Für Eleonora
Auf dass die hohen Türme niederbrennen
Und jenes Antlitz bleibe immerfort,
Geht sachte um, wenn ihr schon müsst,
An diesem einsamen Ort.
Ein Viertel Frau, drei Viertel Kind glaubt sie,
Dass keiner guckt und übt
Den draußen aufgeschnappten
Kesselflickerschritt
Wie ein Wasserläufer auf dem Bach
Bewegt ihr Geist auf Stille sich
W.B. Yeats, Wasserläufer
Für Spieler wie mich ist das phantastische Schachspiel von Bobby Fischer, Boris Spasski und Anatoli Karpow immer ein Quell der Freude gewesen. Da es sich beim Damengambit jedoch um ein fiktives Werk handelt, schien es mir ratsam, sie in dem Buch nicht vorkommen zu lassen, und sei es nur, um Widersprüche mit tatsächlichen Ereignissen zu vermeiden.
Mein ganz besonderer Dank gilt Joe Ancrile, Fairfield Hoban und Stuart Morden, drei hervorragenden Schachspielern, die mir bei Büchern, Zeitschriften und Turnierregeln geholfen haben. Glücklich schätzen darf ich mich ferner über die großherzige Hilfe von Schachmeister Bruce Pandolfini, der den Text gewissenhaft Korrektur gelesen und mich damit bei dem Spiel, das er so beneidenswert gut beherrscht, vor Fehlern bewahrt hat.
Vom Tod ihrer Mutter erfuhr Beth von einer Frau mit einem Klemmbrett. Am Tag danach erschien im Herald-Leader ein Foto von Beth. Darauf stand sie in einem schlichten Baumwollkleid auf der Veranda des grauen Hauses am Maplewood Drive. Selbst damals war sie ein unscheinbares Ding. Unter dem Foto hieß es: »Elizabeth Harmon, durch den gestrigen Auffahrunfall auf der New Circle Road zur Waise geworden, blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Seit dem Unfall, der zwei Tote und mehrere Verletzte forderte, hat die achtjährige Elizabeth keine Angehörigen mehr. Das Mädchen, das zu dem Zeitpunkt allein zu Hause war, erfuhr von der Tragödie, kurz bevor das Foto geschossen wurde. Nach Mitteilung der Behörden wird sie staatlicher Fürsorge anvertraut.«
Im Methuen-Kinderheim in Mount Sterling, Kentucky, bekam Beth, wie alle anderen Kinder auch, zweimal am Tag ein Beruhigungsmittel. Es sollte ihnen zu einem »ausgeglichenen Gemüt« verhelfen. Soweit sich das beurteilen ließ, war mit Beths Gemüt alles in Ordnung, doch schluckte sie die kleine Pille gerne. Tief im Magen lockerte sie etwas, und die zermürbenden Stunden im Heim ließen sich leichter verdösen.
Mr. Fergussen händigte ihnen die Pillen in einem kleinen Pappbecher aus. Neben den grünen für den Gemütsausgleich bekamen sie auch orangefarbene und braune zur Stärkung des Körpers. Die Kinder mussten dafür anstehen.
Die Größte unter ihnen war das schwarze Mädchen, Jolene. Sie war zwölf. Am zweiten Tag stand Beth hinter ihr in der Vitaminschlange. Jolene drehte sich zu ihr um und fragte mürrisch: »Echte Waise oder Bastard?«
Beth wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte Angst. Sie standen weit hinten in der Schlange und durften nicht weg, bis sie an das Ausgabefenster gelangten, hinter dem Mr. Fergussen stand. Beth hatte mitbekommen, wie ihre Mutter den Vater einen Bastard nannte, aber sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
»Wie heißt du, Kleine?«, fragte Jolene.
»Beth.«
»Ist deine Mutter tot? Und dein Vater?«
Beth starrte sie an. Die Wörter »Mutter« und »tot« waren unerträglich. Sie wollte davonlaufen, konnte aber nirgends hin.
»Deine Eltern«, sagte Jolene, und es klang beinahe mitfühlend, »sind die tot?«
Beth brachte nichts heraus. Wie versteinert stand sie in der Schlange und wartete auf ihre Pillen.
»Gierige Schwanzlutscher seid ihr alle!« Es war Ralph aus dem Jungentrakt, der das rief. Sie hörte es, weil ein Fenster der Bibliothek zu dem Trakt hinausging. Unter einem »Schwanzlutscher« konnte sie sich nichts Rechtes vorstellen, es war ein seltsames Wort. Sie war sich aber vom Klang her sicher, dass man dem Jungen den Mund mit Seife auswaschen würde. Bei ihr hatten sie das wegen »verdammt« getan, dabei hatte ihre Mutter das ständig gesagt.
Beim Friseur musste sie vollkommen reglos dasitzen. »Nicht rühren, sonst ist ein Ohr ab.« In seiner Stimme lag keine Spur Humor. Beth bewegte sich so wenig wie möglich, aber völlig still sitzen konnte sie nicht. Der Friseur brauchte ewig lange für den Ponyschnitt, den er allen hier verpasste. Um sich abzulenken, dachte sie über das Wort »Schwanzlutscher« nach. Sie konnte sich darunter höchstens einen Vogel vorstellen, einen Mauersegler oder so. Aber sie spürte, das war es nicht.
Der Hausmeister war auf der einen Körperseite dicker als auf der anderen. Er hieß Shaibel. Mr. Shaibel. Als Beth eines Tages in den Keller musste, um dort die Tafelwischer auszuklopfen, sah sie ihn auf einem Metallhocker neben dem Heizkessel sitzen und nachdenklich auf ein grünweißes Damebrett starren. Doch anstatt der Damesteine standen seltsame geformte Plastikdinger darauf, manche größer als die andern. Von den kleineren gab es besonders viele. Der Hausmeister blickte zu ihr auf. Da verließ sie schweigend den Raum.
Freitags gab es Fisch, ob man katholisch war oder nicht. Es waren quadratische Stücke in einer dunkelbraunen, trockenen Panade, überzogen von einer dickflüssigen orangen Sauce, die wie Salatdressing aus der Flasche aussah. Die Sauce schmeckte süßlich und überhaupt furchtbar, der Fisch darunter war noch schlimmer. Er reizte sie beinahe zum Brechen. Aber man musste ihn bis zum letzten Bissen aufessen, sonst kam das Mrs. Deardorff zu Ohren, und dann wurde man nicht adoptiert.
Manche Kinder wurden vom Fleck weg adoptiert. Eine Sechsjährige namens Alice war einen Monat nach Beth ins Heim gekommen und nach gerade mal drei Wochen von nett aussehenden Leuten mit einem fremden Akzent mitgenommen worden. Als sie Alice abholten, gingen sie durch die Mädchenabteilung. Beth hätte sie am liebsten umarmt, so glücklich wirkten sie, doch als die beiden sie ansahen, wandte sie sich ab. Andere Kinder waren schon lange da und wussten, dass sie hier niemals wegkommen würden. Sie nannten sich selber »Lebenslängliche«. Beth fragte sich, ob sie auch eine »Lebenslängliche« war.
Der Sportunterricht war furchtbar, und am schlimmsten war Volleyball. Nie erwischte Beth den Ball richtig. Entweder sie drosch wild auf ihn ein, oder sie drückte ihn mit steifen Fingern weg. Einmal tat sie sich dabei so weh, dass ihr Finger anschwoll. Die meisten anderen Mädchen lachten und riefen beim Volleyball, Beth nie.
Mit Abstand die beste Spielerin war Jolene, und das nicht nur, weil sie älter und größer war. Sie wusste immer genau, was zu tun war, und wenn der Ball in hohem Bogen übers Netz flog, kam sie genau darunter zu stehen, ohne »Aus dem Weg« schreien zu müssen, und dann schnellte sie hoch und schmetterte den Ball mit einer langen, geschmeidigen Armbewegung hinüber. Wer Jolene in der Mannschaft hatte, gewann immer.
Eine Woche nachdem Beth sich am Finger verletzt hatte, nahm Jolene sie beiseite, als die anderen Mädchen schon zu den Duschen liefen. »Ich zeig dir mal was«, sagte sie. Sie hielt die Hände nach oben, die langen Finger gespreizt und leicht gebogen. »So macht man das.« Dann winkelte sie die Arme an und ließ die Hände, die einen imaginären Ball umfassten, sanft nach oben wippen.
»Versuch’s mal.«
Beth versuchte es, zunächst recht linkisch. Lachend zeigte Jolene es ihr noch einmal. Beth probierte es wieder, und allmählich klappte es besser. Dann holte Jolene den Ball, und Beth musste ihn mit den Fingerspitzen auffangen. Nach ein paarmal fiel ihr das sogar leicht.
»Das übst du mir, hörst du?«, sagte Jolene und eilte in die Dusche.
Beth übte die ganze Woche über, und von da an machte Volleyball ihr nichts mehr aus. Sie wurde nicht gut darin, hatte aber keine Angst mehr davor.
Jeden Dienstag nach dem Matheunterricht schickte Miss Graham Beth mit den Tafelwischern nach unten. Das galt als Privileg – Beth war die beste Schülerin der Klasse, obwohl sie die jüngste war. Sie mochte den Keller nicht, es roch dort muffig, und sie fürchtete sich vor Mr. Shaibel. Doch wollte sie mehr über das Spiel erfahren, das er für sich allein auf dem Brett spielte.
Eines Tages ging sie hin, stellte sich neben ihn und wartete, bis er eine Figur bewegte. Er griff nach einer von denen mit einem Pferdekopf auf einem kleinen Sockel. Dann blickte er auf und sah sie missbilligend an. »Was willst du?«
Normalerweise ging sie jeder Begegnung aus dem Weg, erst recht mit Erwachsenen, doch diesmal machte sie keinen Rückzieher. »Wie heißt das Spiel?«, fragte sie.
Er starrte sie an. »Du solltest oben bei den anderen sein.«
Sie sah ihn ausdruckslos an; gerade weil der Mann so beharrlich an dem geheimnisvollen Spiel saß, ließ Beth sich nicht abwimmeln. »Ich will nicht bei den anderen sein. Ich will wissen, was für ein Spiel das ist.«
Er sah sie genauer an. Dann zuckte er die Achseln. »Es heißt Schach.«
Zwischen Mr. Shaibel und dem Heizkessel hing an einem schwarzen Kabel eine nackte Glühbirne herab. Beth gab acht, dass ihr Kopf keinen Schatten auf das Brett warf. Es war Sonntagmorgen. Oben in der Bibliothek war Gottesdienst, und sie hatte die Hand gehoben, um austreten zu dürfen, und war dann in den Keller gekommen. Zehn Minuten lang stand sie da und sah dem Hausmeister beim Schachspielen zu. Keiner der beiden sagte etwas, doch schien er ihre Anwesenheit hinzunehmen.
Minutenlang starrte er die Figuren an, reglos, mit einem Blick, als würde er sie hassen, dann beugte er sich über seinen Bauch, hob eine Figur mit den Fingerspitzen an, hielt sie einen Moment in der Luft, als würde er eine tote Maus am Schwanz halten, und stellte sie auf ein anderes Feld. Zu Beth sah er nicht auf.
Beth hatte den schwarzen Schatten ihres Kopfes vor sich auf dem Betonboden und sah unverwandt auf das Brett. Sie beobachtete jeden Zug.
Sie war auf die Idee gekommen, sich die Beruhigungspillen bis zur Nacht aufzuheben. Sie halfen ihr in den Schlaf. Wenn Mr. Fergussen ihr die längliche Pille aushändigte, steckte sie sie in den Mund, ließ sie unter die Zunge rutschen, nahm einen Schluck von dem Orangensaft, den man dazu bekam, und sobald Mr. Fergussen beim nächsten Kind war, nahm sie die Pille aus dem Mund und steckte sie in die Tasche ihrer Matrosenbluse. Die Pille hatte einen harten Überzug und zerging nicht gleich unter der Zunge.
Die ersten zwei Monate im Heim hatte sie sehr wenig geschlafen. Sie versuchte es, lag mit fest geschlossenen Augen ganz still da, doch dann hörte sie die anderen Mädchen in ihren Betten husten, sich umdrehen oder vor sich hin murmeln, oder die Nachtaufseherin ging den Korridor entlang und ihr Schatten fiel auf Beths Bett, sie sah es selbst mit geschlossenen Augen. In der Ferne klingelte ein Telefon, oder eine Toilettenspülung ging. Am schlimmsten aber war es, wenn sie vom Pult am Ende des Korridors Stimmen hörte. Egal wie leise die Nachtaufseherin mit dem Nachtwächter sprach, egal wie freundlich es klang, Beth war augenblicklich angespannt und hellwach. Ihr Magen zog sich zusammen, im Mund hatte sie Essiggeschmack, und an Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken.
Nun kuschelte sie sich ins Bett, ließ die Spannung in ihrem Magen genüsslich aufkommen, wusste sie doch, dass sie bald vergehen würde. Einsam wartete sie im Dunkeln, horchte in sich hinein, bis der innere Aufruhr seinen Höhepunkt erreichte. Dann schluckte sie die beiden Pillen und lag da, bis ein Wohlgefühl ihren Körper durchflutete wie warme Meereswogen.
»Bringen Sie mir das bei?«
Mr. Shaibel erwiderte nichts, quittierte die Frage nicht einmal mit einer Kopfbewegung. Von oben her erklang gedämpft »Holt die goldnen Garben«.
Minutenlang wartete sie ab. Ihr brach fast die Stimme, so schwer fielen ihr die Worte, aber sie presste sie dennoch heraus: »Ich will Schach spielen lernen.«
Mit feister Hand griff Mr. Shaibel nach einer der größeren schwarzen Figuren, hob sie geschickt an und stellte sie auf ein Feld am anderen Brettende. Er zog die Hand zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Noch immer sah er Beth nicht an. »Mit Fremden spiele ich nicht.«
Die tonlose Stimme war wie ein Schlag ins Gesicht. Beth drehte sich um und ging. Als sie die Treppe hinaufstieg, hatte sie wieder den schlechten Geschmack im Mund.
»Ich bin keine Fremde«, sagte sie zwei Tage später zu ihm. »Ich wohne hier.« Hinter ihrem Kopf schwirrte eine Motte um die Glühbirne, ihr fahler Schatten fuhr regelmäßig über das Brett. »Sie können es mir beibringen. Ein bisschen was weiß ich schon vom Zuschauen.«
»Schach ist nichts für Mädchen.« Die Stimme wieder tonlos.
Beth zwang sich, einen Schritt näher zu treten, und deutete auf eine der Figuren, hütete sich aber, sie zu berühren. In ihrer Vorstellung war die runde Figur eine Kanone. »Die da geht rauf und runter oder nach links und rechts. So weit, wie sie Platz hat.«
Mr. Shaibel schwieg eine Weile. Dann deutete er auf die Figur, die aussah, als hätte sie obendrauf eine halbierte Zitrone. »Und die?«
Ihr hüpfte das Herz. »Geht über die Diagonale.«
Man konnte abends nur die eine Pille nehmen und sich die andere aufheben. Die aufgesparten bewahrte Beth in ihrem Zahnbürstenetui auf, dort würde bestimmt niemand nachsehen. Sie musste nur nach dem Zähneputzen die Bürste mit einem Papierhandtuch möglichst gut abtrocknen, oder sie gar nicht erst benutzen und die Zähne mit dem Finger putzen.
Eines Abends nahm sie zum ersten Mal drei Pillen, eine nach der anderen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf; sie hatte etwas Wichtiges entdeckt. Sie lag in ihrem verwaschenen Schlafanzug auf dem kleinen Bett, am ungünstigsten Platz des Mädchentrakts, gleich neben der Korridortür und weit entfernt von der Toilette, und ließ dieses Glühen durch den ganzen Körper strömen. Etwas in ihrem Leben hatte sich gelöst: Sie kannte die Schachfiguren und wusste, wie man sie bewegte und sie schlug, und sie hatte herausgefunden, wie sie mit den Pillen, die das Waisenhaus ihr gab, die Spannung im Magen und in den Gelenken in ein Wohlgefühl verwandeln konnte.
»Okay«, sagte Mr. Shaibel. »Wir können jetzt Schach spielen. Ich habe Weiß.«
Sie stand mit ihren Tafelwischern da. Die Mathematikstunde war vorbei, und in zehn Minuten würde Erdkunde beginnen. »Ich habe nicht viel Zeit«, erwiderte sie. Am Sonntag davor hatte sie in der Stunde, die sie sich während des Gottesdienstes fortstehlen konnte, alle Züge gelernt. Sie musste sich beim Gottesdienst nur zu Anfang blicken lassen, danach vermisste sie niemand, denn es kam immer eine Gruppe von Mädchen aus dem Kinderheim am anderen Ende der Stadt. In Erdkunde war das anders. Obwohl sie die Klassenbeste war, hatte sie eine Heidenangst vor Mr. Schell.
Der Hausmeister sprach wieder tonlos. »Jetzt oder nie.«
»Ich habe Erdkunde …«
»Jetzt oder nie.«
Sie zögerte nur eine Sekunde. Hinter dem Kessel hatte sie eine alte Milchkiste gesehen, die zog sie vor die andere Seite des Bretts, setzte sich und sagte: »Ziehen Sie.«
Er setzte sie in vier Zügen matt, mit dem sogenannten Schäfermatt, wie sie später erfahren sollte. Das ging schnell, aber nicht schnell genug, sie kam mit einer Viertelstunde Verspätung in den Erdkundeunterricht. Sie behauptete, sie sei auf der Toilette gewesen.
Mr. Schell stand an der Tafel, die Hände in die Hüften gestützt. Er ließ seinen Blick über die Klasse schweifen. »Hat eine der jungen Damen diese junge Dame in der Damentoilette gesehen?«
Unterdrücktes Kichern. Keine meldete sich, nicht einmal Jolene, obwohl Beth schon zweimal für sie gelogen hatte.
»Und wer von den jungen Damen war vor dem Unterricht auf der Damentoilette?«
Wieder Kichern, drei Hände gingen hoch.
»Und hat eine von euch Beth dort gesehen? Wie sie sich etwa die hübschen Händchen gewaschen hat?«
Keine Antwort. Mr. Schell wandte sich wieder der Tafel zu, auf der er gerade die Exportgüter Argentiniens auflistete, und setzte »Silber« hinzu. Beth dachte schon, es sei vorbei. Dann aber sagte Mr. Schell mit dem Rücken zur Klasse: »Fünf Tadel.«
Bei zehn Tadeln gab es Schläge mit einem Ledergurt. Bisher hatte Beth den Gurt nur in ihrer Vorstellung gespürt, doch nun steigerte sich das zur Vision eines brennenden Schmerzes am Hintern. Sie legte die Hand aufs Herz und ertastete in der Brusttasche ihrer Bluse die Morgenpille. Sofort ließ die Furcht nach. Sie stellte sich das Zahnbürstenetui vor, den länglichen, viereckigen Plastikbehälter, denn dort, in der Schublade des kleinen Metallkastens neben ihrem Bett, waren jetzt vier Pillen.
Am Abend lag sie ausgestreckt in ihrem Bett. Ihre Pille hatte sie noch nicht geschluckt, sie hielt sie noch in der Hand. Sie lauschte auf die nächtlichen Geräusche, die ihr umso lauter erschienen, je mehr sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Vorne am Pult begann Mr. Byrne ein Gespräch mit Mrs. Holland. Beths Körper straffte sich. Sie blinzelte und sah hinauf zur dunklen Decke, zwang sich, dort das Schachbrett mit seinen grünen und weißen Feldern zu sehen. Dann stellte sie die Figuren auf ihre Grundfelder: Turm, Springer, Läufer, Dame, König, davor die Reihen der Bauern. Sie zog den weißen Königsbauern zwei Felder vor. Den schwarzen ebenfalls. Sie konnte das! Es war ganz einfach. Sie machte weiter und spielte die verlorene Partie nach.
Sie zog mit Mr. Shaibels Springer. Ganz deutlich stand er im Geist vor ihr, auf dem grün-weißen Schachbrett an der Decke des Schlafsaals.
Die Geräusche hatten sich in ein weißes, harmonisches Hintergrundrauschen verwandelt. Glücklich lag sie im Bett und spielte Schach.
Am folgenden Sonntag verhinderte sie das Schäfermatt mit ihrem Königsspringer. Sie war die Partie im Geist hundertmal durchgegangen, bis Wut und Demütigung sich verflüchtigt hatten und die Figuren, das Brett in ihrer nächtlichen Vision klar vor ihr standen. Als sie am Sonntag zu Mr. Shaibel kam, war alles durchgeplant, und sie zog den Springer wie in einem Traum. Die Figur mit dem kleinen Pferdekopf fühlte sich gut an in ihrer Hand. Als sie den Springer auf das Feld stellte, verzog der Hausmeister das Gesicht. Er griff zu seiner Dame und bot Beth damit Schach. Darauf war Beth aber auch vorbereitet, sie hatte es nachts in ihrem Bett gesehen.
Er brauchte vierzehn Züge, um ihre Dame einzusperren. Sie wollte den tödlichen Verlust nicht wahrhaben und damenlos weiterspielen, doch er streckte den Arm aus und blockierte ihre Hand, die gerade einen Bauern ziehen wollte. »Du gibst jetzt auf«, sagte er in rauem Ton.
»Aufgeben?«
»Ganz recht, Kleine. Wenn man auf diese Art die Dame verliert, gibt man auf.«
Verständnislos starrte sie ihn an. Er ließ ihre Hand los, nahm ihren schwarzen König und legte ihn aufs Schachbrett, wo er kurz vor- und zurückrollte und dann still lag.
»Nein«, sagte sie.
»Doch. Du hast aufgegeben.«
Sie wollte ihn mit irgendetwas schlagen. »Von dieser Regel haben Sie mir nichts gesagt.«
»Es ist auch keine Regel. Es ist Sportsgeist.«
Jetzt wusste sie zwar, was er meinte, aber es passte ihr nicht. »Ich will zu Ende spielen«, sagte sie, nahm den König und setzte ihn zurück auf sein Feld.
»Nein.«
»Sie müssen das zu Ende spielen.«
Da hob er die Augenbrauen und stand auf. Im Keller hatte sie ihn noch nie stehen sehen, nur draußen in den Gängen, beim Kehren, oder in den Klassenzimmern, wenn er die Tafeln saubermachte. Er musste sich etwas ducken, um sich an den Balken der niedrigen Decke nicht den Kopf anzustoßen. »Nein«, wiederholte er. »Du hast verloren.«
Das war nicht fair. Sportsgeist interessierte sie nicht. Sie wollte spielen, und sie wollte gewinnen. Mehr, als sie je irgendetwas zuvor gewollt hatte. So sagte sie ein Wort, das sie seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr ausgesprochen hatte: »Bitte.«
»Das Spiel ist vorbei.«
Wütend stierte sie ihn an. »Sie gieriger …«
Er ließ die Arme fallen und sagte bedächtig: »Kein Schach mehr. Raus mit dir.«
Wäre sie nur größer gewesen. Aber nein. Sie stand vom Schachbrett auf und ging zur Treppe, der Hausmeister sah ihr schweigend nach.
Als sie am Dienstag mit den Tafelwischern in den Keller wollte, war die Tür verschlossen. Sie versuchte sie zweimal mit der Hüfte aufzudrücken, erfolglos. Beth klopfte, erst sanft, dann laut, aber von innen war nichts zu hören. Das war furchtbar. Sie wusste, dass er an seinem Brett saß, dass er bloß immer noch verärgert war, doch konnte sie nichts machen. Als sie die Tafelwischer zurückbrachte, fiel Miss Graham nicht einmal auf, dass sie nicht sauber waren und Beth weniger lang gebraucht hatte als sonst.
Am Donnerstag war sie auf das Gleiche gefasst. Aber die Tür stand offen, und als sie die Stufen hinunterging, tat Mr. Shaibel so, als wäre nichts geschehen. Die Schachfiguren waren schon aufgestellt. Sie machte rasch die Tafelwischer sauber und setzte sich ans Brett. Da hatte Mr. Shaibel schon seinen Königsbauern zwei Felder vorgesetzt, und sie tat es ihm nach. Diesmal würde sie keine Fehler machen.
Er erwiderte ihren Zug rasch, und auch sie zog sofort wieder. Sie sprachen kein Wort miteinander, setzten die Partie Zug um Zug fort. Sie konnte die Spannung zwischen ihnen spüren, und das gefiel ihr.
Im zwanzigsten Zug setzte Mr. Shaibel einen Springer auf ein unglückliches Feld, Beth konnte dadurch einen Bauern auf die sechste Reihe bringen. Er zog den Springer zurück. Damit hatte er einen Zug vergeudet, und Beth durchfuhr ein Schauer, als sie das sah. Sie tauschte ihren Läufer gegen seinen Springer ab. Als sie wieder an der Reihe war, rückte sie mit ihrem Bauern noch ein Feld vor. Beim nächsten Zug würde sie ihn in eine Dame verwandeln können.
Mr. Shaibel starrte auf das Brett, dann stieß er verärgert seinen König um. Keiner der beiden sagte etwas. Es war Beths erster Sieg. All die Spannung war wie weggeblasen, und Beth spürte in sich etwas Wunderschönes, so schön wie noch nie zuvor in ihrem Leben.
Das Mittagessen an Sonntagen konnte sie gut auslassen, niemandem fiel das auf. So hatte sie drei Stunden mit Mr. Shaibel, bis er um halb drei nach Hause ging. Sie sprachen kein Wort, weder er noch sie. Er spielte immer mit den weißen Figuren und tat den ersten Zug, sie hatte immer Schwarz. Sie hätte ihn gern mal gefragt, warum eigentlich, hielt sich aber zurück.
Eines Sonntags gewann er nur knapp, und er sagte: »Du solltest die Sizilianische Verteidigung lernen.«
»Was ist das?«, fragte sie gereizt.
Die Niederlage nagte an ihr. In der Woche davor hatte sie ihn zweimal geschlagen.
»Wenn Weiß mit dem Königsbauern zwei Schritte tut, spielt Schwarz darauf das hier.« Er tat den Zug mit dem weißen Bauern, den er fast immer spielte, dann griff er zu dem Bauern vor dem schwarzen Damenläufer und setzte ihn ebenfalls zwei Schritte vor. So etwas zeigte er ihr zum ersten Mal.
»Und dann?«, fragte sie.
Er nahm den Königsspringer und placierte ihn zur Rechten des Bauern. »Springer auf f3.«
»Was ist f3?«
»Da, wo ich den Springer hingestellt habe.«
»Haben die Felder Namen?«
Ausdruckslos nickte er. Sie spürte, dass er selbst mit diesem bisschen Information nicht herausrücken wollte. »Wenn du gut spielst, schon.«
Sie beugte sich vor. »Erklären Sie mir das.«
Er blickte auf sie hinab. »Nein. Nicht jetzt.«
Das machte sie wütend. Dass man vor anderen Geheimnisse hatte, verstand sie. Sie hatte ihre eigenen. Trotzdem hätte sie ihm am liebsten übers Brett hinweg ins Gesicht geschlagen, um ihn zum Reden zu bringen. Sie atmete tief durch. »Das ist also die Sizilianische Verteidigung?«
Er schien erleichtert zu sein, dass sie nicht weiter nach den Feldernamen fragte. »Das ist noch nicht ganz alles.« Er machte weiter, zeigte ihr die grundlegenden Züge und diverse Varianten. Die Namen der Felder benutzte er dabei nicht. Er zeigte ihr die Löwenfisch- und die Najdorf-Variante und forderte sie auf, diese jeweils nachzuspielen. Was sie fehlerfrei tat.
Als sie danach eine echte Partie spielten, begann er aber mit dem Damenbauern, und sie begriff sofort, dass alles, was er ihr soeben beigebracht hatte, in dieser Situation nutzlos war. Sie warf ihm einen hasserfüllten Blick zu. Hätte sie in dem Moment ein Messer gehabt, hätte sie für nichts garantieren können. Doch sie blickte wieder auf das Brett und zog ebenfalls ihren Damenbauern, wild entschlossen, ihn zu besiegen.
Er wiederum zog den Bauern vor seinem Damenläufer. Das tat er oft. »Ist das auch so was? Wie die Sizilianische Verteidigung?«, fragte sie.
»Eine Eröffnung.« Er blickte vom Brett nicht auf.
»Ist es eine?«
Er zuckte die Schultern. »Es ist das Damengambit.«
Sie fühlte sich gleich besser, denn sie hatte wieder etwas von ihm gelernt. Sie beschloss, den angebotenen Bauern nicht zu nehmen, sondern lieber die Spannung auf dem Brett aufrechtzuerhalten. So gefiel ihr das besser. Sie liebte die Macht, die die Figuren über die Linien und Diagonalen hatten. Mitten in der Partie, wenn sich die Figuren übers ganze Brett verteilten, fand sie es erregend, wie sich die Energieströme kreuzten. Sie brachte ihren Königsspringer heraus und spürte, wie seine Kraft sich entfaltete.
In zwanzig Zügen eroberte sie seine beiden Türme, und er gab auf.
Sie drehte sich im Bett zur Seite und zog ein Kissen über den Kopf, um das Licht, das unter der Korridortür hindurchschien, auszublenden, und begann zu überlegen, wie man mit einem Läufer und einem Turm plötzlich Schach bieten könnte. Wenn man den Läufer wegzog, stand der König im Schach, und der Läufer konnte im nächsten Zug tun, was er wollte – sogar die Dame schlagen. Lange lag sie so da und grübelte über diesen starken Angriff nach. Dann nahm sie das Kopfkissen weg, drehte sich auf den Rücken, stellte sich das Schachbrett an der Decke vor und spielte ihre Partien mit Mr. Shaibel durch, eine nach der anderen. Sie entdeckte zwei Gelegenheiten für die soeben von ihr erfundene Turm-Läufer-Situation. In der einen Partie hätte sie sie durch eine Doppeldrohung erzwingen können, in der anderen hätte sie sich an die Position wohl auch irgendwie herangeschmuggelt. Sie spielte die zwei Partien mit den neuen Zügen durch und gewann beide. Glückselig lächelnd schlief sie ein.
Der Mathelehrer beauftragte einen Mitschüler, die Tafelwischer sauberzumachen, Beth brauche mal eine Pause. Das war unfair, denn Beth hatte in Mathe noch immer ausgezeichnete Noten, aber da war nichts zu machen. Wenn der rothaarige kleine Junge mit den Tafelwischern hinausging, musste sie sitzen bleiben und mit zitternder Hand sinnlose Additionen und Subtraktionen vollführen. Von Tag zu Tag wuchs ihre Sehnsucht, Schach zu spielen.
Am Dienstag und am Mittwoch schluckte sie nur eine Pille und hob sich die andere auf. Am Donnerstag schaffte sie es einzuschlafen, nachdem sie etwa eine Stunde lang im Kopf Schach gespielt hatte, und so sparte sie gleich zwei Pillen auf. Am Freitag hielte sie es ebenso. Den ganzen Samstag über, beim Abwasch in der Cafeteriaküche, beim christlichen Erbauungsfilm am Nachmittag in der Bibliothek und beim Vortrag über Persönliche Weiterentwicklung vor dem Abendessen, konnte sie jederzeit ein leises Glühen in sich aufkommen lassen, wusste sie doch, dass sie im Zahnbürstenetui sechs Pillen hatte.
Als am Abend das Licht gelöscht wurde, nahm sie alle Pillen, eine nach der anderen, und wartete ab. Es war ein herrliches Gefühl, das dann in ihr aufbrandete, ein süßes Behagen im Bauch, und alles, was an ihrem Körper steif war, löste sich nach und nach. Sie blieb so lange wach wie nur möglich, um die Wärme in sich auszukosten, diese tiefe chemische Seligkeit.
Als Mr. Shaibel sie am Sonntag fragte, wo sie denn gesteckt habe, war sie überrascht, dass ihn das überhaupt kümmerte. »Ich durfte nicht aus der Klasse raus«, sagte sie.
Er nickte. Die Schachfiguren waren aufgestellt, und verblüfft bemerkte sie, dass die weißen Figuren auf ihrer Seite standen und die Milchkiste schon an Ort und Stelle war.
»Soll ich als Erste ziehen?«, fragte sie ungläubig.
»Ja. Von jetzt an wechseln wir ab. So ist das eigentlich gedacht.«
Sie setzte sich und zog mit dem Königsbauern. Wortlos tat Mr. Shaibel den Zug mit dem Bauern vor dem Damenläufer. Sie hatte die Züge nicht vergessen. Sie vergaß nie einen Schachzug. Sie spielte die Löwenfisch-Variante und behielt stets seinen Läufer im Auge, der die lange Diagonale beherrschte und nur darauf wartete loszuschlagen. Im siebzehnten Zug fand sie einen Weg, den Läufer unschädlich zu machen. Sie tauschte ihn gegen ihren schwachen Läufer ab, rückte mit ihrem Springer vor und brachte einen Turm heraus. Zehn Züge später setzte sie matt.
Es war ganz einfach gewesen – im Grunde brauchte man nur die Augen offen zu halten und sich vorzustellen, wie das Spiel weitergehen konnte.
Das Matt überrumpelte ihn; sie nahm ihren Turm von der Grundlinie und setzte ihn am anderen Ende des Schachbretts klackend auf das Mattfeld. »Matt«, sagte sie tonlos.
Mr. Shaibel war irgendwie anders an dem Tag. Er reagierte nicht so mürrisch wie sonst, wenn sie ihn besiegte. Stattdessen beugte er sich vor und sagte: »Jetzt bringe ich dir die Notation bei.«
Sie blickte zu ihm auf.
»Die Namen der Felder. Die lernst du jetzt.«
Sie blinzelte. »Bin ich jetzt gut genug?«
Er setzte zu etwas an, hielt aber inne. »Wie alt bist du, Kleine?«
»Acht.«
»Acht.« Wieder beugte er sich vor – so weit sein Wanst es zuließ. »Um ganz ehrlich zu sein: Du bist erstaunlich.«
Sie begriff nicht, was er da sagte.
»Entschuldige kurz.« Mr. Shaibel griff zu einer fast leeren Flasche, die auf dem Boden stand. Er warf den Kopf zurück und trank.
»Ist das Whiskey?«, fragte Beth.
»Ja. Sag’s aber keinem.«
»Nein, keine Sorge. Bringen Sie mir die Notation bei.«
Er stellte die Flasche wieder ab. Beth sah ihm dabei zu und fragte sich, wie Whiskey schmeckte und was das wohl für ein Gefühl wäre, wenn sie welchen trank. Dann richtete sie ihren Blick und ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Brett mit den zweiunddreißig Figuren, von denen jede ihre ganz eigene Kraft ausstrahlte.
Irgendwann mitten in der Nacht wurde sie wach. Jemand saß an ihrem Bettrand. Sie wurde ganz steif.
»Ganz ruhig«, flüsterte Jolene, »ich bin’s bloß.«
Beth erwiderte nichts, sie lag nur da und wartete.
»Willst du was probieren, was Spaß macht?« Jolene ließ eine Hand unter die Bettdecke gleiten und legte sie sanft auf Beths Bauch. Beth lag auf dem Rücken. Die Hand blieb dort liegen, und Beths Körper blieb stocksteif.
»Sei nicht so verklemmt«, flüsterte Jolene. »Ich tu dir nicht weh.« Sie kicherte leise. »Ich bin bloß gerade geil. Weißt du, wie das ist, wenn man geil ist?«
Beth wusste es nicht.
»Entspann dich. Ich reib nur ein bisschen rum. Das fühlt sich gut an, wenn du mich machen lässt.«
Beth wandte den Kopf zur Korridortür. Sie war zu. Wie gewöhnlich schien unten Licht durch. Vom Pult her hörte sie ferne Stimmen.
Jolenes Hand wanderte weiter nach unten. Beth schüttelte den Kopf. »Hör …«, flüsterte sie.
»Still jetzt«, sagte Jolene. Ihre Hand glitt noch weiter hinunter, nun rieb sie mit einem Finger hin und her. Es tat nicht weh, doch irgendetwas in Beth sträubte sich dagegen. Sie merkte, wie sie schwitzte. »Oh Mann«, sagte Jolene, »das fühlt sich jetzt sicher gut an.« Sie schmiegte sich näher an Beth heran und zog mit der anderen Hand eine von Beths Händen zu sich. »Fass du mich auch an.«
Beth ließ ihre Hand erschlaffen. Jolene führte sie unter ihr Nachthemd bis zu einer Stelle, die sich warm und feucht anfühlte.
»Komm schon, drück ein bisschen«, flüsterte Jolene so eindringlich, dass Beth Angst bekam. Sie tat, was von ihr verlangt wurde, und drückte fester.
»Na los, Süße, mach schon, rauf und runter. So.« Jolene bewegte ihren Finger auf Beth. Es war entsetzlich. Beth rieb Jolene ein paarmal, gab sich Mühe, ganz konzentriert auf das, was sie da tat. Ihr Gesicht war schweißüberströmt, und ihre freie Hand krampfte sich ins ins Betttuch.
Da war Jolenes Gesicht auf einmal vor ihrem und ihr Arm an Beths Brust. »Schneller«, flüsterte Jolene. »Schneller!«
»Nein«, sagte Beth laut, völlig verängstigt. »Nein, ich will das nicht!« Sie zog ihre Hand weg.
»Verdammte Scheiße«, sagte Jolene ebenso laut.
Auf dem Korridor hörte man rasche Schritte, und die Tür ging auf. Licht strömte herein. Es war eine Frau vom Nachtpersonal, die Beth nicht kannte. Gut eine Minute blieb sie dort stehen. Alles war ruhig. Jolene war weg. Beth wagte nicht nachzusehen, ob sie wieder in ihrem Bett lag. Schließlich ging die Frau wieder. Beth lugte hinüber und sah Jolenes Umrisse in ihrem Bett. Beth hatte drei Pillen in der Schublade und schluckte sie alle. Dann legte sie sich auf den Rücken und wartete darauf, dass der schlechte Geschmack verging.
Am nächsten Tag in der Cafeteria war Beth völlig erledigt und übernächtigt.
»Du bist das hässlichste weiße Mädchen, das ich je gesehen habe«, flüsterte Jolene gut hörbar. Sie hatte sich neben Beth gestellt, die in der Schlange für die Cornflakes stand. »Deine Nase ist hässlich, dein Gesicht ist hässlich und deine Haut wie Sandpapier. Du bleiche weiße Drecksschlampe.«
Mit hocherhobenem Kopf ging Jolene weiter zu den Rühreiern.
Beth sagte nichts, sie wusste ja, dass es stimmte.
König, Springer, Bauer. Es herrschten solche Spannungen auf dem Brett, dass es sich fast schon verziehen musste. Dann trat, zack!, die Dame auf den Plan. Die Türme am Brettende, zu Anfang noch ganz eingezwängt, bauten schon Druck auf, bereit, mit einem einzigen Zug loszuschnellen. Im Sachunterricht hatte Miss Hadley über Magneten und deren »Kraftlinien« gesprochen, da war Beth, die vor Langeweile fast schlief, plötzlich aufgewacht. Kraftlinien: Läufer auf Diagonalen, Türme auf Linien.
Die Plätze im Klassenzimmer konnten wie Felder sein. Wenn der rothaarige Junge, Ralph, ein Springer war, konnte sie ihn hochheben und zwei Reihen weiter vorne, einen Platz weiter links auf den freien Stuhl neben Denise setzen. Damit stand Bertrand im Schach, der in der vordersten Reihe saß und für sie nun der König war. Sie lächelte bei dem Gedanken. Jolene und sie hatten seit über einer Woche nicht miteinander gesprochen, und Beth hatte nicht geweint deswegen. Sie war fast neun und brauchte Jolene nicht. Es war egal, was sie dabei empfand. Sie brauchte Jolene nicht.
»Da«, sagte Mr. Shaibel. Er drückte ihr etwas in die Hand, in einer Papiertüte. Es war Sonntagmittag. Sie machte die Tüte auf. Darin war ein dickes, broschiertes Buch – Moderne Schacheröffnungen.
Ungläubig blätterte sie darin. Lauter lange, vertikale Spalten mit Schachnotationen. Sie blickte zu Mr. Shaibel auf.
Mürrisch sagte er: »Das ist das beste Buch für dich. Da lernst du alles, was du wissen willst.«
Sie erwiderte nichts, setzte sich auf die Milchkiste, hielt das Buch auf ihrem Schoß fest umklammert und wartete darauf, dass die Partie losging.
In Englisch war es am langweiligsten. Mr. Espero mit seiner schleppenden Stimme und seinen Dichtern, die Namen hatten wie John Greenleaf Whittier oder William Cullen Bryant. »Fällst Tau nun, du / und glühen Himmel auf den letzten Stufen des Tages …« Es war doof. Und jedes Wort davon las er laut vor, betont.
Unter dem Pult hatte sie die Modernen Schacheröffnungen auf dem Schoß und ging im Kopf eine Variante nach der anderen durch. Schon am dritten Tag erfasste sie die Abkürzungen – e4, Sb6 – so schnell wie kompakte Figuren auf echten Feldern. Sie sah sie vor sich und brauchte dazu kein Brett. So konnte sie mit den Modernen Schacheröffnungen dasitzen, aufgeschlagen auf dem blauen Faltenrock des Methuen-Kinderheims, und während Mr. Espero über die horizonterweiternde Wirkung großer Dichtung salbaderte oder Verse vorlas wie »Wer in Hingabe an die Natur / einen Bund mit ihren sichtbaren Formen pflegt, zu dem spricht sie in mannigfacher Zunge«, rasteten vor ihren halbgeschlossenen Augen Schachzüge ein. Am Ende des Buches waren einige klassische Partien komplett aufgezeichnet, bis zu einer Aufgabe im siebenundzwanzigsten Zug oder einem Remis im vierzigsten, und sie verfolgte die Figuren durch ihr ganzes Ballett hindurch, die Eleganz einer Angriffskombination, eines Opfers oder des gezügelten Gleichgewichts der Kräfte in einer Stellung verschlug ihr manchmal den Atem. Immer aber war sie auf einen Sieg aus oder auf einen potentiellen Sieg.
»Für seine froheren Stunden hat sie eine ergötzende Stimme / und Lächeln und Beredsamkeit, die von Schönheit zeugen …«, las Mr. Espero vor, während Beths Gedanken im geometrischen Rokoko des Schachspiels tanzten, gebannt, verzückt, hingerissen, sie ging auf in den großen Umstellungen und Verschiebungen, die sich vor ihrer Seele offenbarten, während ihre Seele sich ihnen offenbarte.
»Weißbrot!«, zischte Jolene, als sie aus dem Geschichtsunterricht kamen.
»Niggerin«, zischte Beth zurück.
Jolene blieb stehen und starrte sie an.
Am folgenden Samstag nahm Beth sechs Pillen auf einmal und gab sich der herrlichen Chemie hin. Sie legte dabei eine Hand auf den Bauch, die andere auf ihre Möse. Das Wort kannte sie. Es war eines der wenigen Dinge, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte, bevor sie mit dem Chevy in den Tod fuhr. »Wisch dich da ab«, sagte sie zu ihr im Bad. »Wisch dir die Möse sauber.« Beth ließ ihre Finger auf und ab fahren, wie Jolene das getan hatte. Es fühlte sich aber nicht gut an. Nicht bei ihr. Sie nahm die Hand weg und überließ sich wieder der Seelenruhe der Pillen. Vielleicht war sie zu jung dafür. Jolene war vier Jahre älter und hatte dort struppige Haare. Das hatte Beth gespürt.
»Morgen, Weißbrot«, sagte Jolene sanft. Ihr Gesicht war entspannt.
»Jolene«, erwiderte Beth. Jolene kam näher. Außer den beiden war niemand da. Sie standen im Umkleideraum, nach der Sportstunde.
»Was willst du?«, fragte Jolene.
»Ich will wissen, was ein Schwanzlutscher ist.«
Jolene starrte sie eine Weile an. Dann lachte sie. »Ach du Scheiße, weißt du, was ein Schwanz ist?«
»Glaub nicht.«
»Das ist das, was die Jungs haben. Steht hinten in der Gesundheitsfibel. Wie eine Art Daumen.«
Beth nickte. Sie kannte das Bild.
»Tja, Schätzchen«, sagte Jolene gravitätisch, »es gibt Mädchen, die lutschen gern daran.«
Beth dachte nach. »Aber pinkeln die nicht damit?«
»Ich denke mal, das wischt ihn sauber«, sagte Jolene.
Beth ging davon, schockiert. Und immer noch ratlos. Sie hatte von Mördern und Folterern gehört, und bei sich zu Hause hatte sie mal mit angesehen, wie der Nachbarsjunge seinen Hund mit einem Knüppel bewusstlos geschlagen hatte; aber wie jemand das tun konnte, was Jolene da gesagt hatte, wollte ihr nicht in den Kopf.
Am nächsten Sonntag gewann sie fünf Partien hintereinander. Sie spielte jetzt seit drei Monaten mit Mr. Shaibel und wusste, dass er sie nicht mehr würde schlagen können. Kein einziges Mal mehr. Sie sah jede Finte voraus, jede Drohung, die ihm zur Verfügung stand. Er konnte sie nicht mehr mit seinen Springern durcheinanderbringen, keine Figur mehr auf einem gefährlichen Feld postieren oder eine wichtige Figur von ihr fesseln. Keine Chance. Sie sah das alles längst kommen und konnte es verhindern und nebenbei weiter ihren Angriff aufbauen.
Als sie zu Ende gespielt hatte, sagte er: »Du bist acht, ja?«
»Such dir eine aus«, forderte Mr. Shaibel sie auf.
»Wozu?«
»Du spielst mit der Farbe, die du erwischst.«
»Ach so.« Sie berührte flüchtig Mr. Ganz’ linke Hand. »Die da.«
Er öffnete die Faust, in seiner Hand lag der schwarze Bauer. »Tut mir leid«, sagte er lächelnd. Ein Lächeln, das sie verlegen machte.
Beth hatte die schwarzen Figuren schon vor sich. Mr. Ganz stellte die beiden Bauern auf ihre Plätze, rückte mit dem Königsbauern zwei Felder vor, und Beth entspannte sich. Sie hatte in ihrem Buch jede Variante des Sizilianers auswendig gelernt. Sie spielte c5, und als er seinen Springer entwickelte, entschied sie sich für die Najdorf-Variante.
So leicht konnte sie Mr. Ganz allerdings nicht beikommen. Er spielte besser als Mr. Shaibel. Und doch wusste sie nach einem halben Dutzend Zügen schon, dass er nicht schwer zu schlagen sein würde. Sie spielte ruhig und gnadenlos weiter und zwang ihn nach dreiundzwanzig Zügen zur Aufgabe.
Er legte seinen König aufs Brett. »Keine Frage, du beherrschst das Spiel, junges Fräulein. Habt ihr eine Mannschaft hier?«
Sie blickte ihn verständnislos an.
»Mit den anderen Mädchen zusammen. Habt ihr einen Schachklub?«
»Nein.«
»Wo spielst du dann?«
»Hier unten.«
»Mr. Shaibel hat mir erzählt, ihr spielt hier jeden Sonntag ein paar Partien. Was tust du dazwischen?«
»Nichts.«
»Wie machst du dann Fortschritte?«
Sie hatte keine Lust, ihm zu erzählen, wie sie im Unterricht und nachts im Bett Schach spielte. Um ihn abzulenken, sagte sie: »Sollen wir noch eine Partie spielen?«
Er lachte. »Gut. Jetzt hast du Weiß.«
Diesmal schlug sie ihn noch müheloser, mit der Réti-Eröffnung. In ihrem Buch wurde die als »hypermodernes« System bezeichnet; ihr gefiel es, die Partie mit dem Königsspringer zu beginnen. Nach zwanzig Zügen hielt sie inne und machte Mr. Ganz darauf aufmerksam, dass sie ein dreizügiges Matt hatte. Er brauchte eine halbe Minute, bis er es selbst sah. Ungläubig schüttelte er den Kopf und legte seinen König um.
»Du bist schon unglaublich«, sagte er. »So etwas habe ich noch nie erlebt.« Er stand auf und ging zum Heizkessel, zu der kleinen Einkaufstüte, die Beth dort schon aufgefallen war. »Ich muss jetzt gehen, aber hier habe ich etwas für dich.« Er hielt ihr die Tüte hin.
Sie sah hinein und hoffte auf ein neues Schachbuch. Das Ding war in rosafarbenes Seidenpapier gewickelt.
»Pack es aus«, sagte Mr. Ganz lächelnd.
Sie zog es heraus und machte das Papier ab. Es war eine rosafarbene Puppe in einem blauen Baumwollkleid, mit blonden Haaren und gespitzten Lippen.
»Spielen wir noch eine Partie?«, fragte Beth und hielt dabei die Puppe an einem Arm.
»Ich muss gehen. Aber vielleicht komme ich nächste Woche wieder.«
Sie nickte.
Am Ende des Korridors stand eine Öltonne, die als Mülleimer diente. Als Beth auf dem Weg zum Sonntagnachmittagsfilm daran vorbeikam, ließ sie die Puppe hineinplumpsen.
Im Gesundheitsunterricht blätterte sie zu dem Bild im hinteren Teil des Buches. Auf der einen Seite war eine Frau abgebildet, auf der anderen ein Mann. Es waren Strichzeichnungen, ohne Schraffur. Der Mann und die Frau standen mit herabhängenden Armen da, die Hände zeigten nach vorne. Die Frau hatte bei dem V unter ihrem flachen Bauch einen senkrechten Strich. Der Mann hatte keinen solchen Strich, oder wenn doch, so war er jedenfalls nicht zu sehen. Bei ihm hing eine Art Beutel herab, mit einem rundlichen Ding davor. Laut Jolene so etwas wie ein Daumen. Das war sein Schwanz.
Der Lehrer, Mr. Hume, erklärte, man solle mindestens einmal am Tag grünes Blattgemüse essen. Dann schrieb er die Namen der Gemüsesorten an die Tafel. Vor dem großen Fenster zur Linken von Beth blühten Kamelien auf. Beth besah sich die Zeichnung mit dem nackten Mann und versuchte vergeblich, darin irgendein Geheimnis zu entdecken.
Am folgenden Sonntag war Mr. Ganz wieder da. Er hatte sein eigenes Schachbrett dabei. Es hatte schwarze und weiße Felder, und die Figuren lagen in einer mit grünem Filz ausgelegten Holzschatulle. Sie waren aus poliertem Holz, bei den weißen Figuren konnte Beth die Maserung sehen. Als Mr. Ganz sie aufstellte, hob sie einen Springer hoch. Er war schwerer als die Figuren, die sie benutzten, und mit einer grünen Filzunterlage versehen. Sie hatte sich noch nie etwas daraus gemacht, Dinge zu besitzen, aber dieses Schachspiel wollte sie haben.
Mr. Shaibel hatte sein Brett wie üblich aufgestellt und für das Brett von Mr. Ganz eine weitere Milchkiste geholt. Die beiden Schachbretter standen nun nebeneinander, eine Handbreit entfernt. Es war ein sonniger Tag, helles Licht drang herein, gedämpft nur durch die halbhohen Büsche, die den Weg um das Gebäude säumten.
Niemand sprach etwas, während die Figuren aufgestellt wurden. Mr. Ganz nahm sanft den Springer aus Beths Hand und stellte ihn auf sein Feld. »Wir haben uns gedacht, du könntest gegen uns beide spielen«, sagte er.
»Gleichzeitig?«
Er nickte.
Ihre Milchkiste stand in der Mitte vor den Schachbrettern. Sie hatte in beiden Partien Weiß und spielte jeweils den Königsbauern auf e4.
Mr. Shaibel wählte den Sizilianer, während Mr. Ganz ihr mit dem Doppelschritt seines Königsbauern antwortete. Sie brauchte nicht nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Augenblicklich tat sie ihre beiden Züge und sah dann zum Fenster hinaus.
Ohne jede Mühe gewann sie beide Partien. Mr. Ganz stellte die Figuren wieder auf, und sie begannen aufs Neue. Diesmal spielte Beth auf beiden Brettern d4 und im zweiten Zug c4 – das Damengambit. Sie war völlig entspannt, fast wie in einem Traum. Gegen Mitternacht hatte sie sieben Beruhigungspillen genommen, und eine gewisse Schlaffheit wirkte nach.
Als sie etwa in der Mitte der beiden Partien zu einem Busch mit rosafarbenen Blüten hinausstarrte, hörte sie Mr. Ganz sagen: »Beth, ich habe Läufer c4 gespielt«, und verträumt erwiderte sie: »Springer e4.« Der Busch schien in der Frühlingssonne regelrecht zu glühen.
»Läufer b5«, sagte Mr. Ganz.
»Dame d4«, antwortete Beth, wieder ohne hinzusehen.
»Springer d6«, stieß Mr. Shaibel barsch hervor.
»Läufer b5«, sagte Beth, sie hatte nur Augen für die rosafarbenen Blüten.
»Bauer g6.« Merkwürdig sanft klang Mr. Ganz auf einmal.
»Dame h5, Schach«, sagte Beth.
Sie hörte Mr. Ganz scharf einatmen. Dann sagte er: »König g8.«
»Das ist ein Matt in drei Zügen«, sagte Beth, ohne sich umzudrehen. »Erst Schach mit dem Springer. Der König hat noch die zwei schwarzen Felder. Schach mit dem Läufer. Dann Matt mit dem Springer.«
Mr. Ganz pfiff durch die Zähne. »Mein Gott!«, stieß er aus.