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I 1944/45

Fertigmachen zum Sterben

Gegen Ende November begann Konrad Kannmachers Krieg, knapp sechs Monate vor dem Zusammenbruch. Man schickte den jungen Soldaten nach Bromberg in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern, westlich der Weichsel und nahe bei Thorn, wo er auf Partisanenjagd gehen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt war er siebzehn Jahre, ein versponnener Bursche und schlaksiger Lulatsch, der im Feld seine Angst nicht bezwingen konnte. Nicht bereits in der pommerschen Erde verscharrt zu sein, verdankte er nur seinen Schulkameraden Erwin Pfaff, Sohn des Damenschneiders Pfaff aus Freiwalde, und Hartmut Hildebrandt, Sproß eines Buchbinders, die Konrad, den Kumpel und Freund, nicht im Stich ließen.

In seiner Ausbildungszeit beim Reichsarbeitsdienst hatte er eine wesentlich bessere Figur gemacht, und es war lediglich diese verdammte Angst, die seine Sinne vernebelte. Er empfand eine maßlose Scham vor den Freunden, die richtige Kerle waren, mutige Landser. Die beiden bepißten sich nicht, wenn der Trupp Partisanennester ausbrennen mußte. Und er verfluchte den Vater daheim, seinen maulfaulen Vater, den Buchhalter Kannmacher, der ein fanatischer Kriegsgegner war.

Als Konrads Gestellungsbefehl eintraf, und er sein Zeug packte, um sich in Kolberg zu melden, wo seine Ersatzkompanie stationiert war, hatte er von diesem Vater, der sonst niemals redete, nichts als feige Ermahnungen mit auf den Weg bekommen, die in miesmacherischen Vorhersagen gipfelten. Er erinnerte sich an das Ende des Vortrags: »Heimschleichen wirst du dich«, knurrte der Alte, »auf allen vieren wirst du wieder ankriechen, dieser Krieg ist verloren, das war er von Anfang an. Wenn es dich, Gott bewahre, nicht schlimmer erwischt, wirst du dich jaulend und armselig heimschleichen.« Und am Bahnhof, als sie sich verabschiedeten, raunte Vater, als er seinen Jungen umarmte: »Mach dich aus dem Staub, wenn es brenzlig wird. Rechtzeitig.«

Das ging Konrad nicht mehr aus dem Kopf. Vaters Bemerkung war eine Ermunterung zur Fahnenflucht, die man eigentlich anzeigen mußte. Warum tat er es nicht? Aus abscheulicher Schwachheit und Memmenhaftigkeit oder um seiner Mutter den Schmerz zu ersparen?

Bis ins Alter von sechzehn war Konrads Vertrauen in den Vater solide gewesen. Es fiel dem zu Gehorsam erzogenen Jungen nicht ein, an der Weltsicht des Alten zu zweifeln. Daß sie meistens verschwommen blieb, mehr zu erahnen war, was teils an der Redescheu hing, die den Mann umgab, einer beharrlichen, harzigen Schweigsamkeit, teils mit dem Bestreben zu tun haben mochte, seine Familie nicht in Gefahr zu bringen, hatte es Konrad erheblich erleichtert, Vaters Ideen nicht in Frage zu stellen.

Er erinnerte sich an die Sache mit der SS, die an einem Maitag im Jahr ’42 alle HJler am Ufer der Wipper antreten ließ, um sie zu mustern. Anschließend ging es mit zwanzig der Jungs in die Wirtschaft am Marktplatz, wo sie Limonade bekamen und einen Wisch unterschrieben, mit dem sie sich, aus freiem Willen, als SS-Leute meldeten.

Vater bekam einen Koller, als er das erfuhr. Lautstark stritt er mit Alma, der hitlertreuen Tante, die Tag um Tag Punkt halb eins auf der Hausschwelle stand, um bei Schwester und Schwager zu Mittag zu essen. Das konnte man Alma schlecht abschlagen. Vaters Bruder, der Felix hieß, hatte sie seinerzeit vor der vereinbarten Hochzeit verlassen, war aus Freiwalde geflohen und spurlos verschwunden – das belastete Vaters Gewissen bis heute. Und Almas Mann war seit Kriegsbeginn an der Front.

Konrads Tante war stolz auf den Neffen und seine Entscheidung. »Er ist nicht mal fünfzehn«, entgegnete Vater, »seine Unterschrift hat keine bindende Wirkung, wenn wir, seine Eltern, nicht zustimmen. Und unsere Zustimmung werden wir niemals erteilen.« – »Du bist unbelehrbar, ein ewiger Querulant«, zischelte Alma am anderen Kopfende, »denkst du niemals an deine Familie? Reicht dir deine Gestapoverhaftung nicht? Mußt du erst im KZ landen, um zur Vernunft zu kommen?« Vor dieser Drohung verstummte er. »Und das mit der Unterschrift kannst du vergessen«, versetzte sie abschließend, »das wird nicht anerkannt, Schwager.«

Unwillentlich hatte sie Vater auf eine Idee gebracht. Er mußte die eine Macht gegen die andere ausspielen, wenn er Erfolg haben wollte. Am folgenden Vormittag nahm er sich bei seinem Bankhaus frei und reiste mit Konrad nach Schlawe zum Heeresamt, wo er den Jungen als ROB eintragen ließ. Seinen Sohn bei der Wehrmacht anzumelden, als Reserveoffiziersbewerber, war der geringere Schaden, fand Vater, mit diesem Buchhalterschachzug besaß Konrads Unterschrift bei der SS keine Geltung mehr.

Ja, nahezu blind hatte Konrad seinem Vater vertraut, bis zum Abschied vom Elternhaus und dem Beginn seiner Kriegsdienstverpflichtungszeit bei der Marine, wo er ein anderes Leben kennenlernte, einen Schwung, eine Spannkraft, die Konrad begeisterten.

Heute verachtete er Vaters Ansichten. Sie waren nicht nur spießig und feige – sie waren zersetzend und spielten dem Feind in die Hand. Ludwig Kannmacher war ein langweiliger Buchhalter, der sich an Zahlen und Ziffern hielt und eine kleinliche Kriegsrechnung aufmachte, die nur aus Verletzten und Toten bestand. Von erhabenen Zwecken und Zielen hatte er keinen Schimmer.

Leider stammte er von diesem Buchhaltervater ab, der ihn mit falschen Ideen verseucht hatte. Und es ging, klarer Fall, auf das Konto des Alten, wenn er sich bei Kampfhandlungen als Versager erwies und vor seinen Freunden unendlich blamierte.

»Kleeblatt« nannten die anderen Soldaten der Einheit die drei unzertrennlichen Schulkameraden, die sich gegenseitig aus Briefen der Eltern vorlasen, begierig auf neueste Nachrichten von daheim, Erinnerungen und Heimatklatsch austauschten oder mit Weibergeschichten auftrumpften. An letzteren beteiligte Konrad sich nicht. Zum einen konnte er mit den beiden nicht mithalten, die mit Sexabenteuern in heimischen Badekabinen, Gartenlauben und Feldscheunen prahlten. Erwin Pfaff wollte die sich unnahbar gebende Tochter des Volksschuldirektors vernascht haben. Hartmut wiederum stand mehr auf reife Semester und hatte sich mit einer U-Boots-Maats-Witwe verbandelt, die er als »Unterleibssprengstoff« bezeichnete. Sie kannten sich aus in den Hafenbordellen Stettins (oder gaben das mindestens vor), wo sie richtige Orgien erlebt haben wollten.

Zum anderen war Konrads Beziehung zu Minna – eine andere Frau hatte er niemals besessen – kein Anlaß zur Angeberei. Minna war eine einfache Dienstmagd, und mit einer Magd machte man sich nicht batzig. Schlimmer als das, sie war ein halbes Polenbalg. Beim Ziehvater Ladislaus Bronek aus Lubatsch hatte sie reihenweise polnische Lieder gelernt, die der romantisch veranlagte Konrad ergreifend fand. Er mußte sagenhaft dusslig gewesen sein, sich mit dieser schlichten Mamsell einzulassen, die außer polnischen Liedern nichts vorweisen konnte. Heute ekelte er sich vor dieser Erinnerung, verstand sein Verhalten nicht mehr. Nein, es war besser, als Jungfrau zu gelten und von Minna Bronek kein Wort zu verraten, insbesondere auf einem Feldzug, bei dem sie Gefahr liefen, von polnischen Dreckspartisanen erschossen zu werden.

Wenn sie seinen Spitznamen »Alfredo« benutzten, der an Waghalsigkeit und Verruchtheit erinnerte, Eigenschaften, die Konrad als letzte besaß, setzten Erwin und Hartmut das breiteste Grinsen auf. Alfredo war lediglich eine Verballhornung, die auf seinem anderen Vornamen Alfred beruhte, den in der Familie niemand benutzte, außer Alma (und Almas in Rußland vermisster Mann, der rothaarige, dickliche Riensberg). Gegen den Willen von Vater und Großvater, und nur mit der seufzenden Zustimmung Mutters, hatte Alma den Namen bei seiner Geburt erzwungen, zu Ehren Alfred Heises, des Kannmacheronkels und Ex-Kolonisten im westlichen Afrika, Abenteurers und Helden der Waterbergschlacht, der mit einer Truppe von 1.500 Mann 40.000 Hereros besiegt hatte. In den zwanziger Jahren, als Textilfabrikant in Berlin, hatte er es zu Reichtum gebracht, war bereits ’24 der Nazipartei beigetreten und angeblich ein enger Vertrauter von Hitler, eine Vorstellung, die Tante Alma besonders erregend fand.

Bei Ludwig Kannmacher und dessen Vater, dem mittlerweile verstorbenen Schulmeister Leopold, war Alfred Heise hingegen aufs tiefste verhaßt. Sei es aus rassehygienischem Wahn, sei es um einer sauberen Parteiweste willen, die kein Familienschandfleck verunzieren sollte, hatte der seine geistig umnachtete Schwester in aller Heimlichkeit in eine Anstalt verbracht, ohne Wissen und Zustimmung Leopold Kannmachers, mit dem sie verheiratet war. Clara wieder nach Hause zu holen, war Ludwigs verzweifeltem Vater mißlungen, trotz zahlreicher Anwaltseingaben und Anfechtungen vor Gericht. Alfreds gute Beziehungen zum Leiter der Anstalt, der seinerseits mit den psychiatrischen Gutachtern kungelte, die eine strenge Verwahrung empfahlen, verhinderten Claras Entlassung.

Kurz: Onkel Alfred, betraut mit der Sonderaufgabe, als Handelsbeauftragter der Deutschen Botschaft in Bukarest die Petroleumversorgung des Reiches zu sichern – was sie daheim aus der Zeitung erfahren hatten –, war ein Stern am Familienhimmel der Kannmachers, der makellos rein oder finster erstrahlte, ein abwechselnd edelsteinweißer und blutroter Stern, unerreichbar und sagenumwoben.

Was Tante Alma beabsichtigte, als sie auf seinem Vornamen Alfred beharrt hatte, hatte sie niemals verhehlt. Konrad sollte sich an seinem Onkel ein Beispiel nehmen, diesen Namen als eine Verpflichtung begreifen, ein starker, entschlossener Mensch werden. Und er war besten Willens, das zu tun. Leider haperte es mit dem kalten Charakter, und er litt um so mehr an der Memmenhaftigkeit, dieser elenden Feigheit, von der er beherrscht war. Und seine Angst nahm von Tag zu Tag zu.

In den vergangenen dreieinhalb Wochen, von Ende November bis Mitte Dezember, hatten sie schlimme Verluste erlitten – dreizehn Mann waren tot, dreißig andere schwer verletzt –, was nichts als logisch war bei einer Einheit, die aus jungen, unerfahrenen Kerlen bestand. Konrad selbst hatte Dusel und bei den Gefechten nur einen harmlosen Streifschuß am Arm abbekommen, als ob Mutter recht habe mit der von Brief zu Brief wiederholten Versicherung, er sei ein Sonntagskind.

Mitte Dezember befahl man sie zu einer Bahnstrecke, sechs Kilometer vor Bromberg, wo ein Munitionszug aufgrund eines Gleisschadens feststeckte. Vierzig Mann machten sich auf den Weg, um den Zug zu bewachen, der den Partisanen ein lohnendes Ziel bot. Sie ließen mit Vorliebe Frachtwaggons hochgehen, um den Nachschub zur Front abzudrosseln. Als sie, am Ziel, von den Lastwagen sprangen und im Begriff waren, in Stellung zu gehen, raste ein Kradmelder an. Man hatte in einem verfallenen Gutshof, der von der Gleisstelle nicht weit entfernt war, einen feindlichen Haufen beobachtet, den ein Kommando aufs Korn nehmen und ausschalten sollte. Ein Stoßtrupp von zwanzig Soldaten zog los, zu Fuß, um den Feind nicht zu warnen. Zirka einen Kilometer vom Gutshof entfernt, wo sie vor einem Abhang in Deckung gehen konnten, legten sie eine Verschnaufpause ein und versicherten sich auf der Landkarte. Sie sollten den Gutshof von drei Seiten angreifen, was wiederum hieß, kleine Gruppen zu bilden, die das Anwesen unbemerkt einkreisten.

Es war ein feuchtkalter Dezembertag. Im bleigrauen Himmel bewegte sich nichts und vom Erdboden zog erster Nebel auf. Konrad wischte sich wieder und wieder den Angstschweiß ab, der in seine Augen rann, beißend und brennend. Er hockte im Gras, lehnte mit seinen Schultern am Baumstamm und zog beide Knie zum Bauch, die er fest mit den Armen umklammerte. Das half nur kurzfristig gegen den Aufruhr in Magen und Darm, die sich schmerzhaft verkrampften. Er war diese peinlichen Qualen gewohnt, wenn es zu einem Einsatz kam, stellten sie sich automatisch ein. »Ist dir schlecht?« fragte Hartmut, der an einer Kippe zog und den Freund halb ironisch, halb mitleidig musterte, »du bist aschgrau, Menschenskind.« – »Fertigmachen zum Sterben«, versetzte ein Kamerad, der in der Einheit den Spitznamen Schnauze trug, was er seiner berlinernden Frechheit verdankte, als sie zum Abmarsch bereit waren. »Maul halten«, fluchte ein anderer erstickt, »das beschreit man nicht.« Konrad schnallte den Helm um und zwang sich zum Aufstehen. Vor Schmerzen halb krumm und auf Beinen aus Fleischgallert setzte er einen Fuß vor den anderen. Er schaffte nicht mehr als drei Schritte, fiel, von einem Schwindel ergriffen, zu Boden und kotzte, als wolle er sich seine Seele auswringen. »Es geht los«, sagte Hartmut und streichelte seinen Arm, »beeil dich« – er nickte verzweifelt.

 

Was im einzelnen passiert war, das wußte er nicht mehr, als sie in der Kaserne von Bromberg eintrafen. Erwin hatte es lebensbedrohlich erwischt – von einem Sanka zur Schule verfrachtet, die als Lazarett diente, mußte er notoperiert werden – und vier andere Mann aus der Gruppe waren tot, wohlbehalten nur Hartmut und er. Von Kameraden umringt, sanken beide an einen Kantinentisch, verdreckt und benommen. Schulterklapse und forschende Fragen, die er nicht begriff und beantworten konnte. Zu tief steckte Konrad der Schock in den Knochen, zu grauenhaft war diese Erinnerung an das Gesicht, das er mit einer Maschinenpistolensalve zerfetzt hatte, eine Erinnerung, die blitzartig aufzuckte und in qualvoller Klarheit vor seinem Bewußtsein stand, ehe sie wieder verlosch. Es war Hartmut, der Auskunft gab, kauend und schluckend, Konrad starrte ins Leere und schwieg.

In den kommenden Tagen verkapselte sich sein Entsetzen zu einer Erkenntnis, die stumpf war, abstrakt blieb, als sei sie aus totem Gewebe. Es belastete Konrad nicht mehr. Eine andere Erfahrung schob sich in den Vordergrund, die Erfahrung von kalter Entschlossenheit. Er hatte den Feind aus geringer Entfernung und ohne zu zaudern erschossen, um seinen Kameraden vorm Tod zu bewahren. Auf seinen soldatischen Mut konnte man sich verlassen.

Anzunehmen, es war eine Falle gewesen, die zuschnappte, als sie die Deckung verließen, um das verfallene Gut zu erreichen. Konrad, der erst auf die Beine kommen mußte, folgte den Kameraden mit torkelnden Schritten – sie waren bereits außer Sichtweite. Um seinen Trupp schleunigst einzuholen, rannte er atemlos keuchend den Abhang hoch. Von dessen Spitze aus konnte er sie erkennen, in der dunkelnden Wiese, die anstieg und abfiel, bewachsen von hohem und niedrigem Buschwerk. In halb aufrechter Haltung und in alle Richtungen zielend, bewegten sie sich auf den Gutshof zu, vor dem eine Pappelbaumreihe Spalier stand. Konrad holte tief Luft, kontrollierte, ob seine Maschinenpistole entsichert war, preßte sie an sich und stolperte los. Erwin, als Schlußlicht der Gruppe, der wachsam den Abhang im Auge behielt, machte Konrad ein Zeichen, er solle sich ducken – als unversehens zwei Karabiner loskrachten und der Freund auf der Stelle zusammenbrach. Alle anderen warfen sich flach auf die Erde und erwiderten mit den Maschinenpistolen das Feuer.

Es war ein ungleicher Kampf. Blind, ohne Schutz, schoß die Gruppe auf zwei oder drei Partisanen, die entschieden im Vorteil waren. In der Wiese verteilt und von Buschwerk verdeckt, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie einen um den anderen Deutschen erledigten.

Keiner der Angreifer zielte auf Konrad, von dem sie anscheinend nichts bemerkt hatten. Selbst als er den Kopf hob, um mitzubekommen, was vor sich ging, blieb er verschont. Rund zweihundert Meter von seinen Kameraden entfernt, dicht am Boden, im kniehohen Gras, Todesschreie und knatternde Salven im Ohr, brach er in Winseln und Schluchzen aus. Und schluchzend kroch er auf dem Bauch bis zum Dickicht, aus dem Karabinergewehrfeuer kam und in dem sich einer der Polen verschanzt hatte. Um von hinten zu kommen und den Mann nicht zu warnen, war ein Umweg erforderlich, langwierig, anstrengend, das kostete wertvolle Zeit. Endlich robbte er sich auf das Ziel zu, den Angreifer, der aus dem Halbdunkel auftauchte. In Hockstellung, sprungbereit, neben dem Baumstamm, der Schutz bot, wenn eine Maschinenpistole losratterte, legte er den Karabiner an, als Konrad sich auf seinen Ellbogen lehnte, den Finger am Abzug bewegte. Schlagartig drehte der Pole sich um, mit verwirrtem Gesicht, aufgerissenen Augen, ein weißer, im Zwielicht aufschimmernder Fleck. Als der Gegner zur Seite fiel, feuerte Konrad, vor Grauen und Erleichterung heulend, ins Nichts, es regnete Zweige und Rinde auf seinen Helm, bis er die letzte Patrone verbraucht hatte und gespenstische Stille einkehrte. Hartmut mußte die anderen Polen erlegt haben oder sie hatten sich lieber verzogen, als Konrads Maschinenpistole losratterte, schlagartig, aus unvermuteter Richtung.

In den vergangenen Wochen war Konrad mit Briefen ans Elternhaus sparsam gewesen. Zu tief saß seine Scham, als Soldat eine Niete zu sein, keinen Mumm in den Knochen zu haben. Trotz Mutters Bitten, die dringend erfahren wollte, ob er nichts brauche und gut beieinander sei, hatte er nur ein paar mickrige Zeilen verfaßt – er, der sonst lange, lebendige Briefe schrieb –, die von trotziger Munterkeit waren. Was Hartmut und Erwin nach Hause berichteten – Dinge, die sich zwischen Steintor und Herzogsschloß, Bleiche und Ostseebad schleunigst verbreiteten –, wollte er lieber nicht wissen. Mit Sicherheit waren sie den Seinen bereits bekannt, die sich lediglich ahnungslos stellten.

Mit dieser Schreibfaulheit war es zu Ende, da er nun seinen ersten Erfolg melden konnte. Zwischen vier Toten und einem Verletzten – dem mit Bauchschuß im Wiesengras wimmernden Erwin Pfaff – hatte Hartmut, sein Banknachbar auf dem Gymnasium, sich als letzter verbissen und tapfer verteidigt, ohne Aussicht, dem Tod zu entrinnen. Er konnte auf Dauer mit seiner Maschinenpistole nur einen der Polen in Schach halten – den andern, von hinten angreifenden, nicht. Und diesen Kerl hatte Konrad erledigt!

Nicht alles in seinem zehn Seiten umfassenden Brief entsprach hundertprozentig der Wahrheit. Beim Aufbruch der anderen erbrochen zu haben, verschwieg er. Angeblich hatte er sich einen Fuß verstaucht und lahmend den Anschluß zur Gruppe verpaßt. Und von seiner hirnrissigen Schießerei, ohne Sinn und Verstand bis zur letzten Patrone, ins Nichts, in die diesige dunkelnde Luft, mit verheultem Gesicht und berserkerhaft schreiend, verriet er den Seinen kein Wort. Um so entschiedener versicherte er, eine saubere Arbeit verrichtet zu haben, und forderte seine Familie auf, stolz zu sein, stolz auf den Sohn, der ein tapferer deutscher Soldat sei. Und mit Bedacht setzte er an den Schluß seiner Zeilen beide Vornamen, Konrad und Alfred.

Wehrlos ist ehrlos

Knappe vier Monate vor dem Zusammenbruch, mit Ausruf des Großalarms, brach Konrads Einheit zur Front auf. Von rund hundert verbliebenen Mann kamen bei den Gefechten in Westpreußen dreißig ums Leben und mehr als ein weiteres Drittel geriet in Gefangenschaft. Er selber nahm an diesem Feldzug nicht teil und blieb in der Stadt Hohensalza, um als ROB seinen Abschluß zu machen, eine Kriegsdienstbefreiung, die er seinem Vater verdankte (dem Buchhalterschachzug vom Mai ’42).

Seine Beurlaubung war von bescheidener Dauer. Es verging keine Woche, bis Panzer der Roten Armee vor der Stadtgrenze auftauchten. Zusammen mit seinen ROB-Kameraden und lediglich einer Abteilung SS mußte er Hohensalza verteidigen. Das war am 19. Januar. Am 20. waren sie zum Großteil vernichtet, der Rest seiner Einheit wer weiß wo im Umland zersprengt. Konrad zog mit einem Feldwebel und vier Gefreiten im Nebel zu Fuß Richtung Bromberg. Um in dieser klammfeuchten Suppe nicht fehlzugehen, hielten sie sich an die Bahnstrecke. Von Wiesen und Weilern war nichts zu erkennen, nichts vom Feind, der sie einholte, als sie sich von Hohensalza erst zehn Kilometer entfernt hatten. Motorengrollen, rasselnde Ketten, ein tiefes Rumoren, als ob eine Herde urzeitlicher Tiere den Boden zerstampft. Sie warfen sich flach auf den Boden und horchten, bis der Radau in der Ferne verhallte.

Zur Mittagszeit trafen sie auf eine Bahnstation, die bereits von den Russen besetzt war. Das begriffen sie erst vor der schlagartig aus grauem Nebel aufragenden Panzerkanone und dem in der Luke ausruhenden Russen. Faul zog er an seiner Kippe und merkte nichts von den sechs deutschen Soldaten. Einer der Landser entsicherte seine MP, um den Russen vom Panzer zu schießen, was der Feldwebel mit einem Zischen verhinderte. Lautlos machten sie kehrt und verschwanden im wabernden Nichts.

Bald irrten sie hilflos von Feldweg zu Feldweg, ohne die Bromberger Bahnstrecke wiederzufinden. Keiner der sechs kannte sich in der Gegend aus, keiner wußte, ob sie in die richtige Richtung marschierten, und der naßkalte Nebel verdickte sich mehr und mehr. Ohne Anhaltspunkt war dieser Marsch eine sinnlose Anstrengung und mit Anbruch der Dunkelheit gaben sie auf. Sie hatten Verpflegung mit, Zwieback, Konservenfleisch und Zigaretten, die sie kameradschaftlich teilten.

Kauend, rauchend und frierend hockten sie an der Bretterwand einer verrotteten, dachlosen Scheune und lauschten dem Feldwebel Magnus, der von seinen Ostfronterlebnissen sprach. Er war ein erfahrener Soldat, Ende zwanzig, und hatte vor viereinhalb Jahren Paris besetzt, ein Sechs-Wochen-Spaziergang und glanzvoller Sieg, der sich in der Sowjetunion nicht wiederholt hatte. »Was ich in Rußland erlebt habe, ist ein bestialisches Morden gewesen«, betonte er mit seiner heiseren Stimme, die eher beklommen und schlaff als verbittert klang. Magnus hatte ein regloses, grobes Gesicht, und im Stoppelbart waren bereits weiße Stellen zu erkennen. »Und was mit den Juden passiert ist«, bemerkte er unversehens, »wird man uns niemals verzeihen.« – »Nichts als Feindpropaganda«, versetzte ein Kamerad und wedelte wegwerfend mit seiner Hand. »Von wegen, ich habe es selber beobachtet, als sie die Juden erschossen. Dritter Kriegsmonat in der Ukraine. Rund tausend Leute, die man auf drei Lastwagen ankarrte, Kinder und Frauen inklusive. Mußten abspringen und eine Grube ausheben. Und als die fertig war, sich an den Rand stellen, ohne Kleider, die auf einen Haufen kamen. Reihe um Reihe trat vor, zehn Maschinenpistolen ratterten los, und sie fielen ins Loch. Scheußlich, sage ich euch, eine Schande.« – »Gutaussehende Weiber?« erkundigte sich ein Gefreiter und nahm seine Brille ab, die er mit großem Getue am Hosenbein sauberrieb. Selbstherrlich blinzelte er in die kichernde Runde. »Gutaussehende Weiber«, bejahte der Feldwebel, »eine von diesen Frauen putzte in der Kaserne, gab sich als normale Gefangene aus. Bis sie halt aufflog«, er seufzte, »ich habe sie wiedererkannt vor der Grube.« – »Mit der waren Sie vertrauter, was?« feixte der Feindpropaganda-Soldat, »bestimmt ließ die sich ficken von euch strammen Jungs, oder nicht?« Der bebrillte Gefreite bekam einen Lachanfall. »Ficken hat sie sich lassen«, versetzte der Feldwebel nickend, »und wir hatten Bammel, mit Judenhuren ist es ja strengstens verboten, nicht wahr?«

Konrad verließ seinen Platz vor dem Feuer, angeblich, um sich zu erleichtern. Er kam einfach nicht an gegen seinen empfindlichen Magen, der wieder in Aufruhr war. Und er wollte nichts wissen von diesen Geschichten, das meiste nur dummes Gerede, erfundenes Zeug, reinste Schauerromane zum Zeitvertreib. Verbrechen im Osten, die hatten sich sicher ereignet, mehr als man sich vorstellen mochte. Und was mit den Juden passiert war, war Unrecht. Andererseits herrschte Krieg, und im Krieg mußte man sich entscheiden. Halbherzig ließ sich ein Land nicht verteidigen. Mit Kritiksucht, Bedenken und Meckerei konnte man keine Erfolge erzielen. Selbstzweifel waren lebensbedrohlich, das hatte er ja an sich selber erlebt. Und diese Erkenntnis traf nicht nur beim einzelnen zu, sie erstreckte sich auch auf ein Volk.

Mit kaltem Schweiß auf der Stirn lehnte er an der Bretterwand und atmete tief aus und ein, um zur Ruhe zu kommen. Es dauerte, bis sich der Magen entspannt hatte und der Brechreiz abebbte. Konrad straffte sich, zog seine Uniform gerade, befreite die Stiefel von lehmigen Klumpen, indem er sie mit einem Stock von den Sohlen kratzte. Erleichtert und mit sich im reinen trat er wieder ins Innere der Scheune und nahm seinen Platz vor dem Feuer ein, zwischen dem seine Pfeife bekauenden Feldwebel und einem auf der Mundorgel spielenden Obergefreiten.

»Was wir uns im Osten erlaubt haben, war nicht in Ordnung«, versetzte der vierte Gefreite, sonst wortkarg, mit unruhig huschenden Augen, »das wird man uns Deutschen vergelten.« Er hustete unsicher, schaute von Mann zu Mann. Keiner sagte etwas, was den schmalschultrig hageren Jungen, der in Konrads Alter sein mochte, bestimmt keine achtzehn, ermutigte, fortzufahren: »Wenn diese Leute ans Ruder kommen, werden sie Rache nehmen, Juden und anderes Gesocks. Die stehen an der Spitze in England, Amerika, von den Judenmarxisten in Rußland zu schweigen. Sie werden uns alle verantwortlich machen und totschlagen. Das ist das Schlimmste an dieser Geschichte.« Seine Stimme versagte vor Aufregung. »Stellt euch vor, deutsche Schweine, das sagt man im Ausland von uns, deutsche Schweine«, bemerkte der Feindpropaganda-Gefreite, »sind wir kein Kulturvolk mehr? haben wir nicht große Namen aufzubieten? Goethe und Schiller, das sind unvergleichliche Leute, die kein anderes Volk vorweisen kann.« – »Wagner«, warf der Bebrillte ein, »Beethoven, Liszt.« – »Immanuel Kant«, sagte Konrad verhalten – er war sich nicht hundertprozentig im klaren, ob Kants Name in diesem Zusammenhang passend war.

»Unsere Schuld«, sagte Feldwebel Magnus und klopfte die Pfeife aus, »wir hatten keine Geduld mit den Juden, und das war ein Fehler. Erst der Endsieg, nicht wahr? und wenn alles erledigt ist, spuckt man in die Finger, um sauberzumachen. Alle Juden aufs Schiff und auf Wiedersehen!« – »Ich kann euch verraten, warum man uns als deutsche Schweine beschimpft«, meinte der mit der Brille, »wir Deutschen sind eine uralte Kulturnation, und Kulturnationen neigen zu Weichheit und Milde. Wir sind zu human, und das nutzen die anderen aus.«

An der Sicht hatte sich nichts verbessert, als sie eine Stunde vor Morgengrauen aufbrachen. Um zu bestimmen, wo sie sich befanden, studierte der Feldwebel eingehend die Karte, richtete seinen Kompaß aus, wieder und wieder. Trotzdem war es nicht sicher, ob sie Richtung Bromberg gingen, bis aus dem Nebel ein Volkssturmtrupp auftauchte, dreißig versprengte und leidlich bewaffnete Mann. Als Hiesige kannten sie sich in der Gegend aus, und in Ermangelung anderer Befehle schlossen sie sich der Gruppe von Feldwebel Magnus an, um den Durchbruch nach Bromberg zu wagen.

In sicherem Abstand marschierten sie neben der nicht mehr passierbaren Hauptstraße – unentwegt donnerten russische Panzer an, folgte ein Lastwagen voller Soldaten dem andern –, die sie mit Hilfe der Leute vom Volkssturm erreicht hatten. Im Nebel bemerkte sie niemand.

Erst kurz vor der Stadtgrenze, wo sie sich an einem Bachufer ausruhten, lichtete sich das Weiß. Das ging schlagartig vor sich, und der sich am Wasser rasierende Konrad begriff nicht, was los war, als die Leute vom Volkssturm erregt auf die Beine sprangen. Er hob seine Augen und staunte nicht schlecht vor der Aussicht auf Turmspitzen, Kuppeln und steil ineinander verschachtelte Giebel. Unversehens hob sich der Vorhang vor Bromberg, das schwebend und geisterhaft, wie eine Luftspiegelung, aus den Dunstschleiern tauchte.

Alle starrten zur Stadt, aus der Rauchwolken aufstiegen, und bekamen nicht mit, daß man sie mittlerweile entdeckt hatte. Als prasselnde Garben das Wasser bestrichen, das teilweise von einer Eisschicht bedeckt war, die im Maschinengewehrfeuer zersplitterte, ließ Konrad das Messer fallen, warf sich zu Boden und kroch auf dem Bauch bis zur Weide am Ufer, das an dieser Stelle stark abfiel und ausreichend Deckung bot. Seine Waffe erreichen zu wollen, war aussichtslos, sie lehnte beim Rucksack am Bach. Er konnte verdammt nichts tun, außer zu warten. Anzunehmen, den anderen erging es nicht besser, von Gegenwehr merkte er nichts. Ob sie bereits alle tot waren? Um sich von dieser grauenhaften Vorstellung zu befreien, hob er kurz seinen Kopf aus der Mulde. Zwischen spritzenden Zweigen und Erdklumpen konnte er mindestens zwanzig am Ufer verstreute, leblose Gestalten erkennen. Blutlachen bildeten sich auf den Schneeresten. Und im Bach trieben zwei der Gefreiten, der schweigsame Mundorgelspieler und der mit der Brille, mit Kleidern und Schlaufen am Wurzelgeflecht verhakt, wo sie weitere, sinnlose Salven zersiebten.

Inzwischen erwiderten Feldwebel Magnus und der hagere junge Gefreite das Feuer, im Schutz einer steil aus dem Erdboden ragenden Baumwurzel, und ein paar Leute vom Volkssturm, die unsichtbar blieben. Dieser Widerstand, nutzlos und wahnsinnig, brachte sie alle am Ende ins Grab, Konrad wußte es. Trotzdem durfte er sie nicht im Stich lassen. Er mußte sich in den Besitz seiner Waffe bringen, eine andere Wahl hatte er nicht. »Wehrlos ist ehrlos«, das schmetterten sie mit besonderer Hingabe bei der Marine, »wehrlos ist ehrlos«, das hallte in seinen Ohren und verzweifelt zerkratzte er sich Hals und Wangen. Wenn er nicht zum Rucksack kroch, war er ein Feigling, ein willensschwacher Waschlappen, nichts als ein Dreck.

Unvermutet verdickte der Nebel sich wieder und das Maschinengewehrfeuer erstarb. Konrad sprang auf die Beine, lief zu seinen Sachen, nahm Helm und Maschinenpistole und folgte dem fluchend ins Bachwasser watenden Feldwebel.

Zur Mittagszeit langten sie endlich in Bromberg an – sieben Leute vom Volkssturm, der Feldwebel und außer Konrad der schmalschultrig hagere Junge. In der Stadt, von den Russen fast vollkommen umschlossen, kamen sie keine Minute zur Ruhe. Polnische Einwohner schossen aus Dachspeichern, Wohnungen und Kellern auf Wehrmachtssoldaten, und Wehrmachtssoldaten auf polnische Einwohner, von Straße zu Straße und Haus zu Haus krachten Gewehre und flammten Granatwerfer. Ein Major befahl Magnus, zum Hauptpostamt vorzudringen, wo sich ein Trupp Partisanen verschanzt hatte, und es wieder in seine Gewalt zu bringen, um jeden Preis.

Sie folgten zehn anderen versprengten Soldaten im Schutz eines Panzers zum Platz vor der Post, der mit Mauerwerk, Ziegeln, verkokeltem Mobiliar, Laternenmasten, Dachrinnen, Kabeln und Leichen bedeckt war. Zeit, in Stellung zu gehen, blieb nicht. Konrad schmiß sich aufs Pflaster und legte aufs Stockwerk an, aus dem eine Hand zwei Granaten ins Freie warf. Die erste der beiden ging knapp vor dem Panzer hoch, wo sie keinen schlimmeren Schaden anrichtete, die andere landete, ohne zu explodieren, auf einer Leiche und kullerte klackernd zum jungen Gefreiten, der sie nicht bemerkte und mit seinem rechten Bein absichtslos aufhielt. Er betrachtete Konrad, den schreiend aufspringenden Konrad, mit staunendem Kindergesicht, unschuldig, ahnungslos und vor Erregung verhangen, als das Sprenggeschoß krachend zerbarst. Zerrissene Gliedmaßen wirbelten durch die Luft, und ein blutiger Batzen traf Konrad am Hinterkopf. Er bekam nichts mehr mit von der Kugel, die in seinen Schenkel drang, sackte bewußtlos zusammen.

Ein Eisernes Kreuz Erster Klasse

Er konnte sich von diesem ahnungslos staunenden Kindergesicht nicht befreien, beharrlich verfolgte es Konrad beim Schlaf und im Wachzustand, stand vor seinen Augen, in schmerzhafter Klarheit, oder vermischte sich mit einem anderen Gesicht, dem des Polen, das er mit einer Salve zerfetzt hatte. Selbst als sein Schenkel bereits wieder zuheilte, ließ sich das Kindergesicht nicht vertreiben. Bald wirkte es abweisend, leidend, verbittert, enthielt einen nicht zu verkennenden Vorwurf, und dieser Vorwurf traf Konrad ins Mark.

Er erwachte auf Holzbohlen, die hart ins Fleisch schnitten, in einem unbeheizten Frachtwaggon, zwischen Dutzenden anderer verwundeter Landser, die wimmerten, husteten, irrsinnig kicherten, halluzinierten und mit dem Gebiß knirschten, Soldaten mit blutigen Kopfbinden, nassem Verbandszeug um Bauch oder Gliedmaßenstummel, zwischen Betenden, Brabbelnden, Sterbenden, Toten. Letztere warf man der Einfachheit halber auf offener Strecke ins Freie. Vor dem Spalt in der Lattenwand an seinem Platz rollten Felder ab, die tief verschneit und verlassen waren, am Tag weiß verhangen, eisig glitzernd bei Nacht, und am Horizont konnte er flackernde Feuer erkennen. Es fehlte an Medikamenten und Eßbarem, und im Lazarettzug, der auf seiner Irrfahrt von Laskowitz bis in die Rostocker Gegend zehn endlose Tage von Bahnhof zu Bahnhof schlich, verendeten sechshundert Mann.

Konrads Nachbar, ein Lehrer aus Lauenburg, scherzte verbissen: »Kennst du unser Ziel, Junge, kennst du es?«, und als er verneinte, erhielt er zur Antwort: »Na, der Teufel, mein Kleiner, das ist unsere Endstation.« An seiner Uniform prangte ein Eisernes Kreuz Erster Klasse, das Konrad beeindruckte. Dauernd linste und schielte er wieder zum EK1, bis der Lehrer es sich eines Tags von der Jacke riß. »Ich brauche es nicht mehr«, versetzte er grinsend, »bald wird man mich eh aus dem Zug schmeißen. Willst du es haben? Greif zu, Junge, steck es an deine Brust.« Er streckte die Hand mit dem schlenkernden Orden aus, und Konrad verging vor Verlegenheit. Einen Sterbenden durfte man nicht vor den Kopf stoßen, trotzdem war es undenkbar, das EK1 anzunehmen. »Das kann ich nicht machen«, entgegnete er. »Und warum?« fragte der seine fiebrigen Augen zum Wagendach hebende Mann. »Das widerspricht den soldatischen Regeln und – es ist moralisch verwerflich.« – »Unsinn«, bellte der Lehrer mit heiserer Stimme, »moralisch ist, was wir uns anmaßen. Hast du den Unterricht wieder verpennt?« Bald nickte er ein, und das Eiserne Kreuz Erster Klasse fiel mit leisem Scheppern zu Boden.

Und als man den Lehrer im Morgengrauen packte, um seine sterblichen Reste ins Freie zu kippen, und Konrad verlangte, dem Toten sein Eisernes Kreuz anzustecken, blieb es unauffindbar.

Am elften Februar hielten sie an einem Ostseebadbahnhof bei Rostock. Endlich verließ er den nach Exkrementen und Todesausscheidungen stinkenden Geisterzug, und auf dem Lastwagen ohne Verdeck, der sie ins Lazarett, ein beschlagnahmtes Seehotel, brachte, das aus der Ferne hochherrschaftlich wirkte und sich von nahem als verlotterter Bau erwies, sog er seine Lungen mit Meeresluft voll. In der Hotelhalle, wo sich ein Feldbett ans andere reihte, versagte sein Kreislauf, und erst in der Nacht schreckte er wieder hoch. Jemand saß auf der Bettkante, hielt seine Hand. Wer das war, konnte er nicht erkennen, trotz des milchblauen Nachthimmels in den zerbrochenen Scheiben. »Bist du es, Alfredo?« verlangte der andere zu wissen, »der Junge vom Buchhalter Kannmacher?« Oh ja, diese Stimme war Konrad vertraut. Niemand lispelte schlimmer als Ferdinand Pooch, Sohn des Ortsgruppenleiters und Konrektors Pooch vom Kreisheimatmuseum Freiwalde.

Als Kinder waren sie miteinander verfeindet gewesen und hatten sich blutig bekriegt: der an seiner Schule als Judenfreund geltende Konrad (Ludwig Kannmacher wollte die Stelle nicht aufgeben, die er im Bankhaus von Samuel Schlomow bekleidete) und der stramm nationalsozialistisch erzogene Ferdinand. Diese Feindschaft blieb auf dem Gymnasium bestehen, selbst wenn sie sich nicht mehr verbimsten. Ferdinand sammelte auch keine anderen Jungs mehr um sich, die er aufhetzen konnte, und um es mit seinen Gegnern allein aufzunehmen, war er zu mickrig und schwach. Bis ins Alter von dreizehn ein bissiger, wilder Kerl, entwickelte er sich zu einem verschlossenen Menschen, der auffallend musisch begabt war. Mit Hingabe spielte er Geige und Orgel, und bei Theatervorstellungen der Schule bewies er als Faust oder Hamlet Talent. Das alles waren Dinge, die Pooch, seinem Vater, mißfielen. Er schrieb Ferdinands musische Ader der an einer Blinddarmvergiftung verstorbenen Mutter zu, die im ganzen zu weich und empfindsam gewesen sei und dem Jungen nur Flausen vererbt habe.

Und es waren die Spannungen mit seiner Stiefmutter, die Ferdinand von der Familie entfremdeten. Anfangs hatten die beiden sich prima verstanden. Als Tochter vom Großbauern Seidenkranz war sie ein Landkind, das zupacken konnte. Frischer Wind zog ins Haus des verwitweten Ortsgruppenleiters und Konrektors ein. Wo verbiesterte Schwermut und Strenge regiert hatten, machte sich Munterkeit breit. Luise, die keinen komplizierten Charakter besaß, war beileibe nicht harmlos. Als Großbauerntochter verstand sie zu rechnen. Und als Großbauerntochter verlangte sie, Mitglied der guten Freiwalder Gesellschaft zu werden, eine richtige Dame von Ansehen und Stand, was sich an der Seite des Ortsgruppenleiters und Konrektors unschwer erreichen ließ.

Mit knapp dreiundzwanzig trat sie in die Ehe ein und nahm sich fest vor, Adolf Hitler zehn Kinder zu schenken, was keine politischen Ursachen hatte – Politik interessierte sie nicht im entferntesten –, es stand einer Ortsgruppenleiterfamilie lediglich gut zu Gesicht. Aus diesem Vorhaben sollte nichts werden, und kein Arzt konnte sagen, warum. Sie strotzte vor Lebenskraft, war kerngesund – warum sich keine Schwangerschaft einstellte, blieb unbegreiflich. Kinderlos bleiben zu sollen verbitterte sie, und diese Verbitterung richtete sich gegen Ferdinand, den sie als leibhaften Vorwurf betrachtete. Sein Dasein erinnerte sie Tag um Tag an den Makel, eine Frau zweiter Klasse zu sein.

»Alfredo, du quasselst im Schlaf, und zwar durchdringend«, kicherte Ferdinand, »ich konnte an meinem Platz beinahe alles verstehen.« – »Und was?« fragte Konrad erschrocken. »Zusammenhangloses Zeug, ›Iwan‹ und ›Bromberg‹ und andauernd ›Eisernes Kreuz‹. Was mich auf dich brachte, waren ein paar Namen: Erwin und Hartmut zum Beispiel. Das sind Pfaff und Hildebrandt, sagte ich mir.«

Erst beim Reichsarbeitsdienst, vor sieben Monaten, den sie in derselben Abteilung ableisteten, hatten beide das Kriegsbeil begraben. An seiner Treue zu Hitler und dem Nationalsozialismus hielt Ferdinand unbeirrt fest, und er zweifelte keine Sekunde am Endsieg. Andererseits sprach er lieber von Geigensonaten und Goethegedichten als von Politik. Und vor seinem Dienst bei der Waffen-SS war dem Ortsgruppenleitersproß mulmig. Zu Recht. Im Laufe der harten Rekrutenausbildung stieß Ferdinand an seine Grenzen. Bei einem anstrengenden Fußmarsch brach er zusammen, und als sie in einen Fluß springen mußten, um in vollem Wichs und mit schwerem Tornister ans andere Ufer zu schwimmen, soff er beinahe ab (Konrad hatte den wieder und wieder im Wasser Versinkenden vor dem Ertrinken bewahrt). Strafhalber mußte er tagelang Wache stehen.

»Und wo bist du verletzt?« wollte Konrad erfahren, der sich auf seine Ellbogen lehnte. »Splitter in beiden Beinen«, erwiderte Pooch, »ist bereits im Dezember passiert. In zwei bis drei Tagen will man mich entlassen.« Es schauderte Ferdinand vor dieser Aussicht, das merkte man.

Mit einem Schulkumpel im Lazarett zu sein und nicht nur in leidende fremde Gesichter zu starren, erleichterte Konrad enorm. Am anderen Tag war er blendender Laune, und von der seinen Schenkel versorgenden Helferin, einer Freiwilligen, die den Bomben auf Rostock entronnen war und sich mit Handschlag als Annegret vorstellte, erbat er sich Stift und Papier. Und mit der Aussicht aufs Meer, das vorm Seehotel grollte und in hohen Wellen an den Strand schwappte, schrieb er begeisterte Zeilen nach Hause. Bei der Schilderung seiner Erlebnisse in Hohensalza und Bromberg bemerkte er selbstbewußt: »Ich will euch nicht langweilen mit meinen ruhmreichen Taten.« Und seine Verletzung verharmloste er, um den Seinen daheim keinen Kummer zu machen, er sei ja ein Sonntagskind, und einem Sonntagskind stoße nichts Ernsthaftes zu. Andererseits konnte er seinen Stolz nicht verhehlen. Dieser Schuß in den Schenkel war wesentlich mehr als ein glimpflich verlaufenes Mißgeschick. Er war ein Beleg von soldatischer Einsatzbereitschaft und Mannhaftigkeit. Und mit der Verniedlichung seiner Verwundung bewies er den Seinen, eine harte Person zu sein – hart gegen den Feind und hart gegen sich selber.

Konrad, der aufrecht im Bett saß, ein Kissen im Kreuz, ließ das Briefpapier sinken und hob seine Augen zum Meer vor den schmierigen Fenstern – teilweise zerbrochen, teilweise mit Pappe vernagelt –, das bis an den Horizont Schaumkronen bildete. Sie schienen sich nicht zu bewegen, als seien sie mitten im Aufruhr des Wassers erstarrt.

Oh ja, er war endlich erwachsen und litt nicht mehr an dieser heillosen Angst. Oder redete er sich das ein? Kam sie nicht wieder, bei Nacht und im Morgengrauen, in Wellen, die sein Unterbewußtsein erreichten, erst harmlos und friedlich, bis sie sich zu haushohen Brechern und Wassergebirgen entwickelten? Sie rasten auf Konrad zu, tosend und donnernd, der hilflos am Ufer stand und nicht Reißaus nehmen konnte. Er erwachte klatschnaß, weinte lautlos ins Kissen.

Das waren Zweifel, die er von sich fernhalten mußte. Er litt nur an Heimweh, das sich mit dem sturmblauen Meer vorm Hotel und der Ostseeluft einstellte, einem schmerzlichen Ziehen, als habe er Fieber.

Um es zu verscheuchen, schob er seinen Brief in den Umschlag, den er mit zitternden Fingern beschriftete. Anschließend richtete er sich im Kissen auf, um sich bei der Rostocker Schwester bemerkbar zu machen. Anfangs konnte er sie nicht entdecken. Es herrschte enormer Betrieb in der Halle zwischen den endlosen Reihen der Feldbetten, belegt mit Verletzten, die stumm in die Luft starrten, zappelten, keuchten und sabberten, und anderen Patienten, die aufstehen konnten, zum Klo schlurften, in eine Hallenecke hinkten, wo man sich zum Rauchen und Skatspielen traf. Freiwillige Helferinnen schwirrten um schwere, sich gegen die Holzdecke stemmende Balken, die sich stellenweise senkte, vom Einsturz bedroht war. Erst als er sich zum Hotelkamin umwandte, erkannte er Annegret, keine zehn Meter von sich entfernt, die einem Kameraden mit Kopfverband bis zum Kinn und nur einem Schlitz, wo der Mund war, beim Trinken half. Sie selbst schaute aufmerksam in seine Richtung, als habe sie Konrad bereits eine Weile beobachtet. Ohne den Brief zu beachten, den er in der Hand schwenkte, wandte sie sich in die andere Richtung, abrupt und erkennbar verlegen.

»Alfredo, was sagst du zu einem Spaziergang am Meer?« wollte Ferdinand wissen, der mit einem Rollstuhl vorm Feldbett aufkreuzte. Mit Hauruck hievte er seinen Schulfreund ins Fahrzeug, das er sich wer weiß wo beschafft hatte. Das uralte Ding machte keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Es eierte, wackelte, quietschte und schlingerte, als sie auf dem vernarbten Parkettboden holterdiepolter dem Ausgang zujagten. Ferdinand lenkte den Rollstuhl in rasendem Tempo von der Promenade zum Brettersteg und auf den morschen, verrotteten Planken zum Strand, wo die Reifen sich tief in den Sand bohrten. »Bist du von Sinnen?« beschwerte sich Konrad, als der Ortsgruppenleitersohn fluchend und ohne Erfolg an den Handgriffen zerrte. Ferdinand gab keine Antwort, und als er den Rollstuhl befreit hatte, tobte er wieder los.

Sie wichen im Zickzack dem Wasser aus, das auf den Strand vordrang, blitzartig und schwer vorhersehbar, lachten und schrieen vor Mutwillen und Lebenslust, als seien sie zwei stumpfsinnig alberne Halbstarke. Konrad hatte sich anstecken lassen von Ferdinands berstender Stimmung aus Mutwillen und Raserei, er riß seine Arme hoch, jauchzte und jubelte, stemmte sich waghalsig aus seinem Rollstuhlsitz und drohte, wenn Ferdinand unversehens wendete, hart auf die Fresse zu fliegen.

Irgendwann ging dem Schulkameraden die Puste aus, er fiel auf den Sandstrand und streckte sich neben dem Rollstuhl aus. Konrad, der seine Augen schloß und das Gesicht in den Wind hielt, erkundigte sich nach Freiwalde. »Hast du Nachrichten von deinem Vater?« – »Und ob«, sagte Ferdinand, der sich am Fahrzeuggriff hochzog, »er will Zyankali nehmen.« – »Was soll das heißen, er will Zyankali nehmen?« Ferdinand gab keine Antwort. Er hielt sich ein Nasenloch zu, um zu schniefen, und schnippte den Rotz auf den Strand. »Na, wenn der Iwan Freiwalde erreicht hat«, versetzte er endlich, »und der ist im Anmarsch. Mein Alter kann nicht in Gefangenschaft gehen, das ist klar, und hat sich Zyankali besorgt. Das ist ein ehrenhafter Tod, oder nicht?«

Sein Schulkumpel sagte das mit einer Ruhe, die geradezu unheimlich war. Konrad schluckte, bald war seine Heimat in Russenhand, und er wußte nicht das geringste von seiner Familie, Mutters letzten Brief hatte er in Hohensalza, vor knapp einem Monat, empfangen. »Besteht keine Hoffnung mehr?« wollte er wissen. »Meinst du den Krieg?« fragte Ferdinand lispelnd. Wenn er sich aufregte, stieß er besonders scharf mit seiner Zungenspitze an. »Na klar besteht Hoffnung, bist du nicht bei Trost? Adolf wird’s richten, todsicher ist das, und in letzter Minute sein As ausspielen, endlich mit Gas anfangen oder ich weiß nicht was. Wenn wir in letzter Zeit keinen Erfolg hatten, ist das nicht seine Schuld, sage ich dir. Er bekommt ja nicht mit, was passiert, ist von Leuten umgeben, die vollkommen unbrauchbar sind. Gewiß besteht Hoffnung, mein Gott, bis Berlin werden diese mongolischen Horden nicht vordringen.« Ferdinand Pooch klopfte sich seine Hose ab, sprang auf die Beine und strahlte. Und mit heiterem Pfeifen schob er seinen Schulkameraden zum Seehotel hoch, wo sie sich voneinander verabschiedeten. Man hatte seine Entlassung um zwei Tage vorverlegt, und im Morgengrauen mußte er aufbrechen.

Und bald traf der dringlich erwartete Brief aus Freiwalde ein. Annegret brachte das Schreiben an seinen Platz, als er sich, vor einem Blechtopf mit Wasser, der zwischen den Knien klemmte, gerade die Bartstoppeln abschabte. Sie blieb vor dem Feldbett stehen, tauchte den Pinsel ins Wasser und drehte die Cremetube zu – beides hatte sie Konrad am Vortag besorgt –, und er schlitzte, beunruhigt, in Eile, den Umschlag mit seinem Rasiermesser auf. »Schlechte Nachrichten?« wollte sie wissen. Konrad war zu verwirrt, um zu antworten. Was er sich nie hatte vorstellen wollen, trat ein: Seine Familie floh aus Freiwalde. Emilie hatte drei Karten ergattert, die sie selbst, Konrads Schwester Helene und Alma berechtigten, mit einem Schiff in den Westen zu fliehen. Am heutigen Vormittag, um diese Stunde, hievte der Dampfer bereits seinen Anker. Den Seeweg zu nehmen war riskant, Mutter wußte es. Es wimmelte in diesen Breiten von feindlichen U-Booten, die selbst Passagierdampfer ohne Erbarmen versenkten.