Impressum

Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel «What I Loved» bei Henry Holt and Company, New York.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg bei Reinbek, April 2019

Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg bei Reinbek

«What I Loved» Copyright © 2003 by Siri Hustvedt

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ISBN Printausgabe 978-3-499-23309-8 (29. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-00269-2

www.rowohlt.de

 

Hinweis: Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe

ISBN 978-3-644-00269-2

Für Paul Auster

Eins

«Während ich im Atelier auf dem Fußboden lag», schrieb Violet im vierten Brief, «habe ich dich beobachtet, wie du mich maltest. Ich betrachtete deine Arme, deine Schultern und vor allem deine Hände, die die Leinwand bearbeiteten. Ich wollte, du hättest dich umgedreht, wärst zu mir gekommen und hättest meine Haut so gerieben, wie du das Gemälde riebst. Ich wollte, du hättest deinen Daumen so fest gegen mich gepresst wie gegen das Bild, und ich dachte, ich würde verrückt, wenn du es nicht tätest, aber ich wurde nicht verrückt, und du hast mich nicht berührt, kein einziges Mal. Du hast mir nicht einmal die Hand gegeben.»

Das Gemälde, von dem Violet sprach, sah ich zum ersten Mal

Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass sich in Wirklichkeit drei Personen auf dem Bild befanden. Ganz weit rechts, wo die Leinwand dunkel war, bemerkte ich eine aus dem Gemälde heraustretende Frau. Innerhalb des Rahmens waren nur ihr Fuß und ihr Knöchel zu sehen, doch der Slipper, den sie trug, war mit ungeheurer Sorgfalt wiedergegeben, und als ich ihn erst entdeckt hatte, musste ich immer wieder hinsehen. Die unsichtbare Frau wurde genauso wichtig wie die, die das Bild beherrschte. Die dritte Person war nur ein Schatten. Einen Augenblick hielt ich diesen Schatten für meinen eigenen, doch dann begriff ich, dass der Künstler ihn hineingemalt hatte. Die schöne Frau, die nur ein Männer-T-Shirt trug, wurde von jemandem außerhalb des Bildes angesehen, einem Betrachter, der genau dort zu stehen schien, wo ich stand, als ich das Dunkel bemerkte, das über ihren Bauch und ihre Schenkel fiel.

Rechts von dem Gemälde las ich auf dem kleinen getippten Pappschild: Selbstporträt von William Wechsler. Zuerst dachte ich, das sei ein Scherz des Künstlers, doch dann besann ich mich anders. War der Titel, im Zusammenhang mit einem Männernamen, ein Hinweis auf etwas Weibliches in ihm oder auf eine

Dieses Bild hängt nun hier bei mir, in diesem Zimmer. Wenn ich den Kopf drehe, sehe ich es, obwohl es sich durch mein schwächer werdendes Sehvermögen verändert hat. Etwa eine Woche nachdem ich es erblickt hatte, kaufte ich es für zweitausendfünfhundert Dollar. Erica stand nur wenige Schritte von dort entfernt, wo ich jetzt sitze, als sie sich das Gemälde zum ersten Mal ansah. Sie studierte es in aller Ruhe und sagte: «Es ist, als betrachtete man den Traum eines anderen, findest du nicht?»

Als ich mich dem Bild zuwandte, bemerkte ich, dass seine Stilmischung und sein veränderliches Zentrum tatsächlich an die Verzerrungen in Träumen erinnerten. Der Mund der Frau war leicht geöffnet, und ihre Schneidezähne standen etwas vor. Der Künstler hatte sie strahlend weiß und ein bisschen zu lang gemalt, fast wie die eines Tieres. Dann bemerkte ich die Prellung direkt unter ihrem Knie. Ich hatte sie schon vorher gesehen, doch in jenem Augenblick wurden meine Augen von ihrer violetten, am Rand gelbgrünen Färbung angezogen, so als wäre diese kleine Blessur das eigentliche Thema des Gemäldes. Ich

Zu jener Zeit lebten Erica und ich in einem Zustand fast ständiger sexueller Erregung. Nahezu alles konnte eine wilde Orgie auf dem Bett, dem Fußboden auslösen, einmal sogar auf dem Esszimmertisch. Seit der High School waren in meinem Leben Freundinnen gekommen und gegangen. Ich hatte kurze und längere Beziehungen gehabt, doch immer waren lange Pausen dazwischen gewesen – Durststrecken ohne Frauen und Sex. Erica meinte, die Entbehrung habe einen besseren Liebhaber aus mir gemacht, ich hielte den Körper einer Frau nicht für selbstverständlich. An jenem Nachmittag liebten wir uns jedenfalls wegen des Bildes. Ich habe seither oft darüber nachgedacht, warum die Darstellung einer Wunde an einem Frauenkörper erotisch auf mich gewirkt haben mochte. Später sagte Erica, sie glaube, meine Reaktion habe etwas mit dem Wunsch zu tun, auf dem Körper des anderen ein Mal zurückzulassen. «Haut ist zart», sagte sie. «Sie lässt sich leicht schneiden und quetschen.

Erica war damals vierunddreißig. Ich war elf Jahre älter, und wir hatten ein Jahr zuvor geheiratet. Wir waren in der Butler Library der Columbia University buchstäblich übereinander gestolpert. Es war an einem späten Samstagvormittag im Oktober, und die Gänge zwischen den Bücherregalen waren größtenteils leer. Ich hatte ihre Schritte gehört, hatte ihre Gegenwart hinter den verschwommenen Buchreihen gespürt, die von einem leise brummenden Timer-Licht trübe beleuchtet wurden. Ich fand das gesuchte Buch und ging zum Aufzug. Außer dem Summen hörte ich nichts. Ich bog um die Ecke und stolperte über Erica, die am Kopfende des Regals auf dem Boden saß. Es gelang mir, auf den Füßen zu bleiben, doch meine Brille fiel herunter. Sie hob sie auf, und im selben Augenblick, als ich mich bückte, um sie entgegenzunehmen, stand Erica auf und stieß mit dem Kopf gegen mein Kinn. Sie sah mich lächelnd an. «Wenn das so weitergeht, können wir zusammen in einer Slapstick-Nummer auftreten.»

Ich war über eine hübsche Frau gestolpert. Sie hatte einen großen Mund und kinnlanges, dichtes dunkles Haar. Ihr enger Rock war bei unserem Zusammenstoß hochgerutscht, und als sie ihn hinunterzog, warf ich einen flüchtigen Blick auf ihre Schenkel. Nachdem sie den Rock zurechtgezupft hatte, sah sie zu mir auf und lächelte wieder. Bei diesem zweiten Lächeln zitterte ihre Unterlippe sekundenlang, und ich hielt dieses kleine Anzeichen von Nervosität oder Verlegenheit für ein Indiz, dass

Inzwischen hatten wir stundenlang geredet. Es stellte sich heraus, dass Erica und ich derselben Welt entstammten. Ihre Eltern waren deutsche Juden, die Berlin 1933 als Teenager verlassen hatten. Ihr Vater wurde ein bekannter Psychoanalytiker, ihre Mutter Sprecherzieherin an der Juilliard School. Sie waren beide tot. Sie starben im Abstand von wenigen Monaten im Jahr bevor ich Erica traf, im Jahr, in dem auch meine Mutter starb: 1973. Ich bin in Berlin geboren und lebte dort bis zu meinem fünften Lebensjahr. Meine Erinnerungen an die Stadt sind bruchstückhaft; einige mögen falsch sein, Bilder und Geschichten, die ich mir nach dem zusammenreimte, was meine Mutter mir über meine frühe Kindheit erzählte. Erica wurde auf der Upper West Side geboren, wo auch ich mit meinen Eltern nach drei Jahren in einer Wohnung im Londoner Stadtteil Hampstead landete. Erst Erica brachte mich dazu, die West Side und meine gemütliche Wohnung nahe der Columbia University zu verlassen. Ehe wir heirateten, sagte sie mir, sie wolle «emigrieren». Als ich sie fragte, was sie damit meine, sagte sie, es sei an der Zeit, die Wohnung ihrer Eltern in der West 82nd Street zu verkaufen und die lange U-Bahn-Fahrt nach Downtown anzutreten. «Hier oben rieche ich den Tod», sagte sie,

Das neue Viertel mit seinen leeren Straßen, niedrigen Gebäuden und jungen Mietern befreite mich von Fesseln, die ich bis dahin gar nicht als beengend empfunden hatte. Mein Vater starb 1947, im Alter von nur dreiundvierzig Jahren, doch meine Mutter lebte weiter. Ich war ihr einziges Kind, und nach dem Tod meines Vaters lebten meine Mutter und ich mit seinem Geist zusammen. Meine Mutter wurde alt und arthritisch, mein Vater jedoch blieb jung, brillant und viel versprechend – ein Arzt, der alles Mögliche hätte erreichen können. Aus diesen Möglichkeiten wurden für meine Mutter Tatsachen. Sechsundzwanzig Jahre lang lebte sie mit meines Vaters verlorener Zukunft in derselben Wohnung in der 84th Street zwischen Broadway und Riverside Drive. In meiner Anfangszeit als Hochschullehrer redete mich hin und wieder ein Student mit «Dr. Hertzberg» statt mit «Herr Professor» an, und ich musste unweigerlich an meinen Vater denken. In Soho zu leben löschte meine Vergangenheit nicht aus und führte kein Vergessen herbei, doch wenn ich um eine Ecke bog oder eine Straße überquerte, war da nichts, was mich an meine Kindheit und Jugend als Vertriebener erinnerte. Erica und ich waren die Kinder von Emigranten aus einer untergegangenen Welt. Unsere Eltern waren assimilierte Mittelschichtjuden, für die das Judentum eine Religion war, die ihre Urgroßeltern praktiziert hatten. Vor 1933 hatten sie sich als «jüdische Deutsche» betrachtet, ein Terminus, der heute in keiner Sprache mehr so richtig existiert.

Als wir uns kennen lernten, war Erica Dozentin für Englisch an der Rutgers University, und ich lehrte bereits seit zwölf Jahren im Fachbereich Kunstgeschichte der Columbia University.

Ich war viele Male an der Bowery 89 vorbeigegangen, ohne je stehen zu bleiben und mir das Haus anzusehen. Der heruntergekommene vierstöckige Klinkerbau zwischen Hester und Canal Street war nie mehr als das schlichte Quartier eines Großhandelsgeschäfts gewesen, doch als ich dorthin kam, um William Wechsler zu besuchen, waren jene Tage bescheidener Achtbarkeit längst vorbei. Die Fenster der einstigen Ladenfassade waren mit Brettern zugenagelt, und die schwere Eisentür war so zerkratzt und verbeult, als hätte jemand sie mit einem Hammer bearbeitet. Ein bärtiger Mann mit irgendetwas Alkoholischem in einer Tüte lag auf der einzigen Treppenstufe herum. Er grunzte mich an, als ich ihn bat, beiseite zu rücken, und entfernte sich dann halb rollend, halb rutschend von der Treppe.

Mein erster Eindruck von Menschen wird oft von dem überlagert, was ich später erfahre, doch bei Bill ist mir während unserer ganzen Freundschaft zumindest eine Erinnerung an diese ersten Sekunden geblieben. Bill hatte Ausstrahlung – jene geheimnisvolle Anziehungskraft, die Fremde verführt. Als er mir die Tür öffnete, sah er fast genauso verlottert aus wie der Mann auf der Treppe. Er hatte einen Zweitagebart. Das dichte

«Ich habe es wegen des Lichts gemietet», sagte er, als wir das Atelier im dritten Stock betraten. Durch drei lange Fenster am hinteren Ende des einzigen Raumes schien die Nachmittagssonne. Das Gebäude war abgesackt, der hintere Teil des Lofts lag erheblich niedriger als der vordere. Der Fußboden hatte sich ebenfalls verzogen, und als ich zu den Fenstern hinübersah, bemerkte ich Verwerfungen in den Dielen wie flache Wellen auf einem See. Die höher gelegene Seite des Lofts war karg möbliert mit einem Hocker, einem Tisch aus zwei Sägeböcken mit einer alten Tür darauf und einer Stereoanlage, umgeben von Hunderten von Schallplatten und Tonbändern in Plastikmilchkästen. Reihen von Leinwänden standen an die Wand gelehnt. Der Raum roch stark nach Farbe, Terpentin und Moder.

Alles Lebensnotwendige war auf der tiefer gelegenen Seite zusammengedrängt. Ein über eine alte Badewanne mit Löwenfüßen gebauter Tisch. Daneben ein Doppelbett, nicht weit von einem Waschbecken, und der Herd ragte aus einer Lücke eines mit Büchern voll gestopften Regals. Auch daneben auf dem Fußboden stapelten sich Bücher, und Dutzende mehr auf einem

Schon an jenem ersten Tag spürte ich Bills Askese, seinen fast brutalen Wunsch nach Reinheit und seine Kompromisslosigkeit. Das Gefühl rührte sowohl von dem her, was er sagte, als auch von seiner physischen Präsenz. Er war ruhig, sprach leise, war etwas verhalten in seinen Bewegungen, und dennoch entströmte ihm eine raumgreifende Intensität. Anders als andere große Persönlichkeiten war Bill nicht laut, arrogant oder ungewöhnlich charmant. Dennoch fühlte ich mich, als ich neben ihm stand und mir die Bilder ansah, wie ein Zwerg, der gerade einem Riesen vorgestellt worden ist. Dieses Gefühl machte meine Kommentare scharfsinniger und gedankenreicher. Ich kämpfte um Raum.

Er zeigte mir an jenem Nachmittag sechs Bilder. Drei waren fertig. Die drei anderen hatte er gerade angefangen – skizzenhafte Linien und große Farbfelder. Mein Gemälde gehörte auch zu dieser Serie, lauter Porträts der dunkelhaarigen Frau; doch von einer Arbeit zur anderen änderte sich ihr Leibesumfang. Auf der ersten Leinwand war sie dick, ein Berg blassen Fleisches in engen Nylonshorts und einem T-Shirt – ein Bild von so gewaltiger Verfressenheit und Selbstaufgabe, dass ihr Körper wie in den Rahmen gequetscht schien. Mit ihrer fetten Faust umklammerte sie eine Babyrassel. Der längliche Schatten eines Mannes fiel über ihre rechte Brust und ihren riesigen Bauch und schrumpfte auf ihren Hüften zu einer bloßen Linie. Auf der zweiten war die Frau viel dünner. Sie lag in Unterwäsche auf einer Matratze und sah mit einem Ausdruck, der zugleich

«Das erinnert mich an Jan Steens Gemälde der Frau bei der Morgentoilette, die ihren Strumpf auszieht», sagte ich. «Das kleine Bild, das im Rijksmuseum hängt.»

Bill lächelte mich zum ersten Mal an. «Ich habe das Bild mit dreiundzwanzig in Amsterdam gesehen, und es brachte mich dazu, über Haut nachzudenken. Ich interessiere mich eigentlich nicht für Akte. Sie sind zu gewollt, aber für Haut interessiere ich mich wirklich.»

Wir sprachen eine Weile über Haut in der Malerei. Ich erwähnte die schönen roten Wundmale auf der Hand von Zurbaráns heiligem Franziskus. Bill sprach über die Hautfarbe von Grünewalds totem Christus und die rosa Haut von Bouchers Nackten, die er als «Softpornodämchen» bezeichnete. Wir diskutierten die wechselnden Konventionen in der Darstellung von Kreuzigungen, Pietàs und Grablegungen. Ich sagte, Pontormos Manierismus habe mich immer interessiert, und Bill erwähnte Robert Crumb. «Mir gefällt seine Grobheit», sagte er. «Die mutige Hässlichkeit seines Werkes.» Ich fragte ihn nach George Grosz, und Bill nickte.

«Ein Verwandter. Die beiden sind ganz bestimmt künstlerisch verwandt. Haben Sie mal Crumbs Serie ‹Tales from the Land of Genitalia› gesehen? Penisse, die in Stiefeln herumlaufen?»

«Wie in ‹Die Nase› von Gogol», sagte ich.

«Sieht aus wie das Schaubild einer Maschine», sagte ich.

«Ja», sagte er. «So habe ich es noch nie betrachtet.» Er blickte auf das Bild. «Es ist ein gemeines Bild. Alles ist am richtigen Platz, aber es ist eine garstige Karikatur. Der Künstler hielt es natürlich für Wissenschaft.»

«Ich glaube, nichts ist jemals einfach nur Wissenschaft», sagte ich.

Er nickte. «Das ist das Problem mit dem Sehen von Dingen. Nichts ist klar. Gefühle, Ideen formen das, was man vor sich hat. Cézanne wollte die Welt nackt, aber die Welt ist nie nackt. Ich möchte in meinen Arbeiten Zweifel wecken.» Er hielt inne und lächelte mich an. «Deren sind wir uns nämlich sicher.»

«Haben Sie Ihre Frauengestalt deshalb mal dick, mal dünn oder mittel gemalt?», sagte ich.

«Ehrlich gesagt, war es eher ein Bedürfnis als etwas Reflektiertes.»

«Und die Stilmischung?», sagte ich.

Bill ging zum Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Er inhalierte und ließ die Asche auf den Boden fallen. Er musterte mich. Seine großen Augen waren so durchdringend, dass ich wegschauen wollte, doch ich tat es nicht. «Ich bin einunddreißig Jahre alt, und Sie sind der erste Mensch, meine Mutter nicht

«De Kooning hatte auch erst mit vierzig seine erste Einzelausstellung», sagte ich.

«Sie missverstehen mich», sagte er langsam. «Ich verlange nicht, dass sich irgendwer dafür interessiert. Warum auch? Ich frage mich, warum Sie sich dafür interessieren.»

Ich erklärte es ihm. Wir setzten uns auf den Boden, die Bilder standen vor uns, und ich sagte, mir gefalle seine Zweideutigkeit, mir gefalle, nicht zu wissen, wohin ich auf seinen Gemälden schauen solle, und vieles in der modernen figurativen Malerei langweile mich, seine Bilder jedoch nicht. Wir sprachen über de Kooning, vor allem über ein kleines Werk, das Bill anregend fand, «Selbstporträt mit imaginärem Bruder». Wir sprachen über das Befremdliche bei Hopper und über Duchamp. Bill nannte ihn «das Messer, das die Kunst in Stücke schnitt». Ich dachte, er meine das abfällig, doch er fügte hinzu: «Er war ein großer Schwindler. Ich verehre ihn.»

Als ich auf die zarten Stoppeln vom Rasieren hinwies, die er auf die Beine der dünnen Frau gemalt hatte, sagte er, seine Augen würden, wenn er mit einem anderen Menschen zu tun habe, oft von einem Detail angezogen – einem abgebrochenen Zahn, einem Pflaster auf einem Finger, einer Vene, einer Schnittwunde, einem Ausschlag, einem Muttermal –, und dieses einzelne Merkmal beherrsche dann einen Augenblick sein ganzes Sehen. Diese Sekunden wolle er in seinem Werk wiedergeben. «Sehen ist fließend», sagte er. Ich sprach ihn auf die verborgenen Erzählungen in seiner Arbeit an, und er sagte, für ihn seien Geschichten wie durch einen Körper fließendes Blut – Pfade eines Lebens. Das war eine aufschlussreiche Metapher, und ich vergaß sie nie. Als Künstler war Bill hinter dem Nichtsichtbaren im Sichtbaren her. Das Paradoxe daran war, dass er sich entschieden hatte, diese unsichtbare Bewegung in

Bill erzählte mir, er sei in der Vorstadt aufgewachsen, in New Jersey, wo sein Vater mit großem Erfolg einen Handel mit Pappkartons aufgebaut habe. Seine Mutter leistete ehrenamtliche Arbeit bei jüdischen Wohlfahrtsvereinen, war Betreuerin für die jüngsten Pfadfinder und hatte am Ende eine Konzession als Immobilienmaklerin bekommen. Seine Eltern hatten nicht studiert, und es gab wenig Bücher im Haus. Ich stellte mir den grünen Rasen und die ruhigen Häuser von South Orange vor – Fahrräder in Einfahrten, die Straßenschilder, die Doppelgaragen. «Ich konnte gut zeichnen», sagte er, «aber Baseball war mir lange wichtiger als Kunst.»

Ich erzählte ihm, dass ich im Sport an der Fieldston School gelitten hatte. Dünn und kurzsichtig, wie ich war, hatte ich im Außenfeld gestanden und gehofft, niemand würde mir den Ball zuschlagen. «Jede Sportart, zu der man ein Gerät brauchte, war für mich tabu. Ich konnte laufen und schwimmen, aber sobald man mir etwas in die Hand gab, ließ ich es fallen.»

Während der Zeit an der High School begann Bill ins Metropolitan Museum, ins Museum of Modern Art, in die Frick Collection und in Galerien zu pilgern und, wie er sich ausdrückte, «auf der Straße herumzulungern». «Ich liebte Straßen genauso wie Museen und lief stundenlang in der Stadt herum und atmete den Müllgeruch ein.» Als er in der dritten Klasse der High School war, ließen sich seine Eltern scheiden. Im selben Jahr verließ er das Jogging-, das Basketball- und das Baseballteam. «Ich hörte mit dem Muskeltraining auf», sagte er. «Ich wurde dünn.» Bill studierte in Yale, belegte Malerei, Kunstgeschichte und Literatur. Dort lernte er Lucille Alcott kennen, deren Vater Jura-Professor war. «Wir haben vor drei Jahren geheiratet», sagte er. Ich merkte, dass ich mich nach Spuren einer weiblichen Gegenwart umsah, doch ich entdeckte keine. «Arbeitet sie?», fragte ich.

Ein mitfühlender Arzt bewahrte Bill vor Vietnam. In seiner Kindheit und Jugend hatte er schwere Allergien gehabt. Sein Gesicht schwoll an, und er musste so stark niesen, dass er Nackenschmerzen bekam. Ehe er sich beim Musterungsausschuss in Newark meldete, fügte der Arzt zu dem Wort «Allergien» die Worte «mit einer Neigung zu Asthma» hinzu. Einige Jahre später hätte eine bloße Neigung Bill wohl nicht mehr untauglich gemacht, doch das war 1966, und die geballte Wucht des Widerstands gegen den Vietnamkrieg lag noch in der Zukunft. Nach dem Studium arbeitete er ein Jahr als Barkeeper in New Jersey. Er wohnte bei seiner Mutter, sparte seinen ganzen Lohn und reiste für zwei Jahre nach Europa. Er verbrachte sie in Rom, Amsterdam und Paris. Um sich über Wasser zu halten, nahm er alle möglichen Jobs an. Er arbeitete am Empfang der Redaktion einer englischen Zeitschrift in Amsterdam, als Führer in den römischen Katakomben und in Paris bei einem alten Mann als Vorleser englischer Romane. «Beim Vorlesen musste ich auf dem Sofa liegen. Das war ihm sehr wichtig. Ich musste die Schuhe ausziehen. Er wollte unbedingt meine Socken genau sehen können. Ich verdiente gutes Geld, deshalb spielte ich eine Woche lang mit. Dann kündigte ich. Ich nahm meine dreihundert Francs und ging. Mehr als dieses Geld besaß ich nicht. Ich kam unten auf der Straße an. Es war gegen elf Uhr abends, und da stand so ein abgezehrter Alter mit ausgestreckter Hand auf dem Bürgersteig. Ich schenkte ihm das Geld.»

«Warum?», fragte ich.

Bill wandte sich mir zu. «Ich weiß nicht. Mir war einfach danach. Es war dumm, aber ich habe es nie bereut. Danach fühlte ich mich frei. Ich habe zwei Tage lang nichts gegessen.»

«Ein Bravourakt», sagte ich.

«Wo war Lucille?»

«Sie lebte in New Haven bei ihren Eltern. Es ging ihr damals nicht so gut. Wir schrieben uns.»

Ich fragte nicht nach Lucilles Krankheit. Bei deren Erwähnung hatte er weggeschaut, und ich sah, dass sich seine Augen schmerzlich verengten.

Ich wechselte das Thema. «Warum haben Sie das Bild, das ich gekauft habe, Selbstporträt genannt?»

«Das hier sind alles Selbstporträts», sagte er. «Während der Arbeit mit Violet wurde mir klar, dass ich ein Terrain in mir selbst vermaß, das ich vorher nicht gesehen hatte, oder vielleicht ein Terrain zwischen ihr und mir. Der Titel fiel mir einfach so ein, und ich benutzte ihn. Selbstporträt klang richtig.»

«Wer ist Violet? », sagte ich.

«Violet Blom. Sie promoviert an der N.Y. U. Sie hat mir diese Zeichnung geschenkt, die ich Ihnen gezeigt habe – die aussieht wie eine Maschine.»

«Was studiert sie?»

«Geschichte. Sie schreibt über Hysterie in Frankreich um die Jahrhundertwende.» Bill zündete sich noch eine Zigarette an und blickte zur Decke. «Sie ist ein sehr kluges Mädchen – ungewöhnlich.» Er blies den Rauch nach oben, und ich beobachtete, wie sich die dünnen Ringe im Licht am Fenster mit Staubpartikeln füllten.

«Die meisten Männer würden sich, glaube ich, nicht als Frau porträtieren. Sie haben sich Violet ausgeborgt, um sich selbst zu zeigen. Wie findet sie das?»

Er lachte kurz auf und sagte dann: «Es gefällt ihr. Sie sagt, es sei subversiv, vor allem weil ich Frauen liebe und nicht Männer.»

«Und der Schatten?», sagte ich.

«Das ist meiner.»

«Schade», sagte ich. «Ich dachte, es wäre meiner.»

Bill warf mir einen Blick zu. «Es kann auch Ihrer sein.» Er

«Sie schwebte beim Tanzen», sagte Bill eine Woche später bei einer Tasse Kaffee zu mir. «Sie schien nicht zu wissen, wie hübsch sie war. Ich bin ihr jahrelang nachgelaufen. Mal waren wir zusammen, mal getrennt. Irgendwas zog mich immer wieder zu ihr hin.» In den folgenden Wochen erwähnte Bill nie wieder Lucilles Krankheit, doch wegen der Art, wie er über seine Frau sprach, hielt ich sie für zerbrechlich, für eine Frau, die Schutz vor etwas brauchte, worüber er nicht sprechen wollte.

Als ich Lucille Alcott zum ersten Mal sah, stand sie in der Tür des Lofts in der Bowery, und sie erinnerte mich an eine Frau in einem flämischen Gemälde. Sie hatte blasse Haut, hinten zusammengebundenes hellbraunes Haar und große, fast wimpernlose blaue Augen. Erica und ich waren zum Abendessen in die Bowery eingeladen. Es regnete an jenem Novemberabend, und beim Essen hörten wir den Regen über uns aufs Dach trommeln. Jemand hatte wegen unseres Besuchs Staub, Asche und Kippen weggefegt, und jemand hatte ein großes weißes Tuch auf Bills Arbeitstisch gelegt und acht Kerzen darauf gestellt. Lucille rechnete es sich als Verdienst an, das Essen gekocht zu haben, einen geschmacklosen braunen Mischmasch unkenntlicher Gemüsesorten. Als Erica sich höflich nach dem Namen des Gerichts erkundigte, blickte Lucille auf ihren Teller und sagte in perfektem Französisch: «Flageolets aux légumes.» Sie

«Ihre Verben sind toll», sagte Bill und goss Erica Wein nach.

Lucille sah ihren Mann an und lächelte etwas steif. Ich verstand das Unbehagen in ihrem Lächeln nicht, denn Bills Bemerkung war ohne Ironie gesprochen. Er hatte mir schon mehrmals gesagt, wie sehr er ihre Gedichte bewunderte, und hatte versprochen, mir Kopien davon zu geben.

Hinter Lucille sah ich das fettleibige Bildnis von Violet Blom und überlegte, ob sich Bills Gelüste nach Fleisch auf diesen gewaltigen Frauenkörper übertragen hatten, aber meine Theorie erwies sich später als falsch. Wenn wir zusammen Mittag aßen, sah ich Bill oft glücklich Corned-Beef-Sandwiches, Hamburger und Bagels mit Schinken verschlingen.

«Ich stelle mir Regeln auf», sagte Lucille über ihre Gedichte. «Nicht die üblichen metrischen Regeln, sondern eine Struktur, die ich erst aussuche und dann zergliedere. Zahlen sind nützlich dabei. Sie sind klar, unwiderlegbar. Einige Zeilen sind nummeriert.» Alles, was Lucille sagte, war von der gleichen unbeugsamen Direktheit. Sie schien keinerlei Zugeständnisse an artige Konversation oder Small Talk zu machen. Zugleich hörte ich aus nahezu jeder ihrer Bemerkungen einen humorigen Unterton heraus. Sie redete so, als beobachtete sie ihre eigenen Sätze, als sähe sie sich von weitem an und beurteilte ihren Klang und ihre Formen, schon während sie aus ihrem Mund kamen. Jedes

Ich glaube nicht, dass Erica Lucilles Bemerkung über Regeln mitbekam. Sie sprach mit Bill über Romane. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Bill sie hörte, doch sie kamen nun ihrerseits auf Regeln zu sprechen. Erica beugte sich zu Bill und grinste: «Du findest also auch, dass der Roman ein Sack ist, in dem alles Mögliche stecken kann?»

«Tristram Shandy, viertes Kapitel, über Horaz’ ab ovo», sagte Bill und deutete mit dem Zeigefinger zur Decke hinauf. Er zitierte, als vernähme er zu seiner Rechten eine unhörbare Stimme: «‹Horaz, ich weiß es wohl, empfiehlt diese Methode nicht so eigentlich. Doch der gute Herr spricht auch nur von einem Heldengedicht oder einem Trauerspiel (von welchem, habe ich vergessen) – überdies, wenn es nicht so wäre, bäte ich Herrn Horaz um Verzeihung –, und bei meiner vorliegenden Schrift werde ich mich so wenig an seine Regeln kehren wie an die Regeln irgendeines anderen Menschen, der jemals gelebt hat.›» Bei den letzten Worten schwoll Bills Stimme an, und Erica warf den Kopf zurück und lachte. Als sich herausstellte, dass Bill Romane in rauen Mengen verschlang, kamen sie von Henry James über Beckett auf Céline. Das war der Beginn einer Freundschaft zwischen ihnen, die mit mir wenig zu tun hatte. Als das Dessert aufgetragen wurde – ein schlaff aussehender Obstsalat –, lud Erica ihn gerade ein, an der Rutgers University vor ihren Studenten zu sprechen. Zuerst zögerte Bill, dann willigte er ein.

Erica war zu höflich, um Lucille, die neben ihr saß, links liegen zu lassen. Nachdem sie Bill gebeten hatte, in eines ihrer Seminare zu kommen, konzentrierte sie sich ganz auf Lucille. Meine Frau nickte, wenn sie Lucille zuhörte, und wenn sie redete, war ihr Gesicht eine Landkarte wechselnder Emotionen und

«Du warst erst elf», sagte Erica.

«Nein, es lag nicht an meinem Alter. Ich bin immer noch vergesslich.»

«Vergessen ist wahrscheinlich ebenso ein Teil des Lebens wie Erinnern», sagte ich. «Wir leiden alle unter Amnesie.»

«Aber wenn wir vergessen haben», sagte Lucille und wandte sich mir zu, «erinnern wir uns nicht immer daran, dass wir vergessen haben; das heißt, sich daran zu erinnern, dass wir vergessen haben, ist eigentlich nicht Vergessen, oder?»

Ich lächelte sie an und sagte: «Ich freue mich darauf, deine Arbeiten zu lesen. Bill spricht mit großer Bewunderung davon.»

Bill hob sein Glas. «Auf unsere Arbeit», sagte er laut. «Auf das Schreiben und das Malen.» Er hatte sich gehen lassen, und ich merkte, dass er ein bisschen betrunken war. Bei dem Wort Malen schnappte seine Stimme über. Ich fand seine gehobene Stimmung einnehmend, doch als ich mich mit zum Toast erhobenem Glas Lucille zuwandte, lächelte sie zum zweiten Mal so angespannt und gezwungen. Es war schwer zu sagen, ob dieser Ausdruck mit ihrem Mann zusammenhing oder nur auf ihre eigene Gehemmtheit zurückzuführen war.

Ehe wir gingen, gab Lucille mir zwei schmale Zeitschriften,

Es regnete noch immer, als wir auf die Straße traten.

Nachdem ich unseren Regenschirm aufgespannt hatte, sagte Erica: «Hast du bemerkt, dass sie diese Slipper anhatte?»

«Was meinst du damit?», sagte ich.

«Lucille trug die Schuhe oder vielmehr den Schuh von unserem Bild. Sie ist die Frau, die fortgeht.»

Ich sah Erica an und ließ ihre Feststellung auf mich wirken. «Ich glaube, ich habe gar nicht auf ihre Füße geachtet.»

«Das überrascht mich aber. Alles andere an ihr hast du dir doch ziemlich genau angeschaut.» Erica grinste und ich merkte, dass sie mich neckte. «Findest du das mit dem Schuh nicht viel sagend, Leo? Und dann war da diese andere Frau. Immer wenn ich aufblickte, sah ich sie – dieses magere Mädchen, das auf seinen Slip hinunterschaut, ein bisschen gierig und erregt. Sie wirkte so lebendig. So, als hätten sie auf dem Tisch ein Gedeck für sie auflegen sollen.»

Mit meiner freien Hand zog ich Erica an mich, hielt den Schirm über uns und küsste sie. Danach legte sie den Arm um meine Taille, und wir gingen Richtung Canal Street. «Ich bin ja mal gespannt, wie ihre Gedichte sind.»

Alle drei von Lucilles veröffentlichten Gedichten waren ähnlich – Werke von obsessiver analytischer Selbsterforschung, irgendwo zwischen lustig und traurig schwebend. Ich erinnere mich nur an zwei Zeilen, weil sie ungewöhnlich ergreifend waren und ich sie mir vorsagte: «Eine Frau sitzt am Fenster. Sie denkt / Und während sie denkt, verzweifelt sie / Sie verzweifelt, weil sie ist, wer sie ist / Und niemand anders.»

Obwohl meine Augen entscheidend für meine Arbeit waren, ist schlechtes Sehen noch immer besser als Senilität. Ich sehe

Seit einiger Zeit muss ich gegen Ängste ankämpfen, wenn ich allein im Bett liege und einzuschlafen versuche. Mein Geist ist eher gewachsen, doch mein Körper fühlt sich kleiner an als früher, so als würde ich stetig schrumpfen. Mein phantasiertes Kleinerwerden hängt vermutlich damit zusammen, dass ich älter und verwundbarer werde. Der Lebenskreis beginnt sich zu schließen, und ich denke häufiger an meine frühe Kindheit – an das, woran ich mich aus der Mommsenstraße 11 in Berlin noch erinnere. Nicht, dass mir noch alle Teile unserer Wohnung präsent wären, doch ich kann im Geiste die zwei Treppenfluchten hinaufgehen, vorbei an der geschliffenen Flurglasscheibe, zu unserer Wohnungstür. Drinnen weiß ich dann, dass die Praxis meines Vaters links liegt und die Repräsentationszimmer geradeaus. Obwohl ich nur wenige Details der Einrichtung

Ciceros Redner geht durch weiträumige, hell beleuchtete Zimmer, an die er sich erinnert, und legt Wörter auf Tische und Stühle, wo sie leicht wieder zu finden sind. Zweifellos habe ich der Architektur meiner ersten fünf Lebensjahre ein Vokabular zugeordnet – ein durch das Denken eines Mannes vermitteltes Vokabular, der von dem Schrecklichen weiß, das kommen sollte, nachdem der kleine Junge die Wohnung verlassen hatte. In unserem letzten Jahr in Berlin ließ meine Mutter im Vestibül Licht brennen, um mich vor dem Einschlafen zu beruhigen. Ich hatte Albträume und wachte oft von einer würgenden Angst und meinen eigenen Schreien auf. «Nervös» war das Wort, das mein Vater benutzte: «Das Kind ist nervös.» Meine Eltern sprachen nicht mit mir über die Nazis, nur über unsere Umzugsvorbereitungen, und es ist schwer zu sagen, in welchem Maße meine kindlichen Ängste mit der Angst zusammenhingen, die