Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Inhaltsverzeichnis

Stern

Am Strand

In Ostende war das gemeine Volk, und damit so viel Lärm, Dreck und Gestank, dass es gar nicht notwendig gewesen wäre, dafür die Enge der Stadt zu verlassen. Zudem hatte die deutsche Sitte des Strandburgenbaus dort Einzug gehalten, die jedem kulturvollen Menschen die Urlaubslaune

Die leichte Patina gehörte zum Charme des Nynfea und die leichte Staubschicht zu den Büchern der kleinen Bibliothek des Salons, dafür waren es von der Terrasse nur ein paar Schritte zum Strand, für die Hotelgäste standen eigene Strandkörbe bereit und, anders als in Ostende, fand man jederzeit eine freie Umkleidekabine. Der Sommer 1914 war bisher ungetrübt gewesen. Die Sonne schien, die Temperaturen waren angenehm, die Möwen standen vergnügt schreiend am Himmel. Stern hatte mit einer auserlesenen Gesellschaft französischer und deutscher Freunde einige sehr erholsame Tage und Nächte verbracht. Ganz abgesehen davon war er das erste Mal mit seiner Verlobten in Coxyde, und da er in ihrer Gegenwart allerorten Glück empfand, fühlte er hier mit ihr Vollkommenheit.

»Die Ostsee«, dozierte Below-Saleske, »bietet angenehmere Bedingungen zum Baden. Aber auch das hiesige Klima ist nicht zu verachten und der Gesundheit äußerst zuträglich.« Da der Familiensitz des Generalkonsuls Saleske war, ein kleiner Ort in Pommern fast direkt an der Ostsee, sah sich der Generalkonsul gewissermaßen

 

Später erfuhr Stern, dass es auf dem Frankfurter Telegrafenamt Bedenken gegeben hatte, die ursprüngliche Nachricht des Vaters aufzugeben, zudem hatte man diesem gesagt, dass in der bestehenden Lage nicht mehr davon auszugehen sei, dass die Nachricht vom Amt in Brüssel weitervermittelt werde. Darum hatte sich Sterns Vater einen Trick ausgedacht und gehofft, dass seinem Sohn auch unter dem reformierten, sogenannten Frankfurter Lehrplan am Goethe-Gymnasium genügend Griechisch beigebracht worden war, seine leicht verschlüsselte Botschaft zu verstehen: »Empfehle sofortige Heimkehr – Polemos«. Dass er diese Nachricht als Telegramm aufgegeben hatte, fügte der Nachricht automatisch ein Ausrufezeichen bei.

»Mein lieber Herr Generalkonsul«, sagte Stern, nachdem er das Telegramm zweimal gelesen hatte, »ich fürchte, wir werden unverzüglich abreisen müssen.« Bedauernd legte er die Pintura vorzeitig im Aschenbecher

Vor ein paar Wochen war bei ihrem Umstieg im Brüsseler Gare Centrale die Aufregung nach den Schüssen von Sarajevo noch spürbar gewesen. Die Zeitungen überschlugen sich mit den wildesten Gerüchten, die sich wie Epidemien verbreiteten. Aber in der hübschen Bimmelbahn, die sie an der Küste entlang zu ihrem Badeort fuhr, verstummte das wilde Summen spätestens hinter Ostende und machte der guten Luft und der Vorfreude Platz. Warum sollten sich Franzosen und Deutsche schon wieder bekämpfen, wenn man doch so friedlich und freundlich miteinander im Zugabteil sitzen und sich auf seinen Badeurlaub freuen konnte? Es würde schon nichts passieren, seit Jahren rasselten alle möglichen Mächte mit

Nun aber war es wohl tatsächlich geschehen. Der Krieg war ausgebrochen. Zwar noch nicht hier in Coxyde, wo Stern und alle anderen Deutschen, die seiner Warnung Glauben schenkten, hektisch die Koffer packten und den nächsten Zug zu erreichen hofften. Vor den Fenstern der schönen Villa des Nynfea wehte immer noch die gleiche Sommerluft wie zuvor vom Meer herüber und aus der Küche drangen wieder die schönsten Düfte nach oben.

Auch die kleinen Orte im Hinterland wie Veume und Diksmuide sahen durch die Zugfenster noch genauso verschlafen aus, wie sie das bei der Hinreise getan hatten. Aber schon als sie in Brügge umstiegen und auf den Zug nach Brüssel warteten, lag etwas Neues in der Luft. Eine unbestimmte Spannung und ungläubige Blicke auf Zeitungsschlagzeilen waren zu einem allgemeinen Gemurmel angeschwollen, junge Männer, noch zivil gekleidet, gaben sich schon wie Soldaten. In Gent füllte sich der Zug weiter mit solchen zukünftigen Soldaten, die ihren Patriotismus in die Hauptstadt trugen.

»Und was werden Sie tun?«, fragte Stern den Generalkonsul diskret auf Französisch. Es schien nicht ratsam, sich hier in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Die Frauen schauten angespannt aus dem Zugfenster.

»Ich werde mich zunächst in Kenntnis setzen, wie meine

»Meinen Sie?«

»Ganz bestimmt wird sich Brüssel nicht auf die Seite der boches stellen. Würde das Land von Flandern aus regiert, wäre das eine andere Frage, aber eine wallonische Haupstadt wird nie auf der Seite von Germanen stehen.«

»Und dann?«

»Was weiß ich? So ein Krieg ist ein großes Unterfangen. Da wird sich sicher auch für mich eine Verwendung finden. Schade ist das eigentlich«, seufzte der Generalkonsul, »nicht mal ein Jahr bin ich dann in Brüssel gewesen. Speziell meine Frau hatte sich nach den Jahren in Bulgarien auf eine Zeit in der Zivilisation gefreut.« Die lächelte nur gequält zu ihnen herüber.

 

Doch in Brüssel angekommen, schien dort die Zivilisation zumindest eine Pause eingelegt zu haben. »A bas les huns« und »Mort au Kaiser!« skandierten Menschenmassen auf den Plätzen. »Sehen Sie zu, dass Sie heute noch hier herauskommen, junger Freund«, raunte ihm Below-Saleske zu. »Hier werden sich Deutsche nicht mehr lange frei bewegen können.«

»Und was ist mit Ihnen?«, fragte Stern.

»So

Nach Deutschland fuhren schon keine Züge mehr, aber Stern und seine Verlobte bekamen noch Billetts für die Holzklasse in einem Zug nach Herbesthal, der sicher früher bis nach Eupen durchgefahren war und nun nicht mehr die Grenze passieren sollte. Der ganze Zug war gestopft voll mit Deutschen, die schnellstmöglich das Land verlassen wollten, und es herrschte große Ungewissheit, wie sie über die Grenze kommen würden.

Zum Glück erwies sich das Ganze als wenig problematisch. Schon auf dem Bahnhof in Herbesthal wurden sie von deutschsprachigen Belgiern empfangen, die hier das Geschäft ihres Lebens machten. Diese nämlich, die sich eigentlich als deutsche Landsleute sahen und die als Belgier dennoch bald Kriegsgegner sein würden, brachten die Deutschen für eine Unsumme mit Pferdefuhrwerken aller Art die knapp zehn Kilometer bis nach Eupen, allerdings war in dem Preis der Grenzübertritt an sicherer Stelle eingeschlossen, was natürlich der eigentliche Grund dafür war, dass Stern wie alle anderen die Fahrt in dem mäßig gefederten Kremser buchte.

Als sie wieder auf deutschem Boden waren, sahen sie, dass die ganze Strecke auf deutscher Seite voll mit Zügen stand, Güterwagen beladen mit Pferden, Gespannen und schwerer Artillerie, neben den Mannschaftswagen campierten Soldaten der 1. Armee, alles war gerüstet,

Dieckhoff

Nach Berlin

Lediglich der Status von Tanger blieb ausdrücklich ungeklärt, sodass Deutschland dort eine Gesandtschaft unterhielt, wo Dieckhoff im Februar 1914 seinen ersten Auslandsposten im diplomatischen Dienst überhaupt angetreten

Und nun war er bald ein waschechter Diplomat, alles, was ihm dazu noch formal fehlte, war die Verteidigung seiner Abschlussarbeit über seine Heimat, das Elsass unter dem Regnum des Sonnenkönigs. Von Seckendorff hatte sich erwartet großzügig gezeigt und Dieckhoff völlig unkompliziert die Erlaubnis gegeben, von Ende Mai bis Anfang Juli 1914 seinen Posten in Tanger zu verlassen, damit er im Amt der Berliner Wilhelmstraße seinen Abschluss zu einem guten Ende brächte. »Machen Sie mir keine Schande«, hatte der Gesandte ihm leutselig auf den Weg mitgegeben. Dieckhoff hatte ihn in den letzten Wochen stets tatkräftig und zuverlässig bei seiner Arbeit unterstützt, wiederholt hatte von Seckendorff den jungen Attaché gelobt und immer wieder seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass der junge Kollege alles gut zuwege bringen werde. Der unter dem Adel so verbreitete Dünkel gegenüber Bürgerlichen war von

Tassaout

Für die Ait Attik bedeutete es nie etwas Gutes, wenn sie vor den Mauern der Kasbah von Megdaz Staub aufsteigen sahen. Das hatte der alte Lahcen immer wieder gesagt, wenn sich die Männer aus Ait Hamza, Ait Ali n’Ito, Fakhour, Tifticht und Imziln versammelt hatten, um über Hochzeiten, die Ernte und die Tiere zu sprechen. Sie tranken Minztee, aßen Walnüsse und Datteln aus der Fint und natürlich war es vor allem der Lehrer, der zu ihnen sprach. Der Levante brachte den Staub und die Dürre nach Megdaz, Tiere und Menschen kamen auf dem Weg entlang des Oued Tassaout zu ihnen herüber. Allein reisende Händler oder die Ait Attik liefen dabei ruhig und kannten die Wege, nur berittene Eindringlinge, die nicht kamen, um sich der allseits gerühmten Gastfreundschaft der Ait Attik zu erfreuen, verursachten Staubsäulen wie der trockene Westwind.

Die Kasbah, deren Tore reich verziert und deren Innenräume nicht nur wegen der blau glänzenden Fliesen angenehm

Aber was hätten sie tun sollen, als die Franzosen mit ihren vielen Pferden und Gewehren nach oben kamen und forderten, dass Lahcen ihnen fünfzig junge Männer gab, wenn sie nicht die Kasbah und ihre Dörfer brennen sehen wollten? All ihr Öl und all ihre Waffen hätten nicht ausgereicht, um die Franzosen mit ihren Gewehren zu vertreiben. Der alte Lehrer hatte um fünf Tage Zeit gebeten, eine Versammlung der Ait Attik einzuberufen, auf der sie darüber beratschlagen konnten, wie zu verfahren sei. Unterleutnant Bernard hatte ihnen drei Tage gewährt, unter der Bedingung, dass er und seine Expedition in der Kasbah einquartiert und bewirtet wurden. Alle Speisen und Getränke für die Franzosen musste immer zuerst einer ihrer Ältesten kosten, die Franzosen wollten nicht vergiftet werden, dabei teilten die Ait Attik

Lahcen sagte auf der Versammlung, er habe keine Zweifel an der Entschlossenheit der Franzosen, Dörfer und Kasbah in Brand zu setzen. Er sagte, hinter der Wüste, hinter dem Meer, in der Heimat der Franzosen, sei ein großer Kampf ausgebrochen und die Franzosen würden jeden Mann brauchen, jeden Berber, jeden Araber, jeden Gnawa, alle. Fünfzig Männer sei eine große Zahl, aber besser als das Ende der Ait Attik sei es allemal. Und darum müssten sie den Franzosen das geben, was sie verlangten. Jede Familie solle zwei junge Männer geben, die Ait Attik seien ein mutiges Volk. Zwar sei das schwer für jede Familie, aber die Familien sollten auch nicht traurig sein: Ihre Männer würden den Ruhm der Ait Attik in die ganze Welt tragen und schon bald zurückkehren nach Megdaz, mit vielen Ehren und Schätzen beladen. Denn ein Kampf, in dem die Ait Attik an der Seite der französischen Gewehre kämpften, könne von den Gegnern nicht gewonnen werden.

Tamanart war der älteste Sohn in ihrer Familie, er musste

Zu seinem Glück war Tassaout in seiner Abteilung auf Aderfit getroffen, einen Berber aus Merrakec, der für die Franzosen gearbeitet hatte und neben Tamazigh auch Französisch und Arabisch sprach. Aderfit konnte ihm sagen, welche Befehle und Beschimpfungen die französischen Offiziere ihnen immerfort zuriefen. Aderfit wusste auch, woher die Gnawa, die vielen Schwarzen aus ihrer Gruppe, kamen. Die Marokkaner hatten deren Vorväter, Menschen aus Mali und Senegal, in der alten Zeit geraubt und als Sklaven verkauft. Erst seit wenigen Generationen sei solcher Handel verboten, war der letzte Menschenmarkt von Merrakec geschlossen worden. Zurückgeblieben seien die Gnawa, die nun zwar nicht mehr Sklaven waren, dennoch ohne Land und Besitz in den Städten lebten, im Land ihrer Vorväter unbekannt waren und von den Marokkanern nicht viel besser behandelt wurden als in früheren Zeiten.

»Aber warum sind hier so viele Gnawa, warum so viele Berber?

»Was soll die Frage, mein Bruder?«, sagte Aderfit. »Warum sollte sich der Sultan von seinen eigenen Leuten trennen?«

»Du meinst, Mulai Yusuf gibt den Franzosen mit Absicht keine Araber für den großen Kampf?«

»Den Franzosen ist das doch egal. Die können doch einen Berber oder einen Araber nicht einmal von einem Gnawa unterscheiden, und wäre der so schwarz wie Ruß. Sie verlangen vom Sultan einfach Köpfe. Und er gibt ihnen Köpfe. In den Augen der Franzosen ist Mulai Yusuf auch nicht viel mehr als ihr Sklave.«

»Pass auf, was deine Zunge spricht!«

»Und was sollen sie tun, wenn sie mich hören? Wie wollen sie mich bestrafen? Mich meinem Heim entreißen und an die Franzosen verschenken? Das Schicksal widerfährt mir bereits. Stell dir vor, sie töten einen von uns. Und dann? Brauchen sie wieder einen Mann mehr, den sie den Franzosen geben müssen, und wo sollen sie den hernehmen? Das ist das Schöne an unserer Lage: Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Du weißt, wie es bei uns heißt: Es ist besser, Meerwasser zu trinken, als der Unfreundlichkeit der Trinkwasserhändler ausgesetzt zu sein. Nein, so wahr ich hier mit dir spreche, mein Bruder, so wahr ist es, dass Mulai Yusuf uns an die Franzosen verraten hat, weil Mouha Zayani schon Truppen sammelt, um gegen ihn zu kämpfen, um selbst Sultan

»Du meinst, es kommt auch in Merrakec bald zum Kampf?«

»Eher heute als morgen, mein Bruder. Merrakec soll nicht mehr sicher für den Sultan sein, es heißt, dass er schon bald seinen Palast nach Arbat verlegen wird.«

 

Von Merrakec marschierten sie in großen Kolonnen nach Anfa, das bei den Franzosen Casablanca hieß, dort trafen sie weitere Alaquiten und Marokkaner und Gnawa. Es schien, als hätten die Marokkaner jeden Schwarzen, den sie finden konnten, den Franzosen überstellt. Sie marschierten zum Hafen und für einen kurzen Moment sah Tassaout zum ersten Mal das Meer, dieses riesige Wasser, das er nur aus alten Märchen der Ait Attik kannte. Aber er hatte keine Zeit, dieses unglaubliche Bild länger zu betrachten, weil man sie alle rasch unter lautem Geschrei in ein riesiges Schiff stopfte.

Die Überfahrt war bei Weitem das Schlimmste, was Tassaout in seinem Leben widerfahren war. Stunden, Tage, Wochen saßen sie in einem übel riechenden, ganz und gar dunklen Raum, der fortwährend schwankte. Sein Leben hatte er unter freiem Himmel, oft stundenlang allein im Gebirge verbracht. Hier war es dunkel und eng, überall hörte man Männer stöhnen und sich übergeben,

Tassaouts einziger Trost waren Aderfit und seine Erzählungen. Er erzählte ihm immerfort vom Meer, dass das Schwanken ihres Schiffs nicht von den Winden, sondern von den Wellen auf dem Wasser kam, und die Gnawa beschworen mit ihren sich immer wiederholenden Gesängen die Geister, die guten, dass sie ihnen beistehen mögen, und die bösen, dass sie die Überfahrt nicht begleiten sollten. Tassaout hätte gern auf das Meer geschaut, aber sie waren hier unten eingesperrt.

Früher, zu Hause, war er schon als Junge mit einem Esel viele Tage durch die Berge geritten bei größter Trockenheit und Hitze. Früher war es ihm geschehen, dass er wochenlang nicht viel mehr als ein paar Nüsse gegessen und sich einmal beim Sturz das Bein gebrochen hatte. Aber im Bauch dieses riesigen Holzungetüms in einer Matte zu hängen, so schlecht gewoben, wie sie kein Kind in Megdaz jemals hergestellt hatte, wo die Frauen kunstvolle Teppiche herstellten, jeder immer anders schön, in dieser Matte, inmitten Hunderter anderer