Jodi Picoult

DIE SPUREN
MEINER MUTTER

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Elfriede Peschel

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Leaving Time« bei Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Random House LLC, a Penguin Random House Company, New York.

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1. Auflage

© 2015 by Jodi Picoult

© 2016 by C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16348-8
V002

www.cbertelsmann.de

FÜR JOAN COLLISON

Eine wahre Freundin wird dich überallhin begleiten, ob bei Regen, Schnee, Graupel oder Hagel.

PROLOG

JENNA

Früher glaubte man an die Existenz eines Elefantenfriedhofs – eines Orts, den kranke und alte Elefanten aufsuchten, um dort zu sterben. Tiere, die sich von ihren Herden davonstahlen und dann wie die Titanen, von denen wir in der siebten Klasse in griechischer Mythologie gehört haben, durch die staubige Landschaft streiften. Der Legende nach soll dieser Ort in Saudi-Arabien liegen und über eine übernatürliche Kraftquelle verfügen, außerdem soll es dort ein Zauberbuch geben, das uns den Weltfrieden bescheren wird.

Forscher, die sich auf die Suche nach diesem Friedhof machten, folgten todgeweihten Elefanten über Wochen, nur um am Ende festzustellen, dass sie im Kreis herumgeführt worden waren. Einige dieser Reisenden verschwanden komplett von der Bildfläche. Andere konnten sich nicht mehr an das erinnern, was sie gesehen hatten, und kein einziger Forscher, der behauptete, den Friedhof gefunden zu haben, konnte ihn je wieder ausfindig machen.

Und zwar aus folgendem Grund: Der Elefantenfriedhof ist ein Mythos.

Es stimmt allerdings, dass Forscher auf Gruppen von Elefanten gestoßen sind, die nah beieinander verendet sind, viele davon auch in einem kurzen Zeitraum. Meine Mutter Alice hätte gesagt, dass es für eine Massenbegräbnisstätte einen vollkommen logischen Grund gibt: nämlich eine Gruppe von Elefanten, die allesamt aus Mangel an Nahrung oder Wasser starben oder von Elfenbeinjägern abgeschlachtet wurden. Es wäre sogar denkbar, dass die kräftigen Winde in Afrika verteilt umherliegende Knochen auf einen Haufen geweht hatten. Jenna, hätte sie zu mir gesagt, für alles, was du siehst, gibt es eine Erklärung.

Über Elefanten und Tod gibt es Informationen in Hülle und Fülle, die nicht dem Reich der Fabel entstammen, sondern harte, wissenschaftlich belegte Fakten sind. Meine Mutter wäre in der Lage gewesen, mir auch diese darzulegen. Wir hätten nebeneinander unter der gewaltigen Eiche gesessen, in deren Schatten Maura sich so gerne aufhielt, und die Elefanten dabei beobachtet, wie sie die Eicheln mit ihrem Rüssel aufhoben und damit warfen. Und wie ein Wettrichter bei den Olympischen Spielen hätte meine Mutter sie benotet. 8,5 … 7,9. Oh! Eine perfekte 10.

Vielleicht hätte ich zugehört. Aber vielleicht hätte ich auch meine Augen geschlossen. Vielleicht hätte ich versucht, mir den Geruch von Insektenspray auf der Haut meiner Mutter einzuprägen, oder wie sie mir geistesabwesend das Haar flocht und am Ende mit einem grünen Grasstängel zusammenband.

Vielleicht hätte ich mir die ganze Zeit gewünscht, es gäbe tatsächlich einen Elefantenfriedhof, aber nicht nur für Elefanten. Denn dann wäre es mir möglich gewesen, sie zu finden.

ALICE

Mit neun Jahren – bevor ich erwachsen war und Wissenschaftlerin wurde – glaubte ich, alles zu wissen, oder wollte wenigstens alles wissen, wobei es für mich zwischen diesen beiden Dingen keinen Unterschied gab. Meine ganze Leidenschaft galt damals den Tieren. Ich wusste, dass Tiger allein jagten und in einem Revier lebten. Ich wusste, dass Delfine zu den Karnivoren gehörten. Ich wusste, dass Giraffen vier Mägen hatten und die Beinmuskeln einer Heuschrecke tausendmal kräftiger waren als ein ebenso schwerer menschlicher Muskel. Ich wusste, dass Eisbären unter ihrem Pelz eine schwarze Haut und Quallen kein Gehirn hatten. Dieses Wissen hatte ich alles aus den Tierfaktenkarten des monatlich erscheinenden Magazins Time Life, einem Geburtstagsgeschenk meines Vaters. Er war vor einem Jahr bei uns ausgezogen und lebte jetzt in San Francisco mit seinem besten Freund Frank zusammen, den meine Mutter »die andere Frau« nannte, wenn sie glaubte, ich würde nicht zuhören.

Jeden Monat trafen neue Karten mit der Post ein, und eines Tages, im Oktober 1977, kam dann die beste aller Karten: die, in der es um Elefanten ging. Ich kann nicht erklären, warum sie zu meinen Lieblingstieren wurden. Gut möglich, dass mein Schlafzimmer mit seinem grünen Dschungelflauschteppich und den auf der Tapetenbordüre über die Wände tanzenden Cartoondickhäutern dabei eine Rolle spielte. Vielleicht prägte mich aber auch der erste Film, den ich als Kleinkind gesehen habe: Dumbo, der fliegende Elefant. Oder aber auch das aus einem indischen Sari genähte und mit Elefanten bedruckte Seidenfutter im Pelzmantel meiner Mutter, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

Diesen Karten verdanke ich jedenfalls mein Basiswissen über Elefanten. Sie waren die größten Landtiere auf dem Planeten und wogen manchmal mehr als fünf Tonnen. Jeden Tag nahmen sie zwischen hundertvierzig und zweihundert Kilogramm Nahrung zu sich. Ihre Schwangerschaft dauerte länger als bei jedem anderen Landsäugetier: zweiundzwanzig Monate. Sie lebten in matriarchalisch geführten Herden, die von einer Leitkuh, oftmals die älteste Kuh der Gruppe, angeführt wurden. Diese legte jeden Tag fest, wohin die Herde sich bewegte, wann sie Rast einlegte, wo sie Nahrung zu sich nahm und wo sie trank. Die Babys wurden von allen weiblichen Verwandten in der Herde aufgezogen und beschützt und zogen mit ihr. Waren die Bullen jedoch etwa dreizehn Jahre alt, verließen sie die Herde – und zogen dann manchmal lieber allein weiter oder schlossen sich mit anderen männlichen Tieren in einer Bullenherde zusammen.

Das waren die allgemein bekannten Fakten. Doch meine Begeisterung war geweckt, und ich schürfte ein wenig tiefer und schöpfte alle Möglichkeiten aus, die mir die Schulbibliothek, meine Lehrer und Bücher boten. Deshalb könnte ich Ihnen auch erzählen, dass Elefanten einen Sonnenbrand bekommen und sie sich zum Schutz davor Erde auf den Rücken werfen und sich im Schlamm wälzen. Ihr nächster noch lebender Verwandter war der Klippschliefer, ein winziges pelziges Wesen, das wie ein Meerschweinchen aussah. Ich wusste auch, dass, vergleichbar einem Menschenbaby, das am Daumen lutscht, um sich zu beruhigen, ein Elefantenkalb manchmal an seinem Rüssel saugt. Und ich erfuhr, dass 1916 ein Elefant namens Mary in Erwin, Tennessee, wegen Mordes verurteilt und gehängt wurde.

Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass meine Mutter es leid wurde, mich ständig nur von Elefanten reden zu hören. Was womöglich auch der Grund dafür war, warum sie mich eines Samstagmorgens noch vor Sonnenaufgang mit der Aussicht auf ein Abenteuer weckte. In der Gegend von Connecticut, in der wir lebten, gab es keine Zoos, aber im Forest Park Zoo in Springfield, Massachusetts, gab es einen echten, lebendigen Elefanten – und diese Elefantenkuh würden wir besuchen.

Wenn ich sage, dass ich aufgeregt war, wäre das eine Untertreibung. Stundenlang bombardierte ich meine Mutter mit Elefantenwitzen.

Warum sind Elefanten faltig? Sie passen auf kein Bügelbrett.

Warum vergessen Elefanten nie etwas? Hab ich vergessen. Ich bin kein Elefant.

Warum haben Elefanten so große Ohren? Um von ihren langen Nasen abzulenken!

Warum leben Elefanten in der Savanne? Weil sie nicht in Iglus passen.

Als wir den Zoo erreichten, legte ich die Wege im Laufschritt zurück, bis ich endlich vor der Elefantendame Morganetta stand.

Die absolut nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte.

Dies war nicht das majestätische Tier, das auf meiner Karte von Time Life oder in den Büchern abgebildet war, die ich studiert hatte. Zum einen war sie mitten in ihrem Gehege an einen wuchtigen Zementblock gekettet, der ihr nur wenig Bewegungsfreiraum in die eine oder andere Richtung erlaubte. Sie hatte von den Fesseln wund gescheuerte Hinterbeine. Außerdem hatte sie nur noch ein Auge, und mit diesem wollte sie mich nicht ansehen. Ich war nur ein weiterer Besucher, der gekommen war, um sie in ihrem Gefängnis anzustarren.

Auch meine Mutter war bestürzt über ihre Verfassung. Sie winkte einen Zoowärter herbei, der erzählte, dass Morganetta früher bei Paraden mitgelaufen sei und Kunststücke vollführt habe. So sei etwa mit Schülern einer nahe gelegenen Schule ein Tauziehen veranstaltet worden. Auf ihre alten Tage jedoch sei sie unberechenbar und gewalttätig geworden. Wenn Besucher ihrem Gehege zu nahe kamen, habe sie mit ihrem Rüssel um sich geschlagen. Einem Pfleger habe sie das Handgelenk gebrochen.

Ich fing an zu weinen.

Meine Mutter brachte mich eilends zurück zum Auto, und wir traten unsere vierstündige Rückreise an, obwohl wir gerade mal zehn Minuten im Zoo verbracht hatten.

»Können wir ihr nicht helfen?«, fragte ich.

Und so wurde ich mit meinen neun Jahren zur Anwältin der Elefanten. Nach einem Besuch in der Bibliothek setzte ich mich an den Küchentisch und schrieb an den Bürgermeister von Springfield, Massachusetts, und bat ihn, dafür zu sorgen, dass Morganetta mehr Platz und größere Freiheit bekam.

Er schrieb mir nicht einfach nur zurück. Er schickte seine Antwort an den Boston Globe, der sie veröffentlichte, woraufhin ein Reporter bei uns anrief, um eine Story über die Neunjährige zu verfassen, die den Bürgermeister überzeugt hatte, Morganetta in das viel größere Büffelgehege im Zoo zu verlegen. Vor der versammelten Schülerschaft meiner Grundschule bekam ich eine besondere Auszeichnung als Besorgter Bürger. Ich wurde zur großen Eröffnung eingeladen und durfte zusammen mit dem Bürgermeister das rote Band durchtrennen. Ein Blitzlichtgewitter ging auf mich nieder und blendete mich, während Morganetta hinter uns ihr Gehege durchstreifte. Diesmal sah sie mich an mit ihrem gesunden Auge. Und ich wusste, ich wusste es einfach, dass es ihr noch immer elend ging. Alles, was ihr widerfahren war – die Ketten und die Fesseln, der Käfig und die Schläge, vielleicht sogar die Erinnerung an jenen Moment, als man sie irgendwo in Afrika aus einem Wald holte –, all dies lebte weiter mit ihr in diesem Büffelgehege und nahm all den zusätzlichen Raum ein.

Ich möchte festhalten, dass Bürgermeister Dimauro sich weiterhin darum kümmerte, Morganettas Lebensbedingungen zu verbessern. 1979, nachdem der im Forest Park Zoo lebende Eisbär gestorben war, wurde die Anlage geschlossen, und Morganetta kam in den Zoo von Los Angeles. Dort war ihre Behausung viel größer. Sie hatte einen Pool und Spielsachen und war mit zwei älteren Elefanten zusammen.

Hätte ich damals gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich dem Bürgermeister sagen können, dass Elefanten nicht zwangsläufig zu Freunden werden, wenn man sie mit anderen Elefanten zusammenbringt. Sie sind in ihren Persönlichkeiten genauso einzigartig wie Menschen, und genauso wenig wie man davon ausgehen würde, dass zwei Menschen, die man zufällig zusammenbringt, enge Freunde werden, sollte man davon ausgehen, dass zwei Elefanten sich mögen, nur weil beide Elefanten sind. Morganetta geriet nur noch tiefer in die Depressionsspirale, verlor an Gewicht und verfiel zusehends. Etwa ein Jahr nach ihrer Ankunft in L. A. fand man sie in ihrem Gehege tot auf dem Grund des Pools liegen.

Die Moral von dieser Geschichte lautet, dass man manchmal, selbst wenn man alle Hebel in Bewegung setzt, um eine Verbesserung zu erzielen, den Lauf der Dinge am Ende doch nicht aufhalten kann.

Die Moral von dieser Geschichte lautet auch, dass egal, wie sehr wir uns bemühen, egal, wie sehr wir es uns wünschen … es für manche Geschichten einfach kein gutes Ende gibt.

TEIL I

Wie meine heldenhafte Höflichkeit erklären? Mir ist, als hätte ein boshafter Junge meinen Leib aufgeblasen.

Früher hatte ich die Größe eines Falken, die Größe eines Löwen, früher war ich nicht der Elefant, der ich offenbar bin.

Mein Balg ist schlaff, und mein Herr schilt mich für ein verbocktes Kunststück. Die ganze Nacht habe ich es in meinem Zelt geübt, und war

irgendwie müde. Man verbindet mich mit Traurigkeit und oft auch mit Vernunft. Randall Jarrell verglich mich

mit Wallace Stevens, dem amerikanischen Dichter. Die hölzernen Terzette legen das nahe, aber meiner Meinung nach

bin ich eher wie Eliot, der Mann aus Europa, ein kultivierter Mensch. Jeder, der so förmlich ist, erleidet

Zusammenbrüche. Spektakuläre Gleichgewichtsexperimente mag ich nicht, nicht den Drahtseilakt und nicht die Kegel.

Wir Elefanten sind der Inbegriff der Ergebenheit, etwa wenn wir schwermütig den Gang zum Sterben antreten.

Wusstet ihr übrigens, dass man Elefanten lehrte, das griechische Alphabet mit ihren Zehen zu schreiben?

Erschöpft vom Leid liegen wir auf unseren gewaltigen Rücken und werfen Gras in den Himmel – zur Zerstreuung, nicht als Gebet.

Aber was ihr in unseren langen letzten Reisen seht, ist keine Ergebenheit: Es ist ein Aufschub. Mich niederzulegen, schmerzt meinen schweren Leib.

DAN CHIASSON, »The Elephant«