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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2018

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Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildung Bodo Baumgarten – Museum Kunstpalast – ARTOTHEK

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ISBN Printausgabe 978-3-498-03242-5 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-00228-9

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-00228-9

 

Schauen Sie, Herr, ja, Sie!, flehend wenden wir uns Ihnen zu, uns hat irgendwer gezeugt und irgendeine geboren, wir verstehen, daß Sie das überprüfen wollen, aber Sie werden es nicht können. Wo ein Woanders ist, dort wissen wir nichts, denn vielleicht ist alles ganz anders und ohnedies immer woanders, und dort ist unser Erkennen nichts. Man hat uns Videos geschickt, meiner Familie,

 

Wir werden mit böser Rede euer gedenken, aber das wird euch ganz egal sein, das wissen wir schon, denn nicht legal sein wird unser Aufenthalt, das ist überhaupt euer Lieblingswort, legal, legal, nicht legal der Aufenthalt, da können wir zeugen, da können unsre Frauen gebären, da können wir uns abrackern, das ist euch ganz wurst, denn von uns kehrtet ihr euer Antlitz, trotz unsres Flehens kehrtet ihr euer Antlitz ab, hat doch keinen Sinn, es wird eh wieder schmutzig, trotzdem, wir flehen, wir flehen, ihr dort oben, hallo, wenn ihr uns nicht wollt, bleiben wir euch ja immer noch als eure Aufgabe, aus den bisher dargelegten Gründen, ja, da liegen sie nun, und keiner baut drauf. Und selbst die Richtung unseres Rückgangs, unsres Rückzugs zu bestimmen, den wir gar nicht verlangen, den ihr von uns fordert, die Rückkehr, egal in welche Richtung, weg, bloß weg!, ist uns nicht gestattet. Dies Zeugnis, dieses unterschriebene Zeugnis befiehlt uns eine Rückkehr, ins umnebelte Land, aus dem wir kamen, wo waren Sie zuletzt? Dort müssen Sie Ihren Antrag stellen! Das ist es, was ihr für uns wollt, immerhin wollt ihr was! Den Kopf, den Kopf haben sie meinen beiden Cousins abgeschnitten, dafür gibt es nicht Zeugen, dafür gibt es einen Zeugen, die Kamera hat heut jeder dabei, ist überall angebracht, angenagelt, alles kann auf der Stelle bewiesen werden, hier können Sie sehen, den Beweis sehen, auf diesem Video, wie zwei Männern

 

Davon, daß jetzt alle tot sind, die ganze Familie tot ist, läßt sich nichts herleiten. Wir sitzen hier, begrüßen, es ist uns egal, wen, es ist uns egal, welcher Gott das ist, man hat es uns gesagt, wir haben es vergessen, doch die Höflichkeit verlangt es, daß wir mit Andacht all die Hochgewaltigen hier begrüßen auf ihren Bildern und den dort vorn, allein auf seinem Altar, grüß Gott, oder wie soll ich sagen? Wir haben an heilige Stätte uns gesetzt wie ein Taubenschwarm, doch die hier kennen nur diese eine Taube, die dort droben auf dem Dach, die wir ganz sicher nicht kriegen werden, die ist zu hoch, vor keinem Falken muß die bang sein, die Taube, und wir? Wir müssen uns vor allem und jedem fürchten. So ist das eben. Den blutverwandten Feinden, unsres Stammes Fluch fielen alle zum Opfer, aber wer nimmt es an, dieses Opfer? Müßte ja eine Menge Götter sein, die so viele Opfer annehmen könnte! Es ist ja keiner mehr da, von mir aus keiner, von uns keiner. Die haben alle umgebracht. Ich bin geflohn, inzwischen der letzte, der allerletzte meiner großen, lieben Familie, ein Sträubender hat einen andren Sträubenden umgebracht, bis nur noch die einen übrig waren, das ist ja angeblich bei uns so Sitte, das ist bei uns so Brauch, daß alle alle umbringen, jeder jeden, doch das ist Angeberei, und trotzdem bleiben von den einen stets mehr übrig als von den andren, vor allem aber die einen die anderen, die bringen sie um, aber was ist, wenn mal keiner mehr da ist? Nun, die ganze Abfolge des Vorstellens können wir hier jetzt nicht durchgehen, Sie könnten es sich sowieso nicht vorstellen, niemand kann es, außer er hat ein Video; die Abfolge des Vorstellens zerbrochen

 

Keine Berufung mehr möglich, nicht einmal auf die Toten, keine Berufung. Ein harmonisches Miteinander wird verlangt, nein, von den Toten nicht, die sind ja weg, von uns, denn wir sollen zum gemeinsamen Wohlstand beitragen. Wie geht das, wie geht das? Welchen Wohlstand? Wir haben von ihm zwar schon gehört, wir haben ihn sogar gesehen, wir sind ja nicht blöd, wir schauen uns um, aber wie geht das mit dem Wohlstand? Wenn er gemeinsam ist, müßten doch auch wir ihn haben? Zumindest bekommen können! Nachdem die menschenmordenden Ungeheuer bei uns, nein, daran sind Sie nicht schuld, das

 

Da steht es außerdem, ja, da steht es! Wir liegen auf kaltem Kirchenboden, dies aber steht da, hier steht es, unverbrüchlich und unverbrüderlich in diese Broschüre gegossen wie Wasser, das unten sofort wieder rausrinnt, wie Wasser, geworfen von Klippe zu Klippe, selber zu Wasser geworden, abgesunken wie Statuen, fast elegant, mit hocherhobenen Händen, aber nein, von Staustufe zu Staustufe, hinab ins Notlose, ins Kleinkraftwerk, so lange, jahrelang, wir schwinden, wir schwinden, werden aber mehr, komisch, wir schwinden trotzdem, obwohl unsre Zahl anschwillt, es schwindet uns nicht der Mut, wir werden mehr, aber immer weniger dabei, es kommen viele gar nicht erst an, es fallen die leidenden

 

Da steht es aber, da steht es wirklich, dort, wo auch wir stehen, sehen Sie uns denn nicht?, sehen Sie uns nicht dort liegen, wo wir gefallen sind?, wir liegen, es steht aber hier, da steht es, wir müssen das lesen, daß wir hier nicht liegen dürfen, vielleicht woanders, aber nicht hier. Hier ist Liegen verboten, es schadet dem Gras, es schadet auch dem Wasser, wär eins vorhanden, es schadet dem Meer, wäre es hier, es wird sich hüten!, es muß dort sein, wo wir liegen, irgendwo müssen wir ja liegen, und es schadet letztlich dem Menschen als solchem. Sie haben es geschrieben, es stellt etwas dar, und jetzt stehen Sie gefälligst auch dazu, nein, Sie müssen nicht stehen, aber liegen müssen Sie auch wieder nicht, so, wir haben uns auf den Kirchenboden gelegt, denn Gott ist für alle da, diese Grenze hat der Gesetzgeber definiert, Ihr Gott endet dort, wo unsrer anfängt, das ist so ähnlich wie mit der Freiheit, da darf niemand eingreifen und auch der

 

Na, will keiner auf dieses Fundament steigen, auf diese Klippe, von der wir jahrelang geworfen werden sollten?, will keiner mit rauf auf dieses Boot, damit wir nicht so allein sind dort, denn wir sind durchaus bereit, auf dieses Fundament aus Menschen zu steigen, zu dem wir hier zusammengepreßt worden sind, so viele von uns, man braucht eine Axt, um uns wieder auseinanderzukriegen, Stück für Stück aus unsrem Haufen. Zusammengebacken wie Brot sind wir, wie soll man uns da bloß rausholen durch die Bullaugen, aus dem Rumpf, der wir selber sind?, wir Rumpfmenschen, keine einzelnen mehr, ein Menschenkuchen, ein grober Menschenklotz unter Ihrem groben Menschenkeil. Von jedem Ding, das man sich vorstellen kann, gibts verschiedene Wesen, wir aber sind grundverschiedene Wesen, die ein einziges Ding wurden, das auf nichts mehr beharrt, das hier verharren muß, denn auseinander reißt uns nichts mehr, voneinander reißt uns nichts mehr fort. Denn wer in der Fremde weilt, dem ist die Beziehung zur Heimat verloren. Was heißt das? Wer sagt das? Das Fehlen der Beziehung ist selber eine eigene Innigkeit dieser Beziehung, nämlich das Heimweh. Welches Weh? Wir haben vorher gar nicht gewußt, was ein Weh ist, nein, wir haben nur das gewußt, nichts sonst. In andrer Heimat, in der