Über das Buch:
Leah hat sich mit dem stillen und bescheidenen Leben in Gobbler’s Knob abgefunden. Nach Jahren schafft sie es, ihren Frieden mit ihrer Schwester zu machen, und auch ein persönliches Glück scheint möglich.
Doch über das zarte Pflänzchen ihrer neuen Hoffnung geht der Eiswind der Veränderung hinweg, als ein weiterer Schicksalsschlag ihre Rolle in der Familie auf den Kopf stellt. Hat sie genug Kraft und Gottvertrauen, aus Liebe zu ihrer Familie erneut all ihre Pläne in Frage zu stellen?
Über die Autorin:
Beverly Lewis wurde im Herzen des Amisch-Landes in Lancaster, Pennsylvania, geboren. Sie hat 3 erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann Dave in Colorado/USA. Ihr Wissen über die Amisch hat sie von ihrer Großmutter, die in einer Mennoniten-Gemeinde alter Ordnung aufwuchs.
6
Hannah sprach kein Wort mit Mary Ruth, als sie durch die Küchentür ins Haus huschten. Sie war so sauer auf Elias – und auf Mary Ruth, weil sie ihn angefeuert hatte. Sie wollte nur noch schnell nach oben und sich zum Schlafen ausziehen. Wenigstens werde ich in meinen Träumen nicht von Typen wie Elias Stoltzfus gejagt!, dachte sie und eilte zur Treppe.
Sobald sie beide im Bett lagen und sich mit dem Laken nur leicht zudeckten, da es so warm und stickig im Zimmer war, seufzte sie leise und hoffte, Mary Ruth würde kein Wort zu dem Vorfall sagen. Sie war völlig erschöpft. Sie hatte sich an ihrem Sitz festgeklammert und im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben gebangt! Meine Güte, sie war ziemlich sicher, dass der Fahrer des Autos, das heute Abend geradewegs auf sie zugekommen war, kaum genug Zeit gehabt hatte, auf die Hupe zu drücken, geschweige denn zu beten, dass der verrückte Einspännerfahrer ihm aus dem Weg gehen würde.
„Ich weiß, was du denkst“, flüsterte Mary Ruth auf dem Kissen neben ihr.
Hannah atmete tief ein und hielt einen Augenblick den Atem an, dann atmete sie abgehackt aus. „Ich hatte heute Abend wirklich das Gefühl, ich sähe mein ganzes Leben in einer Sekunde vor mir vorüberziehen.“
„Ich glaube nicht, dass wir wirklich in Gefahr waren, Hannah. Meine Güte!“
„Oh, doch, das waren wir! Hast du nicht gesehen, dass uns dieses Auto beinahe frontal gerammt hätte?“
Mary Ruth schwieg und drehte Hannah den Rücken zu.
„Hattest du denn keine Angst, Mary Ruth?“
„Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken, aber nur vor Aufregung. Das war alles. Eigentlich war es doch ein großer Spaß.“ Mary Ruth zog an dem Laken und ließ ihrer Zwillingsschwester nicht viel übrig. „Außerdem ist Elias wirklich ein guter Fahrer.“
Hannah fand, dass ihre Schwester damit völlig falsch lag. „Wenn du das unter Spaß verstehst, dann sollten wir vielleicht nicht mehr zu viert gemeinsam ausfahren.“
„Wenn du das willst“, kam die kühle Antwort.
Sie hat kein gutes Urteilsvermögen, dachte Hannah. Vielleicht wollte Mary Ruth einfach lieber mit Elias allein sein. Wenn das der Fall war, wusste Hannah nicht genau, was sie davon halten sollte, obwohl das ihr und Esra mehr Zeit geben würde, einander besser kennenzulernen. Das könnte eine gute Sache sein; jedoch war sie nicht so sicher, ob es weise wäre, Mary Ruth und Elias zu ermutigen, zu zweit allein loszufahren. Sie wollte nicht daran denken, dass ihre Zwillingsschwester ein ähnliches Ende wie Sadie nehmen könnte ... und offensichtlich auch wie Tante Lizzie, nach allem, was Mama ihnen erzählt hatte.
* * *
Leah konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, zurück in die Geborgenheit ihres weichen Bettes. Der Einspännersitz wurde immer härter, und Gid schien es zu gefallen, im Kreis zu fahren. Von Adah und Sam war auf dem Sitz hinter ihnen nichts mehr zu hören, und sie fragte sich, ob Adah wohl an Sams Schulter eingedöst sei. So wie sie Adah kannte, küssten sie sich bestimmt nicht.
Leah wandte den Blick von Gid ab und schaute nach links. Sie erinnerte sich an den ersten Kuss in ihrem Leben. Jonas hatte nicht im Mindesten gezögert, und so sehr es ihr auch gefallen hatte, an jenem Nachmittag auf der Wiese seine Lippen auf ihrem Mund zu fühlen, hatte sie im Geiste gleichzeitig Mamas Ermahnung laut und deutlich vernommen: Spare dir das Küssen auf den Mund für die Ehe auf ...
Sie und Jonas waren nur verlobt gewesen und nicht verheiratet. Sie hatte also nicht den geringsten Anlass gehabt, sich von ihm küssen zu lassen. Jeden Tag, der verging, versuchte sie, die angenehmen Gedanken an ihren früheren Freund zu verdrängen, und wünschte, sie hätte gewartet und sich von ihrem Mann das erste Mal küssen lassen, wer immer das sein würde.
Sie hatte vorgehabt, Tante Lizzie oder Mama deswegen zu fragen. Wenn sie davon wüssten, würden sie dann sagen, dass ihr Ungehorsam am Ende schuld daran gewesen war, dass sie Jonas verloren hatte? Würde Mama so etwas sagen? Wurde die Regel mit dem Küssen auf den Mund von allen amischen Müttern als so wichtig angesehen und an ihre Töchter weitergegeben? Leah wusste von ziemlich vielen jungen Ehepaaren, die sich bis zu ihrem Hochzeitstag nie geküsst hatten; einige strengere Gruppen verboten sogar, vor der Ehe die Hand des anderen zu halten.
Sie wünschte, die Straße wäre besser beleuchtet. Man sah nur hier und da, wenn sie an den englischen Bauernhäusern vorbeikamen, ein Hoflicht. Leah fragte sich, wie spät es wohl sei und wie lange sie noch warten müsste, bis sie nach Hause käme.
Aus heiterem Himmel begann Smithy Gid zu plaudern, und so müde sie auch war, hielt sie es für angebracht, ihm zuzuhören ... und Respekt zu zeigen. „Was würdest du davon halten, wenn wir irgendwann wieder nach Strasburg fahren?“, fragte er.
Wollte er sie fragen, ob ihr der Abend und der Ausflug in das Nachbardorf gefallen habe, oder bat er sie um eine weitere Verabredung? Um ihn nicht zu verwirren, dankte sie ihm für das gute Abendessen, das sie gehabt hatten, und sagte, wie nett es von ihm gewesen sei, sie einzuladen.
„Hat dir das Essen geschmeckt?“, fragte er.
„Es war wirklich gut. Danke.“
„Ich war das erste Mal in diesem Restaurant. Sam erzählt mir schon seit mehreren Wochen, dass wir dorthin gehen sollten.“
„Sam kannte das Restaurant also schon?“
Gid nickte lächelnd. „Ja, dadurch habe ich von diesem Gasthaus erfahren.“
Ihr tat Gid wirklich leid; er versuchte, sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken, und wollte ein zwangloses Gespräch mit ihr beginnen. „Es hat mir wirklich geschmeckt“, sagte sie und bemühte sich zu lächeln. „Es war so gut wie zu Hause.“
Sie sah, wie er einen Blick nach unten warf, um herauszufinden, wo ihre Hände waren. Sie war froh, dass sie sie auf ihrem Schoß gefaltet hatte. Es hatte keinen Sinn, die Dinge noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon waren. Er wollte mehr als nur eine kameradschaftliche Freundschaft, und sie war zufrieden mit den Dingen, wie sie waren. Bis jetzt.
„Was hältst du davon, wenn wir zum nächsten Singen gehen?“, fragte er.
„Ich war schon lange nicht mehr beim Singen. Das könnte den anderen ziemlich seltsam vorkommen.“
„Vielleicht könntest du mit Adah gemeinsam hingehen, und danach ... würde ich dich gern nach Hause bringen.“
Sie wusste nicht, was sie veranlasste, es zu sagen, aber ohne nachzudenken, sagte sie: „Sicher, Gid. Das wäre schön.“ Sie hoffte jedoch, dass sie nicht am Ende wieder mit Adah und Sam in einem Einspänner sitzen würden. Es war nicht leicht, mit ihnen spazieren zu fahren, denn sie sprachen von nichts anderem als davon, welches Haus sie mieten oder bauen wollten, welche Möbel sie brauchten und so weiter – typische Gesprächsthemen eines Paares, das bald heiraten wollte. Gid wusste oder vermutete bestimmt, dass dies bei seiner Schwester und Sam der Fall war.
Sie ließ ihren Blick zum Horizont im Westen wandern, und ihre Gedanken wanderten nach Ohio ... Ob Sadie und Jonas immer noch dort wohnten? Waren sie ein glückliches Ehepaar? War es überhaupt möglich, dass Sadie mit Leahs erster und einziger großen Liebe Freude und Frieden finden konnte? Schnell schämte sie sich dieser Gedanken, denn es war falsch, ihrer Schwester oder Jonas irgendetwas nachzutragen.
„Manchmal wirkst du ohne deine ältere Schwester fast verloren“, bemerkte Gid.
„Ist das so offensichtlich?“
Sie fuhren ein Stück schweigend weiter. Zu ihrer Überraschung legte er den Arm um ihre Schulter, berührte sie dabei aber kaum. „Es tut mir so leid ... das musst du wissen, Leah.“
In diesem Augenblick befiel Leah ein ganz seltsames Gefühl. Sie drehte sich um und schaute ihn an ... schaute ihn wirklich an. In seiner Miene lag ein tiefes Mitgefühl, seine Augen waren jetzt viel zu ernst. Gewöhnlich konnte sie unbefangen mit ihm sprechen, aber in dieser Minute war sie unsicher und unfähig zu sprechen. Sie wollte ihm nicht wehtun, sie wollte ihn wissen lassen, wie dankbar sie dafür war, dass er so nett zu ihr war, aber was sollte sie sagen? Was konnte sie sagen?
Langsam zog er sie näher, ließ die Zügel los und griff sanft nach ihrer Hand. „Oh, Leah. Es tut mir so leid, was du durchgemacht hast ...“
Sie konnte nicht mehr anders und begann zu weinen. Plötzlich war sie froh, dass Adah und Sam einander in den Armen lagen und eingeschlafen waren. „Du bist so nett zu mir, Gid. Du warst schon immer so nett zu mir.“
Er hielt sie fest, und sie war überrascht, wie gut es tat, von seinen starken Armen gehalten zu werden. So, als wäre er wirklich ein lieber Freund, dem sie vertrauen konnte, und nicht ein nervöser junger Mann, der ihr gern näher kommen wollte und hoffte, sie würde sich in ihn verlieben, damit er noch vor seinen jüngeren Schwestern heiraten konnte. Nein, in seiner herzlichen Umarmung lag ein echtes Mitgefühl, und sie legte den Kopf an seine kräftige Schulter.
Zwei lange, traurige Jahre waren gekommen und gegangen, und sie hatte sich fast wie eine Witwe verhalten, war nie zum Singen oder zu den anderen Veranstaltungen gegangen, bei denen junge Männer und Frauen sich trafen, so deprimiert war sie gewesen. Sie hatte sich entschieden, dass sie nichts anderes wollte als die Liebe des Herrn und alles, was er für ihr Leben vorgesehen hatte. Sie hatte sogar den Gedanken, jemals zu heiraten, verworfen und gedacht, wenn Tante Lizzie als allein stehende Frau glücklich sein konnte, warum sollte sie das dann nicht auch können?
Aber was sollte sie jetzt tun, da sich diese bekannten Gefühle in ihr regten? Andererseits war Leah frei und konnte sich wieder verlieben. Wenn ich will, dachte sie zu ihrer eigenen Überraschung.
Hier neben Gid fühlte sie sich ehrlich beschützt, umsorgt ... sogar geliebt. Sie kannte dieses Gefühl – sie hatte es so verzweifelt vermisst, seit sie und Jonas sich getrennt hatten. Jetzt hatte sie Angst, denn während sie durch die Nacht fuhren, wusste sie plötzlich, dass sie mehr wollte, dass sie ihre Abneigung gegen Sadie in Gids liebevollen Armen ersticken wollte.
Als sie sich der Auffahrt zum Peacheyhof näherten, fragte Gid: „Hast du etwas dagegen, wenn ich dich zu Fuß nach Hause bringe? Wir könnten durch das Feld gehen, wenn du einverstanden bist.“
Leah sagte, dass sie nichts dagegen habe, und in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, wie froh sie war. Dieser angenehme Abend hatte ihre Sichtweise völlig verändert. Verschwunden war ihre Ungeduld und ihr Wunsch, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Etwas Zartes, das in ihr gestorben gewesen war, begann, wieder zum Leben zu erwachen, und in diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, dass sie endlich die Traurigkeit und Feindseligkeit von sich abwerfen konnte, die sie fesselte und die ihren Weg behinderte. Man braucht sich nur den Schmied und Miriam Peachey anzusehen ..., wie glücklich sie sind, sagte sie zu sich. Wenn Gids Vater so liebevoll zu seiner Mutter war, wie Leah das immer bei ihm beobachtet hatte, dann würde Gid bestimmt auch ein mitfühlender Ehemann werden. Wie dumm wäre es von ihr, wenn sie die Chance, so sehr geliebt, so geachtet und respektiert zu werden, ungenutzt verstreichen ließe.
Sie ertappte sich dabei, dass ihre Gedanken in die Zukunft flogen, und sie überlegte, wie es wohl wäre, Gid zu heiraten, mit ihm zusammenzuleben und ihn zu lieben, sich um ihre gemeinsamen Kinder zu kümmern ... und seine treue Gehilfin zu sein. Er war zuvorkommend und nett, aber wie schwer wäre es, ihrem Herzen zu folgen – wenn sie ihr Herz tatsächlich wieder öffnen könnte, wie es im Augenblick aussah?
Leah wollte den Dingen nicht zu weit vorgreifen und verdrängte deshalb solche Gedanken, aber sie war rundum zufrieden, dass sie und Gid an diesem Abend noch ein paar Minuten zu zweit verbringen würden.
* * *
Sie waren umgeben vom saftigen Duft des frisch geschnittenen Grases und vom kräftigen Geruch der Kühe, als sie durch das breite Feld zwischen dem Ebersol- und dem Peachey-Hof spazierten.
Leah sah das Dach der Scheune ihres Vaters, den glitzernden Widerschein des Mondes, der das silbrige Blech mit seinem weißen Licht bestreute. Sie hörte eines der Maultiere wiehern. Maultiere waren bei Weitem nicht so eigensinnig, wie einige Leute anscheinend meinten. Sie ließen sich überreden, wenn auch nicht leicht, aber am Ende doch mit Erfolg, die schmalsten Teile des Feldes zu bearbeiten. Und Maultiere brauchten weniger Futter und hatten mehr Kraft als Pferde.
Gid schaute zum Stall hinüber. „Was ist denn da drüben los?“
„Wahrscheinlich hat eine Fledermaus das Vieh erschreckt.“ Sie blickte zu Gid auf. „Hast du schon einmal eine Fledermaus gesehen, die ein Maultier angreift?“
Darauf mussten sie beide lachen. Leah hatte nichts dagegen, als seine Hand ihre Hand fand. Sein freundschaftlicher, fester Griff ließ ihre eigene Hand klein und fast zerbrechlich aussehen, und wieder staunte sie über die Gefühle, die sich plötzlich in ihr regten, nachdem sie lange geschlummert hatten. Sie trat näher an seine Seite und hielt mit seinem Tempo Schritt.
„Da wir gerade von Maultieren sprechen“, sagte Gid, als sie auf halbem Weg über dem Feld waren. „Hast du gehört, dass manche Prediger früher gesagt haben, es sei anstößig, Gottes Geschöpfe zu kreuzen, wenn unser himmlischer Vater ein solches Tier nicht von Anfang an geschaffen hat? Wenn man zum Beispiel ein Pferd und einen Esel kreuzt, um ein Maultier zu bekommen?“
„Ja, das hat Papa auch schon gesagt ... aber wir alle haben heute Maultiere, oder? Wie soll man damit jetzt umgehen?“
„Ein Maultier bringt man sicher leichter als einen Ackergaul dazu, an steile oder schmalere Stellen auf dem Feld zu gehen“, erwiderte Gid.
Sie unterhielten sich leise und spazierten gemütlich weiter. Beide schienen den Abend nur ungern zu beenden, da sie sich jetzt so gut verstanden. Jetzt, da sie allein waren und nur der Mond, die Sterne und der schwarze Himmel über ihnen waren.
Leahs Haltung gegenüber Gid hatte sich in der letzten Stunde grundlegend verändert. Nie hätte sie in den geheimsten Winkeln ihrer Seele ahnen können, welche Freude es ihr bereiten würde, mit Gid Peachey spazieren zu gehen und mit ihm durch das Gras zu stapfen und ihn ihre Hand halten zu lassen.
„Was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass heute der glücklichste Abend meines Lebens ist?“, platzte er heraus.
Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle, und sie hatte Angst, sie könnte wieder anfangen zu weinen. Sie wagte nicht, ihm eine Antwort zu geben.
Er musste sie verstanden haben, denn er drückte ihre Hand und drehte sich zu ihr um. Seine gewellten, hellbraunen Haare sahen im Mondlicht fast farblos aus. „Ich hoffe, ich überrumple dich nicht ...“
Sie fragte sich, was er wohl sagen wollte. Sie atmete leise ein und fragte: „Womit, Gid?“
Er schwieg einen kurzen Moment. „Ich würde gern mit dir gehen, wenn du ... nun ja, wenn du damit einverstanden sein solltest.“
Sie schaute kein einziges Mal unsicher zum Ebersolhof, wie sie es bis heute oft getan hatte, wenn sie sich mit Gid unterhalten hatte. Nein, sie schaute ihn direkt an und betrachtete die männlichen Züge seines Gesichts, die ungetrübte Zuneigung, die er zu ihr empfand.
Leah wusste, dass sich ihre Gefühle verändert hatten: Ihr Widerwille am Anfang des Abends hatte sich in diese fremde, aber wunderbare Aufrichtigkeit verwandelt, die sie im Moment empfand. Das lag bestimmt nicht am Mondschein und am sanften, angenehmen Wind in den frühen Morgenstunden.
Smithy Gids Einladung konnte sie nicht widerstehen. „Ja, ich gehe mit dir“, antwortete sie.
Als er das hörte, hob er sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum. Ihre Freude kannte keine Grenzen, denn sie war so sicher gewesen – in jenem ganz geheimen Winkel ihres Herzens –, dass sie so etwas nie wieder in ihrem Leben fühlen würde. Aber sie war hier bei Gid ... und sie fühlte es.
7
Das warme Juniwetter ging in die glühenden Temperaturen des Hochsommers über. Mamas Lilien blühten in einem kräftigen Rosa auf.
Auf ihrem Weg zur Toilette streifte Mary Ruths Rock die Blüten. Sie war tief in Gedanken versunken und bemerkte zuerst gar nicht, dass sie ihr gutes lila Kleid mit einigen rotgoldenen Pollen verschmiert hatte. Als sie es bemerkte, versuchte sie, die Pollen mit der Hand abzuwischen. Damit machte sie die Flecken jedoch nur noch schlimmer. Als sie sah, was sie angestellt hatte, eilte sie ins Haus zurück und sagte es ihrer Mutter.
„Ach, du musst immer einen Klebestreifen nehmen, um Lilienpollen wieder wegzubringen“, erklärte ihr diese.
„Ja, oder du wischst sie mit einem alten Lappen ab ... mit irgendetwas, nur nicht mit deinen Händen“, sagte Tante Lizzie und erklärte, dass das natürliche Fett auf der Haut den Fleck nur schlimmer machte.
Mama sprach weiter. „Wenn der Fleck immer noch da ist, nachdem du mit einem Tuch darüber gegangen bist, dann musst du ihn von der Sonne ausbleichen lassen.“
Mary Ruth seufzte und schaute auf das verschmierte Kleid hinab. „Aber jetzt habe ich nichts, das ich zum Singen anziehen kann. Mein anderes gutes Kleid ist mir zu eng geworden.“
Tante Lizzie schüttelte den Kopf. „Dann musst du vielleicht einfach zu Hause bleiben und dir morgen ein neues nähen.“
„Was?“ Mary Ruth verstand zuerst nicht, dass Tante Lizzie nur Spaß machte.
Lizzies Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Komm, lass mich sehen, was ich tun kann.“
Mama verließ die Küche, um sich um Lydiann zu kümmern, die oben weinte. Während Tante Lizzie mit einem alten Tuch rubbelte, beklagte sich Mary Ruth darüber, dass Hannah sich weigerte, weiterhin mit Elias und ihr auszugehen. „Meine Zwillingsschwester ist überhaupt nicht mehr sie selbst“, vertraute sie ihrer Tante an.
Lizzie schien die Ohren zu spitzen. „Warum denn nicht?“
Mary Ruth wollte nicht mehr dazu sagen als: „Hannah ist zurzeit so pingelig ... schon den ganzen Sommer ist sie das.“
„In manchen Fällen ist das gar nicht so schlecht“, bemerkte Lizzie, ohne mit dem Reiben aufzuhören. „Es kommt nur darauf an, in Bezug auf was jemand pingelig und genau ist, oder?“
Gut gesagt, dachte Mary Ruth. „Trotzdem ... seit Hannah angefangen hat, den Taufunterricht zu besuchen, wirkt sie irgendwie, als hielte sie sich für etwas Besseres.“
„Aus einem guten Grund, schätze ich.“ Tante Lizzie trat zurück und betrachtete den Pollenfleck und Mary Ruths Gesicht.
„Wie meinst du das?“
„Ich glaube, wenn du genauer darüber nachdenkst, dann weißt du wahrscheinlich selbst die Antwort.“
Natürlich wusste sie die Antwort. Sie wollte es nur nicht zugeben, und schon gar nicht Tante Lizzie gegenüber. Die ganze Zeit hatte man den Eindruck gehabt, Hannah sei zu leise, fast schüchtern. Lag es daran, dass Sadie fort war ... an dem endlosen Schweigen aus Ohio? Oder war ihre Zwillingsschwester sauer auf sie, weil sie sich nicht taufen lassen wollte, obwohl Hannah selbst im kommenden Herbst ihr Leben in der heiligen Taufe dem Herrn und der amischen Kirche übergeben wollte? Außer Hannah wusste natürlich niemand, dass Mary Ruth andere Pläne hatte. Das war nichts, das man überall herumerzählte, und schon gar nicht bei den Amisch. Die Frauen würden die Stirn runzeln und sich furchtbar aufregen, falls sie erfuhren, dass die Ebersol-Zwillinge – die in ihrem Aussehen und in ihrer Erziehung so ähnlich waren – vielleicht in verschiedene Richtungen steuern würden und eine von ihnen ganz gewiss nicht in die Richtung der Alten Ordnung ihrer Vorväter.
Tante Lizzie schrubbte immer noch kräftig an dem Fleck, und Mary Ruth fragte sich schon, ob sie am Ende mit einem Loch in ihrem besten Kleid zum Singen gehen müsste – oder, was genauso schlimm wäre, mit einem verschmierten Fleck.
„Hast du Hannah gefragt, ob sie dir eines ihrer Kleider leiht?“ Tante Lizzies Frage riss sie aus ihren Gedanken.
Auf diese Idee war sie noch nicht gekommen. „Ich bitte sie am besten um gar nichts.“
Lizzie stemmte die Hände kräftig in ihre Seiten. „Meine Güte, ihr beide habt bis jetzt fast alles miteinander geteilt, schon seit ihr ganz kleine Mädchen wart.“ Sie runzelte die Stirn, legte den Kopf schief und beäugte Mary Ruth mit unübersehbarer Neugier.
„Wenn du mir versprichst, es niemandem zu verraten, sage ich dir den Grund“, flüsterte sie zurück.
Aber Tante Lizzie überraschte sie – sie erschreckte sie richtig –, als sie schnell zurückwich und mit beiden Händen abwehrend winkte. „Nein ... ich habe kein Interesse, noch mehr Geheimnisse zu hören oder für mich behalten zu müssen. Was Geheimnisse angeht, habe ich eine ziemlich schwere Lektion gelernt.“
Durch Tante Lizzies Reaktion fühlte sich Mary Ruth noch mehr allein gelassen. Sie wollte es ihr so gern erzählen. Aber es hatte keinen Sinn zu betteln. Denn im Gegensatz zu dem, was Hannah vielleicht sagte oder dachte, hatte sich Mary Ruth noch nicht endgültig entschieden, ob sie in die amische Kirche eintreten wollte oder nicht. Wozu überhaupt die ganze Eile? Hannah konnte im September ihren Bund mit der Kirche eingehen, wenn sie wollte, ohne dass Mary Ruth mitziehen musste, nur weil sie Zwillinge waren. Irgendwann später, wenn sie dazu bereit war, würde auch Mary Ruth ihre Entscheidung treffen, aber keinen Moment früher. Bis dahin wollte sie sich Zeit für das Rumschpringe lassen, genauso wie Papa es ihr vor einem Jahr empfohlen hatte. In die Kirche einzutreten war schließlich eine Entscheidung für das ganze Leben. Eine so folgenschwere Entscheidung konnte also warten ... vorerst. Es gab viel zu viel Spaß in ihrem jungen Leben, um sich von Mitgliedertreffen einschränken zu lassen, bei denen die Amisch zusammensaßen und über schwere Fragen abstimmten, wie etwa, ob abtrünnige und sündige Leute mit dem Bann belegt werden sollten oder nicht. Nein, sie glaubte nicht, dass sie für eine derartige Verantwortung schon bereit war. Und wenn sie ganz ehrlich war: Manchmal war sie sogar wütend auf die amische Kirche, weil sie Sadie ausgestoßen hatten, obwohl sie doch nichts anderes verbrochen hatte, als sich in den falschen Mann zu verlieben. Natürlich hätte Sadie es besser wissen müssen, aber sie lebenslänglich mit dem Bann zu belegen, war so furchtbar grausam. Und es zeugte von mangelnder Vergebungsbereitschaft. Mary Ruth war nicht sicher, ob sie sich als heiliges Beispiel unter den Amisch erweisen könnte ... wenn sie daran dachte, wie stark sie sich nach Elias’ Umarmungen und Küssen sehnte, auch wenn Mama einen Anfall bekäme, wenn sie davon wüsste. Da jetzt Hannah und Esra allein in einem Einspänner ausfuhren, war die Versuchung für sie noch stärker, wenn sie mit Elias zusammen war, besonders wenn der Mond so hell und schön schien, wie er das heute Abend bestimmt tun würde.
„Wenn du Hannah nicht um ein sauberes Kleid bitten willst, wie wäre es dann mit Leah?“, schlug Tante Lizzie vor.
„Eine gute Idee ... das könnte die Lösung für mein Problem sein“, sagte Mary Ruth und umarmte sie dankbar. Dann eilte sie zur Hintertür hinaus, um Leah zu suchen.
* * *
Lizzie bemerkte, dass Ida Lydiann ihre besondere Aufmerksamkeit schenken musste, denn die Kleine war nach dem Abendessen furchtbar quengelig. Also blieb Lizzie noch, um das Geschirr zu spülen. Dann brachte sie Hannah, Mary Ruth und Leah zum Singen auf den Hof von Abrams Bruder, Jesse Ebersol. Es war schön zu sehen, dass Leah wieder an den Aktivitäten der jungen Leute teilnahm; Lizzie war wirklich von Herzen froh darüber.
Als sie von der Fahrt zurückkam, ließ sie sich Zeit, das Pferd auszuspannen, und hatte es nicht eilig, zum Haus zu gehen. Der Abend war angenehm. Jetzt, da sie die Mädchen zum Singen gebracht hatte, spürte sie einen kleinen Anflug von Selbstmitleid, was normalerweise überhaupt nicht ihre Art war. Lizzie wusste, dass sie ihre Gedanken nicht zu den Jahren zurückwandern lassen durfte, in denen sie selbst in diesem Alter gewesen war, aber Abram hatte ihr bei mehreren Gelegenheiten mit deutlichem Unbehagen berichtet, dass Leah ihm Fragen gestellt hatte und etwas über ihren Vater wissen wollte – vor allem, wer er war. Wenn es nach Lizzie ginge, würde sie dieses Geheimnis am liebsten für immer für sich behalten.
Sie richtete sich hoch auf und schaute zum Wald und zu ihrem Blockhaus hinauf, das Abram und seine Brüder damals dort gebaut hatten, als es ihr so schlecht ging. Sie war mit Leah schwanger gewesen und hatte nichts über den Vater ihres Kindes gewusst. Wenigstens damals nicht. Warum musste Leah sich nur jetzt so sehr dafür interessieren?
Aber was sollte sie Leah erzählen? Sie konnte sich gewiss nicht überwinden, die ganze Geschichte zu erzählen – dass sie als Jugendliche furchtbar rebellisch gewesen war und als Anhalterin zu einem völlig Fremden ins Auto gestiegen war, noch dazu zu einem Englischen. Oh, der Gedanke, der geliebten Leah so etwas gestehen zu müssen, machte Lizzie vor Verlegenheit ganz zittrig. Sie wünschte fast, sie könnte die Zeit zurückdrehen, und glaubte, es wäre besser gewesen, wenn sie die Dinge auf sich beruhen lassen und Leah in dem Glauben gelassen hätten, Ida wäre ihre einzige und richtige Mama.
Wenn ich den schlimmsten Teil meiner Jugend noch einmal durchmachen könnte, was würde ich dann anders machen?, fragte sie sich und schauderte bei diesem plötzlichen Gedanken. Wenn sie sich an jenem Silvesterabend nicht die Haare geschnitten und das Gesicht geschminkt hätte – und viel zu viel getrunken hätte –, hätte sie die liebe, süße Leah nie bekommen. Der Herr im Himmel hatte aus ihrer großen Sünde wirklich ein Wunder voll Leben und Freude gemacht.
Ziemlich niedergeschlagen ging sie zum Ebersol-Haus hinüber und hoffte, sie könnte Ida bei irgendetwas, egal was, helfen, um eine Ausrede zu haben, noch bleiben zu können. Im Moment konnte sie ihr eigenes leeres Haus nicht ertragen.
Ida war damit beschäftigt, Lydiann mitten in der Küche in der großen Zinkwanne zu baden. „Komm, lass mich das machen.“ Lizzie kniete sich nieder und planschte mit ihrer kleinen Nichte, während Ida sich erhob und sich auf der anderen Seite der Küche in Abrams Hickoryschaukelstuhl setzte.
„Ich bin völlig geschafft“, gestand Ida und fächelte sich mit der Schürze Luft zu.
„Ruh dich einfach aus, Schwester.“ Zu Lydiann sagte Lizzie: „Das stimmt doch, oder? Deine Mama soll sich ein wenig ausruhen, während ich dich einseife und wir aus dir wieder ein ganz sauberes Mädchen machen.“ Sie konnte nichts dagegen tun; die Babysprache ging ihr ganz selbstverständlich über die Lippen, während sie es genoss, das goldige kleine Mädchen zu baden.
Bald stapfte Abram ins Haus, um sich die Hände zu waschen. Er schaute zu Lydiann, die immer noch in ungefähr zehn Zentimeter hohem Wasser saß, das im Kessel auf dem Holzofen erhitzt worden war. Lydiann schlug mit einem Kochlöffel auf die Wasseroberfläche und machte immer mehr Schaum.
„Schau nur, Ida, es sieht so aus, als hätten wir ein richtig sauberes kleines Mädchen“, sagte Abram und trat neben die Wanne und schaute hinab.
„Als Nächstes ist Ida an der Reihe und darf baden, oder?“, bemerkte Lizzie mit einem besorgten Blick auf Ida, die ihre kleine Tochter anlächelte, die von Kopf bis Fuß voll Schaum war.
„Das kannst du laut sagen“, stöhnte Ida. „Meine Güte, ich muss wie ein Schwein stinken bei der furchtbaren Hitze, die wir diese Woche haben.“
Lizzie bot an, Lydiann zum Schlafen fertig zu machen und sie ins Bett zu bringen, löste aber einen Sturm der Entrüstung aus, als sie das Kind aus dem Wasser heben wollte. „Ach, du willst noch länger spielen?“ Sie setzte sie wieder hin.
Abram grinste. „Du verwöhnst das Kind; das ist nicht zu übersehen.“
„Sie ist doch nur einmal im Leben zwei Jahre, oder?“, sagte Ida und strahlte vom Schaukelstuhl aus ihre Tochter liebevoll an.
Abram setzte sich auf die Bank, lehnte sich an den Tisch zurück und breitete die Ellbogen hinter sich aus. „Ratet mal, wer mir heute Morgen über den Weg gelaufen ist“, sagte er.
„Wer denn?“, wollte Lizzie wissen.
„Peter Mast.“ Normalerweise vermied Abram jedes Gespräch über die Masts und schaute schnell zu Boden, wenn ihr Name genannt wurde, als deprimiere es ihn, allein schon ihren Namen zu hören.
„Hat er mit dir gesprochen?“, fragte Ida und beugte sich interessiert vor.
„Kein Wort.“ Abram schüttelte den Kopf. „Das ist wirklich seltsam.“
„Ja“, war alles, was Ida sagte.
Lizzie hatte eine Idee – vielleicht keine so gute, aber sie sprach sie trotzdem aus. „Hat irgendjemand daran gedacht, Fannie Mast ein paar Obststrudel zu bringen?“
Ida schlug die Hände zusammen und hob sie an ihren Mund, als würde sie beten. „Ich habe oft daran gedacht, so etwas als Geste des guten Willens zu tun.“
„Als Friedensangebot?“ Abram runzelte die Stirn. Ihm war anzusehen, dass er nicht sicher war, ob man über diese Idee weiter nachdenken, geschweige denn, sie in die Tat umsetzen sollte.
„Wie wäre es, wenn ihr die Zwillinge losschickt, um die Strudel abzugeben?“, schlug Lizzie vor.
„Leah können wir bestimmt nicht schicken“, bemerkte Ida.
Dazu nickte Abram zustimmend. Er stand auf und ging in das dunkle Wohnzimmer. Lizzie hörte, wie er sich auf einen Sessel sinken ließ.
„Nun, was sagst du dazu?“, fragte sie Ida, die kam und sich ein Handtuch über die Schulter warf und dann Lydiann aus dem Wasser hob. Der weiche Po des Kindes sah so runzelig wie eine Pflaume aus.
„Es wäre nett, wenn die Dinge mit den Masts wieder ins Lot kämen, aber ich bin sicher, dass Abram noch etwas darüber nachdenken will“, sagte Ida, während sie Lydiann, die sich mit Händen und Füßen wehrte, in das Handtuch einwickelte und mit ihr aus der Küche und die Treppe hinaufging.
Ein paar köstliche Strudel könnten vielleicht der erste Schritt sein, um den Bruch zwischen den zwei Familien zu heilen, dachte Lizzie. Sie zog ihre nasse schwarze Schürze aus und hängte sie in die Abstellkammer. Wie dumm von ihnen, dass sie so lange damit gewartet hatten!
8
Der nächste Tag war ein Sonntag, an dem kein Gottesdienst stattfand, ein Tag, der dafür bestimmt war, sich auszuruhen, im Guten Buch, der Bibel, zu lesen und Verwandte und Freunde zu besuchen.
Mary Ruth hielt die Zügel in den Händen, während Hannah schweigend und aufrecht links neben ihr saß. „Papa und Mama müssen es sich sehr lang überlegt haben, dass wir mit Strudeln für die Masts nach Grasshopper Level fahren sollen“, murmelte Mary Ruth.
„Seit zwei langen Jahren überlegt Mama wahrscheinlich schon, was sie tun könnte“, sagte Hannah leise.
„Tante Lizzie hat gestern bis spät in die Nacht gebacken, habe ich gehört. Es muss also eine eilige Sache gewesen sein.“
„Vielleicht haben sie diesen Entschluss gefasst, während wir beim Singen waren“, erwiderte Hannah.
Mary Ruth kratzte sich den Kopf. „Übrigens, hast du zufällig gesehen, mit wem Leah gestern Abend nach Hause fuhr?“
„Ich glaube, es war Gid, aber mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen.“
„Darüber wird Papa sich gewiss freuen.“
Hannah gab ein leises Seufzen von sich, dann sagte sie: „Mama wahrscheinlich auch, wenn man bedenkt, dass Leah so sehr verletzt wurde ... und wie gemein Jonas sie behandelt hat.“
„Es war bestimmt nicht allein Jonas’ Schuld. Vergiss das nicht. Dazu gehören immer zwei“, fühlte Mary Ruth sich genötigt, Hannah zu erinnern.
„Kannst du dir vorstellen, dass sich irgendein Vater oder irgendeine Mutter nicht freuen würde, wenn sie Smithy Gid als Schwiegersohn bekäme?“
„Kannst du dir Gid und Leah als Ehemann und Ehefrau vorstellen? Ganz ehrlich, kannst du das?“, fragte Mary Ruth.
Hannah seufzte. „Vielleicht“, antwortete sie fast flüsternd. Dann wechselte sie abrupt das Thema. „Mama ist doch wirklich wunderbar. Sie sieht in Leah nie ihre Nichte, sondern nur ihre Tochter. Findest du nicht auch?“
Mary Ruth fand diesen Themenwechsel ziemlich interessant. Sie hatten hinter verschlossenen Türen darüber gesprochen, dass Lizzie Leahs leibliche Mutter war, nachdem Mama ihnen vor fast zwei Jahren von den wilden Jugendjahren ihrer Tante erzählt hatte. Gelegentlich tauschten sich die Zwillinge darüber aus, denn diese Information war eine große Überraschung für sie gewesen. „Für mich ist Leah genauso sehr Mamas Tochter wie du und ich.“ Mary Ruth meinte das von ganzem Herzen. „Ich würde nicht wollen, dass sich zwischen Leah und uns etwas ändert, nur weil wir die Wahrheit über Tante Lizzie wissen.“
„Ich auch nicht.“ Hannah strich ihr langes grünes Kleid glatt.
„Ich könnte in Leah nie nur unsere Kusine sehen, auch wenn sie das genau genommen ist. Die Bande, die uns miteinander verbinden, sind viel zu stark.“ Sie war selbst überrascht über ihre Worte. „Wir werden immer Schwestern sein.“
Die Bande, die uns miteinander verbinden ...
Vielleicht war jetzt der passende Zeitpunkt, das heikle Thema anzusprechen, dass sie nicht mehr zu viert ausgingen ..., dass die beiden Paare sich irgendwie entfremdet hatten.
Aber Hannah sagte nichts, und sie fuhren die letzte Meile schweigend weiter.
* * *
Als die Zwillinge in die Auffahrt zum Masthof einbogen, bemerkte Mary Ruth, dass mehrere der jüngeren Kinder im Hof spielten. Aber als die Kinder erkannten, wer in dem Einspänner saß, der da angerollt kam, verschwanden sie schnell im Haus.
„Genau wie ich erwartet hatte“, seufzte Mary Ruth. „Und was jetzt?“
„Wenn wir hier sitzen bleiben, können wir warten, bis wir schwarz werden. Wir müssen aussteigen und unsere Sachen abgeben“, erwiderte Hannah.
„Ich wünschte, Tante Lizzie wäre an unserer Stelle gekommen.“ Mary Ruth war nicht nur verlegen, sondern auch verärgert, dass sie hierher hatten fahren müssen, obwohl die Masts, ohne dass die Ebersols ihnen irgendetwas getan hatten, beschlossen hatten, sie zu ächten.
Mary Ruth war überrascht, dass Hannah als Erste aufstand. In den Händen trug sie die Strudel, die ordentlich in Mamas Korb gepackt waren. „Ich habe keine Angst vor Kusine Fannie. Ich habe ihr nie etwas Unrechtes getan.“ Mit diesen Worten kletterte sie aus dem Wagen.
Verblüfft über die Kühnheit ihrer Schwester, die so ganz und gar nicht typisch für sie war, atmete Mary Ruth tief ein und stieg dann auch aus. „Welche von uns klopft an die Hintertür?“
„Na, wir beide natürlich“, kam Hannahs schnelle Antwort.
Mary Ruth war nicht so sicher, ob das alles eine so gute Idee war, aber sie war schockiert, dass Hannah so selbstsicher losmarschierte. Das war das erste Mal, dass sie so etwas bei ihrer Schwester erlebte – Hannah stapfte los, ohne ein Wort zu sagen, und überließ es ihren Füßen, zu reden!
Um nicht hinter ihr zurückzustehen, klopfte Mary Ruth an die Fliegengittertür hinter dem Haus und wollte diese unangenehme Situation schnell hinter sich bringen. Sie konnte durch die verglaste Veranda in die lange Küche schauen, von der ein Teil der Bank neben dem Tisch zu erkennen war. Aber es war niemand zu sehen, was an einem „Besuchssonntag“ äußerst seltsam war.
„Jetzt bist du dran mit Klopfen“, sagte sie zu Hannah, die prompt tat, wie ihr geheißen wurde.
Sie warteten, aber das Haus schien menschenleer zu sein. Das Zwitschern der Vögel erschien ihnen lauter als vorher.
„Wie lang sollen wir noch warten?“, fragte Hannah.
Mary Ruth warf einen Blick über ihre Schulter und wartete auf irgendein Lebenszeichen, aber aus dem Stall war kein Geräusch zu hören, ebenso wenig von den Feldern, was an einem Sonntag nicht anders zu erwarten war. „Ich würde sagen, wir gehen wieder“, sagte sie schließlich.
„Aber ... was ist mit den Strudeln?“ Jetzt schaute Hannah sie mit großen Augen an.
„Wir essen sie selbst.“
„Was wird Mama dazu sagen?“
In diesem Augenblick kam Kusine Fannie langsam und bedächtig zur Tür und zeigte so deutlich ihren Widerwillen. Sie steckte den Kopf heraus.
Bevor Fannie sprechen konnte, sagte Mary Ruth schnell: „Wir bringen euch etwas von Mama und Tante Lizzie.“
Ein Runzeln zog über Fannies Gesicht, als sie die Strudel betrachtete. „Tut mir leid, aber wir können das nicht annehmen.“ Sie wollte die Tür zuschlagen.
„Ach, aber Tante Lizzie will, dass ihr sie bekommt. Sie hat sie extra für dich und Vetter Peter gebacken“, erklärte Mary Ruth und kam sich komisch dabei vor, dass sie jemanden anbetteln musste, solche köstlichen Geschenke anzunehmen.
Aber Fannie schloss geräuschvoll und endgültig die Tür. Dann verschwand sie, nachdem sie den Kopf geschüttelt hatte, wieder in der Küche.
„Also, das ist doch die Höhe!“, empörte sich Mary Ruth und zupfte Hannah am Ärmel. „Komm, Schwester. Sie verdienen Tante Lizzies Strudel nicht!“ Die Zwillinge eilten zum Einspänner zurück und stiegen ein. Das Pferd zog sie langsam zum breitesten Teil des Hofes hinauf, lief einen Halbkreis und trabte dann wieder die Auffahrt hinab.
Mary Ruth erblickte zwei kleine Köpfe, die zur Hintertür hinausspähten. „Schau“, flüsterte sie. „Sind das nicht Amanda und Jakob?“
„Ja, ich glaube auch“, nickte Hannah.
„So ... sie haben uns also knallhart abgewiesen. Eine feine Art, mit Verwandten umzugehen!“
„Wenn wir das heute Abend zu Hause erzählen“, meinte Hannah, „wird sich Mama ziemlich ärgern!“
Hannah nickte. „Ja, das ist ärgerlich und beleidigend.“
„Es ist wirklich zu schade, dass unsere beiden Familien nicht wieder zusammenfinden können.“ Mary Ruth war sicher, dass Mama und Papa auf diese Abweisung irgendwie reagieren würden. Und auch Tante Lizzie.
„Wie wäre es, wenn wir ihnen noch eine weitere Chance gäben ... und sozusagen versuchen, das Eis zu brechen?“, schlug Hannah vor.
„Und was sollen wir tun?“
„Wir könnten Rebekka und Katie noch ein letztes Mal schreiben ... und schauen, was dabei herauskommt. Und abwarten, ob sie antworten.“
„Was für eine Vergeudung an Zeit und Briefpapier. Aber lass dich nicht aufhalten, wenn du das unbedingt machen willst.“
„Ich frage am besten Mama, was sie davon hält.“ Hannah verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte laut.
„Warum bist du jetzt auf mich wütend, Hannah? Ich bin doch nicht diejenige, die deine Briefe ignoriert.“ Mary Ruth machte eine Pause. „Und wer sagt eigentlich, dass Zwillinge im selben Jahr getauft werden müssen?“ So! Sie hatte genau das ausgesprochen, was sie dachte.
Von Hannah war ein leises Schniefen zu hören, das sich in Sekundenschnelle in ein lautes Schluchzen verwandelte. Mary Ruth hatte nicht die Absicht, sie zu trösten. Wenn Hannah hier mitten auf der Straße, wo jeder sie sehen konnte, weinen wollte ... dann bitte.
Eine halbe Meile später erblickte Mary Ruth Lukas und Naomi Bontrager in ihrem geschlossenen Einspänner. „Wisch dir am besten die Augen trocken“, riet sie ihrer Schwester. „Hier kommt der Enkel des Bischofs. Sonst spricht sich womöglich ganz schnell herum, dass du heute ziemlich fertig ausgesehen hast.“
Hannah drehte sich in einer schnellen Bewegung zu ihr um. „Was macht das schon? Der Bischof weiß sowieso schon, was du vorhast!“
„Was meinst du damit?“ Mary Ruth wollte ihren Ohren kaum trauen.
„Bischof Bontrager hat gefragt, warum du nicht mit mir in die Kirche eintrittst.“
„Und was hast du darauf geantwortet?“
„Dass das deine Entscheidung ist.“
Mary Ruth biss sich auf die Lippe. Lukas und Naomi lächelten und winkten jetzt, als sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf sie zukamen. „Winke zurück“, flüsterte sie Hannah zu.
Brav befolgte Hannah ihren Rat, und Mary Ruth rief ihnen zu: „Hallo, Lukas und Naomi!“ und winkte und grinste über das ganze Gesicht. Das kann nicht schaden ... vielleicht hilft es sogar ein wenig, überlegte sie.
„Könntest du beim Winken nicht auch ein wenig lächeln?“, fragte sie Hannah.
„Mir war nicht danach zumute“, brummte Hannah, als der andere Einspänner vorbeigefahren war.
Mary Ruth wusste, dass sie leicht das Falsche sagen könnte, wenn sie jetzt den Mund aufmachte. Deshalb presste sie die Lippen fest aufeinander.
Hannah konnte das Thema, dass Mary Ruth in die Kirche eintreten sollte, jedoch nicht einfach fallen lassen. „,Wer aber weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde‘“, zitierte Hannah den Bibelvers, der bei den Amisch oft genannt wurde.
Mary Ruth wusste, dass Hannah ernsthaft verärgert war, weil sie sich weigerte, sich in diesem Jahr taufen zu lassen. Diese Entscheidung begann, einen Schatten auf alles zu werfen, sogar auf etwas so Unschuldiges wie eine Fahrt in der Familienkutsche. Ich werde mir meine Zeit für das Rumschpringe nicht nehmen lassen!, dachte sie. Ich trete in die Kirche ein, wenn ich es für richtig halte.
* * *
Am Sonntag, den 17. Juli, traf Leah Naomi Bontrager im Hof von Diakon Stoltzfus. Sie stand zusammen mit Mama, Tante Lizzie und den Zwillingen und den anderen Frauen herum und wartete darauf, dass die Prediger für den Gottesdienst einträfen.
„Hallo, Leah, schön, dich zu sehen“, begrüßte Naomi Leah herzlich, nahm sie an beiden Händen und drückte sie liebevoll. „Ich hatte gehofft, dass wir miteinander reden könnten.“
Sie schlenderten von der großen Gruppe Frauen und kleiner Kinder weg. „Ist mit dir alles in Ordnung, Naomi?“
Die Luft war feucht und drückend, wodurch Naomis Haare sich wellten – wenigstens die losen Strähnen in ihrem Nacken.
„Oh ja, mir geht es bestens.“ Naomis Augen leuchteten auf. „Ich wollte dir nur meine gute Nachricht sagen. Ich bin schwanger. Im Dezember bekommen Lukas und ich unser erstes Baby. Um Weihnachten herum ..., dann wenn deine Mama auch ihr Kind bekommt.“
„Das ist wirklich eine gute Nachricht. Ich freue mich so für dich.“ Leah küsste Naomi auf die Wange. „Lukas ist bestimmt auch furchtbar aufgeregt.“
„Er hofft natürlich, dass er einen Sohn bekommt.“
„Vielleicht bekommt ihr zwei Söhne“, erwiderte Leah, die sich erinnerte, dass es auf der Seite von Naomis Mutter viele Zwillinge gab. Es gab sogar einmal Drillinge, drei Jungen.
„Ich schätze, ich hätte nichts gegen mehrere Babys auf einmal. Wir sind dankbar für alles, was der Herr uns schenkt.“
„Ich freue mich, dass du mir das persönlich erzählt hast“, sagte Leah, als sie zu den Frauen zurückschlenderten. Sie freute sich wirklich für Sadies frühere Freundin. Diese gute Nachricht ließ sie an ihre eigene Zukunft und die Möglichkeit, selbst viele Kinder zu bekommen, denken. Mama erwartete ihr jetziges Baby, obwohl sie schon Mitte vierzig war. Leah zählte die Jahre und dachte an die Zukunft. Falls ich Gid nächstes Jahr heirate, liegen noch viele Jahre vor mir, in denen ich Kinder bekommen kann ...
Aber sie wusste, dass es besser war, sich nicht auszumalen, was sein könnte ... oder noch schlimmer, was hätte sein können, wenn sie an Jonas dachte. Nein, sie würde dem Herrn vertrauen, genau wie sie es bei ihrer Taufe versprochen hatte. Sie würde dem Herrn alle Tage ihres Lebens die Ehre geben, und er allein sollte sie führen. Wenn Gott wollte, dass sie heiratete und Kinder bekäme, dann sollte es so sein. Wenn nicht, würde sie versuchen, mit ihrem Los genauso zufrieden zu sein und genauso fröhlich durchs Leben zu gehen wie Tante Lizzie.
Beim Gedanken an ihre Tante wanderte ihr Blick zu Lizzie hinüber, die mit der Frau des Diakons plauderte. Leah musste lächeln. Tante Lizzie ist ganz schön schlau. Sie unterhält sich ausgerechnet mit Esras und Elias’ Mutter!
Papa, Mama und Tante Lizzie wussten ganz genau, dass zwei der Stoltzfus-Söhne ein Auge auf Hannah und Mary Ruth geworfen hatten. Das hatte Mama Leah anvertraut. Diese wiederum hatte letzte Woche eine diesbezügliche Bemerkung gegenüber Papa im Stall fallen lassen. Papa hatte versucht, so zu tun, als wüsste er nichts davon, aber Leah hatte das freudige Lächeln auf dem Gesicht ihres Vaters gesehen, das er nicht unterdrücken konnte. Da sie alle wussten, was im Busch war, war es am besten, wenn sie sich jetzt still verhielten und abwarteten, wie sich die Sache bei den jungen Paaren entwickeln würde. Es konnte leicht sein, dass Hannah im Herbst nächsten Jahres verheiratet war.
Was Mary Ruth anging, so konnte es leicht passieren, dass sie in diesem Punkt mit ihrer Zwillingsschwester nicht gleichzog und noch nicht so früh heiratete. Es war viel besser, sich Zeit zu lassen, bis man sich einer Sache ganz sicher war, als etwas zu überstürzen und es später zu bereuen, fand Leah. Vermutlich sollte sie in Bezug auf ihre Freundschaft mit Smithy Gid genauso denken, denn er war unübersehbar in sie verliebt ... und, wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie ihn auch immer mehr mochte.
Könnte es sein, dass Hannah und ich in derselben Heiratssaison heiraten?, überlegte sie. Sie erblickte Gids hellbraunen Haarschopf in den Reihen der Männer, die sich anschickten, die Scheune für den Sonntagsgottesdienst zu betreten. Ihr Herz schlug ein wenig schneller, als sich ihre Blicke begegneten und er dann diskret wegschaute und so tat, als hätte er sie nicht bemerkt, wie es bei den Amisch Brauch war.
Mama würde in Ohnmacht fallen, wenn sie wüsste, wie gern Gid mich hat ... wie oft er sagt, dass er mich liebt. Ich habe ihm das aber bis jetzt noch nicht gesagt. Ich muss mir erst ganz sicher sein.