ZUM BUCH
Kathrin Hartmann öffnet den Blick auf die sozialen und ökologischen Aspekten unseres Lebens mit den Vierbeinern. Sie verknüpft die Darstellung ihrer persönlichen Beziehung zu ihrem eigenen Hund mit einer intensiven Recherche zum Thema Mensch/Hund und räumt mit zahlreichen Mythen auf, die unser Zusammenleben mit den Vierbeinern seit langer Zeit belasten. Aus ihren eigenen Erlebnissen mit den Straßenhunden Südosteuropas, ihren Besuchen in Tierheimen und auf Rassehundeshows, aus Gesprächen mit Verhaltensforschern, Trainerinnen, Tierschützerinnen und Tierärzten und aus der Auswertung wissenschaftlicher Studien entstand ein in dieser Art einzigartiges, ebenso persönliches wie informatives und streitbares Buch: Es zeigt, dass vegetarische Hundeernährung sehr wohl möglich ist, und geht Missständen wie den Defektzuchten, dem Welpenhandel und der drohenden Kaperung der Tiermedizin durch Konzerne auf den Grund.
ZUM AUTOR
Kathrin Hartmann, geboren 1972 in Ulm, studierte in Frankfurt/Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. als Redakteurin arbeitete sie bei der »Frankfurter Rundschau« und bei »Neon«. 2009 erschien bei Blessing »Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt.«, 2012 erregte ihr Buch über die neue Armut – »Wir müssen leider draußen bleiben« – großes Aufsehen. Kathrin Hartmann lebt und arbeitet in München. »Die grüne Lüge« (2018) wurde sowohl als Film (zusammen mit Regisseur Werner Boote) wie auch als Buchveröffentlichung ein großer Erfolg. Kathrin Hartmann lebt und arbeitet in München. Sie schreibt regelmäßig für den »Freitag« und die »Frankfurter Rundschau« und »Dogs«.
KATHRIN
HARTMANN
MEIN
GRÜNER
HUND
Plädoyer für
ein faires Leben
mit unseren
Vierbeinern
BLESSING
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Copyright © 2022 by Kathrin Hartmann und
Karl Blessing Verlag, München
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München
Layout und Herstellung: Ursula Maenner
Fotos: Oliver Nagel
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-28989-8
V001
www.blessing-verlag.de
Für Toni.
Und für all seine Brüder und Schwestern dieser Welt,
die ein gutes Leben so sehr verdient haben.
Inhalt
VORWORT
Auf den Hund gekommen
I. THE WURST IS OVER
Von Karnismus, Speziesismus und fleischlosen Näpfen
II. WHERE THE DOGS HAVE NO NAME
Eine Reise zu den Straßenhunden in Südosteuropa
III. SCHÖNHEIT MUSS LEIDEN
Von Qualzuchten, Rassenwahn und Haustierkonsum
IV. KOMM, SÜSSER TOD
Der illegale Welpenhandel und seine Folgen
V. DAS MÄRCHEN VOM BÖSEN WOLF
Wie das falsche Bild ihrer Vorfahren unser Verhältnis zu unseren Hunden beeinflusst
VI. DIE GESCHÄFTCHENFÜHRER
Warum autoritäre Hundeerziehung ein Irrweg ist
Schlusswort
Citizen Canis oder Wie wir mit unseren Hunden eine Welt gewinnen können
Danke!
Anmerkungen
»Inside all of us is hope, fear and adventure. Inside all of us is a wild thing.«
Maurice Sendak, »Where The Wild Things Are«
VORWORT
Auf den Hund gekommen
Mein Lebenstraum liegt unter meinem Schreibtisch und schnarcht. Sein warmer Kopf ruht auf meinem rechten Fuß, gegen den linken pocht das kleine Herz unter schwarzem Fell. Meine Wangen kribbeln von der Novemberkälte draußen, noch immer habe ich den Geruch von Erde und Herbstlaub in der Nase. Was auch daran liegt, dass auf dem Boden meines Arbeitszimmers braune Blätter verstreut liegen. Ich muss an mein Lieblingskinderbuch denken, Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen: Da stand Max im Wolfskostüm in seinem Zimmer, in dem langsam ein Wald heranwuchs, »bis die Decke voll Laub hing und die Wände so weit wie die ganze Welt waren«. So fühle ich mich gerade, denn eben noch sind wir zwei durch die nebligen Auen die Isar entlanggerannt, über Baumstämme und Wassergräben gehüpft und durch raschelndes Laub gestoben wie unbeschwerte Kinder. Dabei bin ich 49 Jahre alt. Aber gute 40 davon habe ich gebraucht, um mir diesen Traum zu erfüllen. Einen Hund. Mit Toni sind wir jetzt ein Rudel, endlich.
Ich bin auf dem Land groß geworden, in einem kleinen bayerischen Bilderbuchdorf. Wenn man sich diesem nähert und irgendwann der Zwiebelturm der Barockkirche vor den bewaldeten Hügeln auftaucht, sieht es so aus, als wäre man am Ende der Welt angekommen. Das dachte ich als Kind, und manchmal geht mir das noch heute so. Aber natürlich hat auch dieses Dorf einen deprimierenden Niedergang erlebt, der entweder nüchtern »Strukturwandel« oder, etwas romantisierend, »Höfesterben« genannt wird. Als ich in den Siebziger- und Achtzigerjahren dort aufwuchs, staksten auf ungeteerten Wegen Hühner und Enten. Sommergrüne Weizenfelder, gepunktet von Mohn- und Kornblumen, wogten im Wind, über den Äckern kreisten Feldlerchen, auf den Wiesen standen Kühe. Im Wald neben unserem Haus hörte ich nachts die Füchse bellen – und manchmal verirrte sich ein Reh in unseren Garten und teilte sich die Salatköpfe im Gemüsebeet mit den Schnecken.
Heute rattern hausgroße Landmaschinen über Asphaltstraßen, auf den Feldern wächst Energiemais, die kleinen Höfe sind zusammen mit den Kühen verschwunden. Am Ende des Dorfs steht eine Mastanlage, die nicht erkennen lässt, welche Tiere darin ihr kurzes Leben fristen. Und auf den weiten Wiesen wachsen statt Butterblumen und Kuckucksnelken nun Neubaugebiete und Schuldenberge.
Natürlich war auch das Dorf meiner Kindheit kein Bullerbü – erst recht nicht im Umgang mit Tieren. Ich habe düstere Erinnerungen an die Grausamkeiten gegen sie: Das Glück, das neugeborene Kälbchen im Stall besuchen oder mit den Katzenbabys spielen zu dürfen, steht da gegen das Entsetzen, wenn dieses Kalb schließlich zum Schlachter geführt und die unerwünschten Katzenkinder im Bach ertränkt worden waren. Und vor den Hofhunden, die sich bedrohlich in ihre Ketten warfen und bellten, wenn ich vorbeilief, hatte ich ziemlich Angst. Heute weiß ich, dass sie vor Einsamkeit und Langeweile wohl halb wahnsinnig waren.
Zwei Situationen habe ich bis heute nicht vergessen. Beide haben viel damit zu tun, warum ich mir mein Leben lang einen Hund gewünscht habe – und doch so lange zögerte, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Einmal sah ich aus dem Schulbusfenster, wie im Nachbardorf Männer ein Schwein aus dem Stall auf den Hof zerrten. Das Schwein sträubte sich mit aller Kraft, es schrie markerschütternd. Als ich aus der Schule zurückkam, stand in der Mitte des Hofs eine Lache Blut. Wenn man mich heute fragt, warum ich keine Tiere esse, dann habe ich sofort dieses Bild vor Augen. Tatsächlich wurde ich kurz darauf Vegetarierin. Jedenfalls probehalber. Ein anderes Mal hatte die Hündin des Bauernhofs, auf dem ich oft mit den Kindern spielte, Junge bekommen. Ich besuchte die Welpen jeden Tag und wollte unbedingt einen haben. Meine Eltern ließen sich aber nicht überreden. Schon gar nicht zu einem Hund, der womöglich so riesig werden würde wie dessen Mutter (Format Irischer Wolfshund), verständlicherweise. Eines Tages waren die Hundebabys verschwunden. Der Bauer hatte sie allesamt totgeschlagen, wahrscheinlich mit dem Kopf gegen die Stallwand, sie waren ihm lästig gewesen. Ich habe tagelang geheult.
Trotz dieser Abgründe habe ich große Sehnsucht nach dem Land. Ich habe zwar mehr Zeit meines Lebens in Großstädten verbracht und genieße dieses Leben. Aber mir fehlt die Nähe zur Natur, die Nähe zu Tieren. Ich habe mir immer gewünscht, mit Tieren zu leben. Deshalb habe ich meinen Hundewunsch auch nie aufgegeben.
Warum ausgerechnet ein Hund? Weil Hunde, anders als Kaninchen, Hamster, Wellensittiche oder Meerschweinchen, die einzigen Tiere sind, die mit Menschen zusammenleben wollen. Katzen suchen zwar auch unsere Nähe, aber nicht so bedingungslos wie Hunde. Katzen kamen für mich nie infrage, schon weil ich allergisch gegen sie bin. Katzen sind aber ohnehin nicht so mein Fall. Viele ihrer Fans bewundern sie ausgerechnet für Eigenschaften, die bei Menschen niemand mag, nämlich dafür, ignorant, egozentrisch, launisch und unzuverlässig zu sein. Die FDP der Tierwelt quasi, Liberalismus pur. Und ja: Seit zwei Katzen aus der Nachbarschaft den Garten meiner Mutter privatisiert haben (»Revier«), ist dort sofort die Vielfalt verschwunden und das Gemeinwesen zum Erliegen gekommen. Die Eichhörnchen haben das Weite gesucht, auf der Terrasse tritt man in Mäusemus, auf tote Maulwürfe und geköpfte Eidechsen, und die Vögel sind aus dem Kirschbaum geflohen. Wahrscheinlich konnten sie sich das Leben dort nicht mehr leisten.
Hunde dagegen sind für mich wie Genossen: solidarisch, loyal, hilfsbereit und mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Irgendwie links halt. Stereotype beiseite: Ich liebe Hunde vor allem, weil man mit ihnen, im Gegensatz zu Katzen, zusammen so viel unternehmen und sogar gemeinsame Hobbys haben kann. Vor allem aber fasziniert es mich, mit einer anderen Spezies kommunizieren zu können und eine enge Bindung einzugehen. Wenn ich Zeit mit Toni verbringe, wenn wir zusammen spielen, im Wasser planschen oder Tricks üben, vergesse ich mittlerweile fast schon, dass er ein Hund ist (und ich erwachsen bin). Denn er ist mein Freund. Dafür ist der Hund im Wortsinne gemacht: Ohne Menschen gäbe es keine Hunde. Sie sind uns in ihrem Wesen und in ihren Gefühlen ähnlicher als jedes andere Tier. Schließlich sind Hunde und Menschen seit mehr als 35 000 Jahren Partner.
Für Kurt Kotrschal, den ich für die Arbeit an diesem Buch getroffen habe, ist die Sehnsucht nach einem Hund auch aus anderen Gründen ganz logisch. Warum, das beschreibt der österreichische Biologe und Verhaltensforscher, der seit vielen Jahren die Beziehung zwischen Menschen, Wölfen und Hunden untersucht, in seinem Buch Hund&Mensch. Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft: Im »tiefen und dringenden Wunsch nach einem Hund« könne man einen »lebenserhaltenden Instinkt« erkennen, »der in der menschlichen Liebe zur Natur wurzelt«.1 Viele Menschen, die einen Hund haben, beschreiben das auch so: »Mein Hund ist mein Tor zur Natur.« Das geht mir ganz genauso. Tatsächlich haben wir unseren letzten Urlaub danach geplant, was Toni gefallen könnte. Wir entschieden uns für das kroatische Hinterland zwischen Zagreb und den Plitvicer Seen. Zwei Wochen lang schwammen wir drei in Flüssen, schlenderten über Wiesen und streiften über Hügel und Berge und durch Wälder. Dieses besondere Gefühl von Freiheit, das ich nur in der Natur kenne, habe ich mit Toni noch stärker gespürt und mich ihm noch näher gefühlt. Das klingt womöglich recht emotional, aber: Mich darauf einzulassen, die Natur durch seine Augen wahrzunehmen, seiner Neugier zu folgen, das finde ich wahnsinnig bereichernd. Wie er aufgeregt durch frisch gefallenen Schnee tobt, wie er durch hohes Gras hüpft wie ein Reh, in die Isar springt und die Berge hinaufrennt – die Selbstverständlichkeit, mit der er sich in der Natur bewegt, seine Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, die er dabei zeigt, sind einfach ansteckend. Deshalb hat Toni meinen dringenden Wunsch nach einer anderen, besseren Welt sogar noch befeuert.
Vielen Menschen geht es ja so, dass sie erst, wenn sie Kinder bekommen, feststellen, in welch dramatischem Zustand sich unser Planet befindet. So ist das bei mir nicht. Das weiß ich schon lange. Außerdem werde ich, wenn es mit rechten Dingen zugeht, meinen Hund überleben (auch wenn mir schon der Gedanke daran die Kehle zuschnürt). Es geht nicht um seine Zukunft auf einer ruinierten Erde, sondern um unser aller Gegenwart. Hunde sind weniger gestern und morgen als heute, sie sind jetzt, jetzt, jetzt.
So wie alles, was lebt – und unmittelbar von der Auslöschung betroffen ist: Nur noch drei Prozent der globalen Ökosysteme sind intakt2. Seit 1970 sind fast drei Viertel der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien verschwunden. Von den heute bekannten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die die Erde bevölkern, ist eine Million vom Aussterben bedroht.3 Einige dieser Arten werden bereits in den kommenden Jahrzehnten verschwunden sein, wenn wir nicht jetzt etwas dagegen tun. All das verdeutlicht mir Toni jeden Tag mit seiner ganzen unmittelbaren Lebendigkeit. Und wie er hätte auch ich es gerne jetzt schön. Mir geht es, wenn ich mit ihm unterwegs bin, oft eher so wie damals, als ich zum ersten Mal in Indonesien recherchierte: Ich wusste schon vorher, was der Palmölboom dort anrichtet. Aber das überwältigende Ausmaß der Zerstörung, die Gewalt gegen Natur und Menschen – all das hat mich erst dann so tief entsetzt, als ich zwischen endlosen Monokulturen und abgeholzten und abgefackelten Wäldern stand. So lässt mich das Leben mit einer anderen Spezies noch mehr spüren, dass wir alle uns denselben Planeten teilen. Dass Natur kein »Außen« ist, kein »Nice-to-Have«, kein Unterhaltungsprogramm, das uns in der Freizeit als Abenteuer oder Erholung dient. Sondern das »Netz des Lebens«, zu dem wir gehören. So beschreiben es Raj Patel und Jason W. Moore in ihrem Buch Entwertung4.
Ich erinnere mich an eine atemberaubend schöne Bergtour, die wir drei in Südtirol zu einem See auf 2 200 Höhenmetern unternommen haben. Der Steig führte durch einen Bergwald, daneben mäanderte ein Bach durch sattgrünes Moos; von Fichten und Lärchen wehten Flechten. Mein Blick folgte Toni, der von Fels zu Fels, durch das Moos, zwischen den Baumstämmen hin und her und immer wieder begeistert in den Bach sprang, und so entdeckte ich mehr und mehr Details dieses märchenhaft schönen Fleckchens Erde. Schließlich lichteten sich die Bäume und gaben den Blick auf die Ortlergruppe und ihre imposanten Gletscher frei. Ich weiß noch, dass ich sagte: »Schaut sie euch gut an, die werden bald verschwunden sein«, und dass ich kurz über meinen Sarkasmus erschrak, der der Schönheit dieses Augenblicks gar nicht angemessen war – und noch mehr darüber, dass ich in diesem Moment dasselbe fühlte wie auf den Aschefeldern abgefackelter Regenwälder in Indonesien: einen tiefen, stechenden Schmerz.
Heute weiß ich, dass es für dieses Gefühl von Verlust, Angst und Hilflosigkeit angesichts der Zerstörung des Planeten sogar einen psychologischen Begriff gibt: ökologische Trauer. Und die spüre ich umso mehr, je näher mich Toni wieder zur Natur zurückführt. Er ist mein Verstärker. Erst kürzlich hatten wir wieder so ein Erlebnis: Ich wollte einen der letzten warmen Herbsttage für eine Wanderung mit ihm nutzen. Also schnappte ich mir Toni und setzte mich in die S-Bahn zum Ausgangspunkt der Tour, einer kleinen Stadt nordwestlich von München. Erst ging ich durch den Ort. Dann durch ein nicht enden wollendes Neubaugebiet. Entlang an und schließlich auf einer großen Straße ohne Gehweg am Rande von Mais-Monokulturen. Über eine Brücke, darunter eine dröhnende Autobahn, und durch eine Unterführung, oben die Bundesstraße. Vorbei an Müllverbrennungsanlage und Klärwerk, Autobahnkreuz und Gewerbegebiet. Anderthalb deprimierende Stunden dauerte es, bis wir endlich dort ankamen, wo wir hinwollten: in der Natur. Genau eine halbe Stunde gingen wir durch das Idyll, an Fluss und Auen entlang. Dann wiederholte sich die oben beschriebene Szenerie am nächsten Ortseingang: Neubauten, Gewerbegebiet, ausufernder Asphalt.
Bayern, das ist halt nicht nur die Idylle aus Bergen, Seen, Mooren, saftigen Wiesen, ursprünglichen Wäldern und hübschen Dörfern mit traditioneller Bauernkultur, sondern eben auch eine zersiedelte, zubetonierte, durch Umgehungsstraßen, Autobahnen und Gewerbegebiete verschandelte Landschaft. Natürlich wusste ich das auch schon lange. Aber noch nie habe ich das so intensiv erlebt wie in diesem Moment, als ich vor mich hin schimpfend dieser Wege ging und der arme Toni mir durch Straßendreck und über Maisstoppel folgte, während die Autos an uns vorbeibrausten.
Apropos Autos: Dass die unsere Städte verstopfen, finde ich noch viel unerträglicher, seit ich für ein Wesen verantwortlich bin, das, Schnauze auf Auspuffhöhe, Abgasen und Feinstaub noch stärker ausgeliefert ist und den Krach mindestens so sehr hasst wie ich. Als Toni noch Welpe war, hat es eine ganze Weile gedauert, bis er stubenrein wurde. Er wollte einfach nicht raus. Das begriff ich an einem frühen Sommermorgen unter der Woche. Ich stand völlig übermüdet am nächsten erreichbaren Stückchen Grün, das wir den »Kackstreifen« nennen: eine kurze, einseitig baumbestandene Straße zwischen Autohaus und Hotels. Zwischen den Bäumen liegen oft Müll, Scherben, Hundehaufen und Zigarettenkippen, der Gehweg ist von Lieferwagen zugeparkt, auf der zu engen Straße stehen sich hupend SUVs gegenüber, die einander nicht ausweichen wollen (wozu kauft man sich schließlich sonst so einen Großstadtpanzer?), und auf den Hof des Autohändlers biegt jeden Tag scheppernd und krachend der Sattelzug ein, voll beladen mit neuen Monstern aus Blech. Zu meinen Füßen saß also mein kleines Fellbündel und schaute mich aus großen ängstlichen Augen an – und ich verfluchte den Autowahnsinn mehr denn je. Vor allem die Tatsache, dass die meisten Leute diese Zumutung akzeptieren und es ganz offenbar als normal empfinden, dass sich diese Stadt und das Leben darin den Autos unterordnen soll. Kürzlich habe ich bei der Morgenrunde mit Toni auf diesen 350 Metern die parkenden Autos gezählt – es waren mehr als zweihundert. Transporter, die die Gehwege blockieren, sodass wir auf die Straße ausweichen müssen, gar nicht eingerechnet. Was für ein Irrsinn. Ich glaube, dass eine Stadt, die nach den Bedürfnissen von Hunden eingerichtet ist, für uns alle besser wäre. Sie wäre sehr viel grüner, sicherer, entspannter und hätte mehr Platz für alle. Nur nicht mehr für Autos.
»Ein bewusstes Leben mit Hund kann den zum nachhaltigen Überdauern der Menschheit so dringend benötigten Mentalitätswechsel unterstützen«, schreibt Kotrschal, »den Wechsel von den (scheinbaren) Beherrschenden der Erde zurück zu der Sichtweise, bescheidene Gäste auf diesem Planeten zu sein. Eine von vielen Spezies, die alle das gleiche Recht auf Überleben haben.«5
Das glaube ich auch. Andererseits gibt es genau da ein großes Problem: Hunde essen andere Spezies – und zwar sogenannte »Nutztiere«, deren Leben und Sterben für Teller und Napf von unerträglichem Elend, Schmerz und Qual bestimmt sind. Das war für mich all die Jahre der wichtigste Grund, keinen Hund zu haben. Ein geliebtes Tier mit ungeliebten misshandelten und getöteten Tieren füttern? Eine absurde Vorstellung! Ich habe noch nie verstanden, wie man Hunde und Katzen als Freunde betrachten, das Herz aber vor dem Elend der Schweine, Hühner, Enten, Puten und Kühe verschließen kann. Mir geht es, seit wir den Hund haben, exakt andersherum: Ich sehe in jedem Tier Toni. Im Orang-Utan und im Koalabären, die vor den Flammen ihres brennenden Regenwaldes fliehen. Im Schwein, das sich im Massenstall nicht um die eigene Achse drehen kann. Im Marderhund, dem für den Pelzkragen am Mantel das Fell lebendig abgezogen wird. Im Pottwal, der verhungert, weil die Meere sterben. Im Huhn, das am Schlachtband bei vollem Bewusstsein zerstückelt wird.
»Worüber mehr gesprochen werden muss, ist die inmitten der Gesellschaft stattfindende, industriell organisierte Ausnutzung und Tötung von unzähligen empfindsamen, intelligenten und sozialen Lebewesen, getragen und verantwortet von einer erdrückenden Mehrheit der Menschen«, schreibt der Sozialwissenschaftler und Ethiker Thilo Hagendorff in seinem Buch Was sich am Fleisch entscheidet. »Die Unfähigkeit, sich davon loszusagen, ja überhaupt nur die Schlechtigkeit des dahinter liegenden Systems zu erkennen, leitet oftmals über in die Unfähigkeit, gegen Diskriminierung aufzukommen, gegen Hetze, Hass und Gewalt sowie gegen die Vernichtung dessen, was die eigenen Lebensgrundlagen der Menschen ausmacht.«6
Denn jenseits des Tierleids hat der Fleischkonsum ja eine noch viel größere Dimension, und die betrifft uns alle: Er zerstört unsere Lebensgrundlagen. Die weltweit wachsende Fleischproduktion ist einer der größten Treiber für die Vernichtung von Wäldern und Ökosystemen. Ein Drittel aller Feldfrüchte weltweit landet in den Mägen von Nutztieren – allein eine Milliarde Tonnen Soja und Mais jährlich. Das heizt nicht nur den Klimawandel dramatisch an, sondern auch das Artensterben und damit die Verbreitung von Pandemien wie Covid-19. Und der Klimawandel führt zu schweren Menschenrechtsverletzungen: Landraub, Vertreibung, Elend und Hunger sowie die Ermordung von Indigenen und Aktivistinnen sind untrennbar damit verbunden. In Brasilien steht der Amazonas-Regenwald bereits vor dem Kollaps. Seit der Faschist Jair Bolsonaro in Brasilien an der Macht ist, brennt der größte CO2-Speicher der Welt in nie gekanntem Ausmaß. Zu denen, die illegal abholzten und Feuer legten, gehörten auch Rinderzüchter und ihre Schergen. Allein in Brasilien wurden in den vergangenen 25 Jahren mehr als 1 500 Indigene in Landkonflikten umgebracht7. Die meisten davon im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Dort, wo sich Rinderweiden und Futtersoja-Felder aneinanderreihen, haben Werner Boote und ich 2016 für unseren Film Die Grüne Lüge gedreht8. Ich werde nie die trostlose Ödnis und das Leid der Menschen dort vergessen. Und auch nicht die Zustände in Indonesien, wo ich wochenlang das Desaster des Palmölanbaus verfolgte (das Öl landet nämlich ebenfalls in der Fleischindustrie – zum Beispiel als Futterzusatz in der Schweinemast).9
Davon möchte ich kein Teil sein. Nach meinen Recherchereisen dorthin erschien es mir erst recht unmöglich, jemals einen Hund zu haben. Und trotzdem haben wir jetzt Toni. Warum? Weil Toni Vegetarier ist. Hunde können problemlos vegetarisch und vermutlich sogar vegan ernährt werden, auf alle Fälle aber mit sehr viel weniger Fleisch, als die Tierfutterindustrie glauben macht. Denn: Der Wolf wurde zum Hund, indem er sich an die Ernährung des Menschen angepasst hat und deshalb Pflanzen verdauen kann. Ich finde, dass das zu seinen allerbesten Eigenschaften gehört. Sowieso für mich persönlich, weil mir das erst einen Hund ermöglicht hat. Aber auch für uns alle. Weil Hunde jede Menge Fleisch fressen, haben sie einen entsprechend großen ökologischen Pfotenabdruck. Den hat Gregory Okin von der University of California in Los Angeles berechnet. Er hat herausgefunden, dass 163 Millionen Hunde und Katzen in den USA jährlich so viele Kalorien wie die gesamte Bevölkerung Frankreichs konsumieren. Hätten alle US-Hunde und -Katzen ein eigenes Land, wäre dies – nach Russland, Brasilien, den USA und China – der fünftgrößte Fleischkonsument der Welt. Hunde- und Katzenfutter sind laut Okin für 64 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich.10 Dies entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoß von mehr als dreizehn Millionen Autos. Und das nur in den USA! Die TU Berlin hat ebenfalls die Klimabilanz von Hunden ausgerechnet und kommt zu dem Ergebnis, dass ein 15 Kilo schwerer Hund Umwelt und Klima mit seinem Fleischverzehr über dreizehn Lebensjahre so sehr schadet wie die Produktion eines Mittelklasse-Mercedes oder dreizehn Flüge von Berlin nach Barcelona.11 Bei mehr als zehn Millionen Hunden allein in Deutschland – Tendenz steigend – kommt da also ganz schön was zusammen.
Kann das die Gesellschaft, können wir Hundehalterinnen und -halter all das wirklich ausblenden? Auf keinen Fall! Aber was wäre die Konsequenz? Sollte man etwa das Halten von Hunden aus Gründen des Klimaschutzes verbieten?
Hunde sind ja nicht mit Billigflügen oder SUVs vergleichbar, sondern Lebewesen. Für eine wachsende Zahl von Menschen, besonders einsamen älteren, sind Hunde wichtige Sozialpartner. Von Hunden, die Menschen aus Lawinen, eingestürzten Häusern oder Gewässern retten, die Krebs erkennen und ihre Herrchen und Frauchen vor einem diabetischen Schock warnen, die als Therapiehunde traumatisierten oder suchtkranken Menschen helfen, einmal ganz zu schweigen.
Wie also kann ein bewusstes Leben mit Hund aussehen, das den Planeten zu bewahren helfen würde? Wie schaffen wir es, unsere Liebe und Empathie zum Hund auf die Welt zu übertragen? Welchen Platz räumen wir einem Wesen in unserer Gesellschaft ein, das nach neuesten biologischen Erkenntnissen mit uns seelenverwandt ist, und wie kann das unser Mensch-Tier-Verhältnis verbessern? Was können wir von Hunden für ein gutes soziales und solidarisches Miteinander lernen? Mit anderen Worten: Wie geht Weltrettung mit Hund?