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F. Scott Fitzgerald

Die Schönen
und
Verdammten

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Hans-Christian Oeser

Mit einem Nachwort von

Manfred Papst

 

 

 

 

 

 

 

 

Titel der 1922 bei

Charles Scribner’s Sons, New York,

erschienenen Originalausgabe:

›The Beautiful and Damned‹

Die vorliegende Übersetzung

erschien erstmals 1998 im Diogenes Verlag

Umschlagillustration von Georges Lepape,

1927 (Ausschnitt)

Copyright © 2013 ProLitteris, Zürich

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2013

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 23694 1 (2. Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60271 5

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] Für Shane Leslie, George Jean Nathan

und Maxwell Perkins

zum Dank für ihre großzügige

literarische Unterstützung

und Ermutigung

[7] Inhalt

Erstes Buch

Anthony Patch  [11]

Porträt einer Sirene  [47]

Ein Connaisseur von Küssen  [102]

Zweites Buch

Die Glanzstunde  [175]

Symposium  [252]

Die zerbrochene Laute  [341]

Drittes Buch

Eine Frage der Zivilisation  [405]

Eine Frage der Ästhetik  [464]

Keine Fragen mehr!  [523]

Chronik eines Niedergangs

von Manfred Papst  [579]

[9] Erstes Buch

[11] Anthony Patch

1913, Anthony Patch zählte fünfundzwanzig Jahre, waren bereits zwei Jahre verstrichen, seit sich – wenigstens theoretisch – Ironie, der Heilige Geist unserer Tage, auf ihn ausgegossen hatte. Ironie war das letzte Wienern des Schuhs, der abschließende Tupfer der Kleiderbürste, eine Art intellektuelles »Na bitte!« – nun, zu Beginn dieser Geschichte hat er es bis zum bewussten Stadium gebracht. Als man ihn das erste Mal zu Gesicht bekommt, fragt er sich häufig, ob er nicht ehrlos und leicht verrückt sei, etwas schändlich und abscheulich Dürftiges, das auf der Oberfläche der Welt schillert wie Öl auf einem klaren Teich. Selbstverständlich wechseln sich diese Momente mit jenen ab, da er sich eher für einen außergewöhnlichen jungen Mann hält: überaus kultiviert, seiner Umgebung gut angepasst und um einiges bedeutender als jeder andere, den er kennt.

Dies war ein gesunder Geisteszustand, der ihn auf intelligente Männer und auf alle Frauen munter, angenehm und äußerst attraktiv wirken ließ. In diesem Zustand traute er sich zu, eines Tages etwas verhalten Feinsinniges zu vollbringen, dessen Wert von wenigen Auserwählten erkannt werden würde, und hielt es für möglich, dass er sich nach seinem Hinscheiden in einem nebelhaften, unbestimmten Himmel auf halbem Wege zwischen Tod und [12] Unsterblichkeit den schwächer leuchtenden Sternen zugesellen würde. Bis zu dieser Anstrengung wäre er, Anthony Patch – nicht eben ein Bild von einem Mann, aber doch eine ausgeprägte und dynamische Persönlichkeit, von sich eingenommen, hochmütig, von innen heraus handelnd –, ein Mann, der sich bewusst war, dass es kein Ehrgefühl geben kann, und dennoch welches besaß, der die Sophisterei des Muts durchschaute und dennoch unerschrocken war.

Ein würdiger Mann und sein begabter Sohn

Anthony bezog sein Gefühl gesellschaftlicher Sicherheit aus dem Umstand, dass er der Enkel von Adam J. Patch war; wenn er seine Abstammung bis zu den Kreuzrittern übers Meer hätte zurückverfolgen können, wäre es auch nicht ausgeprägter gewesen. Denn ein Adel, der ganz auf Geld gegründet ist, verlangt vor allem Wohlstand – die Bewohner Virginias und Bostons ausgenommen…

Adam J. Patch, besser bekannt unter dem Namen »Cross Patch«, hatte Anfang 1861 die Farm seines Vaters in Tarrytown verlassen, um in ein New Yorker Kavallerieregiment einzutreten. Aus dem Krieg kehrte er als Major heim, eroberte Wall Street im Sturm und häufte unter viel Wirbel, Wut, Beifall und bösem Blut ein an die fünfundsiebzig Millionen Dollar umfassendes Vermögen an.

Dieses nahm seine Kräfte bis zu seinem siebenundfünfzigsten Lebensjahr in Anspruch. Dann, nach einem schlimmen Anfall von Sklerose, beschloss er, den Rest seines Lebens der sittlichen Erneuerung der Welt zu weihen. Er [13] wurde zu einem Reformer unter Reformern. Er versuchte, es den großartigen Anstrengungen Anthony Comstocks, nach welchem sein Enkel benannt war, nachzutun, und versetzte dem Alkohol, der Literatur, dem Laster, der Kunst, den Pillen und dem Sonntagstheater eine bunte Abfolge von Haken und Schlägen. Unter dem Einfluss jenes heimtückischen Mehltaus, der letztlich mit wenigen Ausnahmen alle befällt, gab sich sein aufbrausendes Temperament jeder Entrüstung des Zeitalters hin. Von einem Sessel im Büro seines Guts in Tarrytown aus leitete er gegen das Gespenst eines gewaltigen Feindes, die Sündhaftigkeit, einen Feldzug, der über fünfzehn Jahre anhielt. Während dieser Zeit erwies er sich als fanatischer Monomane, ausgesprochene Landplage und unerträglicher Langweiler. In dem Jahr, da unsere Geschichte beginnt, war er bereits abgekämpft; sein Feldzug war ziellos geworden; langsam überlagerte 1861 das Jahr 1895; in Gedanken befasste er sich ausführlich mit dem Bürgerkrieg, weniger ausführlich mit seiner verstorbenen Frau und seinem verstorbenen Sohn und so gut wie gar nicht mit seinem Enkel Anthony.

Zu Beginn seiner Karriere hatte Adam Patch Alicia Withers geheiratet, eine anämische Dame von dreißig Jahren, die hunderttausend Dollar und ein untadeliges Entree in die New Yorker Bankierskreise mit in die Ehe brachte. Diese hatte ihm unverzüglich und ziemlich draufgängerisch einen Sohn geboren und sich fortan, als sei sie von der Erhabenheit dieser Leistung vollkommen entkräftet, in die dämmrigen vier Wände des Kinderzimmers zurückgezogen. Der Knabe, Adam Ulysses Patch, entwickelte sich zu einem eingefleischten Klubgänger, Kenner des guten Tons und [14] Tandemfahrer – seine Memoiren unter dem Titel Meine Erlebnisse in der New Yorker Gesellschaft begann er im erstaunlichen Alter von sechsundzwanzig Jahren. Als sich die Idee zu diesem Werk herumsprach, machten die Verlage eifrig Angebote; da es jedoch, wie sich nach seinem Tod herausstellte, übermäßig langatmig und überwältigend langweilig war, kam es nicht einmal als Privatdruck heraus.

Mit zweiundzwanzig trat dieser Chesterfield der Fifth Avenue in den Ehestand. Seine Frau war die Altistin Henrietta Lebrune, die Bostoner Salon-Sängerin, und auf Bitten des Großvaters wurde das einzige Kind dieser Verbindung auf den Namen Anthony Comstock Patch getauft. Als er nach Harvard ging, fiel der Name Comstock weg, geriet in die Vergessenheit des Hades und ward seitdem nie mehr gehört.

Der junge Anthony besaß ein Bildnis von seinen Eltern – als Kind hatte er es so oft vor Augen gehabt, dass es die Unpersönlichkeit von Möbelstücken angenommen hatte, doch jeder, der in sein Schlafgemach trat, betrachtete es mit Interesse. Es zeigte einen Dandy der Neunziger, schlank und ansehnlich, der neben einer hochgewachsenen, dunkelhaarigen Dame mit Muff und der Andeutung einer Turnüre stand. Zwischen ihnen war ein kleiner Junge mit langen braunen Locken zu sehen, angetan mit einem Samtanzug à la Lord Fauntleroy. Das war Anthony mit fünf, im Sterbejahr seiner Mutter.

Seine Erinnerungen an die Bostoner Salon-Sängerin waren verschwommen und von Musik geprägt. Sie war eine Dame, die im Musikzimmer ihres Hauses am Washington Square sang, sang und abermals sang – zuweilen saßen Gäste [15] um sie her, die Männer wippten mit verschränkten Armen und angehaltenem Atem auf Sofakanten, die Frauen hatten die Hände in den Schoß gelegt und raunten den Männern gelegentlich etwas zu, applaudierten stets sehr lebhaft und stießen nach jedem Lied leise Schreie des Entzückens aus – oft sang sie auch für Anthony allein, auf Italienisch, Französisch oder in einem seltsamen und entsetzlichen Dialekt, den sie für die Mundart der Südstaatenneger hielt.

Seine Erinnerungen an den ritterlichen Ulysses, den ersten Mann in Amerika, der seine Mantelaufschläge hochstellte, waren sehr viel lebhafter. Nachdem Henrietta Lebrune Patch »einem anderen Chor beigetreten« war, wie ihr Witwer von Zeit zu Zeit mit heiserer Stimme bemerkte, wohnten Vater und Sohn beim Opapa in Tarrytown, und täglich kam Ulysses in Anthonys Schlafzimmer und brachte mitunter fast eine Stunde lang angenehm vollmundige Worte hervor. Ständig versprach er Anthony Jagdreisen und Angelfahrten und Ausflüge nach Atlantic City – »ah, jetzt ist es bald so weit« –, doch keine dieser Unternehmungen wurde jemals durchgeführt. Eine Reise freilich kam zustande: Als Anthony elf war, fuhren sie ins Ausland, nach England und in die Schweiz, und dort, im besten Hotel Luzerns, schwitzend, ächzend und laut nach Luft japsend, starb sein Vater. Von Verzweiflung und Entsetzen gepackt, wurde Anthony nach Amerika zurückgebracht, wo er sich einer düsteren Schwermut vermählte, die bis ans Ende seiner Tage nicht mehr von ihm weichen sollte.

[16] Vergangenheit und Persönlichkeit des Helden

Mit elf graute ihm vor dem Tod. Innerhalb von sechs für Eindrücke besonders empfänglichen Jahren waren seine Eltern gestorben, und seine Großmutter war fast unmerklich dahingewelkt, bis sie endlich, zum ersten Mal seit ihrer Heirat, einen Tag lang die unbestrittene Herrschaft über ihren Salon ausübte. So war das Leben für Anthony ein Kampf gegen den Tod, der an jeder Ecke lauerte. Seiner hypochondrischen Einbildungskraft zuliebe nahm er die Gewohnheit an, im Bett zu lesen – es beruhigte ihn. Er las, bis ihm die Augen zufielen, und schlief oft ein, ohne das Licht zu löschen.

Bis zum Alter von vierzehn Jahren war sein liebster Zeitvertreib seine riesige Briefmarkensammlung, die so weitgehend vollständig war, wie es die eines Jungen sein konnte – törichterweise bildete sein Großvater sich ein, ihm auf diese Weise Geographie beibringen zu können. So pflegte Anthony Korrespondenz mit einem halben Dutzend Firmen für Briefmarken und Münzen, und fast täglich brachte ihm der Postbote neue Briefmarkenalben oder Packungen mit glänzenden Probebogen. Seine Erwerbungen unaufhörlich von einem Album ins andere umzustecken, übte einen geheimnisvollen Zauber auf ihn aus. Seine Marken waren sein größtes Glück, und jeden, der ihn bei seinem Spiel unterbrach, bedachte er mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln. Sie verschlangen sein monatliches Taschengeld, und nachts lag er wach und sann unermüdlich über ihre Vielfalt und Farbenpracht nach.

Bis sechzehn hatte er fast ausschließlich in sich gekehrt [17] gelebt, ein nicht sehr wortgewandter, durch und durch unamerikanischer Junge, der sich von seinen Altersgenossen artig verwirrt zeigte. Die beiden vorangegangenen Jahre hatte er in Europa verbracht, mit einem Privatlehrer, der ihn von den Vorzügen Harvards überzeugte: Die Universität werde ihm »Türen aufschließen«, sie sei ein ungeheures Stimulans und werde ihm ungezählte aufopferungsvolle und anhängliche Freunde bescheren. So ging er nach Harvard – es gab nichts anderes, was sich vernünftigerweise mit ihm anstellen ließ.

Repräsentation war ihm fremd, und so wohnte Anthony eine Weile allein und unerwünscht in einer Dachkammer in Beck Hall – ein schlanker, dunkelhaariger Bursche mittlerer Statur mit einem schüchternen, empfindsamen Mund. Sein Monatswechsel fiel mehr als großzügig aus. Er legte den Grundstock zu einer Bibliothek, indem er bei einem hausierenden Büchernarren Erstausgaben von Swinburne, Meredith und Hardy sowie das vergilbte, unleserliche Autograph eines Briefes von Keats erstand – später fand er heraus, dass ihm entschieden zu viel berechnet worden war. Er wurde ein exquisiter Dandy und erwarb eine ziemlich pathetische Kollektion seidener Pyjamas, brokatener Morgenmäntel und ausgefallener Krawatten, die zu ausgefallen waren, als dass er sie hätte tragen können; in diesem heimlichen Putz prunkte er vor einem Spiegel in seinem Zimmer oder lag, hingegossen in Satin, an seinem Fensterplatz, sah auf den Hof hinunter und bemerkte undeutlich das atemlose, hastige Treiben, an dem er offensichtlich niemals Anteil haben würde.

In seinem letzten Studienjahr stellte er fest, dass er [18] seltsamerweise unter seinen Kommilitonen eine gewisse Stellung errungen hatte. Er erfuhr, dass man ihn für eine recht romantische Figur hielt, für einen Gebildeten, einen Einsiedler, eine Säule der Gelehrsamkeit. Dies belustigte ihn, doch insgeheim freute er sich darüber – er begann auszugehen, zunächst ein wenig, dann immer öfter. Er wurde in die Hasty Pudding Society aufgenommen. Er trank – heimlich, still und leise und in bester Tradition. Wäre er nicht in so jungen Jahren ans College gekommen, so hätte er womöglich »hervorragend abgeschnitten«, hieß es. 1909, bei seinem Abschlussexamen, zählte er erst zwanzig Jahre.

Danach wieder ins Ausland – diesmal nach Rom, wo er abwechselnd mit Architektur und Malerei liebäugelte, sich aufs Geigenspiel verlegte und einige haarsträubende italienische Sonette verfasste: die angeblichen Grübeleien eines Mönchs aus dem dreizehnten Jahrhundert über die Freuden der vita contemplativa. Unter seinen Vertrauten in Harvard sprach sich herum, dass er sich in Rom aufhielt; wer in jenem Jahr im Ausland weilte, schaute bei ihm vorbei und stieß bei zahllosen Mondscheinspaziergängen mit ihm auf vieles in der Stadt, das älter als die Renaissance, ja älter als die Republik war. Maury Noble aus Philadelphia etwa blieb zwei Monate; gemeinsam entdeckten sie die besonderen Reize südländischer Frauen und genossen das köstliche Gefühl, in einer Kultur, die sehr alt und frei war, sehr jung und frei zu sein. Nicht wenige Bekannte seines Großvaters kamen zu ihm zu Besuch, und hätte es ihn danach verlangt, so hätte er es in diplomatischen Kreisen zur persona grata bringen können – in der Tat stellte er fest, dass es ihn in zunehmendem Maße zur Geselligkeit hinzog, doch jugendliche [19] Zurückhaltung und daraus resultierende Schüchternheit bestimmten sein Verhalten noch immer.

Aufgrund einer jener unverhofften Erkrankungen seines Großvaters kehrte er 1912 nach Amerika zurück und entschloss sich, nach einer übermäßig anstrengenden Unterredung mit dem stets wieder aufs Neue genesenden Alten, das Vorhaben einer dauerhaften Ansiedlung im Ausland auf die Zeit nach dem Ableben seines Großvaters zu verschieben. Nach ausgedehnter Wohnungssuche nahm er sich in der 52. Straße ein Apartment und richtete sich allem Anschein nach häuslich ein.

1913 stand Anthony Patchs Anpassung an das Universum kurz vor dem krönenden Abschluss. Körperlich hatte er sich seit seinen Studententagen fortentwickelt – zwar war er noch immer zu schmal, doch seine Schultern waren breiter geworden, und sein gebräuntes Gesicht hatte das ängstliche Aussehen des Erstsemesters verloren. Insgeheim war er sehr ordnungsliebend und wirkte wie aus dem Ei gepellt – seine Freunde behaupteten, sein Haar noch nie zerzaust gesehen zu haben. Seine Nase war zu spitz, sein Mund einer jener unglücklichen Spiegel der Befindlichkeit, die dazu neigen, sich in Augenblicken der Unzufriedenheit merklich nach unten zu verziehen; seine blauen Augen aber waren bezaubernd, ob nun hellwach und aufmerksam oder aber, in schwermütiger Stimmung, halb geschlossen.

Wiewohl ein Mann, dem es zum arischen Ideal am wesentlichen Ebenmaß der Gesichtszüge fehlte, galt er doch hier und da als gutaussehend – überdies war er, der Erscheinung nach und in Wirklichkeit, sehr reinlich, und zwar von jener besonderen Reinlichkeit, die von der Schönheit borgt.

[20] Das makellose Apartment

Fifth und Sixth Avenue, so kam es Anthony vor, waren die Holme einer gigantischen Leiter, die sich vom Washington Square bis zum Central Park in die Wohnviertel erstreckte. Wenn er auf dem Oberdeck eines Omnibusses zur 52. Straße fuhr, hatte er unweigerlich das Gefühl, er hangele sich Hand über Hand an einer Reihe tückischer Sprossen hoch, und wenn der Bus ruckend an seiner eigenen Sprosse hielt, empfand er so etwas wie Erleichterung, da er die gefährlichen Metallstufen hinabstieg und auf den Bürgersteig trat.

Danach brauchte er die 52. Straße nur noch einen halben Block weit hinunterzulaufen, vorbei an einem langweiligen Ensemble rötlichbrauner Sandsteinhäuser – und im Nu befand er sich unter der hohen Decke seines geräumigen Vorderzimmers. Das war wirklich sehr angenehm. Schließlich fing hier das Leben an. Hier schlief er, frühstückte, las und bewirtete Gäste.

Das Haus selbst, Ende der neunziger Jahre erbaut, war aus dunklem Stein; um die ständig wachsende Nachfrage nach kleinen Apartments stillen zu können, war jedes Stockwerk von Grund auf umgebaut und einzeln vermietet worden. Von den vier Apartments im zweiten Geschoss war Anthonys das reizvollste.

Das Wohnzimmer wies eine schöne hohe Decke und drei große Fenster auf, die erfreulicherweise auf die 52. Straße hinunterblickten. Was die Einrichtung anbetraf, so war jeder besondere Zeitgeschmack glücklich vermieden; vermieden waren Steifheit, Spießigkeit, Kahlheit und Dekadenz. Es roch weder nach Zigarettenqualm noch nach Weihrauch– [21] es war groß und hatte etwas Bläuliches. Da stand eine tiefe Chaiselongue von weichstem braunem Leder, umweht von Schläfrigkeit wie von einem Dunstschleier. Da war ein hoher Paravent aus chinesischem Lack, auf dem vor allem geometrisch geformte Fischer und Jäger in Schwarz und Gold dargestellt waren; dieser bildete einen Alkoven für einen voluminösen Sessel, bewacht von einer orangefarbenen Stehlampe. Das gevierte Wappenschild im Innern des Kamins war zu einem düsteren Schwarz verkohlt.

Durchschritt man das Esszimmer, das Anthony lediglich für sein Frühstück benutzte, aus dem man aber etwas Prunkvolles hätte machen können, und einen verhältnismäßig langgestreckten Flur, so gelangte man zum Kern und Herzen des Apartments – Anthonys Schlafgemach und Badezimmer.

Beide waren enorm. Unter der Decke des Ersteren nahm sich selbst das große Himmelbett nur mittelmäßig aus. Der exotische Bettvorleger aus karmesinrotem Samt fühlte sich unter Anthonys bloßen Füßen weich wie ein Vlies an. Im Gegensatz zu dem Bombast seines Schlafgemachs wirkte sein Badezimmer fröhlich, hell und überaus wohnlich, gar verspielt. An den Wänden hingen die gerahmten Fotografien von vier zu jener Zeit gefeierten thespischen Schönheiten: Julia Sanderson als »The Sunshine Girl«, Ina Claire als »The Quaker Girl«, Billie Burke als »The Mind-the-Paint-Girl« und Hazel Dawn als »The Pink Lady«. Zwischen Billie Burke und Hazel Dawn hing ein Druck, der eine große Schneelandschaft zeigte, über welcher eine kalte, furchteinflößende Sonne thronte – dies, behauptete Anthony, versinnbildliche die kalte Dusche.

[22] Die mit einem raffinierten Lesepult versehene Badewanne war niedrig und ausladend. Der Wandschrank daneben war mit Bettwäsche vollgestopft, die für drei Männer ausgereicht hätte, und mit einer ganzen Kollektion Krawatten. Die Brücke war nicht etwa ein dürftiges besseres Handtuch, sondern ein kostbarer Teppich, wie jener im Schlafgemach ein Wunder an Weichheit, das den nassen Fuß, der der Wanne entstieg, beinahe zu massieren schien…

Alles in allem ein Raum, der Wunder wirkte – das sah man sogleich. Hier kleidete Anthony sich an, hier frisierte er sein makelloses Haar, hier tat er alles außer schlafen und speisen. Es war sein ganzer Stolz, dieses Badezimmer. Hätte er eine Geliebte, dachte er bei sich, so würde er ihr Bild gerade gegenüber der Wanne aufhängen, um, in den besänftigenden Dämpfen des heißen Wassers sich verlierend, daliegen, zu ihr aufblicken und warm und sinnlich von ihrer Schönheit träumen zu können.

Die Lilie auf dem Felde

Das Apartment wurde von einem englischen Diener mit dem einzigartig, ja beinahe theatralisch zutreffenden Namen Bounds sauber gehalten, dessen Perfektion nur durch den Umstand beeinträchtigt wurde, dass er einen ungesteiften Kragen trug. Wäre er ausschließlich Anthony verpflichtet – eben bound – gewesen, so wäre dieser Defekt rasch behoben gewesen, indes war er auch der Bounds zweier anderer Gentlemen in der Nachbarschaft. Von acht bis elf Uhr morgens gehörte er ganz Anthony. Er brachte die Post und [23] bereitete das Frühstück zu. Um neun Uhr dreißig zog er am Zipfel von Anthonys Bettdecke und sprach einige wenige markige Worte – Anthony konnte sich nie genau daran erinnern, worin sie bestanden, hegte aber den Verdacht, dass sie vorwurfsvoller Natur waren; daraufhin servierte er auf einem Kartenspieltisch im Wohnzimmer das Frühstück, machte das Bett und zog sich nach der etwas feindseligen Frage, ob es sonst noch etwas gebe, zurück.

Vormittags, zumindest einmal in der Woche, suchte Anthony seinen Börsenmakler auf. Sein Einkommen betrug nicht ganz siebentausend im Jahr, Zinsen auf eine Geldsumme, die er von seiner Mutter ererbt hatte. Sein Großvater, der es nie zugelassen hatte, dass sein Sohn von einem sehr großzügig bemessenen Monatswechsel freikam, war der Auffassung, dass dieser Betrag für den Bedarf des jungen Anthony ausreichend sei. Immer zu Weihnachten schickte er ihm eine Anleihe in Höhe von fünfhundert Dollar, die Anthony, sofern möglich, meist veräußerte, da er stets ein wenig, wenn auch nicht sehr, in Geldnöten war.

Die Besuche beim Börsenmakler reichten von Plaudereien halb geselligen Charakters zu Diskussionen über die Sicherheit von Geldanlagen zu acht Prozent, und für Anthony waren sie jedesmal ein Genuss. Das große Gebäude der Kreditbank schien ihn an die riesigen Vermögen anzubinden, deren Zusammenhalt er schätzte, und ihm zu versichern, dass er von den oberen Rängen der Hochfinanz angemessen betreut wurde. Von den umherhastenden Männern bezog er das gleiche Gefühl der Sicherheit, wie wenn er sich im Geiste mit dem Geld seines Großvaters befasste – ja es war noch stärker, kam ihm doch Letzteres geradeso vor wie [24] ein täglich kündbares Darlehen, das Adam Patchs moralischer Rechtschaffenheit von der Welt gewährt wurde, während das Geld in Downtown anscheinend eher durch schier unbezwingbaren Kraftaufwand und ungeheure Willensanstrengung zusammengerafft und beieinandergehalten wurde; außerdem sprach man hier, anders als zu Hause, offen und ausdrücklich über – Geld.

So dicht er seinem Einkommen auch auf den Fersen war, er hielt es für ausreichend. Eines gesegneten Tages natürlich würde er über viele Millionen verfügen; bis dahin lag seine raison d’être in der Aufgabe, Essays über die Päpste der Renaissance zu schreiben. Dies geht zurück auf eine Unterredung mit seinem Großvater gleich nach seiner Rückkehr aus Rom.

Er hatte gehofft, seinen Großvater tot vorzufinden, bei einem Anruf von den Landungsbrücken jedoch erfahren, dass Adam Patch wieder vergleichsweise wohlauf war – tags darauf hatte er seine Enttäuschung hinuntergeschluckt und war nach Tarrytown hinausgefahren. Fünf Meilen hinter dem Bahnhof bog seine Droschke in eine aufwendig gepflegte Auffahrt ein, die sich durch ein wahres Labyrinth von Mauern und Drahtzäunen schlängelte, von denen das Gut geschützt wurde – wie es allgemein hieß, geschah dies, weil zweifelsfrei feststand, dass der alte Cross Patch, wenn es nach den Sozialisten ginge, zu den ersten zählen würde, die sie meucheln würden.

Anthony hatte sich verspätet, der verehrungswürdige Philanthrop wartete in einer Glasveranda auf ihn und blätterte nun schon zum zweiten Mal die Morgenzeitungen durch. Edward Shuttleworth, sein Sekretär – der vor seiner [25] Wiedergeburt Hasardeur, Barbesitzer und allgemein ein verkommenes Subjekt gewesen war –, geleitete Anthony ins Zimmer und führte seinen Erlöser und Wohltäter wie einen unermesslich wertvollen Schatz vor.

Feierlich schüttelten sie sich die Hand. »Ich freue mich kolossal, dass es Ihnen bessergeht«, sagte Anthony.

Mit einer Miene, als habe er seinen Enkel erst letzte Woche gesehen, zog Patch der Ältere seine Uhr hervor.

»Zug verspätet?«, fragte er nachsichtig.

Es hatte ihn geärgert, auf Anthony warten zu müssen. Er lebte nicht nur in dem Wahn, in seiner Jugend allen praktischen Angelegenheiten mit äußerster Gewissenhaftigkeit nachgegangen zu sein, ja jede Verabredung auf die Minute pünktlich eingehalten zu haben, sondern wiegte sich auch in dem Glauben, dies sei genau und hauptsächlich der Grund für seinen Erfolg gewesen.

»Diesen Monat hat er sich ziemlich oft verspätet«, bemerkte er mit einem Anflug sanften Vorwurfs in der Stimme – dann sagte er nach einem langen Seufzer: »Setz dich.«

Anthony musterte seinen Großvater mit jener stillschweigenden Verwunderung, die sich bei seinem Anblick stets einstellte. Besaß doch dieser kraftlose, unintelligente alte Mann eine solche Macht, dass diejenigen Männer der Republik, deren Seelen er nicht mittelbar oder unmittelbar hätte kaufen können, White Plains nur spärlich bevölkert hätten – da konnten die Revolverblätter schreiben, was sie wollten. Dies erschien ihm ebenso unglaublich wie die Tatsache, dass er früher einmal ein rosiger Säugling gewesen sein musste.

Die Spanne seiner fünfundsiebzig Jahre hatte wie ein [26] magischer Blasebalg gewirkt – das erste Vierteljahrhundert hatte ihn mit Leben vollgepumpt, und das letzte hatte es wieder aus ihm herausgesogen. Es hatte Wangen und Brustkorb einsinken lassen und den Umfang von Armen und Beinen verringert. Tyrannisch hatte es ihm einen Zahn nach dem anderen abgefordert, seine kleinen Äuglein in dunkelbläulichen Tränensäcken versteckt, ihm die Haare ausgerissen, ihn an einigen Stellen von Grau in Weiß, an anderen von Rosa in Gelb verwandelt – rücksichtslos seine Farben aufgetragen wie ein Kind, das sich an einem Malkasten zu schaffen macht. Nach seinem Körper und seiner Seele war es über sein Gehirn hergefallen. Es hatte ihm nächtliche Schweißausbrüche, Tränen und grundlose Ängste beschert. Seine ausgeprägte Durchschnittlichkeit hatte es in Leichtgläubigkeit und Argwohn aufgespalten. Aus dem groben Stoff seiner Begeisterungsfähigkeit hatte es Dutzende bescheidener, aber griesgrämiger Obsessionen zugeschnitten; seine Energie war auf die schlechte Laune eines verwöhnten Kindes geschrumpft, sein Wille zur Macht dem törichten Verlangen eines Knaben nach einem Land von Harfenspiel und Lobgesängen auf Erden gewichen.

Nachdem man so behutsam das Thema Verkehrsverbindungen gestreift hatte, beschlich Anthony das Gefühl, es werde von ihm erwartet, dass er in Umrissen seine Absichten darlege – zugleich aber warnte ihn einstweilen ein Funkeln in den Augen des Alten davor, seinen Wunsch auszusprechen, im Ausland zu leben. Er wünschte, Shuttleworth besäße genügend Takt, den Raum zu verlassen – er verabscheute Shuttleworth –, doch der Sekretär hatte sich gleichgültig in einem Schaukelstuhl niedergelassen und ließ die [27] Blicke seiner glanzlosen Augen von einem Patch zum anderen wandern.

»Wo du nun schon einmal hier bist, solltest du etwas tun«, sagte sein Großvater sanft, »etwas zustande bringen.«

Anthony wartete darauf, dass er sagte: »Etwas Fertiges hinterlassen, wenn du von hinnen gehst.« Dann machte er einen Vorschlag: »Ich dachte – es schien mir, dass ich vielleicht am besten dazu tauge, etwas zu schreiben…«

Adam Patch zuckte zusammen; er stellte sich einen Dichter in der Familie mit langer Mähne und drei Geliebten vor.

»…über Geschichte zu schreiben«, schloss Anthony.

»Über Geschichte? Was für eine Geschichte? Die des Bürgerkriegs? Der Revolution?«

»Aber nein, Sir. Eine Geschichte des Mittelalters.« In diesem Augenblick war die Idee zu einer Geschichte der Renaissancepäpste geboren, unter einem neuen Blickwinkel verfasst. Dennoch war er froh, »Mittelalter« gesagt zu haben.

»Mittelalter? Weshalb nicht über dein eigenes Land? Etwas, worüber du Bescheid weißt?«

»Sie verstehen, ich habe so lange im Ausland gelebt…«

»Ich weiß nicht, weshalb du ausgerechnet über das Mittelalter schreiben willst. Finsteres Mittelalter, haben wir immer dazu gesagt. Niemand weiß, was sich abgespielt hat, und niemand macht sich etwas daraus, wichtig ist bloß, dass es jetzt zu Ende ist.« Etliche Minuten lang verbreitete er sich über die Nutzlosigkeit derartiger Kenntnisse, wobei er natürlich auf die spanische Inquisition und die »Verderbtheit der Klöster« zu sprechen kam. Dann: »Glaubst du, dass du in New York einer richtigen Arbeit nachgehen kannst – oder [28] hast du überhaupt vor zu arbeiten?« Letzteres mit leisem, fast unmerklichem Zynismus.

»Aber ja, Sir.«

»Wann wirst du fertig sein?«

»Nun, erst muss ein Entwurf gemacht werden – allerhand vorbereitende Lektüre.«

»Ich dachte, die hättest du schon zur Genüge hinter dich gebracht?«

Das Gespräch bewegte sich ruckweise auf einen recht abrupten Abschluss zu, als Anthony aufstand, auf seine Uhr sah und vorgab, an diesem Nachmittag einen Termin bei seinem Börsenmakler zu haben. Er hatte vorgehabt, ein paar Tage bei seinem Großvater zu verbringen, doch von der stürmischen Überfahrt war er müde und gereizt und hatte keine Lust, eine hintergründige und scheinheilige Befragung über sich ergehen zu lassen. Er werde in ein paar Tagen wieder herauskommen, sagte er.

Trotz alledem war dank diesem Zusammentreffen die Arbeit als bleibende Idee in sein Leben eingetreten. Im Laufe des Jahres, das seitdem verstrichen war, hatte er mehrere Listen mit den Namen von Fachautoritäten zusammengestellt, er hatte sogar mit Kapitelüberschriften und der Gliederung seiner Arbeit in Zeitabschnitte experimentiert, aber zur Stunde gab es weder eine wirklich hingeschriebene Zeile, noch hatte es den Anschein, als würde es sie jemals geben. Er tat nichts – doch der bestbeglaubigten Schulbuchlogik zuwider wusste er sich zu seiner mehr als nur durchschnittlichen Zufriedenheit Zerstreuung zu verschaffen.

[29] Nachmittag

Es war im Oktober 1913, auf halbem Wege durch eine Woche angenehmer Tage. In den Querstraßen lagerte der Sonnenschein, und die Atmosphäre war so träge, dass sie von den gespenstisch herabfallenden Blättern beschwert zu werden schien. Es war angenehm, müßig am geöffneten Fenster zu sitzen und ein Kapitel des Erewhon zu Ende zu lesen. Es war angenehm, gegen fünf Uhr zu gähnen, das Buch auf einen Tisch zu werfen und summend durch den Flur ins Bad zu schlendern.

To… you… beaut-if-ul lady,

sang er, während er den Hahn aufdrehte,

I raise… my… eyes;

To… you… beaut-if-ul la-a-dy

My… heart… cries…

Um gegen die Wasserflut anzusingen, die sich in die Wanne ergoss, erhob er die Stimme, und als er das Bild von Hazel Dawn an der Wand betrachtete, setzte er eine imaginäre Geige an die Schulter und liebkoste diese sanft mit einem gedachten Bogen. Mit geschlossenen Lippen machte er ein summendes Geräusch, von dem er sich einbildete, es entspreche in etwa dem Klang einer Violine. Einen Augenblick später stellten seine Hände ihre runden Bewegungen ein und wanderten zu seinem Hemd, das er aufzuknöpfen [30] begann. Ausgekleidet, warf er sich in athletische Positur wie der Tigerfellmann in der Werbung und musterte sich mit einiger Befriedigung im Spiegel. Dann unterbrach er sich dabei und planschte vorsichtig mit einem Fuß im Wasser. Daraufhin drehte er den Hahn zu und stieg ächzend in die Wanne.

Nachdem er sich an die Temperatur des Wassers gewöhnt hatte, entspannte er sich in einem Zustand wohliger Schläfrigkeit. Nach dem Bad würde er sich gemächlich ankleiden und die Fifth Avenue hinunter zum Ritz laufen, wo er wie so oft mit seinen beiden Gefährten Dick Caramel und Maury Noble eine Verabredung zum Dinner hatte. Danach würden Maury und er ins Theater gehen – Caramel würde vermutlich nach Hause trotten und an seinem Buch arbeiten, das wohl ziemlich bald abgeschlossen war.

Anthony war froh, dass er nicht an seinem Buch zu arbeiten brauchte. Die absurde Vorstellung, sich hinzusetzen und nicht nur Worte herbeizuzaubern, mit denen er Gedanken einkleiden konnte, sondern auch Gedanken, die es wert waren, in Worte eingekleidet zu werden – dies alles lag für ihn weit abseits allen Begehrens.

Als er aus dem Bad gestiegen war, trocknete er sich mit der akribischen Hingabe eines Schuhputzers ab. Dann schlenderte er ins Schlafgemach und bummelte, eine seltsame, ungewisse Melodie pfeifend, hierhin und dorthin, knöpfte zu, rückte zurecht und genoss die Wärme des flauschigen Teppichs unter seinen Füßen.

Er zündete sich eine Zigarette an und warf das Streichholz aus dem offenen Fenster, dann hielt er unvermittelt inne und ließ die Zigarette ein paar Zentimeter weit aus [31] dem leicht geöffneten Mund hängen. Sein Blick war an einem leuchtenden Farbfleck auf dem Dach eines Hauses weiter unten in der Gasse haftengeblieben.

Es war ein Mädchen in einem roten Negligé, sicherlich aus Seide, das sich in der noch warmen Sonne des Spätnachmittags die Haare trocknete. In der stickigen Luft des Zimmers erstarb sein Gepfeife. Er trat vorsichtig einen Schritt näher ans Fenster, ganz überrascht von ihrer schönen Erscheinung. Vor ihr auf der steinernen Brüstung lag ein Kissen von derselben Farbe wie ihr Gewand; sie hatte beide Arme darauf gestützt und schaute auf den sonnigen Hof hinunter, wo Anthony Kinder spielen hörte.

Er beobachtete sie mehrere Minuten lang. Etwas in ihm war wachgerüttelt, etwas, das sich weder dem warmen Duft des Nachmittags noch der aufsehenerregenden Lebhaftigkeit des Rots verdankte. Er empfand das Mädchen als wirklich schön – dann begriff er plötzlich: Es war der Abstand, kein rarer und kostbarer Abstand der Seele, aber doch ein Abstand, wenn auch nur in irdischen Metern. Zwischen ihnen lagen die Herbstluft und die Dächer und die verwischten Stimmen. Und dennoch, eine nicht ganz erklärliche, wundersam in der Schwebe hängende Sekunde lang war seine Empfindung der Anbetung näher gewesen als im tiefsten Kuss, den er je ausgekostet hatte.

Er kleidete sich fertig an, fand eine schwarze Frackschleife und zog sie vor dem dreiteiligen Badezimmerspiegel sorgfältig zurecht. Dann ging er, einem Impuls nachgebend, rasch in sein Schlafgemach und sah wieder aus dem Fenster. Die Frau stand jetzt aufrecht; sie hatte ihr Haar zurückgeschüttelt, und er hatte sie direkt vor Augen. Sie [32] war dicklich, volle fünfunddreißig und höchst durchschnittlich. Er schnalzte mit der Zunge, ging wieder zurück ins Badezimmer und zog sich einen neuen Scheitel.

To… you… beaut-if-ul lady,

sang er leichthin,

I raise… my… eyes…

Dann, mit einem letzten wohltuenden Bürstenstrich, der eine irisierende Fläche reinen Glanzes hinterließ, trat er aus dem Badezimmer und aus seinem Apartment und ging die Fifth Avenue hinunter zum Ritz-Carlton.

Drei Männer

Um sieben sitzen Anthony und sein Freund Maury Noble an einem Ecktisch auf dem kühlen Dach. Maury Noble gleicht einem großen, schlanken, imposanten Kater. Seine Augen sind schmal und zwinkern unaufhörlich und ausdauernd. Sein Haar liegt glatt an, als sei es von einem gewaltigen Muttertier abgeleckt worden. Während Anthonys Jahren in Harvard galt er als äußerst ungewöhnliche Figur, als einfallsreichster und originellster Kopf seines Jahrgangs – gescheit, verhalten, einer der Erwählten.

Dies ist der Mann, den Anthony als seinen besten Freund ansieht. Unter all seinen Bekannten ist er der einzige, den er bewundert und mehr, als er sich eingestehen will, beneidet.

[33] Jetzt sind sie froh, sich zu sehen – ihre Augen blicken freundlich, da jeder von ihnen nach einer kurzen Trennung den vollen Reiz des Neuen verspürt. Aus der Gegenwart des anderen schöpfen sie Erholung, eine neue Heiterkeit; Maury Noble schnurrt beinahe hinter seinem feingeschnittenen und lächerlich katzenhaften Gesicht. Und Anthony, rastlos wie ein Irrlicht, nervös – jetzt findet er Ruhe.

Sie sind in eines jener unbeschwerten, abgerissenen Gespräche vertieft, wie nur Männer unter dreißig oder Männer unter großer Anspannung sie sich leisten können.

ANTHONY Sieben Uhr. Wo steckt diese Karamelle bloß? ungeduldig Ich wünschte, er würde diesen nicht enden wollenden Roman beenden. Ich habe mehr Zeit mit Hungern zugebracht…

MAURY Er hat einen neuen Namen dafür. Der dämonische Liebhaber – nicht schlecht, was?

ANTHONY interessiert. Der dämonische Liebhaber? O wehklagend das Weib für seinen dämonischen Liebhaber – nein, gar nicht schlecht! Ganz und gar nicht schlecht – das meinst du doch auch?

MAURY Ja sicher. Um wie viel Uhr, hast du gesagt?

ANTHONY Um sieben.

MAURY Seine Augen verengen sich – nicht unangenehm, aber um leichte Missbilligung auszudrücken. Hat mich neulich zur Weißglut gebracht.

ANTHONY Wie?

MAURY Diese Angewohnheit, sich Notizen zu machen.

ANTHONY Mich auch. Anscheinend hatte ich am Abend vorher was gesagt, das er wichtig fand, aber er hatte’s vergessen – und da hat er mich angegiftet. Sagt: »Kannst du [34] nicht versuchen, dich zu konzentrieren?« Und ich sage: »Du langweilst mich zu Tode. Wie soll ich mich daran erinnern?«

MAURY lacht geräuschlos, wobei er sein Gesicht höflich anerkennend in die Breite zieht. Dick sieht auch nicht unbedingt mehr als andere. Nur kann er einen größeren Teil dessen, was er sieht, niederschreiben.

ANTHONY Dieses durchaus beeindruckende Talent…

MAURY O ja. Beeindruckend!

ANTHONY Und Tatkraft – ehrgeizige, zielgerichtete Tatkraft. Er ist so unterhaltsam – er ist so ungeheuer belebend und anregend. Oft raubt es einem den Atem, wenn man mit ihm zusammen ist.

MAURY O ja.

Schweigen, dann:

ANTHONY mit einem Höchstmaß an Überzeugung in seinem schmalen, ein wenig unsicheren Gesicht Aber keine unbezähmbare Tatkraft. Irgendwann wird sie nach und nach verwehen, und das durchaus beeindruckende Talent auch, und nur ein schmächtiges Männlein zurückbleiben, reizbar, egoistisch und schwatzhaft.

MAURY unter Gelächter Hier sitzen wir nun und versichern uns gegenseitig, dass der kleine Dick den Dingen nicht so tief auf den Grund geht wie wir. Aber ich wette, er seinerseits verspürt ebenfalls ein gewisses Maß an Überlegenheit – besser kreativer als kritischer Geist und all so was.

ANTHONY O ja. Aber da irrt er. Er neigt dazu, auf eine Million alberner Schwärmereien hereinzufallen. Da er aber nun mal vom Realismus angetan ist, muss er die Gewänder des Zynikers anlegen, aber eigentlich wäre er – wäre er so [35] leichtgläubig wie das religiöse Oberhaupt eines Colleges. Er ist Idealist. O ja. Er glaubt, keiner zu sein, weil er das Christentum verworfen hat. Erinnerst du dich noch an ihn auf dem College? Jeden Autor hat er vollständig verschlungen, einen nach dem anderen, Ideen, Stil und Figuren, Chesterton, Shaw, Wells, jeden genauso mühelos wie den davor.

MAURY noch seiner eigenen letzten Beobachtung nachhängend Ich erinnere mich.

ANTHONY Es ist wahr. Ein geborener Fetischist. Nimm die Kunst…

MAURY Lass uns bestellen. Er wird…

ANTHONY Schön. Lass uns bestellen. Ich hab ihm gesagt…

MAURY Da kommt er ja. Pass nur auf – gleich rempelt er den Kellner an. Er hebt zum Zeichen den Finger – hebt ihn, als wäre er eine weiche, freundliche Pfote. Da bist du ja, Caramel.

EINE NEUE STIMME schneidend Hallo, Maury, hallo, Anthony Comstock Patch. Wie geht’s dem Enkel des alten Adam? Sind die Debütantinnen immer noch hinter dir her, eh?

RICHARD CARAMEL ist stämmig und blond – mit fünfunddreißig wird er eine Glatze haben. Er hat gelbliche Augen – eines davon erschreckend klar, das andere trübe wie ein schlammiger Teich – und eine gewölbte Stirn wie ein Baby in einem Comic. Auch an anderen Körperstellen wölbt er sich – sein Bauch wölbt sich prophetisch, seine Worte klingen so, als wölbten sie sich aus seinem Mund hervor, selbst die Taschen seines Smokings wölben sich wie durch eine Infektion dank einer Sammlung abgegriffener Fahrpläne, [36] Programme und verschiedenster Zettel – auf diesen macht er sich seine Notizen, wobei er seine ungleich gelben Augen fest zusammenkneift und mit der freien Linken Schweigen gebietet.

Als er am Tisch ankommt, schüttelt er ANTHONY und MAURY die Hand. Er ist einer von diesen Männern, die dauernd die Hand schütteln, selbst Leuten, die sie eine Stunde zuvor schon mal gesehen haben.

ANTHONY Hallo, Caramel. Schön, dass du gekommen bist. Wir brauchen was zum Lachen.

MAURY Du kommst zu spät. Hast du mit dem Briefträger ein Wettrennen um den Block gemacht? Wir haben deine Persönlichkeit auseinandergepflückt.

DICK fixiert ANTHONY erwartungsvoll mit dem hellen Auge Was habt ihr gesagt? Sagt mir’s, und ich schreib’s auf. Hab heut Nachmittag dreitausend Wörter im ersten Teil gestrichen.

MAURY Nobler Ästhet. Und ich habe mir Alkohol in den Magen gekippt.

DICK Ich zweifle nicht daran. Ich wette, ihr zwei habt hier gesessen und eine Stunde lang über nichts als Alkohol geredet.

ANTHONY Nur umkippen tun wir nie, du Milchbart.

MAURY In angeheitertem Zustand nehmen wir Damen, die wir kennenlernen, niemals mit nach Haus.

ANTHONY Alles in allem zeichnen sich unsere Partys durch eine gewisse hochmütige Erlesenheit aus.

DICK Die besonders alberne Sorte, die damit prahlt, vollgetankt zu sein! Das Problem ist, dass ihr beide der Schule der alten englischen Junker aus dem 18. Jahrhundert [37] angehört. Still und heimlich trinkt, bis ihr unter den Tisch rollt. Nie auch nur einmal die Sau rauslassen. O nein, das gehört sich nicht.

ANTHONY Ich wette, das stammt aus dem Sechsten Kapitel.

DICK Geht ihr ins Theater?

MAURY Ja. Wir haben vor, den Abend mit tiefem Nachdenken über die Probleme des Lebens zu verbringen. Das Ding heißt kurz und knapp Die Frau. Ich nehme an, sie wird dafür »bezahlen«.

ANTHONY Mein Gott! Handelt es davon? Lass uns wieder ins Follies gehen.

MAURY Ich bin’s leid. Ich hab’s schon dreimal gesehen. Zu DICK Beim ersten Mal sind wir nach dem ersten Akt gegangen und haben eine ganz unglaubliche Bar gefunden. Als wir zurückkamen, sind wir ins falsche Theater geraten.

ANTHONY Hatten einen längeren Streit mit einem ängstlichen jungen Paar, von dem wir glaubten, es säße auf unseren Plätzen.

DICK als spräche er mit sich selbst Ich glaube – wenn ich einen weiteren Roman und ein Theaterstück und vielleicht einen Band mit Kurzgeschichten geschrieben habe, nehme ich mir eine musikalische Komödie vor.

MAURY Ich weiß – mit intellektuellen Texten, die niemand interessieren. Und sämtliche Kritiker werden stöhnen und murren: »Der gute alte HMS Pinafore.« Und ich werde weiterhin leuchten – eine glänzend sinnlose Gestalt in einer sinnlosen Welt.

DICK wichtigtuerisch Kunst ist nicht sinnlos.

[38] MAURY An sich schon. Nur insofern nicht, als sie versucht, das Leben weniger sinnlos zu machen.

ANTHONY Mit anderen Worten, Dick, du spielst für ein Publikum von Geistern.

MAURY Gib ihm bitte eine gute Vorstellung.

ANTHONY zu MAURY Nein, ich finde, weshalb schreiben, wo die Welt doch sinnlos ist? Der bloße Versuch, ihr einen Zweck zu liefern, ist zwecklos.

DICK Selbst wenn ich all dem zustimme, sei ein anständiger Pragmatiker und gönne einem armen Mann den Willen zu leben. Soll etwa jeder diesen spitzfindigen Blödsinn akzeptieren?

ANTHONY Ja, ich glaube schon.

MAURY Nein, Sir! Ich glaube, dass jedermann in Amerika, bis auf ein auserwähltes Tausend, gezwungen werden sollte, ein äußerst rigides Moralsystem zu akzeptieren – zum Beispiel das der römisch-katholischen Kirche. Ich beklage mich ja nicht über konventionelle Moral. Vielmehr beklage ich mich über jene mediokren Ketzer, die begierig die Erkenntnisse der Spitzfindigkeit aufgreifen und eine Pose sittlicher Freiheit einnehmen, zu der ihre Intelligenz sie durchaus nicht berechtigt.

In diesem Augenblick trifft die Suppe ein, und was MAURY noch alles von sich gegeben hätte, geht für alle Zeiten verloren.

[39] Nacht

Hinterher suchten sie einen Schwarzhändler auf und erstanden für viel Geld Sitzplätze für eine neue musikalische Komödie namens Es geht hoch her. Im Foyer des Theaters warteten sie einige Augenblicke, um das Premierenpublikum hereinströmen zu sehen. Da gab es vielfach mit farbiger Seide oder Pelz besetzte Abendmäntel; von Armen, Hälsen und weißen oder rosa Ohrläppchen herabhängendes Geschmeide; den breiten Schimmer unzähliger Seidenhüte; Schuhe von Gold und Bronze und Rot und glänzendem Schwarz; hochgesteckte, festverpackte Coiffuren vieler Damen und glattes, angefeuchtetes Haar gepflegter Herren – vor allem aber das Auf und Ab, das Geplapper und Gegluckse, das Schäumen und gemächlich heranrollende Wogen dieses heiteren Menschenmeers, das seinen glitzernden Wasserschwall an diesem Abend in den künstlichen See des Gelächters lenkte…

Nach dem Stück trennten sie sich – Maury ging zu einem Tanz ins Sherry’s, Anthony heimwärts und zu Bett.

Langsam bahnte er sich seinen Weg durch das Gewühl der abendlichen Menge auf dem Times Square, den das Streitwagenrennen und seine tausend Satelliten vor lauter Ausgelassenheit selten schön, licht und intim erscheinen ließen. Um ihn her wirbelten Gesichter, ein Kaleidoskop von Mädchen, hässlich, hässlich wie die Sünde – zu fett, zu mager –, und doch schwebten sie in dieser Herbstluft wie auf ihrem eigenen warmen und leidenschaftlichen Atem, der sich in die Nacht ergoss. Hier, dachte er, wirkten sie bei aller Gewöhnlichkeit auf zarte, feine Weise geheimnisvoll. [40] Vorsichtig atmete er ein, nahm in seine Lungen Parfüm und den nicht unangenehmen Duft vieler Zigaretten auf. Er suchte den Blick einer dunkelhaarigen jungen Schönen, die allein in einer geschlossenen Droschke saß. Im Zwielicht verhießen ihre Augen Nacht und Veilchen, und einen Augenblick lang besann er sich wieder auf jenen halbvergessenen Abstand am Nachmittag.

Zwei junge Juden gingen an ihm vorüber, sie unterhielten sich mit lauter Stimme und reckten ihre Hälse hierhin und dorthin, um ebenso einfältige wie hochmütige Blicke um sich zu werfen. Sie trugen übertrieben enganliegende Anzüge, wie sie damals halbwegs Mode waren; ihre Umlegekragen waren am Adamsapfel eingekerbt. Sie hatten graue Gamaschen um und trugen über den Griffen ihrer Spazierstöcke graue Handschuhe.

Vorbei kam eine verwirrte alte Dame, wie ein Korb mit Eiern entlanggetragen von zwei Männern, die ihr die Wunder von Times Square verkündeten – sie so rasch erläuterten, dass die alte Dame in dem Versuch, sich interessiert zu zeigen, ihren Kopf hierhin und dorthin drehte wie eine vom Wind geschüttelte alte Orangenschale. Anthony schnappte einen Gesprächsfetzen auf:

»Das ist das Astor, Mama!«

»Sieh nur! Schau dir die Reklame mit dem Streitwagenrennen an…«

»Da waren wir heute. Nein, da

»Du meine Güte!«

»Ist doch piepe, komm, beweg dich, Zeit ist Geld.« In dem, was einem der beiden Paare an seiner Seite da so schrill entfuhr, erkannte Anthony die Redensart des Jahres wieder.

[41] »Da sag ich zu ihm, sag ich…«

Neben ihm das sanfte Geschiebe der Droschken und Gelächter, Gelächter, so heiser wie das einer Krähe, unaufhörlich und laut, unter ihm das Rumpeln der Untergrundbahn und über allem die Drehungen der Lichter, das Aufblitzen und Verlöschen von Licht – Licht, das sich wie Perlen teilte, sich immer wieder aufs Neue formte in funkelnden Streifen und Kreisen und abscheulich grotesken Figuren, aufs erstaunlichste in den Himmel geschnitten.

Dankbar bog er in die Stille ein, die wie ein dunkler Wind aus einer Querstraße wehte, und kam an einer Bäckerei mit Imbiss vorbei, in dessen Fenstern sich ein Dutzend Grillhähnchen an einem automatischen Spieß drehte. Aus der Tür drang ein Geruch – heiß, teigig und rosig. Als Nächstes ein Drugstore, der einen Gestank nach Medizin und verschüttetem Sodawasser nebst einer angenehmeren Duftnote von der Kosmetikabteilung verströmte; sodann eine immer noch geöffnete chinesische Wäscherei, dampfig und drückend, die nach Gemangeltem und irgendwie gelb roch. All das deprimierte ihn; als er zur Sixth Avenue kam, betrat er ein Zigarrengeschäft an der Ecke und tauchte besser gelaunt wieder auf – der Zigarrenladen war heiter, Menschheit in marineblauem Dunst beim Kauf eines Luxusguts…

Als er wieder in seinem Apartment war, setzte er sich im Dunkeln ans offene Vorderfenster und rauchte eine letzte Zigarette. Zum ersten Mal seit einem Jahr genoss er New York in vollen Zügen. Die Stadt zeichnete sich durch eine seltene Schärfe aus, eine fast südliche Qualität. Freilich war es eine einsame Stadt. Er, der allein aufgewachsen war, hatte neuerdings gelernt, die Einsamkeit zu fliehen. Während der [42] vergangenen Monate war er, wenn er für den Abend keine Verabredung hatte, jeweils in einen seiner Klubs gehastet, um jemanden zu finden. O ja, hier gab es Einsamkeit…

Seine Zigarette, deren Rauch die schmalen Vorhangfalten mit einem Rand schwachen weißen Dunstes säumte, glühte weiter, bis die Turmuhr von St.