Herbert Rosendorfer / Fabius von Gugel

Die Erscheinung im weißen Hotel

Unheimliche Geschichten zu unheimlichen Bildern

Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG

Kurzübersicht

Inhaltsverzeichnis

Über Herbert Rosendorfer / Fabius von Gugel

Herbert Rosendorfer, 1934 in Bozen geboren, war Jurist und Professor für Bayerische Literaturgeschichte. Er war Gerichtsassessor in Bayreuth, dann Staatsanwalt und ab 1967 Richter in München, von 1993 bis 1997 in Naumburg/Saale. Seit 1969 zahlreiche Veröffentlichungen, unter denen die ›Briefe in die chinesische Vergangenheit‹ am bekanntesten geworden sind. Herbert Rosendorfer, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen geehrt, u.a. dem Tukan-Preis, dem Jean-Paul-Preis, dem Deutschen Fantasypreis, dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und zuletzt 2010 mit dem Corine-Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten. Er lebte seit 1997 mit seiner Familie in Südtirol und starb 2012 in Bozen.

 

Fabius von Gugel, 1910 in Worms geboren, Zeichner, Bühnenausstatter (Oper Rom, Fellini), Porzellangestalter, Maler (Palazzo Cicogna, Venedig) und Dichter (»Lob der Verzweiflung«).Weltausstellung 1958 in Brüssel Grand Prix, Vitrine für Phillip Rosenthal. Gestaltung der Ausstellung »Fragen an die deutsche Geschichte« im Berliner Reichstagsgebäude 1971. Sein Hauptwerk ist das »Aschen-Brödel« von 1946–1948, eine Text-Bild-Phantasie zu dem bekannten Märchen der Brüder Grimm, in der Zeichnung und Dichtung einander wechselseitig ergänzen. Fabius von Gugel starb 2000 in München.

Über dieses Buch

Ein Gast betritt das seltsame Hotel Karodamsky, in dem es unaufhörlich knistert und raschelt, und angesichts der Figurengruppe, die den Besucher starr zu mustern scheint, kommt ihm eine jähe Einsicht in den Charakter Gottes ...

Aber dann gibt es auch noch das »Weiße Hotel«, ein Rausch an Weiß, verletzlich wie alles Vollkommene, bevölkert von kauzigen und skurrilen Figuren, deren Schicksale auf wundersame Weise ineinander verwoben scheinen. Gleichsam wie in einem Labyrinth eilt der Leser von Geschichte zu Geschichte und entdeckt immer mehr Zusammenhänge. Und wie in einem nicht enden wollenden Traum scheint es eines nicht mehr zu geben: einen Ausgang.

Inspiriert von Fabius von Gugels surrealistischen, aber auch humorvollen Zeichnungen läßt Herbert Rosendorfer eine nächtliche Traumlandschaft des meist auch spaßigen Irrsinns entstehen.

Impressum

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei KiWi Bibliothek

© 2018 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

Illustrationen von Fabius von Gugel

© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 

Covergestaltung: Rudolf Linn, Köln

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN (eBook) 978-3-462-41217-8

I

Ein einziges Mal war ich Gast im Grand Hotel Karodamsky. Ob ich dort jemals wieder absteigen werde, erscheint mir fraglich.

Die Halle war hell erleuchtet, aber leer, die Portiersloge unbesetzt. Ich stellte meinen Koffer ab und wartete einige Minuten. Kein Portier ließ sich blicken. Es war still in der Halle, nur weiter hinten (oder oben?) waren leise Schritte und das Klappern von Besteck zu hören. Nach den erwähnten Minuten wurde ich ungeduldig und drückte auf den Knopf der auf ein poliertes Holzstück montierten Klingel. Der Ton war so dumpf, als sei die Glocke innen mit Samt ausgelegt. Ich schlug fester auf den Knopf. Der Ton wurde nicht heller, es kam, ich wunderte mich nicht, niemand. Ich schrie: »Halloh!«, erst verhalten, dann ungezügelt. Ich schrie und nahm die – wie sich herausstellte – unbefestigte Klingel samt Holzstück in die Hand und schlug damit auf das Pult. Es kam niemand. Ich machte mich auf die Suche, nahm den Koffer mit, obgleich er schwer war: wer weiß, dachte ich, ob man in so einem merkwürdigen Hotel sein Gepäck unbewacht stehen lassen darf.

Ich ging durch Gänge, ich versuchte, dem Geräusch der Schritte und des Besteckklapperns nachzugehen, aber es gelang mir nicht. Es entfernte sich stetig, äffend, bald war es hinter mir, bald schien es aus dem Keller zu kommen.

Alle Türen waren grün, nur eine war rot. Ich öffnete diese – ohne anzuklopfen – man verdient, dachte ich, solche Höflichkeit in diesem Hotel nicht, und ich stand vor einer lebensgroßen Statuengruppe. Nein: Wachsfiguren. Abermals nein: Menschen. Drei Damen und ein Herr. Große, unsichtbare Ameisen (oder auch Käfer – kleine Vögel?) krochen herum, ihr Rascheln oder Knistern oder wie man sagen soll war der einzige Laut im Raum. Es waren keine unsichtbaren Ameisen und keine Käfer und keine Vögel, es war das Knistern und Rascheln der schwarzseidenen Kleider der Damen. Die Kleider knisterten und raschelten, obwohl sich die Damen nicht bewegten: wohl ein ungewolltes, stetes Knistern und Rascheln der Seide – hervorgerufen von der Erdumdrehung?

Der Raum war ein reichgeschmückter Saal. Über Geschmack läßt sich streiten. Als die rote Tür hinter mir ins Schloß fiel, war das ohnedies ferne Geräusch der Schritte und des Besteckklapperns nicht mehr zu hören. Die nackte Karyatide schien das lebendigste Wesen im Saal. Selbst der Mops zu Füßen der einen Dame schien ausgestopft. (Angenehm – ich ziehe ausgestopfte Hunde lebendigen vor.) Aber da hob die – von mir aus gesehen – linke der Damen die linke Hand und sagte … ich muß einfügen: alle schauten, um nicht zu sagen blickten starr, mit weit aufgerissenen Augen, es war die ganze Zeit über kein Wimpernschlag wahrzunehmen, blickten auf mich, befremdet (ängstlich?).

… sagte also die linke Dame: »Herr Gerriet Karodamsky, der Gründer des Hotels, hat Ihnen eine Mitteilung zu machen.«

»Es heißt«, sagte Herr Karodamsky und legte die rechte Hand zu einer, wenn man so sagen kann, milden Faust geballt auf den Tisch vor ihm, »der Herr habe den Menschen nach Seinem Bilde geschaffen. Das läßt leider keine guten Rückschlüsse auf Seinen Charakter zu.«

II

»Ich bete – aber zu wem? Wie lang habe ich mich in das schwarze Buch vertieft, habe mir die Augen aus dem Kopf geschaut, aber ich habe nicht erfahren, zu wem ich beten muß. Zur Puppe mit dem Puppenkind dort auf dem Schrank? Ich kann es aus dem schwarzen Buch nicht erkennen. Freilich: ich kann nicht lesen. Vielleicht liegt es daran. Wer lesen könnte! Ich sollte lesen lernen, aber es ist zu spät. Ich merke, daß es zu spät ist.