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Michael Sommer

Palmyra

Biographie einer verlorenen Stadt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Impressum

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Inhalt

    I. Reisewege nach Palmyra

Wiederentdeckung

Vexierbilder

Palmyra – eine Stadtgeschichte

   II. Palmyra vor den Palmyrenern

Formenwandel

Die Palmyrene

Die Oase Tadmur

Vom Lagerplatz zur Siedlung

  III. Syrien, die großen Mächte und die Verflechtung der Welt

Randlage und imperialer Zyklus: Syrien als Spielball der großen Mächte

Fernhandel und soziale Organisation im Alten Orient

Die Phönizier

Zeitenwechsel

Die Welt nach Alexander

Endspiel um Syrien

  IV. Palmyra zwischen Rom und Parthien

Palmyra: Die hellenistische Stadt

Die Parther und die Steppengrenze

Pompeius und die Folgen

Zwischenspiel: Antonius in Palmyra

Stadtwerdung

   V. Im Sog des Imperiums

Pluriversum der Identitäten: Das römische Imperium

Romanisierung

Stadt und Stamm: Kristallisationspunkte von Identität

  VI. Palmyras Krieg und Frieden

Trial and error: Die römische Herrschaftsarchitektur im Orient

Annexionen: Syria und die Klientelstaaten von Tiberius bis zu den Flaviern

Konfliktzone Euphrat: Corbulo und Trajan gegen die Parther

Hoher Besuch: Hadrian in Palmyra

Rom in der Offensive: Von Lucius Verus bis Caracalla

 VII. Griff nach der Weltmacht

Der Weg nach Edessa

Der unaufhaltsame Aufstieg des Odainat von Palmyra

Der Löwe von Tadmur

Zenobia Augusta

Endspiel

VIII. Die Ordnung der Dinge

Erkundungen

Unschärfen

Karawanen

Institutionen

Identitäten

  IX. Palmyra nach den Palmyrenern

Im Zeichen des Kreuzes: Von Rom nach Konstantinopel

Unter dem Halbmond: Von Konstantinopel nach Damaskus

Metropole im imaginaire

   X. Das Ende der Zivilisation: Palmyras zweiter Untergang im Syrischen Bürgerkrieg

Zwischen den Fronten

Finis Palmyrae?

 

Anmerkungen

Abkürzungen

Bildnachweis

Bibliographie

Personenregister

Ortsregister

 

 

 

 

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Die Agora in Palmyra. Radierung von Jean-Baptist Liénard nach Zeichnung von Louis François Cassas (1756–1827). Aus: L. F. Cassas, Voyage pittorsque de la Syrie (…), Paris (Imprimerie de la République) 1799.

I. Reisewege nach Palmyra

Ihr Städte des Euphrats!

Ihr Gassen von Palmyra!

Ihr Säulenwälder in der Eb’ne der Wüste!

Was seid ihr?

Euch hat die Kronen,

Dieweil ihr über die Gränze

Der Othmenden seid gegangen,

Von Himmlischen der Rauchdampf

Und hinweg das Feuer genommen;

Jezt aber siz’ ich unter Wolken (deren

Ein jedes eine Ruh’ hat eigen) unter

Wohleingerichteten Eichen, auf

Der Heide des Rehs, und fremd

Erscheinen und gestorben mir

Der Seeligen Geister

Friedrich Hölderlin

So dichtete vor über 200 Jahren Friedrich Hölderlin und er besang in dem mit „Lebensalter“ überschriebenen Gedicht die Hybris einer großen Zivilisation, die „über die Grenze“ des Menschen („Othmenden“) Möglichen gegangen sei. Die „Städte des Euphrats“ spielen auf das Babel der hebräischen Bibel und die Hure Babylon aus dem Neuen Testament an; auch der „Rauchdampf“ ist eine biblische Reminiszenz: „Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und Rauchdampf“, übersetzte Luther den Propheten Joel.1 Das seit dem 17. Jahrhundert von westlichen Reisenden immer wieder aufgesuchte Palmyra steht mit seinen „Säulenwäldern“ für Hölderlin sinnbildlich für die untergegangene Zivilisation der Antike, der er das Idyll unverfälschter, von jedem menschlichen Wirken freier Natur entgegenstellt. Alles, und eben auch die Kronen historischer Größe, ist vergänglich, kein „Lebensalter“ hat Bestand.

Wiederentdeckung

Angeregt wurde Hölderlin zu dem Gedicht durch den französischen Orientreisenden und Geschichtsphilosophen Constantin François Comte de Volney (1757–1820), der 1791 seine Gedanken über den Untergang großer Reiche in einem Les Ruines Ou Méditations Sur Les Révolutions Des Empires betitelten Essay publizierte. Der Essay ist eigentlich ein Prosagedicht: Ein Geist nimmt Volneys Ich bei der Hand und erklärt ihm im Angesicht der Ruinenlandschaft mitten in der Syrischen Wüste den Sinn Palmyras und seiner Vernichtung: Zivilisationen kommen und gehen, erklärt der Geist, aber am Ende triumphiere doch nur der Fortschritt über das Überlebte. Die Schrift plädiert angesichts der Französischen Revolution und ihrer Verheerungen für einen vorsichtigen Optimismus, zu dem ihn gerade die Zeugen einer großen Vergangenheit inspirieren. Bei aller Wehmut akzeptiert er, dass das Alte fallen muss, um Neuem Platz zu machen.

Volney hatte selbst auf einer ausgedehnten Reise durch den osmanischen Orient Palmyra besucht und seine Eindrücke in einem Reisebericht niedergeschrieben.2 Freilich wandelte der französische Graf, als er 1783 in den osmanischen Orient aufbrach, längst auf ausgetretenen Pfaden. Bereits von 1160 bis 1173 bereiste der spanische Jude Benjamin von Tudela Syrien, das Heilige Land und Mesopotamien. Er behauptet, auf dieser Reise auch „Tarmod“ besucht zu haben, die Stadt „in der Einöde“, die Salomo gebaut habe. Ähnlich wie in Baalbek habe er dort Gebäude aus „riesigen Steinen“ gesehen. „Tarmod“, womit unzweifelhaft Tadmor gemeint ist – so heißt Palmyra auf Hebräisch –, habe zudem eine jüdische Gemeinde von 2000 Personen beherbergt; sie seien kriegserprobt gewesen und hätten „mal mit den Christen, mal mit den Arabern“ paktiert.3

Benjamin mag wirklich in Palmyra gewesen sein. Ebenso gut ist vorstellbar, dass sein Bericht frei – wenngleich gut – erfunden ist, schließlich scheint die Zahl von 2000 Juden deutlich zu hoch gegriffen. Die ersten europäischen Orientreisenden der Neuzeit, der Italiener Pietro della Valle und der Franzose Jean-Baptiste Tavernier, machten beide noch einen Bogen um die Oase, um direkt nach Mesopotamien und Persien zu gelangen. Offenbar barg die Reise durch die Syrische Wüste große Gefahren, vor allem der Beduinen wegen. Der portugiesische Jesuit Manuel Godinho behauptete immerhin, er sei Palmyra auf seiner Syrienreise 1663 nahe genug gekommen, um Säulen, Türme, Wasserleitungen und ein großes, Salomos Tempel gleichendes Gebäude „aus Marmor“ ausmachen zu können, unzweifelhaft den Bel-Tempel.4 Wenige Jahre nach Godinhos Abstecher in die Syrische Wüste, im Sommer 1678, unternahmen 16 Kaufleute der British Levant Company von Aleppo aus eine Expedition in die Oasenstadt, wurden aber von Stammeskriegern des Emirs Melkam gefangen genommen und erst gegen Lösegeld freigelassen. 1691 kehrten sie zurück; diesmal begleitete sie William Halifax, ein Oxforder Don und Geistlicher, der seit 1688 als Kaplan der britischen Kaufmannskolonie in Aleppo diente. Die Expedition erreichte nach sechstägiger Reise am 4. Oktober Palmyra, wo sich die Reisenden vier Tage lang aufhielten. Am 16. Oktober trafen sie wohlbehalten wieder in Aleppo ein.

Halifax lieferte der Royal Society in London einen ausführlichen Bericht über die Reise, der 1695 in den Philosophical Transactions der Gesellschaft publiziert wurde und in der Behauptung gipfelt, keine Stadt der Welt habe den Ruhm Palmyras überbieten können.5 Ausführlich berichtete Halifax vom Bēl-Tempel und den dort sichtbaren „Arabick Inscriptions“. Er fuhr fort mit Beschreibungen des dreitorigen Bogens, der Kolonnade, der Moschee im Stadtzentrum und des „Little Temple“, des später sogenannten Baʿal-Šamen-Tempels. Der Bericht schließt mit einem Eindruck aus dem Tal der Gräber, dessen Bauten er für Kirchtürme hielt. Halifax nahm Inschriften auf, und ein anonymer Angehöriger der Expedition zeichnete eine Stadtansicht von Südosten, die später als Kupferstich in den Philosophical Transactions erschien.6 Während der gleichen Expedition entstand auch der Entwurf für ein Gemälde, das der niederländische Künstler Gerard Hofstede van Essen 1693 anfertigte und das in großem Format ebenfalls ein Panorama der Ruinenlandschaft zeigt.7

Nachrichten von der Expedition, die sich in Windeseile in ganz Europa verbreiteten, und vor allem die Publikation in den Philosophical Transactions lösten einen ersten Palmyra-Boom in Wissenschaft und Künsten aus. Forscher begannen, systematisch die Inschriften der antiken Stadt zu sammeln und sich mit ihrer epigraphischen Hinterlassenschaft zu beschäftigen; Reisende, darunter die Franzosen Giraud und Sautet (1706) sowie ihr Landsmann Claude Granger (1735), zog es in immer größeren Scharen in die Wüste, wo sie die Ruinen bestaunen wollten; Palmyra beschäftigte die Phantasie von Malern und Schriftstellern; Zenobia eroberte die Opernbühnen Europas.8 Den nächsten Durchbruch markiert die Orientreise der britischen Altertumsforscher Robert Wood und James Dawkins. Die beiden Wissenschaftler, in deren Tross sich auch der italienische Architekt, Bauingenieur und Zeichner Giovanni Battista Borra befand, erreichten Palmyra im März 1751. Anders als die Reisenden zuvor, die hauptsächlich Impressionen aus der Oasenstadt geliefert hatten, machten sich Wood, Dawkins und Borra daran, ihre architektonischen Zeugnisse präzise zu vermessen und bauzeichnerisch zu erfassen. Die von Woods verantwortete, 1753 zugleich in England und Frankreich erschienene umfangreiche Publikation setzte, gemeinsam mit ihrem Zwillingswerk über Baalbek, Maßstäbe in der Dokumentation antiker Architektur. Zugleich übte sie, ähnlich wie die akribischen Studien des italienischen Architekten Giovanni Battista Piranesi, großen Einfluss auf die neoklassische Architektur Europas aus.9

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A View of the Ruines of Palmyra alias Tadmor taken on the Southern Side, anonymer Kupferstich, Phil. Trans. R. Soc. Lond. 218 (1695), 125.

Nur ein Jahr nach dieser richtungweisenden Arbeit gelang es dem Abbé Jean-Jacques Barthélemy, das palmyrenische Alphabet zu entziffern und damit die zu diesem Zeitpunkt bereits in großer Zahl gesammelten Inschriften lesbar zu machen.10 1785 bereiste der französische Landschaftsmaler und Zeichner Louis François Cassas Syrien und hielt sich einen ganzen Monat in Palmyra auf. In diesen Wochen fertigte er zahlreiche exakte Bauzeichnungen an, unter anderem des Bēl-Tempels, publizierte später aber auch seine Eindrücke in einer phantasievollen Voyage pittoresque, in der er zeitgeisttypisch das „Morgenland“ zur Projektionsfläche romantischer Fremdheitskonstruktionen werden ließ.11 Als erste europäische Frau gelangte Lady Hester Stanhope, die Nichte des britischen Premierministers William Pitt des Jüngeren und selbstproklamierte Herrin von Joun, nach Palmyra. 1813 hielt sie, in ihrer Entourage die Oberhäupter der versammelten Stämme und an der Spitze einer Karawane aus 22 Kamelen, festlich Einzug in Palmyra, wo sie sich als „neue Zenobia“ feiern ließ. Hunderte Mädchen standen auf den Konsolen der Säulen Spalier und schwenkten Palmwedel, während sie die Kolonnadenstraße entlangritt.12

Weder Mädchen noch Palmwedel empfingen die deutschen Archäologen Theodor Wiegand und Daniel Krencker, als sie mit der von ihnen geleiteten Kampagne 1902 in Palmyra das Zeitalter der wissenschaftlichen Erforschung einläuteten. Wiegand, seit 1896 Grabungsleiter in Priene, und der Elsässer Krencker, der sich ihm als Bauforscher angeschlossen hatte, erfüllten nicht nur eine archäologische, sondern auch eine politische Mission des Deutschen Reiches im Imperium der Osmanen, das für die Außenpolitik der europäischen Großmächte zentrale Bedeutung besaß und vor allem seit der Palästinareise Kaiser Wilhelms II. 1898 intensiv von Berlin umworben wurde. 1903 begann der Bau der Bagdadbahn, die maßgeblich durch die Deutsche Bank finanziert wurde, deren Direktor Georg von Siemens Wiegands Schwiegervater war. Krencker und Wiegand, der im Kriegsjahr 1917 noch einmal nach Palmyra zurückkehrte, publizierten, gemeinsam mit anderen Teilnehmern der Expedition, ihre Ergebnisse 1932 in einem zweibändigen Werk, das noch heute Ausgangspunkt jeder Forschung zur Architektur Palmyras sein sollte. Es dokumentiert nicht nur viele der wichtigsten Bauwerke der Stadt – das Diokletianslager, das Theater, den Baʿal-Šamen-, Nebu- und Bel-Tempel sowie die mittelalterliche Zitadelle – in Text und Bild, sondern wartet auch mit dem ersten Plan der Ruinenstadt auf.13

1918 ging das Osmanische Reich als Folge des Ersten Weltkrieges unter. Der Fruchtbare Halbmond wurde im Vertrag von Sanremo 1920 unter den Siegermächten Großbritannien und Frankreich geteilt. Palmyra geriet mit Syrien unter französische Mandatsherrschaft. Deshalb waren es seit den 1920er-Jahren vor allem französische Archäologen, die energisch die Erforschung des antiken Palmyra vorantrieben. 1929 wurde Henri Seyrig zum Generaldirektor der Antikenverwaltung für Syrien und den Libanon ernannt, ihm stand als Inspecteur Daniel Schlumberger zur Seite, wie Krencker ein Elsässer. Gemeinsam mit den Bauforschern René Amy und René Duru nahmen sie den Rückbau der Behausungen in Angriff, die in nachantiker Zeit den Bēl-Tempel in ein Wohnquartier verwandelt hatten, und rekonstruierten das Heiligtum so, wie es bis 2015 zu bewundern war. Bereits 1924 hatte der dänische Archäologe Harald Ingholt begonnen, das gigantische Corpus der palmyrenischen Grabskulptur systematisch zu erforschen.14 Und seit 1925 untersuchte Antoine Poidebard, einer der Pioniere der Luftbildarchäologie, die Syrische Wüste und vor allem die Palmyrene großflächig auf Siedlungsspuren sämtlicher Epochen. Poidebards Luftbilder sind angesichts der umwälzenden anthropogenen Veränderung des Landschaftsbilds seither unschätzbare Zeugnisse einer vergangenen Welt. Die archäologischen Arbeiten ergänzten die intensiven Forschungen des Epigraphikers Jean Cantineau, von dessen Inventaire des Inscriptions de Palmyre 1930 der erste Band mit einer Sammlung der Inschriften aus dem Baʿal-Šamen-Tempel erschien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Federführung bei der Antikenverwaltung der unabhängig gewordenen Republik Syrien. Auf syrischer Seite erwarben sich vor allem der Prähistoriker Adnan Bounni, von 1955 bis 2005 Direktor des syrischen Antikendienstes, und der 2015 von Kämpfern des Islamischen Staats ermordete Ḥālid al-Asʿad, von 1963 bis 2003 Grabungsleiter und Direktor des Museums von Palmyra, bleibende Verdienste um die Erforschung Palmyras. Mit den syrischen Forschern arbeitete in Palmyra eine im engen gegenseitigen Austausch verbundene, ja in Korpsgeist verschworene Gemeinde von Wissenschaftlern, die in ihrer Internationalität geradezu kongenial den kosmopolitischen Geist des antiken Palmyra widerspiegelte: Die französischen Wissenschaftler setzten ihre Arbeit vom in Beirut gegründeten Institut Français d’Archéologie du Proche-Orient (IFAPO) aus fort; ein polnisches Team um Kazimierz Michalowski und später Michal Gawlikowski arbeitete ab 1959 über 50 Jahre lang an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet: vom Bēl-Tempel über das Diokletianslager bis zum nördlichen Stadtviertel mit seinen Privathäusern sowie mehreren spätantik-byzantinischen Kirchen und schließlich im Bereich der Kolonnadenstraße; Schweizer Archäologen erforschten den Tempel des Baʿal-Šamen; ein syrisch-deutsches Team das sogenannte Tempelgrab Nr. 36 in der Westnekropole; japanische Forscher legten zwei Hypogäen mit reicher Grabplastik in der Südwestnekropole frei; das syrisch-norwegische Palmyrena-Projekt erkundete in großflächigen Surveys das Hinterland der Metropole; ein deutsch-österreichisch-syrisches Grabungsteam um Andreas Schmidt-Colinet schließlich untersuchte von 1997 bis 2010 die sogenannte Hellenistische Stadt südlich des Wadi und dokumentierte damit zum ersten Mal in größerer Dichte die frühe Siedlungsgeschichte der Oasenstadt.

2011 setzte der seither in Syrien wütende Bürgerkrieg der archäologischen Erforschung nicht nur Palmyras, sondern auch unzähliger anderer Stätten, ein ebenso abruptes wie brutales Ende. Die Geschichte Palmyras ist unterdessen längst zum Sujet von Historikern geworden. Schon Theodor Mommsen hatte die eminente Bedeutung des Handelszentrums erkannt, das im 3. Jahrhundert in Konflikte von globaler Dimension verstrickt wurde.15 In jüngerer Zeit hat der Oxforder Althistoriker Fergus Millar von Neuem das Interesse der althistorischen Zunft am Nahen Osten geweckt. Sein epochales Werk The Roman Near East (1993) hat eine bis heute anhaltende Debatte um die kulturelle Identität der orientalischen Provinzen Roms angestoßen. Millars These, im Befund sei fast ausschließlich die griechisch-römische Prägung der Region erkennbar, während eine Art kultureller Amnesie offenbar jede Erinnerung an die vorhellenistische Vergangenheit ausgelöscht habe, hat seither zahlreiche Unterstützer gefunden,16 aber auch Widerspruch17 provoziert.

Vor allem Palmyra liefert Stoff in Hülle und Fülle, der Spielraum für unterschiedlichste Deutungen lässt: eine architektonisch-künstlerische Formensprache, die unleugbar auf dem hellenistisch-römischen Modell fußt, aber eigene Wege geht; die Zwei- bzw. Dreisprachigkeit eines großen Teils der Inschriften; die überragende Bedeutung des Fernhandels für die Wirtschaft der Stadt; die uneindeutige Rolle tribaler Identitäten im sozialen Gefüge; die in ihrer vexierbildhaften Komplexität unmöglich auf einfache Formeln zu bringende Götterwelt der Stadt; und schließlich natürlich die exzeptionelle Rolle Palmyras auf dem Höhepunkt der Krise von Roms „kurzem“ 3. Jahrhundert.

Vexierbilder

In der jüngeren Forschung stehen einander im Wesentlichen zwei vollkommen gegensätzliche Palmyra-Bilder gegenüber, die sich am besten als „okzidentalistisch“ und „orientalistisch“ bezeichnen lassen: Die okzidentalistische Schule der Palmyra-Forschung betont die enge Verwandtschaft, wenn nicht Identität, Palmyras mit den Städten der griechisch-römischen Welt. Für sie ist die Gesellschaft, die sich ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. in der Oase entwickelte, das Produkt einer mit dem hellenistischen Osten und dem römischen Imperium geteilten Geschichte; Kultur und Institutionen seien aus dem Mittelbeerbecken in die Oase gleichsam diffundiert; durch konsequente Hellenisierung und Romanisierung habe Palmyra in rund hundert Jahren den Weg von der Oasensiedlung zur „griechischen Stadt“ zurückgelegt.18 Die okzidentalistische Hypothese ist im Kern ein Evolutionsmodell, das die stetige Verwandlung einer nach griechischen und römischen Begriffen fremden in eine mit diesen Kategorien kommensurable Gesellschaft meint beobachten zu können.

Demgegenüber betont die orientalistische Hypothese die Andersartigkeit Palmyras im Vergleich zu Hellas und Rom, in nahezu jeder Beziehung. Im Mittelpunkt steht hier nicht Identität, sondern Alterität. In ihrer reinsten Ausprägung findet sich die orientalistische Deutung bei dem Archäologen Warwick Ball, der zwar das Einströmen einer „westlichen“ Formensprache in die materielle Kultur nicht nur Palmyras, sondern des gesamten römischen Ostens anerkennt, den Gebrauch dieses Vokabulars aber für reinen Firnis hält: Im römischen Nahen Osten sei es möglich gewesen, eine iranische Tempelcella mit einer korinthischen Kolonnade zu versehen und die dort verehrten Götter statt Melqart, Dušara und Atargatis Zeus zu nennen oder Artemis. Man habe die gleiche Kolonnade um einen Hofhaustempel mesopotamischer Tradition stellen können und die eigentliche kultische Funktion des Gebäudes oberflächlich tarnen können. Durch solchen Zierrat sei der Tempel aber nicht der Substanz nach römisch geworden, sondern das geblieben, was ein Heiligtum im Nahen Osten stets war: anders.19

Beide Extrempositionen münden letztlich in Aporien, die darin begründet liegen, dass sie mit essenzialistischen, im Kern obsoleten Kulturbegriffen operieren. Okzidentalisten wie Orientalisten ist gemeinsam, dass sie an „reine“, von fremden Einflüssen freie und im Prinzip freizuhaltende Kulturen glauben. Allenfalls können solche Kulturen durch Elemente, die von außen übernommen werden, kontaminiert werden – wie die architektonische Formensprache griechisch-römischer Provenienz, die für Balls Palmyrener nur als „Zierrat“ Bedeutung hatte. Akkulturationsprozesse reduzieren sich für sie auf die Extreme: Widerstand versus Überwältigung, Kontinuität versus totale Rekonfigurierung.

Weder Okzidentalisten noch Orientalisten vermögen die eruptive Energie der politischen Supernova Palmyra zu erklären. Wäre Palmyra, wie die Okzidentalisten nicht müde werden zu betonen, eine „griechische Stadt“ wie jede andere gewesen, dann hätte sie weder die personellen noch die materiellen Ressourcen besessen, um im Krisenjahr 260 n. Chr., nach Valerians Niederlage gegen die Perser, das Machtvakuum im Orient zu füllen. Ihre Institutionen hätten den Aufstieg eines Odainat zu monarchischer Herrschaftsgewalt ebenso wenig zugelassen wie die dynastische Verfestigung seines Charismas. Ein Odainat wäre im römischen Athen oder Mailand, in Karthago oder Milet schlechterdings nicht vorstellbar. Aber er war es in Palmyra, und das kann nur daran liegen, dass diese Stadt ein fundamental anderes Milieu vorzuweisen hatte als Mailand und Milet.

Doch auch die orientalistische Hypothese vermag nicht zu überzeugen. Zunächst sprechen historische Fakten gegen die von den Orientalisten behauptete ungebrochene Kontinuität zwischen dem vorhellenistischen Orient und dem „klassischen“ Palmyra. Palmyra war, den jüngsten Funden in der hellenistischen Stadt zum Trotz, eine junge Siedlung. Wenn sich in der Oase mesopotamische Einflüsse bemerkbar machten, dann können sie nur auf indirektem Weg dorthin gelangt sein, über den Fernhandel, genau wie der angebliche griechisch-römische „Firnis“. Tatsächlich unterhielt das hellenistische Palmyra enge Handelskontakte nach Ost wie West.20 Schwerer wiegt, dass das Orientalismusmodell angesichts der traumwandlerischen Sicherheit versagt, mit der sich die Palmyrener in ihrer Stadt wie in der großen weiten Welt des Imperiums bewegen. Die Zweisprachigkeit der Inschriften war alles andere als Firnis, sondern steht sinnbildhaft für das Grenzgängertum der Palmyrener.21

Erst allmählich werden Pfade jenseits der Extreme Okzidentalismus und Orientalismus erkundet. Eine stattliche Reihe historischer Spezialuntersuchungen hat in den zurückliegenden Jahrzehnten Licht ins Dunkel vieler der Probleme gebracht, die lange diesem Verständnis im Wege standen.22 Das ist Segen und Fluch zugleich. Denn während sich die Palmyra-Forschung zunehmend auf immer solidere Daten stützen kann, entwickelte sich das Feld allmählich zum Reservat von Fachgelehrten, die sich – anders als Mommsen, Rostovtzeff und noch Millar – ausschließlich mit dem römischen und allenfalls noch hellenistischen Orient beschäftigen. So verfestigten sich Hypothesen im Laufe der Zeit zu Gewissheiten, der relativierende Maßstab übergreifenden Wissens kam abhanden. Lange krankte die Forschung zum hellenistisch-römischen Orient an einem eklatanten Theoriedefizit und an entsprechend unscharfen Kategorien. Die relative Beständigkeit überlebter Deutungsmuster in der Forschung zu Palmyra und allgemein zum römischen Orient ist leicht zu erklären: Das Feld stellt erhebliche philologische Anforderungen – wer sich mit Palmyra beschäftigt, muss sich auf Textquellen sehr unterschiedlicher Gattungen einlassen und daneben auf ein breites Spektrum an materiellen Zeugnissen. Der Beschäftigung mit dem römischen Orient haftet, trotz Fergus Millars epochalem Grundlagenwerk von 1993,23 noch immer etwas Hermetisches an.

Inzwischen gibt es allerdings eine ganze Reihe von Studien, die nach Sinnzusammenhängen für Palmyra suchen, vor Theorieangeboten nicht zurückschrecken und im Begriff sind, einen dritten Weg zwischen Orientalismus und Okzidentalismus zu weisen: Paul Veyne, der Nestor der französischen Althistorie, begreift Palmyra als multikulturellen Kosmos, in dem unterschiedlichste Einflüsse wirksam wurden und eine hybride Identität schufen, die mehr war als ein bloßes Amalgam aus Ost und West. Andrew M. Smith greift in seiner an der University of Maryland verteidigten Dissertation die Thesen von Greg Woolf zur Romanisierung der westlichen Provinzen auf und gelangt zu durchaus ähnlichen Ergebnissen wie Veyne. Und Nathanael M. Andrade, Althistoriker an der University of Oregon, hat unlängst darauf hingewiesen, dass die kulturellen Universen, die einander in Palmyra begegneten, eng miteinander verflochten waren und dass die Palmyrener sich griechischer Praktiken und griechischer Formen bedienten, um ihren Platz in griechisch definierten Netzwerken und Sinnwelten zu behaupten.24

Palmyra – eine Stadtgeschichte

Diese Geschichte Palmyras ist sich ihrer Grenzen bewusst. Trotz jahrzehntelanger, intensiver Forschung ist unser Wissen um die antike Stadt lückenhaft und wird es immer sein. Das aber ist nur die eine Seite der Medaille. Jeder Versuch, Geschichte zu rekonstruieren, ist selbstverständlich um Objektivität bemüht. Doch diese Objektivität stößt dort an ihre Grenzen, wo der Horizont und das Erkenntnisinteresse des Forschers berührt sind. Er schafft durch seine Fragen und Begriffe erst das Prisma, durch dessen Brechung die Flut des Materials zu einer sinnhaften Erzählung wird. Die Fragen und Begriffe stammen aus unserer Welt, nicht jener der Antike. Sie sind notwendig inspiriert durch Grunderfahrungen, die jeden von uns betreffen: Globalisierung, Massenmigration, Integrationsprobleme, Entflechtung multinationaler Konföderationen wie der EU, religiöse Fundamentalismen – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Diese Kategorien sind zeitgebunden; eine neue Generation wird neue Fragen stellen und neue Konzepte benutzen. Deshalb wird sie eine neue Geschichte schreiben müssen. Die vorliegende trägt ihr Verfallsdatum wie jedes Produkt wissenschaftlicher Arbeit bereits in sich.

Der antiquarische Ansatz, man könne eine Geschichte um ihrer selbst willen schreiben, ist so unrealistisch wie uninteressant. Jede Geschichte bezieht Relevanz erst daraus, dass sie einer Gegenwart etwas zu sagen hat. Und jeder Historiker bezieht die Kategorien, mit denen er arbeitet, aus seiner eigenen Epoche; die Frage ist nur, ob er sich dies eingesteht oder nicht. Dringend geboten ist deshalb auch für die Geschichte Palmyras eine Hermeneutik mit der Einsicht, dass Erkenntnis nicht allein aus den Quellen entsteht, sondern belastbarer Begriffe bedarf, über die sich Forscher Rechenschaft ablegen müssen. Diese sind bis dato Mangelware. In der einschlägigen Forschung überwiegen, um mit Max Weber zu sprechen, die Stoffhuber, Sinnhuber sind dünn gesät. Die Sinnhuber können, wenn ihr Faktenwissen lückenhaft ist, die Bodenhaftung verlieren.25 Die Stoffhuber laufen Gefahr, sich mit ihren unscharfen Begriffen in hermeneutischen Zirkeln zu verrennen: Wer in Palmyra altorientalische Kulte sucht oder aber die Institutionen einer griechischen Polis, wird unweigerlich fündig werden, wenn er nur das Material befragt.

Doch weder die Polis und ihr Institutionengefüge noch ein Kult, gelte er dem Arṣu oder dem Bel, entsprechen historischen Wirklichkeiten. Sie sind bloße Idealtypen, die Forscher erst in ihren Köpfen schaffen, um die Wirklichkeit daran zu messen.26 An Schärfe gewinnen Idealtypen dann, wenn möglichst viele historische Phänomene in ihre Konstruktion mit einfließen. Das gelingt durch einen breiten historischen Horizont und durch Theorien als Hilfsmittel der Erkenntnis. Deshalb wird in dieser Geschichte Palmyras dem Variantenreichtum von politischen Ordnungen, sozialen Organisationsformen und Wirtschaftssystemen in der Levante und im Mittelmeer seit der Bronzezeit so viel Beachtung geschenkt.

Keine Geschichte erschließt sich ohne Kenntnis ihrer geographischen Bedingtheiten. Der spezifische Naturraum der Syrischen Wüste schaffte überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass Menschen sich hier ansiedeln, Viehzucht, Landwirtschaft und Fernhandel betreiben konnten. Das Relief machte die Wüstensteppe passierbar, Bodenqualität und Hydrologie legten in dem ariden Raum fest, wo die Grenzen menschlicher Siedlungstätigkeit lagen. Doch zeigte sich schon früh, dass solche Grenzen nur zum Teil durch die Geographie vorgegeben waren. Entscheidender Faktor war die Politik: Wo Imperien und gemischt sesshaft-nomadische – polymorphe – Gesellschaften stabile Bedingungen schufen, stieg die Wahrscheinlichkeit sprunghaft an, dass Menschen sich auch in marginalen Räumen häuslich niederließen. In der Oase Tadmur war diese Voraussetzung spätestens in der mittleren Bronzezeit gegeben (Kapitel II).

Indes lagen die großen Zivilisationszentren der Bronze- und noch der Eisenzeit nicht in der Levante, im Großraum Syrien, sondern anderswo: in Mesopotamien, Ägypten und später auch Kleinasien. Die Levante war in der Regel gleich mehrfache Peripherie großer Reiche, deren Machtbasis in den Flusstälern oder im anatolischen Bergland lag. Hier kreuzten sich allerdings die Fernhandelswege, auf denen Rohstoffe und Fertigwaren zwischen den großen Reichen hin- und hertransportiert wurden. Eine Schlüsselrolle spielten in diesem großräumigen Güteraustausch in der Bronzezeit Handelsplätze wie das anatolische kārum Kaniš und die großen Institutionen von „Palästen“ und „Tempeln“, deren Beauftragte die Händler waren. Gänzlich andere Wege gingen in der Eisenzeit die Phönizier, die, ausgehend von ihren levantinischen Hafenstädten, das Mittelmeer erschlossen. Die Initiative ging hier von Privatleuten aus. Eine historische Wasserscheide für die Region markiert die Zerschlagung des Perserreiches durch Alexander den Großen und die Etablierung der Diadochenreiche als Nachfolgestaaten, die strukturell die durch Rom erzwungene politische Einheit des Mittelmeerraumes vorbereiteten. Mit dem Hellenismus fasste der Stadttyp der Polis auch in der Levante Fuß, die seither, wirtschaftlich wie kulturell, mehr noch als zuvor den mediterranen Westen mit dem asiatischen Osten verklammerte (Kapitel III).

Palmyra wird als Siedlungszentrum zum ersten Mal just in der Zeit greifbar, als das Seleukidenreich als größte der hellenistischen Territorialmonarchien zwischen den expandierenden Reichen von Parthern und Römern zerrieben wurde, im 2. Jahrhundert v. Chr. Die Stadtwerdung bezog den entscheidenden Impuls aus der Belebung des Fernhandels entlang der Route quer durch die Syrische Wüste und Mesopotamien, zunächst zwischen dem Mittelmeer und Mesopotamien, bald auch unter Einbeziehung des Persischen Golfs und Indiens (Kapitel IV). Seine Lage zwischen den Imperien öffnete den Palmyrenern die Fernhandelsrouten durch das Partherreich, die deshalb eine kostengünstige Alternative zur Südroute durchs Rote Meer sein konnten. Ab der Zeitenwende allerdings machte sich die Präsenz Roms immer deutlicher bemerkbar. Die Integration Palmyras in die Strukturen des Imperiums und der Provinz Syria war ein gradueller Prozess, der sich über Jahrhunderte hinzog und in der Oase tiefe Spuren hinterließ (Kapitel V).

Das sukzessive Hineinwachsen Palmyras in die römische Herrschaftsarchitektur erschließt sich erst durch die Kenntnis ihres Aufbaus und ihrer Mechanismen: einer reaktiven, weitgehend ohne langfristige Strategeme auskommenden Politik des Durchwurstelns zum einen; der faktischen Kraft der Romanisierung, die sich nur als dialektischer, kontingenter und keinesfalls von oben gesteuerter Prozess verstehen lässt, zum zweiten. Per Saldo brachten die ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte für Vorderasien – und damit für Palmyra – eine deutliche Vergrößerung des römischen Machtbereichs bei gleichzeitig signifikant steigender Herrschaftsintensität (Kapitel VI).

Völlig neue Bedingungen schuf der Kollaps des Partherreiches und seine Unterwerfung durch die Sasaniden in den 220er-Jahren n. Chr. Für Palmyra wie Rom wurde das Umfeld deutlich schwieriger; von 230 bis 260 herrschte fast ununterbrochen Krieg, der in der Niederlage des Kaisers Valerian gegen den Sasaniden Šābuhr und seiner darauffolgenden Gefangennahme gipfelte. Wenn die Römer den Nahen Osten nicht auf Dauer an die Perser verloren, verdankten sie das Palmyra, wo Odainat zum quasimonarchischen Herrscher avanciert war. Allerdings öffnete Odainats Tod wenige Jahre später ein gefährliches Machtvakuum, das seine Witwe Zenobia füllte. Die Situation eskalierte, bis Kaiser Aurelian 272 in zwei Schlachten Zenobia besiegte, Palmyra einnahm und der Autonomie dieser Stadt ein abruptes Ende setzte (Kapitel VII).

Die Ereignisse der Jahre zuvor werfen die Frage nach den strukturellen Bedingungen für den politischen Aufstieg Palmyras auf. Die Oasenmetropole war, bezogen auf die Verhältnisse im römischen Imperium, ein Solitär – vielfältig integriert in die Organisation des Reiches, aber mit Institutionen, die nur bedingt kompatibel waren mit denen einer römischen Stadt. Vieles befand sich im Wandel: Mit der Zeit entwickelten die Palmyrener Techniken des Übersetzens, die es ihnen erlaubten, Anschluss an die römische Welt zu finden, ohne ihre gewachsene Identität preisgeben zu müssen. Oft bot gerade die hellenistisch-römische Tradition ihnen das Vokabular, um dieser Identität Ausdruck verleihen zu können, deren Kern die nomadische Vergangenheit und die tribale Zugehörigkeit der meisten Oasenbewohner war (Kapitel VIII).

Die Geschichte Palmyras endete nicht mit Aurelians Sieg über Palmyra, das ein reiches spätantikes, byzantinisches und islamisches Erbe besitzt. Palmyra entwickelte sich von der Handelsstadt zum Garnisonsort, vom polytheistischen Kultzentrum zum Bischofssitz und von der byzantinischen Grenzstadt zum Versorgungszentrum für eine unter umayyadischer Herrschaft zu neuem Leben erweckte Syrische Wüste. Schließlich wurde es zur Projektionsfläche exotisierender Orientbilder und, im modernen Syrien, den Nationalstaat legitimierender Narrative (Kapitel IX).

Heute wird das Welterbe bedroht, nicht nur von den Bilderstürmern des „Islamischen Staates“, sondern auch durch Vernachlässigung und systematische Ausplünderung (Kapitel X). Viel ist seit der ersten Eroberung der Ruinenstadt durch die Dschihadisten 2015 über Palmyra berichtet und geschrieben worden, aber die eigentliche Geschichte der antiken Metropole spielt weder in schulischen Geschichtskurrikula noch im historischen Gedächtnis des Westens eine Rolle. Dabei lohnen sie ein intensives Studium. Palmyra ist nicht bloß ein Prisma, durch das sich, gerade weil es am äußersten Rand der römischen Welt lag, viel über Rom und sein Imperium lernen lässt; es ist nicht nur die kosmopolitische Kapitale des interkontinentalen Fernhandels, an der sich das Vernetzungspotenzial vormoderner Stadtgesellschaften exemplarisch demonstrieren lässt; Palmyra ist heute vor allem Kronzeugin für die Möglichkeiten, Voraussetzungen und Grenzen multikulturellen Zusammenlebens. Dies ist vielleicht der lohnendste Grund, sich auf Palmyra einzulassen, und die wichtigste Lektion für unser Zeitalter: Dass Einheit in Vielfalt grandios gelingen, aber auch katastrophal scheitern kann, verdichtet sich mit Palmyra in der Geschichte einer einzigen Stadt.

III. Syrien, die großen Mächte und die Verflechtung der Welt

Rund tausend Jahre dauerte es, bis Palmyra aus dem Dunkel des Vergessens auftauchte. Erst die letzte Kampagnenserie vor dem Bürgerkrieg in Syrien, welche die syrische Antikenverwaltung gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut und der Universität Wien von 1997 bis 2010 verantwortete, ließ die Umrisse der sogenannten Hellenistischen Stadt deutlich werden und damit die Anfänge der urbanen Entwicklung Palmyras in der klassischen Antike. Viele Fragen sind bis dato unbeantwortet: Vor allem weiß die Forschung noch immer nichts über die Geschichte der Oase zwischen der frühen Eisenzeit und ihrer Eroberung durch Alexander den Großen. Auch für die hellenistische Epoche ist die Befundlage nach wie vor ausgesprochen dünn. Der archäologische wie historische Hiatus lässt sich auf zweierlei Weise erklären: Entweder spielte die Oase wirklich die gesamte neuassyrische, babylonische, achaimenidische und selbst noch seleukidische Periode hindurch keine oder nur eine untergeordnete Rolle im Siedlungsbild Syriens – oder Palmyras dunkle Jahrhunderte sind eine optische Täuschung, die sich allein den Zufälligkeiten archäologischer Überlieferung verdankt.

Randlage und imperialer Zyklus: Syrien als Spielball der großen Mächte

Syría – so nannten wohl zuerst die Griechen die Region, die wir heute am besten mit dem Stichwort „Levante“ bezeichnen. Sie ist weit größer als der heutige Nationalstaat, den die Mandatsmacht Frankreich 1930 aus der Taufe hob. Zur historischen Landschaft Syriens zählen mindestens noch der Libanon und der Teil der Türkei, der südlich der Taurusketten liegt, also die Ebenen von Urfa und Mardin im nördlichen Mesopotamien. Eng an Syrien gebunden sind Teile des heutigen Irak (die Gazira zwischen Euphrat und Tigris), das moderne Israel (das antike Judäa) und das nördliche Jordanien (die Dekapolis mit den Städten Philadelphia, Gerasa, Pella, Gadara, Dion und Raphana). Verbindendes Element dieser grob von Taurus, Mittelmeer, Tigris und Arabischer Wüste umgrenzten Landschaft war das Vorherrschen der aramäischen Sprache, die seit dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. im gesamten Fruchtbaren Halbmond Verbreitung fand und im Perserreich der Achaimeniden zu einer der Reichssprachen avancierte. Der Name Syría leitet sich vermutlich ab von Assyría, also jener in Mesopotamien liegenden Landschaft im Dreieck zwischen mittlerem Tigris und kleinem Zab, die zur Keimzelle gleich dreier Reiche in der mittleren und späten Bronzezeit geworden war: des alt- (18. Jahrhundert v. Chr.), mittel- (ca. 1390–1077 v. Chr.) und neuassyrischen (911–605 v. Chr.) Reiches.

Die Lage am Rand imperialer Mächte wurde historisch strukturbestimmend für die Levante. Von allen großen Reichen, die über das Gebiet herrschten, hatte allein das Damaszener Kalifat der Umayyaden von 661 bis 750 n. Chr. sein Zentrum ausschließlich in Syrien. Das Seleukidenreich, das als Nachfolgestaat des Alexanderreiches Vorderasien kontrollierte, hatte in Nordsyrien immerhin noch eine seiner beiden Kernregionen – die zweite war Babylonien, das die Seleukiden im 2. Jahrhundert v. Chr. an die Parther verloren. Sonst aber lag die Ostflanke des Mittelmeeres politisch stets am Rand, war manchmal gar die doppelte Peripherie gleich zweier Imperien, im Prinzip seit dem 3. Jahrtausend v. Chr., als sich hier die Einflusssphären der Reiche überkreuzten, die sich in den Flusstälern Mesopotamiens und des Nils gebildet hatten: zuerst des Akkad-Reiches (ca. 2334–2154 v. Chr.) in Babylonien und des ägyptischen Alten Reiches (ca. 2551–2155 v. Chr.).1

Der zweite Faktor, der die politische Wirklichkeit zwischen Mittelmeer und Tigris bestimmte, war das beständige Werden und Vergehen von Imperien. Die durchschnittliche „Haltbarkeit“ der vorderasiatischen Großreiche betrug rund 200 Jahre: von Akkad über das Imperium der 3. Dynastie von Ur (ca. 2112–1940 v. Chr.), das altbabylonische (1894–1595 v. Chr.) und altassyrische (1813–ca. 1700 v. Chr.), das mittelassyrische, neuassyrische und neubabylonische (629–539 v. Chr.) und schließlich das persische Reich der Achaimeniden (550–330 v. Chr.). Analog lösten in Ägypten das Alte, das Mittlere (2040–1785 v. Chr.) und das Neue (1540–1070 v. Chr.) Reich einander ab. Zwischen den Machtperioden der Imperien lagen stets Phasen der politischen Fragmentierung – in Ägypten als „Zwischenzeiten“ bezeichnet –, oft begleitet von Krieg, Bürgerkrieg und allgemein chaotischen Zuständen.

Die Verfallsszenarien ähnelten einander grundsätzlich: Innere Konflikte begleiteten das Erstarken äußerer Feinde, denen die Reiche auf lange Sicht immer weniger entgegenzusetzen hatten; Überdehnung der Grenzen und Überforderung der militärischen Leistungsfähigkeit mündeten in Niederlagen und ökonomischen Krisen, welche die Legitimität der Herrscher untergruben und das Reich unregierbar machten. Schließlich zerfiel die politische Struktur, die „barbarischen“ Ränder fielen ab und wurden zu Inkubatoren neuer Machtzusammenballungen: Fast immer waren es Nomadenstämme, deren führende Clans sich zu Dynastien neuer Reichsbildungen aufschwangen. Das Rad des imperialen Zyklus hatte sich einmal um seine eigene Achse gedreht.2

Exemplarisch veranschaulichen den imperialen Zyklus Aufstieg und Fall des Akkad-Reiches, des ersten wirklichen Imperiums der Geschichte überhaupt.3 Der Reichsgründer, Sargon von Akkad, entstammte einer semitischsprachigen ethnischen Minderheit im sumerischen Stadtstaat Kiš. Die legendenhaft ausgeschmückten Texte zu Sargon verlegen die Heimat seiner Vorfahren ins „Hochland“, was auf eine nomadische Herkunft schließen lassen könnte.4 In Kiš stürzte er zunächst den lokalen König Ur-Zababa, bevor er sich der Expansion nach außen zuwandte. Um 2334 v. Chr. eroberte er das weiter südlich gelegene Uruk, das bereits mehrere der älteren Stadtstaaten unterworfen hatte. Die zuvor souveränen Stadtstaaten formte er zu autonomen Zellen seines Reiches um; die Könige blieben in der Regel in Amt und Würden, mussten aber der Zentrale, die Sargon in der bisher nicht lokalisierten Stadt Akkad aufgeschlagen hatte, Abgaben und Heeresfolge leisten. Der Titel ensi, den bis dahin die souveränen Herrscher der sumerischen Stadtstaaten getragen hatten, bezeichnete jetzt autonome Teilkönige, die dem Großkönig in Akkad untertan waren. Großräumige Herrschaft, wie sie Sargon durchgesetzt hatte, bot den Vorteil, dass nun das Bewässerungssystem, von dem die Landwirtschaft in der mesopotamischen Flussoase abhing, rationeller organisiert werden konnte. Akkad normierte zudem das System der Steuereintreibung sowie Maße und Gewichte – und es setzte die Sprache des Herrschers, das semitische Akkadisch, als Verwaltungssprache im gesamten Reich durch. Die lokalen Götterkulte blieben unangetastet, doch wertete Sargon den Tempel der Mondgöttin Nanna in Ur zu einer Art Reichsheiligtum auf.

Sargons Enkel Naram-Sin (ca. 2273–2219 v. Chr.) trieb die Expansion bis nach Obermesopotamien und Syrien voran, deren Siedlungssysteme entsprechend den Bedürfnissen seines Imperiums rekonfiguriert wurden. Seinen eigenen Anspruch auf Weltherrschaft übersetzte er in die Formel „König der vier Weltgegenden“. Doch Naram-Sin ging noch einen Schritt weiter: Er ließ sich als „Gott von Akkad“ anreden und mit einer Hörnerkrone auf dem Kopf abbilden, dem Symbol für Göttlichkeit. Der Anspruch auf göttliche Ehren brachte Naram-Sin in Konflikt mit den etablierten Kulten der sumerischen Städte; er kollidierte frontal mit den Interessen der dortigen Priesterschaften und bescherte ihm postum eine miserable Presse: Der „Fluch über Akkad“, ein sumerischer Text aus der Zeit nach dem Untergang Akkads, diffamiert Naram-Sin als Gotteslästerer, der auch nicht vor der Zerstörung von Tempeln zurückgeschreckt sei.5

Hier traten grundsätzliche Spannungen an die Oberfläche, die zunehmend zur Belastungsprobe für das Imperium wurden. Der Tendenz zur Zentralisierung stand das Streben der autonomen Städte nach Wiederherstellung ihrer Souveränität entgegen. Unter Naram-Sins Sohn und Nachfolger Sar-kali-sarri verschärften sich die Konflikte so weit, dass das Reich seinen inneren Zusammenhalt verlor. Gruppen von „Barbaren“ nutzten die aufbrechenden Machtvakuen, um sich im Innern zu erheben oder von außen ins babylonische Kerngebiet einzufallen. Die Keilschriftquellen nennen gleich mehrere dieser wohl vorwiegend mobilen Gruppen: die Martu bzw. Amurru in Syrien und die Guti im Zagros-Gebirge. Die Guti eroberten eine Reihe von Städten in Babylonien. Einige von ihnen inszenierten sich dort als Nachfolger der Akkad-Könige – einer, ein gewisser Erridu-pizir, übernahm sogar die Titulatur „König der vier Weltgegenden“, obwohl sein Herrschaftsbereich kaum über die Stadt Nippur hinausreichte. Die Eroberer assimilierten sich rasch und waren vermutlich kaum mehr von der sumerischen Bevölkerung zu unterscheiden, als Ur-Nammu (ca. 2112–2095 v. Chr.), König von Ur und Hauptakteur der nächsten Reichsbildung in Mesopotamien, sich brüstete, die Guti verjagt zu haben.

Die Geschichte von Aufstieg und Untergang des Akkad-Reiches enthält alle Elemente, die auch bei späteren Reichsbildungen wirksam wurden: Ein Herrscher mit obskurem, vielleicht nomadischem Hintergrund reißt die Herrschaft in einem Kerngebiet an sich. Das Machtzentrum expandiert, diverse Peripherien mit unterschiedlichen Graden von Herrschaftsintensität entstehen. Das Zentrum vermeidet die direkte Beherrschung seiner Peripherien und setzt stattdessen auf autonome Vasallen, deren Bewegungsfreiheit umso größer ist, je weiter sie sich vom Zentrum entfernt befinden. Autonomie und Herrschaftsintensität sind, vom Zentrum ausgehend, idealiter in konzentrischen Kreisen gestaffelt: Im Fall des Akkad-Reiches ist die normierende Kraft des Zentrums in Babylonien stärker fühlbar als in Obermesopotamien und Syrien. Den Machtverlust des Zentrums leiten innere Konflikte ein, oft begleitet von dynastischen Wirren und Perioden wirtschaftlichen Abschwungs. Synchron dazu und effektverstärkend gerät das Imperium auch von außen unter Druck: „Barbaren“ und konkurrierende imperiale Mächte perforieren die Reichsgrenzen, fügen den Herrschern Niederlagen zu und untergraben so ihr Prestige. Auf Dauer kann kein Imperium solchen negativen Konjunkturen trotzen. Das Reich zerfällt und macht einem Machtvakuum Platz, in dem ausgerechnet die antiimperialen Akteure von einst die Rolle einer neuen, sich oft bald ebenfalls imperial gebärdenden Ordnungsmacht übernehmen.

Syrien spielte in jedem imperialen Zyklus sowohl die Rolle der Peripherie mit geringer Herrschaftsintensität als auch die eines nahezu unerschöpflichen Reservoirs an nomadischen „Barbaren“, die sich im entscheidenden Moment in antiimperiale Akteure verwandeln, dann aber auch selbst zu Reichsgründern avancieren konnten: die Martu-Amurru ab dem späten 3. Jahrtausend v. Chr., die Achlamäer, Sutäer und Kassiten in der mittleren und die Aramäer in der späten Bronzezeit. Gegenüber den primären Zivilisations- und Machtzentren Babylonien und Ägypten hatte Syrien eine viel geringere Bevölkerungs- wie Siedlungsdichte; die agrarische Produktion war weniger intensiv; sämtliche sozialen und wirtschaftlichen Parameter weniger komplex. Im 2. Jahrtausend v. Chr. entstand im Norden ein drittes, sekundäres Machtzentrum: Schauplatz dieses Geschehens war aber nicht Syrien, sondern Kleinasien, wo zuerst die Hurriter, später die Hethiter gleich mehrere Anläufe zur Reichsbildung unternahmen. Fortan lag Syrien im geographischen Schnittpunkt gleich dreier imperialer Interessensphären.

Fernhandel und soziale Organisation im Alten Orient

Trotz ihrer relativen machtpolitischen Bedeutungslosigkeit spielte die Levante immer eine Schlüsselrolle für den Gütertransfer zwischen den großen Mächten. Hier befanden sich wichtige Rohstoffquellen: Stein und Holz waren im Bergland Syriens verfügbar und wurden in Mesopotamien wie Ägypten dringend gebraucht. Außerdem war Syrien Drehscheibe für den Handel mit Metallerzen, die zum großen Teil aus Kleinasien und von der Insel Zypern bezogen wurden. Mindestens seit dem späten Neolithikum verknüpfte ein dichtes Netz von Handelswegen die Levante mit Mesopotamien, von wo erste Anstöße zur Urbanisierung bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. die Region am oberen Euphrat und am Ḫābūr erreichten.6 Die Städte der levantinischen Küste, vor allem das nachmals phönizische Byblos, unterhielten einen regen Austausch mit Ägypten, das hier eine ähnliche Rolle spielte wie Mesopotamien für Innersyrien.7