Hamster im hinteren Stromgebiet

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Während ich mit meiner vor wenigen Wochen volljährig gewordenen Tochter an einer Hausarbeit über Bipolarität arbeitete, wurde mir plötzlich übel. Ich stöhnte leise auf, eher nachdenklich als besorgt, und kniff die Augen zusammen. »Alles klar, Papa?« »Mir wird gerade ein bisschen komisch. Geht sicher gleich wieder.« Ich musste den Blick vom Computer abwenden, da sich mein Unwohlsein direkt aus der unangenehmen Lichtintensität des Bildschirmes zu speisen schien. Ich sah auf und innerhalb der nächsten Sekunden zerfiel der Raum um mich herum. In den Wänden der Küche begannen Partikel zu zucken, zappelnde Einzeller aus Licht teilten und vermehrten sich und wuselten herum wie Mikroorganismen unter dem Mikroskop. Die Oberflächen wurden unscharf und sanfte Wellen schwappten durchs Mauerwerk. Zwei großformatige Fotografien meiner Töchter gerieten in Bewegung, ihre Gesichter trieben wie in einem Horrorfilm unter einer milchigen Eisdecke auf und davon. Die Zimmerdecke erschlaffte, hing durch und blähte sich mir entgegen. Ich spürte die Wölbung meiner Augen. Um nicht vom Stuhl zu kippen, legte ich die Handflächen auf die Tischplatte. Mein linkes Bein fing sanft zu kribbeln an, auf dem Schienbein eine Ameisenstraße, dann stärker und verlor seine für mich eindeutige Position im Raum. Mit einer prickelnden

Noch Jahrzehnte später ploppte meine Enttäuschung zuverlässig auf. Mit Legasthenikern Teekesselchen raten spielen! Was für eine Gemeinheit. Immerhin, immerhin, dachte ich, denken geht. Und beschloss: besser bewegungshalbiert denken können als fidel, aber erinnerungsamputiert herumrennen. »Wann kommt denn dieser Krankenwagen endlich?« Die Mutter meiner Kinder drückte ihre Zigarette aus, deren Rauch sie rücksichtsvoll weit aus dem Fenster gelehnt um die Ecke geblasen hatte, und rief erneut bei, wie es in Österreich wesentlich verheißungsvoller heißt, »der Rettung« an. Doch meine Rettung ließ auf sich warten, nahte nicht. Mutter meiner Kinder ist schon ein verlogener und letztendlich herabwürdigender Ausdruck. Die Frau, mit der ich mal gelebt, mit der ich zehn Jahre verbracht, mit der ich zwei Töchter habe, wird da brutal weggeschnitten und rückstandslos ins Mutterfach verfrachtet. Aber Ex geht noch weniger. Da saust stets die Guillotine mit hinunter, in der die Ex exekutiert wird, da bleibt dann nicht einmal die Mutter übrig. Meine kleine Tochter kam zu mir und streichelte mir über den Rücken. Es erstaunte mich ein wenig, wie ihre Berührung an einer genauen Linie zwischen meinen Schulterblättern ins Nichts

Warum dachte ich ausgerechnet jetzt an banale Kindergeschichten? Gab es da nichts der Hirnkatastrophe Angemesseneres? Immer wieder rannte meine kleine Tochter zum Fenster, um Ausschau nach der Rettung zu halten. Sie trug ein kariertes Hemd mit Krawatte, die Haare streng zum Zopf gebunden. Dazu ihre Brille! Sie sah aus wie ein Zauberlehrling in Aufruhr. Einer ihrer beiden oberen Schneidezähne steht hinter der Zahnreihe, wird mehr und mehr von den anderen zurückgedrängt und hätte längst mit einer Spange korrigiert werden müssen. Eines der vielen Themen, über das ich durch die Trennung mein Mitspracherecht eingebüßt hatte.

Zwei Sanitäter kamen in die Küche gepoltert. Schleppten eine nie zuvor gesehene Art Krankensänfte herein. Ihr professioneller Pragmatismus kam mir vom ersten Moment an gestelzt vor. Sie hatten das natürlich gelernt, diese freundliche Sachlichkeit, aber ich spürte bei einem der beiden eine gewisse Unsicherheit. Lange, war ich mir sicher, ist der noch nicht dabei. Mir wurde in die Pupillen geleuchtet. Mein Zustand hatte sich in den letzten Minuten stetig verschlechtert und die motorische Entmündigung schritt weiter voran. Ich war zwar klar im Kopf und konnte sprechen, aber die gesamte linke Seite war wie von einer schweren Last erstickt

»Spüren Sie das?« Der unsichere der beiden Sanitäter strich mir über den Arm. Ich hatte zwar seine Hand die Bewegung machen gesehen, aber nichts davon gemerkt. »Nein.« »Und das?« Er hob meinen Pullover hoch und pochte mir auf die Brust. »Ich spüre den Druck, aber nicht die Berührung.« »Bitte versuchen Sie doch mal, die linke Hand zu bewegen und sie sich auf den Kopf zu legen.« Ich sah mir meine verblichenen Finger an. Ich wusste nicht, auf welcher Nervenbahn ich ein Signal hätte senden können. »Geht leider nicht.« Zu zweit hoben sie mich in die Höhe und bugsierten mich in die absurd anmutende Trage hinein. In solchen Dingern, dachte ich, trägt man tattrige Grafen die Wendeltreppe hinauf, um sie zu entsorgen und in den Burggraben

Schaukelnd, mit schlackernden Gliedern, ging es die Treppe hinunter. Intensiv vertont vom Schnaufen der Sanitäter. Ihr Keuchen klang wie ein Vorwurf: Patient zu groß, Patient zu schwer, zu viele Treppen. Sie atmeten mir sozusagen direkt ins schlechte Gewissen. Die Klappen des Krankenwagens standen bereits offen, standen eigenartig schräg in der Luft. Ich machte mir sogleich Sorgen um deren Aufhängung, wies die Sanitäter auf die Fehlstellung der Scharniere hin. »Da stimmt doch was nicht mit Ihren Türen.« Meine Tochter sah mich fragend an und ich begriff, wie verschroben meine Beobachtung klang. Sie hievten mich in das geöffnete Maul. Abtransport einer gekappten Marionette. Im Inneren wurde ich – eins, zwei, drei, hau ruck – in einen anderen Stuhl hinübergewuchtet und abermals angeschnallt. Auf der tauben Nackenseite verkrampfte sich meine Muskulatur und zog mir den Schädel Richtung Schulter. Der eine Sanitäter war völlig außer Atem hinter dem Steuer verschwunden, der andere nahm einen Telefonhörer von der Wagenwand. »Wir bringen Sie in eine Stroke-Unit-Ambulanz. Wir brauchen jetzt nur noch die Zuweisung, dann geht’s auch schon los.« »Wie lange wird das dauern?«, fragte ich. Meine Übelkeit dehnte sich immer weiter aus. »Zwei, drei Minuten. Maximal.« Meine Tochter hatte sich nah zu mir gesetzt und beruhigte mich. »Sehe

Der Sanitäter sah auf die Uhr und wurde selbst allmählich unruhig. Er stand auf, klopfte an eine kleine Scheibe, die der Fahrer vorne beiseiteschob. Ich verstand nicht, was sie sagten, und es kam mir so vor, als hätten sie absichtlich stark im österreichischen Idiom gesprochen. Er schob das Türchen wieder zu. »Vielleicht müssen wir den Einzugsbereich erweitern, wenn im Stadtzentrum nichts frei ist.« »Aber wie kann das denn sein?«, fragte ich. »Können wir nicht einfach losfahren? Bringen Sie mich doch in irgendeine Notaufnahme. Ins AKH!« »Das geht nicht. Die schicken uns weg. Sie müssen in eine Stroke.« »Wie lange stehen wir hier denn schon?« »Zwanzig Minuten bestimmt«, fuhr meine Tochter den Sanitäter an. Und ihr erregter und sehr direkter Tonfall ließ den jungen Mann ängstlich die Augen niederschlagen. Hatte es mich etwa durch einen dummen Zufall genau an dem Wochentag, genau zu der Tageszeit erwischt, zu der auch viele andere zusammengeklappt waren? Gab es so etwas wie eine Stoßzeit für Schlaganfallkandidaten? Da rief meine Tochter: »So geht das hier nicht weiter! Wir stehen seit über fünfundzwanzig Minuten auf dem Gehweg herum. Sie rufen da jetzt so lange an, bis Sie einen verdammten Platz für meinen Vater bekommen.« »Aber ich sag Ihnen doch, dass das nichts bringt. Die wissen, dass wir hier stehen.« Ich mischte mich ein und rief: »Zeit ist Hirn!« »Papa, ich mach das schon! – Das ist mir scheißegal. Rufen Sie an! Los, mach schon!« Der Wechsel

Die Sirene erstarb und unter Straßenlaternen hindurch bogen wir auf ein Krankenhausareal ein. Doch noch waren wir nicht am Ziel, denn der Fahrer hatte keine Ahnung, in welchem der zig Gebäude die Spezialintensivstation untergebracht war. Von einem Moment auf den anderen war aus dem entfesselten Blaulichtmonster ein pirschendes Raubtier im ersten Gang geworden. Vorsichtig suchten wir das Gelände ab. Ich war in meinem Stuhl, durchgeschüttelt und leer gekotzt, am Ende meiner Kräfte angelangt und begann zu weinen. »Ich kann einfach nicht mehr.« »Wir sind doch da, Papa. Jetzt wird gleich alles gut. Du hast das so gut gemacht. Jetzt hast du es gleich geschafft.« Der Fahrer drehte die Scheibe hinunter und Luft, die nach Holz und feuchtem Waldboden roch, strömte herein. Der Gestank meines Erbrochenen und der Angstmief wurden aus dem Krankenwagen geweht. Meine Tochter legte ihre Hand auf mein Bein, das immer wilder da- und dorthin tappte, einen halben Charleston tanzte. Dieses Bein schien aufgeregt zu sein in Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Ankunft. Wir krochen an einem Neubau mit quadratischen Fenstern vorbei. Durch den schmalen Sehschlitz hindurch sah ich, kurz belichtet, eine Frau mit Kopftuch in einem Nachthemd. Im Arm ein Paketchen wiegend, eine klitzekleine Hand ihr entgegengestreckt.Ihr vom Stoff wie gerahmtes Gesicht voller Zärtlichkeit, versunken im winzigen Gegenüber. Obwohl sie nur über meine Netzhaut huschte, war in dieser Momentaufnahme eine zeitlose Zugewandtheit wie in einem sorgfältig komponierten Gemälde konserviert. »Worüber lachst du, Papa?« »Ich lache nicht. Mein Mund fühlt sich so eigenartig an.« Ich zog Grimassen. Die Backenzähne steckten viel zu groß und unförmig im summenden Zahnfleisch. Ich hatte mir wohl während der Fahrt ins Wangenfleisch gebissen, schmeckte und schluckte Blut, was meine Übelkeit weiter verstärkte. Der Krankenwagen setzte rückwärts in eine Einfahrt und die Heckklappen wurden aufgerissen. Ich rief: »Vorsicht mit den Türen.« Nach der beschaulichen Rundfahrt über das Areal brach nun erneut Hektik über mich herein. Ich wurde samt Stuhl aus dem Wagen gehoben und konnte plötzlich geschoben werden. Mein schlackernder Fuß rutschte von der Fußstütze und geriet, ohne dass ich es merkte, unter die Räder. Der Rollstuhl blockierte, mit mehreren ärgerlichen Stößen versuchte der offensichtlich vollkommen unerfahrene Sanitäter das Hindernis zu überwinden. Womit hatte er gerechnet? Einer verkanteten Getränkedose, einer toten Ratte? Er rannte um den Rollstuhl herum, ging in die Knie, zog meinen Fuß grob unter dem Rad hervor und knallte ihn zurück auf die Stütze. Wie schnell man doch zum Ärgernis für andere wird. Auf mein geflüstertes »Entschuldigung, bitte« antwortete er breit mit dem landestypischen »Nix passiert«. Das war nun wirklich Ansichtssache.