Ludwig Bechstein

Deutsches Sagenbuch - 999 Deutsche Sagen

Das umfangreiche Sagenbuch mit 1000 Sagen wird bis heute gerne als Nachschlagewerk des deutschen Sagenschatzes genutzt!

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ludwig Bechstein


Deutsches Sagenbuch


Mit sechzehn Holzschnitten nach Zeichnungen
von A. Ehrhardt


Vorwort
Et prodesse volunt et delectare poetae
Dem deutschen Volke übergebe ich dieses mit voller
Liebe geschriebene Buch als ein treues Vermächtnis,
dem deutschen Volke, und zumal seiner reiferen Jugend.
Möge des Buches Inhalt nützen und erfreuen,
anregen und beleben, für das Heimische Neigung
wecken und wach erhalten helfen!
Die Sage ist eine fromme Erhalterin und Nährerin
der Heimat- und Vaterlandsliebe, ein ureigenstes Gut
des Volkes; sie treu zu pflegen ist den zu solcher Pflege
Berufenen eine heilige Pflicht. Es kann zwar nicht
fehlen, daß auch die Sage, wie alles Gute und Schöne,
ihre Widersacher, Verspotter und Verächter hat, es
hat sich aber alle Verhöhnung und Nichtanerkennung
tiefgewurzelter Eigentümlichkeiten einer Nation stets
als haltlos und bestandlos erwiesen.
Eine reichhaltige Sammlung deutscher Sagen wird
hier dargeboten, wie noch keine gleiche vorhanden,
eine vollständige nicht. Ein vollständiges deutsches
Sagenbuch ist so wenig herzustellen als ein einiges
deutsches Reich; aber wer nicht das Unmögliche will,
kann bei gutem Wollen, bei Geschick und Ausdauer
viel Nützliches schaffen und Ersprießliches zu Tage
fördern. Ich mußte mich bei dem vorliegenden Buche,
je mehr die Sagenfülle quoll und zuströmte, um so
mehr beschränken. Im Hinblick auf die vorhandene
Anzahl deutscher Sagen und die Zahl der hier aufgenommenen
könnte ich sagen, daß ich nur einen Zweig
des deutschen Sagenbaumes abgeerntet, wenn nicht
jeder Vergleich hinkte.
Die erwähnte überreich zuquellende Sagenfülle nötigte
denn auch, so ungern es geschah, auf den großen
Sagenreichtum des österreichischen Kaiserstaates vorläufig
zu verzichten. Da ich aber bereits in früheren
Jahren schon zu einem österreichischen Sagenschatz,
dessen Erscheinen indes ungünstige Verhältnisse bald
einstellten, zahlreiches Material gesammelt habe, so
bleibt vorbehalten, mit einer Österreich umfassenden
Sammlung hervorzutreten, sobald der Erfolg der vorliegenden
dazu ermutigt.
Es sei vergönnt, über das Sagensammeln hier ein
Wort zu sagen; leider gibt sich an dieses gar manche
unberufene Hand, die jener Hand von Ährenlesern
gleicht, welche aus den Garben rauft, die zu Mandeln
gehäuft noch auf dem Acker stehen, und da erntet, wo
sie nicht gesäet hat. – Wir alle, die wir dieses Gebiet
anbauen, können nicht der Schriftquellen, nicht der
Bücher entraten, aber die Quellenangabe beschönigt
und rechtfertigt noch keineswegs den offenbaren
Nachdruck, der von vielen literarischen Langfingerern
behufs sogenannter Auswahlen und Mustersammlungen
ausgeübt wird, die sorglos und mühelos anderer
Fleiß und Talent und ihrer Verleger Kosten ausbeuten.
Der Sagensammler muß sich neben seinen
Schriftquellen doch auch durch Gebirg und Wald und
Flachland selbst in etwas bemüht, irgend einige Sagenblüten
gefunden, einige schöne Steine zum großen
deutschen Sagentempelbau selbst herbeigetragen
haben, irgend etwas von ihm Neugefundenes vorzeigen,
sonst ist er ein Tropf und nicht ebenbürtig, mitzuringen
auf dieser olympischen Arena. –
Auf mein eignes Leben warf schon frühzeitig der
Sage süßer wunderbarer Reiz seine Morgenstrahlen.
Als Jüngling wanderte ich in einem sagenreichen Gau
Thüringens umher und freute mich am Duft der schönen
Wunderblume Poesie. Ilm und Gera, die Fluren
von Arnstadt und Erfurt, der Drei Gleichen nachbarliche
Burgen und sagendurchklungene Haine boten in
Fülle ihren Stoff, doch lange nachher lernte ich der
Sagen Geheimnis, ihren ganzen Zauber, erst recht erkennen,
und lernte daran niemals aus. Ich sammelte
anfangs mehr ins Gemüt als in Bücher, versuchte nur
schüchtern, die Sage in poetisches Gewand zu kleiden,
und stand später davon ab, als ich durchfühlen
lernte, daß der Dichter ihr nur selten wohl tut, wenn er
bemüht ist, sie zu schmücken, obschon er dies letztere
zu tun vollberechtigt ist. In den Sagensammlungen
der Länder Thüringen und Franken, welche zwar Beifall,
aber bis jetzt noch nicht die längst vorbereiteten
Fortsetzungen fanden, betrat ich den von den Brüdern
Grimm vorgezeichneten Weg schlichter einfacher
Darstellung und Wiedergabe, sowohl des Chronikenstoffes
als jenes dem Volksmund selbst entnommenen.
Ich bin den Sagen viel und lange nachgegangen
und nachgezogen; im Thüringerwalde kenne ich so
ziemlich jeden Weg und Steg; ich überwanderte Harz
und Riesengebirge, Rhön und Spessart; ich stand auf
dem Aachener, auf dem Kölner Dom und auf dem
Straßburger Münster; des Neckars, des Lech, des
Rhein- und Mainstromes wie der Donau Wellen hab'
ich fließen sehen. Ich hörte den Bach der Reismühle
rauschen, der von Karl des Großen Geburt erzählt,
und umwandelte des Untersbergs und des Watzmann
sagenreiche Hochgipfel. Vielleicht sieht mancher diesem
Buche die Quelle eigner Wahrnehmung an, die
am Ende noch mehr wert ist als die Quelle trockner
Schriftüberlieferung. Letztere nun bei jeder Sage anzuführen,
erschien mir für meinen Zweck dieses Mal
nicht nötig; wer die Quellen für den wissenschaftlichen
Zweck braucht und sucht, findet sie bereits in
Grimms und vielen andern Sammlungen, und da, wo
ich Selbstgefundenes mitgeteilt, jedesmal durch ein
»mündlich« den Leser mit der Nase darauf zu stoßen,
daß er meinem Findeglück diese Sage verdanke, dürf-
te wohl allzu eitel erscheinen. –
Bei dem Umfange, der dieser Sammlung zugedacht
wurde, und der sich noch während des Drucks über
das anfangs gesetzte Ziel erweiterte, galt es zunächst,
sich klar zu werden über Anlage und Gliederung, und
nach reiflichem Überlegen, ob chronologisch nach
Mythe und Geschichte, ob nach Ländern oder Stromgebieten,
nach Gebirgszügen usw. die Sammlung anzulegen
sei – wurde sich für die Form einer idealen
Sagen-Wanderung entschieden, die keinen Schlagbaum
und keine politische Grenze kennt, keine Paßkarte
braucht, nötigenfalls gleich Eppela von Gailing
einen tüchtigen Sprung nicht scheut und von einem
Völkergebiet in das andere schreitet, das jedem dieser
Gebiete hauptsächlichst Eigene vor Augen bringt.
Enge Landesgrenzen beachtete ich, wie der Leser
sieht, auf dieser Wanderung keinesweges. Die Sage
ist patriotischer wie die Politik; sie gibt nichts her von
Deutschland, sie läßt von ihrem heimischen Gebiet
nicht rupfen und zupfen im Süden, Westen, Norden
und Osten; sie behauptet und verteidigt, was einmal
deutsch ist, und hält es eisern fest.
Die Wanderung beginnt am Ursprung des Rheins,
folgt des letzteren Strömung durch das Schweizerland,
streift in das Elsaß, berührt die Pfalz, die Wetterau,
das Moselland, Lothringen und Luxemburg;
steigt zum Niederrhein und Niederland hinab bis
Friesland, grüßt Helgoland und das alte Dithmarschen,
durchgeht Schleswig und Holstein, Mecklenburg
und Pommern, West- und Ostpreußen mit ihren
Ostsee- und Bernsteinküsten, und dann läßt sich der
Wanderer auf den Flügeln der Kobolde von der russischen
Grenze schnell hinweg in das Lüneburger Land
tragen.
Auf Westfalens roter Erde durchschreitet und
durchkreuzt er ein sagenreiches Gebiet, bis er abermals
den Schritt ostwärts lenkt, um die Marken zu
durchirren. Von da zieht es ihn wieder zurück nach
dem westfälisch-hessischen Boden, nach des Harzwalds
Bergen und Burgen, nach des Kyffhäusers Gipfel.
Dann aber lenkt sich der Schritt in das Thüringerland,
der Blick in Thüringens sagenreiche Frühzeit,
auf seine gefeiten Hochgipfel, seine von Sagenwundern
durchrauschten Wälder, seine Klostertrümmer
und Geisterschlösser. Das nachbarliche Vogtland erschließt
seine Welt voll mythischen Zaubers, und
Gera, Ilm und Saale führen zu dem thüringischen
Flachland, das an Sachsen angrenzt. Die sächsischen
Ebenen gewähren ihre Ausbeute, welche, sobald erstere
verlassen werden, das Erzgebirge wie das Riesengebirge
in noch reicherer Mannigfaltigkeit erschließen.
Bis in des deutschen Böhmens Herz, die uralte
Praga, erstreckt sich die Wanderung und wendet
dann, um, vom Fichtelgebirge niedersteigend, fränkischem
Boden zu nahen, dem Laufe der Werra durch
heimisches Gebiet bis wiederum auf hessisches zu
folgen, vom Hessenlande aus das Rhöngebirge zu besteigen
und von diesem herab Mainstrom und
Spessartwald ab und auf zu befahren. Von Bamberg
nach Nürnberg läßt sich schnell gelangen, im Fluge
ist Regensburg erreicht, zu dessen östlichem Stromgelände
der Böhmerwald sich niedersenkt. Durch des
Bayerlandes Gauen mitten hindurch geht es stracks
nach Schwaben und durch Schwaben noch einmal
westlich bis zur Pfalz und nach Baden, wo die letzte
Umkehr genommen wird, um durch Südschwaben und
Südbayern nach den Ufern des Lech und der Isar zu
gelangen, von da zum Hochland emporzusteigen und
vom südlichsten Endpunkt, wie beim Beginn auf Alpenhöhen,
in die steinernen Meereswogen Österreichs
hinüber zu grüßen: Auf Wiedersehen! –
Auf dieser Wanderung nahm ich gern gründliche
und gediegene Sagensammler zu freundlichen Geleitsmännern,
deren Namen ich nur zu nennen brauche,
um der Aufzählung von Büchertiteln überhoben zu
sein. Voran stehen mit vollem Recht die Brüder J.
und W. Grimm; es folgen K. Simrock und A. Stöber
für Rhein und Elsaß, J.W. Wolf für die Niederlande,
K. Müllenhoff für Schleswig-Holstein und Lauenburg,
J.W.A.v. Tettau und J.D.H. Temme für Ost-
und Westpreußen und Litauen, J.D.H. Temme und A.
Kuhn auch für die Marken. Wo ich selbst am besten
Bescheid wußte, bedurft' ich keiner Führer. Für
Baden sorgte treulichst B. Baader, für Schwaben G.
Schwab, und nach ihm E. Meyer, für Bayern A.
Schöppner, letzterer nur mit zu vielem Ballast von
Balladen und Romanzen, die an ihrem Ort wohl erfreuen
mögen, und auch in ausschließlich metrischen
Sammlungen, wie die allgemeindeutschen A. Rothnagels,
H. Günthers, A. Kaufmanns für Franken u.a. gut
beisammen stehen, aber in Sagensammlungen wie die
vorliegende nicht gehören. Daß neben den genannten
noch viele andere Werke benutzt werden mußten, Provinzsagensammlungen,
Chroniken, Topographien u.
dgl., versteht sich von selbst. Auch dem vogtländischen
altertumsforschenden Vereine zu Hohenleuben
verdanke ich schätzbare Beiträge.
Keinen einzigen Gewährsmann habe ich geradezu
abgeschrieben, weder die neuen, noch die alten, denn
das erachte ich für eine gar geringe Kunst. Kinderleicht
ist es, ein Buch zu füllen, wenn man wörtlich
abdrucken läßt, was andere bereits drucken ließen.
Nur wo ich Sagen in Dialekten in das Hochdeutsche
zu übertragen hatte, übertrug ich meistens treu, um
ihre Spitzen nicht abzustumpfen; außerdem habe ich
jede Sage zu meinem Eigentum gemacht und sie nach
meiner Eigentümlichkeit wieder neu erzählt; nur aus
eignen, früher von mir selbst veröffentlichten Sagensammlungen
nahm ich einzelne wörtlich wieder auf,
und auch diese nicht ohne Feile.
Ob ich den rechten Ton traf, wird sich zeigen. Einfachheit
im Ton der Erzählung ist beim Wiedergeben
der Sagen unerläßliche Bedingnis; keine novellistische,
romanhafte Verwässerung, keine blümelnde
Schreibweise steht der Behandlung der Sagen an, wo
diese Selbstzweck ist – wohl aber darf der Erzählungston
wechseln je nach dem Stoff, ja selbst nach der
Zeit, der dieser Stoff angehört; er darf streng, herb
und derb, romantisch, lustig, kernhaft, nicht minder
idyllisch, rührend und erschütternd sein. Der Sagenerzähler
muß wissen, welche Tonart er anzuschlagen
habe; eine nach vorgefaßter Meinung bestimmte von
ihm zu fordern, dazu ist keine Berechtigung vorhanden.
Über einen Leisten läßt sich nicht alles schlagen.
Die Sagen können so wenig eines Schriftstiles sein
wie Häuser und Kirchen eines Baustiles. Das Einerlei
ermüdet, und leicht wird ein frischer Geist des trockenen
Tones satt. Viele Sagen sind so durch und durch
voll Humor, daß ernste Erzählungsweise sie töten
hieße – darum ward zum öftern die heitere vorgezogen.
Metrisch bearbeitete Sagen in Prosa aufzulösen
trug ich die größte Scheu und habe es nur einigemal
getan; einmal beim alten Tannhäuserlied, dann bei
Nr. 81, Der wilde Jäger, nach Bürgers Gedicht, weil
dessen Ursprung ausschließlich in der bezeichneten
Gegend zu suchen ist, bei Nr. 174, Die Schlacht auf
dem Tausendteufelsdamme, nach einem Gedicht von
Th. Fontane, und endlich bei Nr. 966, Eines Vaterunsers
Wert, nach einem Gedicht von Th. Holscher (bei
Schöppner), weil mir beide letztere Stoffe ausnehmend
wohl gefielen, und namentlich auch die poetische
Behandlung.
Manche Sage, die ich allzudürftig auffand, konnte
ich erweitern, aus Kenntnis ihrer Örtlichkeit oder aus
andern schriftlichen und mündlichen Quellen, manche
andere mußte ich kürzen und auf das rechte Maß zurückführen.
Viele Sammlungen, ich will nur K. Geibels Rheinsagen
und Lübecks Volkssagen von H. Asmus nennen,
waren wenig zu benutzen, weil das meiste darin
zu eigenmächtig ausgeschmückt, fast novellistisch erweitert
ist. Vornehmlich galt es auch, die spät erst gemachte
Sage links liegen zu lassen, welche die Reisehandbücher,
besonders die den Rhein betreffenden, so
häufig bieten.
Außerdem fand ich noch mancherlei Beschränkung
geboten. Die zahlreichen Sagen von geraubten Hostien,
geschlachteten Christenkindern und dergleichen
durch Juden habe ich mit Absicht nicht aufgenommen.
Wenn sie auch nicht alten Haß nähren helfen, so
verletzen sie doch und widerstreiten so gleichsehr
dem christlichen wie dem ethischen Prinzip.
Dieses Sagenbuch soll im besten Sinne ein Volksbuch
sein und werden, daher ist die Fassung keine altdeutsch-
mythologisch-gelehrte, um so mehr ist dennoch
auf das hochwichtige mythologische Element in
den deutschen Volkssagen mit allem Fleiße Rücksicht
genommen worden, wie es noch im Bewußtsein des
Volkes lebendig ist. Was aber dem deutschen Volksbewußtsein
in der Gegenwart, ja selbst dem deutschen
Lande allzufern liegt, wie die Stammsagen von Ostund
Westgoten, Vandalen, Hunnen, Longobarden,
Herulern, Gepiden usw., das habe ich hier unberücksichtigt
gelassen.
Sparsam war ich mit Absicht in Aufnahme mythischer
Heldensage, die in alt- und mittelhochdeutschen
Gedichten gefeiert wird; auch sie ist noch immer nicht
klar in das Volksbewußtsein getreten, die Literatur
und die Schuldoktrin haben sie noch nicht mit dem
Leben der Gegenwart vermittelt, und besonders zeigt
letztere zu solcher Vermittelung noch keine rechte
Neigung. Ebenso sparsam war ich in Aufnahme der
Heiligensage (Legende) und endlich in der Gespenster-
und Hexensage, die sich allenden wiederholt.
Die letztere namentlich hat J.W. Wolf in seinen Niederländischen
Sagen mit wahrer Vorliebe behandelt.
Trefflich ist auch dessen Sammlung deutscher Mär-
chen und Sagen, Leipzig 1845, insonderheit für Niederdeutschland.
In gleicher Weise sammelte E. Meyer
für Schwaben auf das fleißigste und dankwerteste,
und es konnte seine Sammlung vorzugsweise für das
mythologische Gebiet in Schwaben der meinigen zur
Benutzung dienen.
Wenn bei einigen Stoffen das Gebiet der Sage fast
verlassen wurde, so geschah dies einesteils, um auch
die Übergänge anzudeuten, wo Märchen und Sage
sich begegnen und geschwisterlich umschlingen, so
bei Nr. 333, Die Spinnerin im Mond, bei Nr. 385,
Die Zwergensage, mit der auch im Kindermärchen
vorkommenden Namensauskundschaftung, und bei einigen
andern, wo die märchenhafte Färbung vorwaltet,
andernteils aus andern bestimmten Gründen. So
war bei Nr. 470, Das Mysterium, daran gelegen, doch
endlich einmal dies fernliegende dramatische Rätsel,
diese großartigste deutsche Opera seria alter Zeit,
über welche die Literatur der Schauspielkunst bis
heute noch nichts Rechtes beizubringen wußte und die
Mitteilungen der thüringischen Chroniken so äußerst
dürftig beschaffen sind, dem Auge etwas näher zu
rücken, um zu zeigen, wie dieses Mysterium denn eigentlich
beschaffen war, und damit neben der Sagenkunde
der Sittenkunde zu nützen, denn beide müßten
eigentlich stets Hand in Hand gehen. Ob diese, wie
ich fest glaube, auf thüringischem Boden, wohin die
fehlerhafte dialektische Schreibart deutet, geborene
Mysterie älter oder jünger wie die, mit deren Bruchstücken
Karl Ludwig Kannegießer seine Gedichte der
Troubadours, Tübingen 1852, eröffnet, ist hier nicht
der Ort zu untersuchen. Mone erwähnt ihrer in seinen
altdeutschen und mittelalterlichen Schauspielen nicht.
Dieses ernste Singspiel war voll dramatischen Lebens,
voll Pomp und Herrlichkeit, voll Leidenschaft,
voll erschütternder Wirkung, voll plastisch-mimischer
Bildergruppen und ganz gewiß wunderbar schön,
wenn auch ohne Virtuosentriller, ohne Ballett und
ohne Tamtam.
Wie im allgemeinen zu vermeiden ist, allzu Fremdländisches
in heimische Kreise zu ziehen, so ist auch
zu vermeiden, das Heimische zu verwirren und nicht
Zusammengehörendes zu verschmelzen. So hat in unsern
Zeiten die Poesie mit ihrer berechtigten Freiheit
den Tannhäuser mit dem Wartburgkrieg in Verbindung
gebracht, in Gedichten, in Dramen, in der Oper.
Die Sage wie auch die Chroniken kennen diese Verbindung
nicht, so wenig wie die Geschichte der Poesie
sie kennt. Der Wartburgkrieg und die Tannhäusersage
liegen geschichtlich ziemlich weit auseinander.
Die erwähnte berechtigte Freiheit der Poesie aber
darf sich die letztere dennoch von keinem nehmen
oder verkümmern lassen; ihr muß es freistehen und
wird es ewig freistehen, Sagenstoffe zu erfassen, zu
schmücken, zu verherrlichen, nur darf von dem, der
solches tut, gefordert werden, daß er dazu berufen sei.
Mir erscheint in dieser Beziehung die Sage wie ein
alter gleichzeitig kolorierter Holzschnitt auf Pergament
oder ein Miniaturbild. Der Unberufene, der solche
Bilder zu verschönern gedenkt, wird mit breitem
Pinsel des Bildes edle Züge und Farben verwaschen,
der Berufene wird mit feinem Pinsel dunklere Stellen
mit leichtem, dauerbarem Golde höhen. Da jede Sage
mehr Dichtung als Wahrheit ist, so haben die Dichter
eigentlich an sie mehr Anrecht als die Forscher und
die Wissenschaft, denn die Poesie gleicht dem Sternenhimmel
über der dunkeln Erde. –
In Berücksichtigung der vielen Sagen innewohnenden
Volkstümlichkeit wurde auch mit Vorliebe der
Spott- und Neckelust, der Lalenstreiche und veralteter,
nun wohl meist abgekommener volkstümlicher
Rechtsbräuche in Schimpf und Ernst gedacht – wie
die Nrn. 61, 190, 341, 646, 716, 739, 771, 773, 802,
810, 830, 835, 870, 871, 874, 947-951 dartun, und
wurde selbst manches der Sprache abhanden gekommene
echt deutsche Wort wieder in sein Recht eingesetzt,
auch überhaupt manche Hindeutung, mancher
Fingerzeig gegeben, der einem und dem andern vielleicht
nicht unwillkommen sein wird.
Ferner wurde mit gutem Grunde Rücksicht auf die
Verwandtschaft der Sagen untereinander durch einfa-
che Hinweisung genommen. Hierin bleibt der Sagenforschung
noch eine wichtige Aufgabe; die Verwandtschaft
der Sagen geht häufig bis zur Zwillingsschwesterschaft;
es sei nur an die Gangolfsbrunnen in Burgund
und in Franken erinnert, Sagen Nr. 139 und
768, an die Doppelehe in Preußen und in Thüringen,
Nr. 338 und 598, an die Kinderzüge, -tänze und -andachten
Nr. 588, 647, 879, wie an die Kinderhinwegführung
durch den Rattenpfeifer von Hameln, Nr.
294, und den Teufelsgeiger im Brauschtal, welche
letztere Sage August Stöber in seinen Sagen des Elsasses,
St. Gallen 1852, unter Nr. 160 mitteilt, so
auch an die drei Auflagen Nr. 280 und 754.
Es bedarf kaum noch der Erwähnung, daß die Sagenkunde
jetzt bereits so gut auf den Standpunkt einer
Wissenschaft gehoben ist als jede andere Hilfswissenschaft
der Geschichte, als Denkmal-, Wappen-, Siegelkunde
usw., und dabei ist sie eine ungleich lebendigere,
denn sie nimmt nicht nur vom toten Stein,
Schild und Wachs, sondern auch vom immerlebenden
Mund des Volks ihre Zeugnisse. Aber leider entzieht
die moderne Aufklärsucht mehr und mehr dem Volke
seine Wunderblumen, jätet seine Poesie aus mit
Stumpf und Stiel und reicht ihm dafür unter dem
Namen des Apfels vom Baume der Erkenntnis den aschevollen
Sodomsapfel sogenannter politischer Reife
und den beißenden Rettich der Verhöhnung alles Ge-
mütvollen, Edlen und Schönen, allen Glaubens und
aller Treue. Darüber ließe noch vieles sich anführen
und sagen, doch müßte ich nur das mannigfache Gute,
was über Sagenforschung und dahin Einschlagendes
in den Einleitungen der Grimmschen, der Wolfschen,
der Müllenhoffschen, der Tettau-Temmeschen, der E.
Meyerschen und andern Sammlungen gesagt ist, wiederholen.
Auch A. Schöppner entwickelt in der Einleitung
zu seinem Sagenbuch der bayrischen Lande
viel Wahres und Beherzigenswertes über diesen
Punkt.
Möge die neu erwachte Pflege der deutschen Sagenblumen
in strengwissenschaftlicher wie in schönwissenschaftlicher
Beziehung, in ihrer Echtheit und
ungeschmückten, ungeschminkten Einfachheit mehr
und mehr Freunde finden und Boden gewinnen! Sie
verdient es, und sie lohnt es durch geistigen Genuß.
Welchen Bilderreichtum bietet sie nicht dem Dichter,
dem zeichnenden wie dem plastischen Künstler dar,
welch eine reiche Stoffülle! Ja, die deutsche Sage
bleibt ein fort und fort frischquellender Goldborn für
Poesie und Kunst, und – was noch höher zu achten,
sie bleibt trotz allem Hohnlächeln der Neugescheiten,
allem Gegenbemühen, allem Abschleifen und Verflachen
und trotz der verkehrten Aufklärungssüchtelei
der seminaristischen Afterschulbildung wie der konsistorialen
und polizeilichen Vevormundung eine
frischlebendige, unverwüstliche, sittliche und sittigende
Volkskraft.
Meiningen, am 24. November 1852.
L u d w i g B e c h s t e i n .

Kapitel 2

1. Vom deutschen Rheinstrom
Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt
die Edda, das uralte Götterlied, so auch der Rhein,
des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom
Gottesberge (St. Gotthard), aus Eispalästen, aus dem
Schoße der Alpen nieder, als Strom des Segens.
Schon die Alten sagten von ihm: Die Donau ist aller
Wasser Frau, doch kann wohl der Rhein mit Ehren ihr
Mann sein – und die Urbewohner der Stromufer erachteten
seine Flut für also wunderbar, daß sie neugeborene
Kinder ihr zur Prüfung echter oder unechter
Geburt übergaben. Rechtmäßige Abkömmlinge trug
die Stromflut sanft zum Ufer, unrechtmäßige aber zog
sie mit ungestümen Wellen und reißenden Wirbeln
als ein zorniger Rächer und Richter der Unreinigkeit
unter sich und ersäufte sie. Andere Anwohner brachten
dem heiligen Strome ihr Liebstes, Pferde, zum
Opfer dar. Durch Hohenrätiens Alpentalschluchten
stürzt sich der Rhein mit jugendlichem Ungestüm, frei
und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke,
das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende
Fesseln brach. Da zwang ein Kastellan auf der Bärenburg
die Bauern, mit den Schweinen aus einem Trog
zu essen, ein anderer zu Fardün trieb ihnen weidende
Herden in die Saat, andere übten noch andere Frevel.
Da traten Hohenrätiens Männer zusammen, Alte mit
grauen Bärten, und hielten Rat im Nachtgraun unter
den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese
ohnfern Tovanosa will man noch Nägel in den Felsenritzen
erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten,
ihre Brotsäcke hingen. Und dann tagten sie in
Bruns vor der St. Annenkapelle unter dem freien
Himmel, unter der großen Linde, nach der Väter Sitte,
und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den
neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß
der Bund solle bestehen, solange Grund und Grat
steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder.
– Kaiser Maximilian nannte scherzweise den
Rheinstrom die lange Pfaffengasse, wegen der zahlreichen
und hochberühmten Bistümer und Hochstifte an
seinen Ufern, und nannte Chur das oberste Stift, Konstanz
das größte, Basel das lustigste, Straßburg das
edelste, Speier das andächtigste, Worms das ärmste,
Mainz das würdigste und Köln das reichste.
2. Des Schweizervolkes Ursprung
In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert
und bebaut war, saß ein starkes und zahlreiches
Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden,
und kam über dieses Volk große Hungersnot und
leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil
der Menschen bei ihnen zu viel, daß von Monat zu
Monat eine Schar auswandern sollte, und sollte die
das Los bestimmen. Wen es treffe, der müsse fort bei
Strafe Leibes und Lebens, ob hoch oder niedrig, und
mit Weib und Kindern. Als dies immer noch nicht
fruchtete und dem Mangel steuerte, so ward fernerweit
beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgeloset
werden und hinwegziehen solle. So geschah es,
und zogen an die sechstausend Schweden fort und
zwölfhundert Friesen mit ihnen, und ernannten sich
Führer. Deren Namen waren Suiter, Swey und Josius,
noch andere Restius, Rumo und Ladislaus. Sie fuhren
auf Schiffen den Rhein hinauf und hatten unterwegs
manchen Kampf zu bestehen; endlich kamen sie in ein
Land, das hieß das Brochen- oder Brockengebirg (wie
es auch im Harzwald einen Brockenberg hat), allda
bescherte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten
sich an und verteilten sich in das Land, wirkten
und schafften. Ein Teil zog ins Brünig (Bruneck), ein
anderer an die Aar. Ein Teil Schweden, die aus der
Stadt Hasle (gehört jetzt dem Dänen) stammten, die
erbauten Hasli und wohnten darin unter ihrem Führer
Hasius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen
und wohnte allda, Swey und Suiter gaben der Schweiz
und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland
gewannen sie, waren ein treu und gehorsam
Volk, trugen zwilchne Kleider, nährten sich von
Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals
noch nicht viel im Lande. Sie waren starke Leute, wie
die Riesen, voll Kraft, und Wälder auszureuten war
ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenbogen.
Davon gehen noch alte Lieder, die sagen aus, wie
ihrer ein Teil unter dem Führer Ladislaus und Suiter
gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer
beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk,
und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen,
Adler und Bären, ein rotes Kreuz, und auf der
Krone des Aaren ein weißes, und haben dann diese
Zeichen nach der neuen Heimat getragen. Immer noch
erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie
die Vorfahren im Lande gezogen und wie die Berge
eher bewohnt gewesen als die Täler. Erst ein späteres
jüngeres Geschlecht habe die Talgründe bebaut, wie
das auch in andern Bergländern geschehen ist.
3. Sankt Gallus
Schon in frühen Zeiten drang das Christentum in das
rätische Gebirge. Ein britischer Königssohn, Ludius
mit Namen, soll über Meer gekommen sein und diesem
Lande zuerst das Evangelium gepredigt haben.
Nach ihm heißt noch ein Gebirgspfad zwischen Graubünden
und der Herrschaft Vaduz (Fürstentum Liechtenstein)
der Ludiensteig. Nach ihm kamen die Apostel
Rätiens und Helvetiens, Sankt Gallus und seine
Gefährten Mangold und Siegbert, ersterer der Sohn
eines Königs in Schottland, mit dem heiligen Columban
an den Bodensee, zerstörten die Götzenbilder und
brachen das Heidentum. Sie wohnten als fromme Einsiedler
in Hütten, heilten Kranke und predigten das
Evangelium. Ein alemannischer Herzog, Gunzo,
wohnte in Überlingen, damals Iburinga genannt, dem
war die Tochter schwer erkrankt; der heilige Gallus
heilte sie, und dafür schenkte ihm und seinen Gefährten
Gunzo ein großes Waldgebirge zum Eigentum, in
welchem sie sich nun besser anbauten. Aus diesem ersten
Anbaue ist die hernachmals so berühmte und
herrliche Abtei Sankt Gallen geworden, welche einer
Stadt und einem ganzen Lande den Namen gegeben.
Aber St. Gallus blieb, als er noch im irdischen Leben
wandelte, nicht beständig in seiner Einsiedelei, er
stieg, als die Abtei St. Gallen schon begründet war,
der Sitter entlang höher empor und erbaute sich an geeignetem
Ort eine neue Zelle, das Hirtenvolk zu bekehren.
Diese nannte das Volk des Abten Zelle, daraus
ist der Name Appenzell entstanden. Das Hirtenvolk
nahm auch willig das Christentum an, als aber
später die mächtige Abtei dasselbe in seiner Freiheit
bedrohte, erhob es sich zum Kampfe. Der Abt von St.
Gallen suchte Hülfe bei Österreich, da saß aber droben
auf der festen Burg Werdenberg ein edler Grafensohn,
Rudolf von Werdenberg, der hielt zu den Hirten
des Appenzeller Gebietes und führte sie zum Kampfe
gegen St. Gallen. Am Stoß geschah eine heftige
Schlacht, lange schwankte der Sieg, plötzlich kam
über den Berg herüber eine großmächtige Schar
Kriegsvolk den Hirten zu Hülfe – als die Feinde der
Appenzeller diese erblickten, flohen sie eilend vom
Schlachtfeld. Es waren aber die Hülfsvölker, die sich
gezeigt und durch ihren Anblick von weitem den
Feind hinweggeschreckt, keineswegs Kriegsmänner,
sondern der Hirten Weiber und Töchter in männlicher
Tracht gewesen. Seitdem blieb das Ländlein Appenzell
mitten im St. Galler Lande ein eigenfreies und regierte
sich selbst.
4. Die St. Galler Mönche erbeten Wein
In der stattlichen Abtei St. Gallen war große Sorge
um den lieben Wein. Es war eben ein durstiges Jahr
gewesen und lange Jahre nichts Erkleckliches nachgewachsen;
nur noch zween Ohmfässer lagerten voll in
dem großen Abteikeller, die reichten voraussichtlich
nicht mehr weit, und dann wäre den frommen Vätern
eine weinlose, schier schreckliche Zeit gekommen. Da
wendete Gott das Herz eines frommen und heiligen
Mannes, des Bischof Adalrich in der alten Stadt
Augsburg, daß er den nicht weniger frommen Vätern
zu St. Gallen ein ganzes Stückfaß voll Wein in ihre
Abtei verehrte. Da kam aber die Nachricht nach St.
Gallen, das Faß sei unterwegs im Rhein ertrunken,
der Fuhrmann habe auf der steilen Brücke über den
Fluß in der Nähe des Bodensees die Pferde allzuhart
angetrieben, da sei die Achse gebrochen und das Faß
hinab in den Strudel gestürzt. Das war ein Schrecken!
Ohne Säumen berief der Abt den Konvent, und bald
wallte eine lange Prozession mit Kreuz und Kirchenfahnen
und Heiligenbildern von St. Gallen herab,
sang und betete und kniete am Strudel, und die Küper
des Klosters suchten mit Stricken das Faß zu fahen,
das glücklicherweise noch unversehrt war und im
Strudel tanzte. Wäre der Strudel nicht gewesen, so
wäre das Stückfaß längst in den Bodensee geflossen,
und ward allda ersichtlich, wozu manchmal ein Strudel
gut ist. Nach mancher Mühe gelang es unter
Gebet und Fürbitte der lieben Gottesheiligen, das
Stückfaß an den Strand zu ziehen, und nun wurde es
bekränzt und im Triumphe nach der Abtei geführt,
allwo ein Dankfest mit einem Te Deum laudamus
und vielen Trankopfern gefeiert ward.
Solches ist wahr und wahrhaftig geschehen, aber
»das Märlein gar schnurrig« vom Abt von St. Gallen
und dem Kaiser mit den drei Fragen hat sich mitnichten
alldort begeben, sondern mit einem Abt von Kentelbury
in Altengland, und ward nur durch Dichtermund
auf deutschen Boden verpflanzt.
5. Dagoberts Zeichen
Es war ein König im Frankenreiche, Dagobert, ein
Sohn Chlotars und Herr über Austrasien. Von dessen
Taten leben noch in Sagen viele Kunden. Er führte
große Kriege gegen die Sachsen und war dabei fromm
und kostfrei. Selbst gegen Tiere übte er Milde, und es
ging von ihm das Sprüchwort im Volke um: Wann
König Dagobert gegessen hat, so läßt er auch seine
Hunde essen, und eine andere Rede ward ihm nachgesagt,
daß er auf seinem Sterbelager zu seinen Hunden
gesprochen habe: Ihr guten Hunde, es ist doch keine
Gesellschaft im Leben also gut, daß man sie nicht
verlassen und von ihr abscheiden müsse. – Auf seinen
Zügen drang König Dagobert auch bis in das Schweizer
Alpenland und bis dahin, wo man die Landschaft
vorzugsweise das Rheintal nennt, und ließ dort in die
Talfelsen einen großen halben Mond einhauen, als
Grenzzeichen seines Reiches.
Da es mit dem guten Könige Dagobert zum Sterben
gekommen war, erfaßten die Teufel seine Seele
und brachten sie auf ein Schiff, mit ihr von dannen zu
fahren. Solches ließ Gott der Herr geschehen, weil der
König noch nicht gereinigt und gelöset war von aller
Schuld. König Dagobert hatte aber einen Freund am
heiligen Dionysius, dessen Gebeine er dereinst aufge-
funden mit Hülfe seiner so sehr geliebten Hunde, und
welchen Heiligen der König stets in stärksten Ehren
hielt, dafür dieser ihn auch stetiglich schirmte und
schützte. Da nun, als Dagobert verstorben war, erbat
der Heilige die Erlaubnis von Gott dem Herrn, des
Königs Seele zu retten, und als er die erhalten, fuhr er
im Geleite anderer Gottesheiligen und vieler Engel
zur See und dem Schiffe nach, darauf die Teufel mit
Dagoberts Seele waren. Darauf entspann sich ein harter
Kampf zwischen Engeln, Heiligen und Teufeln um
des Königs Seele, in welchem die ersteren Sieger blieben,
und trugen alsbald die Engel die Seele Dagoberts
in den Schoß der ewigen Gnade, die Heiligen aber
kehrten in das himmlische Paradies zurück.
6. Die Tellensage
Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen
den Tell als den Befreier von hartem und lastendem
Druck, als den Schöpfer der Schweizerfreiheit, und in
alle Lande ist sein Ruhm erklungen, und ist ewig fortlebend
und unaustilgbar.
Es war zu den Zeiten, da Kaiser Albrecht von
Österreich regierte, der war ein strenger und heftiger
Herr und suchte, daß er sein Land mehre; so kaufte er
viele Städte, Flecken und Burgen in dem Schweizerland,
setzte auch in dieselben Landvögte ein, die in
seinem Namen regierten. Drei Schweizerstädte und
Landschaften aber wollten nichts von dem Österreicher
wissen noch haben; da sandte ihnen der Kaiser
zwei edle Boten, den Herrn von Liechtenstein und den
Herrn von Ochsenstein, die mußten den Orten vortragen,
daß sie sich doch sollten in Österreichs Schutz
und Schirm begeben, da könnten sie es mit der ganzen
Welt aufnehmen und ihr trutzen, wollten sie das aber
nicht, so wolle der Österreicher ihr Feind sein, und
sollten sie sich nichts Gutes von ihm zu versehen
haben. Aber da sprachen die Männer von Schwyz:
Liebe Herren, wir wollen dem Hause Österreich gern
in allen Ehren zu Lieb und zu Dienst sein, aber wir
wollen doch bei unsrer alten Freiheit bleiben, die
noch niemalen ein Fürst oder Herzog angetastet hat. –
Auf diese Rede brachen die Abgesandten rasch auf
und ritten stracks nach Uri und Unterwalden, dort,
dachten sie, würden sie sich gleich der Braut vermählen;
es kam aber ganz anders, denn die drei Orte hatten
sich schon miteinander verbunden und sich verschworen,
treulich zusammenzuhalten, sagten auch,
daß ihre Freiheit ihnen verbrieft sei von dem Kaiser
Friedrich dem Hohenstaufen und Rudolf dem Habsburger,
und ritten die Abgesandten unverrichteter
Sache von dannen. Bald darauf sendete Albrecht von
Österreich zwei Vögte, die hießen Grißler und Landenberger.
Von denen sollte Grißler ein Amtmann zu
Schwyz und Uri sein, der Landenberger aber zu Unterwalden,
doch sollten sie sich zu Anfang gut und
freundlich erzeigen, ob sie vielleicht in Güte das Volk
bewegten, allein dieses ließ sich nicht bewegen, und
da erhielten die Landvögte Befehl, den Bauern alles
gebrannte Herzeleid anzutun. Als dieses nun geschah,
so sendete das Volk Klageboten an Albrecht, der aber
ließ diese gar nicht vor sein Angesicht. Nun gingen
die Sendboten zu des Kaisers Räten und baten sie
freundlich und ernstlich, sie sollten dem Mutwillen
und der Plackerei der Vögte steuern und verhindern,
daß sie mit neuer und unerhörter Schatzung das Volk
bedrückten; aber die Räte sprachen: Ihr Männer seid
selber schuld an allem Übel, warum wollt ihr euch
nicht auch in unsers Herrn Gnade, Schutz und Schirm
geben? Tätet ihr solches, so hättet ihr Ruhe und guten
Frieden. – Da kehrten die Gesandten traurig heim und
ohne Hoffnung und sagten den Ihrigen die schlimme
Botschaft an.
Damals hauste in Unterwalden ein gar redlicher
Mann, der niemals Untreue verübte, der war dem
Landenberger insonderheit verhaßt, und sein Name
war Heinrich im Melchtal an der Halde. Zu dem sandte
der Landenberger, der auf Burg Sarnen saß, einen
seiner Knechte mit dem Gebot, dem Melchtaler die
Ochsen vom Pfluge abzuspannen. Flugs gehorchte der
Knecht und wollte dem Manne die Ochsen vom Pfluge
wegführen. Heinrich im Melchtal aber sprach: Laß
ab, meine Ochsen behalte ich. Hab' ich was Sträfliches
getan, so soll man mich vorfordern und richten. –
Der Knecht sprach: Bauer, ich tue, was meines Herrn
Gebot ist, frag ihn selbst um die Ursach! Ihr Bauern
seid selber Ochsen genug, daß ihr den Pflug selbst
ziehen könnt. – Diese lose Rede hörte des Alten junger
Sohn, der hieß Arnold, und nahm alsbald einen
Stecken und schlug dem Knecht des Landenbergers
einen Finger entzwei, daß ihm das Ochsenausspannen
verging. Der Knecht entwich, die Tat dem Landvogt
anzusagen, und der junge Arnold im Melchtal entwich
nach Uri. Der Landenberger ließ alsbald Heinrich im
Melchtal vor sich bringen und begehrte von ihm des
Sohnes Aufenthalt zu erfahren. Da nun der Alte entweder
nicht sagen wollte oder nicht wußte, wohin sein
Sohn sich geflüchtet, so ließ der Landenberger dem
Alten beide Augen ausstechen, nahm ihm sein Gut
und trieb ihn ins Elend. Auf der Burg Roßberg hatte
der Landenberger einen Pfleger sitzen, der hieß von
Wolffen, das war auch einer von den Pressern, der
kam in Konrads von Baumgarten Behausung und traf,
wie er schon voraus wußte, nicht den Mann, sondern
nur dessen frommes und schönes Weib an, zu der er
ein sonderlich Gelüsten hatte, rief sie an, indem er
vom Pferde stieg, sie solle nach einem Zuber umschauen
und ihm ein Bad rüsten, es sei ihm baß heiß
vom starken Ritt. Und als er nun im Bade saß, da
winkte er ihr, sie solle zu ihm sitzen, sie aber tat, als
wolle sie ihm gehorchen, zuvor aber sich ihrer Röcke
außen abtun, ließ ihn sitzen und lief alsbald nach dem
nahen Walde, wo ihr Mann Holz haute. Der hatte gerade
Feierabend gemacht, kam ihr mit der Axt entgegen
und hörte ihre Not und Klage und sprach: Dem
Bader will ich das Bad wohl gesegnen – und lief
einen nahen Pfad – traf den Wolffen noch im Zuber,
des Weibes harrend, und schlug ihn mit der Axt dermaßen
auf den Grind, daß der Kopf in zwei Hälften
auseinanderspaltete.
Der Landvogt Grißler, der zu Uri saß, hub an, auf
einen Bühel über Altdorf eine neue Burg zu bauen,
die sollte genannt werden »Zwing Uri unter die Stegen
«, um so recht das Landvolk zu quälen und zu reizen,
und weil der Grißler wußte, daß er allem Volke
verhaßt war, und mutmaßete, es möge sich schon
etwas Heimliches gegen ihn angesponnen haben, so
ließ er mitten auf einem freien Platze, wo jedermann
vorüberwandelte, eine hohe Stange aufrichten, mit
einem Hute darauf, und befehlen, daß jedermann, wer
es immer sei, dem Hute Reverenz erzeigen solle mit
Bücken und Hutabnehmen, als ob es der Vogt selbst
sei, und ließ heimlich spüren und aufpassen, wer das
etwa nicht täte und den Gruß weigerte. Darauf ritt er
gen Schwyz und kam über Stein, da wohnte ein gar
frommer Mann, der hieß Werner von Stauffacher, der
hatte noch nicht lange zuvor ein neues Haus an seines
alten Statt gebaut. Da nun der Vogt vorüberritt, fragt
er: Wem gehört dieses Haus? Der Stauffacher wollte
recht höflich sein, sagte nicht, daß es sein gehöre,
sondern antwortete: Meines Kaisers und Euer, Herr
Landvogt, ich trag's von Euch zu Lehen! Beliebt Euch
einzutreten? – Aber der Landvogt fuhr den Stauffacher
scheltend an: Ich bin hier an des Kaisers Statt!
Hast du um Erlaubnis gefragt zu diesem Bau? Nein!
Und baut ihr Bauern nicht Häuser, als wenn Herren
darinnen wohnen sollten? Das will ich euch wohl
wehren! – Sprach's und ritt trutziglich weiter. Dem
Stauffacher schmerzte die Rede sehr, aber sein kluges
Weib tröstete ihn und sagte ihm, er solle sich doch
umtun bei andern Freunden, ob es überall im Lande
so getan sei, und mit ihnen Rats pflegen, daß es anders
werde. Da ging Werner von Stauffacher gen Uri
zu einem Freund, der hieß Walther Fürst, und bei dem
fand er Arnold im Melchtal, der sich noch flüchtig
hielt, und da ratschlagten die drei miteinander und
wurden eins, daß sie noch andere treue und vertraute
Männer aufsuchen und mit ihnen einen Bund gegen
den Druck der Vögte schließen wollten. Das gelang
ihnen trefflich, und ward ein großer heimlicher Bund,
zu dem traten auch viele von ritterlichem Geschlecht,
denn die Vögte waren auch ihnen aufsässig, nannten
sie Bauernadel und adelige Kuhmelker. Darauf erkieseten
die Männer des Bundes zwölf aus ihrer Mitte
als ihren Vorstand, die kamen zusammen und tagten
in ihren Sachen auf einer Matte, die man nennt im
Gryttli, an dem Vierwaldstätter See, wie es nun werden
sollte. Da rieten die von Unterwalden, man solle
noch verziehen und zuwarten, weil es schwer wäre, in
aller Schnelle die festen Plätze wie Sarnen und Roßberg
zu gewinnen, und wolle man sie belagern, so gewinne
der Kaiser Zeit, ein Heer zu senden, das sie allzumal
aufreiben werde. Man solle lieber die Schlösser
mit List gewinnen, niemand töten, der sich nicht bewaffnet
widersetze, allen übrigen freien Abzug gewähren
und dann die Festen bis auf den Boden schlei-
fen. Als die Männer so tagten und den großen Bund
beschwuren, da entsprangen der Matte heilige Quellen.
Mittlerweile geschah es, daß ein Mann aus Uri,
Wilhelm Tell geheißen, etliche Male achtlos an
Grißlers Hut vorübergeht und ihm keine Reverenz
macht. Kaum ward das angezeigt, so beschickte ihn
der Vogt, Tell aber sprach: Ich bin ein Bursmann und
vermeint' nit, daß so viel an dem Hut lieg, hab' auch
nit sonder acht darauf gehabt. – Da ergrimmte der
Vogt, schickte nach des Tellen allerliebstem Kind und
sagte: Du bist ja ein Schütz und trägst Geschoß und
Gewaffen mit dir herum, jetzt schieße diesem deinem
Kind einen Apfel vom Kopf. – Dem Tell erschrak das
Herz, und er sprach: Ich schieße nicht, nehmt mein
Leben. – Du schießest, Tell! schrie der Landvogt,
oder ich lasse dein Kind vor deinen Augen und dich
hinterdrein niederstoßen. Da betete der Tell innerlich
zu Gott, daß er seine Hand führe und des liebsten
Kindes Haupt schirme. Und der Knabe stand still und
ruhig und zuckte nicht, und Tell schoß und traf den
Apfel. Da jauchzte das Volk laut auf und umjubelte
den Tell, den meisterlichen Schützen, das verdroß erst
recht den Grißler, und er schrie den Tell an, der noch
einen Pfeil im Koller hatte: Du hast noch einen Pfeil,
Tell, sag an, was hättst du getan, wenn du dein Kind
getroffen? – Tell antwortete: Das ist so Schützen-
brauch, Herr. – Nein, das ist eine Ausrede, Tell! antwortete
der Landvogt. Sag es frei, ich sichere dich
deines Lebens. – Wenn Ihr denn es wissen müßt,
sprach Tell, und meines Lebens mich versichert, so
höret denn, traf ich mein Kind, so hätte dieser Pfeil
Euer wahrlich nicht fehlen sollen. – Ha, du Schalk
und Erzbösewicht! schrie der Landvogt, das Leben
hab' ich dir versichert, aber nicht die Freiheit. Ich will
dich an einen Ort bringen, wo weder Sonne noch
Mond dich bescheinen soll! – Hieß alsobald seinen
Knechten, den Tell zu binden und ihn in sein Schiff
bringen, darin er über den Urner- und den Vierwaldstätter
See fahren wollte, und von Weggis nach
Küßnacht reiten. Da schuf Gott der Herr einen Sturmwind
und ein schrecklich Ungewitter, daß das Wasser
ins Schiff schlug, da sagten die Schiffsleute dem
Landvogt, daß der Tell der beste Schiffslenker sei, der
allein könne sie noch aus der Todesgefahr retten. Darauf
ließ der Landvogt den Tell losbinden, der ruderte
flugs mit starken Armen und brachte das Schifflein
nach dem rechten Ufer, wo das Schwyzer Gelände
sich hinabsenkt, da war ein Vorsprung mit einer Felsenplatte,
auf diese sprang plötzlich der Tell mit seinem
Geschoß und Pfeil, das er rasch ergriff, stieß mit
Gewalt das Schifflein von sich und ließ es durch die
Wellen treiben. Des erschraken der Landvogt und
seine Leute mächtig, Tell aber entfloh eilend auf Pfa-
den, die ihm wohlbekannt waren. Als die im Schiff
bei Laupen kamen, legte sich der Sturm, Grißler ließ
aber dennoch bei Brunnen anlegen, denn er fürchtete
sich nun vor dem Ungestüm der Seen. Tell wandelte
auf Bergpfaden hoch über den Seetälern und sah,
wohin der Landvogt zog, und da fand sich zwischen
dem Arth und Küßnacht eine hohle Gasse, dort harrte
Tell des Vogts, und wie der durch die hohle Gasse dahergeritten
kam, schoß ihn der Tell mit dem aufgesparten
Pfeil vom Rosse herunter, wie ein Jäger eine
wilde Katze vom Baume schießt. Nach solcher Tat