Märchen sind wahr – irgendwie.

Für meine Söhne Thorsten und Björn, die mit Geschichten aufgewachsen sind

Ein kleines Vorwort

Die Märchen, die ich bisher geschrieben habe, sind mehr für große als für kleine Leser bestimmt gewesen. Bei diesem Buch nun ist es umgekehrt: Es wendet sich mehr an kleine als an große Leute. Das heißt allerdings ganz und gar nicht, dass Erwachsene es links liegen lassen sollen. Nein, sie müssten schön dumm sein, wenn sie diese Märchen nicht lesen und vorlesen wollten. Märchen sind nämlich gerade für kluge und erfahrene Leser gemacht. Viele sehr berühmte Dichter haben Märchen geschrieben, und solche Leute müssten doch eigentlich wissen, was gut ist und bedeutend und notwendig! Ja, notwendig! Gerade wenn unsere Stimmung, unser Leben, unsere ganze Zeit bedrückend sind, entführen uns die Märchen in eine bunte Welt, die hinter der grauen Alltagswelt liegt. Und dafür muss man sie einfach lieben!

Wundern solltet ihr euch nicht über die Sprache in diesen Märchen! Die Geschichten sind mir von irgendwoher zugeflogen, und ich habe sie so aufgeschrieben, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Das dürft ihr mir nicht übelnehmen! Ich habe mir beim Schreiben immer meine Enkelkinder vorgestellt, und ich dachte mir: Wenn die mich verstehen, dann verstehen mich alle Kinder und wahrscheinlich auch die Erwachsenen, die ja keineswegs immer alles sofort und besser verstehen. Außerdem bleibt doch jeder Mensch, wirklich jeder Mensch auf der Welt selbst sein Leben lang ein Kind und auch ein Enkel. Das sollten sich die Großen ruhig hinter die Ohren schreiben!

Und nun viel Spaß mit der Blumenfee, mit dem kleinen Troll und mit der Prinzessin mit den großen Füßen

1.
Die Blumenfee

Natürlich wisst ihr alle, dass es Feen gibt. Das weiß doch jeder! Feen gibt es genauso sicher, wie es Zwerge gibt oder Hexen oder Wassermänner. Ihr habt aber noch nie eine Fee gesehen, sagt ihr? Oh, ihr Einfallspinsel! Habt ihr denn schon einmal irgendwo im Freien, in Wald oder Feld, einen Uhu gesehen oder einen Waschbären? Nein? Na, seht ihr wohl! Ihr werdet aber doch nicht so unvernünftig sein und daran zweifeln, dass es Uhus und Waschbären gibt! Und seid einmal ehrlich: Nicht einmal die Luft könnt ihr sehen! Und die gibt es ja nun wirklich! Das könnt ihr doch mit jedem Atemzug ausprobieren! Ohne Luft wären wir nämlich ganz schön arm dran! Versteht ihr, was ich sagen will? Auch wer noch nie eine Fee gesehen hat, darf doch nicht einfach behaupten, es gebe keine Feen! Menschenskind, dann dürfte ich auch nicht an Kairo und an den Stillen Ozean glauben. Die habe ich nämlich auch noch nie gesehen!

Glaubt mir: Feen sind wunderbar! Immer! Sie sind die liebenswürdigsten unter den Zauberwesen. Eigentlich gibt es überhaupt nur gute Feen. Wenn in irgendwelchen alten Geschichten von einer bösen Fee erzählt wird, denn ist das, glaubt mir, wohl eher eine böse Hexe. Feen sind von Beruf aus friedlich, lieb, hilfsbereit. Sie sind rundherum nett. Sie können gar nicht anders. Nettsein ist sozusagen ihr Beruf. Ach, wäre das schön, wenn jeder von uns seine eigene Fee hätte, seine liebe Privatfee, die auf uns aufpasst und uns hilft, wenn wir Hilfe brauchen! Habt ihr übrigens schon einmal in einem Gespräch gehört, dass jemand von seiner Haushaltshilfe sagt: Unsere Erna ist eine gute Fee? Na, was will er denn damit sagen? Er will sagen: Unsere Erna ist tüchtig, die sieht alles, die macht alles, und sie macht es ordentlich. Glaubt mir also: Feen sind einfach prima!

Die Blumenfeen sind die zartesten, auch die am wenigsten sichtbaren Feen. Sie sind sozusagen durchsichtig, sie sind so durchsichtig, dass man fast sagen kann: Sie sind im Grunde unsichtbar. Nur in der Abenddämmerung kann man sie mit viel Glück wie einen dünnen Nebel sehen. Aber nur mit viel Glück, denn sie sind recht menschenscheu!

Ich sollte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass man die Feen nicht mit den Elfen verwechseln darf! Feen sind tüchtige Helfer, ernst und streng und sehr, sehr zuverlässig, und sie treten immer nur einzeln auf. Immer ist es nur eine Fee, nur einen einzige, die einem Menschen Gutes tut. Nie sind es mehrere. Ich weiß allerdings nicht, ob es auch manchmal Konferenzen bei den Feen gibt, wo sie ihre Erfahrungen austauschen, oder Versammlungen bei der Feenkönigin, wo sie über die Aufgaben von Feen in der modernen Welt sprechen und Befehle entgegennehmen. Man weiß ja so wenig über das Leben der Feen! Fest steht aber: Wenn euch eine Fee begegnet, wird sie niemals von einer Kollegin begleitet.

Elfen dagegen, kleiner als Feen und womöglich noch durchsichtiger, sind so richtige Gruppenwesen. Sie singen und tanzen in der Abenddämmerung immer gemeinsam mit vielen anderen ihrer Art auf einer hübschen, geschützten Wiese mitten im Wald. Und mit Menschen wollen sie nichts zu tun haben. Einer Elfe werdet ihr wohl nie begegnen. Garantiert!

Nun aber ist es höchste Zeit, meine Geschichte richtig und von vorn anzufangen. Die Hauptperson ist Evi, ihre Eltern sind einigermaßen wichtig, und die Blumenfee werde ich auch nicht vergessen. Sonst hätte ich ja auch eine andere Überschrift wählen müssen! Ist ja klar! Und dann ist da noch eine schlichte, braune Blumenzwiebel, die zwar, wie das bei Blumenknollen üblich ist, kein Wort sagt, aber doch wichtig ist für dieses Märchen. Wartet ab!

Evis Eltern hatten einige Wochen vor Weihnachten von einer lieben Nachbarin einen Blumentopf mit einer Amarylliszwiebel geschenkt bekommen. Sie hatten diese Nachbarin zum Kaffee, zur Himbeertorte und zum Plaudern eingeladen, und die hatte als Geschenk die Blumenzwiebel mitgebracht. Die Zwiebel lag stumm und ein bisschen schäbig in der Erde, aber aus den alten Pflanzenteilen, die oben herausragten und wie ein kleines braunes Gestrüpp aussahen, kam schon vorsichtig und heimlich eine grüne Blattknospe heraus. Dieses Blättchen schob sich in den nächsten Tagen immer höher, es bekam Geschwister, mitten drin wuchs ein dickeres Pflanzenteil, das wuchs und wuchs weiter in die Höhe, es wurde zu einem Stiel mit einer Knospe, und die bildete schließlich eine wunderschöne, riesengroße, leuchtend rote Amaryllisblüte, so schön, so überaus prachtvoll, dass man sich eine schönere Blüte gar nicht vorstellen kann.

Sie blühte und blühte, zwei Wochen lang, drei Wochen lang, und dann geschah, was leider bei allen Blüten geschieht, die wie alles Schöne nicht für die Ewigkeit gemacht sind: Sie verfärbte sich, wurde matt, dunkel, hässlich und musste abgeschnitten werden. Auch der Stiel wurde krank, musste entfernt werden, und schließlich waren da nur noch die großen, prächtig grünen, schwertähnlichen Blätter. Das war aber immer noch ein schöner Anblick.

Evis Eltern stellten die Pflanze in eine Fensterbank, und da machte sie, neben einigen prächtig blühenden Orchideen, noch lange einen guten Eindruck, und als die letzten Wintertage mit ihrer Nachtkälte endlich ganz und gar vorbei waren, kam die Pflanze mit ihren auch jetzt noch wunderschönen Blättern in den Garten in einen größeren Topf, zusammen mit bunten, blühenden Frühlingsblumen. Schön sah das aus! Und es sah monatelang schön aus! Als der Herbst sich dann ankündigte, wurden die langen Blätter, die sich zum Teil schon braun verfärbt hatten, abgeschnitten, die Mutter hob die Zwiebel aus der Erde, säuberte sie flüchtig und legte sie in eine Schale ins Gartenhäuschen. Dort konnte sich die Zwiebel ausruhen bis zum frühen Winter.

„Du musst sie, wenn es kalt geworden ist, wieder in Erde einsetzen und ins Haus holen!“ hatte Evi von der Nachbarin erfahren. „Dann wird sie zu Weihnachten wieder blühen.“

Also ging Evi an einem Tag im frühen November ins Gartenhaus und holte die Amarylliszwiebel, einen großen Blumentopf und Blumenerde heraus, und sie vergaß auch ihre Gartenhandschuhe und eine kleine Schaufel nicht. Im Garten gab es eine kleine Bank, auf der die Mutter ihre Balkonpflanzen einsetzte. Das war bequem, weil sie sich nicht tief bücken musste.

Als Evi zu diesem Bänkchen kam, geschah das Wunderbare: Auf der Bank saß eine weiße, beinahe durchsichtige Person. Sie sah lieb und freundlich aus, etwa so, wie man sich einen Engel vorstellt, und Evi war zwar sehr verwundert, aber erschrocken war sie nicht, denn die Erscheinung sah wirklich absolut friedlich aus.

Der seltsame Gast schlenkerte mit den Beinen, zwinkerte mit den Augen, rückte zur Seite und zeigte auf die Bank, so dass Evi Blumenzwiebel, Blumentopf, Erde und Werkzeug abstellen konnte.

Das Wesen war tatsächlich beinahe durchsichtig! Weiß zwar, aber so dünn nebelig und so sanft verschwommen, dass Evi die Blüten der roten Rosen, die hinter der kleinen Bank an der Hauswand wuchsen, immerhin rosa hindurchschimmern sah. Es war wirklich unglaublich: Sie konnte einfach durch diese geheimnisvolle Person hindurchschauen!

„Na, da staunst du!“ sagte die Erscheinung. „So etwas wie mich hast du noch nie gesehen. Da bin ich vollkommen sicher! Wir sind auch eigentlich unsichtbar, aber weil du ein Sonntagskind bist und die Blumen liebst, konnte ich schon einmal an eine Ausnahme denken und mich sehen lassen. Aber jetzt solltest du doch endlich deinen Mund zumachen!“

Das Wesen lachte. Das Lachen war, wie die Stimme, sehr hell, sehr hoch, sehr fein, aber doch gut zu hören. Könnt ihr euch die sehr hohe, helle Sopranstimme einer Sängerin vorstellen? Nun, diese Stimme war noch deutlich sopraniger und längst nicht so kräftig!

Jetzt hatte Evi sich von ihrem Staunen erholt.

„So etwas wie dich habe ich wirklich noch nie gesehen! Das gibt es ja gar nicht! Und ich glaube doch nicht an Gespenster! Wer bist du denn eigentlich?“

„Die Blumenfee natürlich! Das sieht man doch! Aber richtig, du hast bestimmt noch nie eine von uns gesehen. Also noch einmal: Ich bin eine Blumenfee.“

„Und was machst du hier? Warum kommst du gerade zu mir?“

„Ja, kannst du dir das nicht denken? Ich passe auf deine Blumen auf. Ich helfe ihnen beim Wachsen. Aber jetzt will ich nicht einfach so herumsitzen. Los, deine Amarylliszwiebel muss in die Erde!“

Und nun ging es wie im Hui! Ein bisschen Erde in den Topf, Zwiebel hinein, rundherum Erde anhäufeln, mit Wasser angießen. Dabei steckten die kleinen Wurzeln nun tief in der Erde, und die alten, vertrockneten Blattreste der Zwiebel durften oben herausschauen.

„Jetzt musst du den Topf in die Wohnung tragen. Am besten stellst du ihn dort ins Helle auf eine Fensterbank.“

Die Fee, dieses wunderbare Wesen, reichte Evi den schweren Blumentopf an. Es war unglaublich, wie stark diese durchsichtige Fee war!

„Hast du noch ein bisschen Zeit für mich?“ fragte Evi.

„Aber ja“, sagte die Fee, „wenn ich schon einmal hier bin und mich von dir sehen lasse, dann will ich auch gern noch ein wenig mit dir plaudern.“

Als sie dann nebeneinander auf dem Bänkchen saßen, fragte Evi: „Du passt auf die Blumen auf, hast du gesagt. Wie geht denn das? Blumen wachsen doch von allein!“

„Ja, das stimmt! Aber es ist auch falsch. Blumen brauchen Nahrung und Pflege wie ihr Menschen. Wie sollen sie wachsen ohne Licht, ohne Erde und Wasser?“

„Nein, das geht nicht“, gab Evi zu. „Da würden sie vertrocknen und absterben.“

„Siehst du! Man muss sich um Blumen kümmern.“

Die Blumenfee zeigte auf die Rosen an der Hauswand. Sie waren groß und schön und trugen viele, viele Blüten.

„Kannst du dir denken, warum die so herrlich sind?“

„Na klar! Der Platz an der Wand ist sonnig und warm. Und dann ist da noch meine Mutter. Die weiß, wie man die Blumen pflegen muss. Die Frau Kniese, unsere Nachbarin, sagt immer: Else, du hast einen grünen Daumen!“

Die Blumenfee lachte, und das klang ungefähr so, als wenn wir Menschen zwei edle, geschliffene Weingläser aneinanderstoßen.

„Siehst du: Die Rosen blühen so herrlich, weil deine Mutter sich darum kümmert. Sie gießt sie regelmäßig, sie lockert den Boden rundherum und düngt ihn, sie schneidet die alten Blüten heraus, und im späten Winter schneidet sie die Äste ab, die zu lang geworden sind. Das mögen die Rosen. So wachsen sie gut. Und wenn dann noch ab und zu eine Blumenfee vorbeikommt und einmal auf die Pflanzen bläst, dann sagen alle, die in euren Garten schauen: Meine Güte, sind das aber schöne Rosen! Weißt du, Evi, ohne die Pflege eines lieben Menschen und ohne die Hilfe von uns Blumenfeen gedeihen die Blumen nicht.“

„Aber man sieht doch oft auch Gärten, da ist alles so scheußlich ungepflegt! Da verkümmern die Blumen, da verschwinden sie fast unter Disteln und Brennnesseln und hohen Gräsern. Wo bleiben denn da die Blumenfeen?“

„Ja, mein Kind, das liegt an den Menschen, nicht an uns. Wenn die Menschen keinen Sinn haben für die Schönheit der Blumen, wenn sie die Pflanzen nicht pflegen, nicht begießen, ihnen keinen Raum geben zum Wachsen, wenn ihnen ihr Geld zu schade ist, schöne, kräftige Pflanzen zu kaufen, dann ziehen wir Blumenfeen uns zurück. Wir helfen gern, aber nur dem, der unsere Hilfe verdient. Und deine Mutter verdient diese Hilfe.“

Die Blumenfee lächelte, aber Evi musste ihr Gesichtchen ganz genau beobachten, sich auch ein wenig hinüberbeugen, um dieses Lächeln überhaupt zu sehen, denn die Blumenfee war ja, wie ihr euch bestimmt erinnert, so durchscheinend, sie war nur sehr undeutlich zu sehen. Jetzt strampelte die Fee vergnügt mit den

Beinen. Auch das konnte Evi mehr ahnen als sehen. Es war so, als bewege sich da unten an der Bank ein heller Schein, ein sanftes Glitzern hin und her. Sie konnte auch nicht erkennen, ob die Fee an ihren Füßen Schuhe trug. Der ganze Körper des geheimnisvollen Geschöpfs war so fein, so sanft, so nebelig. Eigentlich war nicht einmal klar zu entscheiden, ob die Fee überhaupt Kleider trug.

„Trägst du Kleider?“ fragte Evi darum. „Hier im Schatten könntest du doch frieren.“

„Oh, wir Feen frieren nicht, wir schlafen nicht, wir können uns nicht verletzen. Wir sind einfach da.“

„Ist das nicht langweilig?“

„Nein, wir kennen auch niemals Langeweile. Wir Blumenfeen sind die glücklichsten Wesen unter dem Himmel. Du musst eben bedenken, dass wir uns ja immer nur um die schönsten Geschöpfe auf der Erde, um die Blumen, kümmern. Da muss man doch glücklich und fröhlich sein!“

„Und im Winter? Was machst du im Winter?“

„Das ist doch ganz einfach, Evi. Den Winter erleben wir eigentlich gar nicht. Du weißt doch bestimmt, dass immer irgendwo auf der Welt Sommer ist. Das ganze Jahr über blühen irgendwo die Blumen. Also haben wir Blumenfeen immer zu tun.“

„Ja, aber wie kommst du denn nach Afrika oder nach Japan?“ wollte Evi wissen. „Fliegst du mit dem Flugzeug?“

Die Fee lachte wieder. „Aber Kind, wir Feen sind doch Zauberwesen! Ich fliege mit Gedankenschnelle überallhin.

Wenn ich es will, dann bin ich in Indien, noch bevor du von dieser Bank aufgestanden bist. Und jetzt mache ich mich auch auf den Weg, irgendwohin wo eine Blume mich braucht. Leb wohl, mein Kind, und höre nie auf, die Blumen zu lieben!“

Und damit war die Fee verschwunden. Der Nebel war nicht mehr zu sehen, das silberne Lachen war nicht mehr zu hören. Evi saß allein auf der Bank, und der Blumentopf, aus dem oben noch ein wenig von der braunen, unscheinbaren Amaryllisknolle hervorschaute, stand neben ihr.

Evi wusste in ihrem späteren Leben, als sie längst erwachsen war und zwei liebe Kinder hatte, viel von Blumenfeen zu erzählen. Aber natürlich glaubte ihr niemand aus ihrer Familie, auch keiner ihrer Freunde diese Geschichten.

„Du hast wirklich eine wunderbare Phantasie, Evi“, sagten die Leute, „aber wunderbare Blumen hast du auch!“ Und das stimmte. In keinem Garten weit und breit blühten die Blumen so groß und so bunt und so üppig. Die Leute freuten sich daran. Sie hielten Evi für eine besonders begabte Gärtnerin. Wir aber wissen, wer Evis Blumen jahraus, jahrein so herrlich zum Blühen brachte. Ja, glaubt ihr denn, die Blumenfee hätte Evi je vergessen?

2.
Das Märchen vom wunderbaren
Teppich

Es war einmal ein Mädchen mit dem hübschen Namen Lea, und in dessen Zimmer lag ein Teppich. Nanu, werdet ihr sagen, das ist doch nichts Besonderes! In vielen tausend Zimmern in aller Welt liegen Teppiche. Daraus wird doch kein Märchen! Wartet nur ab!

Natürlich liegen in vielen, vielen Zimmern die verschiedensten Teppiche, große und kleine, schöne und hässliche, rechteckige und quadratische und sogar runde. Und die haben alle möglichen Farben, weiß und rot und blau und braun und sogar schwarz. Sie sind auch aus vielen verschiedenen Materialien gemacht, aus hartem Sisalgeflecht oder aus weicher Wolle, aus allerlei Kunstfasern oder aus edler Seide, handgeknüpft oder von einer Maschine gewebt. Meine Güte – es gibt wirklich unendlich viele Teppiche! Und das ist ja auch gut so!

Der Teppich von Lea war aber besonders. Ihre Mutter hatte ihn von ihrer Großmutter geerbt und ihn Lea geschenkt, und er war sehr kostbar. Man hatte ihn in Persien aus feinster Wolle geschaffen, und in die vielen Felder, die ihn gliederten, waren Hunderte von Tieren hineingeknüpft. Seit Lea krabbeln konnte, hatte sie diese Tiere bewundert. Da gab es Löwen, Tiger und Leoparden, Elefanten, Antilopen und Hirsche, Pferde und Kamele, Pfauen, Kraniche und allerlei andere Vögel, viele davon mit langen, bunten Schwanzfedern, und in der Mitte, im größten der Felder, stand ein mächtiger Greif.

Ein seltsames Tier! Ein Fabelwesen zwischen all den Tieren, die wir doch aus dem Zoo oder wenigstens aus Büchern recht genau kennen. Ein Greif! Stellt euch vor: Sein Hinterleib endete, wie wir es von Löwen kennen, in starken Pranken und in einem Schweif mit einer dunklen Quaste, die Vorderfüße trugen gewaltige Vogelkrallen, und der Kopf war der Kopf eines Adlers, jedoch mit einem übergroßen, stark gekrümmten Schnabel. Und das Wichtigste: Der Greif hatte zwei hohe Flügel. Er war ganz offensichtlich ein furchtbares, entsetzlich starkes Tier, das wohl besonders gefährlich war, weil es auch noch fliegen konnte.

Lea hatte jahraus, jahrein auf diesem Teppich gespielt. Sie kannte alle Tiere, und einigen hatte sie sogar Namen gegeben. Nur der Greif hieß einfach Greif. Vielleicht hatte das Mädchen gefühlt, dass zu diesem Ungeheuer kein Name passte. Man kann ein so gewaltiges Wesen doch nicht Hansi oder Karlchen nennen! Sie nahm die Tiere mit in ihre Spiele und baute ihnen auf dem Teppich oft einen Zoo oder auch einen Stall auf. Als sie noch kleiner war, hatte sie ihnen sogar manchmal eine Schale mit Milch oder Nüssen oder auch eine Handvoll Gras oder Kräuter auf den Teppich gelegt.

„Da, Antilope, iss!“ sagte sie dann. Oder: „Hier hast du zwei schöne Äste mit Blättern, Elefant! Sind die lecker?“ Und zu dem Löwen und dem Tiger sagte sie: „Also hört mal, Fleisch gebe ich euch nicht! Könnt ihr nicht ein bisschen Milch trinken wie unsere Katze?“

So spielte Lea mit ihren Tieren, und dann geschah eines Tages das Unglaubliche: Die Tiere wurden lebendig! Ihr glaubt das nicht? Aber Lea hat es mir erzählt, und sie war ganz ernst dabei, und sie hatte mich auch vorher nie angeflunkert. Die Tiere auf dem Teppich, sagte sie, wurden wirklich lebendig! Nicht alle auf einmal. Immer nur einige. Sie hätten ja auch gar nicht alle in das Zimmer gepasst. Allerdings waren sie auch kleiner als in der Natur, aber, verglichen mit ihrem Bild auf dem Teppich, doch ganz schön groß. Nur der Elefant blieb stets auf seinem Platz. Zum Glück! Er war ja auch wirklich zu groß für Leas Zimmer, und welche Augen hätten die Eltern gemacht, wenn da plötzlich ein Elefant durch die Decke in ihr Wohnzimmer gefallen wäre!

Lea konnte ihre Tiere streicheln, mit dem Löwen und dem Tiger Ringkämpfe machen, und die Vögel flogen auf ihre Schulter. Das Allerwunderbarste aber war: Die Tiere konnten sprechen! Wirklich, sie konnten sprechen wie wir Menschen, und Lea konnte nun viel, viel schöner spielen als alle anderen Kinder auf der Welt. Sie erfuhr viel von den Tieren. Sie erzählten ihr, wie sie leben, was sie gern fressen, welche Feinde sie haben, und wo sie sich am liebsten verstecken. Leider hörte Lea auch, dass die Menschen manche Tiere ganz sinnlos totschießen und dass die Urwälder, in denen sie am liebsten leben, immer kleiner werden. „Glaub mir, Lea“, sagte ein Tiger, „die schlimmsten Raubtiere sind nicht wir großen Katzen, sondern die Menschen!“

Lea war manchmal traurig, wenn sie erfuhr, wie schlecht es vielen Tieren auf der Welt geht. Aber in der Schule, im Fach Tierkunde, wurde sie richtig gut. Wenn etwas gefragt wurde, konnte sie viel mehr erzählen, als der Lehrer wusste. „Meine Güte“, staunte der, „woher weißt du denn das alles?“

Da musste Lea ein wenig lachen, aber sie verriet nichts, auch den Eltern nicht, denn sie dachte: Wenn ich davon spreche, dann ist der Zauber bestimmt vorbei!

Nach und nach hatten alle Tiere sie in ihrem Zimmer besucht. Einige kamen oft, andere seltener. Nur der große Greif war unbeweglich auf seinem Platz mitten auf dem Teppich geblieben. Lea betrachtete ihn oft mit ein wenig Furcht im Herzen. Wie würde es sein, wenn der Greif lebendig würde? Geht das überhaupt? Er ist doch ein Fabelwesen! Und wäre er wohl so lieb und zahm wie alle die anderen Tiere, oder würde er vielleicht gefährlich werden?

Und nun stellt euch mal das Wunder vor! Eines Tages hatte sie ihn wieder einmal genau besehen, da stand er plötzlich aufrecht vor ihr, höher und größer als sie selbst. Lea sprang erschrocken zurück, aber der Greif sagte: „Lea, was denkst du dir denn? Wir Greife sehen schlimm aus, das muss ich schon zugeben, aber die Menschen dichten uns allerlei Scheußlichkeiten an, die gar nichts mit unserem wirklichen Greifleben zu tun haben. Ja, wir sind stark, und ich möchte keinem raten, mit uns anzubinden, aber im Grunde sind wir ganz friedliche Wesen. Du brauchst also vor mir wirklich keine Angst zu haben. Eher wird dich ein Spatz in eurem Garten pieken, als dass ich meine Krallen gegen dich ausstrecke. Außerdem bist du doch unsere beste Freundin. Keiner von uns würde dir etwas tun. Du hast es doch erlebt, dass sogar der Löwe und der Tiger sich von dir kraulen lassen!“

Der Greif spielte nun oft mit, wenn die Tiere aus dem Teppich herauskamen. Das geschah nicht jeden Tag; denn Lea musste doch auch Hausaufgaben machen oder den Eltern im Haushalt helfen. Eines Tages aber spielte Lea wieder einmal mit zwei Antilopen, die ihre Hörner an der Schulter des Mädchens rieben, und der Greif hatte vor dem Tisch auf seinen Hinterpranken gesessen und ihnen zugeschaut. Da sagte er plötzlich: „Lea, zum Spielen ist ein Greif nicht besonders gut geeignet. Wir Greife sind eben doch recht ernsthafte Wesen. Aber ich kann etwas viel Schöneres für dich tun. Du weißt doch, das wir Greife fliegen können. Ich sollte dir einmal die Heimat all dieser Teppichtiere zeigen. Es fällt mir leicht, dich zu tragen, und ich fliege schnell. Schließlich bin ich ein Fabelwesen! Wenn wir gleich nach dem Kaffeetrinken losfliegen, sind wir vor dem Abendessen längst wieder in deinem Zimmer. Das geht natürlich nur, wenn du vorher deine Hausaufgaben gemacht hast!“

Das war schon am nächsten Tag möglich. Lea hatte nicht viel zu tun. Ein paar Sätze waren in die Vergangenheit zu setzen, und die Mathematikaufgaben bestanden aus einigen Additionen mit mehreren Summanden. Das war schnell erledigt, denn Lea war eine tüchtige Schülerin.

Der Greif wartete schon. Er schien Lea noch größer als gewöhnlich.

„Steig auf!“ sagte er. „Klettere auf meinen Rücken! Da ist Platz, und du bist leicht wie ein Blatt Papier für mich. An den Federn und dem Fell in meinem Nacken kannst du dich festhalten. Hab keine Angst, du wirst nicht fallen!“

Kaum war Lea aufgestiegen, kaum hatte sie sich festgekrallt, waren sie schon draußen und hoch in der Luft. Der Greif war einfach durch die Mauer geflogen! Das muss man sich vorstellen! Einfach durch die Mauer! Offensichtlich brauchte dieses Fabelwesen weder Tür noch Fenster, um einen Raum zu verlassen. Das war unglaublich! Die Landschaft flog unter Lea davon. Sie sah Städte, Wälder, Seen auftauchen und verschwinden.

„Wunderst du dich über unsere Geschwindigkeit?“ rief der Greif. „Du weißt doch, dass ich ein Fabelwesen bin! Wir Greife können so schnell fliegen. Und fällt dir nicht auf, dass gar kein Fahrtwind an dir reißt?“

Das stimmte ja! Und das war dem Mädchen noch gar nicht aufgefallen. Es war unglaublich! Lea saß auf dem Greif so ruhig wie auf dem Stuhl in ihrem Zimmer. Sie flogen mit rasender Geschwindigkeit, aber sie spürte nichts davon! Es war wie in einem Traum.

Dann ging die Fahrt blitzschnell nach unten, der Greif landete, Lea sprang ab und stand auf einer Steppe im Herzen Afrikas, mitten zwischen Zebras und Giraffen und Antilopen. Und ganz in ihrer Nähe standen einige Elefanten und rissen Äste von einem Baum. Einige der Zebras und Antilopen hätte Lea mit der Hand berühren können, aber die verhielten sich so, als bemerkten sie den Greif und das Mädchen gar nicht. Sie wanderten langsam weiter, zupften an dem Gras, eine Antilope fraß die Blätter von einem kleinen Strauch, der im Nu ganz und gar gerupft aussah, zwei Zebras schubsten sich, und ein Elefant blies eine Wolke Sand auf seinen breiten Rücken.

Lea hörte die Tritte der Tiere, ihren Atem, ihre Kaugeräusche, sie roch ihre Ausdünstung, sah die Zeichnung ihres Fells, sah ihre schönen Augen aus nächster Nähe. Das war viel berührender, es war viel eindrucksvoller als ein Besuch in einem Zoo! Jetzt sah sie einen Löwen herbeischleichen. Ängstlich drückte sie sich an den Greif, aber der beruhigte sie: „Der sieht uns nicht, und was wäre ein Löwe gegen einen Vogel Greif! Den könnte ich im Schnabel wegtragen, so wie ich dich trage.“ Aber die wandernden Tiere hatten das Raubtier auch gesehen. Sie liefen los, erst langsam, dann mit größter Schnelligkeit. Der Löwe folgte ihnen ein Stück, dann gab er die Verfolgung auf. Wahrscheinlich war er schon zu alt, Zebras und Antilopen einzuholen.

„Steig wieder auf!“ sagte jetzt der Greif. „Wir fliegen weiter.“

Lea schwang sich auf den Rücken des Löwenvogels. Der stieg hoch und flog mit Gedankenschnelle nach Norden. Schon wurde es hell vor ihnen, bald noch heller, und schließlich war es so hell, dass Lea ihre Augen zu kleinen Schlitzen verschließen musste. Der Greif landete in einer Schnee- und Eiswüste. Lea sprang ab und in den losen Schnee hinein, aber es war seltsam. Sie stand bis zu den Knöcheln im Schnee, und sie hörte den Wind pfeifen, aber sie fror nicht. Vor ihr lag ein offenes Wasser, weiter rechts sah sie eine aus Schnee gebaute Hütte, ein Iglu, und ein in Fellen dick eingepackter Mann stapfte hin zum Wasser. Er trug ein Boot, das offenbar ganz leicht war, und in der rechten Hand hielt er einen Speer.

„Der will bestimmt eine Robbe fangen, was meinst du?“ fragte Lea den Greif.

„Ja“, antwortete der, „die Menschen hier leben beinahe nur von der Jagd. Wenn sie nichts fangen, geraten sie in Not.“

Jetzt sah Lea auch einen Eisbären. Sein Fell war weiß, an einigen Stellen aber auch gelblich. Er kümmerte sich nicht um den Mann und kam geradenwegs auf Lea zu. „Keine Angst!“ sagte der Greif. „Er sieht uns nicht.“ Und tatsächlich trottete das riesige Tier nur einen kleinen Steinwurf entfernt an ihnen vorbei, ohne auch nur einmal zu ihnen herüberzuschauen. Lea konnte sein Schnaufen deutlich hören.

„Nun besuchen wir noch eine dritte Station!“ sagte der Greif. „Steig auf, Lea! Wir fliegen nach Südamerika.“

Wieder war der Flug unfassbar schnell. Lea dachte noch an den Eisbären, und sie fragte sich, wie so ein großes Tier in Schnee und Eis seine Nahrung finden kann, da sah sie tief unter sich schon eine unendliche grüne Fläche. Der Greif steuerte nach unten, und dann landete er im Urwald am Rande eines kleinen Dorfes mit Hütten aus dünnen Baumstämmen und Schilfrohr. Das Dorf lag offenbar mitten im Urwald, aber durch einige hohe Bäume hindurch sah das Mädchen das Wasser eines Flusses blitzen. Das Dorf war auf der einen Seite umstanden von riesigen Bäumen, auf der anderen Seite schien es Felder zu geben. Die Menschen, recht klein, nicht viel größer als Lea, mit brauner Haut und schwarzen Haaren, feierten wohl gerade ein Fest. Sie waren geschmückt mit Federn im Haar, und am Hals, an den Armen und Beinen trugen sie Ketten, die bei jeder Bewegung leise klapperten. Einige sangen, andere tanzten, und zwei bunt bemalte Männer trommelten auf eigentümlichen hohlen Baumstämmen. Lea sah zwei Feuer, an denen große Fleischstücke gebraten wurden. Aus zwei Töpfen, die an Ketten über dem Feuer hingen, dampfte es. Wahrscheinlich wurde da eine Suppe gekocht. Alle Menschen, die sie sah, schienen fröhlich zu sein. Ein paar Kinder liefen herum. Sie spielten wohl Fangen wie die Kinder in Leas Schulklasse, sie lachten und warfen sich Worte zu, die Lea aber nicht verstand.

„Siehst du, wie fröhlich diese Menschen sind?“ fragte der Greif. „Sie sind bettelarm, sie besitzen außer einem Topf, einem Messer, einigen Kleidungsstücken und einem Laublager zum Schlafen gar nichts, und doch scheinen sie zufrieden zu sein.“

Lea hätte sich hier gern noch länger umgeschaut, aber der Greif drängte sie: „Ich muss dich zurückbringen, Lea. Steig auf! Wir fliegen los.“

Ach, die wunderbare Reise war viel zu schnell zu Ende! Gerade war Lea noch in einem Dorf in der Nähe des großen, großen Flusses Amazonas gewesen, gerade hatte sie noch überlegt, wie sie wohl zurecht käme, wenn sie in diesem Dorf leben müsste, da stand sie schon wieder in ihrem Zimmer auf dem Teppich.

„Danke!“ rief sie. „Danke, lieber Greif, das war herrlich, ganz herrlich. Das war das größte Abenteuer, das ich bisher erlebt habe.“ Aber wie staunte sie! Als sie dem Greif die Arme um den Hals legen wollte, war der verschwunden. Nur das von Menschenhirn erfundene und von Menschenhand geknüpfte Greifbild mitten auf dem Teppich war noch zu sehen.

„Lea“, hörte sie da ihre Mutter rufen, „das Abendessen ist fertig! Kommst du bitte?“

Es gab Graupensuppe. Diese Suppe ist den meisten Kindern ein Gräuel. Da essen sie lieber bloße Pellkartoffeln mit ein wenig Salz. Aber nun stellt euch vor: Ausgerechnet Graupensuppe war eine von Leas Leibspeisen! Die Mutter verstand sie aber auch lecker zu kochen mit Sellerie und Porree und Möhren und Petersilie! Trotzdem war Lea diesmal nicht so recht bei der Sache. Ja, man muss sogar sagen, dass sie gar nicht richtig merkte, was sie da aß, denn mit ihren Gedanken war sie noch in der afrikanischen Steppe, im ewigen Eis und im Amazonasurwald.

„Freust du dich schon auf deinen Geburtstag?“ fragte die Mutter. Das war die richtige Frage! Nun wurde Lea munter, denn am nächsten Tag würde sie zehn Jahre alt werden, und sie hörte gar nicht mehr auf zu plaudern und zu lachen.

Der Geburtstag kam, und Lea packte ihre Geschenke aus. Am meisten freute sie sich über ein Fernglas. Das hatte sie sich schon lange gewünscht, denn sie wollte die Vögel ihrer Heimat besser beobachten können. Sie ging mit ihren Geschenken in ihr Zimmer, um sie den Tieren zu zeigen, aber stellt euch ihr Erstaunen vor: Der Teppich blieb ruhig liegen, keins der Tiere wurde lebendig, der Greif ruhte still und groß in der Mitte.

Da war Lea traurig, denn das blieb nun für immer so. Vielleicht können wir Kinder diese Wunder nur sehen, wenn wir noch keine zehn Jahre alt sind! dachte sie.

Und es blieb wirklich dabei. Die Tiere besuchten sie nie mehr, keins sprach mehr mit ihr, und manchmal, viel später, fragte sich Lea, ob sie das alles tatsächlich erlebt oder nur geträumt hatte. Ich weiß es auch nicht, denn ich konnte die Geschichte ja nur so aufschreiben, wie ich sie von Lea gehört habe.

3.
Die Puppe Bobby

Puppen sind Puppen, basta! Sie sind klein oder groß, aus Wolle, Stoff, Holz oder irgendeinem Plastikzeug gemacht, sie sehen aus wie ein Baby, wie ein Kind, manchmal auch wie ein Erwachsener, sie sind schön und naturgetreu oder hässlich und misslungen, sie sind handgemacht, kostbar, teuer oder billige Massenware aus einer Fabrik, sie werden geliebt, gepflegt, geschont oder herumgeworfen und misshandelt. Aber Puppen sind Puppen! Also noch einmal: Basta!

Eine Puppe ist ein Spielzeug in Menschenform. Sie kann haargenau aussehen wie ein blondes Mädchen oder ein Junge in einem Matrosenanzug, aber sie ist ein toter Gegenstand. Wenn sie sprechen kann, dann plappert in Wirklichkeit nur im Inneren ein Automat einige vorgegebene, alberne Sätze. Und selbst wenn sie ein hochmoderner Puppenroboter ist, der Guten Tag! in zwölf Sprachen wünschen kann, der Gedichte aufsagen und Weihnachtslieder singen kann, ist da überhaupt nichts Lebendiges dran. Auch eine solche Puppe ist nur ein toter Apparat. Wirklich sprechen kann sie nicht, denken kann sie nicht, und aus sich heraus bewegen kann sie sich auch nicht. Sie liegt irgendwo im Kinderzimmer herum, vielleicht sitzt sie auch aufrecht in einer Sofaecke, und vielleicht watschelt sie sogar einmal über das Parkett. Aber immer schaut sie bewusstlos aus ihren Glasaugen geradeaus. Darum noch einmal: Eine Puppe ist ein lebloses Spielzeug! Basta!

Leblos? Ja, üblicherweise! Aber glaubt mir: Es scheint Ausnahmen zu geben! Ich habe nämlich von einer Puppe gehört, die war putzmunter und quietschvergnügt, die war so lebendig wie du und ich, viel mehr ein Freund als das Spielzeug eines Mädchens, eigentlich einem Minizwerg ähnlicher als einer Puppe.

Aber ich muss diese Geschichte von vorn anfangen, wie es sich für einen Erzähler gehört. So einfach mir nichts, dir nichts mittenmang reinzuspringen, gilt nicht als fein. Also: Es war einmal ein Mädchen namens Elsie, und diese Elsie besaß eine Puppe, die schon ihrer Mutter gehört hatte, und diese Puppe, angezogen wie ein Junge aus einem Alpenland, also mit einem rot karierten Hemd und einer Lederhose, hieß Bobby. Die Puppe Bobby war eine recht große Puppe, sie ging dem Mädchen Elsie etwa bis zum Knie, sie war aus einem festen Stoff gefertigt, konnte die Arme und Beine in den Gelenken bewegen und hatte einen bemalten Holzkopf mit aufgeklebten Haaren. Trotz ihres Alters war Bobby eine recht schöne und noch gut erhaltene Puppe. Wahrscheinlich hatte man sie immer wie ein Familienmitglied behandelt. Elsie spielte jeden Tag mit ihr, setzte sie bei den Mahlzeiten neben sich auf einen erhöhen Kinderstuhl, nahm sie mit ins Bett, nahm sie auch mit auf Reisen und hätte sich nie von ihr getrennt.

„Bobby werde ich behalten“, sagte sie, „immer, auch später, wenn ich erwachsen bin!“

Und diese Puppe sagte eines Tages laut und vernehmlich, während Elsie gerade überlegte, welchen Schluss sie ihrem Schulaufsatz geben sollte: „Elsie, mir ist langweilig! Bist du denn immer noch nicht fertig mit deinen Hausaufgaben? Das ist ja nicht zum Aushalten!“

Elsie schaute sich überrascht im Zimmer um. Die Mutter wirtschaftete in der Küche, der Vater hängte im Wohnzimmer die frisch gewaschenen Gardinen auf. Das Topfklappern und das Weiterrücken der Stehleiter waren leise zu hören, aber die Tür des Kinderzimmers war geschlossen. Die Stimme konnte doch nicht von den Eltern kommen! Kopfschüttelnd machte das Mädchen sich wieder an ihren Aufsatz. Da hörte sie die Stimme wieder: „Elsie, nun mach schon! Ich will ein bisschen plaudern!“

Jetzt sprang Elsie von ihrem Stuhl auf. „ Wer redet denn da? Es gibt hier doch keine Gespenster!“

„Nun kapier das doch endlich! Ich bin es, die Puppe Bobby.“

Tatsächlich! Die Puppe kam auf einmal mit sicheren Schritten über das Sofa gegangen, stieg auf ihren Tisch und setzte sich bequem genau auf ihr Heft. Da gab es keinen Zweifel: Bobby konnte gehen! Ganz selbstständig! Elsie war fassungslos. Sie sprang auf und starrte die Puppe an.

„Kannst du wirklich gehen? Und hast du gerade gesprochen?“

„Ja, sicher! Das siehst und hörst du doch, du Depp! Nun setzt dich aber wieder hin und mach den Mund zu. Und ich hasse es, wenn man mich so anstarrt.“

Kein Zweifel: Bobby konnte laufen und auch sprechen, und offenbar liebte er eine kräftige Ausdrucksweise.

„Ja, aber du hast doch sonst nicht…“, stotterte Elsie.

„Da hatte ich keine Lust. Wir sprechenden Puppen reden nicht mit jedem! Auch nicht den ganzen Tag über. Aber jetzt hattest du ein so betrübtes Gesicht, darum habe ich gedacht: Bobby, da musst du eingreifen! Ist denn dein Aufsatz so schwer?“

Elsie seufzte: „ Ich finde keinen passenden Schluss. Bisher geht es so: Die Kinder haben einen Drachen gebaut, er ist prima hochgestiegen, er steht ruhig in der Luft. Alle freuen sich und sind ganz stolz. Aber was jetzt? Wie soll es weitergehen?“

„Da weiß ich schon etwas. Keine Bange! Wir lassen den Drachen einfach abstürzen. Der steht schon lang genug am Himmel. Runter mit ihm! Natürlich darf er nicht ganz und gar kaputtgehen. Die Kinder dürfen auf keinen Fall richtig traurig sein.“

Bobby diktierte dem Mädchen einige Sätze, Elsie freute sich über den pfiffigen Schluss und klappte ihr Heft zu. Sie verstaute Heft und Stift in ihrer Schultasche und warf die Tasche in die Ecke. Fertig!

„Wie ich hier lebe“, sagte sie „das hast du ja jeden Tag gesehen. Jetzt musst du mir aber auch einmal ein bisschen von deinem Puppenleben erzählen.“

Da ging die Tür auf, und die Mutter kam herein. Nein, ich muss schreiben: Sie war dabei, zur Tür hereinzukommen. Denn sie hatte kaum den ersten Schritt über die Schwelle gesetzt, als Bobby schon zum Sofa sauste, sich in seine Ecke stürzte und dort so harmlos aus seinen Glasaugen schaute, dass ihr niemals irgendein Verdacht gekommen wäre.

„Ich wollte nur einmal nach deinen Hausaufgaben sehen“, sagte sie. Und als sie dann den Aufsatz gelesen hatte, fügte sie hinzu: „Schön! Gefällt mir richtig gut. Ganz besonders gut aber ist dir der Schluss gelungen. Du bist wirklich ein tüchtiges Mädchen, Elsie!“

Und als Elsie nach diesen freundlichen Worten fröhlich lachte, da dachte die Mutter: Wie sich mein süßes Mädchen doch über ein Lob freuen kann!

Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, kam Bobby gleich wieder auf Elsies Tisch geklettert. Wenn er aufrecht stand, konnten sich die beiden ungefähr in gleicher Höhe ins Gesicht sehen, er setzte sich aber sofort wieder vor sie hin.

„Warum bist du nicht geblieben?“ fragte Elsie. „Meine Mutter hätte sich ganz schön gewundert!“

„Ach, weißt du“, antwortete Bobby, „die Großen glauben nicht mehr an Wunder. Da haben wir sprechenden Puppen es schwer, und darum halten wir uns lieber zurück. Auch die Elfen und Feen lassen sich ja von den Erwachsenen nicht sehen. Man weiß doch, wie das geht: Die Großen kennen nur Wenn und Aber und Vielleicht und Unmöglich. Ihr Kinder aber glaubt an uns. Da haben wir es vielleicht leichter.“

Und nun erzählte Bobby aus seinen Puppenleben, wie er in einer kleinen Werkstatt in Belgien geboren wurde, wie er zuerst zu belgischen, dann zu holländischen Kindern und schließlich zu Elsies Mutter gekommen war, wie er das Leben in verschiedenen Familien kennengelernt hatte, und wie er dort behandelt worden war.

„Die schlimmste Zeit in meinem Puppenleben war es, als dein Vater mich einmal für eine ganze Woche in die Wäschetruhe gesteckt hat. Es war völlig dunkel, und es roch nicht gut. Furchtbar!“

„Das war vor ungefähr einem Jahr, als ich zweimal hintereinander keine Schulaufgaben gemacht hatte. Die Lehrerin hat angerufen, und mein Vater war ziemlich wütend. Dabei hatte ich das wirklich nur vergessen. Ich erledige doch sonst immer alles sofort und möglichst ordentlich! Da hätte unsere Lehrerin ruhig erst einmal mit mir sprechen können!“

Bobby seufzte. „ Dein Vater wollte dich bestrafen, aber seine Strafe hat doch wohl hauptsächlich mich getroffen. Eingesperrtsein ist fürchterlich. Man ist ganz allein, und es ist vollkommen dunkel. Schrecklich!“

„Aber warum bewegst du dich jetzt wie ein kleines Menschenkind, und wieso sprichst du auf einmal mit mir?“ fragte Elsie. „Bis heute warst du doch eine ganz normale Puppe.“

„Das ist leicht zu beantworten“, sagte Bobby. „Du hast mich lieb. Das spürt unsereins, das tut uns gut, und das verwandelt uns. Glaub mir, die Liebe verwandelt alles!“

Elfie und Bobby spielten nun regelmäßig miteinander. Elfie erzählte, Bobby erzählte, sie neckten sich, und sie lachten viel. Elfie lernte eine Menge von Bobby, denn der hatte in seinem langen Puppenleben schon viel gesehen und erlebt.

Dann kam die Nacht, in der Elfies Eltern die Puppe beinahe beim Sprechen erwischt hätten. Habe ich gesagt: Beim Sprechen? Nein, es war ein Rufen, ein Schreien. Es war laut, ganz unüberhörbar. Und das kam so: Elfie hatte die Kellertür, durch die man unten aus dem Keller des Hauses über eine Treppe hoch zum Garten gehen konnte, nicht abgeschlossen. Sie hatte Petersilie aus dem Garten geholt, und sie hatte die Tür wohl hinter sich zugemacht, aber den Schlüssel innen nicht herumgedreht.

Und nun stellt euch vor: Da kam doch tatsächlich ein Einbrecher in den Garten geschlichen, rüttelte vorsichtig an der Kellertür, die öffnete sich ganz ohne ein Geräusch, denn der Vater hatte noch vor wenigen Tagen die Türangeln geölt, und das war für den Einbrecher nun, wie ihr euch denken könnt, die reine Freude. Leise, leise schlich sich der Mann die Kellertreppe hoch, und dann stand er auch schon im Hausflur. Ab und zu ließ er seine Taschenlampe aufblitzen, um sich zurechtzufinden, um nirgendwo anzustoßen, denn Einbrecher müssen vor allem leise sein. In der Kunst, kein Geräusch zu machen, müssen sie in der Einbrecherschule wahrscheinlich eine strenge Prüfung bestehen.

Behutsam öffnete der Mann die nächste Tür, und das war ausgerechnet die Tür zu Elsies Kinderzimmer. Vorsichtig trat er ein. Oh, der Arme! Er hätte sich ein anderes Zimmer aussuchen sollen, denn in Elfies Zimmer wachte Bobby. Es gibt, wie ihr wahrscheinlich wisst, auch Schlafpuppen, die ihre Augen schließen, wenn man sie hinlegt. Die schlafen dann brav ein. Bobby jedoch gehörte zur großen Gruppe der Wachpuppen. Er hatte immer, auch nachts, die Augen geöffnet, und er brauchte überhaupt keinen Schlaf. Kein Stündchen!

Kaum war der Mann in Elfies Zimmer, rief Bobby mit seiner lautesten Stimme: „Wacht auf! Wacht auf! Ein Einbrecher ist im Haus! Ruft die Polizei!“

Elfie wachte erschrocken auf und rieb sich die Augen, der Vater kam in seinem Schlafanzug die Treppe vom Elternschlafzimmer wie ein Blitz heruntergepoltert, und der Einbrecher rannte zur Haustür. Das war ein Fehler! Er wäre besser wieder die Kellertreppe runtergelaufen, denn die Haustür war sorgfältig verschlossen, und der Schlüssel hing in der Küche am Schlüsselbrett. Verzweifelt rüttelte er am Türgriff, aber das half nichts, und schon hatte der Vater ihn am Kragen. Und er hielt ihn fest, bis die Polizei kam, die die Mutter herbeitelefoniert hatte.

„Das war tapfer, aber auch unvorsichtig“, sagte später der Polizeibeamte, der mit einem Kollegen kam, um den Einbrecher abzuholen. „Wenn der Verbrecher nun bewaffnet gewesen wäre?“

„Daran habe ich in dem Augenblick gar nicht gedacht!“ antwortete der Vater. „Der Kerl ist einfach in unser Haus eingedrungen. Das kann man doch nicht dulden! Nein, das wollte ich mir nicht gefallen lassen!“

Elfies Vater war aber auch ein großer, bärenstarker Mann, und der Einbrecher war ein schlanker, kleiner Bursche, fast noch ein großer Junge. Immerhin erfuhren Elfies Eltern später, dass dieser schlanke, kleine, junge Bursche bereits recht große Erfahrungen als Einbrecher hatte. Er wurde schon lange von der Polizei gesucht, und tatsächlich wurden in seinem Haus viele gestohlene Sachen gefunden.

Aber die Rufe? Wer hatte in der Nacht so laut geschrien? Die Rufe waren aus Elfies Zimmer gekommen, aber das war doch nicht Elfies Stimme gewesen! Da schüttelten die Eltern noch lange immer wieder die Köpfe und rätselten hin und her. Schließlich meinten sie, da müsse doch wohl ein Passant gerufen haben, der den Einbrecher von der Straße aus beobachtet hatte.

Die Eltern haben es nie erfahren! Es blieb ein Geheimnis. Elfie verriet nichts, in den nächsten Tagen nicht, und auch später, weil sie annahm, dass ihr nun sowieso niemand mehr glauben würde, erzählte sie niemals etwas von dem sprechenden Bobby.

Die beiden blieben lange Zeit gute Freunde. Bobby konnte dem Mädchen immer einen guten Rat geben. Vor allem bei den Hausaufgaben war er unübertrefflich. Er konnte und wusste alles! Er erklärte dem Mädchen die schwierigsten Rechenaufgaben, er kannte sich nicht nur in der deutschen, sondern auch in der englischen und französischen Grammatik aus, und er wusste zu allen Themen so viel zu sagen, dass die Lehrer ganz oft über Elfies Kenntnisse staunten. Schließlich durfte das Mädchen sogar eine Klasse überspringen, weil sie eine so gute Schülerin geworden war. Auch als Bobby eines Tages mit dem Sprechen aufhörte, als er auf einmal bewegungslos und stumm in seiner Sofaecke sitzen blieb, war er und blieb er Elfies guter Freund. Bestimmt haben auch ihre Kinder noch mit ihm gespielt!

4.
Das Märchen vom Puddingesser

Es war einmal ein Junge, der stets nur Pudding aß. Das war freilich nicht immer so gewesen. Als Säugling und als Kleinkind hatte er selbstverständlich, wie alle kleinen Kinder, auch anderes gegessen. Er hatte Milch getrunken, seinen Milchbrei geschluckt und Obst-und Möhrenmus löffelweise in den Mund geschoben bekommen. Er war damit zufrieden gewesen wie andere Kinder auch, und er war dabei gewachsen, wie es sich gehört.

Als er jedoch etwa drei Jahre alt geworden war und schon gemeinsam mit den Eltern am Tisch sitzen konnte und auch zu essen pflegte, was auf den Tisch kam, wenn auch zu Brei zerknetet oder in hübsche Happen zerteilt, da bekam er eines Tages als Nachtisch eine Portion Vanillepudding. Dieser Pudding war vermutlich das größte Ereignis seines bisherigen Lebens. Er aß, seufzte vor Wonne, verlangte noch eine zweite und dann eine dritte Portion und schrie voller Wut das Haus zusammen, als die Mutter sich weigerte, sein Schälchen zum vierten Mal zu füllen.

„Genug ist genug“, entschied sie, „und ich will nicht, dass es dir schlecht wird.“

Von diesem Tag an aß der Junge, er hieß Otfried, wir wollen ihn aber Ötty nennen, wie es in der Familie üblich war, da aß er mit der größten Beharrlichkeit nur noch Vanillepudding. Ist doch fein! sagt ihr vielleicht. Ist doch lecker! Nein, wünscht euch das nicht! Morgens, mittags und abends nur Pudding? Der Pudding würde euch schon in der zweiten Woche in die Flucht treiben!

Für die Eltern war das anfangs eine harte Zeit. Als sie sich später daran gewöhnt hatten, machte es ihnen nicht mehr so viel aus, denn ihr wisst ja: Der Mensch gewöhnt sich zwar nicht an alles, aber doch an vieles. So aber hatte Öttys Puddinggeschichte begonnen: An dem Morgen, der dem Puddingnachtisch mit dem fürchterlichen Gebrüll gefolgt war, stand wie immer auf dem Tisch, was zu einem guten und gesunden Frühstück gehört: Marmelade und Honig, geräucherter Schinken und eine milde Mortadella, Kräuterquark, ein wenig Obst und Obstsaft, für die Großen ein gekochtes Ei und natürlich Brötchen und Schwarzbrot. Der Kaffee für die Eltern war gekocht, und vor dem Söhnchen stand eine Tasse mit Kakao, schön warm, aber nicht zu heiß.

„Ötty will Pudding!“ sagte das Kind mit Entschiedenheit und schob seinen Teller, schob auch den Kakao zurück. „Ötty will Pudding!“

Die Eltern waren ratlos, so etwa eine Minute lang, dann redeten sie ihrem Kind zuerst gut zu, dann schimpften sie, was man wahrscheinlich verstehen kann, dann drohten sie, was natürlich bei einem Kind von gut drei Jahren völliger Unfug ist, und dann waren sie wieder ratlos. Eine ganze Weile.

„Ötty will Pudding!“ sagte ihr Sprössling mehrmals, und er blieb dabei. Da war nichts zu machen! Die Mutter kochte also einen Pudding, ließ ihn abkühlen, und das Kind aß ihn mit Behagen auf, machte ein deutlich zu hörendes Bäuerchen, stand vom Tisch auf und beschäftigte sich mit seinem schönen Spielzeug, einem Bauernhof mit vielen Plastiktieren.

„Was für ein Kind!“ seufzte die Mutter.

„Ach, weißt du, das ist so eine Marotte“, meinte der Vater. „Das gibt sich wieder.“

Irrtum! Es gab sich nicht! Am Mittag wollte Ötty nicht das Essen der Eltern, sondern Pudding. Diesmal wollten die Eltern ihm das aber nicht durchgehen lassen. „Wenn er unser Essen nicht will, dann soll er hungrig bleiben!“ entschied der Vater mit Nachdruck. „So geht es nicht!“

Der Plan war nicht schlecht, er ist ja auch in Millionen Familien mit leidlichem Erfolg durchgeführt worden. (Ich bin allerdings nicht sicher, ob das wirklich eine gute Erziehungsmethode ist!) Bei Ötty allerdings funktionierte dieser Plan nicht. „Ich will Pudding!“ sagte er, und er blieb stur bei dieser Forderung. Er aß mittags nichts, er aß abends nichts, ging trotzig in sein Kinderbett, maulte eine Weile vor sich hin, brüllte dann wie ein Stier, so dass sich die Mutter schließlich, von ihrem guten Herzen überwältigt, in die Küche stellte und ihrem Liebling Pudding kochte.

Das ging zwei oder drei Tage so weiter: Das Kind forderte mit heftigem Nachdruck Pudding. Es protestierte bei allen Mahlzeiten, es brüllte, es aß nichts von dem, was auf dem Tisch stand, zankte, weinte, bis es seinen Pudding bekam.