Impressum

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «Memories of the Future» bei Simon & Schuster, New York.

 

Die Übersetzerinnen bedanken sich beim Deutschen Übersetzerfonds für die großzügige Förderung ihrer Arbeit.

 

Bildnachweis Totenmaske der Baroness auf S. 223: Fonds Marc Vaux, (©) Bibliothèque Kandinsky, Paris

Copyright der Coverabbildung und Zeichnungen © 2019 by Siri Hustvedt

 

Lettering Marcus Gärtner

 

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg bei Reinbek, März 2019

Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg bei Reinbek

«Memories of the Future» Copyright © 2019 by Siri Hustvedt

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen

ISBN Printausgabe 978-3-498-03041-4

(1. Auflage 2019)

ISBN E-Book 978-3-644-00227-2

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-00227-2

Vor Jahren verließ ich die weiten, flachen Felder des ländlichen Minnesota und zog auf die Insel Manhattan, um den Helden meines ersten Romans zu finden. Als ich im August 1978 dort ankam, war er weniger eine Figur als eine rhythmische Möglichkeit, eine embryonale Kreatur meiner Phantasie, die ich auf den Streifzügen durch die Straßen der Stadt als eine Serie metrischer, mit meinen Schritten bald schneller, bald langsamer werdender Beats verspürte. Ich glaube, ich hoffte, mich selbst in ihm zu entdecken, zu beweisen, dass er und ich jeder Geschichte wert waren, die sich uns bot. Ich war in New York nicht auf der Suche nach Glück oder Komfort. Ich war auf der Suche nach Abenteuern, und ich wusste, dass der Abenteurer leiden muss, ehe er nach unzähligen Widrigkeiten zu Lande und zu Wasser nach Hause kommt oder am Ende von den Göttern ausgelöscht wird. Damals wusste ich nicht, was ich jetzt weiß: Während ich schrieb, wurde ich auch geschrieben. Das Buch war begonnen worden, lange bevor ich die Ebenen verließ. Zahlreiche Entwürfe für einen Detektivroman waren schon in mein Gehirn eingeschrieben, aber das bedeutete nicht, dass ich gewusst hätte, wie er ausgehen würde. Mein unausgereifter Held und ich waren unterwegs zu einem Ort, der nicht viel mehr war als eine schimmernde Fiktion: die Zukunft.

Ein dunkles Zimmer mit einer Kochnische, ein noch dunkleres Schlafzimmer, ein winziges, schwarz-weiß gekacheltes Bad und eine Kammer mit bauchig gewölbter Putzdecke im Haus 309 West 109th Street kosteten mich zweihundertzehn Dollar im Monat. Es war ein trostloses Apartment in einem schäbigen, ramponierten, schadhaften Gebäude, und wäre ich nur ein kleines bisschen anders gewesen, etwas materieller eingestellt oder eine Spur weniger belesen, hätten sein schwefelgrüner Anstrich und die Ausblicke auf zwei schmutzige Backsteinwände in der übelriechenden Sommerhitze mir und meinen Ambitionen den Garaus gemacht, doch den dafür notwendigen Grad von Andersartigkeit, wie verschwindend auch immer, gab es damals nicht. Hässlich war schön. Ich dekorierte die gemieteten Räume mit den magischen Sätzen und Absätzen,

Sein Kopf bevölkerte sich mit dem, was er in den Büchern fand, mit Verzauberungen und Turnieren, mit Schlachten, Fehden, Blessuren, Liebesschwüren, Amouren, Herzensqualen und anderem abwegigen Unfug. All das nistete sich so fest in seinem Geist ein, dass ihm das Lügengebäude der phänomenalen Phantastereien, von denen er las, ganz unverrückbar wurde und es für ihn auf Erden keine wahrere Geschichte gab.

Die ersten Momente in meinem ersten Apartment haben in der Erinnerung etwas Strahlendes, was nichts mit Sonnenlicht zu tun hat. Sie sind von einer Idee erleuchtet. Kaution hinterlegt, erste Monatsmiete bezahlt, Tür hinter meinem untersetzten, grinsenden Hausmeister Mr. Rosales geschlossen, sprang ich mit Schweißflecken unter den Achseln in einer Art Freudentanz auf den Dielen herum und warf triumphierend die Arme in die Luft.

Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, mit einem Bachelor in Philosophie und Englisch vom St. Magnus College (einer kleinen, liberalen, von norwegischen Einwanderern gegründeten geisteswissenschaftlichen Universität in Minnesota), fünftausend Dollar auf der Bank, einem Haufen Kohle, den ich gespart hatte, als ich nach dem Examen ein Jahr lang in meiner Heimatstadt Webster als Barfrau gejobbt und mich umsonst zu Hause einquartiert hatte, einer Smith-Corona-Schreibmaschine, einem Werkzeugkasten, von meiner Mutter gespendeten Küchenutensilien und sechs Kisten voller Bücher. Aus Kanthölzern und einer Sperrholzplatte baute ich mir einen Schreibtisch. Ich kaufte zwei Teller, zwei Tassen, zwei Gläser, zwei Gabeln, zwei Messer und zwei

Ich erinnere mich daran, wie sich die Tür hinter Mr. Rosales schloss, und an meinen Jubel. Ich erinnere mich an die zwei Zimmer des alten Apartments und kann im Geiste von einem ins andere gehen. Ich sehe den Raum noch vor mir, doch wenn ich ehrlich bin, kann ich die genaue Konstellation der Risse in der Schlafzimmerdecke nicht beschreiben, jener krakeligen Linien und zarten Blüten, die, wie ich weiß, da waren, denn ich hatte sie eingehend betrachtet, und auch der Größe des Kühlschranks bin ich mir nicht absolut sicher, nur dass er, glaube ich, ziemlich klein war. Ganz sicher bin ich mir, dass er weiß war und an den Kanten abgerundet, nicht eckig. Je mehr ich mich darauf konzentriere, desto mehr Einzelheiten kann ich wahrscheinlich liefern, aber diese Details mögen ebenso gut erfunden sein. Und deshalb werde ich nicht schildern, wie die Kartoffeln aussahen, die vor achtunddreißig Jahren vor mir auf dem Teller lagen. Ich werde Ihnen nicht erzählen, ob sie blass und gekocht oder leicht sautiert, gratiniert oder frittiert waren, weil ich mich nicht daran erinnere. Falls Sie zu den Lesern gehören, die mit unmöglich konkreten Erinnerungen gefüllte Memoiren genießen, muss ich sagen: Den Autoren, die noch Jahrzehnte später eine perfekte Erinnerung an ihre Kartoffelpuffer zu besitzen behaupten, ist nicht zu trauen.

 

 

Und so komme ich in der Stadt an, die ich in Filmen gesehen und von der ich in Büchern gelesen habe, der Stadt, die New York ist, aber auch andere Städte: Paris, London oder St. Petersburg, die Stadt des Glücks und Unglücks des Helden, eine reale Stadt, die auch eine imaginäre ist.

 

Ich erinnere mich an die unheimliche Beleuchtung, die durch die kaputte Jalousie drang, als ich am 25. August zum ersten Mal im Apartment 2B übernachtete. Ich sagte mir, ich müsse ein neues Rollo anschaffen, sonst würde es nie richtig dunkel im Zimmer. Die heiße Luft stand darin. Mein Schweiß durchtränkte die Laken, und meine Träume waren schlimm und lebhaft, doch als ich dann am nächsten Morgen Kaffee gekocht und mit der Tasse auf meine Schaumstoffmatratze zurückgekehrt war, hatte ich vergessen, was ich geträumt hatte. Während meiner ersten Woche in New York schrieb ich vormittags und fuhr nachmittags mit der Subway herum. Ich hatte kein Ziel im Kopf, aber ich weiß, dass mein Herz schneller schlug, wenn der Zug durch die Eingeweide der Stadt rumpelte, und dass meine neu entdeckte Freiheit fast unmöglich schien. Eine Subway-Münze kostete fünfzig Cent, und solange ich nicht durch eine Sperre und die Treppen hinaufging, konnte ich von einem Zug in den anderen umsteigen, ohne nochmals zu bezahlen. Ich tuckerte mit der IRT uptown und downtown, sauste express mit dem A-Train und kreuzte mit dem Shuttle von der West Side zur East Side hinüber, ich

Ich studierte die Penner, Bettler und Bag Ladies in verschiedenen Stadien ihres Abstiegs zu den Demütigungen der Straße. Jahre vor meiner Ankunft in New York hatten

Der Reim auf die Straßen von Manhattan würde warten müssen. Wie sich ein Viertel zum anderen verhielt, konnte auf dem Stadtplan, den ich mit mir herumtrug, nachvollzogen werden, aber das hatte noch keine sinnliche Logik. Wenn ich die Stufen hinaufsprang in die Sonne und das Menschengewimmel, wenn meine Schuhe auf den gebackenen Asphalt und den schmelzenden Teer trafen und ich inmitten des Stimmengewirrs, zwischen Verkehrslärm und allgemeinem Getöse die Kakophonie der Musik aus Ghettoblastern hörte, die auf Schultern oder wie Koffer an Oberschenkeln hin und her schwingend getragen wurden, dann bekam ich eine Gänsehaut, mein Kopf fühlte sich leicht an, und ich rüstete mich für den bevorstehenden Angriff auf die Sinne. Ich erinnere mich an meinen ersten Gang durch die zudringliche, beißend riechende Canal Street, die an den Füßen hängenden gebräunten Enten hinter fettigem Glas, die Wannen mit glänzenden ganzen Fischen, die Körbe und Kartons voller Körner und Gemüse, und die Früchte, deren Namen ich erst später lernen würde: Karambole, Mangostane, Brotfrucht oder Longan.

Dann das schmuddelige Vergnügen der Spaziergänge über den Times Square – die Kunden anlockenden

Ich erforschte das Greenwich Village wegen seiner Boheme-Mythologie, auf der Suche nach der brillanten Dada-Truppe. Ich hielt Ausschau nach Djuna Barnes und Marcel Duchamp, nach Berenice Abbot, Edna St. Vincent Millay und Claude McKay, nach Emmanuel Radnitzky alias Man Ray. Ich hielt Ausschau nach William Carlos Williams und Jane Heap, nach Francis Picabia und Arthur Craven und der erstaunlichen Person, die im Zuge meiner Dada-Forschungen aufgekreuzt war, einer Frau, die ich bis in die Archive der University of Maryland verfolgt hatte, wo ich drei Tage lang ihre zum großen Teil unveröffentlichten Gedichte mühselig mit Bleistift abschrieb: der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, geborene Elsa Hildegard Plötz,

«Kein Mensch fragt nach diesen Sachen», sagte mir die Archivarin, bevor sie die Kästen hervorzog. Dann bin ich also kein Mensch, dachte ich. Die Dokumente der Baroness waren 1970 nach Maryland gelangt, weil Djuna Barnes, die Verfasserin des berauschenden Romans Nachtgewächs, die Briefe, Manuskripte und Zeichnungen ihrer toten Freundin gerettet und in ihrer New Yorker Wohnung aufbewahrt hatte. Als die Universität Barnes’ Nachlass erwarb, kam die Baroness gleich mit. Stunde um Stunde saß ich über Elsas linierten und unlinierten vergilbenden Seiten, studierte einen Entwurf nach dem anderen eines einzigen Gedichts, bis ich benebelt war und mir die Augen weh taten. Am Ende des Tages saß ich auf dem Bett meines Zimmers im Holiday Inn, um nachzulesen, was ich aufgeschrieben hatte, und zu spüren, wie das perkussive Rucken und Zucken der Baroness meinen Körper erschütterte. Sie lebte in den Blättern, die ich nach New York mitnahm, aber downtown gab es keine Spur von ihr. Sie war nicht mal ein Geist. Nichts von ihr war in den engen, schräg verlaufenden Seitenstraßen des Village geblieben.

Die Christopher Street vibrierte damals, ein Open-Air-Theater, das ich gern inkognito durchstreifte, wobei ich in Schaufenstern verstohlen erotische Requisiten und Kostüme einer Art betrachtete, von deren Existenz ich irgendwie gewusst, die ich aber nie gesehen hatte, und ich fragte mich, was mein alter Freund Pastor Weeks wohl von alldem gehalten und dazu gesagt hätte, wenn er neben mir

Ich drückte mich in Buchhandlungen herum, im Coliseum und im Gotham Book Mart, bei Books and Company und im Strand. Im Eigth Street Bookshop kaufte ich Some Trees von John Ashbery, las es in der Bahn und dann wieder und wieder laut bei mir zu Hause. Ich entdeckte den National Bookstore am Astor Place, der vollgestopft war mit verlockenden wissenschaftlichen Büchern, in Plastik verpackt, um das Befingertwerden durch Leute wie mich zu verhüten, und überwacht von einem weißhaarigen Tyrannen, der mit seinem pochenden Bleistift die Zeit vorgab und losbellte, wenn man zu lange bei einem Buch verweilte, und ich musste ja sparen, deshalb ging ich gewöhnlich mit leeren Händen hinaus, aber der alte Salter, auch nicht gerade der Freundlichste, ließ mich in seinem Buchladen, der direkt gegenüber der Columbia in meinem Viertel lag, auf dem Fußboden sitzen, und dort las ich gegen ein Regal gelehnt so lange, bis ich wusste, dass ich dieses oder

Und wenn ich wollte, dass die Stadt Pause machte, sprang ich die Stufen zwischen den steinernen Löwen hinauf, schritt durch die Türen der New York Public Library und ging schnell in den großen, eines Königs würdigen Lesesaal, setzte mich an einen der langen Holztische unter der gewaltigen Gewölbedecke, von der hoch über meinem Kopf ein Kronleuchter herabhing, und während das stille Tageslicht durch das große Fenster auf mich fiel, bestellte ich ein Buch, und dann las ich stundenlang und fühlte mich, als wäre ich ein Wesen reiner Möglichkeit geworden, ein Körper, der sich in einen verzauberten Raum endloser Ausdehnung verwandelt hatte, und so, beim eintönigen Rascheln umgeblätterter Seiten, beim Husten und Schniefen und hallenden Schritten in dem riesigen Saal und gelegentlich ungezogenem Geflüster dort sitzend und lesend, fand ich Zuflucht im Rhythmus des jeweiligen Geistes, den ich für die Dauer des Lesens entlehnt hatte, in Sätze vertieft, die ich nicht geschrieben oder erdacht haben könnte, und selbst wenn der Text abstrus, verkorkst oder mir zu hoch war, und davon gab es viele, hielt ich durch, machte mir Notizen und begriff, dass meine Mission eine von Jahren,

Bevor ich das Gebäude verließ, machte ich immer Halt beim Slawischen Lesesaal, öffnete die Tür und warf einen Blick auf die alten Männer, die aussahen wie Elfenbeinschnitzereien ihrer selbst, mit einer Haut von der Farbe grau getönter Eierschalen und langen Bärten in einem blasseren Ton desselben Graus. Sie trugen Schwarz und schienen auf den ersten Blick reglos über den alten Büchern zu sitzen. Nur ihre langen Zeigefinger bewegten sich bedächtig beim Umblättern der Seiten, eine gleichförmige Geste, die mir bewies, dass die Statuen lebendig waren. Die alten Männer müssen jetzt lange tot sein, und der Slawische Lesesaal existiert nicht mehr, aber ich versäumte es nie, hineinzuschauen und diesen speziellen trockenen Geruch alter Gelehrter und wertvollen Papiers zu atmen, in dem mir eine leichte Spur von Weihrauch und der mystischen Philosophie des vorrevolutionären Wladimir Solowjow enthalten zu sein schien. Ich traute mich nie über die Schwelle.

Die Bibliothek ist ein amerikanischer Palast, mit Lennox- und Astor-Geld erbaut, um dem hochnäsigen europäischen Geld zu zeigen, dass es uns nicht das Wasser reichen

Ich bin noch immer in New York, aber die Stadt, in der ich damals lebte, ist nicht die Stadt, die ich jetzt bewohne. Das Geld rollt wie gehabt, doch sein Glanz hat sich über den gesamten Bezirk Manhattan ausgedehnt. Die verblassten Schilder, zerfledderten Markisen, abblätternden Plakate und dreckigen Klinker, die den Straßen meiner alten Nachbarschaft auf der Upper West Side ein allgemein unübersichtliches, trübes Aussehen verliehen, sind verschwunden. Wenn ich mich jetzt an den alten Orten befinde, sehe ich mich mit den gefestigten Konturen bürgerlichen Aufstiegs konfrontiert. Eine lesbare Beschilderung und klare, saubere Farben haben die frühere visuelle Düsternis ersetzt. Und die Straßen haben ihre Gefährlichkeit verloren, diese allgegenwärtige, wenn auch unsichtbare Bedrohung, es könnte jederzeit Gewalt ausbrechen, sodass eine defensive Haltung und entschlossenes Gehen nicht optional, sondern notwendig waren. In anderen Teilen der Stadt konnte man 1978 den schlendernden Schritt des Flaneurs pflegen, aber nicht hier. Binnen einer Woche hatten meine Sinne eine Schärfe gewonnen, die sie zuvor nie gebraucht hatten. Ich rechnete immer mit dem plötzlichen Quietschen, Jaulen oder Krachen, mit der jähen Bewegung, dem wankenden Gang oder dem anzüglichen Grinsen eines sich nähernden Fremden, mit dem undefinierbaren Odeur von Irgendetwas-stimmt-nicht-ganz, der hier und da waberte und mich

 

Ich führte in jenem Jahr Tagebuch. Darin fand ich meinen Helden, den Homunculus meiner vagabundierenden Gedanken, und ich probierte in dem Notizbuch Passagen seines Romans aus. Ich kritzelte und zeichnete und vermerkte zumindest einiges von meinem Kommen und Gehen, meinen Gesprächen mit anderen und mit mir selbst, doch das schwarzweiße Mead-Heft mit dem Bericht über mein früheres Selbst verschwand, kurz nachdem ich die Seiten vollgeschrieben hatte. Und dann, vor drei Monaten, fand ich es ordentlich verpackt in einer Kiste mit Krimskrams, den meine Mutter aufgehoben hatte. Ich musste wohl ein anderes Heft angefangen und das alte im Sommer 1979 nach einem Besuch bei meinen Eltern dort gelassen haben. Als ich das an einer Ecke leicht zerknitterte Notizbuch mit dem absurden handschriftlichen Titel Mein neues Leben auf dem Deckel unter einer Schachtel mit unsortierten Fotos erblickte, begrüßte ich es, als wäre es ein geliebter Verwandter, den ich für tot gehalten hatte: zuerst das Wiedererkennen, bei dem mir der Atem stockte, dann die Umarmung. Erst Stunden später zeitigte das Bild von mir mit an die Brust gedrücktem Notizbuch die lächerliche Wirkung, die es sicher verdiente. Dabei war das zweihundert Seiten dicke Büchlein von unschätzbarem Wert, einfach weil es das, woran ich mich nicht oder falsch erinnerte, mit einer Stimme, die zugleich meine und nicht ganz meine ist, mal mehr, mal weniger zurückbrachte. Es ist komisch. Ich dachte, ich hätte jeden Eintrag mit «Liebe Seite» begonnen,

Meine Schwester und ich gingen das ganze Hab und Gut unserer Mutter durch, weil sie aus der unbetreuten Fünfzimmerwohnung auszog, die sie nach dem Tod unseres Vaters fast ein Jahrzehnt bewohnt hatte. Ihr Ziel war ein Einzelzimmer im Flügel für Betreutes Wohnen derselben Seniorenanlage, was bedeutete, dass wir nur Meter, keine Kilometer zurücklegen mussten, aber der Umzug erforderte eine drastische Verringerung ihrer Besitztümer. Obwohl kein fröhliches Ereignis, war der Wechsel weniger schmerzlich, als er hätte sein können, da unsere zweiundneunzigjährige Mutter zwischen ihren neuneinhalb Jahren «Unabhängigkeit» und dem neuen Wohnort, der «Betreuung» einschloss, die schwache, bettlägrige Bewohnerin des als «Pflegestation» bekannten dritten Flügels der Einrichtung gewesen war. Zehn Monate zuvor hatte der behandelnde Arzt sie für so gut wie tot erklärt, natürlich ohne diese Worte zu gebrauchen. Dr. Gabriel hatte uns gesagt, wir müssten uns auf ihr Ableben vorbereiten, natürlich ohne auch dieses Wort zu benutzen. Stattdessen hatte er uns letztes Jahr Anfang Oktober eindringlich gebeten, uns auf ein «frühes Weihnachten» einzustellen, Weihnachten Ende Oktober oder Anfang November, was heißen sollte, dass unsere Mutter im Dezember wohl kaum noch irgendwo auf Erden sein würde, wenn sie also noch ein bisschen Freude an ihrem Lieblingsfest haben wollte, sollten wir uns besser damit beeilen.

Obwohl keine von uns beiden ihm darauf antwortete, fanden wir den Vorschlag absurd, das Kalenderjahr zu

Unsere Mutter erlebte Halloween, sie erlebte Thanksgiving, sie erlebte Weihnachten und Ostern, und als der Sommer gekommen und gegangen war und die Blätter der Bäume jenseits der Pflegestation allmählich rostbraun wurden, lag sie nicht mehr im Sterben, und da sie sich von der letzten Schwelle zurückgezogen hatte und die Verwaltung der Pflegestation ihr Bett für jemanden brauchte, der wirklich an der «Pforte des Todes» (auch dies nie ausgesprochene Worte) stand oder vielmehr lag, stuften sie sie in Betreutes Wohnen hoch, stimmten aber nicht der Rückkehr in ihr altes unabhängiges Quartier zu, was sowohl den Umzug

Meine Mutter hat sich inzwischen gut in ihrem neuen Zimmer eingelebt, und es würde mich nicht wundern, wenn sie noch weitere zehn Jahre lebte, aber sie vergisst. Sie vergisst, was ich ihr eben am Telefon gesagt habe. Sie vergisst, wer gerade mit einer Tablette, einem Glas Wasser oder getoastetem Rosinenbrot in ihr Zimmer gekommen war. Sie vergisst, dass sie die Tablette gegen ihre Arthroseschmerzen eingenommen hat, und sie vergisst, ob irgendjemand zu Besuch da war, und spricht mit mir stattdessen über die Orchideen auf ihrer Fensterbank. Sie beschreibt die Farben und wie viele Blüten an den einzelnen Zweigen übrig sind und wie das Licht darauf fällt, «ein paar Wolken heute, deswegen ist das Licht gleichmäßig». Sie ist wortgewandt und erinnert sich an vieles in ihrem Leben, besonders an ihre Kindheit und Jugend, und kommt dieser Tage gern auf die alten Geschichten zurück. Gestern erzählte sie mir eine meiner Lieblingsgeschichten, die ich als Kind immer wieder von ihr erzählt bekommen wollte. Sie und ihr Bruder hatten das Gesicht von Eva Harstad am Fenster im ersten Stock des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, am Ende der Maple Street in Blooming Field gesehen. «Oscar und ich gingen bei Sonnenuntergang nach Hause. Am Himmel waren rosa Streifen und ein seltsames Licht. Wir sahen sie beide am Fenster. Unmöglich, wie du weißt, denn sie hatte sich ein Jahr zuvor erhängt, die arme Eva. Wir kannten sie nicht gut. Es war ein Kind unterwegs, verstehst du. Niemand fand je heraus, wer der Vater war. Ihr Tod hatte jeden in der Stadt, der nicht böswillig, scheinheilig oder heuchlerisch war, traurig gemacht, aber da war sie mit ihrem langen

 

Die Vergangenheit ist fragil, fragil wie Knochen, die mit dem Alter brüchig geworden sind, fragil wie an Fenstern gesehene Geister oder wie Träume, die beim Aufwachen zerfallen und nichts hinterlassen als ein Gefühl des Unbehagens oder der Bedrängnis oder, seltener, eine Art unheimliche Befriedigung.

2. September 1978

Liebe Seite,

wie habe ich auf dieses Jetzt gewartet, das Jetzt, das verschwinden wird, wenn ich es nicht packe, schüttele und seine berstende Präsenz entlade.

Mein heldenhafter Junge ist in nur wenigen Tagen mehr geworden als ein Impuls! Er hat eine Gestalt, groß und dünn, und einen festen Wohnsitz – nebensächlich für die Belange der meisten. So sind wir uns also ähnlich, er und ich. Ian Feathers. Seine Initialen: I.F., wie «if» oder «wenn» … eine

Und etwas Seltsames: Meine Nachbarin nebenan psalmodiert jeden Abend. Vielleicht ist sie eine Hare-Krishna-Jüngerin, oder sie gehört zur Sekte dieses dumm aussehenden, fetten Maharadscha-Jungen, dessen Bild ich mehrfach gesehen habe. Sie sagt bindau, bindau, bindau, immer und immer wieder. Gestern unterbrach sie ihr Bindau-Gejammer und sagte laut: «Sie wollten jemand anders.» Das Leid in ihrer Stimme schnürte mir einen Moment die Kehle zu. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, wer «sie» waren, und der Satz geht mir immer noch nach. Als hätte er irgendeine besondere, schreckliche Bedeutung. Ich glaube, sie hat wohl mitten in der Nacht auch gejault und geröchelt, aber ich war nicht wach genug, um die Laute zu verfolgen.

1. Kapitel.
Ian wird zwischen Buchdeckeln geboren

Ian Feathers las als Kind so viele Detektivromane, dass seine Mutter sich Sorgen machte, seine Augen würden vor Überanstrengung blind werden und seine der Sonne entzogenen Glieder vor Bewegungsmangel verkümmern. Mr. und Mrs. Feathers glaubten, wie vor ihnen die Griechen, an «Mäßigung in allen Dingen». Die amerikanische Version dieses antiken Sinnspruchs lautete «ausgewogen». Die Feathers liebten ihren großen, dünnen, kurzsichtigen, gefräßig lesenden Jungen, aber sie gaben sich große Mühe, ihn zurechtzustutzen und zu formen – zu seinem eigenen Besten. Wie alle

Obwohl Ian, um seine Eltern zu erfreuen, von Zeit zu Zeit eine angenehme Ausgewogenheit anstrebte, zumindest den Anschein davon, gehörte seine Leidenschaft für mysteriöse Sachlagen, ungelöste Verbrechen, Diebstahl, Raubüberfall und Mord, insbesondere Mord, in die unamerikanische Kategorie des Zuviel. Ians «wirkliches» Leben wurde in Büchern gelebt, nicht außerhalb von ihnen. Dabei war die Grenze zwischen innerhalb und außerhalb der Buchdeckel nicht entscheidend. Morde kamen in Feathers’ Heimatstadt

Liebenswürdig nahm Ian über die Jahre die Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke seiner Eltern an, die seinen Fanatismus umlenken sollten – den Basketball (in den sie wegen der überragenden Statur ihres Sprösslings große Hoffnungen setzten), den Baseball samt Schläger; ihre späteren Gaben Tennisschläger, Skier, Badehose und Taucherbrille; und ihren letzten Versuch in Richtung des Anderen, der er, wie sie hofften, werden könnte – ein Federballnetz und -bälle –, doch Ian weigerte sich nicht nur, Sport zu treiben, er mochte ihn nicht einmal. Wäre er eine geometrische Figur und kein Junge gewesen, dann ein großes Kuboktaeder mit vielen vorstehenden Punkten, Punkten, die er schärfte, seit er seine Berufung im Leben durch jenes unnachahmliche Genie der Analyse und Logik entdeckt hatte, den glänzenden S.H.: Sherlock Holmes.

3. September 1978

Heute Nachmittag war ich wieder im Hungarian Pastry Shop, meinem neuen Lieblingslokal. Las zwei Stunden bei einem Kaffee mit Gratisnachschank. Rauchte zu viel. Buch: Bergsons Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Machte

Ich habe keine Erinnerung an Wanda.

 

Ich schwebe über dem Selbst, das Wanda kennenlernte und dann über sie schrieb. Ich bin irgendwo oben an der rissigen Decke des schäbigen, fast leeren Apartments, der Geist des Was-sein-wird, der mit einer Mischung aus Verwunderung und Mitleid auf die über ihr Heft gebeugte junge Person hinabblickt. Die Tagebucheinträge rufen mir in Erinnerung, dass ich damals rauchte – ich füge meiner mentalen Szenerie eine Zigarette hinzu und beobachte, wie der Rauch von dem weißen Glimmstängel zwischen ihren Fingern aufsteigt. Eine junge Frau sitzt rauchend da und produziert Prosa, eine Seite um die andere, manche gut, manche schlecht, aber bald verirrt sie sich in einem

 

Die Geschichte geht weiter.

 

Meinem Tagebuch zufolge begriff ich am 5. September, zwei Tage nachdem ich Wanda kennengelernt hatte, dass meine Nachbarin kein Mitglied einer fernöstlichen Sekte war. Ich schlief nicht gut. Wenngleich die schlimmste Hitze vorüber war, hatten sich die Räume des Apartments noch nicht abgekühlt, und meine Nächte waren erfüllt vom Lärm der Stadt, einem Krach, der einiger Gewöhnung bedurfte, da ich mit so andersartigen Geräuschen aufgewachsen war. Im Sommer reichte zu Hause eine einzige klagend neben meinem Ohr schwirrende Mücke, um mich wach zu halten, aber ich liebte es, dem Chor der Grillen in der Abenddämmerung oder den frühmorgens singenden Heuschrecken zu lauschen. Ich schlief bei ihren Gesängen und den unterschiedlich starken Winden, die Äste knacken und das hohe Gras draußen vor dem Haus flüstern ließen. Wenn die Junistürme kamen, donnerte es nahe, und es donnerte in weiter Ferne, und mein Herz pochte vor Aufregung, während der Himmel strömendes Wasser auf das Dach ergoss, und im Winter, wenn uns ein Schneesturm traf, lauschte ich seinem heiseren Brüllen, dem in Abständen folgenden Heulen und dann der fast lautlosen Stille – alles gelähmt, nur Sonne und Schnee. Aus meiner Beschreibung höre ich Nostalgie heraus, doch mit dreiundzwanzig war ich nicht nostalgisch. Ich begrüßte den städtischen Krawall. Meine Nachbarin beendete ihre Leier meistens gegen zehn, aber

 

An dem Abend, auf den ich eigentlich zu sprechen kommen wollte, saß ich an meinem Schreibtisch, starrte auf die Seite vor mir und grübelte über den vierzehnjährigen Ian und das Rätsel nach, das er lösen will: die häufig beobachtete Erscheinung des Gesichts von Frieda Frail am Fenster des Hauses, in dem sie ein Jahr zuvor an einem epileptischen Anfall gestorben war. Die Notiz, die ich für mich selbst ins Mead-Heft schrieb: «Ians Sherlock-Verehrung führt ihn geradewegs in die Welt der Aussagenlogik und der gültigen oder ungültigen Schlussfolgerung. Unser nicht-so-idealer Junge lebt dafür, Wahres vom Falschen zu scheiden, und beschäftigt sich eifrig mit den Formeln, den

Während meiner Grübelei über Ian, Isadora und die symbolische Logik, mit der ich mich am College befasst hatte, hörte ich meine Nachbarin wieder zu ihrem Singsang anheben, bindau, bindau, bindau. Der Tonfall hatte etwas von einem Klagelied an sich, und ich merkte, dass die leidenden Wiederholungen in mir zu arbeiten begonnen hatten. Sie verlangsamten meine Gedanken und lenkten sie in Richtung von Unglück und Verletzung, als hätte jemand angefangen, mir systematisch die Brust mit Sandpapier abzureiben. Ich ging an die Wand, drückte mein Ohr daran, wünschte, ich hätte das alte Stethoskop, das mein Vater mir überlassen hatte, als ich zehn war, und das jetzt zu Hause in der obersten Schublade meiner Kommode lag, und horchte mit angespanntem, ganz auf die Beschwörungsformel eingestelltem Körper. «Bindau, bin-dau, bin-trau, bin trau, bin traurig.» Und so weiter, mit einer einzigen Variation: «Lucy ist traurig, ist traurig, bin traurig, bin traurig, bin traurig.» Das war schlimmer als ein Mantra. Ich wohnte neben einer Frau, die so traurig war, dass sie ihre Traurigkeit jeden Abend laut proklamierte. Ich konnte fast sehen, wie sie in ihrem Zimmer vor und zurück schaukelte. Ins Tagebuch schrieb ich: «Ich muss sie ausblenden. Habe beschlossen, ein billiges Radio zu kaufen und es abends anzustellen. Ich weiß, wenn sie so weitermacht, werde ich wahnsinnig.

 

«Schaumschlagen» war Code für selbsterzeugtes Tandaradei.