen Kragen, als wolle er zu einer langen Predigt ansetzen. »Ich weiß, was Sie denken, Lord Colville. Sie fühlen sich an ähnliche Bemühungen unseres großartigen Landes in der Vergangenheit erinnert. Aber ich kann Sie beruhigen: Maria Rye, die Gründerin der Londoner Auswanderungsgesellschaft für die Mittelschicht, hat die Frauen persönlich überprüft und ausgewählt.«

»Sie kommen also nicht aus dem Gefängnis?«

»Oh nein, Mylord. Man hat mir gesagt, dass die Gruppe hauptsächlich aus Damen der Mittelschicht besteht, die Stellen als Hauslehrerinnen suchen, bis sich geeignete Ehemänner für sie finden.«

»Verstehe.«

»Natürlich bestand die Columbia-Missionsgesellschaft unter dem Einfluss unserer lieben Miss Angela Burdett Coutts darauf, dass sich Miss Rye auch bemüht, junge Frauen aus den Arbeits- und Waisenhäusern zu holen. Das war auch absolut richtig, wenn ich das so sagen darf. Sie hatte wie immer vollkommen recht. Diese Seelen haben es bitter nötig, gerettet zu werden. Sehen Sie das nicht auch so?«

Joseph wollte ihm antworten, aber Mr Scott war wie ein Schiff mit vollen Segeln, das nicht zu bremsen war.

»Es erübrigt sich zu sagen, dass Miss Rye bei ihrer Auswahl dieser Verlorenen sehr rigoros vorgegangen ist. Deshalb wurden nur Frauen aus der Unterschicht ausgewählt, die dieses Vorrechts würdig sind. In Victoria werden Dienstboten gebraucht. Die armen Mädchen werden für diese Arbeit dankbar sein. Natürlich nur, bis sie in den Hafen der Ehe einlaufen können, was bestimmt bald nach ihrer Ankunft geschehen wird, da die Männer in der Kolonie die Ankunft dieses ersten Brautschiffes sehnsüchtig erwarten.«

»Es werden also noch mehr Schiffe folgen?«

»Wenn wir dafür sorgen wollen, dass die Kolonie zivilisiert bleibt, müssen wir weitere Frauen schicken.« Mr Scott warf einen Blick hinter sich, wahrscheinlich, um sich zu vergewissern, dass niemand ihr Gespräch hören konnte. Dann beugte er sich näher zu Joseph vor und senkte die Stimme. »Meine Missionarskollegen, die in Vancouver Island und British Columbia leben, berichten, dass die Goldsucher eindeutig Heiden sind und dies die Schuld der eingeborenen Frauen ist, die sie zu unehelichen Beziehungen verführen. Sie müssen von diesem Übel befreit werden. Der Einfluss tugendhafter, dienstwilliger, frommer Christinnen ist genau das, was diese Männer brauchen, um für Gott und ihr Land gleichermaßen gerettet zu werden.«

Joseph hatte auf seinen Schiffsreisen genug miterlebt, um zu wissen, dass Mr Scotts Annahme, die eingeborenen Frauen würden die Männer verführen, falsch war. Soweit Joseph es in anderen britischen Kolonien erfahren hatte, stellten die männlichen Einwanderer den Frauen nach und nutzten sie oft schamlos aus. Joseph hatte die arrogante Einstellung, mit der so viele die Ureinwohner behandelten und ausbeuteten, schon immer abstoßend gefunden. Viele benahmen sich, als wären diese Menschen weniger wert als sie.

Da Joseph schon vor langer Zeit mit den Konventionen gebrochen hatte, nahm er sich auch die Freiheit, seine Meinung zu äußern, selbst wenn sie nicht immer populär war.

»Wenn die Goldsucher voller Übel sind«, sagte Joseph, »sind vielleicht sie diejenigen, die die Ureinwohnerinnen verführen und nicht umgekehrt.«

Zum ersten Mal, seit er an seine Tür geklopft hatte, öffnete der Pfarrer den Mund, ohne dass etwas herauskam.

»Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, Mr Scott.« Joseph griff in einer unmissverständlichen Geste nach der Klinke und ließ Mr Scott keine andere Wahl, als den Türrahmen freizugeben. »Ich muss unbedingt weiter auspacken. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

Kapitel 8

Mercy saß im Beiboot, den Arm um Sarah gelegt, eines der Waisenmädchen, mit denen sie sich auf der Zugfahrt von London nach Dartmouth angefreundet hatte. Die Wellen rollten unerbittlich gegen das kleine Boot an, als wollten sie es daran hindern, sein Ziel – das Dampfschiff, das im Hafen vor Anker lag – zu erreichen.

Sarah erschauerte. »Ich muss mich gleich übergeben.«

»Wir sind schon fast da, Liebes«, tröstete Mercy sie. »Atme tief ein. Das wird bestimmt helfen.«

Auch die anderen der etwa ein Dutzend Frauen im Boot versuchten, Mercys Rat zu befolgen, und sogen die salzige Meeresluft tief in ihre Lungen, um die Übelkeit im Zaum zu halten. Ihre Gesichter waren genauso bleich wie die Kreidefelsen am Ufer, das hinter ihnen lag. Die Blässe betonte noch mehr, wie der Hunger ihre Gesichter gezeichnet hatte.

Die Columbia-Missionsgesellschaft hatte vor Antritt der Reise jeder Frau zwei Pence gegeben, um in einem öffentlichen Badehaus in der Nähe des Büros zu baden und sich die Haare zu waschen. Doch das Wasser hatte nur den Schmutz verschwinden lassen können, nicht all die Jahre in den ärmsten Teilen Londons.

Mercy war zuvor nur ein einziges Mal in einem Badehaus gewesen. Das Erlebnis, ihren ganzen Körper in eine Wanne zu tauchen – auch wenn das Wasser lauwarm und trüb gewesen war, da mehrere Frauen vor ihr an der Reihe gewesen waren –, war der reinste Luxus gewesen.

Sie staunte immer noch über die schöne Kleidung, die ihr Mrs Dotta gegeben hatte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas so Gutes besessen. Der dunkelblaue Baumwollrock war zwar am Saum etwas abgenutzt, aber er war dick, widerstandsfähig und, was am allerbesten war, er hatte keine Flecken oder Löcher. Die Bluse hatte die gleiche Farbe und vorne eine schöne Knopfleiste.

Mercy strich mit der Hand über die langen Ärmel und genoss den weichen, fast seidigen Stoff. Auch für das saubere Unterhemd und die lange Unterhose war sie mehr als dankbar. Beides war zwar nicht mehr in einem ganz so guten Zustand wie die anderen Kleidungsstücke, aber immer noch weißer und sauberer als alles, was sie je zuvor getragen hatte.

»Sind wir bald da?«, fragte Sarah und drückte ihr Gesicht an Mercys Arm.

»Es dauert noch ein bisschen.« Mercy warf einen Blick auf das Schiff, das irgendwie nicht näher zu kommen schien. Eine schöne Galionsfigur zierte das Bugspriet und ein Schornstein ragte neben mehreren Masten in die Luft.

Einer der Männer, die das Beiboot ruderten, hatte erklärt, dass das Schiff eine lange Propellerschraube hatte, die mit Dampf angetrieben wurde, den Kohlemaschinen tief im Bauch des Schiffes erzeugten. Streckenweise brauchte die Tynemouth die Propellerschraube und die Dampfmaschine, um vorwärtszukommen, aber wenn der Wind stark genug war, reichte die Kraft der Segel aus.

Dieses Schiff würde also in den nächsten drei bis vier Monaten ihr Zuhause sein. Der Eisenbahnwaggon war schon ungewohnt genug gewesen, die Geschwindigkeit des Zugs hatte Mercy ein wenig beunruhigt, und dazu der Lärm, das Ruckeln und die Aufregung. Aber der Anblick dieses riesigen Dampfers verschlug ihr die Sprache und machte ihr erst richtig bewusst, dass sie England tatsächlich verlassen und vielleicht nie zurückkommen würde. Sie würde um die halbe Welt in ein fremdes Land segeln, wo sie niemanden kannte.

Ihr Blick wanderte an den Frauen im Beiboot vorbei, zurück zu dem Land, das sie verließ. Blumenwiesen und Wälder breiteten sich in den schönsten Farbtönen auf den Hügeln über der Stadt aus, der blaue Himmel schien endlos weit.

Das Bild, das sich ihr bot, war so anders als alles, was sie bisher gekannt hatte. Sie könnte dieses Panorama stundenlang betrachten, ohne sich jemals daran sattsehen zu können. Auch gestern hatte sie während der gesamten Zugfahrt wie gebannt aus dem Fenster geschaut. Die vorbeiziehende Landschaft, die kleinen Städte, die Wiesen und Felder und die üppige Vegetation hatten in ihr eine starke Sehnsucht geweckt – danach, barfuß übers Gras zu laufen, die saubere Luft einzuatmen und zwischen den hohen Bäumen spazieren zu gehen.

Das Land war so groß! Warum mussten dann in London so viele Menschen auf viel zu engem Raum zusammenleben, in Häusern, die so nahe nebeneinanderstanden, dass man den Himmel kaum sehen konnte? Warum gab es in diesem reichen Land so viele Arme, die nicht genug zu essen, keine Arbeit und keine Hoffnung hatten?

Bei ihren Besuchen in der Praxis hatte ihr Dr. Bates immer wieder gesagt, wie sehr Gott sie liebe und dass er ihr Freude, Frieden und Hoffnung geben wolle. Aber warum ließ ein liebender Gott so viel Leid zu? Warum kehrte er den schlimmen Zuständen und den Sorgen, die Twiggy und Ash, Patience und so viele andere quälten, den Rücken? Es gab doch so viel Schönheit auf der Welt! Warum konnte Gott sie nicht so verteilen, dass jeder etwas davon hatte, statt sie nur wenige privilegierte Menschen genießen zu lassen?

Diese Fragen hatten sie schier erdrückt, je weiter sie London hinter sich zurückgelassen hatte. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben eingeengt in einer winzigen Ecke festgesessen, die ihre Existenz definiert hatte – und das, ohne dass sie gewusst hatte, welche große Welt außerhalb davon auf sie wartete. Wenn sie nur früher auf die Idee gekommen wäre, sich aus ihrer kleinen Welt hinauszuwagen! Doch auch wenn sie sich das wünschte, war ihr nach wie vor bewusst, wie schwer es für arme Frauen wie sie war, ein neues Leben anzufangen. Ohne die Hilfe der Missionsgesellschaft hätte sie sich nie eine Zugfahrkarte leisten können. Und selbst wenn sie beschlossen hätte, bis aufs Land hinauszuwandern, wurden Bettler, Vagabunden, Landstreicher und alle, die nicht dazugehörten, sofort vertrieben oder ins Gefängnis gesperrt.

»Wie soll ich es monatelang auf dem Meer aushalten, wenn ich es nicht einmal eine Stunde schaffe?«, fragte Sarah stöhnend.

»Du wirst dich daran gewöhnen«, versicherte Mercy ihr und betete, dass sie damit recht behalten würde.

Sarah wollte noch etwas sagen, doch dann hielt sie schnell den Kopf über den Bootsrand und fütterte mit dem Frühstück, das sie in ihrem Gasthaus bekommen hatten, die Fische.
Sie alle hatten das Essen gierig verschlungen: frisches Brot, gekochte Eier, dicke Scheiben Speck, Wurst und Kaffee – echten Kaffee!

Und jetzt konnte Sarah die Nahrung, die ihr Körper so dringend bräuchte, nicht bei sich behalten.

Während der restlichen Fahrt zum Schiff rieb Mercy sanft Sarahs Rücken, hielt ihre Haare zurück, als sie sich noch ein weiteres Mal übergab, und streichelte ihr die Wange.

Sarah und einige andere in ihrer Gruppe waren nicht älter als fünfzehn. Sie waren aus dem Waisenhaus St. Margaret geholt worden. Die Mädchen hatten ihr erzählt, dass sie zu alt waren, um noch länger dort wohnen zu können. Sie wären bald hinausgeworfen worden, um jüngeren Kindern Platz zu machen, die die Unterkunft noch nötiger hatten. Die bevorstehende Seereise bewahrte sie vor einem Leben auf der Straße.

Als das Beiboot neben dem Schiff anlegte, stellte Mercy fest, dass der Dampfer aus der Nähe sehr mitgenommen aussah. Offenbar war er in seinem kurzen Leben zu oft an seine Grenzen gebracht worden. Der frische Farbanstrich konnte die Kratzer und Schrammen nicht verbergen und der größte Teil des Schiffsrumpfs war vom Kohlenruß ganz schwarz.

Als der Landesteg herabgelassen wurde und sie aufs Hauptdeck stiegen, stützte Mercy Sarah.

»Meine Damen, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit.« Eine groß gewachsene Frau, die so dünn und flach war wie ein Brett, trat auf die Neuankömmlinge zu. Sie war nicht alt, aber ihre nach unten gezogenen Mundwinkel und die vortretenden Adern an ihren Schläfen verrieten, dass sie nicht unbedingt ein leichtes Leben hatte.

»Ich bin Mrs Robb«, erklärte sie. »Ich habe während der Fahrt die Aufsicht über Sie.«

Mercy hätte sich denken können, dass die Missionsgesellschaft nicht sechzig Frauen ohne eine Aufpasserin auf die Reise schickte. Es musste ja jemand für Ordnung sorgen. Mrs Dotta und Miss Rye blieben in London, um alles für die nächste Gruppe zu organisieren.

»Nehmen Sie Ihre Sachen und folgen Sie mir.«

»Unsere Sachen?«, schnaubte Ann, ein weiteres Mädchen aus dem Waisenhaus, als Mrs Robb bereits außer Hörweite war. »Für wen hält sie uns denn? Für Königliche Hoheiten?«

Einige kicherten. Alle folgten Mrs Robb mit leeren Händen; sie gingen mit nichts als der Kleidung, die sie am Leib trugen, in ihr neues Leben.

Mercy war überrascht, als sie an einer Kuh in einem improvisierten Stall sowie an mehreren Schweinen und Hühnerkäfigen vorbeikamen. Barfüßige Matrosen, die Segel flickten und das Deck schrubbten, unterbrachen ihre Arbeit und blickten den Frauen nach. Mrs Robb führte sie eilig weiter.

»So, da wären wir«, sagte sie schließlich und blieb neben dem Schornstein stehen. Sie deutete zu einer Kabinenreihe direkt dahinter. »Sie dürfen sich gesegnet schätzen, dass Sie für die Dauer der Überfahrt nicht zusammen mit den anderen ärmeren Passagieren auf dem Zwischendeck hausen müssen. Die Columbia-Missionsgesellschaft hat Geld gesammelt, damit Sie eigene Kabinen haben.«

Mercy ahnte, wie die Bedingungen auf dem Zwischendeck waren – wahrscheinlich war es dort dunkel, überfüllt und stickig, ähnlich wie sie es aus dem Armenviertel gewohnt waren. Obwohl es sie immer noch schmerzte, dass sie Patience und ihre Familie nicht so schnell wiedersehen würde, begriff sie immer mehr, welche große Chance diese Reise bedeutete.

»Sie teilen sich je zu sechst eine Kabine«, erklärte Mrs Robb. »Wenn Sie sich zusammengefunden haben, wohnen Sie für die Dauer der Überfahrt in diesen Konstellationen.«

Die Frauen begannen, sich aufzuteilen. Mercy wollte Sarah und die anderen Waisen zur ersten Kabine führen, als Mrs Robb sie scharf zurückhielt: »Meine Damen! Sie gehen erst dann in Ihre Kabine, wenn ich mit meinen Anweisungen fertig bin!« Mrs Robb wartete, bis alle Frauen Grüppchen gebildet hatten und wieder Ruhe einkehrte. »Es ist wichtig, dass Sie sich während der gesamten Reise streng an die Vorschriften der Missionsgesellschaft halten. Wir müssen über jeden Tadel erhaben sein, wenn wir die gute Arbeit der Gesellschaft in Zukunft fortsetzen wollen.«

Mercy horchte auf. Hing die Fahrt der Robert Lowe davon ab, wie gut sich ihre Gruppe auf dem Schiff benahm? In diesem Fall würde sie sich noch viel mehr Mühe geben, eine ganz und gar mustergültige Passagierin zu sein.

»Kommen wir zur wichtigsten Regel auf dem Schiff«, sagte Mrs Robb. »Es ist Ihnen verboten, zu anderen Passagieren Kontakt aufzunehmen, vor allem zu den Männern.«

Unzufriedenes Gemurmel erhob sich. Mrs Robb schürzte streng die Lippen und wartete.

Mercy störte diese Regel nicht. Sie hatte nicht den Wunsch, jetzt oder in Zukunft irgendwelche Männer kennenzulernen. Sie sah keinen Sinn darin, da sie ja sowieso nicht die Absicht hatte, je zu heiraten. Soweit sie es beurteilen konnte, brachte die Ehe nur Streit, Untreue und Babys.

Es gab zu viele verzweifelte Frauen, die den erstbesten Mann heirateten, der ihnen seine Aufmerksamkeit schenkte, weil sie glaubten, die Ehe würde sie retten und ihnen vielleicht Stabilität und Glück bringen.

Auch etliche von Mercys Freundinnen waren einem solchen Denken zum Opfer gefallen. Eine nach der anderen hatte einen Mann aus der Nachbarschaft geheiratet. Aber statt glücklicher zu werden, hatten ihre Freundinnen jetzt nur noch mehr Probleme, besonders wenn sie Kinder bekamen, die dann an Hunger oder Krankheiten starben.

Mercy hatte bislang wirklich nicht viele gute Ehen gesehen.

Aber vermutlich hofften die meisten Frauen, die an Bord der Tynemouth waren, eines Tages einen guten Ehemann zu finden.

Mrs Robb ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen. »Wenn wir in der Kolonie ankommen, werden mindestens tausend junge Männer sehnsüchtig Ihre Ankunft erwarten. Sobald Sie von Bord gehen, werden Sie von Verehrern umringt werden und sich vor Heiratsanträgen kaum retten können.«

Diese Bemerkung löste ein aufgeregtes Kichern aus, in das Mercy nicht einstimmte. Sie wand sich innerlich bei der Vorstellung, es könnte wirklich so kommen, und betete, dass Mrs Robb übertrieb.

Die große Frau blickte jedoch genauso ernst wie ein Totengräber. »Sie verstehen hoffentlich, wie wichtig es ist, dass Ihr Ruf und Ihre Tugend in den langen Wochen auf See keinen Schaden nehmen. Sie wollen bestimmt nicht, dass auch nur der geringste Verdacht auf ein unmoralisches Verhalten einer Ehe im Weg steht. Deshalb müssen Sie sich von den Männern an Bord unbedingt fernhalten. Haben Sie verstanden?«

Die Frauen konnten ihre Aufregung kaum zügeln. Mercy konnte diese Begeisterung absolut nicht teilen.

»Ich habe gefragt, ob Sie mich verstanden haben!«, übertönte Mrs Robbs scharfe Stimme das Tuscheln.

»Ja!«, antwortete Mercy mit den anderen Frauen im Chor.

Mrs Robb würde bald merken, dass sie sich bei Mercy Wilkins in dieser Hinsicht keine Sorgen machen musste. Absolut keine Sorgen.

Kapitel 9

»Sarah geht es immer noch schlecht«, flüsterte Ann, als Mercy in ihre Kabine zurückkam, die so klein war, dass sie nicht alle gleichzeitig von ihren Kojen aufstehen konnten.

Ann hatte die Liege über Sarah, Flo und Minnie teilten sich die Koje an der anderen Wand und Kip lag über Mercy.

Der Geruch von Erbrochenem hing in der Kabine. Obwohl Mercy die geblümte Porzellanwaschschüssel schon mehrmals über die Reling gekippt hatte, wollte der säuerliche Gestank sich nicht verziehen.

Mercy schüttelte die Regentropfen von ihrem Rock und aus ihrem Haar, bevor sie sich über Sarah beugte, die sich auf ihrer mit Stroh gefüllten Matratze in der schmalen Koje zusammengerollt hatte.

Als sie gestern auf dem Schiff angekommen waren, war es ihr wieder recht gut gegangen. Sie war genauso begeistert wie die anderen Mädchen gewesen, als sie sich eine Kabine hatten aussuchen dürfen. Auch wenn der kleine Raum sehr einfach und fensterlos war und die Ausstattung sich auf die Holzkojen, die Waschschüssel und einen Wasserkrug beschränkte, hatten sie sich alle gefreut und abwechselnd die verschiedenen Betten ausprobiert.

Irgendwann in der Nacht hatte der Regen auf das Schiff zu prasseln begonnen. Der Wind hatte geheult und der Sturm war immer stärker geworden. Große Wellen hatten das Schiff hin und her geworfen, sodass es geschwankt hatte wie ein Betrunkener, der aus einer Kneipe torkelt. Sarahs Übelkeit war zurückgekehrt, dieses Mal noch um Längen heftiger.

Mercy hatte das Mädchen während der restlichen Nacht gepflegt, bis Sarah beim ersten Tageslicht endlich wieder eingeschlafen war. Diese Gelegenheit hatte Mercy genutzt, um die Kabine zu verlassen und das Deck zu erkunden. So früh am Morgen hatte es verlassen dagelegen und sie hatte die wenigen ungestörten Momente genossen und unter einem Vordach frische Luft geschnappt, während sich der Krug aus ihrer Kabine mit Regenwasser gefüllt hatte. Anscheinend war der Sturm so gut wie überstanden.

»Es wird bald besser werden«, sagte Mercy beruhigend und streichelte mit dem Handrücken Sarahs Wange. »Trink etwas Kühles, das wird dir guttun.« Sie goss etwas von dem Regenwasser in eine Blechtasse. Dann half sie Sarah, sich ein wenig aufzusetzen, und brachte die Tasse an ihre Lippen. »Hier, Liebes.«

Sarah hatte das Wasser kaum geschluckt, als es wieder hochkam.

Die anderen Mädchen hingen über ihren Bettkanten und schauten besorgt zu. Ann rutschte von ihrer Koje herunter und sank neben Mercy auf die Knie. »Wie kann ich helfen?«

Mercy tätschelte ihren Arm. In der kurzen Zeit mit den Mädchen hatte Mercy erkannt, dass Ann ihre Anführerin war. Sie hatte zarte Gesichtszüge und trug ihr dunkles Haar in zwei langen geflochtenen Zöpfen. Wie viele Waisen hatte sie viel zu schnell erwachsen werden müssen und besaß eine innere Stärke und Härte, die sie für ihr Alter viel zu reif machten.

»Soll ich den Arzt holen?«, fragte Ann.

Im Licht, das unter dem Türspalt hereindrang, musterte Mercy Sarahs Gesicht. Ihre Wangen waren eingefallen und schrumpelig, so wie Claras an dem Tag, an dem sie in der Shoreditch-Praxis gestorben war. Claras Mutter hatte zu lange gewartet, bis sie um Hilfe gebeten hatte. Diesen Fehler wollte Mercy bei Sarah nicht wiederholen.

Bei ihrem Spaziergang auf dem Deck war sie nicht weit von ihrer Kabine an einer Tür mit einem Arztsymbol vorbeigekommen.

Obwohl es noch sehr früh am Morgen war, würde der Schiffsarzt sicher nicht zögern zu helfen.

»Ich kann alles besorgen, was wir brauchen«, schob Ann mit einem unüberhörbaren Stolz in der Stimme nach. »Sag mir nur, was wir brauchen, dann beschaffe ich es. Ich habe mich noch nie erwischen lassen.«

Es machte Mercy traurig, dass so viele obdachlose Kinder zu Dieben wurden, um zu überleben. Noch beunruhigender fand sie, wie selbstverständlich es für sie war, andere zu bestehlen. Sie schüttelte den Kopf. »Wir sollten uns nicht schon am Anfang dieser Fahrt falsch verhalten. Wir müssen ehrlich sein, auch wenn es schwer ist.«

»Wie du willst«, sagte Ann und kletterte wieder in ihre Koje.

Mercy wollte noch mehr sagen, verkniff es sich aber. Vor ihr lagen viele Wochen, in denen sie diesen jungen Frauen helfen konnte zu lernen, das Richtige zu tun, genauso wie ihr Patience immer geholfen hatte. Es würde zu nichts führen, jetzt etwas erzwingen zu wollen.

Stattdessen half sie Sarah aus dem Bett, legte einen Arm um sie und führte sie aus der Kabine. Sie traten aufs Deck. Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber es war immer noch stürmisch. Da das Schiff so sehr schaukelte und Sarah so schwach war, musste Mercy das Mädchen fast tragen.

»Herr Doktor!«, rief sie, als sie vor der Tür mit dem Arztsymbol ankam. Sie klopfte leicht. »Ich habe hier ein krankes Mädchen!«

Der Wind wehte ihre Worte davon. Sie wartete einen Moment, dann drückte sie ihr Ohr an die Tür. Da sie nichts hörte, klopfte sie wieder, dieses Mal kräftiger.

Als die Tür aufging, nahm sie sich nicht die Zeit, den Arzt zu begrüßen. Sie hatte nicht einmal einen Blick für ihn übrig. Sie stolperte mit Sarah in die Kabine. Als sie das Bett entdeckte – dessen verknüllte Decke verriet, dass gerade noch jemand darin gelegen hatte –, führte sie Sarah dorthin und half ihr, sich hinzulegen. Sarah rollte sich sofort wieder zusammen.

Hinter ihr hantierte der Arzt mit irgendetwas. Einen Moment später flackerte eine Laterne auf und Mercy konnte Sarahs Gesicht deutlich sehen. Die Augen des Mädchens waren glasig, ihre Lippen trocken und aufgesprungen.

»Bitte, Herr Doktor«, sagte Mercy und drehte sich um. »Könnten Sie …?« Die Worte blieben ihr im Halse stecken. Nur wenige Schritte von ihr entfernt hängte der Schiffsarzt die Laterne an einen metallenen Wandhaken. Er stand mit dem Rücken zu ihr. Mit nacktem Rücken.

Für einen langen Moment konnte Mercy den Blick nicht von dem Bild abwenden, das sich ihr bot. Zerzauste dunkle Haare, breite Schultern, kräftige, gebräunte Arme. Sie wusste nicht genau, was für einen Schiffsarzt sie erwartet hatte, aber gewiss keinen so jungen und muskulösen.

Nachdem er die Flamme der Laterne so groß hatte werden lassen, dass sie den ganzen Raum erhellte, drehte er sich zu ihr um.

Bevor er sie dabei ertappen konnte, wie sie ihn mit offenem Mund anstarrte, sah sie schnell nach unten, auf seine nackten Füße. Sie hatte es so eilig gehabt, Sarah zu helfen, dass dem Arzt keine Zeit geblieben war, sich anzukleiden.

Es war natürlich nicht so, als wüsste sie nicht, wie ein Männerkörper aussah. So eng, wie ihre Familie zusammengewohnt hatte, hatte sie ihren Vater und ihre Brüder oft nackt gesehen. Es bestand also kein Grund, überrascht oder beschämt zu sein. Dennoch fühlte sie sich unbehaglich.

»Entschuldigen Sie bitte vielmals, Herr Doktor. Ich hatte nicht … Mir war nicht bewusst …«

»Wenn sich hier jemand entschuldigen muss, dann ich, Madam«, unterbrach er sie.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er sich eilig ein Hemd von einem Haken an der Rückseite der jetzt geschlossenen Tür schnappte.

»Ich hatte nur gehofft, Sie könnten der armen Sarah helfen.«

Er hatte gerade seinen Arm halb in den Ärmel gesteckt und hielt nun mitten in der Bewegung inne. Mercy konnte spüren, dass er sie musterte. Sie riss sich zusammen und schaute ihm ins Gesicht.

Seine Augen waren so dunkel wie sein Haar und ein Bartschatten betonte seine attraktiven Züge. Etwas an ihm kam ihr bekannt vor.

Er zog eine Augenbraue hoch. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

Sie wollte schon den Kopf schütteln, doch dann hielt sie abrupt inne. Er war doch der Arzt, der versucht hatte, Clara zu helfen!

Und sie hatte versucht, ihn mit ihren Stiefeln zu bezahlen. Bei der Erinnerung an seinen angewiderten, mitleidigen Blick zuckte sie innerlich zusammen. Er hatte keine gute Meinung von ihr gehabt und sie womöglich sogar für eine Prostituierte gehalten, nachdem er angenommen hatte, Clara wäre ihre Tochter.

Wenn sie ihn nicht auf jene Begegnung ansprach, würde er sie vielleicht nicht erkennen, besonders jetzt, da sie sauber war und neue Kleidung trug.

»Ah, ja«, sagte er, zerrte an seinem Hemd und schob seinen linken Arm in den anderen Ärmel. »Sie haben das kleine Mädchen mit Cholera infantum in die Shoreditch-Praxis gebracht.«

Sie seufzte innerlich. »Ja, Sir. Das war ich.«

»Wie war noch mal Ihr Name?« Er zog die Hosenträger über sein Hemd.

»Mercy Wilkins, Sir.« Warum war ihr diese Situation so peinlich? Es konnte ihr egal sein, was dieser Arzt von ihr hielt. Aber sie würde ihn in den nächsten Monaten oft sehen und sie wollte nicht, dass er schlecht von ihr dachte.

»Ich bin Dr. Colville«, sagte er und trat zu ihr. »Wen haben Sie mir dieses Mal gebracht, Miss Wilkins?«

Dass er ihren Namen so formell und respektvoll aussprach, überraschte sie. Arme Frauen wie sie wurden selten höflich behandelt und mit Miss angesprochen.

Er trat an ihr vorbei zum Bett.

»Das ist Sarah, Sir. Ihr war die ganze Nacht furchtbar übel. Ich hatte gehofft, dass sie und das Meer sich anfreunden würden, aber bis jetzt scheinen sie nicht gut miteinander auszukommen.«

Dr. Colville schaute kurz zu ihr. Obwohl er nicht lächelte, entdeckte sie eine leise Belustigung in seinen Augen.

Fand er sie amüsant? Vielleicht hielt er sie für einfältig. Bevor Mercy überlegen konnte, ob sie beleidigt sein sollte oder nicht, stöhnte Sarah auf.

»Hallo, Sarah.« Der Arzt berührte die Stirn des Mädchens und fühlte dann den Puls an ihrem Hals. »Wie ich höre, heißt die See dich nicht gerade freundlich willkommen. Aber keine Sorge, du bist nicht die Erste, der es so ergeht, und du wirst auch nicht die Letzte sein.«

Sarah schlug endlich die Augen auf. Benommen schaute sie Dr. Colville an.

»Leider können die Menschen, die das Meer als Feind erleben, diese gestörte Beziehung nur selten verbessern.« Nun schenkte er Mercy doch ein kleines Lächeln. Fast war sie geneigt zu glauben, dass es ehrlich und nicht spöttisch gemeint war.

Trotzdem konnte sie sich nicht überwinden, es zu erwidern. »Wollen Sie damit sagen, dass die Arme auf der ganzen Reise leiden wird?«

»Die Übelkeit wird wahrscheinlich kommen und gehen, abhängig vom Seegang. Aber ja, ich fürchte, der größte Teil der Fahrt wird für sie sehr unangenehm sein.«

»Sollte sie dann nicht lieber an Land zurückgebracht werden?«

»Nein!«, krächzte Sarah und Panik verzerrte ihr aschfahles Gesicht. »Bitte zwingen Sie mich nicht, das Schiff zu verlassen! Ich kann nirgendwohin, ich habe kein Zuhause und keine Arbeit.«

Sie versuchte, sich aufzusetzen, aber Mercy drückte sie sanft zurück. Mitgefühl erfüllte sie; sie verstand die Not des Mädchens nur zu gut. »Du kannst natürlich bleiben. Aber du musst versprechen, dass du nicht aufgeben wirst.«

Sarah sank auf das Bett zurück, schloss die Augen und nickte schwach. »Ich verspreche es.«

»Gut.« Mercy strich Sarah die losen Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Die Fahrt wird schwer werden, aber wir dürfen nicht vergessen, was uns an unserem Ziel erwartet.«

Wieder nickte Sarah. »Das werde ich nicht.«

* * *

Joseph trat zu den Schubladen mit seinen Medikamenten. Er fand den Rest der Wermutsalbe, die er bei seiner letzten Schifffahrt hergestellt hatte. Er öffnete die Dose und atmete den Geruch von Minze ein, der sich mit dem von gemahlenem Wermut, Weinessig und Olivenöl vermischte.

Das Klopfen hatte ihn aus dem Tiefschlaf gerissen. Ohne nachzudenken, war er aus dem Bett gesprungen. Er war froh, dass er wenigstens in seine Hose geschlüpft war, bevor er die Tür aufgerissen hatte.

Bei seinen früheren Fahrten war er nur von Matrosen oder den Schiffsoffizieren, die seine Hilfe benötigten, aufgesucht worden. Da keine Frauen an Bord gewesen waren, hatte er keine Rücksicht darauf nehmen müssen, ob er anständig bekleidet gewesen war.

Offenbar musste er jetzt wachsamer sein.

Er warf einen Seitenblick zu Mercy. Ihre blaugrünen Augen hatte er gleich wiedererkannt, sie aber erst einordnen können, als sie zu sprechen begonnen hatte. Ihr weicher, freundlicher Tonfall hatte ihn sofort in die Shoreditch-Praxis zurückversetzt.

Das Laternenlicht verlieh ihren blonden Haaren einen Goldschimmer. Sie war wohl zu sehr in Eile gewesen, um sie hochzustecken, sodass sie ihr in sanften Wellen fast bis zu ihrer Taille über den Rücken fielen.

Joseph hatte sie bei ihrer letzten Begegnung ganz anders wahrgenommen. Natürlich war er damals übermüdet gewesen und sie sehr angespannt, ganz zu schweigen von der alles andere überschattenden Trauer über den Tod des kleinen Mädchens, den sie beide nicht hatten verhindern können.

An den Namen des Kindes konnte er sich nicht mehr erinnern, aber er wusste noch genau, dass er diese Frau für eine unfähige Mutter gehalten hatte – um später von Bates zu erfahren, dass es gar nicht ihre Tochter gewesen war.

Als spüre sie seinen Blick, wandte sie sich ihm zu. Er richtete seine Aufmerksamkeit schnell wieder auf die Schublade und holte noch ein weiteres Medikament heraus. »Miss Wilkins, es ist zwischen uns wohl zu einem Missverständnis gekommen. Ich war davon ausgegangen, dass die Kleine Ihr Kind ist.«

»Das habe ich gemerkt, Sir.«

»Und Sie haben es nicht für nötig gehalten, mich zu korrigieren?«

»Ich habe mir mehr Sorgen um Clara gemacht als um meinen Ruf.«

Ihre Miene war resigniert, als wäre sie es gewohnt, regelmäßig beleidigt zu werden.

Sie war auffallend schön, besonders ihre Augen, die von langen Wimpern umrahmt wurden, die sie noch größer und leuchtender wirken ließen. Joseph war überrascht, dass eine so hübsche Frau nicht schon längst verheiratet war. Es gab bestimmt jede Menge Männer, die sich um sie bemühten. Warum also war sie auf einem Brautschiff?

Zu gern hätte er sie direkt darauf angesprochen, aber das wäre natürlich hochgradig unhöflich gewesen.

»Ich kann Ihnen versichern«, sagte er, während er die Schublade zuschob, »dass ich Sie dieses Mal nicht kränken und Sarah nicht für Ihre Tochter halten werde.«

»Danke, Sir.«

Er hatte den Eindruck, dass sie seine Bemerkung ein wenig zu ernst nahm. Dabei war Sarah viel zu alt, um ihr Kind sein zu können.

»Dr. Bates hat mir erzählt, wie liebevoll sie sich um die Kinder in Ihrer Nachbarschaft kümmern.«

Sie nickte nur leicht.

»Und Sarah?«, fragte er. »Hat sie auch in Ihrer Nähe gewohnt?«

»Ich habe Sie erst vor Kurzem kennengelernt, Sir. Auf der Zugfahrt nach Dartmouth.« Mercy streichelte die Schulter des Mädchens. »Gibt es irgendetwas, das ich für sie tun kann?«

»Sie ist in diesem Viertel ein Engel der Barmherzigkeit, auch wenn ihr selbst das gar nicht bewusst ist.« Joseph bekam eine Ahnung, was Bates damit gemeint hatte. Sie gab eindeutig sehr viel von sich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Er war sich nicht sicher, ob das für ihn selbst gleichermaßen galt.

»Herr Doktor?«, holte Mercy ihn zurück in die Gegenwart.

»Ich habe hier zwei Mittel.« Er schüttelte die Flasche, die er in der Hand hatte. »Das sollte die Übelkeit eindämmen, sodass sie sich nicht mehr so oft übergeben muss.«

Da es Sarah gerade ein wenig besser zu gehen schien, nutzte Joseph die Gelegenheit, um ihr das Medikament zu verabreichen. Er strich ihr die Wermutsalbe unter die Nase und flößte ihr dann einen Löffel voll Tonikum ein. Als er sah, dass Sarah das Medikament bei sich behielt, wies er Mercy an, ihr ein paar Schlucke Wasser zu geben. Noch bevor Mercy damit fertig war, schlief Sarah ein.

Mercy stand auf und streckte sich. »Glauben Sie, sie wird die Reise überstehen, Herr Doktor?«

»Unter Ihrer Fürsorge wird sie es schaffen.«

Ihre Wangen röteten sich und sie nestelte verlegen an einer Falte ihres Rocks herum. »Ich gehe jetzt lieber zu den anderen Mädchen und kümmere mich darum, dass sie ihr Essen bekommen.«

Bevor er etwas erwidern konnte, rief ihn ein kräftiges Klopfen zur Tür.

Eine große Frau mit missmutiger Miene blickte ihm entgegen. »Guten Morgen, Herr Doktor. Ich suche zwei meiner Zöglinge. Man hat mir mitgeteilt, dass sie wahrscheinlich bei Ihnen sind.« Ohne auf seine Erlaubnis zu warten, schob sich die Frau an ihm vorbei. Bei Mercys Anblick wurde ihr Ausdruck tatsächlich noch ein bisschen mürrischer. »Mercy Wilkins?«

Mercy machte einen Knicks. »Ja, Mrs Robb.«

»Was ist unsere wichtigste Regel auf diesem Schiff?«

»Ich dachte, Sarah würde sterben, Madam«, erklärte Mercy schnell. »Sie brauchte Hilfe!«

»Die Regel, Mercy?«

»Ich habe nicht gedacht, dass die sich auch auf den Schiffsarzt bezieht, Madam.«

»Die Regel.« Mrs Robb blieb unerbittlich.

Mercy senkte das Kinn. »Kein Kontakt zu den anderen Passagieren.«

»Besonders nicht zu wem?«

»Zu Männern, Madam.«

Joseph versuchte sich zusammenzureimen, wer diese Mrs Robb war und was sie Mercy unterstellte. »Mrs Robb«, mischte er sich ein. »Ich versichere Ihnen, dass Miss Wilkins richtig gehandelt hat. Es war eine kluge Entscheidung, Sarah zu mir zu …«

»Herr Doktor«, unterbrach ihn die Frau in einem scharfen, aber ruhigen Ton. »Hat Ihnen irgendjemand die Verantwortung für die Frauen auf diesem Schiff übertragen?«

Ihre Herablassung ärgerte ihn. »Wenn jemand auf diesem Schiff krank wird, Madam, fällt er in meinen Verantwortungsbereich, unabhängig von seinem Geschlecht.«

Sie verengte die Augen zu Schlitzen. »Um eines klarzustellen: Die Columbia-Missionsgesellschaft hat diese Frauen meiner Aufsicht anvertraut. Ich entscheide, ob und wann sie medizinische Hilfe benötigen. Nicht Sie.«

»Das war allein mein Fehler, Mrs Robb«, meldete Mercy sich nun wieder zu Wort und ihr besorgter Blick wanderte zwischen Joseph und Mrs Robb hin und her. »Ich habe Sarah hierhergebracht, weil ich dachte, sie wäre in Lebensgefahr. Dr. Colville trifft keine Schuld, Madam.«

Mrs Robb bedachte Mercy mit einem strafenden Blick, unter dem die junge Frau ganz klein zu werden schien.

Joseph musste sehr an sich halten, um nicht einzuschreiten. Offenbar hatte Mrs Robb keine Ahnung, wer er war. Aus ihrem schlichten Kleid schloss er, dass sie bestimmt nicht aus reichem Hause stammte. Er hätte nicht übel Lust gehabt, sie in ihre Schranken zu weisen. Aber dann wäre er nicht anders gewesen als sie und hätte seine Stellung benutzt, um einen anderen Menschen abzukanzeln. Außerdem hatte er seinen Titel für die Dauer der Fahrt abgelegt und die anderen Offiziere bereits gebeten, dass sie ihn mit Doktor und nicht mit Lord ansprechen sollten.

Er entschied sich für einen möglichst versöhnlichen Tonfall. »Mrs Robb, ich möchte ebenfalls etwas klarstellen: Kapitän Hellyer hat mir als Arzt das Wohl jedes einzelnen Passagiers anvertraut. Verstehen Sie bitte, dass ich mir weder von Ihnen noch von sonst jemandem vorschreiben lasse, wie und wann ich auf diesem Schiff Patienten behandle.«

Die Frau besaß tatsächlich die Kühnheit, ihn finster anzufunkeln. Er hielt ihrem Blick stand. Schließlich richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Mercy. »Geh augenblicklich mit Sarah in eure Kabine zurück!«

Mercy gehorchte dem Befehl sofort.

Joseph wollte sie aufhalten und darauf bestehen, dass Sarah noch eine Weile ungestört hier liegen bleiben sollte. Aber er hatte das Gefühl, das hätte die Sache für Mercy und Sarah nur noch schlimmer gemacht. Deshalb drückte er Mercy nur wortlos das Tonikum und die Salbe in die freie Hand, als sie dem benommenen Mädchen zur Tür half. »Geben Sie Sarah hiervon, wenn ihr besonders übel ist. Falls es zu schlimm wird, bringen Sie sie unbedingt wieder zu mir.«

Mrs Robb war über diese Missachtung ihrer Anweisungen sichtlich empört, verkniff sich jedoch eine weitere Bemerkung.

Mercy nickte kurz, wagte es aber nicht, ihn dabei anzusehen.

Nachdem Mrs Robb ihr und Sarah nach draußen gefolgt war und die Tür geschlossen hatte, konnte Joseph über diesen sonderbaren Morgen nur den Kopf schütteln. Obwohl er Mrs Robb am liebsten noch einmal konfrontiert und darauf bestanden hätte, dass sie Mercy und Sarah milde behandelte, zögerte er. In gewisser Weise hatte sie recht: Die Frauen waren nicht seine Sorge. Aber während er versuchte, die Gedanken an die künftigen Bräute zu verdrängen, sah er wieder Mercy Wilkins’ Gesicht vor sich und ihren wachen, teilnahmsvollen Blick.

Es war, wie Bates gesagt hatte: Sie trug unübersehbar ihren Teil bei, um auf der Welt etwas zum Besseren zu verändern.

Und was machte er?