Über das Buch:
Was für ein Weihnachten!

An Heiligabend haben Tom und Jojo ein ganz besonderes Geschenk für ihre Eltern: Jabando! Ihre Eltern glauben ihnen kein Wort, als sie erzählen, dass dieses Nintendo-Spiel sie in die Welt der Bibel katapultiert. Doch dann erleben sie am eigenen Leib, dass ihre Kinder die Wahrheit sagen.

Die Familie landet mitten in der Weihnachtsgeschichte, muss einem Propheten drei Prophezeiungen entlocken, den Stall finden und sicherstellen, dass die Geschenke der Sterndeuter auch wirklich bei Jesus ankommen.

Doch sind Erwachsene Jabando überhaupt gewachsen? Und wird sich Toms und Jojos Hoffnung, dass auch ihre Eltern Jesus kennenlernen, tatsächlich erfüllen?

Über die Autorin:
Annette Spratte lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen im Westerwald. Aus einer tiefen Liebe zum geschriebenen Wort heraus arbeitet sie als Autorin und Übersetzerin. Es ist ihr schon seit vielen Jahren ein Herzensanliegen, die Liebe Gottes als das lebendig gewordene Wort an andere Mesnchen weiterzugeben und damit Leben positiv zu verändern.

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Kapitel 8

»Ich kann nicht mehr«, jammerte Jojo. Schon seit einiger Zeit stolperte er immer wieder. Ihm taten die Füße weh und seine Beine fühlten sich an wie Blei, sodass er sie kaum noch anheben konnte. Zu seiner großen Erleichterung ließ Papa sich auf einen größeren Stein am Wegesrand fallen.

»Ich auch nicht«, stöhnte er und stützte den Kopf in die Hände. Jojo setzte sich neben ihn. Seine Beine zuckten und zwickten von der Anstrengung.

»Lass uns was essen«, sagte Papa.

Jojo war mehr als glücklich, dass Papa seinem Pizza-Vorschlag zustimmte, und wünschte sich gleich eine riesige Salamipizza mit extra viel Käse herbei. Eine Zeit lang aßen sie schweigend, ohne einen Gedanken an irgendetwas anderes zu verschwenden. Doch dann betrachteten sie beide nachdenklich die Staubwolke, die hinter dem nächsten Hügel aufstieg.

»Wäre cool, wenn wir einen Jeep hätten«, meinte Papa.

Jojos Gesicht hellte sich auf. »Probieren wir’s«, sagte er. »Es werde ein Jeep.«

Es ploppte zwar, aber was vor ihnen im Staub lag, war nicht das, was sie sich erhofft hatten.

»Nein, ich denke nicht, dass wir damit weit kommen«, bemerkte Papa trocken und hob das Spielzeugauto auf. Er drehte es in seinen Händen, während Jojo angestrengt überlegte.

»Es werde ein Mountainbike«, sagte er dann. »Plopp« machte es wieder.

»Nicht schlecht, Herr Sohn!«, rief Papa.

»Hier, jetzt du. Sonst kriegst du auch so ein kleines«, sagte Jojo und reichte Papa den Nintendo. Dann ging er voller Bewunderung um das Mountainbike herum, das einfach aus dem Nichts erschienen war.

»So eins hätte ich gern in echt«, schwärmte er sehnsüchtig und setzte sich schon mal drauf. Auch Papa hatte jetzt ein passendes Fahrrad. Er steckte den Nintendo in seinen Beutel und dann radelten sie los.

»Das ist echt viel besser als laufen!«, rief Jojo und trat kräftig in die Pedale. Dank der vielen Gänge kamen sie problemlos den Hügel hinauf. Die Karawane verschwand bereits hinter der nächsten Anhöhe, doch jetzt machten sie sich darüber keine großen Sorgen mehr. Mit den Fahrrädern würden sie die schnell einholen.

* * *

Es dauerte länger als gedacht, bis sie die nächste Hügelkuppe überwunden hatten. Doch dann konnten sie in einiger Entfernung ein Lager sehen. Die Karawane hatte offensichtlich angehalten und den Schatten einer größeren Baumgruppe genutzt, um Rast zu machen. Die Kamele waren von ihren verschiedenen Lasten befreit worden und lagen wiederkäuend am Rand des Lagers. Prachtvolle Zelte waren errichtet worden oder befanden sich noch im Aufbau. Während zwischen den Zelten ein geschäftiges Treiben herrschte, hatten sich Wachmänner in einem großen Ring um das Lager postiert und beobachteten reglos die Gegend.

Papa hielt an. »Sollten wir die Fahrräder vielleicht lieber hierlassen?«, fragte er zögernd.

Jojo bremste ein Stückchen weiter und sah sich um. »Warum? Willst du wirklich den ganzen Hügel runterlatschen, wenn du dich genauso gut einfach rollen lassen könntest?« Er hatte sich schon so auf die Fahrt bergab gefreut und konnte Papas Frage überhaupt nicht nachvollziehen.

»Ich mein ja nur, wegen der Wachleute da unten.« Papa zeigte auf die Männer, von denen einige sie schon im Blick hatten.

Jetzt wurde auch Jojo etwas unsicher.

»Weiß nicht«, murmelte er. Er war hin- und hergerissen, weil er wirklich gern den Hügel runtersausen wollte. Aber die Männer waren ihm nicht so geheuer. Andererseits – was sollten die denn dagegen haben? Und sie hatten ja auch nur Schwerter, keine Gewehre, also konnten sie nicht schießen.

»Ach komm, Papa, wir fahren auf jeden Fall noch ein Stück. Wir sehen ja, wenn die irgendwas Komisches machen«, sagte er entschlossen. »Ist doch nur ein Spiel!«

»Komm mir bloß nicht mit dem Spruch!«, brummte Papa entrüstet, aber dann fuhr er tatsächlich weiter.

Jojo freute sich. »Los, Glurak, flieg los!«, flüsterte er, während er sich vorstellte, auf einem Feuer-Pokémon dahinzufliegen. Er überholte Papa und wirbelte ihm jede Menge Staub ins Gesicht.

»Pass auf, dass du nicht fällst! Du hast keinen Helm auf!«, rief Papa hinter ihm her. Aber Jojo hörte ihn nicht. Der Wind pfiff ihm um die Ohren und er hatte wirklich fast das Gefühl zu fliegen, so schnell raste er den Hügel hinunter.

Die Wachen reagierten erst, als er ihnen schon fast über die Füße fuhr. Sie verstellten ihm mit gezogenen Schwertern den Weg und er musste eine Vollbremsung hinlegen. Jojos Hinterreifen rutschte weg und er konnte gerade noch im letzten Moment den Fuß auf den Boden bringen. Atemlos starrte er auf die Klingen der Schwerter. Die sahen wirklich verflixt scharf aus.

Dann tauchte Papa neben ihm auf und legte einen Arm um seine Schultern. Jojo warf ihm einen dankbaren Blick zu.

»Wir gehören zu Ihnen«, sagte Papa zu den Wachmännern. »Meine Frau und mein anderer Sohn sind da drüben.« Jetzt sah auch Jojo, wie Tom und Mama aus dem Schatten der Bäume zu ihnen herüberwinkten. Einer der Wachmänner drehte sich um und lief im Laufschritt ins Lager, während der andere ihnen unverändert den Weg blockierte. Auf die Fahrräder hatte keiner von beiden reagiert.

Kurze Zeit später kehrte der erste Wachmann zurück und bedeutete ihnen mit einem Kopfnicken, dass sie passieren durften. Offensichtlich hatte er sich bei seinem Hauptmann rückversichert, dass Vater und Sohn keine Feinde waren, sondern tatsächlich zur Reisegruppe gehörten. Papa und Jojo schoben ihre Räder in den Schatten und wurden dort erst einmal von Mama und Tom umarmt.

»Wir haben euch gar nicht mehr gesehen!«, rief Mama aufgeregt, während sie Jojo fest an sich drückte.

»Ja, wir dachten schon, wir hätten euch verloren. Wir wollten, dass die anhalten und auf euch warten, aber die haben uns einfach ignoriert!« Tom umklammerte Papa so fest, dass der nur noch »Uff« machte. »Aber dann haben sie uns gesagt, dass sie bald Rast machen. Wo habt ihr denn die Fahrräder her? Ist ja krass.« Tom ließ von Papa ab und ging um Jojos Mountainbike herum.

»Jabando«, sagte Jojo nur und sah sehr stolz aus. »Das hat zwanzig Gänge! Es war überhaupt kein Problem, den Berg raufzufahren. Und runter erst! Oh Mann, das hat so einen Spaß gemacht! Viel besser als so ein blödes Schaukelvieh.« Jojo warf einen verächtlichen Blick auf die Kamele, die vollkommen gleichgültig weiterkauten.

»Ich fand’s cool«, erwiderte Tom mit einem Schulterzucken.

»Ob die für uns auch so ein Zelt haben?«, fragte Jojo und betrachtete neugierig den Aufbau des Lagers. In der Mitte stand das größte Zelt, dessen Boden sogar mit Teppichen ausgelegt worden war. An einer Seite war es komplett offen. Dadurch konnten sie beobachten, wie darin ein großer Tisch aufgebaut wurde, um den sich die Männer versammelten, die ganz vorn in der Karawane geritten waren. Sie breiteten riesige Karten darauf aus und beugten sich darüber. Um sie herum waren Diener damit beschäftigt, Kissen auf dem Boden zu verteilen und Essen vorzubereiten. Am Rande des Lagers war ein Feuer entfacht worden und dort wurde schon fleißig gekocht. Der Geruch von gegrilltem Fleisch zog über ihre Köpfe hinweg und Papas Magen knurrte laut.

Noch bevor die Familie jemanden fragen konnte, erschien ein Diener neben ihnen und verbeugte sich mehrmals. »Meine Herren laden euch ein, das Mahl mit ihnen zu teilen. Bitte, kommt. Es ist uns eine Ehre, euch bewirten zu dürfen.« Er verbeugte sich wieder und winkte so lange, bis sie ihm folgten.

Etwas schüchtern betrat die Familie das große Zelt. Mama zupfte an ihrem Kopftuch herum und leckte dann ihren Daumen ab, um Jojo einen Staubfleck aus dem Gesicht zu wischen.

»Nee«, protestierte der und rubbelte sich lieber selbst mit dem Handballen über die Wange.

»Die wollen unterwegs wohl auch auf nichts verzichten«, murmelte Papa leise, während er seinen Blick über die prachtvollen Kissen, Teppiche und Kleider schweifen ließ. Schwere Holztruhen mit kostbaren Verzierungen und Goldbeschlägen standen im hinteren Bereich des Zeltes und wurden von einem extra abgestellten Posten bewacht, der finster dreinschaute und die Hand nicht von dem Griff seines Schwertes nahm.

Endlich unterbrachen die fünf Männer am Tisch ihre Diskussion und wandten sich der Familie zu.

»Friede sei mit euch«, begrüßte sie der Kleinste der Gruppe, ein braun gebrannter alter Mann mit einem lebhaften Gesicht voller Lachfältchen. Seine buschigen, grauen Augenbrauen tanzten bei jedem Wort, das er sagte, auf und ab. Tom musste unwillkürlich lachen, als er sich ihnen vorstellte. Es sah aus, als würden dem Mann zwei buschige Raupen über die Stirn kriechen.

»Mein Name ist Roozbeh und ich darf euch herzlich in unserer Mitte willkommen heißen.« Er neigte den Kopf, um eine Verbeugung anzudeuten. »Meine Freunde hier sind Navid, Aadish, Farshid und Bahraam. Wir sind Gelehrte aus Persien …« Weiter kam er nicht, denn einer der anderen fuhr ihm ins Wort.

»Ich bin nicht dein Freund, Roozbeh, und werde es auch nie sein.« Der Mann war groß, kräftig und trug einen üppigen Bart, dessen Spitzen kunstvoll aufgezwirbelt waren. Von allen Anwesenden war er am prunkvollsten gekleidet. Er hatte Goldringe an jedem seiner Finger und mehrere goldene Ketten um den Hals. Auch sein Turban war mit Goldketten geschmückt und – nur Jojo sah es, weil er den Mann von ganz oben bis ganz unten betrachtet hatte – sogar an den Zehen steckten goldene Ringe. Die Männer waren alle barfuß und Jojo beeilte sich, seine Schuhe ebenfalls auszuziehen. Er stupste seine Familie an, damit sie das auch taten. Offensichtlich durfte man die Teppiche nicht mit Schuhen betreten. Sie waren herrlich weich.

»Ach Bahraam«, erwiderte Roozbeh und zwinkerte ihm gutmütig zu, wobei seine Augenbraue lustig wippte, »nun sei doch nicht so. Was haben diese Fremden mit unseren Zwistigkeiten zu tun? Sie sind unsere Gäste, also zeig ein wenig Anstand.«

Bahraam brummte etwas Unverständliches, machte eine übertriebene Verbeugung und kehrte dann allen den Rücken zu. Er vertiefte sich wieder in die Karten und Schriftrollen auf dem Tisch.

»Beachtet ihn nicht weiter«, meinte Roozbeh und bedeutete der Familie, auf den Kissen Platz zu nehmen. »Ihr werdet uns doch die Ehre erweisen, mit uns zu essen, nicht wahr?« Auch die anderen Männer setzten sich mit ein paar freundlichen Worten zur Begrüßung zu ihnen.

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Kapitel 9

Nach dem langen, anstrengenden Tag und den verlockenden Düften, die durchs Lager zogen, nahm die Familie die Einladung gern an.

Papa und Tom kämpften etwas mit ihrer ungewohnten Kleidung, doch sobald das Essen serviert wurde, waren die Schwierigkeiten vergessen. Es gab viel Obst, vor allem Feigen und Datteln, die herrlich süß und klebrig waren. Dazu verschiedene Sorten von Reis, der teilweise angebrannt war. Mama guckte etwas skeptisch, doch ihre Gastgeber boten ihnen die knusprigen Klumpen wie die größte Delikatesse an. Auch ein Linseneintopf war dabei und Fleisch in einer würzigen Soße, die absolut himmlisch schmeckte. Weder Tom noch Jojo sagten auch nur ein Wort während des Essens. Sie waren viel zu sehr mit Kauen beschäftigt. Erst als sie das Gefühl hatten, noch nicht einmal mehr das kleinste Reiskörnchen herunterschlucken zu können, fiel ihnen wieder ein, dass man den Mund ja auch zum Reden benutzen konnte.

Zum Glück sahen die weisen Männer überhaupt nicht sauer aus, dass sie so reingehauen hatten. Im Gegenteil, sie wirkten äußerst zufrieden.

»Mann, war das lecker«, seufzte Jojo und wischte sich die klebrigen Finger an seinem Hemd ab.

»Es freut mich sehr, dass es dir geschmeckt hat, junger Herr«, sagte Roozbeh und lächelte vergnügt.

»Wohin seid ihr unterwegs?«, wollte Navid wissen, ein etwas jüngerer Mann mit schmalem Gesicht und fast schwarzen Augen. Er beugte sich neugierig vor.

Papa sah Tom fragend an. Was sollten sie antworten? Sie konnten ja schlecht sagen, dass sie nur hier waren, um mit der Gruppe zu reisen und eigentlich nirgendwo hinwollten.

Tom schien Papas stumme Frage zu verstehen und ergriff mal wieder das Wort, auch wenn ihm das im Kreise der ganzen Erwachsenen irgendwie seltsam vorkam. »Wir sind auf dem Weg nach Jerusalem, um dort Verwandte und Freunde zu besuchen.«

Navid nickte.

»Woher kommt ihr?«, fügte Tom schnell hinzu, bevor Navid noch auf die Idee kam, ihn das zu fragen. Darauf hatte er nämlich keine Antwort parat. Wenn er es richtig in Erinnerung hatte, war Bethlehem nicht sehr weit von Jerusalem entfernt und kam deswegen als Erklärung nicht infrage.

»Wir sind aus Ktesiphon, der Hauptstadt des Persischen Reiches.« Weiter kam er nicht, denn Bahraam unterbrach ihn. Er hatte sich beim Essen etwas abseits gesetzt, doch jetzt rückte er näher. »Ich komme aus Seleukia«, sagte er stolz, »das ist die eigentliche Hauptstadt. Ktesiphon ist nur so ein Anhängsel.«

»Das ist überhaupt nicht wahr«, mischte sich nun Farshid ins Gespräch ein. »Die beiden Städte sind im Laufe der Zeit einfach zusammengewachsen.«

»Das stimmt«, pflichtete ihm Aadish mit ruhiger Stimme bei. Mehr sagte er nicht, aber es schien Bahraam den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Und warum wollt ihr nach Jerusalem?«, fragte Papa.

Roozbehs Augen begannen zu leuchten. »Wisst ihr, wir studieren die Sterne.« Er drehte sich um und zeigte auf den Tisch mit den Karten. »Vor einigen Monaten haben wir eine sehr ungewöhnliche Konstellation entdeckt und sind uns einig, dass diese eine große Bedeutung für die Menschheit hat. Navid und ich sind uns sicher, dass ein großer König geboren wird, der die Geschicke der gesamten Menschheit beeinflussen wird. Wir haben verschiedenste Schriften und Prophezeiungen studiert und die Sterne immer wieder beobachtet. Außerdem haben wir Messungen und Berechnungen durchgeführt und sind uns nun sicher, dass dieser König in Jerusalem geboren wird. Möglicherweise sind bei dieser Geburt sogar die Götter im Spiel.«

»Was natürlich völliger Blödsinn ist«, warf Bahraam ungerührt ein. »Die Berechnungen von Roozbeh sind falsch! Und seine Schlussfolgerung, dass ein König geboren wird, beruht einzig und allein auf wilden Spekulationen.«

»Und warum sind Sie dann hier?«, konnte Mama es sich nicht verkneifen zu fragen. Roozbeh brach in schallendes Gelächter aus. »Damit er persönlich dabei sein kann, wenn sich herausstellt, dass ich unrecht habe! Aber das wird nicht passieren, nicht wahr, Farshid?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Farshid und kratzte sich den Bart. »Ich weiß es wirklich nicht. Deine Argumente sind gut und die Sterne lügen nicht. Es steht ein wirklich außergewöhnliches Ereignis bevor!«