Manfred Bauer
Jesus in Neuem Licht
Mit einem ausführlichen Kapitel über das Turiner Grabtuch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Was bleibt von Jesus?
Anhang 1
Anhang 2
Hinweise
Literaturverzeichnis
Literaturhinweise
Abbildungsnachweis
Impressum neobooks
Manfred Bauer
Jesus in Neuem Licht
Über den Autor
Manfred Bauer wurde 1944 im Sudetenland (heutiges Tschechien) geboren und wuchs im bayerischen Schwaben auf. Er lebt in Südwestdeutschland.
Als praktizierender, aber nicht dogmatischer Katholik, ist für ihn die Lösung der grundlegenden Fragen des Menschen nach der Existenz Gottes und dem Sinn des Lebens zeitlebens ein zentrales Anliegen. Um eine Antwort darauf zu finden, befasst er sich seit seiner Jugend eingehend mit Religion, Wissenschaft, Philosophie und Esoterik. Die Person Jesu und seine Lehre spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Regelmäßige Übung von Yoga und Meditation dient ihm dazu, seine Weltsicht nicht nur theoretisch sondern auch praktisch zu erweitern.
Als Finanzbeamter war er viele Jahre im Außendienst als Betriebsprüfer, Steuerfahnder und Abteilungsleiter tätig und konnte immer wieder „hinter die Kulissen“ unserer Gesellschaft schauen. Dabei bildete sich im Laufe der Jahre eine kritische Distanz zu Aussagen von Autoritäten jedweder Couleur heraus.
Über das Buch
Allzulange wurden von der antiken Vorstellungswelt geprägte religiöse Inhalte unreflektiert wiederholt und manche davon dogmatisiert. Indem er ihrer Entstehungsgeschichte nachgeht, hinterfragt der Autor die Inhalte der überkommenen christlichen Lehre, ohne auf „political correctness“ Rücksicht zu nehmen. Er redet Klartext, vermeidet aber „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Das Buch wendet sich besonders an theologische Laien, denen die gewohnten Worthülsen nicht mehr genügen.
Expertenmeinungen werden hierbei auf den Prüfstand gestellt, wobei sich nicht selten herausstellt, dass sie zu kurz greifen und manch einer aus einem begrenzten und lückenhaften Weltbild heraus argumentiert – sei es kirchenamtlich oder atheistisch geprägt.
Unser Blickwinkel auf das Wesen und die Möglichkeiten Geistiger Meister – wie Jesus einer war – hat sich durch die Globalisierung der letzten Jahrzehnte und den damit einhergehenden größeren Einblick in andere Religionen und Weltanschauungen wesentlich erweitert. Da solche Erkenntnisse bisher in Jesus-Biografien kaum berücksichtigt sind, war es die Absicht des Autors, Parallelen zwischen den Lehren und Taten Jesu und denen Geistiger Meister aller Religionen darzustellen.
Was will uns das Grabtuch sagen, das im Turiner Dom aufbewahrt wird? Lag wirklich Jesus darin? Lässt es uns über 2000 Jahre hinweg in sein Angesicht blicken?
Viele Fakten sprechen für die Echtheit des Tuches und dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat. Mit kriminalistischer Akribie legt der Autor Beweise vor, dass die katholische Kirchenführung, aus Angst um den christlichen Auferstehungsglauben die Radiocarbon-Altersdatierung des Tuches im Jahre 1988 manipulierte, die es als mittelalterliche Fälschung deklarierte. Für diese These spricht auch die konsequente Verhinderung weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen an dem Tuch.
So ist es das Anliegen dieses unkonventionellen Buches, den Leser mitzunehmen, am Beispiel Jesu, dem Sinn und Ziel des menschlichen Lebens näher zu kommen und die hieraus folgenden Konsequenzen für unsere Lebensgestaltung aufzuzeigen.
Manfred Bauer
JESUS IN NEUEM LICHT
Mit einem ausführlichen Kapitel
über das Turiner Grabtuch
© 2016 by Manfred Bauer
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
2. überarbeitete Auflage
Herausgeber: Manfred Bauer, Rehlingen-Siersburg
Druck: KDP Direkt Publishing, USA
Titelbild: Ariel Agemian
Beratung: Ute Krause, Dr. Wolfgang Sauer-Greff
Titel: Maria-Elisabeth Bauer
Bibeltext der Schlachter
Copyright © 1951 Genfer Bibelgesellschaft
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten.
Das Buch ist bestellbar unter www.bauermanfred.de
ISBN: 978 1532920448
Vorwort
1. Kapitel
Die biblischen Schriften
Ist die Bibel das Wort Gottes?
Altes Testament
Bibelwissenschaft, Exegese
Neues Testament, Schriftenkanon
Evangelien
Apostelgeschichte
Apostelbriefe
Apokryphe Evangelien
Sonstige Zeugnisse über Jesus
Exegese des Neuen Testamentes
2. Kapitel
Geschichte des Judentums
Herodes der Große
Der herodianische Tempel
Gottesherrschaft JHWH's
Tempelpriesterschaft
Religiöse Gruppierungen und deren Vorstellungen
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Zustände
3. Kapitel
Kindheit Jesu
Abstammung
Geburt
Geboren von einer Jungfrau
War Jesus unehelich?
Josef, Vater Jesu?
Familienverhältnisse
Die unbekannten Jahre
Jesu Familienstand
Leben und Arbeiten auf dem Dorf
Jesus und die Essener
Spirituelle Entwicklung und Ausbildung Jesu
Jesus in Indien?
4. Kapitel
Er predigte das Evangelium vom Reiche Gottes (Erzählung)
Berufung der Jünger
5. Kapitel
Er predigte das Evangelium vom Reiche Gottes (Erklärung)
Sprache Jesu
Johannes der Täufer
Versuchung in der Wüste
Reich Gottes – Messias
Äußeres oder inneres Reich
Allumfassendes Bewusstsein
Wunderkräfte
Mental- oder Alltagsbewusstsein
Hellsichtigkeit
Exorzismen, Dämonenaustreibungen
6. Kapitel
Erfolg und Enttäuschung (Erzählung)
Wer sind meine Angehörigen?
Aussendung und Rückkehr der Zwölf
Verkündigung in Phöniziern, Gaulanitis und Dekapolis
7. Kapitel
Erfolg und Enttäuschung (Erläuterung)
Verkündigungsweg Jesu
Sündenvergebung
Sohn Gottes – Sohn des Höchsten – bar aloho
Abba
Gott – Vater aller Menschen
Menschensohn – bar enasch
Transformation ins Göttliche
Naherwartung des Reiches, Maranatha, Parusie
Pforten der Hölle
Jesus und Reinkarnation
Verklärung, Brotvermehrung, Totenerweckung, über Wasser gehen
Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?
Wer mein Jünger sein will,
Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder
Verzicht auf Gegenwehr
Matthäus´ Zeremonialgesetze
Auserwähltheit
Verschiedene Stufen der Verkündigung
8. Kapitel
Showdown (Erzählung)
9. Kapitel:
Showdown (Erläuterungen)
Streit um die besten Plätze im Reich Gottes
Angst der Jünger
Thomasevangelium
Straße des Blutes
Einzug in Jerusalem
Simon der Aussätzige
Tempelreinigung
Verfluchung des Feigenbaumes
Den Tempel zerstören und innerhalb von drei Tagen wieder aufbauen
Verrat des Judas
Frauen um Jesus
Wann feierte Jesus das Letzte Abendmahl?
Brot und Wein – Fleisch und Blut Jesu?
Der Prozess
Leidensweg und Kreuzigung
Opfertod Jesu, Erlösungslehre
10. Kapitel
Auferstehung und Himmelfahrt
Erscheinungen Verstorbener
Was geschah mit dem Körper Jesu?
Geistkörper
Bilokation
Nahtoderlebnisse
Wiederkunft als Messias nach der Auferstehung
Himmelfahrt
11. Kapitel
Das Grabtuch von Turin
Art des Abbildes
Beschaffenheit und Alter des Tuches
Körper eines wie Jesus Gekreuzigten
Handelt es sich um menschliches Blut?
Tot oder noch lebend?
Radiocarbon-Datierung
Pseudowissenschaftliche Verwirrnis
Möglicher oder wahrscheinlicher Ablauf der Geschehnisse
Zusammenfassung für Überflieger
Gründe und Ablauf einer möglichen Manipulation
Weitere Indizien gegen das Ergebnis der Radiocarbon-Datierung
Weitere Indizien für die Echtheit des Tuches
Restaurierung des Tuches
Kirchliche Internas
Geschichte des Grabtuches
Übernatürliche Entstehung?
Fazit
12. Kapitel
Ging Jesus nach Indien?
Die Reise des Nicolas Notovitch
Das Wassermann-Evangelium
Die Verlorenen Stämme
Jesus in Kaschmir
Jesu Grab in Srinagar
Yuz Asaf
Barlaam und Josaphat
13. Kapitel
Paulus
Auferstehung von den Toten
Jesus ist Christus, der Messias und Sohn Gottes
Erbsünde - Auserwähltheit
Heidenmission, Beschneidung
Brüder und Schwestern im Herrn
Einstellung zu den Frauen
Stellung zu den Juden
Leibfeindlichkeit, Askese
Parusie
Was bleibt von Paulus?
14. Kapitel
Frühe Kirche
Wer ist der Wichtigste? Wer hat Recht?
Einheit und Zersplitterung
Stellung der Frau Was machte diese neue Religion so attraktiv?
Gemeindeleben
Die Krone des Martyriums
Einsiedler und Klöster
Exoterische und Esoterische Kirche
Ausblicke und Träume
15. Kapitel
Maria, Mutter der Kirche – Marienerscheinungen
Was bleibt von Jesus?
Anhang 1: Karte von Palästina zur Zeit Jesu
Anhang 2: Das Evangelium nach Thomas
Hinweise
Literaturverzeichnis
Literaturhinweise
Abbildungsnachweis
„Ich kann noch nicht sterben! Ich muss noch so vieles über Jesus wissen!" Wladimir Kramarewski, ein Nachbar zu meiner Jugendzeit, war bei uns auf einen Kurzbesuch, als er diese Worte enthusiastisch ausrief. Er, ein russischer Emigrant, war damals, in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, ein rüstiger Greis über 80.
Als ehemaliger weißrussischer Offizier im russischen Bürgerkrieg war er um 1920, nach dem Sieg der Roten Armee, über China nach Paris geflüchtet.
1945 emigrierte er mit seiner deutschen Frau nach Deutschland, wegen der er Racheakte der Franzosen befürchtete. Letztlich wurde er in einer Zweizimmerbaracke neben unserem Haus sesshaft. Obwohl keiner Religionsgemeinschaft angehörig, interessierte er sich leidenschaftlich für alles, was mit Spiritualität zusammenhing.
Ich reagierte damals ziemlich verständnislos und dachte mir: „Was will er denn noch groß Neues über Jesus finden? Seit 2000 Jahren machen sich die klügsten Köpfe über ihn Gedanken. Da ist doch schon alles erforscht. Die Kirche erzählt uns doch ständig von ihm. Wenn die es nicht wissen, wer dann?"
Etwa 20 Jahre später: Es ist mein 40. Geburtstag. Ein Geschenk besonderer Art wartet auf mich.
Ich komme mit dem Auto gerade von der Arbeit und hole einen Kollegen von dessen Dienststelle ab, mit dem ich Fahrgemeinschaft habe. Wir fahren, um auf die Autobahn zu kommen, auf eine sehr belebte Kreuzung zu. Die Ampel schaltet auf Gelb. Ich trete kurz aufs Gas, um noch drüber zu rutschen.
Auf Höhe der Ampel ruft mein Kollege plötzlich: "Pass auf, Pass auf!". Auf einen Schlag verändert sich meine Wahrnehmung. Wie in Zeitlupe sehe ich von links etwas Weißes heranschweben und höre wie aus der Ferne ein Martinshorn. Ich habe das Gefühl, das könnte jetzt das Ende sein, und sehe mich schon im Geiste über der Unfallstelle schweben, wie ich es in verschiedenen Berichten über Nahtoderfahrungen gelesen habe. Ein Gedanke wird mir eingegeben: "Wenn du nicht mehr aus deinem Leben machst, wirst du hier nicht mehr benötigt!". Eine kurze, ruhige, aber bestimmte Ansage – ein Tritt in den Hintern.
Brechen und Krachen durch den Aufprall versetzen mich jäh wieder in den gewohnten Zeitablauf. Das Auto wird in die seitliche Abgrenzung geschleudert, kommt zum Stehen, und alles ist auf einmal ruhig. Mein Kollege und ich sitzen in einem Schrottauto.
Ein Krankenwagen war in den vorderen Kotflügel auf meiner Seite gekracht, so dass mein Fußraum um zwei Drittel geschrumpft war. Front- und Seitenscheiben hatten sich in Brösel aufgelöst und flogen mir ins Gesicht.
Wir sehen uns an und fragen uns gegenseitig, ob wir okay sind. Ich bejahe, da ich mich gut fühle. Weil die vorderen Seitentüren blockiert sind, kriechen wir über die Lehnen, um durch die Hintertüren auszusteigen.
Erst draußen setzt auf einmal der Schmerz in meinem geprellten linken Unterschenkel ein, so dass ich mich einer Ohnmacht nahe fühle. Blut, verursacht durch das Fensterglas, läuft mir über das Gesicht.
Ein Ersatz-Krankenwagen bringt mich ins Krankenhaus, aus dem ich nach Vernähen der Schnittwunden wieder entlassen werde. Mein Kollege fährt mit der Bahn nachhause. Er hat zum Glück nur ein paar blaue Flecken.
Nachdem ich zunächst ein schlechtes Gewissen habe, da ich ja einem Krankenwagen in die Quere kam, stellt sich heraus, dass dessen Fahrer der Schuldige ist. Er fuhr bei Rot über die Kreuzung, ohne sich zu überzeugen, ob diese frei ist.
Während der drei Wochen im Krankenstand geht mir diese innere Stimme nicht aus dem Kopf, die mehr von mir wollte, als ich bisher geliefert hatte.
Mir dämmerte, dass ich bisher spirituell nur theoretisch gelebt hatte, d.h. mich mit Lesen von spirituellen Büchern zufriedengegeben habe. Ich musste wohl auf Praxis umschalten. Ein unbequemer Gedanke. Man muss sein Leben umstellen. Wer macht das schon gerne?
Da traf es sich gut, dass ich gerade ein Buch des indischen Yogameisters Paramahansa Yogananda mit dem Titel: Autobiografie eines Yogi gelesen hatte, der darin einen Weg aufzeigt wie man sich mittels Meditation spirituell weiterentwickeln kann, wobei er mich mit Beispielen aus seinem Leben sehr beeindruckte. Unter dem Eindruck dieses Buches begann ich anhand der Lehrbriefe, die von der von Yogananda gegründeten Organisation (Self-Realization Fellowship) herausgegeben werden, regelmäßig zu meditieren.
Wieso schildere ich dies so ausführlich? Was hat das mit Jesus zu tun?
Nachdem ich mich nach dem Erlebnis mit unserem russischen Nachbarn zunächst mit Jesus aus der christlichen Sicht heraus beschäftigt hatte, sah ich nun nach und nach Jesus auch aus der Perspektive der östlichen Religionsphilosophie. Und da taten sich ganz neue Erkenntnisse auf. Für viele seiner rätselhaften Aussprüche und Taten gab es dort Parallelen.
Ich erkannte, dass es keine christliche, hinduistische, jüdische oder muslimische Wahrheit gibt, sondern dass die Weisen aller Religionen wie auch Jesus dieselbe Wahrheit – auf verschiedenen Wegen – suchen und finden.
Nach und nach tat sich mir so ein erweitertes Bild dieses christlichen Religionsgründers auf, das Sie in diesem Buch selbst nachvollziehen können.
Was die christlichen Kirchen über ihn lehren, entstammt antiken Schriften, die von Vorstellungen dieser Zeit geprägt und mit Legenden durchzogen sind.
Während Religionswissenschaftler sich abmühen, den Wahrheitskern in den biblischen Schriften zu finden und darüber schon seit über einem Jahrhundert diskutieren, werden deren Erkenntnisse in der kirchlichen Glaubensverkündigung ängstlich zurückgehalten.
Aber auch die Wissenschaftler sind sich alles andere als einig über den Gründer des Christentums. So sieht ihn jeder durch seine eigene Brille und beurteilt ihn nach den Regeln seines Fachgebietes. Aber, um nicht ungerecht zu sein, es ist wirklich schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen geistigen Meister, wie es Jesus war, zu beschreiben. Zumal wir bei fast keinem Wort, das in den Evangelien von ihm zitiert wird, sicher sein können, dass es wirklich von ihm stammt.
Der indische Weise Sri Aurobindo sagte einmal: „Niemand außer mir selbst kann über mein Leben schreiben, weil es sich nicht an der Oberfläche, sichtbar dem menschlichen Auge abspielte.“ 1 Natürlich trifft dies genauso auf Jesus zu.
Nun könnten wir sagen: „Das war's! Es hat keinen Sinn über Jesus zu schreiben, da wir ihn sowieso niemals ganz erfassen können!"
Aber, bevor Sie jetzt das Buch zuschlagen und beiseitelegen: Was wäre, wenn nie jemand über Jesus geschrieben hätte? Wenn es keine Evangelien geben würde? So unvollkommen alle Schriften über ihn sind – das gilt auch für dieses Buch – es sind Mosaiksteine, die zwar nur ein grobes, lückenhaftes Bild von Jesus ergeben, aber sie haben vielen Generationen das Bild eines Mannes vermittelt, der seine Fähigkeiten nicht dazu benutzte, nach weltlicher Macht, Ruhm und Reichtum zu streben. Vielmehr ging es ihm darum, den Menschen die Welt des Geistigen nahezubringen – bei allem Irrtum, dem auch er unterworfen war. Vor allem lehrte er ein Gottesbild, das seiner eigenen Erfahrung entstammte – einen Gott, den er als liebenden Vater erfuhr. Ohne allerdings sich im Geistigen zu verlieren und die materielle Not der Menschen und die Ungerechtigkeit der Welt aus den Augen zu verlieren. Er redete nicht nur, er lebte seine Überzeugung bis zur letzten Konsequenz.
Ein genaues Bild von Jesus zu erhalten, ist jedoch kaum möglich, da ihn die Evangelisten nicht mehr gekannt hatten und die bereits legendenhaften Überlieferungen mit eigenen Vorstellungen ergänzten. Jede Beschreibung des Lebens Jesu ist aus diesen Gründen zu großen Teilen Spekulation. Auch dieses Buch ist nur der Versuch einer – möglichst weitgehenden – Annäherung an die Wirklichkeit. Die Lücken und Unstimmigkeiten in der Historie der Evangelien können hierbei nicht mit Tatsachen, sondern nur mit Möglichkeiten ergänzt werden.
Was den Umgang mit den Evangelien angeht, ist Papst Benedikt folgender Meinung: „Dazu gehört freilich die Bereitschaft, dem Neuen Testament nicht ,sachkritisch‘ einfach unser Besserwissen entgegenzuhalten, sondern zu lernen und uns führen zu lassen: die Texte nicht nach unserer Vorstellung umzumontieren, sondern unsere Vorstellungen von seinem Wort reinigen und vertiefen zu lassen.“ 2
Kann es sein, dass es ihm an Selbstbewusstsein mangelt? Wieso sollen wir die Texte des Neuen Testamentes nicht näher untersuchen, und das übernehmen, was uns überzeugt, während wir anderes als Irrtum oder als mittlerweile überholte Ansicht der damaligen Zeit erkennen?
Es sind schließlich nicht alles „Seine Worte“.
Ein Sprichwort sagt: „Die Wahrheit von heute ist die Lüge von morgen!" Die „Wahrheit“, wie sie zu einer bestimmten Zeit verstanden wird, stellt sich häufig in einer späteren Zeit als Irrtum oder auch als Legende heraus. Was Menschen früherer Zeiten als Realität angesehen haben, muss nicht für alle Zukunft wegweisend sein. Die Vorstellungen und Sitten der Menschen entwickeln sich weiter.
Man könnte den Satz auch umdrehen: „Die Lüge von heute ist die Wahrheit von morgen!" Was die Evangelisten damals erdacht hatten, um Jesus für die Menschen attraktiv zu machen – man kann es eigentlich nicht als Lüge bezeichnen, es war damals übliche Geschichtsschreibung – wurde später zur „Glaubens-Wahrheit“ erhoben.
Müssen wir wirklich unsere Weltsicht den antiken Vorstellungen vor 2000 Jahren anpassen? Vorstellungen, die auch damals nicht unumstößlich, sondern schon heftig umstritten waren!
Wie Sie im Verlauf des Buches noch sehen werden, denke ich jedoch keineswegs daran, alles zu relativieren und letzten Endes als bloßen Mythos abzutun. Vielmehr geht es mir um eine differenzierte Betrachtungsweise, ohne ideologische Scheuklappen.
Wir leben glücklicherweise nicht mehr in den Zeiten, in der eine Gruppe der Alles-Glaubenden den Nicht-Alles-Glaubenden ihre Sicht der Dinge aufzwingen konnte. Wir können heute sogar gefahrlos den theologischen Ausführungen eines Papstes widersprechen. Leider gilt dies noch nicht für alle Religionen.
Mein ehemaliger Nachbar Wladimir Kramarewski steht für den suchenden, forschenden Menschen, dessen offenes Weltbild sich durch hinzukommende Informationen weiterentwickelt. Er ist allerdings eher die Ausnahme. Sonst hätten sich nicht, vor allem durch die Festschreibung (Dogmatisierung) der christlichen Lehre, über Jahrtausende so viele gravierende Irrtümer in die Glaubensüberzeugungen einschleichen und sich halten können.
Daher wollen wir versuchen, uns der Person Jesu mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, möglichst anzunähern. Wir können uns hierbei die Globalisierung zu Nutze machen, die auch vor dem spirituellen Bereich nicht Halt gemacht hat. Beispielsweise, wie schon eingangs beschrieben, indem wir Erkenntnisse aus östlicher Religionsphilosophie berücksichtigen.
Wir können Parallelen ziehen zwischen Lehrinhalten und außergewöhnlichen Ereignissen, die die Evangelien berichten, zu solchen, die von spirituell hochentwickelten Personen, egal welcher Religion sie angehörten, überliefert sind. Auf diese Weise sehen wir Jesus im Kontext der allgemeinen – von Gott vorgesehenen – spirituellen Entwicklung des Menschen.
Diese vergleichende Methode fehlt in der konventionellen Jesus-Forschung und das dürfte einer der Gründe sein, wieso deren Sicht auf diesen jüdischen Wanderprediger und Wundertäter, oft sehr einseitig und begrenzt ist.
Daher ist dieses Buch mehr als nur eine Beschreibung des Lebens Jesu. Vielmehr will es an seinem Beispiel geistige Zusammenhänge aufzeigen, aus denen wir erkennen können, welches Potenzial, welche unbegrenzten Möglichkeiten dem Menschen von Gott angeboten werden und was der Sinn unseres Lebens ist.
Hier noch ein kurzer Überblick über den Inhalt des Buches: Ich hielt es für notwendig, den Leser zunächst mit den biblischen Schriften und der Sichtweise der Bibelwissenschaft vertraut zu machen. Bevor wir uns dann mit der Person Jesu befassen, ist es unabdingbar, um seine Motive verstehen zu können, in die Geschichte Israels, seines Volkes, einzutauchen. Daher habe ich diesem Part einen weiten Raum eingeräumt.
Wie Sie sehen werden, habe ich in einigen Kapiteln, Jesu öffentliches Wirken in Erzählform dargestellt. Dem folgt jeweils ein Kapitel „Erläuterungen", worin ich die Gründe für die Inhalte der Erzählung darlege.
Hat uns Jesus auf dem Turiner Grabtuch sein Abbild hinterlassen?
In dem umfangreichen Kapitel hierüber sind für Sie vermutlich einige Überraschungen enthalten.
Das Buch schließt mit Ausführungen über die Zeit nach Jesus, wobei auf Paulus, die frühe Kirche und auf die Marienverehrung eingegangen wird.
Ich habe mich eines allgemein verständlichen Schreibstils bemüht und theologisch-wissenschaftlichen Duktus nach Möglichkeit vermieden. Nach meiner Erfahrung verwässert und vernebelt eine abgehobene Fachsprache die Aussagekraft des Geschriebenen.
Ich hoffe nun, in Ihnen, lieber Leser, einen zwar kritischen, aber unvoreingenommenen und für eine erweiterte Sichtweise offenen Partner gefunden habe.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen interessante Lesestunden und neue, Ihr Weltbild erweiternde Einsichten.
Die biblischen Schriften
Ist die Bibel das Wort Gottes?
Der Lektor vorne am Altar während des katholischen Gottesdienstes sagt zum Volk, nachdem er einen Abschnitt aus dem Alten Testament oder aus einem Paulusbrief vorgelesen hat: „Wort des lebendigen Gottes." Das Volk antwortet gehorsam: „Dank sei Gott!"
Ich fühle mich dann immer verpflichtet, höheren Ortes um Entschuldigung zu bitten: „Lieber Gott, nimm es nicht persönlich, dass sie Dir all diese Texte in die Schuhe schieben. Der Lektor kann nichts dafür. Diese Formel ist für ihn Vorschrift."
Wie kann jemand, der die biblischen Schriften studiert hat, auf die Idee kommen, diese als „Wort Gottes" zu bezeichnen. Dieses unentwirrbare Gemisch antiker Vorstellungen bestehend aus Tatsachen, Legenden, Fehlern, späteren Einschüben oder Auslassungen und widersprüchlichen Aussagen.
Der jüdische Religionswissenschaftler Lapide bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Es gibt im Grunde nur zwei Arten des Umganges mit der Bibel: man kann sie wörtlich nehmen oder man nimmt sie ernst. Beides zusammen verträgt sich nur schlecht.“ 1
Wenn das Neue Testament, wie die Kirche lehrt, durch Eingebung des Heiligen Geistes zustande gekommen wäre, müsste dieser an Alzheimer gelitten haben, da jeder Evangelist und Briefautor eine mehr oder weniger unterschiedliche Version über Lehre und Handlungen Jesu schrieb.
Die Bibel überspannt einen weiten Bereich, sowohl zeitlich, als auch weltanschaulich. Sie handelt von jüdischer Gesetzgebung vor mehr als 3000 Jahren, in der im 5. Buch Mose JHWH den Israeliten bei den Eroberungszügen im gelobten Land befiehlt, in eroberten Städten, die sich nicht freiwillig ergeben und nicht im späteren Siedlungsgebiet liegen, alle männlichen Bewohner zu erschlagen. Jedoch sollen in erstürmten Städten, die innerhalb dieses Gebietes liegen, auch Frauen und Kinder umgebracht werden.2 Ich werde an späterer Stelle noch näher darauf eingehen, inwieweit diese Ausrottungsstrategie realistisch war oder nur eine Wunschvorstellung.
Jesus dagegen vergibt am Kreuz seinen Henkern mit den Worten: „Herr verzeih ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!" Die Spannbreite der Bibel geht über Psalmen, die Gott preisen bis hin zu Wutausbrüchen des Paulus über seine Gegner.
Nach unserer heutigen Gottesvorstellung ist es nicht mehr nachvollziehbar, dieser würde sich ein Volk erwählen, es allen anderen vorziehen und ihm nicht nur erlauben sondern sogar befehlen, andere Völker auszurotten. In den vorantiken, egozentrischen Vorstellungen von Stammesgottheiten waren diese jedoch nur für ihr eigenes Volk zuständig.
Wie wir noch sehen werden, waren es die Priester und weltlichen Anführer des Volkes, die dies schreiben ließen. Und wenn Paulus seinem Ärger über die konservativen Judenchristen Luft macht, die den Heidenchristen die jüdische Beschneidung vorschreiben wollten, und ihnen vorschlägt, sie sollten sich doch gleich selbst „kastrieren“ lassen, sind dies auch nur sein Ärger und seine Worte.
Die Bibel, sei es Altes oder Neues Testament, ist von vorne bis hinten von Menschen geschrieben, genauso wie dieses Buch.
Wer war es dann, der die Texte der Bibel ersonnen hat? Was ist deren Inhalt? Zu welchem Zweck ist sie geschrieben?
Wenden wir uns zunächst den jüdischen Schriften zu.
Altes Testament
Die Grundlage der jüdischen Schriften oder des Alten Testamentes ist der hebräische Tanach – weiter unten näher erläutert. Er beinhaltet die Tora, auch Weisung oder das Gesetz – hauptsächlich in den fünf Büchern Mose dargelegt – die Prophetenbücher und sonstige Schriften wie beispielsweise die Psalmen oder das Hohelied oder das Buch der Sprichwörter.
Mündlich überlieferte Sagen einzelner Stämme aus vorantiker Zeit wurden später zusammengefasst, aufgezeichnet und zu einer Heilsgeschichte unter dem Stammesgott JHWH vereinigt. Abgesehen von der Schöpfungsgeschichte umfasst der Tanach einen Zeitraum von etwa 1300 Jahren.
Ein Teil der darin enthaltenen „Göttlichen Gebote“, wie zum Beispiel die oben angeführte Vorschrift über das Vorgehen nach Erstürmung einer Stadt oder die Rechtsbeziehung eines Sklaven zu seinem Herrn, bezieht sich auf längst vergangene, vorantike Lebensverhältnisse. Solche Aussagen sind heute schwer verständlich und müssen vor dem Hintergrund der damaligen Zeit verstanden werden.
Wie wir noch sehen werden, wurde der Tanach von verschiedenen Autoren über die Jahrhunderte immer wieder überarbeitet und den geänderten Verhältnissen angepasst.
Wie ein roter Faden zieht sich dabei das Verhältnis Israels zu seinem Gott JHWH durch die Schriften. Manche Historiker gehen davon aus, dass JHWH ursprünglich eine Vulkan- oder Gewittergottheit der Midianiter war, ein Volk, das auf der arabischen Halbinsel lebte. Dessen Kult wurde von den Israeliten übernommen. Die umherziehenden Nomaden sahen Vulkane, die zu jener Zeit dort aktiv waren, als Sitz ihres Gottes an.
Bei der Einwanderung verschiedener Nomadenstämme in das Kulturland Kanaan, dem heutigen Palästina, brachte jeder Stamm seinen eigenen Sippengott mit. Diese wurden erst miteinander und dann mit den Glaubensvorstellungen der Hebräer, die aus Ägypten kamen, verschmolzen. Zum Teil wurden sie aber auch zusammen mit Gottheiten der Kanaanäer verehrt. Die kanaanäische Schöpfergottheit El etwa konnte problemlos mit JHWH identifiziert werden. Vom Volk wurden zeitweise auch Fruchtbarkeits– und Astralgötter wie Baal, Astarte, Marduk verehrt. Priesterschaft und Propheten unterbanden dies jedoch mit drastischen Mitteln, bis hin zur Todesstrafe.
Der Monotheismus setzte sich jedoch in Israel erst allmählich durch.
597 v. Chr. wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung, vor allem der Oberschicht, nach der Eroberung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II nach Babylon verschleppt und dort angesiedelt. Erst nach der Eroberung Babylons durch die Perser (539 v. Chr.) durften sie zurückkehren. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil entstandene jüdische Schriften bezeichnen erstmals JHWH als Schöpfer des Himmels und der Erde. Zwar wurde er damit zum Gott der gesamten Menschheit; vorrangig war jedoch sein exklusiver Bund mit Israel.
Auch wurde in dieser Zeit das Aussprechen des Gottesnamens, aus Ehrfurcht vor dessen Heiligkeit, tabuisiert. Eine Rolle dürfte dabei auch gespielt haben, dass jemand, der den Namen versehentlich in negativer Weise aussprach, Gefahr lief, bestraft zu werden. „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“ 3
Im Extremfall konnten „Gotteslästerer“ zum Tode verurteilt werden.
Gottes Name existierte von da an nur noch schriftlich als JHWH. Das Wissen um die ursprüngliche Aussprache ging allmählich verloren, da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt. Der Name könnte ursprünglich „Jahwe“, „Jabe“ oder „Jauwe“ gelautet haben.
Im Folgenden benutzte man Umschreibungen, wenn man von oder zu Gott sprach; zum Beispiel Adonai, was eine sehr achtungsvolle Form von „mein Herr“ darstellt. Ja oder auch nur Ha Schem, das bedeutet „Der Name", sind ebenfalls gebräuchliche Bezeichnungen.
Aus den hebräischen Schriften ergaben sich wesentliche Impulse, die das Leben der Menschen über das Judentum hinaus weltweit bis heute beeinflussen. So die Vorstellung, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie. 4 Hieraus ergibt sich die grundsätzliche Gleichheit der Menschen, die in allen modernen Verfassungen enthalten ist.
Die zehn Gebote sind einfach zu begreifende Normen, die noch heute für das Zusammenleben der Menschen von Bedeutung sind. Aus der Vorstellung, dass Gott nach Erschaffung der Welt am siebten Tage ruhte ergab sich die Einteilung der Woche in sieben Tage sowie der jüdische Sabbat und in dessen Gefolge unser heutiger Sonntag.
Das Wort Jude kommt übrigens von Jehuda, was Gott will ich loben bedeutet.
Wie sind nun diese jüdischen Schriften zustande gekommen? Im Folgenden wollen wir den Bibelwissenschaftlern ein wenig über die Schulter schauen.
Bibelwissenschaft, Exegese
Die Arbeitsweise der Bibelwissenschaft ist die Exegese. Dieses griechische Wort meint die Auslegung von Schriften des Alten und Neuen Testamentes. Exegese bemüht sich, den fachlich gebildeten, aber auch den laienhaften Lesern, die Aussagen und Inhalte sowie die historischen und textlichen Zusammenhänge der biblischen Texte zugänglich zu machen. Für die Forscher gilt es daher, herauszufinden, von wem, wann und wo die Texte geschrieben wurden.
Bis in das 18. Jahrhundert war die Bibelwissenschaft beherrscht von der dogmatischen Lehre der christlichen Kirchen; Altes und Neues Testament waren göttliche Offenbarungen und jeder Zweifel daran schwere Sünde, die das Höllenfeuer nach sich zog. Noch im Mittelalter wurden solche Zweifler zu ihrem eigenen Wohle gefoltert, um sie zum Widerruf zu bewegen. Wenn alles nichts nützte, wurden sie manchmal auch verbrannt, um sie vor dem ewigen Feuer zu bewahren. Sie sehen, man war damals durchaus fürsorglich um das Seelenheil der armen Irrenden besorgt.
Später wurden nur noch ihre Bücher verbrannt oder sie wurden durch andere Maßnahmen mundtot gemacht wie Entzug der Lehrerlaubnis, Exkommunikation oder indem opportunistische, obrigkeitshörige Wissenschaftlerkollegen über sie herfielen und ihre Ansichten lächerlich machten.
Erst im 19. Jahrhundert kam so etwas wie eine kritische Bibelwissenschaft, vor allem von Seiten der evangelischen Kirche auf. In der katholischen Kirche dauerte es bis 1943, als Papst Pius XII in seiner Enzyklika Divino Afflante Spiritu (durch Eingebung göttlichen Geistes) endlich den Weg für eine freiere Forschung freigab:
„So soll denn der Bibelexeget mit aller Sorgfalt und ohne das von der modernen Forschung kommende Licht zu übersehen, danach streben, den Charakter und die Lebensumstände des geheiligten Verfassers zu ermitteln, die Zeit, in der er lebte, die schriftlichen oder mündlichen Quellen, über die er verfügte, und die Ausdrucksformen, die er benutzte."
Papst Pius blieb aber nach wie vor der Meinung, dass der Heilige Geist durch die biblischen Schriftsteller gesprochen hatte. Dieser wolle die Menschen jedoch nicht über naturwissenschaftliche Vorgänge belehren. Offensichtlich traute ihm der Papst nur das in der damaligen Zeit übliche Wissen zu.
Wie kam es nun zu der, das Alte Testament durchziehenden Aussage: „Gott sprach…", die suggeriert, JHWH hätte persönlich zum Volk oder seinem Propheten gesprochen? Beispielhaft möchte ich hier die Geschichte anführen, in der Abraham seinen Sohn Isaak Gott als Brandopfer darbringen soll.
… versuchte Gott den Abraham und sprach zu ihm: „Abraham!“ Und er antwortete: „Siehe, hier bin ich".“ Und er sprach: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, Isaak, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir nennen werde!“
Da stand Abraham am Morgen früh auf … und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt hatte. (…). Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand, und sie gingen beide miteinander. (…). Und als sie an den Ort kamen, den Gott ihm genannt hatte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz ordentlich darauf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Und Abraham streckte seine Hand aus und fasste das Messer, seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: „Abraham! Abraham!“ Und er antwortete: „Siehe, hier bin ich!“ Er sprach: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen!“ Da erhob Abraham seine Augen und sah hinter sich einen Widder mit den Hörnern in den Hecken verwickelt. Und Abraham ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an Stelle seines Sohnes.5
In der Zeit Abrahams, des mythischen Stammvaters der Juden und Araber, war es Sitte, den Göttern Menschen oder auch die eigenen Kinder, vor allem die erstgeborenen Knaben, als Opfer darzubringen. Um dies zu legitimieren, wurde es im vorantiken Judentum als Forderung JHWH`s dargestellt: „Deinen ersten Sohn sollst du mir geben.“ 6
Vielleicht empfand die Priesterkaste diese Opfer irgendwann als unmenschlich und nicht mehr angebracht. Was tun? Sie konnten diese Sitte nicht einfach verbieten, da es schließlich der ausdrückliche Wunsch JHWH`s war. So wurde eine neue Geschichte in Umlauf gebracht, diejenige von Abraham und Isaak, in der JHWH von Menschenopfern Abstand nahm.
Trotzdem wurden auch weiterhin vereinzelt noch Kinder geopfert um von Gott Hilfe zu erhalten. So opferte der Richter Jephta seine einzige Tochter, weil ihm Gott im Krieg gegen die Ammoniter zum Sieg verholfen hatte. 7
Ähnliches wird von dem König der Moabiter berichtet:
Als aber der König der Moabiter sah, dass ihm der Streit zu stark ward, nahm er siebenhundert Mann mit sich, die das Schwert zogen, um gegen den König von Edom durchzubrechen; aber sie konnten nicht. Da nahm er seinen erstgeborenen Sohn, der an seiner Statt König werden sollte, und opferte ihn zum Brandopfer auf der Mauer. Und es entstand großer Unwille wider Israel, so dass sie von ihm abzogen und wieder in ihr Land zurückkehrten.8
Wenn nicht von Gott, von wem stammen die jüdischen Schriften dann?
Nehmen wir als Beispiel die Entstehung der fünf Bücher Mose (Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium).
Wie immer, wenn man sich mit jüdischen bzw. vorderasiatischen Verhältnissen beschäftigt, wird es kompliziert, da jede Gruppierung ihr eigenes Süppchen kocht. Mit viel Fantasie, Großgetue und Verfolgung der eigenen Interessen. Fangen wir mit dem Königreich Davids an.
David erschuf etwa 1000 v. Chr. ein Reich, das sich von der Grenze zu Ägypten im Süden, bis nach Phönizien im Norden erstreckte, inklusive der Gebiete Edom, Moab und Ammon, jenseits des Jordans. Dies ergibt sich aus dem 2. Buch Samuel 8,2-10. …
Und schon können Sie dies wieder vergessen! Es war nur eine nachträgliche Idealisierung des Schreibers. Nach neuerer Forschung war David ursprünglich ein Bandenführer, der zum König eines Teils der jüdischen Stämme im späteren Judäa aufstieg und durch den Sieg über König Saul, der nördlich davon über die restlichen Stämme herrschte, ein jüdisches Reich schuf. Dies war unterteilt in das Südreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem und das Nordreich Israel mit Sichem als zentralem Ort. Letzteres umfasste etwa das Gebiet des späteren Samaria und Galiläa. Das gesamte Gebiet hatte etwa 55.000 Einwohner und war damit viel zu schwach um die Städte der Philister am Mittelmeer anzugreifen oder die Gebiete jenseits des Jordan.
Anders als David, der darauf achtete, beide Gebiete gleichberechtigt zu behandeln, benachteiligte sein Sohn Salomon – der nicht so weise war wie geschildert – das Nordreich Israel derart, dass sich dies nach dessen Tod wieder selbstständig machte. Die Völker beider Gebiete hatten zwar dieselbe Abstammung, dieselbe Religion und dieselbe Stammesgeschichte, standen nun aber in Konkurrenz zueinander. So wurden die überlieferten Erzählungen von jeder Seite nach ihren Interessen redigiert oder umgeschrieben.
In Jerusalem führten die Priester ihre Abstammung auf Aaron zurück, während die Priester des Nordreichs Söhne des Mose waren. Dies führte dazu, dass die südlichen Schriften die Rolle des Mose klein hielten, während die des Nordens den Aaron gegenüber Mose ins Unrecht setzten.
In der Bibelwissenschaft werden die Schriften des Südreiches Juda mit J bezeichnet, da sie von Gott als JHWH sprechen, die des Nordreiches Israel mit E, da diese für Gott die Bezeichnung Elohim verwenden.
Als nun im Jahre 722 v. Chr. die Assyrer – ein Volk in Mesopotamien, dem heutigen Irak – das Nordreich zerstörten, wurden dessen Bewohner deportiert oder flüchteten nach Juda. Sie brachten dabei ihre Schriften mit. Aus beiden Schriften J und E wurde nun eine Tora zusammengezimmert. Oft wurden zwei Geschichten zu einer Einzigen verbunden, wobei jede nahezu vollständig erhalten blieb. So zum Beispiel die Schöpfungsgeschichte oder die des Noah. Nachdem nun J und E vermischt waren, kamen später neue Erzählungen hinzu, die mit P bezeichnet werden, da sie in erster Linie die Sichtweise der Priesterkaste, und zwar der Aaronitischen vertrat. In diesen Schriften geht es hauptsächlich um das Prinzip, dass die geweihten Priester die einzigen Mittler zwischen den Menschen und Gott sind. Als solche wurden nur die aus der Nachkommenschaft Aarons als rechtmäßig angesehen. Nur diese waren befugt, das Opfer JHWH darzubringen. Geopfert werden durfte nur an einem zentralen Ort, dem Tempel in Jerusalem. Die Priester aus der Nachkommenschaft des Mose waren zu untergeordneten Helfern degradiert worden, die sogenannten Leviten.
Heute würde man das eine „Monopolstellung“ nennen. Und zwar eine der ganz besonders lukrativen Art.
Hierzu ein Beispiel aus 4. Mose 25, (Das Volk Israel betreibt Götzendienst. Pinehas eifert für Gott). 9
Es handelt sich um eine Erzählung, zusammengefügt aus J und E (vereinigte Schriften des Nord und Südreiches) einerseits und P (Priesterkaste) andererseits. Bis einschließlich Satz 5 entstammt der Text JE. Danach wird er von P weitergeführt. JE ist in Kursiv, P in Normalschrift wiedergegeben.
1 Und Israel wohnte in Sittim und das Volk fing an Unzucht zu treiben mit den Töchtern der Moabiter, 2 welche das Volk zu den Opfern ihrer Götter luden. Und das Volk aß und betete ihre Götter an. 3 Und Israel hängte sich an Baal-Peor. Da ergrimmte der Zorn des HERRN über Israel. 4 Und der HERR sprach zu Mose: Nimm alle Obersten des Volks und hänge sie dem HERRN auf angesichts der Sonne, daß der grimmige Zorn des HERRN von Israel abgewandt werde! 5 Und Mose sprach zu den Richtern Israels: Jedermann töte seine Leute, die sich an Baal-Peor gehängt haben!
6 Und siehe, ein Mann aus den Kindern Israel kam und brachte eine Midianitin zu seinen Brüdern vor den Augen Moses und der ganzen Gemeinde der Kinder Israel, während sie weinten vor der Tür der Stiftshütte. 7
Als Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, des Priesters, solches sah, stand er auf inmitten der Gemeinde und nahm einen Speer in seine Hand 8 und ging dem israelitischen Mann nach, hinein in das Gemach, und durchstach sie beide, den israelitischen Mann und das Weib, durch den Bauch. Da hörte die Plage auf von den Kindern Israel. 9 Und derer, die an dieser Plage starben, waren vierundzwanzigtausend. 10 Und der HERR redete zu Mose und sprach: 11 Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, des Priesters, hat dadurch, daß er mit meinem Eifer unter ihnen eiferte, meinen Grimm von den Kindern Israel abgewandt, so daß ich in meinem Eifer die Kinder Israel nicht aufgerieben habe. 12 Darum sprich zu ihm: Siehe, ich gebe ihm meinen Bund des Friedens, 13 und es soll ihm und seinem Samen nach ihm, der Bund eines ewigen Priestertums zufallen dafür, daß er für seinen Gott geeifert und für die Kinder Israel Sühne erwirkt hat. 14 Der erschlagene israelitische Mann aber, der samt der Midianitin erschlagen ward, hieß Simri; ein Sohn Salus, ein Fürst des Vaterhauses der Simeoniter. 15 Das erschlagene midianitische Weib aber hieß Kosbi; eine Tochter Zurs, der das Stammesoberhaupt eines Vaterhauses unter den Midianitern war. 16 Und der HERR redete zu Mose und sprach: 17 Befehdet die Midianiter und schlagt sie; 18 denn sie sind es, die euch befehdet haben mit ihrer Arglist, die sie wider euch erdacht haben in Sachen Peors und ihrer Schwester Kosbi, der midianitischen Fürstentochter, die am Tage der Plage erschlagen wurde, welche um Peors willen entstand.
Wenn wir den Text näher unter die Lupe nehmen, sehen wir sehr deutlich, welche Absicht dahinter stand. Beide Textanteile sind unvollständig. Zunächst befiehlt Moses im JE-Text, diejenigen zu töten, die sich Baal-Peor, einem Gott der Moabiter, zugewandt haben. Dann bricht der Text ab, ohne dass über die Ausführung seines Befehls näheres gesagt wird.
Hier setzt nun der P-Text ein, in dem geschildert wird, wie ein Israelit vor den Augen des Mose und des Volkes eine Midianiterin mit sich führt. Die beiden gehen anscheinend in ein Haus um dort ein „Schäferstündchen“ zu genießen. Pinehas, ein Enkel des Aaron geht ihnen nach und tötet beide mit einem einzigen Speerstich.
Pinehas und seinen Nachkommen, den Aaroniten, wird als Belohnung für diese Tat von JHWH der Bund des ewigen Priestertums verliehen.
Der priesterliche Teil der Erzählung besagt also, dass die Befugnis JHWH zu opfern, für alle Zukunft ausschließlich den Aaroniten zukommt. Moses schaute ja nur tatenlos zu.
Es ist unklar, was mit der „Plage“ gemeint ist, an der die Kinder Israels starben. Vermutlich eine Seuche, die dem Volk Israel von JHWH als Strafe für den Götzendienst geschickt worden war.
Nicht unerwähnt bleiben darf noch eine besondere Raffinesse im Text. Aus den Moabitern im JE-Text werden bei P plötzlich Midianiter.
Moses Frau war Midianiterin. Somit wurde er diskreditiert. Und seine Nachkommen waren keine reinblütigen Israeliten mehr.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich war dieser „Moses“ eine Sagensgestalt. Wenn es ihn überhaupt gab, waren zum Zeitpunkt der Abfassung der Geschichten über ihn, kaum noch Tatsachen von ihm bekannt. So natürlich auch nicht, welche Frau(en) er hatte.
Am ehesten kann man sich vorstellen, dass die Midianiter ursprünglich ein befreundetes Volk waren und dass dies dadurch unterstrichen wurde, indem man Moses eine von dort stammende Frau zuschrieb.
Zum Zeitpunkt der vorstehend angeführten Geschichte war wohl der Priesterschaft eine enge Verbindung zwischen beiden Völkern ein Dorn im Auge. Ihr ging es mehr um die Reinerhaltung des Blutes.
So schlug man mit dieser Geschichte zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wurden die Midianiter zu Feinden erklärt. Zum anderen wurden Moses und seine Nachkommen auf eine Art heruntergesetzt, dass sie schon von daher nicht mehr für würdig befunden werden konnten, JHWH zu opfern.
In dieser Weise konnte man sich in jenen Zeiten, mit relativ wenig Aufwand, eine lukrative Monopolstellung schaffen! Machtpolitik mittels Geschichtsklitterung!
Dies ist beileibe nicht die einzige P-Geschichte dieser Art. Als Gegenpol schrieb nun – vermutlich Jeremia, ein Priester mosaischer Abstammung – das Deuteronomium (in der Exegese D - Text genannt).
Des Weiteren steht R in der Bibelwissenschaft für den Redaktor, der all diese teils widersprüchlichen Texte zu dem, was wir als Altes Testament kennen, zusammengefügt hat. Dies geschah vermutlich durch den aaronitischen Priester Esra in den Jahren des Babylonischen Exils (587 bis 539 v. Chr.).
Jede biblische Geschichte spiegelt etwas wieder, was deren Autor wichtig war. Und da die aaronitischen und mosaischen Priester infolge ihres Ringens um Einfluss und Macht einander in Konkurrenz gegenüberstanden, kommt dies auch in den mosaischen Schriften zum Ausdruck. So lässt zum Beispiel der mosaische Prophet Jeremia seinem Ärger auf die Aaroniten freien Lauf:: „Wie dürft ihr denn sagen: ,Wir sind weise, und das Gesetz JHWH' s ist bei uns!‘ Wahrlich ja, zur Lüge gemacht hat es der Lügengriffel der Schriftgelehrten! Zuschanden geworden sind die Weisen (…) und vom Propheten bis zum Priester gehen sie alle mit Lügen um … .“ 10
Man spricht oft vom zornigen und strafenden Gott des Alten Testamentes. Dieses Bild ist jedoch zu einseitig. Es ergibt sich in erster Linie aus den Schriften der Priesterkaste (P), in denen der Mensch nur durch die Einhaltung der Gesetze vor JHWH bestehen kann und ihm bei Nichteinhaltung von JHWH fürchterliche Strafen angedroht werden.
Die Schreiber von J (JHWH Südreich), E (El Nordreich) und D (Deuteronomium) schildern dagegen eher einen persönlichen Gott, der sich umstimmen lässt und Barmherzigkeit walten lässt, wenn der Sünder Buße tut. Hierin geht es nicht so sehr um Gesetzeserfüllung, sondern um Gottesliebe und dem rechten Tun, das aus der Erkenntnis von Gut und Böse entspringt, die jedem Menschen zu Eigen ist.
„Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu wunderbar und nicht zu fern … sondern das Wort ist sehr nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tun kannst.
Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. Was ich dir heute gebiete, ist, dass du JHWH, deinen Gott, liebest und in seinen Wegen wandelst und seine Gebote, seine Satzungen und seine Rechte haltest.“ 11
Aber auch die priesterlichen Schreiber (P) betonten manchmal die Güte Gottes, so wie auch der Schreiber des Deuteronomium (D) schreckliche Drohungen bei Ungehorsam ausstoßen konnte:
„Es wird aber geschehen, wenn du der Stimme des HERRN, deines Gottes, nicht gehorchst … so werden all diese Flüche über dich kommen und dich treffen. Verflucht wirst du sein in der Stadt und verflucht auf dem Lande. Verflucht wird sein dein Korb und dein Backtrog. Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Landes, der Wurf deiner Rinder und die Zucht deiner Schafe. Verflucht wirst du sein, wenn du eingehst, und verflucht, wenn du ausgehst. (…).
Der HERR wird dir die Pest anhängen, bis er dich vertilgt hat aus dem Lande … . Der HERR wird dich schlagen mit Schwindsucht, mit Fieberhitze, Brand, Entzündung, Dürre, mit Getreidebrand und Vergilben … . Der HERR wird dich schlagen mit Wahnsinn und mit Blindheit und mit Verwirrung der Sinne … usw. usw.“ 12
Worte des lebendigen Gottes? Sicher nicht! Aber vielleicht war es nicht anders möglich, die Menschen der damaligen Zeit zu einem gedeihlichen Zusammenleben zu disziplinieren. Da im Judentum zu dieser Zeit keine konkrete Jenseitsvorstellung existierte, bezogen sich die Flüche alle auf das diesseitige Leben.