Herbert Dutzler
Letzter Saibling
Ein Altaussee-Krimi
So einen Fund hätte Gasperlmaier lieber nicht begutachten müssen. Wo es doch so ein wunderschöner Sommertag war. Nicht zu kalt, aber auch nicht zu warm. Ein kaum spürbares Lüfterl wehte vom See herauf und ließ die Sonnenschirme im Gastgarten der Fischerhütte nachlässig flattern, und von der Schwüle der vergangenen Tage war seit dem nächtlichen Gewitter nichts mehr zu spüren. Gasperlmaier hatte sich nach dem grausigen Fund setzen müssen. Ein solcher Einsatz war ja wirklich nicht alltäglich. Schon gar nicht hier, am Toplitzsee, wo ohnehin ein Tauchverbot galt. Für die nächsten 99 Jahre, so hatte es zumindest seitens der Bundesforste geheißen, die den See verwalteten. Nur Wissenschaftler durften hin und wieder in den See. Und gerade vor dem Denkmal des Erzherzogs Johann, gerade dort hatte der Taucher seinen grauenhaften Fund an Land legen müssen. Er nahm seine Dienstmütze ab und wischte sich über den Nacken, weil er nun doch zu schwitzen begonnen hatte.
So einen Fall hatten sie hier hinten noch niemals gehabt, zumindest, soweit er sich erinnern konnte. Und an so was hätte er sich sicher erinnern können. Und das gerade heute, wo er allein hierher hatte fahren müssen. Dem Friedrich war schlecht gewesen, und so hatte er gemeint, Gasperlmaier solle zunächst einmal alleine an den Toplitzsee fahren, er werde nachkommen, sobald er sich besser fühle. Gasperlmaier hatte den Friedrich Kahlß, seinen Postenkommandanten, ratlos angestarrt und sich Gedanken über dessen Gesundheit gemacht. Immer unbeweglicher war der Friedrich in den letzten Jahren geworden, und seine stetig anwachsende Leibesfülle hatte es fast jedes Jahr notwendig gemacht, um eine neue Uniform anzusuchen. Sogar zum Polizeiarzt war er schon vorgeladen worden, und der hatte ihm eine Kur empfohlen. Dort, so hatte der Arzt gemeint, würde man sich auch um seine völlig verfehlten Ernährungsgewohnheiten kümmern. Der Friedrich hatte hingegen nur abgewinkt und Gasperlmaier erklärt, auf eine Kur habe er weder Lust und schon gar keine Zeit dazu. »In einem Jahr geh ich eh in Pension, das werd ich schon noch überstehen!«, hatte er gemeint, und sich hinter seine Autozeitschrift zurückgezogen. Der Friedrich war nämlich ein leidenschaftlicher Leser aller möglichen Motormagazine, während er im wirklichen Leben mit einem heftig rauchenden Mercedes aus den siebziger Jahren, den er von seinem verstorbenen Onkel geerbt hatte, das Auslangen fand.
An diesem Morgen hatte allerdings Gasperlmaier auch gefunden, dass der Friedrich besonders schlecht aussah. Sein Gesicht war stark gerötet gewesen, und sein Atem war heftig und keuchend gegangen, als der Anruf gekommen war. Der hatte natürlich wenig dazu beigetragen, den Blutdruck des Friedrich unter die Notfallmarke zu drücken. Gleich nachdem er aufgelegt hatte, musste der Friedrich zwei Tabletten schlucken. »Eine für den Blutdruck, und die andere wegen den Herzrhythmusstörungen«, hatte er Gasperlmaier erklärt. So hatte der sich also allein in den Streifenwagen gesetzt und war über Aussee an den Grundlsee gefahren, danach an dessen hinteres Ende nach Gössl, am Gasthof Veit vorbei, und dann die Straße an der Gösslwand entlang, die für den gewöhnlichen Autoverkehr gesperrt war.
Als Gasperlmaier seinen Streifenwagen neben dem Kleinbus der Taucher abstellte, winkte ihm jemand schon von Weitem. Als sich Gasperlmaier näherte, sah er, dass Pressluftflaschen und anderes Tauchzubehör am Ufer lagen. Der Taucher, der sie von der Fischerhütte aus angerufen hatte, trug noch immer seinen Neoprenanzug, hatte aber seinen Oberkörper daraus befreit. Er war trotz seines gruseligen Fundes nicht einmal aufgeregt. So etwas, meinte er, komme bei Tauchgängen schon dann und wann einmal vor. Auch ganze Leichen, die noch in ihrem Tauchanzug steckten, habe er schon zu bergen gehabt.
Den Fund, so konnte Gasperlmaier sehen, hatte er bereits mit einer grünen Plastikplane abgedeckt. In respektvoller Entfernung standen ein paar Spaziergänger herum, die untereinander flüsterten und Gasperlmaier erwartungsvoll entgegensahen. Der aber schlug zunächst ein paar Latten in den weichen Boden um die Uferstelle und spannte ein Polizeiabsperrband. »Eilig hast du’s wohl nicht!«, meinte der Taucher grinsend.
Tatsächlich wollte es Gasperlmaier vorsichtig und überlegt angehen. Ein abgetrenntes Bein, das womöglich monatelang im See gelegen hatte, das musste er nicht sofort sehen. Dem, dem das Bein fehlte, half es ohnehin nicht mehr, wenn Gasperlmaier sich beeilte. Sorgfältig knüpfte er den letzten Knoten und zückte seinen Notizblock. »Zuerst nehmen wir einmal die Personalien auf«, meinte er. Natürlich, so musste er sich selbst eingestehen, war das nur eine recht behelfsmäßige Verzögerungstaktik. Irgendwann würde er das Bein in Augenschein nehmen müssen, daran führte kein Weg vorbei. »Schürtz Thomas. MSc. Und da ist meine Lizenz drinnen. Und mein Tauchschein. Und die Genehmigung für da.« Er deutete auf das reglose, fast schwarze Wasser des Sees.
Gasperlmaier meinte zunächst, der Taucher habe seine Papiere im See versenkt, dann aber hielt ihm der ein durchsichtiges, anscheinend wasserdichtes Täschchen hin, in dem sich wohl die genannten Dokumente befanden. Er fragte zwar sich selbst, nicht aber den Thomas Schürtz, was »MSc« bedeuten mochte. »Wir sind vom Biologie-Institut der Uni Salzburg. Wegen der Grünalgen. Sie wissen ja, die die sauerstoffführende von der sauerstofffreien Wasserschicht trennen. In etwa 20 Metern Tiefe, nämlich …« »Ja, ja.« Gasperlmaier winkte ab und notierte sich den Namen. »Wo, genau, haben Sie den Hax …, ich meine, das Bein, gefunden?« Der Herr Schürtz wies etwas vage auf eine Stelle im See, direkt vor ihnen. »Da draußen. Uferentfernung vielleicht dreißig, vierzig Meter. Tiefe siebzehn Meter.« Er deutete auf eine wuchtige Digitalanzeige an seinem rechten Handgelenk. Gasperlmaier nickte und notierte. »Wollen Sie sich den Haxen nicht einmal anschauen, Herr Inspektor?« Der Taucher grinste. Wahrscheinlich hatte der Gasperlmaiers Taktik schon durchschaut.
Dem wurde ein wenig warm unter seiner Jacke. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als die Plane zurückzuschlagen. Er blickte auf. Vier oder fünf Leute standen nun hinter den Absperrbändern. Darunter ein Bub von vielleicht neun oder zehn Jahren. Der, so dachte Gasperlmaier bei sich, musste nun wirklich nicht dabei sein, wenn man Leichenteile begutachtete. »Wenn Sie bitte weitergehen würden!« Gasperlmaier wedelte mit den Armen, um seine Bitte zu unterstreichen. Die beiden Frauen in der Gruppe nahmen den Buben an den Händen und zogen ihn mit ängstlichen Gesichtern weg vom Absperrband, während ein klein gewachsener, älterer Mann mit weißem Bart einfach stehen blieb und Gasperlmaier herausfordernd anstarrte. »Ich bin hinter der Absperrung. Das ist ein öffentlicher Weg!«
Diese Typen kannte Gasperlmaier. Keine Gelegenheit wurde ausgelassen, um zu beweisen, dass man ein ganzer Kerl war, der sich von der Staatsmacht nicht einschüchtern ließ. Gasperlmaier seufzte und wandte sich von dem Giftzwerg ab. »Wir könnten die Plane so anheben, dass er nichts sieht«, schlug der Thomas Schürtz vor. Der musste ja in seinem Neopren fürchterlich schwitzen, dachte Gasperlmaier. Gemeinsam hoben sie die Plane auf der Seeseite an zwei Ecken an. Ein Schwarm Fliegen stob auf. Gasperlmaier bemühte sich, seinen Blick auf den See hinaus zu richten, doch es gelang ihm nicht. Fast magnetisch wurden seine Blicke von dem angezogen, was da unter der grünen Abdeckung zum Vorschein kam. Ein Bein. Ein Männerbein. Erkennen konnte man das nur an den Resten der grünen Stutzen, die aus dem zerschlissenen Bergschuh herausragten. Sonst hatte es nur mehr wenig Ähnlichkeit mit einem menschlichen Körperteil. Gasperlmaier meinte, etwas zu sehen, das sich an dem Bein bewegte. Weit oberhalb des Knies, so schien Gasperlmaier, musste es abgetrennt worden sein, denn man konnte erkennen, dass das Bein etwa in der Mitte einen Winkel bildete.
Eine Wolke üblen Gestanks erfasste Gasperlmaier, sodass er die Plane rasch fallen ließ und sich abwandte. Er trat ein paar Schritte zur Seite und atmete tief durch. Der Zwerg stand noch immer an der Absperrung. Nun grinste er. »Wohl ein Weichei, was? Unglaublich! Und so was ist bei der Polizei!« Gott sei Dank, so dachte Gasperlmaier bei sich, war der Mann nicht von hier. Zwar trug er einheimische Tracht, sein Idiom aber verriet, dass er aus dem Norden stammte. Von weit oben im Norden.
Gasperlmaier fühlte eine noch sanfte Wut in sich aufsteigen. »Schleichen’S Ihnen!«, fuhr er den Mann an. »Sonst nehm ich Sie vorläufig fest! Vielleicht haben Sie ja die Leiche da zerlegt!« Der Mann trat entrüstet einen Schritt zurück. »Erlauben Sie mal! Wo sind wir denn hier!« Der Herr Schürtz trat heran und stellte sich hinter Gasperlmaier. »Am Toplitzsee, der Herr. Und ich glaube, es ist gescheiter, Sie tun, was der Herr Inspektor sagt. Der ist nämlich ein ganz scharfer!« Gasperlmaier nickte. Allerdings, so stellte er bei einem Blick zu seinem Auto hinüber fest, waren bereits weitere Leute auf dem Weg zu ihnen herüber. Ganz klar – wenn sich ein Polizeiauto in diese Idylle verirrte, dann musste man schon Nachschau halten, was denn eigentlich der Grund des Einsatzes war. Sonst verpasste man womöglich was. Während sich der Herr aus dem Norden kopfschüttelnd trollte, holte Gasperlmaier sein Handy aus der Brusttasche. »Vergessen Sie’s!«, meinte der Herr Schürtz. »Was glauben Sie, warum ich von der Fischerhütte aus angerufen habe? Kein Netz!«
Ein durchtrainierter junger Mann in Badeshorts näherte sich der Absperrung. Gasperlmaier wollte ihn schon verscheuchen, als er sich vorstellte. »Jungnickel. Ich war mit ihm da tauchen. Ich hab mich nur schnell umgezogen.« Er schüttelte Gasperlmaier kräftig die Hand. »Sagen Sie«, sagte Gasperlmaier, »können Sie beide hier aufpassen, während ich telefoniere? Ich glaub, da braucht’s die Kripo und die Spurensicherung.« »Passt schon!«, nickte der Herr Schürtz. »Wir lassen niemanden her!«
Gasperlmaier hatte es eilig. Vor allem deswegen, weil er so schnell wie möglich die Verantwortung für diese Leiche loswerden wollte. Er würde sofort die Frau Doktor Kohlross anrufen. Die arbeitete am Bezirkspolizeikommando in Liezen und hatte schon mehrmals Ermittlungen hier im Ausseerland geleitet. Gasperlmaier hatte sie dabei gut kennen gelernt, war er doch in der Regel als ortskundiger Begleiter abgestellt worden, um der Frau Doktor die Wege zu weisen und sie über ortsübliche Gegebenheiten zu informieren.
Zu seinem Glück war das Telefon in der Fischerhütte frei. »Was habt’s denn gefunden?«, wollte der Konrad, der Wirt, neugierig wissen. Gasperlmaier winkte ab. Ärgerlich scheuchte er ihn beiseite, nachdem die Verbindung zustande gekommen war, denn der Konrad hatte zunächst keinerlei Anstalten gemacht, sich diskret zu entfernen. Überhaupt war hier an ein vertrauliches Gespräch nicht zu denken. Servierpersonal und Gäste gingen ein und aus, jeder konnte mithören. Gasperlmaier nahm sich vor, sich kurz zu fassen. »Die Frau Doktor ist zwar im Haus, aber sie ist in einer Besprechung. Wenn Sie vielleicht später …« Gasperlmaier unterbrach die Dame am Telefon. »Hören Sie, es ist äußerst dringend. Ein Notfall.« Gasperlmaier hörte hinter sich Schritte. »Eine Leiche! Zumindest ein Teil davon!«, flüsterte er in die Muschel, die er mit seiner Hand so weit wie möglich abgedeckt hatte. »Könnten Sie vielleicht ein bisschen lauter, ich versteh Sie so schlecht!« Gasperlmaier riss der Geduldsfaden. »Hören Sie, wir haben Leichenteile gefunden!«, schrie er nun fast. »Ich brauch die Frau Doktor! Jetzt! Und wenn Sie nicht sofort …« Gasperlmaier hielt inne und schnaufte heftig. Was geschehen würde, wenn sein Gegenüber nicht sofort die Frau Doktor ans Telefon holte, das wollte ihm jetzt, so spontan und in der Eile, nicht und nicht einfallen. Kommunikativ war Gasperlmaier eben nicht der Schnellste und schon gar nicht der Einfallsreichste. Bis er in seinem Kopf die Sätze grammatikalisch einigermaßen richtig zusammengedrechselt und sich dann noch entschieden hatte, ob sie wert waren, geäußert zu werden, hatten seine Gesprächspartner sich oft schon abgewandt. Vor allem, wenn er im Stress war, passierte ihm das.
Zu seinem Glück aber hörte er nach wenigen Sekunden die vertraute Stimme der Frau Doktor am Hörer. »Gasperlmaier? Ein Notfall, höre ich?« »Ja, Frau Doktor.« Er entspannte sich ein wenig. »Renate«, erinnerte sie ihn. Gasperlmaier hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass sie seit einiger Zeit per du waren. Eigentlich war das Gasperlmaier gar nicht recht gewesen. Zwar bewunderte er die Frau Doktor über alle Maßen, aber aus lauter Respekt hatte er sie, bildlich gesehen, auf ein Podest gehoben, wo sie für ihn unerreichbar war und bleiben sollte. So auf Du und Du mit ihr zu sein machte ihm ein wenig Angst. »Ja. Renate. Wir haben da einen Haxen, ich meine, ein Bein gefunden.« Gasperlmaier hatte ganz darauf vergessen, dass er ja sozusagen in der Öffentlichkeit sprach. Draußen im Gastgarten fingen die Leute an, unruhig zu werden. Gemurmel kam auf. »Zahlen, zahlen!«, schwirrte es durch die Luft.
»Wo bist du denn überhaupt?«, fragte die Frau Doktor. »Ja, am Toplitzsee. Wenn du dringend kommen könntest. Und Spurensicherung und alles.« »Sag, Gasperlmaier, besteht nicht die Möglichkeit, dass noch weitere Leichenteile auftauchen?« Er fragte sich, woher er das wissen sollte. Dennoch fielen ihm noch wichtige Einzelheiten ein. »Dann noch Taucher! Zum Absuchen vom See!« Die Frau Doktor reagierte schnell, wie er es gewohnt war. »Vierzig Minuten, Gasperlmaier. Mit der ganzen Mannschaft. Schneller können wir nicht. Bis dahin musst du allein die Stellung halten. Mach’s gut!« Sie legte auf.
Gasperlmaier tat es ihr gleich, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und trat in den Sonnenschein hinaus. Ganze Scharen von Ausflüglern schienen auf der Flucht aus dem Gastgarten und auf dem Weg zum Erzherzog-Johann-Denkmal hinüber zu sein, wo die beiden Taucher links und rechts der Plane Posten bezogen hatten. Die vierzig Minuten, so fürchtete Gasperlmaier, würden lang werden. Er setzte sich auf die Hausbank vor der Fischerhütte. Schließlich war das Telefon da drinnen im Vorhaus seine einzige Verbindung zur Außenwelt, und die Dienstpflicht verlangte von ihm, dass er sich für einen eventuellen Rückruf bereithielt. Außerdem konnte er so vermeiden, vor dem abgetrennten Haxen Wache zu halten. Er nahm seine Mütze ab und legte sie neben sich hin.
»Was habt’s denn da drüben unter dem Fetzen?«, drang plötzlich eine Stimme an Gasperlmaiers Ohr. Auf der anderen Seite der Eingangstür saß der Köberl Kilian. Gasperlmaier hatte ihn gar nicht gesehen. Der Kilian hob sein Bierglas und prostete Gasperlmaier zu. Seltsam, dachte Gasperlmaier bei sich. Der Kilian war der einzige Mensch, den er kannte, dem ein Bein fehlte. Und ausgerechnet dann, wenn sie im Toplitzsee eines fanden, da begegnete er ihm. Aber dem Kilian seines, so überlegte er, das konnte es unmöglich sein. Das war ja schon viel länger her. Trotzdem war es ihm gerade dem Kilian gegenüber peinlich, davon zu sprechen, dass man ein Bein gefunden hatte. Wo der doch so dringend eines hätte gebrauchen können. Ein vielversprechender Skirennläufer war der Kilian gewesen, der einzige, den Altaussee je hervorgebracht hatte. Als zehnjähriger Bub war er schon die Loserabfahrt im Schuss heruntergedonnert, dass alle anderen Skifahrer Reißaus nehmen hatten müssen, um nicht niedergestoßen zu werden. Einmal, so erinnerte er sich, hatte der Friedrich dem Kilian sogar die Saisonkarte abnehmen müssen, weil er es gar zu arg getrieben hatte. Der Skiclubtrainer persönlich hatte auf dem Posten erscheinen müssen, um die Sache zu klären. Bis in den Europacup hatte der Kilian es geschafft, und dann war halt diese tragische Geschichte passiert, die ihm sein Bein gekostet hatte. Und das noch dazu bei ihm daheim, auf dem Loser. Bei einem ganz unwichtigen Dorfrennen. Da war dann natürlich auch kein Notarzt vor Ort, und dann war es eben so gekommen, dass der Kilian mit einem Bein weniger aus dem künstlichen Tiefschlaf aufgewacht war, weil er die Liftstütze gerade ein wenig oberhalb des orangefarbenen Polsters getroffen hatte. Aber dass Skifahrer so hoch fliegen könnten, hatte damals wohl keiner geahnt. Zwar fuhr er immer noch Skirennen, jetzt bei den Behinderten halt, und er hatte zahllose Pokale dabei gewonnen – aber ganz verwunden hatte er das jähe Ende seiner Karriere nicht. Obwohl er sich beinahe jeden Tag den Großteil seiner Pokale anschauen konnte, die hier in der Fischerhütte in einer Vitrine verstaubten. In der Sommersaison steuerte der Kilian nämlich die Plätte, die die Urlauber über den Toplitzsee hinweg zum Kammersee brachte, dem Ursprung der Traun. Dorthin konnte man nur in der Plätte gelangen, denn der Toplitzsee war von derart steilen Felswänden umgeben, dass kein Wanderweg am Ufer entlangführte. Höchstens Jägersteige gab es in den Felswänden irgendwo, doch Gasperlmaier hatte davon wenig Ahnung. Seine Höhenangst hinderte ihn daran, die felsigeren Gebiete des Ausseerlandes näher in Augenschein zu nehmen.
Die Kellnerin war aus der Tür getreten und sah nach links und rechts. Schließlich sprach sie Gasperlmaier an. »Vertreibt’s uns die Gäste, oder? Was ist denn eigentlich los, da drüben? Sie deutete hinüber zum Ufer vor dem Denkmal, wo sich schon wieder etliche Leute angesammelt hatten. Da sich dort aber rein gar nichts tat, waren andere auch schon wieder auf dem Rückweg. »Bringst uns einfach einmal zwei Bier!«, lächelte der Kilian verschmitzt. »Dann hast wieder was zu tun.« Die Kellnerin zischte verächtlich, trollte sich aber tatsächlich zur Schank.
»Also, was verstecken die Taucher da drunter? Irgendeine biologische Sensation? Ich kenn die zwei ja, sind schon ein paar Tage da, die Burschen von der Universität.« Gasperlmaier zuckte hilflos mit den Schultern. »Der eine«, begann Gasperlmaier, »der hat einen Teil von einer Leiche herausgetaucht.« Er atmete tief durch. »Was für einen denn? Am Ende gar einen Kopf?« Der Kilian gab sich mit eher allgemein gehaltenen Informationen anscheinend nicht zufrieden. Gasperlmaier seufzte. Unwillkürlich lenkte er seine Blicke auf die Prothese des Kilian. »Einen Haxen haben wir gefunden, wenn du’s unbedingt genau wissen musst. Und die Kriminalpolizei ist schon unterwegs. In ein paar Minuten wimmelt’s hier von Polizeiautos und Leuten.« »Hoffentlich!«, mischte sich die Kellnerin ein und stellte ein Bier vor Gasperlmaier hin. Etwas heftig, wie der fand. Ein wenig von der kostbaren Flüssigkeit war übergeschwappt und rann in Richtung Tischkante. Gasperlmaier blickte dem Weg des Rinnsals versonnen nach.
»Hörst, den könnt ich brauchen!« Der Kilian lachte schallend und nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier. »Mir fehlt schon lang einer! Aber der meine ist es nicht! Der ist im Krankenhaus in Schladming geblieben. Wer weiß, was die damit gemacht haben.« Der Kilian, fand Gasperlmaier, bewies Galgenhumor. Und so redete Gasperlmaier weiter. »Den würdest du nicht haben wollen, Kilian. Der schaut ganz übel aus. Und einen Saibling aus dem Toplitzsee werd ich in der nächsten Zeit jedenfalls nicht essen. Wenn ich daran denk, wovon sich der womöglich ernährt hat.« Gasperlmaier musste das Bild des zerfressenen Unterschenkels, das er selbst heraufbeschworen hatte, mit Gewalt aus seinem Kopf verdrängen. Ein Schnaps, fand er, wäre dazu gut geeignet gewesen. Aber wenn die Frau Doktor kam, und er saß hier mit einem Schnaps und einem Bier? Das würde keinen guten Eindruck hinterlassen, und der war Gasperlmaier wichtig, soweit es die Frau Doktor betraf.
»Hast dir schon Gedanken gemacht, zu wem der Haxen gehören könnt?«, fragte der Kilian nach. »Weil, wenn der schon jahrelang da drinnen herumgesumpert wäre, da hätten die Taucher höchstens noch einen gut polierten Knochen gefunden, mein Lieber!« Darüber hatte sich Gasperlmaier tatsächlich noch keinerlei Gedanken gemacht. So auf die Schnelle fiel ihm weder jemand ein, dem in letzter Zeit ein Bein abhandengekommen war, noch konnte er sich daran erinnern, dass jemand ganz und gar aus dem Ausseerland verschwunden wäre, ohne dass man gewusst hätte, wohin. Als Polizist hätte er schließlich etwas davon mitbekommen müssen.
»War noch ein Schuh dran, oder ein Socken?« »Ein alter Bergschuh, und ein grüner Stutzen.« Bevor Gasperlmaier noch daran dachte, dass er diese Informationen lieber für sich behalten hätte sollen, waren sie schon heraußen. Über gewisse Dinge, die einen schwer belasteten, musste man wohl reden. Seine Frau, die Christine, hatte dafür sogar ein Sprichwort, das sie manchmal gebrauchte, wenn der sonst schweigsame Gasperlmaier mehr als das unbedingt Notwendige erzählte, weil er es sonst nicht aus seinem Schädel herausbrachte. »Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über«, sagte sie dann. Angeblich hatte das Martin Luther einmal gesagt. Die Christine war nämlich ziemlich gebildet. Sie war Volksschullehrerin, wusste aber weit mehr, als sie den Kindern in der Altausseer Volksschule jemals hätte beibringen können. Was Gasperlmaier manchmal ein wenig wurmte, war vor allem, dass sie weit mehr wusste als er selber. Aber er hatte damit zu leben gelernt.
»Ein Bergschuh, und ein grüner Stutzen?«, wiederholte der Kilian und scharrte mit seiner Prothese im Kies unter seinem Tisch. »Dann war’s auf jeden Fall ein Mann. Aber ein Sommerfrischler kann’s genau so gut gewesen sein als wie ein Einheimischer.« Gasperlmaier hoffte inständig, sowohl Mörder als auch Opfer würden weit weg, am besten im Ausland, zu finden sein. Denn dann hätten sie hier herinnen sicherlich weniger Scherereien mit den ganzen Ermittlungen.
Gasperlmaier sah auf die Uhr. Wann die Frau Doktor wohl endlich kommen würde? Er trank sein Bier aus und erhob sich. Besser, sie musste ihn nicht erst im Gastgarten abholen, wenn sie endlich auftauchte. »Könnt aber auch ein Wilderer gewesen sein. Oder ein Jäger«, fuhr der Kilian fort. »Wildererdrama. Der Jäger erschießt den Wilderer, oder umgekehrt, und bei einer Holzknechthütte schnappt er sich die Motorsäge – und ruck, zuck …« »Jetzt hörst aber auf!«, unterbrach ihn Gasperlmaier ein wenig barsch. »Da kann einem ja ganz schlecht werden, bei deinen Gruselgeschichten! Pfüat di!« Gasperlmaier reichte dem Kilian noch die Hand und empfahl sich dann. Der Kilian blieb, still vor sich hin lächelnd und mit der Prothese im Kies scharrend, zurück.