Inhaltsverzeichnis

Alles bloß ein Traum?
Kicherkirschen
Frau Wuchtig hat eine Idee
Eine Fahrt ins Blaue
Vom Wald verschluckt?
Ein langer Marsch
Ein erfrischendes Bad
Ein verbotener Ritt
Ein tiefer Sturz
Nur Mut!
Eine Riesenüberraschung
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Alles bloß ein Traum?

Das Wetter war traumhaft. Die Sonne schien warm vom strahlend blauen Himmel herunter und weit und breit war nicht ein einziges winziges weißes Wölkchen zu sehen. Emmy rannte lachend über eine große Wiese voller bunter Sommerblumen. In der Ferne standen Apfelbäume, und dahinter lag eine eingezäunte Pferdekoppel, auf der ein kleines braunes Pony und zwei ausgewachsene Shetlandstuten weideten.

Emmy kletterte über den Zaun.
Sie streckte dem Pony
ihre flache Hand entgegen.
„Komm her“, sagte sie.
Langsam ging sie auf das Pony zu.
Es hatte ganz freundliche braune Augen.
„Komm schon“, lockte Emmy leise.
„Ich hab Zucker für dich.“
Das Pony stellte seine Ohren auf.
Dann trabte es heran.
Vorsichtig berührte es das Zuckerstück
auf Emmys Hand.
Seine Lippen waren ganz samtig.

Plötzlich ertönten laute Stimmen von der Wiese herüber. Emmy wartete, bis das Pony das Zuckerstück zwischen seine Lippen genommen hatte, dann wandte sie sich um. Am Zaun standen drei Mädchen aus Emmys Klasse und winkten. Es waren Nasra, Sina und Kim.

„Ist das etwa dein Pony?“, fragte Sina, die immer superweite Schlaghosen trug.

Emmy lief auf die Mädchen zu und nickte. „Das hab ich zum Geburtstag bekommen!“, rief sie voller Stolz.

„Dürfen wir da mal drauf reiten?“, wollte Nasra wissen und schüttelte ihre schwarzen Locken.

„Das geht nicht“, sagte Emmy. „Letty ist noch viel zu klein“, erklärte sie ihren Klassenkameradinnen. „Aber später mal, ja, wenn sie ausgewachsen ist?“

„Super!“, riefen Kim, Sina und Nasra im Chor.

„Das ist wirklich total nett von dir“, fügte Kim mit den hunderttausend lustigen Sommersprossen auf der Nase hinzu.

Emmy spürte eine warme Welle, die von ihrem Bauch herauf bis in ihre Brust schwappte.

„Kommt doch mal rüber!“, forderte sie die Mädchen fröhlich auf. „Dann könnt ihr Letty streicheln.“

 

Das ließen die Mädchen
sich nicht zweimal sagen.
Jubelnd kletterten sie über den Zaun.
Sina streichelte über die helle Blesse
auf Lettys Stirn.
Kim tätschelte den Hals des Ponys.
Nasra fuhr über die seidige Mähne.
„Das sind meine besten Freundinnen“,
sagte Emmy.
Das Pony schnaubte leise.
Dann stupste es sanft gegen Emmys Wange.

 

„Aufwachen, meine Süße!“, ertönte auf einmal Mamas Stimme.

Emmy schlug die Augen auf. „D-du bist ja gar nicht Letty“, stammelte sie.

„Nein“, sagte Mama. „Mein Name ist Bettina.“

Emmy verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen. „Und du bist auch kein Pony“, sagte sie.

Mama strich Emmy zärtlich die störrische, dunkle Ponylocke aus der Stirn und guckte plötzlich ganz ernst.

„Tut mir leid, meine Süße, aber du hast wohl wieder nur geträumt.“

„Ja“, sagte Emmy leise.
Natürlich besaß sie kein eigenes Pony.
Früher hatte Letty Opa gehört.
Emmy war oft auf ihr geritten.
Aber dann war Opa
in ein Altenheim gekommen.
Deshalb hatte er Letty verkauft.
„Außerdem musst du jetzt aufstehen“,
sagte Mama.
„Die Schule fängt bald an.“
Die Schule – ach ja!
Emmy hatte überhaupt keine Lust.

Eigentlich fand Emmy Schreiben, Lesen, Rechnen und Malen richtig toll. Es war ziemlich spannend zu erfahren, wie Wale, Hirsche oder Strauße lebten, welche Namen die einzelnen Pflanzen und Getreidesorten hatten oder wie eine Zahnpastatuben-Abfüllmaschine funktionierte.

Außerdem waren die meisten Lehrer total nett.

Wenn nur Sina, Nasra und Kim nicht wären!

 

Die waren nämlich total blöd.
Sie ärgerten Emmy.
Manchmal machten sie es einfach bloß so.
Manchmal aber auch,
weil Emmy ein doofes T-Shirt anhatte.
Und manchmal,
weil Emmy nie Schlaghosen trug.
Emmy konnte Schlaghosen nicht ausstehen.
Doofe T-Shirts mochte sie aber
noch viel weniger.