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Meine erste Begegnung mit den Toten Hosen war nicht besonders vielversprechend. Im Mai 1993 wollte ich gerade das Hamburger Büro der Plattenfirma Virgin Music betreten, als mir eine Kollegin von einer anderen Tageszeitung entgegenkam. Sie hatte Tränen in den Augen und raunte mir zu, die Band sei total fies. In dem Moment entschied ich, Campino und Andi lieber nicht zu erzählen, dass ich bei der Hamburger Morgenpost nur Praktikantin war und bisher wenig Berührungspunkte mit den Toten Hosen hatte. Ich betrat das Interview-Zimmer und sagte zur Begrüßung: »Ich hoffe, ihr habt noch Lust zu reden.« Darauf Andi: »Wenn du keine blöden Fragen stellst, schon.« Ich befürchte, meine Fragen waren damals nicht sehr schlau, aber es hat wohl gereicht, und ich hatte mich immerhin gut vorbereitet. Oft schlagen Interesse und Neugier dann eben doch die sogenannte Erfahrung. (Da ich damals mit 21 ungefähr wie 12 aussah und bei Aufregung immer sehr rotbackig wurde, ahnten sie womöglich bald, es nicht mit einer routinierten Redakteurin zu tun zu haben.)
Seitdem trafen wir uns immer wieder, anfangs zu praktisch jedem Konzert in Hamburg, manchmal auch in Bremerhaven oder Hannover, zu jedem Album sowieso. Es wurde zu einer schönen Tradition, dass Campino zur neuesten Veröffentlichung meist einen handgeschriebenen Brief beilegte. Das hörte erst auf, als er 2004 Vater wurde und wahrscheinlich noch Besseres zu tun hatte.
Als sie 2018 in der Berliner Waldbühne spielten, schenkten sie mir kurz vorm Konzert als Dank für die jahrelange Berichterstattung eine Platin-Schallplatte von Laune der Natur, und wir sprachen ein bisschen über früher. In den Neunzigern, meinte ich, wart ihr ja unglaublich fleißig – da haben wir uns zu jedem Gig und jeder Platte getroffen, und ich war ja nur bei einer kleinen Boulevardzeitung. Wenn ich das hochrechne auf all die anderen Journalist:innen, müsst ihr irre viele Interviews gegeben haben … Campino guckte mich an, als zweifelte er an meinem Verstand, aber dann musste er lachen. »Wir haben ja nicht wahllos mit allen so viel gequatscht, sondern eben gern mit dir.« Oh, okay. Das nur, um ein bisschen anzugeben. Nein, ich meine, um zu sagen: Meine Geschichte mit den Toten Hosen geht lange zurück und ist eine interessante Mischung aus der professionellen Distanz, die es zwischen Presse und Musiker:innen immer gibt (und geben sollte, weil beiden Parteien bewusst sein muss, dass es um einen gegenseitigen Nutzen geht), und einer Wertschätzung, die nahe an Freundschaft grenzt. Wenn wir uns sehen, ist es wie mit Schulkamerad:innen: Man weiß gegenseitig vielleicht nicht viel über den Alltag oder andere wichtige Aspekte des Lebens, aber man fühlt sich in der Gesellschaft wohl, weil sie so vertraut ist. Die Stimmen der einzelnen Bandmitglieder kann ich aus jedem Aftershowparty-Gedrängel raushören. Außer der von Kuddel vielleicht, der hält sich immer so zurück. (Keine unangenehme Eigenschaft – und gerade bei Gitarristen nicht sehr verbreitet.)
Während ich anfangs also wenig über die Toten Hosen wusste, wurde mir im Laufe der Jahre immer klarer, warum diese Band so unglaublich erfolgreich geworden ist, weit über Deutschland hinaus. Dazu gehört nicht nur Talent und viel Glück, sondern enormer Ehrgeiz und Fleiß. In der Hinsicht waren sie weder Punks noch Hippies, obwohl in dieser besonderen Karriere beide Bereiche eine Rolle spielen. Sie denken bei den Hosen nicht an Flowerpower? Warten Sie ab. Die Liebe-Freiheit-Sinnsuche der Hippies und die No-Future-Attitüde der Punks sind ja nur scheinbare Widersprüche, fragen Sie Patti Smith. Vor allem aber war Andi, Breiti, Campino und Kuddel, erst mit Trini Trimpop, dann mit Wölli, schließlich mit Vom, immer an einem gelegen: Dass es nicht irgendwann nur noch ums Business geht, so wichtig das war und ist. Sie sind niemals zu reinen Geschäftspartnern verkommen, mehr als 18 Millionen verkauften Tonträgern zum Trotz. Dass sie nie den Spaß am Feiern verloren haben, zeichnet sie ebenso aus wie die Loyalität ihrem Umfeld gegenüber. Bei den Toten Hosen ging und geht es immer um mehr als Musik: Sie stehen auch für eine Haltung. Mir imponiert, wie sie sich um ihre Freunde herum ein kleines Imperium aufgebaut haben, in dem sie alle Fäden in der Hand halten. Dass sie gleichzeitig Kontrollfreaks sind, die nicht lockerlassen können, gehört da zum Gesamtpaket. Auch nach 28 Jahren muss ich ihnen ihre Zitate zum »Absegnen« schicken – und tröste mich mit dem Gedanken, dass es kein Zeichen mangelnden Vertrauens ist, sondern sie das zur Beruhigung einfach brauchen. Immerhin haben sie in all der Zeit niemals Passagen gestrichen und stets nur Kleinigkeiten geändert – das unterscheidet sie von einigen anderen großen deutschen Musiker:innen. Wenn sie etwas sagen, dann stehen sie dazu.
Begeben wir uns also auf eine (bei 40 Jahren natürlich komprimierte) Reise in den Kosmos der Toten Hosen – oder wie wir aus pragmatischen Gründen meistens sagen: »der Hosen« oder noch knapper »DTH«. Der Bandname ist, anders als die Musiker, nicht sehr gut gealtert. Dass sie bei ihrem ersten Konzert (im Schlachthof in Bremen) als »Die Toten Hasen« angekündigt wurden, hätte ihnen eine Warnung sein sollen, aber nun, es waren die Achtziger. Die Flowerpornoes oder Die Krupps würden sich heute wahrscheinlich auch anders entscheiden. Und bei den Hosen stand damals noch »Die Pariser« zur Auswahl, lassen Sie uns also zufrieden sein. Bei Um-die-60-Jährigen wirkt es zudem vielleicht etwas schräg, immer noch von »Campino« und »Kuddel« zu sprechen, doch das hat seine Berechtigung: Wenn drei Bandmitglieder Andreas heißen, braucht es Spitznamen. Und nach Jahrzehnten der Gewöhnung ist es einfach nicht mehr möglich, von »Breiti« auf »Michael« umzuschalten – in einer Welt, in der einer der allergrößten Rockstars Bono heißt, kein ernsthaftes Problem.
Dass im Folgenden häufiger von Campino die Rede ist als von den anderen, hat übrigens nicht nur damit zu tun, dass Sänger immer eine exponierte Position in einer Band haben. Bei all den Interviews war häufiger mal Andi dabei, seltener mal Breiti, der ohnehin sehr vorsichtig ist: Als ich einmal für eine Titelgeschichte alle zu Hause besuchte, öffnete er nur sein Arbeitszimmer, der Rest sollte bitte privat bleiben – was verständlich ist. In Campinos Wohnzimmer war es allerdings immer sehr gemütlich, und irgendwann konnte ich sogar Kuddel und Vom zum Reden überreden. Dennoch hat Campino immer den Großteil der Pressearbeit übernommen. Von ihm wissen wir also einfach mehr als von den anderen – und ich habe den Verdacht, dass das denen auch ganz recht ist so.