Wenn es eine Hypothese gibt, die Biologie-Doktorandin Olive Smith anzweifelt, dann ist es die von der Möglichkeit der Liebe. Ganz anders ergeht es ihrer Freundin Anh, die von ihrer Sorge um Olive jedoch davon abgehalten wird, sich um ihre Liebesdinge zu kümmern. Also behauptet Olive, längst mit jemandem zusammen zu sein, was sie aber so unter Zugzwang setzt, dass sie den erstbesten Mann küsst, der ihr unterkommt – was ausgerechnet Adam Carlsen ist, der fieseste Professor weit und breit. Umso überraschter ist Olive, als er ihr vorschlägt, die Scharade aufrechtzuerhalten und als ihr Freund aufzutreten. Schon bald droht der Plan Olives Gefühle in einen Bereich jenseits wissenschaftlicher Kriterien zu bringen – doch so einfach lässt sich Olive nicht von ihren rationalen Standards abbringen …
Ali Hazelwood hat unendlich viel veröffentlicht (falls man all ihre Artikel über Hirnforschung mitzählt, die allerdings niemand außer ein paar Wissenschaftlern kennt und die, leider, oft kein Happy End haben). In Italien geboren, hat Ali in Deutschland und Japan gelebt, bevor sie in die USA ging, um in Neurobiologie zu promovieren. Vor Kurzem wurde sie zur Professorin berufen, was niemanden mehr schockiert als sie selbst. »Die theoretische Unmöglichkeit von Liebe« ist ihr Debütroman.
Christine und Anna Julia Strüh sind Mutter und Tochter und übersetzen gemeinsam aus dem Englischen. Christine Strüh lebt in Berlin und übertrug u. a. Kristin Hannah und Cecelia Ahern ins Deutsche. Anna Julia Strüh übersetzte ihr erstes Buch mit fünfzehn, lebt heute in Leipzig und überträgt auch Lyrik.
Ali Hazelwood
Die theoretische Unwahrscheinlichkeit von Liebe
Roman
Aus dem Amerikanischen von Christine Strüh und Anna Julia Strüh
Für meine MINT-Frauen:
Kate,
Caitie,
Hatun und Mar.
Per aspera ad aspera.
Hypothese (Substantiv):
Eine aufgrund unvollständiger Beweislage angestellte Vermutung oder potenzielle Erklärung als Ausgangsbasis weiterer Nachforschungen.
Beispiel: »Aufgrund der vorliegenden Informationen und der bisher gesammelten Daten lautet meine Hypothese, dass es mir umso besser geht, je weiter ich mich von der Liebe fernhalte.«
Offen gesagt war Olive noch unschlüssig, was diese Sache mit der Promotion anging.
Nicht, weil sie Naturwissenschaften nicht mochte. (Das tat sie unbedingt. Sie liebte Naturwissenschaften. Naturwissenschaften waren genau ihr Ding.) Und auch nicht wegen der Wagenladung offensichtlicher Warnsignale. Sie war sich durchaus bewusst, dass es womöglich nicht gut für ihre geistige Gesundheit war, jahrelang achtzig Stunden die Woche zu arbeiten und dafür weder ausreichend gewürdigt noch angemessen bezahlt zu werden. Dass es womöglich nicht der Schlüssel zum Glück war, sich die Nächte vor einem Bunsenbrenner um die Ohren zu schlagen. Dass es womöglich keine kluge Entscheidung war, sich mit Leib und Seele akademischen Bestrebungen zu verschreiben, wo Pausen, in denen man unbeaufsichtigte Bagels stehlen konnte, rar gesät waren.
All dessen war sie sich bewusst, aber es kümmerte sie nicht. Oder vielleicht doch, ein winziges bisschen, aber damit wurde sie fertig. Etwas anderes hielt sie davon ab, sich endgültig dem verrufensten, Seelen aussaugenden Kreis der Hölle (sprich: einer Promotion) auszuliefern. Zumindest hatte es sie zurückgehalten, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle an der Biologischen Fakultät von Stanford eingeladen wurde und ihr der Typ zum ersten Mal begegnet war.
Der Typ, dessen Namen sie nicht kannte.
Der Typ, den sie getroffen hatte, nachdem sie, ohne richtig hinzuschauen, auf die erstbeste Toilette gestolpert war.
Der Typ, der sie fragte: »Aus reiner Neugier, gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie in meiner Toilette weinen?«
Olive stieß einen erschrockenen Schrei aus und versuchte, durch das Meer von Tränen irgendetwas zu erkennen, aber das erwies sich als schwierig. Ihre Sicht war völlig verschwommen. Sie konnte nur einen wässrigen Umriss ausmachen – jemand Großes, mit dunklen Haaren, schwarz gekleidet und … Das war’s.
»Ich … Ist das nicht die Damentoilette?«, stammelte sie.
Eine Pause. Schweigen. Und dann: »Nein.« Seine Stimme war tief. So tief. Richtig tief. Traumhaft tief.
»Bist du sicher?«
»Ja.«
»Wirklich?«
»Ziemlich, da das hier meine Labortoilette ist.«
Tja. Dagegen konnte sie nichts sagen. »Es tut mir so leid. Musst du …?« Sie deutete auf die Toilettenkabine oder in die Richtung, in der ihrer Meinung nach die Toilettenkabine ungefähr liegen musste. Selbst geschlossen brannten ihre Augen wie Feuer, und sie musste sie fest zusammenkneifen, um den Schmerz zu lindern. Sie versuchte, ihre Wangen mit dem Ärmel ihres Wickelkleids zu trocknen, aber das Material war billig und hauchdünn, nicht halb so saugfähig wie echte Baumwolle. Ach ja, die Freuden der Armut …
»Ich muss nur dieses Reagenz wegschütten«, sagte er, rührte sich aber nicht von der Stelle. Vielleicht versperrte sie ihm den Weg zum Waschbecken. Oder vielleicht hielt er Olive für eine Spinnerin und zog in Erwägung, ihr die Campuspolizei auf den Hals zu hetzen. Das wäre ein brutal abruptes Ende ihrer Promotionsträume. »Wir benutzen diesen Raum nicht als Toilette, sondern nur um Dinge zu entsorgen und Gerätschaften abzuwaschen.«
»Oh, tut mir leid. Ich dachte …« Ungenügend. Sie hatte ungenügend nachgedacht, wie es ihre Art war. Und ihr Fluch.
»Alles in Ordnung?« Er musste wirklich groß sein. Seine Stimme klang, als käme sie von drei Metern über ihr.
»Klar. Warum fragst du?«
»Weil du weinst. In meiner Toilette.«
»Ich weine nicht. Okay, irgendwie schon, aber das sind nur Tränen, verstehst du?«
»Nein, das verstehe ich nicht.«
Seufzend ließ sie sich an die geflieste Wand sinken. »Das kommt von meinen Kontaktlinsen. Die sind schon eine Weile abgelaufen, wobei sie von Anfang an nicht besonders toll waren. Sie reizen meine Augen. Ich hab sie rausgenommen, aber …« Sie zuckte die Achseln. »Es dauert eine Weile, bis meine Augen aufhören zu tränen.«
»Du trägst abgelaufene Kontaktlinsen?« Er klang persönlich gekränkt.
»Nur ein bisschen abgelaufen.«
»Was verstehst du unter ›ein bisschen‹?«
»Ich weiß nicht. Ein paar Jahre?«
»Was?« Seine Konsonanten waren scharf und präzise. Klar. Irgendwie angenehm.
»Wirklich nur ein paar. Glaube ich.«
»Nur ein paar Jahre?«
»Das ist schon okay. Verfallsdaten sind was für Schwächlinge.«
Ein harter Ton – eine Art Schnauben. »Verfallsdaten sind dafür da, dass ich dich nicht heulend in meiner Toilette vorfinden muss.«
Wenn dieser Typ nicht Mr. Stanford höchstpersönlich war, sollte er wirklich aufhören, es seine Toilette zu nennen.
»Schon gut«, winkte sie ab. Sie hätte die Augen verdreht, wenn die nicht in Flammen gestanden hätten. »Das Brennen hält normalerweise nur ein paar Minuten an.«
»Du meinst, du hast das schon mal gemacht?«
Olive runzelte irritiert die Stirn. »Was gemacht?«
»Abgelaufene Kontaktlinsen getragen.«
»Natürlich. Kontaktlinsen sind nicht billig.«
»Augen auch nicht.«
Hmpf. Gutes Argument. »Hey, sind wir uns schon mal begegnet? Vielleicht gestern Abend, bei dem Dinner für angehende Doktoranden?«
»Nein.«
»Du warst nicht da?«
»So etwas ist nicht mein Ding.«
»Aber da gab’s Essen gratis.«
»Das ist es nicht wert, den ganzen Abend Small Talk machen zu müssen.«
Vielleicht war er auf Diät, denn welcher Doktorand sagte so etwas? Olive war sicher, dass er ein Doktorand war – der überhebliche, herablassende Tonfall verriet ihn. So waren alle Doktoranden: Sie hielten sich für etwas Besseres, nur weil sie das zweifelhafte Privileg hatten, für neunzig Cent die Stunde im Namen der Wissenschaft Fruchtfliegen abzuschlachten. In der grauenvollen, finsteren Höllenlandschaft, die sich akademische Welt nannte, waren Doktoranden die niedersten Kreaturen und mussten sich deshalb selbst vorgaukeln, dass sie die Tollsten wären. Olive war keine Psychologin, aber das erschien ihr ein ziemlich simpler Abwehrmechanismus.
»Bewirbst du dich um einen Platz im Promotionsprogramm?«, fragte er.
»Jepp. Für Biologie.« Gott, ihre Augen brannten. »Was ist mit dir?«, fragte sie und presste ihre Hände darauf.
»Mit mir?«
»Wie lange bist du schon hier?«
»Hier?« Eine Pause. »Sechs Jahre. So in etwa.«
»Oh. Dann machst du bald deinen Abschluss?«
»Ich …«
Sie bemerkte sein Zögern und bekam sofort ein schlechtes Gewissen. »Moment, du musst es mir nicht sagen. Die erste Regel beim Promovieren – frag die anderen Doktoranden nie, wann sie planen fertig zu werden.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen. Und dann noch einen. »Stimmt.«
»Sorry.« Sie wünschte, sie könnte ihn sehen. Soziale Interaktionen fand sie sowieso schon schwierig genug; das Letzte, was sie dabei brauchte, waren noch weniger Anhaltspunkte, nach denen sie sich richten konnte. »Ich wollte nicht so klingen wie deine Eltern zu Thanksgiving.«
Er lachte leise. »Das könntest du nie.«
»Oh.« Sie lächelte. »Nervige Eltern?«
»Und noch schlimmere Thanksgivings.«
»Das habt ihr Amis davon, dass ihr das Commonwealth verlassen habt.« Sie streckte die Hand aus – hoffentlich ungefähr in seine Richtung. »Ich bin übrigens Olive. Wie der Baum.« Sie fürchtete schon, sie hätte sich dem Waschbecken vorgestellt, als sie ihn näher kommen hörte. Die Hand, die sich um ihre schloss, war trocken und warm und so groß, dass sie ihre ganze Faust hätte umfassen können. Alles an ihm musste riesig sein. Körpergröße, Finger, Stimmvolumen.
Das war nicht gänzlich unangenehm.
»Du bist keine Amerikanerin?«, fragte er.
»Nein, Kanadierin. Hör mal, wenn du zufällig mit einem Mitglied des Zulassungskomitees redest, könntest du dieses kleine Missgeschick bitte nicht erwähnen? Denn das würde mich womöglich als eher weniger herausragende Bewerberin erscheinen lassen.«
»Meinst du?«, erwiderte er trocken.
Sie hätte ihn nur zu gern wütend angestarrt, wenn sie gekonnt hätte. Aber anscheinend bekam sie das trotzdem ganz gut hin, denn er lachte – nur ein Prusten, doch sie wusste, was Sache war.
Er ließ sie los, und erst da wurde ihr klar, dass sie seine Hand immer noch umklammert hatte. Ups.
»Hast du vor, dich einzuschreiben?«, erkundigte er sich.
Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß ja noch nicht einmal, ob ich ein Angebot bekomme.« Aber zwischen ihr und der Professorin, die das Bewerbungsgespräch geführt hatte, Dr. Aslan, hatte die Chemie sofort gestimmt, und Olive hatte viel weniger gestottert und gemurmelt als sonst. Außerdem war ihr Notendurchschnitt so gut wie perfekt. Kein Leben zu haben war manchmal durchaus praktisch.
»Hast du vor, dich einzuschreiben, falls du das Angebot bekommst?«
Sie wäre dumm, es nicht zu tun. Immerhin ging es um Stanford – eine der besten Biologiefakultäten der Welt. Oder zumindest hatte Olive sich das eingeredet, um die beängstigende Wahrheit auszublenden.
Dass sie in Wirklichkeit noch komplett unsicher war, ob sie es wagen sollte.
»Ich … Vielleicht. Ich muss sagen, dass mir die Grenze zwischen exzellentem Karriereschritt und fatalem Fehler bis in alle Ewigkeit immer unklarer wird.«
»Scheint, als würdest du zum Fehler tendieren.« Er klang, als würde er lächeln.
»Nein. Na ja … Ich bin einfach …«
»Einfach was?«
Sie biss sich auf die Lippe. »Was, wenn ich nicht gut genug bin?«, platzte sie heraus. Warum, o Gott, warum vertraute sie diesem Wildfremden auf der Toilette ihre größten, geheimsten Ängste an? Und was sollte das überhaupt bringen? Jedes Mal, wenn sie Freunden und Bekannten gegenüber ihre Zweifel äußerte, warteten sie allesamt mit denselben lahmen, bedeutungslosen Ermutigungen auf. Das wird schon. Du schaffst das. Ich glaube an dich. Dieser Typ würde mit Sicherheit genau das Gleiche tun.
Es bahnte sich schon an.
Jeden Moment würde es so weit sein.
Jetzt gleich …
»Warum willst du es machen?«
Hä? »Was … machen?«
»Promovieren. Du hast doch bestimmt einen Grund dafür?«
Olive räusperte sich. »Ich war schon immer wissbegierig, und eine renommierte Uni wie Stanford ist das ideale Umfeld, um das zu fördern. Ich würde wichtige Fähigkeiten für meine weitere Laufbahn erlernen …«
Er schnaubte.
»Was?«, fragte sie stirnrunzelnd.
»Ich will nicht die Rede hören, die du für dein Vorstellungsgespräch einstudiert hast. Warum willst du promovieren?«
»Es stimmt, was ich gesagt habe«, beharrte sie ein bisschen schwächlich. »Ich will meine Recherchefähigkeiten verbessern …«
»Liegt es daran, dass du nicht weißt, was du sonst tun solltest?«
»Nein.«
»Weil du keine Stelle in der Wirtschaft bekommen hast?«
»Nein, ich hab mich nicht einmal um eine Stelle in der Wirtschaft beworben.«
»Ah.« Er bewegte sich; eine große, verschwommene Gestalt, die neben sie trat, um etwas in den Abfluss zu gießen. Olive roch einen Hauch Eugenol, Waschpulver und saubere Männerhaut. Eine merkwürdig angenehme Kombination.
»Ich brauche mehr Freiraum, als mir die Wirtschaft bieten kann.«
»In der akademischen Welt wirst du auch nicht viel Freiraum haben.« Seine Stimme klang nun näher, als wäre er nicht wieder zurückgetreten. »Du wirst deine Arbeit durch lächerlich umkämpfte Forschungsstipendien und Drittmittel finanzieren müssen. In einem Job mit geregelter Arbeitszeit würdest du deutlich besser verdienen, und du kämst sogar in den Genuss, das herkömmliche Konzept des Wochenendes kennenzulernen.«
Olive machte ein grimmiges Gesicht. »Versuchst du, mich dazu zu bringen, das Angebot abzulehnen? Ist das so eine Art Anti-abgelaufene-Kontaktlinsen-Träger-Kampagne?«
»Nein.«
Diesmal konnte sie sein Lächeln definitiv hören.
»Ich vertraue darauf, dass das nur ein Fehltritt war.«
»Ich trage ständig abgelaufene Kontaktlinsen, und sie sind fast nie …«
»In einer langen Reihe von Fehltritten.« Er seufzte. »Hör zu: Ich habe keine Ahnung, ob du gut genug bist, aber das ist es auch nicht, was du dich fragen solltest. Wissenschaft bedeutet viel Arbeit und wenig Spaß. Das Wichtigste ist, ob du einen guten Grund hast, in der Wissenschaft arbeiten zu wollen. Also, warum willst du promovieren, Olive?«
Sie dachte nach und dachte und dachte noch etwas mehr. Und dann sagte sie zaghaft: »Ich habe eine Frage. Eine spezifische wissenschaftliche Frage. Etwas, das ich herausfinden möchte.« So. Geschafft. Das war die Antwort. »Etwas, was womöglich niemand sonst ergründen wird, wenn ich es nicht tue.«
»Eine Frage?«
Sie spürte einen Luftzug und erkannte, dass er jetzt am Waschbecken lehnte.
»Ja.« Ihr Mund war staubtrocken. »Etwas, das mir sehr wichtig ist. Und – ich traue es niemandem sonst zu. Weil noch niemand sonst auch nur auf die Idee gekommen ist, sich darum zu bemühen. Weil …« Weil deswegen etwas Schlimmes passiert ist. Weil ich meinen Teil dazu beitragen will, dass so etwas nie wieder passiert.
Das waren zu düstere Gedanken in Gegenwart eines Fremden, in der Dunkelheit hinter ihren geschlossenen Lidern. Also öffnete sie die Augen; ihre Sicht war immer noch verschwommen, aber das Brennen hatte nachgelassen. Der Typ sah sie an. Noch ziemlich unscharf, aber sehr präsent. Er wartete geduldig darauf, dass sie weitersprach.
»Diese Sache ist mir wichtig«, wiederholte sie. »Die Forschung, die ich betreiben will.« Olive war dreiundzwanzig und vollkommen allein auf der Welt. Sie wollte keine freien Wochenenden oder ein angemessenes Gehalt. Sie wollte die Zeit zurückdrehen. Sie wollte weniger einsam sein. Aber da das unmöglich war, würde sie sich damit begnügen, in Ordnung zu bringen, was sie konnte.
Er nickte, sagte jedoch nichts, als er sich aufrichtete und ein paar Schritte auf die Tür zu machte. Offensichtlich wollte er verschwinden.
»Ist mein Grund zu promovieren gut genug?«, rief sie ihm nach und hasste es, wie begierig auf Anerkennung sie klang. Es war gut möglich, dass sie in einer existenziellen Krise steckte.
Er hielt inne und drehte sich zu ihr um. »Es ist der beste Grund überhaupt.«
Er lächelte, dachte sie. Oder etwas in der Art.
»Viel Glück bei deiner Zulassung, Olive.«
»Danke.«
Er war schon fast aus der Tür.
»Vielleicht sehen wir uns nächstes Semester«, plapperte sie drauflos und errötete. »Wenn ich angenommen werde. Und wenn du noch nicht deinen Abschluss gemacht hast.«
»Vielleicht«, hörte sie ihn sagen.
Dann war der Typ weg. Und Olive hatte seinen Namen nicht erfahren. Aber ein paar Wochen später bekam sie ein Stellenangebot der Biologischen Fakultät von Stanford und nahm es an. Ohne Zögern.
Hypothese: Wenn ich die Wahl habe zwischen A (einer etwas ungünstigen Situation) und B (einem totalen Desaster mit verheerenden Konsequenzen), werde ich mich unweigerlich für B entscheiden.
Zwei Jahre und elf Monate später
Zu Olives Verteidigung muss gesagt werden, dass sich der Mann nicht allzu sehr an dem Kuss zu stören schien.
Er brauchte einen Moment, um zu reagieren – vollkommen verständlich, angesichts der Umstände. Eine unbehagliche, peinliche, qualvolle Minute presste Olive gleichzeitig ihre Lippen auf seine und reckte sich auf den Zehenspitzen, so hoch es ging, um den Mund auf einer Höhe mit seinem Gesicht zu halten. Musste er denn so groß sein? Von außen ähnelte der Kuss bestimmt einem ungeschickten Kopfstoß, und sie hatte Angst, dass es nicht gelingen würde. Ihre Freundin Anh, die Olive vor ein paar Sekunden auf sich hatte zukommen sehen, würde mit einem Blick begreifen, dass Olive und der Kuss-Typ unmöglich ein Date haben konnten.
Dann war der quälend lange Moment vorbei, und der Kuss wurde … anders. Der Mann atmete scharf ein und beugte sich ein kleines Stück zu ihr herunter, so dass sich Olive nicht mehr fühlte wie ein Totenkopfäffchen, das einen Baobabbaum erklomm, und seine Hände – die groß und im klimatisierten Flur angenehm warm waren – umfassten ihre Taille. Sie glitten an ihrer Seite ein Stück höher, legten sich um ihren Brustkorb und hielten sie fest. Nicht zu nah und nicht zu weit weg. Genau richtig.
Es war eher ein in die Länge gezogener Knutscher als sonst etwas, aber es war ziemlich schön, und für einige Sekunden vergaß Olive eine ganze Menge – unter anderem, dass sie sich an irgendeinen dahergelaufenen Typen presste. Dass sie kaum genug Zeit gehabt hatte, »Darf ich dich bitte küssen?« zu flüstern, bevor ihre Lippen sich trafen. Dass sie diese ganze Show nur abzog, weil sie ausgerechnet Anh, ihre beste Freundin auf der ganzen Welt, täuschen wollte.
Aber das war die Wirkung, die ein guter Kuss hatte: Für einen Moment vergaß man alles andere. Und so sank Olive an seine breite, massive Brust, die kein bisschen nachgab. Ihre Hände wanderten von seinem markanten Kiefer in dichtes, weiches Haar, und dann – dann hörte sie sich seufzen, als wäre sie schon außer Atem, und da traf es sie wie ein Ziegelstein gegen den Kopf: die Erkenntnis, dass … Nein. Nein.
Nein, nein, nein.
Es war unmöglich, dass sie das genoss. Schließlich war er nur irgendein dahergelaufener Typ.
Mit einem Keuchen machte sich Olive von ihm los und blickte sich fieberhaft nach Anh um. In dem bläulichen Licht, das kurz vor Mitternacht auf dem Flur der Biologielabore schimmerte, war sie nirgends zu entdecken. Seltsam. Olive hätte schwören können, dass sie ihre Freundin gerade noch gesehen hatte.
Der Kuss-Typ hingegen stand schwer atmend direkt vor ihr, die Lippen leicht geöffnet, ein merkwürdiges Glitzern in den Augen, und da wurde ihr mit einem Schlag das Ausmaß dessen klar, was sie gerade getan hatte. Mit wem sie gerade …
Fuck.
Fuck.
Jeder wusste, dass Dr. Adam Carlsen ein Arschloch war.
An sich war diese Tatsache nicht ungewöhnlich, da im akademischen Bereich alle Positionen über der eines Doktoranden (wozu Olive leider Gottes gehörte) ein gewisses Maß an Arschigkeit erforderten, und Lehrstuhlinhaber wie er bildeten die Spitze der Arschpyramide. Doch Dr. Carlsen – der war etwas ganz Besonderes. Zumindest den Gerüchten nach zu urteilen.
Seinetwegen hatte Olives Mitbewohner Malcolm zwei seiner Forschungsprojekte komplett verwerfen müssen und würde wahrscheinlich ein Jahr zu spät seinen Abschluss machen, Jeremy hatte sich seinetwegen vor seiner Aufnahmeprüfung vor Angst übergeben, und es war allein Dr. Carlsen zu verdanken, dass mindestens die Hälfte der Biologiestudenten ihre Disputation würden verschieben müssen. Joe, ein früherer Kommilitone von Olive, mit dem sie sich jeden Donnerstagabend im Kino unscharfe europäische Filme mit mikroskopisch kleinen Untertiteln angesehen hatte, war wissenschaftlicher Mitarbeiter in Carlsens Labor gewesen, hatte den Job jedoch nach sechs Monaten aus »persönlichen Gründen« hingeschmissen. Wahrscheinlich war es besser so, da die meisten von Carlsens verbleibenden Assistenten permanent zittrige Hände hatten und in der Regel aussahen, als hätten sie seit einem Jahr nicht mehr geschlafen.
Dr. Carlsen mochte ein junger akademischer Rockstar und das Wunderkind der Biologie sein, vor allem aber war er oberfies und viel zu kritisch, und an der Art, wie er sprach und wie er sich benahm, war deutlich zu erkennen, dass er sich für die einzige Person an der Biologischen Fakultät von Stanford hielt, die ernstzunehmende Wissenschaft betrieb. Wahrscheinlich sogar auf der ganzen Welt. Er war ein launisches, nervtötendes, angsteinflößendes Arschloch.
Und er war es, den Olive soeben geküsst hatte.
Sie war nicht sicher, wie lange die Stille anhielt – nur, dass er es war, der sie brach. Geradezu lächerlich einschüchternd mit seinen dunklen Augen und noch dunkleren Haaren stand er vor ihr und starrte sie aus luftiger Höhe an – er musste mindestens fünfzehn Zentimeter größer sein als sie. Er hatte den gleichen mürrischen Gesichtsausdruck, den Olive von den Doktorandenseminaren kannte; normalerweise ein Warnsignal, dass er gleich die Hand heben und auf einen seiner Ansicht nach fatalen Fehler in den Worten seines Vorredners hinweisen würde.
Adam Carlsen, Zerstörer vielversprechender wissenschaftlicher Karrieren, hatte Olive ihre Studienberaterin einmal sagen hören.
Schon okay. Schon gut. Alles bestens. Sie würde einfach so tun, als wäre nichts passiert, ihm höflich zunicken und sich davonschleichen. Ja, guter Plan.
»Haben Sie … Haben Sie mich gerade geküsst?« Er klang verwirrt und vielleicht ein bisschen außer Atem. Seine Lippen waren voll und … O Gott. Geküsst. Was sie getan hatte, ließ sich leider beim besten Willen nicht leugnen.
Doch einen Versuch war es wert.
»Nein.«
Überraschenderweise schien es zu funktionieren.
»Ah. Okay.« Carlsen nickte und wandte sich ab, anscheinend etwas desorientiert. Er ging ein paar Schritte den Flur hinunter zum Wasserspender – vielleicht war er dorthin unterwegs gewesen.
Olive glaubte schon, sie wäre aus dem Schneider, als er plötzlich stehen blieb und sich mit skeptischem Gesicht wieder zu ihr umdrehte.
»Sind Sie sicher?«
Verdammt.
»Ich …« Sie vergrub das Gesicht in den Händen. »Es ist nicht so, wie es aussieht.«
»Okay. Ich … Okay«, wiederholte er langsam. Seine Stimme war tief und leise und klang beunruhigend, als würde er allmählich wütend. Als wäre er vielleicht schon wütend. »Was wird hier gespielt?«
Es führte kein Weg daran vorbei, es zu erklären. Aber selbst ein normaler Mensch hätte Olives Aktion merkwürdig gefunden, Adam Carlsen jedoch, der Empathie offensichtlich als Störung erachtete und nicht als menschliche Eigenschaft, würde sie niemals verstehen. Sie ließ die Hände sinken und holte tief Luft.
»Ich … also ich will nicht unhöflich sein, aber das geht Sie nichts an.«
Er starrte sie noch einen Moment länger an, dann nickte er. »Ja. Natürlich.« Er musste wieder in seinen normalen Modus geschaltet haben, denn alle Verwirrung war aus seiner Stimme verschwunden, und sein Ton war wie üblich – trocken. Lakonisch. »Ich gehe einfach wieder in mein Büro und schreibe meine Title-IX-Beschwerde.«
Olive atmete erleichtert auf. »Ja. Das wäre super, weil … Moment. Ihre was?«
»Title IX ist ein Gesetz, das vor sexueller Belästigung im Bildungsbereich schützt …«
»Ich weiß, was Title IX ist.«
»Ich verstehe. Dann haben Sie also bewusst dagegen verstoßen.«
»Ich … Was? Nein. Nein, habe ich nicht!«
Er zuckte die Achseln. »Dann muss ich mich wohl irren. Jemand anderes muss mich überfallen haben.«
»Überfallen … Ich hab Sie nicht überfallen.«
»Aber Sie haben mich geküsst.«
»Nicht wirklich.«
»Ohne meine Erlaubnis einzuholen.«
»Ich habe gefragt, ob ich Sie küssen darf!«
»Und dann haben Sie es getan, ohne meine Antwort abzuwarten.«
»Was? Sie haben Ja gesagt.«
»Wie bitte?«
Sie runzelte die Stirn. »Ich habe gefragt, ob ich Sie küssen darf, und Sie haben Ja gesagt.«
»Falsch. Sie haben gefragt, ob Sie mich küssen dürfen, und ich habe abfällig geschnaubt.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Sie habe Ja sagen hören.«
Er zog eine Augenbraue hoch, und einen kurzen Augenblick lang gab sich Olive der Illusion hin, wie es wäre, jemanden zu ertränken. Dr. Carlsen. Sich selbst. Beides schien eine sehr vielversprechende Option.
»Hören Sie, es tut mir wirklich leid. Es war eine sehr seltsame Situation. Können wir nicht einfach vergessen, dass das je passiert ist?«
Er musterte sie einen langen Moment, sein kantiges Gesicht ernst und noch irgendetwas anderes – etwas, das sie nicht entschlüsseln konnte, weil sie damit beschäftigt war, erneut festzustellen, wie groß und breitschultrig er war. Einfach massiv. Olive war immer schlank gewesen, gerade an der Grenze von »zu dünn«, aber eins siebzig große Frauen fühlten sich selten wirklich klein. Zumindest nicht, bis sie Adam Carlsen gegenüberstanden. Olive hatte immer gewusst, dass er groß war, immerhin hatte sie ihn oft genug in der Fakultät und auf dem Campus gesehen, und sie hatten sich auch schon ein paar Mal den Aufzug geteilt, aber sie hatten nie etwas miteinander zu tun gehabt. Waren sich nie nähergekommen.
Außer vor ein paar Sekunden, Olive. Als du ihm fast die Zunge …
»Stimmt etwas nicht?« Er klang fast besorgt.
»Was? Nein, nein, alles in Ordnung.«
»Denn um Mitternacht in einem Labor einen Wildfremden zu küssen«, fuhr er seelenruhig fort, »könnte ein Zeichen dafür sein, dass etwas nicht stimmt.«
»Nein, alles in bester Ordnung.«
Carlsen nickte nachdenklich. »Also gut. Dann bekommen Sie in ein paar Tagen eine Mail.« Er ging an ihr vorbei, und sie drehte sich um, um ihm nachzurufen: »Sie haben nicht einmal nach meinem Namen gefragt!«
»Ich bin sicher, der wird leicht herauszufinden sein, da Sie Ihren Ausweis einscannen mussten, um nach Feierabend Zutritt zu den Laboren zu bekommen. Gute Nacht.«
»Warten Sie!« Sie hielt ihn am Handgelenk fest. Er blieb sofort stehen, obwohl er sich offensichtlich leicht hätte befreien können, und starrte demonstrativ auf die Stelle, wo ihre Finger sich um seinen Arm geschlungen hatten – direkt unter seiner Uhr, die wahrscheinlich fast so viel gekostet hatte, wie sie als Doktorandin im Jahr verdiente. Oder genauso viel.
Hastig ließ sie ihn los und trat einen Schritt zurück. »Sorry, ich wollte nicht …«
»Der Kuss. Eine Erklärung bitte.«
Olive biss sich auf die Unterlippe. Da hatte sie sich tatsächlich gründlich in die Scheiße geritten. Jetzt musste sie es ihm sagen. »Anh Pham.« Sie sah sich rasch um, um sich zu vergewissern, dass Anh wirklich nicht mehr zu sehen war. »Das Mädchen, das gerade vorbeigekommen ist. Sie arbeitet als Doktorandin an der Biologischen Fakultät.«
Carlsen zeigte nicht das geringste Anzeichen, dass er wusste, von wem sie sprach.
»Anh war …« Olive strich sich eine Strähne ihrer braunen Haare hinters Ohr. An diesem Punkt wurde die Geschichte peinlich. Kompliziert und ein bisschen albern. »Ich habe mich mit einem Typen aus der Fakultät getroffen. Jeremy Langley, er hat rote Haare und arbeitet mit Dr. … Egal, jedenfalls sind wir ein paar Mal ausgegangen, und ich habe ihn zu Anhs Geburtstagsparty mitgenommen. Und die beiden haben sich sofort gut verstanden, und …«
Olive schloss die Augen. Was wahrscheinlich eine schlechte Idee war, denn jetzt sah sie wieder vor ihrem inneren Auge, wie ihre beste Freundin und ihr Date in der Bowlinghalle geplaudert hatten, als würden sie sich schon ihr ganzes Leben kennen – die nie enden wollenden Gesprächsthemen, das Gelächter, und am Ende des Abends hatte Jeremy nur noch Augen für Anh gehabt. Es war schmerzhaft offensichtlich gewesen, an wem er interessiert war. Olive machte eine wegwerfende Geste und versuchte zu lächeln.
»Langer Rede kurzer Sinn, nachdem Jeremy und ich Schluss gemacht haben, hat er sie um ein Date gebeten. Aber sie hat Nein gesagt, weil … na ja, wegen des Girl-Codes und so, aber ich weiß, dass sie ihn wirklich mag. Sie hat Angst, meine Gefühle zu verletzen, und egal, wie oft ich ihr sage, dass es mir nichts ausmacht, sie glaubt mir einfach nicht.«
Ganz zu schweigen davon, dass ich zufällig gehört habe, wie sie unserem Freund Malcolm gegenüber zugegeben hat, wie toll sie Jeremy findet, mich jedoch nie betrügen könnte, indem sie mit ihm ausgeht, und dabei klang sie so resigniert. Enttäuscht und unsicher, überhaupt nicht wie die draufgängerische, überlebensgroße Anh, als die ich sie kenne.
»Also habe ich einfach gelogen und ihr erzählt, dass ich schon jemand Neues kennengelernt habe. Sie ist meine beste Freundin, und ich habe sie noch nie so verschossen gesehen, und ich will, dass sie alles Glück der Welt findet, denn das hat sie verdient, und ich bin sicher, dass sie das Gleiche für mich tun würde, und …« Plötzlich wurde Olive bewusst, dass sie plapperte und dass all das Dr. Carlsen wahrscheinlich einen Dreck interessierte. Sie hielt inne und schluckte, obwohl ihr Mund trocken war. »Heute Abend. Ich habe ihr erzählt, dass ich heute Abend ein Date habe.«
»Ah.« Sein Gesichtsausdruck war unergründlich.
»Aber das habe ich nicht. Also bin ich hergekommen, um an einem Experiment weiterzuarbeiten, und dann ist Anh auch hier aufgekreuzt. Sie hätte nicht hier sein sollen. Aber sie war trotzdem hier und kam direkt auf mich zu. Da bin ich in Panik geraten und – na ja.« Olive rieb sich das Gesicht. »Ich habe wirklich nicht nachgedacht.«
Carlsen sagte nichts, aber in seinen Augen konnte sie deutlich sehen, was nun wiederum er dachte: Offensichtlich.
»Ich musste sie einfach glauben lassen, dass ich ein Date habe.«
Er nickte. »Also haben Sie die erstbeste Person im Flur geküsst. Logisch.«
Olive zuckte zusammen. »Wenn man es so ausdrückt, war es vielleicht nicht mein bester Moment.«
»Vielleicht.«
»Aber es war auch nicht der schlechteste! Ich bin mir ziemlich sicher, dass Anh uns gesehen hat. Jetzt wird sie glauben, dass ich ein Date mit Ihnen hatte, und hoffentlich keine Bedenken mehr haben, mit Jeremy auszugehen und …« Sie schüttelte den Kopf. »Hören Sie, das mit dem Kuss tut mir wirklich sehr, sehr leid.«
»Tatsächlich?«
»Bitte zeigen Sie mich nicht an. Ich dachte wirklich, ich hätte Sie Ja sagen hören. Ich verspreche, dass ich Sie nicht …«
Plötzlich dämmerte ihr das ganze Ausmaß dessen, was sie getan hatte. Sie hatte nicht irgendeinen Typen geküsst, sondern einen Typen, der bekanntermaßen der unfreundlichste Dozent der gesamten Fakultät war. Sie hatte ein Schnauben als Einverständniserklärung missverstanden, war im Flur förmlich über ihn hergefallen, und nun starrte er sie auf diese eigenartige, nachdenkliche Art an, so groß und konzentriert und ihr so nah, und …
Scheiße.
Vielleicht lag es daran, dass es schon so spät war. Vielleicht lag es daran, dass ihr letzter Kaffee schon sechzehn Stunden her war. Vielleicht lag es daran, dass Adam Carlsen sie so ansah. Plötzlich war ihr diese ganze Situation einfach zu viel.
»Nun, eigentlich haben Sie vollkommen recht. Und es tut mir aufrichtig leid. Wenn Sie sich auf irgendeine Weise von mir belästigt gefühlt haben, sollten Sie mich anzeigen, das wäre nur fair. Was ich getan habe, war absolut unangemessen, auch wenn ich es nicht beabsichtigt habe … Aber meine Absichten spielen ja keine Rolle; es geht um Ihre Wahrnehmung meiner …«
Mist, Mist, Mist.
»Ich gehe jetzt einfach, ja? Danke, und … es tut mir wirklich sehr, sehr leid.« Damit drehte sich Olive auf dem Absatz um und eilte davon.
»Olive«, rief er ihr nach. »Olive, warten Sie …«
Sie hielt nicht an. Sie rannte die Treppe hinunter, aus dem Gebäude und über den spärlich beleuchteten Campus, vorbei an einem Mädchen, das mit ihrem Hund Gassi ging, und einer Gruppe von Studenten, die lachend vor der Bibliothek standen. Sie lief immer weiter, bis sie ihr Apartment erreichte, hielt nur kurz inne, um die Tür aufzuschließen, und ging schnurstracks in ihr Zimmer, um nicht ihrem Mitbewohner oder wem auch immer, den er heute mitgebracht hatte, über den Weg zu laufen.
Erst als sie ins Bett fiel und zu den im Dunkeln leuchtenden Sternen an der Decke aufblickte, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, nach ihren Labormäusen zu sehen. Außerdem hatte sie ihren Laptop auf ihrem Arbeitstisch stehen lassen und ihr Sweatshirt irgendwo im Labor liegen lassen, und sie hatte komplett vergessen, auf dem Heimweg den Kaffee zu besorgen, den sie Malcom für morgen früh versprochen hatte.
Scheiße. Was für ein katastrophaler Tag.