Vorwort von Nora Imlau
Vorbemerkung der Autorinnen
Hier gibt’s Knatsch!
Das Wochenbett und die Bindung
Stillen, Nichtstillen, Beikost
Seit wann müssen Kinder schlafen lernen?
Verwöhnen und Schreienlassen
Nicht geschadet?
Umwälzungen in der Familie
Kinder erwecken unsere Beschützerinstinkte
Unterschiedliche Erwartungen
Der Generationenvertrag
Wie sind die heutigen Großeltern groß geworden?
Die Rolle der Großeltern
Hilfe, Mama ist jetzt Oma!
Die eigene Mutter
Die Schwiegermutter und ihr schlechter Ruf
Die Großmütterhypothese
Wo sind die Väter?
Innerfamiliäre Arbeitsteilung
Mental Load – die Last der Ansprüche an Mütter
Auf wessen Seite steht er eigentlich?
Das Verhältnis zwischen deiner Schwiegermutter und ihrem Sohn
Und die Großväter?
Loslösung von der eigenen Kindheit
Vom Kind zum Erwachsenen
Wie unsere Herkunftsfamilie uns prägt
Können wir unseren Erinnerungen trauen?
Der lange Arm unserer Eltern
Sich selbst gegenüber der größte Empath sein
Warum Veränderung so schwierig ist
Wenn die Verlustangst ins Spiel kommt
Wenn wir etwas falsch verstehen
Wenn der Stress nicht unserer ist
Wenn die Eskalation zu weit fortschreitet
Wenn Wertschätzung fehlt und der innere Kritiker zu laut ist
Wenn wir zu gekränkt sind und verstummen
Wenn es den Großeltern nicht gut geht
Wenn Großeltern nicht lieben können
Dialog suchen, Konflikte meistern
Vorsicht bei Hilfsangeboten aus dem virtuellen Dorf
Die eigenen wunden Punkte kennen
Den Perspektivwechsel wagen
Im Konflikt eine Chance sehen
Stress mildern durch Versachlichung
Das überzeugende Positivbeispiel sein
Ich-Botschaften richtig vermitteln
Aktiv zuhören
Die Jeder-gewinnt-Methode
Zusammenfinden mit externer Hilfe
Epilog
Vergeben heißt nicht Vergessen
Was uns Halt und Kraft geben kann
Dank
Anmerkungen
Glossar
Literatur
Nützliche Links
Auf den ersten Blick könnte man meinen, unsere Elterngeneration hätte es so gut wie keine zuvor: Wir leben hierzulande in Sicherheit und Demokratie, können unsere Familien dank sicherer Verhütungsmittel genau so planen, wie wir uns das vorstellen, stecken nicht mehr in den verkrusteten Rollenmustern früherer Generationen fest und haben auch noch jede Menge technischer Helferlein zur Verfügung – vom Saugroboter bis zur App, die unsere Stillabstände misst. Also alles prima? Leider nein. Tatsächlich erlebe ich bei meinen Vorträgen und Workshops, aber auch im privaten Austausch mit anderen Müttern und Vätern oft, wie emotional belastet viele junge Eltern sind. Wie schwer es ihnen fällt, ihre Rolle zu finden und selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen. Und welch immense Last in diesem Zusammenhang Generationenkonflikte sein können, die mit der Geburt des ersten Kindes plötzlich wie aus dem Nichts aufpoppen und dann einfach nicht mehr verschwinden, weil sich gefühlt ein Reibungspunkt an den nächsten reiht: Erst stillen wir falsch, dann versagen wir bei der Schlaferziehung, dann verhunzen wir den Beikoststart, um schließlich auch noch krachend am Töpfchentraining zu scheitern. Zumindest in den Augen derer, deren Urteil vielen von uns immer noch viel mehr bedeutet, als wir es uns gerne eingestehen: unserer eigenen Eltern und Schwiegereltern, also den Großeltern unserer Kinder.
Wer mitten in einem solchen Konflikt steckt, fühlt sich damit oft sehr allein: mit den vielsagenden Blicken und den unausgesprochenen Vorwürfen, mit den Verletzungen hier wie da und der erdrückenden Sprachlosigkeit darüber, weil das Thema gefühlt ein einziges Minenfeld ist.
Umso dankbarer bin ich, dass meine langjährigen Freundinnen und Autorenkolleginnen Anna Hofer und Karin Bergstermann sich dieses wichtigen Themas angenommen haben und mit diesem Buch ein dringend notwendiges Grundlagenwerk zum Verstehen und Auflösen all jener typischer Generationenkonflikte vorlegen, die Eltern und Großeltern heute typischerweise das Leben schwer machen. Wie viel Erfahrung und Expertise in dieses Buch eingeflossen ist, ist dabei deutlich zu spüren, wobei die beiden unterschiedlichen Schwerpunkte der beiden Autorinnen sich aufs Wunderbarste ergänzen.
So leistet Karin als Stillbegleiterin und Historikerin seit vielen Jahren Pionierarbeit, indem sie auf ihrem Blog »Geschichte der Säuglingspflege« anhand von Zitaten aus historischen Erziehungsratgebern nachzeichnet, wie stark unsere heutigen Ängste und Glaubenssätze mit pädagogischen und medizinischen Überzeugungen aus längst vergangenen Zeiten zusammenhängen und wie diese über die Jahrhunderte entstanden sind. Dabei lässt sich Karin nicht zu oberflächlichen Schlussfolgerungen hinreißen, wie sie in Presse und Sachliteratur immer mal wieder vorgenommen werden: Natürlich ist weder eine einzelne Person noch ein einzelnes Buch daran schuld, dass unsere eigenen Eltern und Großeltern ihre Babys oft schreien gelassen haben. Und unsere Angst vor dem Verwöhnen ist auch nicht allein eine Spätfolge der deutschen NS-Vergangenheit. Stattdessen geht es ihr darum, historische Zitate präzise in die größeren Bezüge einzuordnen: In welchem geistesgeschichtlichen Klima sind diese Lehrmeinungen entstanden, die bis heute nachhaltigen Einfluss auf unsere moderne Idee von Erziehung haben? Und warum konnten sie sich so hartnäckig halten? Diesen fachkundigen Blick bringt sie nun auch in dieses Buch ein und zeigt anhand von Originalzitaten aus älteren wie neueren Erziehungsratgebern so beeindruckend wie einleuchtend auf, welche Geisteshaltungen hinter dem für uns oft unverständlichen Denken und Handeln unserer eigenen Eltern- und Großelterngeneration stecken. So eröffnet sie nicht nur den Raum für ein viel tiefer gehendes Verständnis von Erziehung und Säuglingspflege im Wandel der Zeiten – sondern auch die Tür für einen Dialog zwischen den Generationen, der nicht von Frust und Vorwürfen, sondern von gegenseitigem Verständnis geprägt wird.
Genau diesen Dialog achtsam zu begleiten und die unterschwellig wirkenden Beziehungsdynamiken im Familiensystem begreifbar zu machen ist seit vielen Jahren nicht nur der Beruf, sondern auch die Berufung von Anna Hofer. Als Stillbegleiterin und psychologische Beraterin hat sie in ihrer eigenen Praxis bereits zahllose Eltern auf genau diesem Weg begleitet, und auch ihre Erfahrung und ihr immenses Fachwissen stecken in jedem Kapitel dieses Buches. Wertschätzend und klar leuchtet Anna aus, welche Bindungs- und Beziehungsbedürfnisse alle Kinder haben und warum es uns auch als Erwachsene, die bereits selbst Kinder haben, oft so schwer fällt, uns vom ewigen Streben nach Anerkennung zu lösen. Wir erfahren, wie die Erziehung, die wir selbst erfahren haben, uns bis heute bewusst wie unterbewusst prägt und dass es ganz normal ist, als Mutter oder Vater die eigene Kindheit plötzlich in einem ganz anderen Licht zu sehen als vor der Geburt unseres ersten Kindes. So können wir uns beim Lesen ganz behutsam jenem Schmerz nähern, der letztlich hinter fast allen Generationenkonflikten steckt: die tiefe Angst aller am Konflikt Beteiligten, nicht gut genug und nicht bedingungslos geliebt zu sein. So fachkundig wie feinfühlig zeigt Anna mögliche Wege aus diesem Schmerz, die Vergebung beinhalten können, aber nicht müssen. So können erwachsene Kinder wie auch frisch gebackene Großeltern lernen, sich in gesundem Maße voneinander zu lösen, ihre persönlichen Grenzen zu wahren und sich als die Erwachsenen zu begegnen, die sie heute sind.
Unsere Elterngeneration mag es nicht immer leicht haben. Aber jetzt hat sie es ein bisschen leichter, weil es dieses Buch gibt.
Viel Freude beim Lesen wünscht
Nora Imlau
Wir sprechen in diesem Buch fast durchgängig von der traditionellen Vater-Mutter-Kind(er)-Familie. Bei den Konflikten sprechen wir in erster Linie von denen zwischen Müttern und Großmüttern. Aber was ist mit den Vätern und Großvätern? Was ist mit gleichgeschlechtlichen Paaren? Was ist mit nicht binären Eltern?
Laut Statistischem Bundesamt waren 2019 unter den 8 189 000 Haushalten mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren 5 718 000 gemischtgeschlechtliche Ehepaare, 5 000 gleichgeschlechtliche Ehepaare, 935 000 gemischtgeschlechtliche unverheiratete Paare, 7 000 gleichgeschlechtliche unverheiratete Paare, 185 000 alleinerziehende Väter, 1 339 000 alleinerziehende Mütter. Nach nicht binären Eltern fragt die Statistik noch nicht.
Es scheint also, als ob wir Autorinnen die Lebensrealität von Tausenden Eltern ignorieren. Eltern, die sich mit noch viel mehr Konflikten und Vorurteilen herumschlagen müssen als nur denen rund um die Erziehung. Wir hoffen jedoch, dass auch diese Eltern genug für sich aus unserem Buch mitnehmen können und überlassen diese Themen lieber Betroffenen. Diese kennen sich besser aus, und wir wollen uns nicht anmaßen, für sie zu sprechen, solange wir zu diesem Thema noch so viel zu lernen haben.
Wir sprechen von »den Schwiegereltern«, unabhängig davon, ob du und dein*e Partner*in verheiratet seid oder nicht. Wir unterscheiden auch nicht zwischen biologischen, Stief- und Adoptiveltern, weil dies keine Rolle in den Konflikten spielt.
Letztlich können alle diese Auseinandersetzungen mit sämtlichen Familienmitgliedern, Freund*innen und auch Außenstehenden wie Ärzt*innen, Hebammen, Erzieher*innen und Lehrer*innen auftreten.
Wir hoffen, dass sich dennoch alle, die Streit mit den Großeltern oder anderen Personen haben, in unserem Buch wiederfinden können. »Mutter vs. Oma« ist da nur ein Beispiel, das wir gewählt haben, weil es auffällig häufig vorkommt. Während wir die geschichtlichen Hintergründe in diesem Buch beleuchten, sehen wir uns ausschließlich mit der heteronormativen Familie konfrontiert, da andere Lebensformen in den gängigen Ratgebern keine Rolle spielten und in der Gesellschaft unterdrückt wurden. Nicht zuletzt basieren die speziellen Probleme von Familien, die außerhalb dieser Norm stehen, genau auf diesem Ignorieren und Verbieten anderer Lebensweisen. Daher denken wir, dass ein Blick auf die Ursprünge auch hier nützlich ist.
Unser Ziel ist es, zwischen den Generationen zu vermitteln und auf zwischenmenschlicher Ebene für bessere Kommunikation zu sorgen. Viele moderne Eltern legen besonders viel Wert auf einen gleichwürdigen und bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern. Wir wünschen uns, dass diese Form des Zusammenlebens auch auf die älteren Generationen und letztlich auf die gesamte Gesellschaft erweitert wird.
Seit dein Kind auf der Welt ist, hast du feststellen müssen, dass du immer wieder mit deinen und anderen Eltern aneinandergerätst, weil dir die Bedürfnisse deines Kindes wichtig sind. Es geht dabei immer um dieselben Themen. In der Säuglingspflege gibt es die drei Säulen Ernährung, Schlaf und Erziehung, die regelmäßig Streitpunkte liefern. Das ist nicht verwunderlich, denn allein in den letzten vierzig Jahren hat es in diesen Bereichen enorme Veränderungen gegeben. Die offiziellen Empfehlungen wurden teilweise komplett auf den Kopf gestellt. Sollten Babys z. B. vor vierzig Jahren noch auf dem Bauch schlafen, so dürfen sie das nun nicht mehr, da wir wissen, dass dies das Risiko des plötzlichen Kindstods (SIDS) erhöht. Dementsprechend werden Babys heute zum Schlafen auf den Rücken gelegt. Wo vor vierzig Jahren das Stillen noch wegen angeblicher Schadstoffe in der Muttermilch verpönt war, wissen wir heute, dass die Schadstoffbelastung so gering ist, dass sie vernachlässigbar ist.
Es geht also häufig um grundsätzliche Gesundheitsthemen, und natürlich liegt allen Familienmitgliedern die Gesundheit des Babys am Herzen.
Wir werden im Verlauf dieses Kapitels noch viele weitere Beispiele aufgreifen. Um zu verstehen, warum der Streit sich in vielen Familien an denselben unterschiedlichen Ansichten entzündet, müssen wir erkennen, woher diese kommen und warum es so schwierig ist, auf sachlicher Ebene zu bleiben. Den Großeltern fällt es schwer, die neuen Erkenntnisse anzunehmen und zu akzeptieren. Uns fällt es schwer, uns nicht über die Ratschläge der Großeltern aufzuregen. An beidem müssen wir arbeiten, wenn wir nicht wollen, dass sich die gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten zu einem permanenten Konflikt ausdehnen.
Das erste Aufeinanderprallen unterschiedlicher Ansichten geschieht meist schon bald nach der Geburt. Denn nun zeigt sich, wie nah die frischgebackenen Großeltern noch am Puls der Zeit sind. Zur selben Zeit zeigt sich, wie realitätsnah die Vorstellungen der Eltern vom Leben mit Baby sind.
In der Schwangerschaft mögen sich die werdenden Eltern und Großeltern in Sachen Säuglingspflege noch einig gewesen sein. Denn wir alle sind von einer Gesellschaft geprägt, in der schon Babys eigene Zimmer haben und Durchschlafen als der Normalzustand angesehen wird. In einer Zeit der Kleinfamilien fehlt häufig die persönliche Erfahrung mit Säuglingen, bevor das erste eigene Kind auf die Welt kommt. Und so stellt das Neugeborene die Vorstellungen der Eltern auf den Kopf, wenn es sich partout nicht ablegen lässt oder das Stillen nicht reibungslos klappt. Die Bilderbuchwelt, mit der wir in Werbung, Film und Fernsehen berieselt werden, trifft auf die Wirklichkeit in Form eines winzigen Menschen, der sehr wohl zu zeigen weiß, was ihm gefällt und was nicht, und dessen Instinkte und Persönlichkeit sich nicht unbedingt mit unseren Vorstellungen decken.
Wir werden noch genauer sehen, wo diese falschen Vorstellungen herkommen, und warum dieser Schnitt zur Realität heute radikaler ausfällt als noch vor dreißig Jahren. Denn das ist ausschlaggebend für die Schwere der Generationenkonflikte. Im Verlauf dieses Kapitels zeigen wir, welches Erbe an Fehlinformationen und Kinderfeindlichkeit wir mit uns herumschleppen, das sich nun beim Thema moderne Säuglingspflege entlädt.
Zur selben Zeit also, während die Eltern sich in ihren neuen Aufgaben zurechtfinden müssen, haben sie sich mit den Großeltern auseinanderzusetzen, die ihnen durch ihre veralteten Ansichten Steine in den Weg legen und sie verunsichern. Dabei ist dies ohnehin eine sehr sensible Zeit. Die Hormone im Wochenbett machen uns verletzlich. Das Erlebnis der Geburt, das so gleich für die Spezies Mensch und doch so individuell unterschiedlich in der persönlichen Erfahrung ist, markiert den Startschuss für die Elternschaft und muss doch selbst erst mal verarbeitet werden. Egal, ob die Geburt nun gut oder schlecht verlaufen ist.
In der Schwangerschaft sehen werdende Eltern häufig die Geburt als das große Ziel und nicht als den Anfang. Sie bereiten sich auf die Geburt vor, aber nicht notwendigerweise auf die Zeit danach. Zumindest nicht in demselben Ausmaß. Als Stillberaterinnen sehen wir das, wenn wir die Info-Stunde über das Stillen in einem Geburtsvorbereitungskurs übernehmen. Wird das Thema der Stunde vorher im Kurs angekündigt, fehlt an dem Termin oft über die Hälfte der Schwangeren – auch wenn sie vorhaben zu stillen.
Es gibt zwar Vorbereitungskurse für die Geburt und auch für die Säuglingspflege, aber nicht für Elternschaft. Es gibt auch ganze Kurse zur Stillvorbereitung. Doch selbst wenn wir uns in der Theorie noch so gut vorbereiten, ist es etwas anderes, sich später in der Praxis zurechtzufinden. So brauchen z. B. auch Stillberaterinnen Hilfe von Kolleginnen, wenn es um das eigene Stillen geht. Wenn man mitten in der Situation steckt, kann es zum einen sein, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, und zum anderen ist man leichter zu verunsichern, sobald es um das eigene Kind geht.
Heutzutage gibt es sogar Vorbereitungskurse für Großeltern. Aber mit Großeltern, die freiwillig schon während der Schwangerschaft einen solchen Kurs besuchen, sind nicht viele Schwierigkeiten zu erwarten. Immerhin zeigen sie schon allein durch die Teilnahme ein Interesse an Fortbildung und ein gewisses Maß an Selbstreflexion.
Und solche Kurse sind notwendig, denn die Zeit hat das praktische Wissen der Großeltern zu grauer Theorie werden lassen. Nicht nur, dass sich vieles geändert hat. Das menschliche Erinnerungsvermögen ist sehr selektiv. Wir behalten die Dinge, die aus welchem Grund auch immer einen großen Eindruck auf uns gemacht haben. Die irgendwie wichtig waren. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne oder einfach nur, weil sie unerwartet waren.
Die Erinnerung verblasst auch mit der Zeit. So mag Oma denken, ihre Kinder seien alle mit einem Jahr trocken gewesen. Das muss aber nicht heißen, dass es wirklich so war. Oder dass sie unter »trocken« dasselbe versteht wie du. Oder wie sie selber damals. Möglicherweise haben ihre Kinder damals mit (etwas über) einem Jahr tagsüber keine Windel mehr getragen. Aber dass sie nachts noch eine hatten oder dass viel danebenging, hat Oma ausgeblendet. Zurück bleiben nur die Behauptung, die Kinder seien trocken gewesen, und die Verwunderung darüber, dass die Enkel in demselben Alter es noch nicht sind.
Was für ein Kind richtig war, muss noch lange nicht für alle Kinder richtig sein. Wenn das eigene Kind mit einem Jahr trocken war, so mag Oma denken, dass es an ihrer Erziehung gelegen hat. Es mag aber einfach nur an ihrem Kind gelegen haben. Mit einem anderen Kind mit anderem Charakter wäre sie vielleicht nicht so früh erfolgreich beim Abgewöhnen der Windel gewesen.
Doch wer denkt während der Schwangerschaft schon daran, solche Themen mit den werdenden Großeltern zu besprechen? Das ist doch alles noch so lange hin! Und überhaupt. Diese Dinge verstehen sich doch von selbst. Was soll da groß besprochen werden? Und was soll sich schon groß geändert haben? Sehr viel, wie wir nun sehen werden.
Das fängt schon direkt nach der Geburt an. Obwohl Rooming-in seit Ende der 90er-Jahre in allen Krankenhäusern Standard ist, sehen viele Großeltern noch einen Vorteil darin, das Baby nachts im Säuglingszimmer abzugeben. 24-Stunden-Rooming-in wurde erst in den 2000ern Standard.
»Bist du erst mal mit dem Baby zu Hause, ist es vorbei mit den ruhigen Nächten.«
Wenig Schlaf und Ruhe zu bekommen ist eine der ersten Assoziationen, die Großeltern beim Gedanken an die Babyzeit haben. Das Bedürfnis nach mehr Schlaf hat sich in ihren Köpfen festgesetzt und so wird jede Gelegenheit zu schlafen als Chance angesehen.
Zudem fehlt den älteren Generationen das Bewusstsein dafür, was die tatsächliche Ursache des Schlafmangels ist. Nämlich nicht, dass wir dem Baby noch nicht beigebracht haben, durchzuschlafen, sondern unsere falsche Erwartungshaltung an den normalen Babyschlaf und die Schlafumgebung, die wir dem Baby bieten.
Die wenigsten von uns haben im Zimmer der Eltern geschlafen. Wenn das Baby allerdings nachts in einem anderen Zimmer liegt und die Eltern aufstehen müssen, wenn es sich meldet, wird ihre Nachtruhe offensichtlich wesentlich mehr gestört, als wenn sie sich nur zum Babybalkon umdrehen müssen.
Babybalkone sind keine neue Erfindung. Anleitungen zu ihrem
Bau sind schon aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt.1
Sie sind nur in Vergessenheit geraten. Auch war es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
üblich, dass mindestens die Stillkinder
bei den Eltern im Zimmer schliefen. Dafür dienten die Wiegen.
Wir vergessen sehr schnell, wie sich eine Situation anfühlte. Während wir drinstecken, haben wir den Eindruck, dass es niemals enden und sich tief in unser Gedächtnis einbrennen würde. Doch so funktioniert das menschliche Gehirn nicht. Wir behalten nur einen Bruchteil aller Informationen, und die, die wir uns merken, bekommen mit der Zeit einen Schleier. Der Fokus verschiebt sich und wir (ver)formen unsere Erinnerungen im Nachhinein.
Schlafmangel ist ein Folterinstrument. Zu wenig Schlaf zu bekommen ist eine enorme Belastung für den gesamten Organismus. Und so ist die Aufforderung der frischgebackenen Großeltern, dass die Mutter die Chance zum Schlafen wahrnehmen solle, doch vor allem der Sorge um die Mutter geschuldet.
Vergiss nicht, dass du ihr Kind bist. Deine Eltern haben eine größere Bindung zu dir und ein größeres Verantwortungsgefühl dir gegenüber als zu deinem Baby. Was du als herzlos gegenüber deinem Baby empfinden magst, kommt aus einem Herzen, das für dich schlägt.
Du magst dich fragen: »Wie kann ich Ruhe haben, wenn ich mein Baby nicht bei mir habe?« Und Studien zeigen in der Tat, dass Mütter, die ihre Babys in ihrer Nähe haben, besser schlafen als diejenigen, die ihr Baby im Säuglingszimmer abgeben. Doch das wissen die Großeltern nicht. Die Neugeborenenphase ist zwar eine sehr sensible und wichtige Zeit für das Kennenlernen, aber sie ist auch sehr kurz im Vergleich zur übrigen Kindheit. Die lange Belastung durch Schlafmangel setzt sich nachhaltiger im Gedächtnis fest als der Wunsch nach Nähe zum neuen Baby.
Eine Mutter, die ihr Baby nicht abgeben mag, wird häufig als Glucke belächelt. Unsere Eltern erinnern sich, wie es war, das Baby nicht hergeben zu wollen. Aber sie mussten damals lernen oder akzeptieren, dass sie ihr Baby abzugeben hatten. Für sie ist es klar wie Kloßbrühe, dass auch du das lernen musst. Jede*r muss das. Das gehört dazu.
Es war für die meisten Eltern früher nahezu undenkbar, sich nicht in die vorherrschenden Strukturen einzufügen. Die 68er-Bewegung hat zwar einiges auf den Kopf gestellt und wir verdanken ihr sehr viel. Doch sie war eine verhältnismäßig kleine Strömung. Und wenn deine Eltern und Schwiegereltern ihr angehörten, wirst du vielleicht dieses Buch nicht brauchen. Wahrscheinlich aber war mindestens eines der Elternpaare noch in den starren Strukturen der Nachkriegszeit gefangen.
Karin: »Ich wurde 1975 geboren und antiautoritär erzogen. Für mich war Attachment-Parenting (AP, s. Glossar) eine logische Weiterführung davon. Meine Eltern haben mich schon immer meinen eigenen Weg finden lassen und so gab es zwar Gespräche über die Dinge, die ich anders machte, aber nie Unverständnis oder Streit. Den gab es jedoch mit anderen Teilen der Familie sowie Freund*innen und Außenstehenden wie Erzieherinnen im Kindergarten, Kinderärzt*innen und sogar Fremden auf der Straße. Ein AP oder bindungsorientierter (BO) Ansatz (s. Glossar) kann Konflikte mit allen möglichen Mitmenschen auslösen, weil der Umgang mit Kindern uns immer auch in unsere eigene Kindheit versetzt und wir alle Wunden haben, die wir (noch) nicht heilen konnten oder ignorieren. Jede*r will sich in die Erziehung einmischen und meint zu wissen, was gut und richtig ist, weil diese Ratschläge tief in der eigenen Psyche verwurzelt sind und es schwer zu ertragen ist, ein Kind in einer Situation zu sehen, die wir aus unserer Erinnerung zu verdrängen suchen.«
Was uns vor allem von unseren Eltern unterscheidet, ist die Wahlfreiheit. Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen, nicht nur, weil das Kind mehrere Bezugspersonen braucht, sondern auch, weil die Eltern Rückenstärkung und Entlastung brauchen. Wir haben heute die Möglichkeit, unser »Dorf« nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Wir suchen die passende Hebamme, den besten Ort für die Geburt, sympathische Kinderärzt*innen, eine geeignete Spielgruppe, die passende Kindertagesstätte. Rückenstärkung bekommen wir durch eine Vielzahl von AP- und BO-Büchern. Im Internet bilden wir Müttergruppen mit Gleichgesinnten. Dort haben auch alle Verständnis für unseren Ärger mit den Großeltern. Die meisten haben ähnliche Geschichten zu erzählen.
Doch unsere Eltern hatten diese Möglichkeiten meistens nicht. Fortschrittliche Müttergruppen gab es nur in Großstädten. Die Vernetzung unter Müttern steckte noch in den Kinderschuhen. Gerade die 68er haben viele solcher Gruppen auf die Beine gestellt. Dies waren vor allem Krabbelgruppen und Kinderläden, also neue Formen der Kinderbetreuung. Ab 1977 gab es in der BRD Stillgruppen der La Leche Liga und ab 1980 die der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen.
Wohlgemerkt, dies waren die Anfänge. Sie entstanden aus einem Bedarf heraus, sich gegenseitig zu helfen, in einer Gesellschaft, die dies nicht bieten konnte. Die meisten unserer Mütter hatten diese Unterstützung nicht. Die meisten unserer Mütter haben allerdings auch keinen Bedarf dafür gesehen. Sie steckten selbst zu fest in den bestehenden Strukturen. Sich unterzuordnen war für diese Generation selbstverständlich, insbesondere für Frauen. Sie lernten das von klein auf. Sie selber waren im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen. Das Land musste aufgebaut werden. Da blieb weder Zeit noch Energie für die Kinder übrig. Sie hatten sich einzufügen. Eine solche Kindheit prägt nachhaltig.
Doch jetzt ist das Enkelkind da und die frischgebackenen Eltern treffen mit einer Selbstverständlichkeit eigene Entscheidungen, von der die Großeltern nur hätten träumen können. Zu sehen, dass es auch anders geht, kann für sie nun sehr schmerzlich sein. Manche Großeltern möchten es nicht wahrhaben und beharren auf ihren Ansichten aus reinem Selbstschutz. Andere werden traurig über den eigenen Verlust.
Aber selbst unsere feministischen Mütter stellen mit Erstaunen fest, was alles möglich ist. Sie haben Frauen großgezogen, die für sich selbst einstehen. Wie weitreichend die Konsequenzen daraus sind, wird ihnen erst jetzt klar. Sie lernen nun, an welchen Stellen sie selber überall zurückgesteckt haben, ohne dass es ihnen bewusst war. Denn jede nachfolgende Generation kann mehr erreichen als die vorherige. Es ist unmöglich, die Gesellschaft und die Erziehung innerhalb einer Generation zu optimieren. Auch unsere Kinder werden es einmal besser haben als wir. Sie werden Dinge tun und Möglichkeiten haben, die jenseits unserer Vorstellungen liegen. Wir sind alle immer Kinder unserer Zeit und arbeiten mit dem, was uns gegeben wird und was wir als äußere Umstände vorfinden.
Wenn wir den Großeltern dann klargemacht haben, dass wir es nicht einsehen, unser winziges Baby »loszulassen«, begegnen wir einem Vorurteil, das uns noch mehrere Jahre begleiten wird. Ob es darum geht, das Baby noch nicht bei den Großeltern übernachten zu lassen oder das 2-Jährige noch nicht außerfamiliär betreuen zu lassen, weil es noch nicht bereit dafür ist, oder das Kind nicht zu zwingen, bei Ausflügen des Kindergartens mitzumachen. Oder ob es generell darum geht, dem Kind ein Mitspracherecht in seinen Aktivitäten einzuräumen – sofort müssen wir uns gegen Vorwürfe verteidigen, wir würden zu sehr klammern.
Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Aber in der Erziehung gilt der Grundsatz, man könne Kindern Dinge nicht früh genug beibringen. Und die Überzeugung, man müsse sie ihnen überhaupt erst beibringen!
In Wahrheit ist die gesamte Kindheit ein einziger Loslösungsprozess. Dieser geht vom Kind aus und ist für die Spezies Mensch überlebenswichtig.
Eltern, die sich darauf einlassen und dem Kind die Zeit lassen, die es braucht, befriedigen gleichzeitig auch ihr eigenes Bedürfnis nach Nähe zu dem Kind. So können alle gemeinsam wachsen. Denn auch den Eltern fällt die Loslösung leichter, wenn sie graduell erfolgt. Das sprichwörtliche »Hotel Mama« entsteht oft aus Mutter-Kind-Beziehungen, bei denen es zu wenig Nähe gab, nicht zu viel. Die Mütter, die ihren 30-jährigen Söhnen noch die Wäsche waschen und sie am liebsten von vorn bis hinten umsorgen würden, konnten diesen »Kümmertrieb« meist nicht ausleben, als das Kind noch ein Kind war. Nun werden sie getrieben von einem Gefühl der Versäumnis und manchmal auch der Schuld.
Zurückzuführen ist dies auf die Vorstellung, dass eine Bindung zum eigenen Kind zu eng sein könne. Für das Kind zu sorgen sei eine Pflicht. Aber emotionale Nähe aufzubauen sei verwerflich. Das Ganze läuft unter dem Deckmantel der Selbstständigkeit. Das Kind müsse selbstständig werden, sonst könne es sich später im Leben nicht zurechtfinden.
Selbstständigkeit soll dem Kind entweder beigebracht werden, damit es den Eltern weniger Arbeit macht, oder aus der Vorstellung heraus, dass es von allein nichts lernen würde.
Wir wissen heute, dass eine gesunde Bindung und eine Entwicklung im eigenen Tempo die beste Basis für eine stabile psychische Gesundheit sind. Das ist es, was Kinder auf das eigenständige Leben vorbereitet. Doch insbesondere die Kriegskinder und Kriegsenkel haben oft große Probleme, Bindung und Nähe zuzulassen. Gleichzeitig haben sie große Angst davor, ihre Kinder nicht genug auf den Ernst des Lebens vorzubereiten.
Nähe macht verletzlich. Nähe nicht zuzulassen ist ein Schutzmechanismus vor Enttäuschungen und Schmerz. Wer aber als Kind keine gesunde Bindung kennengelernt hat, kann sie auch als Erwachsene*r nicht unbedingt als solche erkennen. Es ist auch schwierig, diesen Menschen zu erklären, was fehlt. Du kannst Farbenblinden Farbe nicht erklären und du kannst Bindungsblinden Bindung nicht erklären.
Die Großelterngeneration konnte oder durfte keine Bindung im bowlbyschen Sinne (s. Glossar) aufbauen. Wenn wir ihnen aber versuchen zu erklären, dass unsere Bindung zu unseren Kindern enger ist, als ihre es war, wird das oft als Vorwurf verstanden, dass sie ihre Kinder nicht geliebt hätten. Liebe und Bindung sind aber nicht dasselbe.
Auch schlecht gebundene Eltern können ihr Kind lieben. Liebe ist ein schwammiger Begriff. Und wie elterliche Liebe auszusehen hat, wurde immer vom Mainstream definiert. Vor allem ist die Vorstellung, Eltern könnten ihre Kinder zu viel lieben, schon uralt. Bedürfnisorientierte Erziehung gab es schon immer, aber sie wurde jahrhundertelang als »Affenliebe«2 diffamiert. Der Begriff taucht schon im 16. Jahrhundert auf, und auch in Erziehungsratgebern der 50er-Jahre findet er sich noch.
Liebe zeigt sich darin, die Kinder nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen. Leider können Wissen und Gewissen uns auch fehlleiten. Das ist so lange in Ordnung, wie wir bereit sind, aus unseren Fehlern zu lernen.
Wir Menschen haben zudem das große Glück, Fehler nicht selber machen zu müssen, um daraus lernen zu können. Wir können auch aus Fehlern lernen, die andere vor uns gemacht haben. Wenn wir uns zusätzlich noch die Mühe machen, zu verstehen, wie diese Fehler entstehen konnten, können wir anfangen, die Umstände zu verändern, die dazu führen könnten, dass auch andere weiterhin dieselben Fehler machen. Aus der Vergangenheit zu lernen hilft nämlich nicht nur bei der Verständigung zwischen den Generationen, sondern dient auch der Prävention.
Es ist den Großeltern kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie glaubten, eine Bindung zum Kind könne zu eng sein. Alles, was sie lernten, deutete darauf hin, dass dies stimmt. Wie schmerzlich muss es sein, jetzt vor Augen geführt zu bekommen, dass sie die Nähe, die sie nach der Geburt spürten, ruhig hätten zulassen können? Dass sie mit den besten Absichten, alles richtig zu machen, nicht nur sich, sondern auch ihr Kind gequält haben?
Oma erinnert sich daran, wie sie selbst fast eine Glucke geworden wäre bei den ganzen Hormonen im Wochenbett. Aus dieser Erfahrung heraus belächelt sie dich. Sie denkt, du wirst es schon auch noch schaffen, den »Kümmertrieb« wieder auf das »richtige« Maß zurückzuschrauben. Da müssen schließlich alle Mütter durch. Denkt sie. Ihr steht ein großer Schock bevor, wenn sie realisiert, dass es auch anders geht. Sei also nachsichtig mit ihr, wenn sie dir wieder einmal vorwirft, dass du nicht loslassen kannst. Dahinter stecken der Schmerz, dass sie loslassen musste, und die Sorge, dass euer Kind es später einmal schwer haben wird.
In den Zeiten vor dem Rooming-in war es tatsächlich so, dass den Müttern bei der Entlassung ihr eigenes Kind erst mal erklärt werden musste. Die Babys wurden den Müttern nur zu bestimmten Zeiten gebracht und durften nicht lange im Zimmer bleiben. Die Routine des Krankenhauses war wichtiger als die Wünsche der Mütter. Das Personal sah es als Vorteil an, das Baby ab dem ersten Tag an einen Rhythmus zu gewöhnen. Die Mutter sollte zudem noch nicht mit dem Kind »belastet« werden. Sie sollte sich »Ruhe« gönnen.
»In den letzten Tagen des Klinikaufenthaltes muß sich die junge Mutter mit den Lebensgewohnheiten ihres Kindes vertraut machen, mit dem Arzt und der Säuglingsschwester die zweckmäßige Nahrungsart und -menge besprechen und sich in die zur Pflege des Kindes notwendigen praktischen Handgriffe einweisen lassen. Geburts- und Entlassungsgewicht sind aufzuschreiben, jede Mutter hat Anspruch zu erfahren, ob ihr Kind nachts durchschläft oder häufig schreit und ob, wenn es geschrien hat, in der Nacht dem Kind Nahrung gereicht wurde.«
Mutter und Kind. Eine Anleitung zur Säuglingspflege. Prof. Dr. Erich Graser, 1959, S. 6.
Im Durchschnitt hielten sich Mütter im Jahr 1980 nach einer Geburt 9,3 Tage im Krankenhaus auf. 1990 waren es noch 6,9 Tage.3 Die meisten von uns haben also mehr als die erste Woche ihres Lebens im Krankenhaus verbracht. Genug Zeit, ein kleines Baby an einen Rhythmus zu gewöhnen und ihm das »Durchschlafen« beizubringen. Viele unserer Eltern haben daher eine falsche Vorstellung davon, wie Babys sich naturgemäß verhalten.
Im Jahr 2000 betrug die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus nach einer Geburt nur noch 5,4 Tage. 2010 waren es 4,3 und 2019 noch 3,6 Tage.4 Wohlgemerkt mit Rooming-in. Dass die meisten Mütter mindestens 3 Tage bleiben, hat aber auch den Grund, dass die U2, die zweite kinderärztliche Untersuchung nach der Geburt, erst nach 72 Stunden durchgeführt werden kann. Zudem ist die Kaiserschnittrate von 15,7 % im Jahr 1990 auf über 30 % im Jahr 2010 gestiegen.
Das erste Geburtshaus Deutschlands wurde 1985 in Gießen eröffnet. 2005 gab es rund 100 Geburtshäuser in Deutschland. Für eine ambulante Geburt, also das Nach-Hause-Gehen wenige Stunden nach der Geburt, was natürlich auch nach einer Klinikgeburt möglich ist, entscheidet sich zwar nur eine Minderheit der Eltern, aber gerade während der Corona-Pandemie stieg die Zahl der ambulanten Geburten an. Die Berliner Zeitung meldet, dass sich ihre Zahl 2020 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat.5
Zudem besinnen sich Eltern immer mehr darauf, dass das Wochenbett eine Zeit des Kennenlernens und des Einfindens in die neue Situation ist. Viele wollen in den ersten Tagen keinen Besuch. Das stößt auf wenig Verständnis bei den Großeltern.
Nach der Geburt sind wir hormonell voll aufs Baby gepolt. Das soll so sein. Das ist gut so. Ob das Wochenbett nun im Krankenhaus beginnt oder zu Hause – wir besinnen uns langsam darauf zurück, dass diese Zeit der neu entstehenden kleinen Familie gehört.
Natürlich ist die Verwandtschaft neugierig aufs Baby. Es ist auch schön, dass sie es willkommen heißen will. Doch obwohl die Großeltern der Mutter noch rieten, sich im Krankenhaus doch auszuruhen, wollen sie nun nicht verstehen, dass Besuch auch Stress bedeuten kann.
Vor rund 200 Jahren sah das Wochenbett so aus, wie wir es uns heute idealerweise wieder vorstellen: Die Mutter ruht sich aus, hat das Baby in ihrer Nähe und wird von anderen »bemuttert«. Das heißt, sie muss sich außer ums Stillen/Füttern und Ausruhen um nichts kümmern. Im Laufe von 100 Jahren wurde dann das Baby zunächst aus dem Bett der Mutter, dann aus ihrem Zimmer verdrängt. Die Verwandtenbesuche, die zuvor dazu dienten, die Mutter zu versorgen und ihr den Haushalt abzunehmen, wandelten sich zu einer Babyschau, bei der die Mutter Gastgeberin spielen sollte.
Auf die Gefühle der jungen Familie wird dann oftmals keine Rücksicht genommen. Und das, obwohl wir Mütter in dieser hochemotionalen und hormongesteuerten Zeit sehr verletzlich sind. Umgekehrt wird aber Rücksicht auf die Gefühle der Großeltern verlangt. Sie sind beleidigt, wenn sie das Baby nicht sofort sehen und bekuscheln dürfen oder wenn ihnen kein Kaffee und Kuchen serviert werden. Sie empfinden es als respektlos, wenn sie ihre eigenen Wünsche hintanstellen sollen.
Das Problem ist, dass die ältere Generation unter Respekt häufig etwas ganz anderes versteht als wir. Sie behauptet, Respekt müsse verdient werden, und Älteren müsse immer Respekt gezollt werden. Das sind Überreste einer hierarchischen Denkweise, in der es innerhalb der Familie eine Rangordnung gibt.
Dieser Aspekt ist besonders wichtig, da er in vielen Konflikten mit älteren Generationen auftaucht.
Was die Großeltern wirklich meinen, wenn sie Respekt fordern, ist, dass wir ihre Autorität anerkennen sollen. Sie fühlen sich in der Hierarchie, in deren Griff sie noch immer feststecken, zurückgesetzt. Degradiert zu werden kratzt am Ego. Wenn der eigene Wert sich darauf begründet, wie viel Macht man hat, dann fühlt man sich machtlos und auch wehrlos, wenn diese Hierarchie sich in Luft auflöst.
Die typische Angstreaktion auf diese als Bedrohung wahrgenommene Situation ist Wut. Als Kind ist es nicht unsere Aufgabe, unseren Eltern dabei zu helfen oder sie gar zu therapieren, sich in eine neue Situation, die hoffentlich ein gleichwertiges Miteinander ist, einzufinden. Ein Verständnis für die Situation unserer Eltern hilft uns aber, diese Wut nicht persönlich zu nehmen.
Gleichzeitig kann man bei frischgebackenen Großeltern oft ein respektloses Verhalten dem Baby gegenüber beobachten. Da wird das Neugeborene herumgereicht wie ein Spielzeug. Und wenn es anfängt zu weinen, wird gelacht und sich an der Lebhaftigkeit erfreut.
Auf uns wirkt das herzlos und verstörend. Babys weinen nicht ohne Grund und diesen Grund gilt es zu beseitigen. Die Großeltern setzen sich dagegen über das Weinen hinweg. Zum einen, weil sie noch immer der Idee des »dummen Vierteljahres« (s. das entsprechende Kapitel unter »Verwöhnen und Schreienlassen«) anhängen und so das Weinen gar nicht ernst nehmen können. Ein solches Verhalten führt direkt in den Adultismus, d. h. in die Diskriminierung von Kindern allein aufgrund ihres Alters.
Zum anderen, weil sie ja wissen, dass sie liebe Großeltern sind, und das Kind das schon noch erkennen wird.
Das (vermeintliche) Wissen der Großeltern zählt also mehr als die Emotionen des Babys. In der westlichen/christlichen Gesellschaft bestand und besteht immer noch eine lange Tradition, Wissen höher zu bewerten als Instinkte, Triebe und Gefühle. Diese galten als etwas Niederes, Animalisches. Und der Mensch als Krone der Schöpfung musste lernen, diese zu unterdrücken. So hatte sich dann nicht nur der erwachsene Mensch der gesellschaftlichen Ordnung und dem aktuellen Wissen unterzuordnen. Eltern mussten auch dem kleinen Kind von Anfang an beibringen, sich dem übergeordneten Willen der Erwachsenen zu beugen. War dieses Beibringen vor rund 200 Jahren noch ein allmählicher Prozess, so begann die Unterordnung vor 100 Jahren am Tag der Geburt. Wir werden in den folgenden Kapiteln noch sehen, wie das passieren konnte.
Das Baby hatte sich also in die bestehende Hausordnung einzufügen. Das sollte seinem eigenen Wohl dienen, da man überzeugt war, dass es gesundheitliche Schäden davontragen würde, wenn ihm keine Ordnung anerzogen würde.
In sich selbst sind diese Erziehungsregeln auch logisch. Wenn ich davon ausgehe, dass Babys Ordnung brauchen, muss ich eben dafür sorgen, dass sie sie bekommen. Die Frage ist nur, wie frühere Elterngenerationen zu der Überzeugung kamen, dass Ordnung gesundheitlich notwendig sei. Aufschluss darüber erhalten wir, wenn wir uns das große Thema Ernährung ansehen.
Wir alle haben schon davon gehört, dass Babys angeblich in bestimmten Abständen gestillt werden sollen, damit sie kein Bauchweh bekommen, oder nur eine bestimmte Zeit lang trinken sollen, damit die Warzen nicht wund werden. Es gibt eine Vielzahl solcher Regeln, die sich schon bei kurzer Betrachtung als unsinnig erweisen. Dennoch halten sie sich sogar bei Fachpersonen wie Hebammen und Ärzt*innen hartnäckig.
Einige dieser Regeln entstanden durch Aberglauben, einige aus Unwissenheit, andere hatten durchaus einmal ihre Berechtigung, aber ergeben in der heutigen Zeit und mit dem heutigen Wissen keinen Sinn mehr. Ihnen allen ist gemeinsam, dass ihre Herkunft in Vergessenheit geriet und nur noch die Regeln selbst ähnlich wie ein Dogma fortlebten. Die Regeln wurden so verinnerlicht, dass sie als »etwas, was man doch weiß« betrachtet wurden. Derartiges »Wissen« wird nur in seltenen Fällen hinterfragt. Und eine Konfrontation mit neuen Erkenntnissen kann hier besonders erschütternd sein.
Das Stillen bietet ein großes Feld für Konflikte, da es zum einen ein sehr emotionales Thema ist und zum anderen die Ernährung einen direkten Einfluss auf Gedeihen und Gesundheit des Kindes hat. Und wer will nicht, dass es dem Baby gut geht? Stillen ist eine höchst persönliche Erfahrung, die einen ein Leben lang begleitet, im Guten wie im Bösen. Ob eine Frau stillen konnte, beeinflusst nicht nur ihre Einstellung zum Stillen, sondern auch zum eigenen Körper und den eigenen Fähigkeiten als Mutter sowie den Fähigkeiten des weiblichen Körpers generell. Wenn das Stillen nicht klappt, trifft uns das mitunter tief.
Prof. Amy Brown beschreibt in ihrem Buch Why Breastfeeding Grief and Trauma Matter (2019, übersetzt etwa Warum Stilltrauer und -trauma relevant sind), dass Frauen, die ihr persönliches Stillziel nicht erreichen konnten, ein erhöhtes Risiko haben, an Depressionen und Angststörungen zu leiden. Häufig geht das Scheitern der Stillbeziehung mit Gefühlen von Trauer, Schuld und Verlust einher. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das Selbstbild dieser Frauen, sondern auch auf die Beziehung zum Kind.
In den 70er- und 80er-Jahren haben nur sehr wenige Frauen erfolgreich gestillt. Das lag fast immer an mangelnder Unterstützung und Fehlinformationen. Meist wurden schon beim Stillstart vom Krankenhauspersonal so drastische Fehler begangen, dass das Stillen gar nicht funktionieren konnte. So wurde das Vertrauen in den eigenen Körper und in die eigene Stillfähigkeit der Mütter nachhaltig gestört.
Wenn also Konflikte rund um das Stillen innerhalb einer Familie aufkommen, ist es ratsam, auf die Kommentare der Großeltern mit Empathie zu reagieren. Meist sind es ernsthafte Sorgen, die sich dahinter verstecken. Oder die eigene negative Erinnerung macht sich bemerkbar.
Frag deine Mutter oder Schwiegermutter doch mal nach ihrer eigenen Stillgeschichte. Hör ihr zu. Stell aufrichtige Fragen, ohne zu urteilen. Misserfolge in der eigenen Stillgeschichte verfolgen Mütter ihr Leben lang.
Als Stillberaterinnen stellen wir häufig fest, dass das Stillen
Frauen ihr Leben lang begleitet. Viele von uns haben
schon Info-Stände für unsere Stillgruppen auf Messen oder ähnlichen Veranstaltungen
betreut. Sehr oft kommen dort
Omas zu uns und erzählen uns ihre eigenen Stillgeschichten.
Da ist immer ein sehr großer Redebedarf spürbar.