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Fußnoten

Joan Didion, »Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben«, übersetzt von Antje Rávic Strubel, List, 2009.

Janet Malcolm
The Journalist and the Murderer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die zurückliegenden fünf Jahre hatte ich kein Verlangen verspürt, einen Roman zu schreiben, und hatte mir eingeredet, dass ich mich nicht von einer Form einengen lassen wolle, die mich nicht mehr interessierte. (Und doch war ich gewillt, mich auf die Konventionen des hundertseitigen Drehbuchs einzulassen, das nie verfilmt, und auf den Pilotfilm in fünf Akten, der nie gedreht würde.) Ich hatte das alles nachdrücklich in Interviews aus dieser Zeit bekräftigt, während der weltweiten Lesereise für jenen letzten Roman, bei Presseterminen in Spanien, in Kopenhagen, in Melbourne. Doch draußen in der Wüste verflog das Gefühl, und zwischen den Notizen, den Anrufen und der von Xanax und Tequila gedämpften Angst, während die Berge rund um das Haus sich unter dem nachmittäglichen Winterhimmel verdunkelten, nahm der erste Absatz eines Romans Gestalt an. Alles fing an mit einem Bild vom elfenbeinweißen Schild der Fliesenfirma Emser Tiles, das auf einem Hausdach an der Kreuzung Santa Monica

Ich habe nie einen Roman erzwungen, was für meine Agentin, meinen Verlag und meine Leser womöglich Teil des Gesamtproblems mit mir als Autor oder als Marke ist, weil ich nämlich tatsächlich fünf oder sieben oder acht Jahre zwischen zwei Büchern habe verstreichen lassen, obwohl doch die meisten Leute von einem bekannten Romanautor erwarten, dass er pünktlich wie ein Uhrwerk jedes zweite Jahr einen neuen Roman auswirft. Das hatte jedenfalls mein Verlag in den 1980ern von mir erwartet, nachdem mein erster Roman erfolgreich war, und ich weiß noch, wie sehr mich diese Mitteilung schockierte. Letztlich habe ich nie so gearbeitet, aber das hieß trotzdem nie, dass ich nicht schreibe. Sondern nur, dass ich auf eine Art schreibe, die für mich am besten funktioniert. Ich habe beim Schreiben nie an jemand anderen gedacht – war mir nie einer Leserschaft bewusst, die außerhalb meiner Wohnung auf mich wartete, und es hat mich nie besonders interessiert, was meine Agentin oder mein Lektor oder mein Verlag von mir wollte. Ich sorgte dafür, dass die Abgabetermine (wenn es überhaupt welche gab) beim Verlag flexibel gehandhabt wurden (und das wurden sie), und im Gegenzug erklärte ich mich

Aber inzwischen beschäftigen Romane die Öffentlichkeit, das Publikum, nicht mehr so. Ich hatte den allgemeinen Mangel an Begeisterung für die großen amerikanischen Romane schon in dem Herbst wehmütig zur Kenntnis genommen, bevor ich die Freundin in Palm Springs besuchte, aber zugleich erkannt, dass dies kein Grund zur Sorge war, sondern schlicht ein Fakt: Ebenso hat die Idee vom großen amerikanischen Hollywoodfilm oder der großen amerikanischen Band kleineren, engeren Vorstellungen Platz gemacht. Durch den Überfluss an Sinnesreizen und die angebliche Wahlfreiheit, die uns von der Technologie zur Verfügung gestellt werden, und kurz gesagt die Demokratisierung der Künste ist alles herabgestuft worden. Ich verspürte das Bedürfnis, diesen Wandel nachzuvollziehen – mich aus der analogen Welt, in der ich früher geschrieben und Romane veröffentlicht hatte, in die digitale Welt vorzuarbeiten, in der wir heute leben (durch Podcasts, das Schreiben einer Web-Serie, das Einlassen auf soziale Medien), obwohl ich nie an irgendeine Beziehung zwischen beiden glaubte. Nach dieser Woche in der Wüste

 

 

 

 

 

Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater oft lange Zeit gar nicht sah, abgesehen von einem gelegentlichen Frühstück unter der Woche oder Abendessen am Sonntag, weil er montags bis freitags immer schon zu seiner Arbeit in einer Immobilienfirma in der Innenstadt aufgebrochen war, ehe meine Schwestern und ich aufwachten, und erst wieder zu Hause in Sherman Oaks ankam, wenn wir schon zu Abend gegessen hatten und vor den Fernsehern in unseren Zimmern überlegten, ob wir Hausaufgaben machen sollten. Mit fünf und sechs und sieben Jahren gingen wir allein zur Grundschule (heutzutage werden Eltern verhaftet, wenn sie das zulassen), wir spielten sehr körperliche Spiele mit Krieg und Monstern und Spionen in den Straßen des Viertels und bis hinauf in die Canyons, welche die Hügel von Sherman Oaks und Studio City und Encino durchschnitten. Wir gingen auch allein von der Schule zurück, holten uns in einer leeren Küche etwas zu essen und fuhren dann mit dem Rad ein paar Straßen weiter zum Haus eines Freundes, wo anscheinend auch nur Kinder lebten. Wenn wir zufällig mal jemandes Mutter erblickten oder sogar begrüßten, so dauerte jedes Gespräch nur kurz, und wir wollten immer schnell wieder weg, um allein zu sein, um eigenständig die Welt zu erforschen, fern von unseren praktisch nicht existenten Eltern.

Ich war ein Kind der 70er, das mit sieben Jahren Thomas

Unsere Eltern waren sehr nachsichtig, was den Konsum von Unterhaltung anging. Nicht jugendfreie Filme durften wir

Zu dieser Zeit entschieden die Eltern, welche Filme angeschaut wurden, und die Kinder gingen einfach mit. 1975 sah ich am Ostersamstag in Palm Springs Hal Ashbys Shampoo

Diese Laissez-faire-Haltung wäre für die meisten heutigen Eltern inakzeptabel, aber im Sommer 1976 war es nicht ungewöhnlich, sich mehrmals hintereinander in einem großen Kino auf einer riesigen Leinwand Das Omen anzuschauen (hineingeschmuggelt von den älteren Geschwistern verschiedener Freunde, da man wegen der Altersbeschränkung nur in Begleitung Erwachsener hineindurfte, und begeistert von der Zeitlupenenthauptung David Warners) oder

In diesen Jahren verbrachte ich unmäßig viel Zeit damit, im dunklen Kinosaal auf eine Leinwand zu starren, die so oft bluttriefenden, realistischen und intimen Tod zeigte. Man vergleiche das mit den blutarmen Massakern heutiger Marvel-Filme – was damals unter elterlicher Aufsicht erlaubt war, wäre heute mit Sicherheit nicht mehr jugendfrei. Ich erinnere mich, in einem einzigen Jahr Mitte der 70er Folgendes angesehen zu haben: George Segal erstach Jill Clayburgh in Der Killer im Kopf, der Verfilmung eines Romans von Michael Crichton, die mich ein paar Kinobesuche lang im Bann hielt, heute jedoch unerträglich wirkt; Yul Brynner bringt in Westworld Richard Benjamin und James Brolin zur Strecke, und bei den Schießereien spritzte reichlich das knallrote Blut, das Mitte dieses Jahrzehnts eimerweise über die Leinwände floss; das Blut, das in Wenn die Gondeln Trauer tragen aus Donald Sutherlands aufgeschlitzter Kehle strömt, war von der gleichen grässlichen Farbe. Pamela Franklin wurde in Tanz der Totenköpfe von den Geistern erst sexuell verhöhnt und dann getötet. Vincent Price spielte den

Ich erinnere mich deutlich an einen Dezembernachmittag im Jahr 1974, als die Weihnachtsferien schon begonnen hatten und ich zu Fuß in ein Kino nicht weit von unserm Haus ging, ins La Reina am Ventura Boulevard, wo ich wiederum eine Tagesvorführung von Brian De Palmas Phantom of the Paradise (Das Phantom im Paradies) anschaute, was mir prompt das junge Hirn wegpustete. Mit zehn Jahren war ich von diesem Film vollkommen besessen, so wie die heutige kurz vor der Jahrtausendwende geborene Generation wahrscheinlich ein anderes Musical verehrt – Frozen. Doch Phantom of the Paradise war ein Flop, den niemand je zu sehen bekam, und ich fand erst an der Universität gleichgesinnte Fans des Films. (Ich sah ihn mit zehn Jahren, weil Pauline Kael, deren Filmkritiken ich in gewissenhafter Ehrfurcht las, ihn im New Yorker begeistert besprochen

Der Horrorfilm, den ich im Sommer 1982 sah, kurz bevor ich Los Angeles mit achtzehn Jahren verließ, um zu studieren und offiziell erwachsen zu werden, war bezeichnenderweise der letzte, der mich wirklich emotional packte, damals sogar traumatisierte und noch jahrelang verstörte. Ich ging mit einigen Freunden in John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt, im Crest Theater in Westwood, nachdem ich am Abend zuvor die andere große Premiere der Woche gesehen hatte, Ridley Scotts Blade Runner im Bruin Theater, ebenfalls in Westwood. (Letztendlich gefiel uns Carpenters Film besser.) The Thing spielt in der Antarktis, in einer amerikanischen Forschungsstation, wo eine Gruppe von Forschern auf eine außerirdische Lebensform

An Thanksgiving dieses Jahres kehrte ich ein paar Tage nach Los Angeles zurück, nachdem ich erschüttert und begeistert meine ersten drei Monate als eigenverantwortlicher

 

 

 

 

 

 

American Gigolo war Paul Schraders dritter Film als junger Regisseur, und alles, was er bei den ersten beiden Filmen gelernt hatte, zahlt sich hier aus: die gleitenden Kamerafahrten, die atemberaubenden Szenenbilder, die dramatische Ausleuchtung – all das kreiert sein gnadenloses Bild von Los

 

Und doch spielten Geres Leere und die gestalterische Strenge des Films zusammen, das Publikum konnte im Frühjahr 1980 etwas damit anfangen und machte ihn zum Star. Das Model Lauren Hutton spielt Michelle, die unglückliche Frau eines kalifornischen Senators, und auch sie sieht ziemlich hinreißend aus, doch der Film liebt seinen

1980 begann ich das Projekt Less Than Zero (Unter Null), das 1985 in der Veröffentlichung meines ersten Romans gipfelte, und auch wenn viele meiner Anregungen von Joan Didion und dem Genre des LA Noir kamen sowie von Bands wie den Doors und X und den Eagles, war mir doch American Gigolo so sehr Vorlage, dass ich den jugendlichen Callboy ebenfalls Julian nannte. Mit fünfzehn sprach mich die moralische Mehrdeutigkeit nicht nur des Themas und der Hauptfigur selbst an, sondern auch des Filmemachens: Ich konnte mich nicht entscheiden, was der Film mir verkaufen wollte – und das gefiel mir. Blondies elektrisierendes »Call Me« explodierte wie eine Hymne über dem Vorspann, obwohl der Film doch grundsätzlich düster und pessimistisch war und Richard Geres

Julian Kay ist Schauspieler – und Richard Geres Performance ist die Performance einer Performance. American Gigolo erzählt von einem Darsteller, der authentisch werden und von der Bühne abtreten muss, um seine Haut zu retten. Dieser typische Handlungsbogen – der Verlust der Unschuld – findet sich natürlich in den meisten amerikanischen Filmen, allerdings ist er hier

In dieser Karrierephase stand Gere für eine düstere männliche Sinnlichkeit, typisch für die 1970er, und war in der pessimistischen oder gar nihilistischen Welt von Auf der Suche nach Mr. Goodbar – auch eine der archetypischen Erzählungen dieser Dekade – hervorragend besetzt. Die Ermordung der Lehrerin Theresa Dunn durch einen zufälligen Sexpartner in der Großstadtwüste Manhattans Mitte der 70er war

Der einzige Streifen, in dem er 1979 zu sehen war, hieß Gestern waren wir noch Fremde, ein Ensemblefilm von John Schlesinger über GIs, die 1943 im Zweiten Weltkrieg in Nordengland stationiert werden. Zum ersten Mal spielte Gere hier unter einem schwulen Regisseur, und der Unterschied zu den beiden vorherigen Filmen (einer unter Regie von Terrence Malick, der andere von Robert Mulligan) war selbst für mich als Fünfzehnjährigen zu erkennen. Alles war anders, weil die Kamera Gere jetzt als Star betrachtete, seine traurigen Mandelaugen, die sinnlich vollen Lippen, die glamourös eingefallenen Wangen, der glatte Körper eines früheren Turners, den wir in einer der ersten Szenen nackt unter einer Kasernendusche erahnen – das Arrangement verhindert die volle Sicht auf den ganzen Körper, aber wir wissen schon, was los ist –, seine markante Nase, die noch nicht so mächtig wirkt: hier filmt ihn jemand voller Wollust. Als ich Gestern waren wir noch Fremde in dem Herbst mit fünfzehn zum ersten Mal sah, hatte ich noch nie einen schöneren Mann im Film erblickt; doch zugleich wirkte er ausdruckslos und verloren, was seine Schönheit wahrscheinlich noch verstärkte. Geres Makel in historischen

Gestern waren wir noch Fremde ist ein ziemlich patiniertes und steifes Stück traditioneller Studioware, und die amerikanischen Schauspieler sind alle schlecht besetzt: Chick Vennera als Geres bester Freund nutzt jede Gelegenheit, hoffnungslos zu übertreiben, und wer kam bitte auf die glorreiche Idee, William Devane als romantischen Hauptdarsteller einzusetzen, noch dazu gegenüber der leuchtenden Vanessa Redgrave? Das ging total in die Hose, aber Gere hatte American Gigolo schon abgedreht, als Gestern waren wir noch Fremde floppte. Das war der zweite Film, in dem er Travolta ersetzte (der erste war Tage des Himmels gewesen), und obwohl Paramount nach Travoltas Absage eigentlich Christopher Reeve verpflichten wollte, beharrte Paul Schrader auf Gere und überzeugte schließlich Studioboss Barry Diller, ihn zu besetzen. (Julie Christie stieg ebenfalls