Der kleine Vampir

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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, August 2012

Copyright © 1979 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildung Amelie Glienke

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ISBN Printausgabe 978-3-499-20216-2 (46. Auflage 2012)

ISBN E-Book 978-3-644-46811-5

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-46811-5

 

Angela Sommer-Bodenburg

Es war Samstag, der Ausgehabend der Eltern.

«Wohin geht ihr denn heute?», wollte Anton am Nachmittag wissen, als seine Mutter im Badezimmer ihre Haare auf Lockenwickler drehte.

«Ach», sagte die Mutter, «erst gehen wir essen und dann vielleicht tanzen.»

«Wieso vielleicht?», fragte Anton.

«Wir wissen das noch nicht genau», meinte die Mutter. «Aber ist das denn so wichtig für dich?»

«Nö», brummte Anton. Dass er den Krimi sehen wollte, der um elf anfing, würde er lieber nicht zugeben. Aber die Mutter hatte schon Verdacht geschöpft.

«Anton», sagte sie und drehte sich so, dass sie ihm fest in die Augen sehen konnte, «du willst doch nicht etwa fernsehen?»

«Aber Mutti», rief Anton, «wie kommst du denn darauf?»

Glücklicherweise hatte die Mutter wieder mit dem Aufdrehen der Haare begonnen, sodass sie nicht mehr sehen konnte, wie sein Gesicht rot anlief.

«Vielleicht gehen wir auch ins Kino», sagte sie, «auf jeden Fall sind wir nicht vor Mitternacht zurück.»

 

Inzwischen war es Abend geworden, und Anton war allein in der Wohnung. Er saß im Schlafanzug auf seinem Bett, hatte die Decke bis zum Kinn hochgezogen und las «Die Wahrheit über Frankenstein». Die Geschichte spielte auf einem Jahrmarkt. Ein Mann in einem wallenden schwarzen Mantel hatte soeben die Bühne betreten, um das Erscheinen des Monsters anzukündigen. Da klingelte der Wecker. Ärgerlich über diese Störung sah Anton von seinem Buch auf. Oh! Gleich elf, höchste Zeit, den Fernseher einzuschalten!

 

Also machte er sich auf den Weg. Er hasste den Flur mit der ewig kaputten Lampe, die keiner reparierte! Er hasste die baumelnden Mäntel an der Garderobe, die wie Wasserleichen aussahen! Und jetzt grauste ihm sogar vor dem ausgestopften Hasen in Mutters Arbeitszimmer, obwohl er sonst so gern anderen Kindern einen Schrecken damit einjagte. Endlich hatte er die Küche erreicht. Er nahm die Apfelsaftflasche aus dem Kühlschrank und schnitt sich eine dicke Scheibe Käse ab. Dabei horchte er nach draußen, ob nicht in der Zwischenzeit der Krimi angefangen hatte. Er hörte eine Frauenstimme. Vermutlich die Ansagerin, die den Beginn des Films ankündigte. Anton klemmte die Flasche unter den Arm und sauste los.

Aber er kam nicht weit, denn schon im Flur merkte er plötzlich, dass irgendetwas nicht stimmte. Er blieb stehen und horchte … und auf einmal wusste er, was es war: Er hörte den

Plötzlich krachte es: Die Apfelsaftflasche war Anton aus der Hand gefallen und rollte über den Flur, genau bis vor die Zimmertür. Anton hielt die Luft an und wartete … aber nichts passierte. Ob er sich die Sache mit dem Einbrecher nur einbildete? Aber warum ging dann der Fernseher nicht mehr?

Er hob die Flasche auf und öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer. Ein merkwürdiger Geruch stieg ihm in die Nase, modrig und muffig wie im Keller, und so, als sei etwas angebrannt. Ob das vom Fernseher kam? Schnell zog er den Stecker aus der Wand. Wahrscheinlich waren Kabel durchgeschmort.

Da hörte Anton ein seltsames Knacken, das vom Fenster zu kommen schien. Und auf einmal glaubte er, hinter dem Vorhang einen Schatten zu sehen, der sich dort vor dem hellen Mondlicht abzeichnete. Ganz langsam, mit weichen Knien, schlich er näher. Der komische Geruch wurde stärker, es roch, als hätte jemand eine ganze Schachtel Streichhölzer abgebrannt. Auch das Knacken wurde lauter. Plötzlich blieb Anton wie angewurzelt stehen – – auf dem Fensterbrett, vor der im Luftzug flatternden Gardine, saß etwas und starrte ihn

Dem Ding schien es Spaß zu machen, Anton in Todesängsten zittern zu sehen, denn jetzt verzog es seinen riesigen Mund zu einem scheußlichen Grinsen, bei dem es seine nadelspitzen, weit herausragenden Eckzähne ganz und gar entblößte.

«Ein Vampir!», schrie Anton.

Anton brachte keinen Ton heraus.

«Bist ja ganz schön mickrig! Nicht viel dran, schätze ich.» Der Vampir musterte ihn mit wilden Blicken. «Und wo sind deine Eltern?»

«Im K-Kino», stotterte Anton.

«Soso. Und dein Vater, ist der gesund? Gutes Blut?» Dabei kicherte der Vampir, und Anton sah die Eckzähne im Mondlicht aufblitzen. «Wie du sicher weißt, ernähren wir uns von Blut!»

«Ich habe ganz schlechtes B-Blut», stammelte Anton, «ich muss immer Ta-Ta-Tabletten nehmen.»

«Du Armer!» Der Vampir kam einen Schritt auf Anton zu. «Stimmt das auch?»

«Fass mich nicht an!», schrie Anton und versuchte auszuweichen. Er stieß genau gegen die Tüte mit den Gummibärchen vor seinem Bett, und sie kullerten über den Teppich. Der Vampir brach in ein dröhnendes Gelächter aus. Es klang wie Donnergrollen.

«Guck mal, Gummibärchen», rief er und wurde ganz sanft, «wie niedlich.» Er nahm ein Gummibärchen in die Hand. «Früher hatte ich auch immer welche», murmelte er, «von meiner Oma.»

Er steckte das Gummibärchen in den Mund und kaute eine Weile darauf herum. Plötzlich spuckte er es in hohem Bogen aus und begann furchtbar zu krächzen und zu husten. Dabei stieß er die entsetzlichsten Flüche und Verwünschungen aus. Anton nutzte die Gelegenheit, um hinter seinem Schreibtisch in Deckung zu gehen. Aber der Vampir war durch den Hustenanfall so geschwächt, dass er auf das Bett sackte und sich

«Das kann auch nur mir passieren», ächzte er, «dabei hat mich Mama ausdrücklich gewarnt.»

«Wieso gewarnt?», fragte Anton neugierig. Hinter seinem Schreibtisch fühlte er sich schon bedeutend wohler.

Der Vampir warf ihm einen wütenden Blick zu. «Weil man als Vampir einen empfindlichen Magen hat, du Dussel! Süßigkeiten sind Gift für uns.»

Er tat Anton richtig Leid. «Kannst du denn Apfelsaft vertragen?», wollte er wissen.

Der Vampir stieß einen entsetzten Schrei aus. «Willst du mich vergiften?», brüllte er.

«Entschuldige bitte», sagte Anton kleinlaut, «ich dachte nur.»

«Schon gut.»

Anscheinend hatte der Vampir es ihm nicht übel genommen. Eigentlich ist er ein ganz netter Vampir, dachte Anton, obwohl er so abscheulich aussieht. Er hatte sich Vampire jedenfalls viel schrecklicher vorgestellt.

«Bist du schon alt?», fragte er.

«Steinalt.»

«Aber du bist ja viel kleiner als ich.»

«Na und? Ich bin eben als Kind gestorben.»

«Ach so.» Damit hatte Anton nicht gerechnet. «Und bist du schon – ich meine, hast du auch ein Grab?»

Der Vampir kicherte. «Kannst mich ja mal besuchen, wenn du willst. Aber erst nach Sonnenuntergang. Tagsüber schlafen wir.»

«Weiß ich alles», protzte Anton. Endlich konnte er mal zeigen, was er alles über Vampire wusste. «Wenn Vampire an die Sonne kommen, sterben sie. Deshalb müssen sie sich nachts

«Kluges Bürschchen», sagte der Vampir giftig.

«Und wenn man weiß, wo einer liegt, muss man ihm einen Holzpfahl durchs Herz jagen!», fuhr Anton fort.

Das hätte er lieber nicht sagen sollen, denn der Vampir brach in ein markerschütterndes Gebrüll aus und fuhr auf Anton los. Aber Anton war schneller. Blitzschnell kroch er unter dem Schreibtisch durch und raste zur Tür, dicht gefolgt von dem wutschnaubenden Vampir. Kurz vor der Tür hatte ihn der Vampir eingeholt.

Jetzt ist es aus, dachte Anton, jetzt beißt er zu! Er zitterte am ganzen Körper. Der Vampir stand vor ihm und schnappte nach Luft. Seine Zähne machten ihr grässliches Klick-Klack, und seine Augen glühten wie feurige Kohlen. Er packte Anton und schüttelte ihn.

«Wenn du noch einmal mit dem Holzpfahl anfängst», kreischte er, «kannst du dein Testament machen, verstanden?»

«J-ja», stammelte Anton, «ich w-wollte dich auch gar nicht ärgern, bestimmt nicht.»

«Setz dich», kommandierte der Vampir barsch. Anton gehorchte, und der Vampir begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

«Und was mach ich jetzt mit dir?», rief er.

«Wir könnten ja Platten hören», schlug Anton vor.

«Nein!», schrie der Vampir.

«Oder Malefiz spielen.»

«Nein!!»

«Oder soll ich dir meine Postkarten zeigen?»

«Nein, nein und nochmals nein!»

«Dann weiß ich auch nichts», sagte Anton ratlos.

Der Vampir war vor dem King-Kong-Poster stehen geblieben.

«Das ist gemein», protestierte Anton, «mein Lieblingsposter.»

«Na und?», zischte der Vampir. Jetzt hatte er die King-Kong-Bücher im Regal entdeckt, und Seite für Seite flatterte, mitten durchgerissen, auf das Bett.

«Meine Bücher», heulte Anton, «alle vom Taschengeld gekauft.»

Plötzlich hielt der Vampir inne – ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

«‹Dracula› …», las er halblaut, «mein Lieblingsbuch!» Er sah Anton mit strahlenden Augen an. «Kann ich das mal leihen?»

«Meinetwegen. Aber wiederbringen, verstanden?»

«Anton. Und du?»

«Rüdiger.»

«Rüdiger?» Fast hätte Anton laut losgeprustet, aber er konnte sich gerade noch beherrschen. Schließlich wollte er den Vampir nicht noch einmal in Wut bringen.

«Ist aber ein hübscher Name», sagte er.

«Findest du?», fragte der Vampir.

«Wirklich. Und so passend.»

Der Vampir sah sehr geschmeichelt aus. «Anton ist aber auch ein hübscher Name.»

«Find ich überhaupt nicht», sagte Anton, «in der Schule lachen sie immer. Aber mein Vater heißt auch Anton, weißt du.»

«Ach so.»

«Und mein Opa hieß auch schon Anton. Als ob mich das interessiert.»

«Eigentlich fand ich Rüdiger bisher auch immer ziemlich doof», sagte der Vampir. «Aber man gewöhnt sich.»

«Ja, man gewöhnt sich», seufzte Anton.

«Sag mal, bist du öfter so allein zu Haus?», fragte der Vampir.

«Jeden Samstag.»

«Und hast du gar keine Angst?»

«Doch.»

«Ich auch. Besonders im Dunkeln», erklärte der Vampir. «Mein Vater sagt immer: ‹Rüdiger, du bist kein Vampir, du bist ein Hasenfuß!›» Sie sahen sich an und lachten.

«Ist dein Vater auch Vampir?», fragte Anton.

«Na klar!», sagte der Vampir. «Was denkst du denn?»

«Und deine Mutter auch?»

«Natürlich. Und meine Schwester und mein Bruder und

«Hilfe», rief Anton, «deine ganze Familie?»

«Meine ganze Familie!», sagte der Vampir voller Stolz.

«Meine Familie ist ganz normal», meinte Anton traurig. «Mein Vater ist im Büro, meine Mutter ist Lehrerin, Geschwister hab ich keine – kannst dir vorstellen, wie langweilig es bei uns ist.»

Der Vampir sah ihn mitleidig an. «Bei uns ist immer was los.»

«Was denn? Erzähl doch mal!» Endlich würde er eine echte Vampirgeschichte hören!

«Also gut», flüsterte der Vampir. «Es war im letzten Winter. Weißt du noch, wie kalt es war? – Also, wir wachen auf, die abscheuliche Sonne ist gerade untergegangen. Ich habe entsetzlichen Hunger und will den Sargdeckel hochschieben, aber es geht nicht! Ich trommle mit den Fäusten dagegen, ich trete mit den Füßen – nichts! Und ich höre, wie sich meine Verwandten in den Gräbern ringsum genauso abrackern. Und stell dir vor: Zwei Nächte lang ist es uns nicht gelungen, die Särge zu öffnen! Dann fing es endlich an zu tauen, und wir konnten unter allergrößten Kraftanstrengungen die Deckel sprengen. Fast wären wir verhungert! Aber das ist noch gar nichts gegen die Sache mit dem neuen Friedhofswärter. Willst du die auch hören?»

«Klar!»

«Also, das war an einem …», begann der Vampir, brach dann aber plötzlich ab. «Hörst du nichts?», flüsterte er.

«Doch», sagte Anton. Ein Auto näherte sich, hielt. Wagentüren klappten. «Meine Eltern!», rief Anton erschrocken.

Mit einem Satz war der Vampir auf dem Fensterbrett.

«Und mein Buch?», fragte Anton. «Wann …?»

Aber der Vampir hatte schon seinen Umhang ausgebreitet

Schnell zog Anton die Gardine zu und kroch unter die Bettdecke. Er hörte, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und sein Vater sagte: «Na, siehst du, Helga. Alles ruhig.» Sekunden später schlief er schon.

Elternweisheit

In dieser Nacht hatte Anton einen Traum: Er war allein auf einer grenzenlosen Ebene, und er lief! Nirgends war auch nur die Spur einer menschlichen Behausung zu entdecken, es gab keine Straßen, keine Wege, nur ein paar verkrüppelte Bäume reckten ihre dürren Äste in den schwarzen Himmel. Riesige Krater gähnten in der mit Asche und Geröll bedeckten Erde. Überall lagen Knochen, leuchtende, große Knochen, und im Vorbeilaufen ahnte Anton voller Schaudern, welches Schicksal auch ihn erwartete!

Und plötzlich, während er lief, spürte er, dass irgendetwas begonnen hatte, ihn zu verfolgen! Etwas, nach dem er sich nicht einmal umzudrehen wagte, war ihm auf den Fersen. Fauchend und zischend kam es ständig näher. Nur noch wenige Meter trennten es von Anton. Da sah er vor sich ein Gebirge. Wenn er es bis dorthin schaffte, war er gerettet!

Das schaurige Krächzen seines Verfolgers wurde lauter. Schon spürte er den Atem des Scheusals heiß in seinem Nacken. Noch einmal nahm Anton all seine Kräfte zusammen und rannte – aber vergeblich! Mit einem Schrei stürzte er zu Boden und blieb, die Augen fest geschlossen, reglos liegen. Jetzt – jetzt musste ihn das Ungeheuer erreicht haben.

 

«Und ich wollte dir nur die Geschichte vom neuen Friedhofswärter erzählen», lachte er.

«Ach die», sagte Anton und klopfte sich verlegen den Staub aus der Hose.

«Also dann», sagte der Vampir, «es war an einem Freitag, und dieser Freitag war ausgerechnet ein 13.!» Weiter kam er nicht, denn in diesem Augenblick unterbrach ihn eine Stimme.

«Anton, frühstücken», rief sein Vater.

«Ja», brummte Anton verschlafen.

 

«Was haltet ihr eigentlich von Vampiren?», fragte Anton, als er am Frühstückstisch saß, und sich sein Brot mit Honig bestrich. Obwohl es so aussah, als sei er angestrengt mit dem Brotstreichen beschäftigt, beobachtete er doch sehr genau die Gesichter seiner Eltern. Zuerst wechselten sie einen überraschten Blick, dann begannen sie zu grinsen. Sie nehmen mich nicht ernst, dachte Anton, bestimmt halten sie mich für kindisch. Wenn die wüssten!

«Vampire», sagte die Mutter und unterdrückte ein Lächeln, «wie kommst du denn darauf?»

«Ach», meinte Anton, «früher hat es doch welche gegeben.»

«Früher», sagte der Vater, «da haben die Leute an die verrücktesten Sachen geglaubt. Zum Beispiel an Hexen.»

«Hexen!», wiederholte Anton verächtlich.

«Andere glaubten an Zwerge, an Geister, an Feen …», meinte die Mutter.

«So?», sagte der Vater spöttisch.