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Wolfgang Feyerabend

Von Alex bis Zoo

Literarische Orte in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Informationen zum Buch

Der Berlin-Kenner Wolfgang Feyerabend legt mit diesem handlichen Band einen literarischen Führer der besonderen Art vor. Von A wie Alexanderplatz bis Z wie Zoologischer Garten lässt er Straßen, Plätze und Häuser Revue passieren, die Eingang in Romane und Erzählungen, Feuilletons, Briefe und Lebenserinnerungen gefunden haben.

Vorgestellt werden rund 100 Orte und Texte, die den Bogen spannen von E. T. A. Hoffmann und Bettina von Arnim über Theodor Fontane und Alfred Döblin bis zu Christa Wolf, Sven Regener oder Julia Franck. Alle Autoren kommen im Zitat zu Wort, biographische und stadtgeschicht liche Zusammenhänge werden anschaulich erläutert.

Zwei Stadtpläne, Hinweise zu S- und U-Bahnverbindungen sowie Einkehr- und Besichtigungstipps machen das Buch zum praktischen Begleiter für Literaturliebhaber und Berlinreisende.

Informationen zum Autor

Wolfgang Feyerabend, geb. 1951, arbeitete als Lektor, Literaturkritiker und Hörspielautor. 1995 gründete er die ›Berliner Autoren Führungen‹ und lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin.

Impressum

Umschlaggestaltung: Peter Lohse, Heppenheim
Alle Abbildungen © Wolfgang Feyerabend
Stadtplan: © Peter Palm, Berlin

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Menü

Inhalt

„Bald war ich zu Hause in Berlin“ – Eine literarische Topographie

Von Alexanderplatz bis Zoologischer Garten

Autoren- und Quellenverzeichnis

Personenregister

Ortsregister

„Bald war ich zu Hause in Berlin“ –
Eine literarische Topographie

Kaum ein anderer Ort in Deutschland ist so oft zum Gegenstand literarischer Darstellung erhoben worden wie Berlin. Waren es im 18. Jahrhundert zumeist Briefe, Tagebücher und publizistische Arbeiten, die von dem erwachenden Interesse zeugen, wurde die preußische Hauptstadt in der Epoche der Romantik allmählich auch zum Schauplatz des Erzählens, so etwa in E. T. A. Hoffmanns Geschichten „Das öde Haus“ oder „Des Vetters Eckfenster“. Der erste Berlin-Roman von Belang entstand demgegenüber erst spät, Mitte der 1850er Jahre. Es war „Die Chronik der Sperlingsgasse“, mit der der 26-jährige Wilhelm Raabe sein Debüt gab und zum Shootingstar avancierte. Die Resonanz des Buches beschränkte sich freilich auf den deutschsprachigen Raum.

Der Aufstieg zur Reichshauptstadt rückte Berlin nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern, durch das Schaffen Theodor Fontanes, auch literarisch ins Zentrum Europas. Fast scheint es, als habe jedoch der übergroße Schatten, den sein Werk warf, die nachfolgende Autorengeneration zögern lassen, sich der Kapitale aufs Neue als Erzählhintergrund zu versichern. Heinrich Manns 1900 veröffentlichter Roman „Im Schlaraffenland“ oder Georg Hermanns 1906 erschienener Roman „Jettchen Gebert“ steht als Ausnahme von der Regel. Längst auch waren die Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen verflogen. Heinrich Mann blieb wenig mehr, als den Hauptstadtparvenüs den Zerrspiegel der Satire vorzuhalten, und Georg Hermann entführte seine Leser bezeichnenderweise aus dem wilhelminischen Berlin in das des Biedermeier.

Der enorme Fortschritt in Wissenschaft und Technik, die inzwischen alle Bereiche erfassende Industrialisierung oder der rasante Umbau der Stadt zu einem hochmodernen Gemeinwesen fand, gleichermaßen als Chance und Bedrohung ausgemacht, vor allem in den Gedichten der Jugend Widerhall. Ein Lebensgefühl, das der russische Dichter Boris Pasternak, der 1906 als 17-Jähriger gemeinsam mit den Eltern auf seiner ersten Auslandsreise nach Berlin gekommen war, noch einmal im Abstand eines halben Jahrhunderts beschwor:

Alles war ungewöhnlich, alles ging anders vor sich. Als lebtest du nicht, sondern wärst in einem Traum, nähmst an einer erdachten, für niemanden verbindlichen Theatervorstellung teil. Niemanden kennst du, niemand hat dir zu befehlen. Eine lange Reihe aufschlagender und zuschlagender Türen die ganze Wand der Waggons entlang, zu jedem Abteil eine eigene. Vier Schienenwege über eine Ring-Estakade, die über den Straßen ragt, den Kanälen, den Rennställen und Hinterhöfen der Riesenstadt. Sich nachjagende, einholende, nebeneinanderlaufende und sich trennende Züge. Die sich verdoppelnden, kreuzenden, schneidenden Lichter der Straßen unter den Brücken, die Lichter der ersten und zweiten Etagen in der Höhe der Hocheisenbahnen, die mit bunten Lämpchen illuminierten Automaten der Bahnhofsbüfetts, die Zigarren, Süßigkeiten, Zuckermandeln auswarfen. Bald war ich zu Hause in Berlin, trieb mich in seinen zahllosen Straßen und grenzenlosen Parks herum, sprach deutsch, das Berliner Idiom nachahmend, atmete das Gemisch von Lokomotivendampf, Leuchtgas und Bierschaum, hörte Wagner.

Die Abdankung des Kaisers 1918, die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie und der damit verbundene Wegfall der Zensur verhalfen in den 1920er Jahren der Presselandschaft zu ungeahnter Blüte. Feuilletons und Reportagen spürten den Stimmungen der jungen Republik nach. Namen wie Joseph Roth oder Egon Erwin Kisch prägten sich ein. Mit Franz Hessel wurde der literarische Flaneur zum Begriff. Doch der moderne Großstadtroman ließ auf sich warten. Noch mussten der Alptraum des Ersten Weltkriegs und eine gescheiterte Revolution bewältigt werden.

Mit Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ war es dann soweit. Das Buch erschien 1929 und wurde nicht nur ein Welterfolg, sondern gilt bis heute als der Berlin-Roman schlechthin. 1931 folgten „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ von Gabriele Tergit und „Fabian“ von Erich Kästner. Das Jahr 1932 brachte gleich drei signifikante und ebenfalls wieder in der Hauptstadt spielende Werke hervor: „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun, „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada und „Herrn Brechers Fiasko“ von Martin Kessel.

Dieser zum Jahresende auf den Markt gebrachte Roman geriet indes, noch bevor er überhaupt Wirkung zeitigen konnte, schon in die Mühlen der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Die braunen Machthaber ließen alles, was ihnen als „Asphaltliteratur“ galt, lauthals verbieten oder stillschweigend in der Versenkung verschwinden. Die maßgeblichen Bücher, auch jene die Berlin zum Hintergrund haben, entstanden fortan im Exil, darunter Döblins „Pardon wird nicht gegeben“ oder Klaus Manns „Mephisto“.

Zu den wenigen Romanen von Rang, die unter dem NS-Regime das Licht der Öffentlichkeit erblickten, zählt Jochen Kleppers „Der Vater“. Ein auf den ersten Blick unverfängliches Buch, das in die Epoche Friedrich Wilhelms I., des „Soldatenkönigs“ führt, aber eben das Bild eines sich immer wieder vor Gott verantwortenden und religiös toleranten Herrschers zeichnet. Der überraschende Erfolg, sogar beim deutschnationalen Publikum, ließ an höchster Stelle die Alarmglocken schrillen. Der Autor, der außerdem mit einer Jüdin verheiratet war, wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, womit ihm jede Möglichkeit genommen war, sich weiterhin literarisch zu betätigen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur lag Berlin wie die meisten deutschen Großstädte in Trümmern, sah sich aber darüber hinaus in drei Westsektoren und einen Ostsektor geteilt. Nicht aus der Rumpfstadt, sondern aus Hamburg, Köln und München, kamen denn auch jene Erzählwerke, die dem Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit eine literarische Stimme gaben und sich mit Namen wie Wolfgang Borchert, Heinrich Böll oder Wolfgang Koeppen verbinden.

Der Mauerbau von 1961, später die Studentenrevolte lenkten die Aufmerksamkeit wieder auf Berlin. Die Erzählungen „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf und „Zwei Ansichten“ von Uwe Johnson erschienen. 1969 kam der Roman „Örtlich betäubt heraus“, in dem sich Günter Grass nach der „Danziger Trilogie“ erstmals in seiner Epik einem aktuellen Thema und Westberlin als vorrangigem Schauplatz zuwandte. Bereits ein Jahr zuvor hatte Günter de Bruyn den in Ostberlin spielenden Roman „Buridans Esel“ veröffentlicht. Ab den 1970er Jahren nahm die Zahl der Erzählwerke stetig zu, die das Leben in der einen oder anderen Stadthälfte oder die Teilung selbst reflektierten.

Mauerfall und Wiedervereinigung sowie der schwierige Prozess des Zusammenwachsens, der hier, anders als in der ost- und westdeutschen Provinz, hautnah zu erleben war und noch zu erleben ist, gestalteten sich auch für die Literatur zur Herausforderung. Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Von Julia Franck über Reinhard Jirgl bis hin zu Ulrich Peltzer liegen inzwischen viel beachtete Romane vor.

Der vorliegende Band versteht sich als Wegweiser durch die literarische Topographie der Stadt. In alphabetischer Reihenfolge werden Straßen, Plätze, Viertel und Baulichkeiten vorgestellt, die seit dem 18. Jahrhundert bis heute Eingang in Romane und Erzählungen, Essays und Feuilletons, Reiseberichte und -briefe, Tagebücher und Lebenserinnerungen gefunden haben. Autorinnen und Autoren des In- und Auslandes, namhafte wie vergessene, kommen in ausgewählten Texten zu Wort. Nicht alle bewahrten sich ein so freundliches Andenken wie Boris Pasternak. Einige schieden enttäuscht, verbittert, im Zorn. Zeit und Umstände gestatteten nichts anderes. Kalt gelassen indes hat Berlin nur wenige.

Von Alexanderplatz
bis Zoologischer Garten

Ackerstraße

Rosenthaler Vorstadt (Mitte)

U-Bhf. Rosenthaler Platz (U8)

Image Einkehrtipp: Pizzeria Ristorante Papà Pane di Sorrento, Ackerstraße 23

Acker-, Berg- und Brunnenstraße entstanden im Zuge einer Kolonistensiedlung, die König Friedrich II. ab 1753 für Handwerker aus dem Voigtland anlegen ließ. Diese für den Ausbau der Residenzstadt angeworbenen Fachleute pflegten winters in ihre Heimat zurückzukehren, womit der an sie ausgezahlte Lohn regelmäßig dem Wirtschaftskreislauf in Preußen entzogen wurde. Abhilfe sollte ihre dauerhafte Ansiedlung schaffen. Anfangs Neu-Voigtland genannt, erhielt das Viertel später den Namen Rosenthaler Vorstadt. Seit Ende des 18. Jahrhunderts zeichnete sich indes eine Entwicklung ab, die das zuvor hoch subventionierte Quartier vor dem Hamburger und Rosenthaler Tor zusehends zu einer Gegend der Stadtarmut machte.

Mit Eltern und Geschwistern verschlug es Erwin Geschonneck 1908 aus dem ostpreußischen Bartenstein hierher. In der Ackerstraße 6/7 wuchs er auf und erinnert sich in seinem Buch „Meine unruhigen Jahre“:

Das Stettiner Karree, die Umgebung des damaligen Stettiner Bahnhofs, die Invalidenstraße und auch die Ackerstraße waren in den zwanziger Jahren Brutstätten der Prostitution. Der billigste Strich war hier zu Hause. Das Gebäude in der Ackerstraße, in dem wir wohnten, besaß sieben Aufgänge mit drei Höfen. Im vierten Quergebäude befanden sich die „Borussia-Festsäle“. Diese Festsäle in unserem Haus spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle in meinen Kindheitsfreuden […]

Unter unserer Wohnung in der Ackerstraße wohnte ein Ehepaar, und die Frau ging auf den Strich. Wir Kinder zählten immer die Herren und passten auf, wie lange sie sich bei der Dame des Hauses aufhielten. Einmal gab es einen furchtbaren Krach. Sie hatte einen Mann sehr lange bei sich. Der Ehemann kam nach Hause, und wahrscheinlich aus Eifersucht ging er mit der Axt auf den Liebhaber los. Er schlug vor der Wohnungstür auf ihn ein. Noch Monate danach sah man einen großen Blutfleck an der Wand im Treppenflur.

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Hinterhof Ackerstraße 6/7

Der Sohn eines Flickschusters sammelte Ende der 1920er Jahre erste Erfahrungen als Schauspieler in Agitprop-Gruppen und trat 1931 in einer Szene des Arbeiterfilms „Kuhle Wampe“ erstmals vor die Kamera. 1933 emigrierte er in die Sowjetunion, nach Polen und zuletzt in die Tschechoslowakei. Dort wurde er beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht verhaftet und in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme verschleppt. Beim Untergang der „Cap Arkona“, mit der noch in den letzten Kriegstagen tausende von Häftlingen verlegt werden sollten, um ihre Befreiung durch die heranrückenden Alliierten zu verhindern, gehörte er zu den wenigen Überlebenden. Nach dem Krieg spielte er unter Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen und wechselte 1949 an Brechts Berliner Ensemble. Aber nicht als Theater-, sondern als Film- und Fernsehschauspieler wurde er in der DDR ein Star. Zu den künstlerisch anspruchsvollsten Streifen, in denen er mitwirkte, zählen „Nackt unter Wölfen“, „Karbid und Sauerampfer“ und „Jakob der Lügner“ – der einzige DEFA-Film übrigens, der eine Oscar-Nominierung erhielt. Erwin Geschonneck starb im März 2008, wenige Monate nach seinem 101. Geburtstag.

Alexanderplatz

Königstadt (Mitte)

S- und U-Bhf. Alexanderplatz (S3, S5, S7, S75/U2, U5, U8)

Image Besichtigungstipp: Berliner Fernsehturm, Panoramastraße 1

Image Einkehrtipp: Bar und Restaurant, ebd.

Einst vor den Toren der Stadt gelegen und Ochsenmarkt genannt, erhielt der Alexanderplatz 1805 anlässlich des Besuches von Zar Alexander I. seinen heutigen Namen. Mit dem Bau der Stadtbahntrasse, der Inbetriebnahme des Straßenbahnnetzes und der Eröffnung der U-Bahn entwickelte sich das ehemalige Vorstadtareal im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Verkehrs-, Geschäfts- und Vergnügungszentrum des Berliner Ostens. Weltbekannt wurde der „Alex“, wie er bei den Berlinern kurz und bündig heißt, durch Alfred Döblins Romanepos „Berlin Alexanderplatz“.

Wir schreiben das Jahr 1929. Franz Biberkopf, Held des Romans, ist erst vor einigen Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen Totschlags eine 4-jährige Haftstraße abgesessen hat. Regelmäßig muss er sich nun auf dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz melden. Ausgerechnet, befinden sich doch hier und in den umliegenden Straßen all jene Lokale, die er fortan besser meiden sollte.

Die Alexanderquelle ist dickvoll, es ist Freitag, wer Lohn hat, geht mal einen heben, Musik, Radio, am Ausschank vorbei schieben sich die Bullen, der junge Kommissar spricht mit einem Herrn, die Kapelle hört auf: Aushebung, Kriminalpolizei, alles kommt mit zum Präsidium. Sie sitzen um die Tische, lachen und lassen sich nicht stören, sie schwatzen weiter. Ein Mädel schreit und weint zwischen zwei andern im Gang: Ick bin doch da abgemeldet, und die hat mir noch nich gemeldet, na dann bleibste eben ne Nacht da, was ist denn dabei, ich geh nicht mit, ich lass mir von keinen Grünen anfassen, bloß kein Blaukoller, Sie, davon ist noch keiner gesund geworden. Lassen Sie mir doch raus, wat heißt hier raus, wenn Sie dran sind, können Sie raus, der Wagen ist eben erst weg, dann könnt ihr mehr Wagen einstellen, zerbrechen Sie sich bloß nicht unsern Kopf. Ober, eine Pulle Sekt zum Beenewaschen.

Der vorbestrafte Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf hat sich und der Welt geschworen, anständig zu bleiben. So lange er noch etwas Geld besitzt, geht auch alles gut. Aber eine ordentliche Arbeit, von der er leben kann, ist nicht zu finden. Zwangsläufig landet er im alten Milieu.

Mit der Wahl des Alexanderplatzes und benachbarter Viertel als Schauplatz seines Buches befand sich Döblin auf vertrautem Grund und Boden. Hier war er aufgewachsen. Hier hatte er die Gemeindeschule besucht. Und hier praktizierte er später als Kassenarzt.

Der 1929 erschienene Roman, in dem er sich ganz neuer literarischer Mittel wie des inneren Monologs, des Bewusstseinstroms oder der dem Film entlehnten Montagetechnik bediente, wurde ein Bestseller und schon bald in alle großen Sprachen übersetzt. Zwei Jahre später verfilmte Piel Jutzi den Stoff mit Heinrich George in der Hauptrolle. An Originalschauplätzen gedreht, stellt der Streifen heute ein einzigartiges Dokument dar. Denn nach der kompletten Umgestaltung des Platzes zu DDR-Zeiten erinnern nur noch die von Peter Behrens 1930/31 errichteten Gebäude des Alexander- und des Berolinahauses an die städtebauliche Situation vor dem Krieg.

Unmittelbar nach dem Ende der Naziherrschaft besuchte Döblin noch einmal die Stadt, aus der er als Jude und Linksintellektueller vertrieben worden war. Heimisch wurde er in Berlin nicht mehr.

Alexandrinenstraße

Luisenstadt (Kreuzberg/Mitte)

U-Bhf. Prinzenstraße (U1)

Die Alexandrinenstraße, ursprünglich Feldstraße, wurde 1847 nach Prinzessin Alexandrine, der Tochter von König Friedrich Wilhelm III. und seiner Gemahlin Luise, benannt, nachdem bereits vier Jahre zuvor der nördliche, jenseits der Oranienstraße gelegene Straßenabschnitt diesen Namen erhalten hatte. Vom beschaulichen Vorstadtrevier wandelte sich das Viertel in den Gründerjahren nicht nur zu einem der am dichtesten besiedelten Wohnquartiere Berlins, sondern auch und vor allem zu einem „Stadtteil der Arbeit“.

Auf den Grundstücken Alexandrinenstraße 2/3 wurde 1895/96 nach Plänen von Alfred Messel und Martin Altgeld ein Gewerbehofkomplex im Neorenaissancestil errichtet, der die Stürme der Zeit überdauert hat und inzwischen aufwändig saniert wurde. 1897 begann der 16-jährige Victor Klemperer – er war auf eigenen Wunsch vom Gymnasium abgegangen – eine Lehre als Kaufmann in dem damals hier ansässigen Exportgeschäft Löwenstein & Hecht. In seiner Autobiographie „Curriculum vitae“ erinnert er sich:

Vorderhand füllte mich der neue Beruf vollkommen aus, und ich war beinahe vollkommen glücklich. Die Arbeit, nicht ganz mechanisch und eintönig, aber doch ohne jeden Anspruch an den Geist, machte mir Vergnügen. Und wie gesagt: Ich war auch stolz auf sie. Ich wurde ja nun Kaufmann, ich spürte dies Werden ganz deutlich. Ich trieb mit dem Ausland Handel, ich leistete bezahlte Arbeit – fünfzehn Mark eigenverdientes Geld! –, ich ging nicht mehr am Gängelband der Familie. Gewiß, zehn Stunden waren eine lange Arbeitszeit, und gegen Mittag und gegen Abend ermüdete ich […]

Aber die ersten Monate im Geschäft waren wirkliche Honigmonde. Ein besonderes Vergnügen bereiteten mir die gemeinsamen Frühstückspausen. Unten an der Ecke der Gitschiner Straße lag eine Destille, aus der ich regelmäßig beim Vorbeikommen ein dünnes und kläglich verstimmtes Klavier schrillen hörte. Wenn Karl das Bier für Rudolf und sich von dort holen ging, nahm er auch Bestellungen des Personals an. Die Destille lieferte Wurstbrote, Heringe, Bouletten, Rollmöpse. Oft kamen die Herren vom Kontor ins Lager herüber, man saß auf Kisten, es gab ein allgemeines Gespräch. Bisweilen, wenn ich morgens mit dem Aufstehen getrödelt und nicht mehr ausreichend Zeit zu einer ordentlichen Kaffeemahlzeit gehabt hatte, langte mein mitgebrachtes Frühstück nicht zu, und ich ließ mir von Karl eine zusätzliche Buttersemmel besorgen.

Bald schon empfand der Sohn eines Rabbiners und Cousin des späteren Dirigenten Otto Klemperer jedoch, dass der Kaufmannsberuf ihn schwerlich ausfüllen werde. Er brach die Lehre ab, holte das Abitur nach und studierte Philosophie, Romanistik und Germanistik. 1920 wurde er an den Lehrstuhl für Romanistik der Technischen Universität Dresden berufen. Von den braunen Machthabern aus dem Hochschuldienst entlassen, schrieb er zunächst an seiner „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“ weiter, musste aber auch diese Arbeit einstellen, als Juden der Zugang zu Archiven und Bibliotheken verboten wurde. So begann er mit der Niederschrift seiner Lebenserinnerungen und führte Tagebuch, in dem er die Erfahrungen mit dem alltäglichen Faschismus festhielt.

Victor Klemperer, lange Zeit geschützt durch seine nichtjüdische Ehefrau, die Pianistin Eva Schlemmer, sollte noch 1945 deportiert werden, wozu es durch die Bombardierung Dresdens und das daraufhin ausbrechende Chaos indes nicht mehr kam. Mit „LTI. Notizbuch eines Philologen“ brachte er 1947 eine profunde Sprachanalyse des Dritten Reiches heraus. Aus dem Nachlass erschienen ab 1995 seine Tagebücher, die weltweites Interesse fanden.

Alt-Moabit

Moabit (Tiergarten)

U-Bhf. Turmstraße (U9)

Seinen Namen erhielt der Ort vermutlich von den Hugenotten, die Friedrich Wilhelm I. um 1716 in dem Gebiet zwischen der heutigen Straße Alt-Moabit und der Spree ansiedelte. Das französische Terre de Moab leitet sich von dem biblischen Land ab, in dem die Juden nach dem Auszug aus Ägypten erste Zuflucht fanden. 1861 wurde die im Nordwesten Berlins gelegene Vorstadt eingemeindet und während der Gründerjahre zu einem Arbeiterquartier ausgebaut.

In dem 1932 erschienenen Roman „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada finden hier der Held Johannes Pinneberg und seine Frau Emma, genannt Lämmchen, endlich eine eigene Unterkunft, nachdem sie seit ihrer Ankunft in Berlin beengt bei Pinnebergs Mutter in der Spenerstraße 92 gewohnt hatten. Ihr neues Domizil in der Straße Alt-Moabit liegt praktisch um die Ecke:

Sie gehen die Spenerstraße hinauf, fest ineinander eingehängt, dann nach Alt-Moabit hinein.

„’ne Wohnung“, murmelt er, „’ne richtiggehende Wohnung für uns ganz allein.“

„’ne ganz richtige Wohnung ist es ja nicht“, sagt Lämmchen bittend. „Krieg bloß keinen Schreck.“

„Du kannst einen aber auch foltern!“

Also da liegt ein Kino, und neben dem Kino gehen sie durch einen Torgang und kommen auf einen Hof. Es gibt zwei Arten von Höfen, dies ist die andere, mehr ein Fabrik- und Lagerhof. Eine funzlige Gaslaterne brennt und beleuchtet ein großes Tor, zweiflügelig, wie zu einer Garage. „Möbellager von Karl Puttbreese“ steht daran.

Lämmchen deutet irgendwohin in den dunklen Hof. „Da ist unser Klo“, sagt sie.

„Wo?“ fragt er. „Wo?“

„Da“, sagt sie und zeigt wieder. „Die kleine Tür dahinten.“

„Ich glaube immer, du verklappst mich.“

„Und hier ist unser Aufgang“, sagt Lämmchen und schließt die Garagentür mit dem Namen Puttbreese auf.

„Ach, nee“, sagt Pinneberg.

Es ist ein großer Lagerschuppen, in den sie eintreten, vollgepfropft mit alten Möbeln. Das kümmerliche Licht der kleinen Taschenlampe verliert sich nach oben in einem grauen Sparrengewirr mit Spinnweben.

„Ich hoffe“, sagt Pinneberg atemholend, „dies ist nicht unser Wohn-zimmer.“

„Dies ist Herrn Puttbreeses Lager. Herr Puttbreese ist Tischler und handelt nebenbei mit alten Möbeln“, erklärt Lämmchen. „Paß auf, ich zeige dir alles. Siehst du, da hinten, die schwarze Wand, sie reicht nicht bis zur Decke, da müssen wir oben rauf.“

„So“, sagt er.

„Das ist nämlich das Kino, du hast doch das Kino gesehen?“

Von der Wohnung ist durch den nachträglichen Einbau des Kinos im Haus nur eine Art Verschlag übrig geblieben, zu dem statt einer Treppe, eine Leiter hinaufführt. Baupolizeilich gesperrt, vermietet der schlitzohrige Puttbreese die Behausung denn auch nur unter der Hand. Immerhin für stolze vierzig Mark. Gerade einmal zweihundert brutto verdient Pinneberg im Konfektionshaus Mandel. Die Geburt des ersten Kindes steht an. Es reicht hinten und vorne nicht. Und Pinnebergs Job als Verkäufer ist in diesen krisenhaften Zeiten alles andere als sicher.

Die Moabiter Gegend kannte Fallada aus eigener Anschauung. Nachdem er von Ernst Rowohlt eine Anstellung in dessen Verlag angeboten bekommen hatte, zog er 1930 mit seiner Frau Anna, die, wie Lämmchen, ein Kind erwartete, aus Neumünster nach Berlin und kam in zwei Zimmern der Calvinstraße 15a unter.

Mit dem psychologisch stimmigen und atmosphärisch dichten Roman über das Schicksal eines kleinen Mannes in der Weimarer Republik fand der 39-Jährige internationale Beachtung und rechtfertigte damit das in ihn gesetzte Vertrauen des Verlegers, das keineswegs als selbstverständlich gelten konnte. Zwar hatte er bei Rowohlt mit dem Roman „Der junge Goedeschal“ sein literarisches Debüt gegeben, aber das war lange her. Inzwischen lagen Jahre des Alkohol- und Drogenmissbrauchs, der Entziehungskuren sowie zwei Haftstrafen wegen Unterschlagung hinter ihm.

Endlich schien sein Leben in Ordnung gekommen zu sein. Doch die Zeiten waren nicht danach. Im April 1933 wurde der politisch Sorglose denunziert und mehrere Tage inhaftiert. Ende des Jahres verließ er den Dunstkreis Berlins und übersiedelte mit der Familie in das mecklenburgische Dorf Carwitz, wo er ein Haus erworben hatte. Hier entstanden die Romane „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ und „Wolf unter Wölfen“. Zermürbt von den Presseattacken auf ihn und seine Bücher, begann er wieder zu trinken. Finanziell suchte er sich mit Unterhaltungsromanen über Wasser zu halten. Daneben schrieb er seine Erinnerungen nieder und verfasste mehrere Kinderbücher. Erst nach dem Krieg brachte er sich mit dem Roman „Jeder stirbt für sich allein“ noch einmal als großer zeitkritischer Erzähler in Erinnerung.

Anhalter Bahnhof

Askanischer Platz

Kreuzberg

S-Bhf. Anhalter Bahnhof (S1, S2, S3)

Image Einkehrtipp: Stadtklause, Bernburger Straße 35

Nur noch der stehen gebliebene Portikus erinnert heute an den im Zweiten Weltkrieg zerstörten und in den 1960er Jahren abgerissenen Fernbahnhof, der nach Plänen von Franz Heinrich Schwechten erbaut und 1880 eingeweiht worden war. Die 170 m lange und 60 m breite Bahnsteighalle verfügte weltweit über eine der größten Spannweiten. Als Konstrukteur hatte der nachmals als Schriftsteller bekannt gewordene Heinrich Seidel verantwortlich gezeichnet. Vom Anhalter Bahnhof fuhren Züge in den Süden Deutschlands und nach Südeuropa.

1911 kam der 20-jährige Schauspieler Fritz Kortner hier an und machte sofort Bekanntschaft mit der Berliner Schlagfertigkeit, an die er in seinen 1959 erschienenen Lebenserinnerungen „Aller Tage Abend“ eine Betrachtung knüpfte:

Bei der Gepäckaufbewahrung mußte ich warten, denn der Streit zweier Berliner hemmte den Ablauf. Sie zankten darum, wer von beiden eher dran war. Der eine war ein lauter Kesser mit wattierten Schultern. Der andere hatte das, was man eine Berliner Schnauze nennt. „Geben Sie nicht an wie ‚ne offne Selters“, kam wie nichts aus seinem Mund und dann: „Ick hole Ihn’n die Watte aus’m Anzuch, dann sin Se die längste Zeit Amerikaner gewesen.“ – Das schlug bei mir ein! Ich vernarrte mich lebenslang in eine Mundart, die von Humor, Formulierungskraft strotzte, die durch eine Situation wie der Blitz fuhr, die mit einem Zungenstich Aufgeblähtes aufpiekt, so daß die Blähluft entweicht und der Angegriffene dann wie „bestellt und nich abjeholt“ dasteht. Der Berliner Zungenschlag schnalzt, knallt, schlägt zu und trifft zielsicher alles Großgetue und Kraftmeierische. Wenn der Berliner sagt: „Ick hau dir gegen die Wand, daß du auf der anderen Seite als Relief erscheinst“, so will er den Gegner auf dessen wirkliches Maß reduzieren, aber gleichzeitig macht er sich über die eigene Kraftprotzerei lustig. Wenn während des Zweiten Weltkrieges der Hitler auf dem Plakat mit seinem drohend vorgereckten Zeigefinger der vorgestreckten Hand, den Betrachter aufspießend, mahnend feierlich fragte: „Und was tust du für dein Land?“ – ein Berliner als Antwort kritzelte: „Ick zittre“, dann gebührt diesem unbekannten Berliner ein Erinnerungsmal wie dem Unbekannten Soldaten.

Fritz Kortner hatte nach der Schauspielausbildung in Wien 1910 ein erstes Engagement in Mannheim angetreten, von wo ihn bereits ein Jahr später Max Reinhardt nach Berlin holte. Der eigentliche künstlerische Durchbruch gelang ihm jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg, als er von Leopold Jessner ans Staatstheater am Gendarmenmarkt verpflichtet wurde und in dessen expressionistischen Inszenierungen brillierte. Zunehmend wirkte er seit dieser Zeit auch in Filmen mit. Schon 1932 verlegte der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis Angefeindete seinen Wohnsitz in die Schweiz. Über verschiedene Stationen emigrierte er später nach England und schließlich in die USA. 1947 kehrte er nach Deutschland zurück und avancierte mit Inszenierungen an den Münchener Kammerspielen oder dem Berliner Schiller-Theater zu einem der bedeutendsten Theaterregisseure der Nachkriegszeit.

Dem Anhalter Bahnhof hat sich auch Julia Franck gewidmet. In ihrem Roman „Die Mittagsfrau“ entsteigen hier die Heldin und ihre Schwester dem Zug:

Die Einfahrt in die Stadt und bald darauf in den Anhalter Bahnhof entlockte ihnen leise Ausrufe des Staunen. Wer konnte sich Berlin vorstellen, seine Größe, die vielen Passanten, Fahrräder, Droschken und Automobile? Glaubten sich Martha und Helene nach dem Dresdner Bahnhof bestens gewappnet für die Metropole, hielten sie sich nun gegenseitig an kalten und schwitzigen Händen fest. Durch die geöffneten Fenster drang ohrenbetäubender Lärm aus der Bahnhofshalle ins Innere des Zuges. Die Reisenden drängten aus den Abteilen auf den Gang und strebten den Türen zu, von draußen hörte Helene das Pfeifen und Rufen der Gepäckträger, die schon vom Bahnsteig her laut ihre Dienste feilboten. Eine Panik überfiel die Mädchen, sie fürchteten, nicht rechtzeitig aus dem Zug zu gelangen. Martha stolperte beim Aussteigen und verhedderte sich mit ihrem Mantel, so dass sie von der letzten Stufe auf den Bahnsteig halb rutschte, halb fiel. Sie landete auf allen Vieren. Helene musste lachen und schämte sich.

Helene Würsich, die seit ihrer Geburt von der Mutter abgelehnt wird, ist zusammen mit ihrer älteren Schwester von Bautzen aus aufgebrochen, um im Berlin der „goldenen Zwanziger“ ihr Glück zu machen. Tante Fanny, eine wohlhabende jüdische Verwandte, bietet ihnen Logis.

Und zunächst genießt Helene die Freiheiten der Großstadt, lebt ihre Gefühle aus, verliebt sich, ehe der Untergang der Weimarer Republik, der Machtantritt der Nazis und später der Zweite Weltkrieg sie in den Strudel der Ereignisse reißt und ihr Leben von Grund auf verändert.

Julia Franck, in Berlin-Lichtenberg geboren und in Schleswig-Holstein sowie im Westteil der Stadt aufgewachsen, erhielt für ihren inzwischen in mehr als dreißig Sprachen übersetzten Roman 2007 den Preis des Deutschen Buchhandels.

Bahnhof Friedrichstraße

Friedrichstraße/Georgenstraße

Dorotheenstadt (Mitte)

S- und U-Bhf. Friedrichstraße (S1, S2, S3, S5, S7, S25, S75/U6)

Image Einkehrtipp: Ganymed Brasserie, Schiffbauerdamm 5

Für den im Zusammenhang mit dem Bau der Stadtbahntrasse errichteten Bahnhof zeichnete der Architekt Johannes Vollmer verantwortlich; die Planung der Viaduktstrecke lag in den Händen des Ingenieurs Ernst Dircksen. 1882 in Betrieb genommen, wurde der Bahnhof bald Gegenstand der literarischen Darstellung. In Theodor Fontanes Romanen „Mathilde Möhring“ und „Effi Briest“ spielt er ebenso eine Rolle wie in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Auch Lesser Ury, der 1887 nach Berlin kam und die Großstadt in seinen Bildern zum Thema machte, reizte dieses Motiv. Den Maler lässt Franz Joachim Behnisch in seinem Roman „Eislauf. Neunzehn Kapitel aus dem versunkenen Vineta“ am Rande auftreten:

Bahnhof Friedrichstraße. Zwischen Passanten mit Pelerinen und Muffen, Blumenverkäuferinnen im Umschlagtuch, Zylinderhüten, lackroten Gepäckträgermützen und Ballonkappen steht ein Mann im Havelock und betrachtet die Szenerie, als wolle er sie auswendig lernen. Vielleicht tut er das sogar, der Maler Lesser Ury, ein Beschwörer des Augenblicks. Dem Zufall und dem schnellen Vorüber entnimmt er die Droschken mit den hohen zierlichen Rädern und den spiegelnden Dächern. Zwei Züge, die gerade über die Eisenbahnbrücke fahren, der eine in Richtung Erkner, der andere in der Gegenrichtung, hält er für die Zukunft fest. Dem Lokomotivenqualm, der von einer Bö nach unten gedrückt wird, gibt er, ihn verwandelnd, seine Fortsetzung in dem Hutputz einer Dame, läßt ihn als Boa zerfasern. Fräulein mit Kind, ein Träger, ein Paar, der Ladendiener Krumme mit Paketen eilen weit ausschreitend den Fahrkartenschaltern zu, fast im Gleichschritt, automatenhaft. Krumme kennt Herrn Ury, hat ihm schon öfter Wein und Delikatessen geliefert, wenn Lesser zu einem Fest geladen hat in sein Atelier am Nollendorfplatz.

„’n Abend, Herr Professor!“

„Sehn Se mal diese Spiegelungen, diese Bewegungen!“

Bogenlampen, Gaslaternen, Lichter der Pferdebahn, Schneeflocken im Widerschein – immer kleinere leuchtende Kreise. Ury registriert die Brückenwölbung, das runde Bahnhofsdach, Hüte, Gesichter, eine Normaluhr, prüft alles Winklige: Wagen, Fenster, Koffer, Geschäftsauslagen, Pfeiler. Daraus wird er ein fesselndes Spiel der Rundungen und der Quadrate entwerfen.

Franz Joachim Behnisch ist bis heute einer der Unbekannten in der deutschen Literatur. In Berlin geboren und aufgewachsen, begann er 1939 mit dem Studium der Germanistik, das er nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft in München fortsetzte. Beinahe drei Jahrzehnte war er als Gymnasiallehrer im oberpfälzischen Weiden tätig. Nebenher entstand sein literarisches Œuvre, das Romane, Erzählungen, Hörbilder, kurze Prosa und Gedichte umfasst. „Eislauf“ (1983), dessen Erscheinen er nicht mehr erlebte, trägt die Züge eines Schelmenromans und umspannt die Zeit von 1870 bis 1945. Wie schon die beiden anderen Romane „Rummelmusik“ (1966) und „Nicht mehr in Friedenau – eine Vater-Sohn-Beschwörung“ (1982) spielt auch dieses Buch in der Stadt seiner Kindheit, die ihn zeitlebens nicht losließ.

Bahnhof Zoologischer Garten

Hardenbergplatz/Jebenstraße

Charlottenburg

S- und U-Bhf. Zoologischer Garten (S3, S5, S7, S75/U2, U9)

Der 1882 eingeweihte Haltepunkt der Stadtbahn wurde zwei Jahre später zum Fernbahnhof erweitert und rückte in der Folge zum wichtigsten Verkehrsdrehkreuz des Berliner Westens auf. Ab 1902 konnte zusätzlich die U-Bahnstation eröffnet werden. Bedingt durch den Mauerbau erfüllte der Bahnhof Zoo nach 1961 die Funktion des Hauptbahnhofs für Westberlin.

In der wiedervereinigten Stadt beobachtete Jakob Hein an dieser Stelle einheimische und Hamburger Reisende und machte sich, niedergelegt in der „Gebrauchsanweisung für Berlin“, so seine Gedanken:

Einst stand ich auf dem Bahnhof Zoo, wartete auf meinen Zug nach Hamburg, und wie üblich hatte die Bahn uns allen einige zusätzliche Minuten des Wartens geschenkt. Zufällig hatte ich mich vor den Wagenstandsanzeiger hingestellt, also jener Tafel, der man entnehmen kann, an welcher Stelle im kommenden Zug der Speisewagen und wo die Erste Klasse zu finden sein wird. Da solche Tafeln in Deutschland außerordentlich beliebt sind, hatte ich das Gefühl, dass nahezu alle meine zukünftigen Mitreisenden dieser Tafel ihre Aufwartung machten. Mir fiel auf, wie problemlos ich die Bewohner Berlins von denen Hamburgs unterscheiden konnte. Die Hamburger trugen adrette Haarschnitte, durchaus praktische, wenn auch hochwertige und geschmackvoll arrangierte Kleidung und Koffer, die man so auch in das Schaufenster eines Taschenladens hätte stellen können. Die Berliner dagegen hatten wuselige Haare, trugen irgendwelche Kleidung, die sie aus dem Schrank gezerrt hatten, und nicht eine einzige ihrer Taschen wäre noch auf einem Flohmarkt verkaufbar gewesen.

Dieser Reiseführer bietet zwar keinen Wegweiser zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt oder ihren angesagten Vergnügungstempeln und Shopping-Meilen (nicht einmal das Geheimnis, wer die besten Kartoffelbrötchen backt, wird gelüftet), dafür aber erhalten Anfänger und Fortgeschrittene in Sachen Berlin, über den bloßen Augenschein hinaus, eine Vorstellung davon, wie die Metropole klingt, schmeckt, riecht, sich anfühlt – kurzum: tickt.

Jakob Hein, Sohn des Schriftstellers Christoph Hein und der Filmregisseurin Christiane Hein, studierte Medizin und gehört seit 1998 der „Reformbühne Heim & Welt“ an. 2001 erschien sein Debütband „Mein erstes T-Shirt“. Neben Büchern mit Erzählungen und Kurzprosa hat der promovierte Mediziner inzwischen drei Romane vorgelegt, zuletzt „Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand“.

Bebelplatz

Friedrichstadt (Mitte)

U-Bhf. Französische Straße (U6)

Image Einkehrtipp: Operncafé Unter den Linden, Unter den Linden 5

Die Anlage des Platzes geht zurück auf die ehrgeizigen Architekturvorhaben von Friedrich II., der bereits wenige Monate nach seiner Thronbesteigung im Mai 1740 die Arbeiten für das Forum Fridericianum in Angriff nehmen ließ. Die Entwürfe lieferte Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. 1743 wurde als erstes Gebäude das Opernhaus fertig gestellt und vier Jahre später der Grundstein für die Errichtung der katholischen St. Hedwigs-Kirche gelegt. Nach dem Siebenjährigen Krieg, in dem alle Bautätigkeit ruhte, zog sich Friedrich nach Potsdam zurück und verlor weitgehend das Interesse an Berlin als Residenzstadt, so dass die Pläne für die repräsentative Platzanlage nur in abgespeckter Form zur Ausführung kamen. Als letzter Bau entstand 1775–81 die Königliche Bibliothek.