Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

 

Nicht alles ist frei erfunden, aber alles frei gestaltet.

Charles Darwin

Es ist tödlich, an die Stelle des alten Gottes eine löbliche und erfreulich immer vorwärtswachsende Welt zu setzen.

Gustav Landauer

Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.

 

 

 

 

 

Ich bin Zeuge.

Er hat überlebt.

 

Er lief durch die Straße und lachte und rief etwas und tanzte, ein wenig tapsig, aber es war ein Tanz, und er klatschte in die Hände. Niemand hatte ihn je zuvor gesehen. Wie vom Himmel gefallen. Gedrungen war er und lallte, ging die Straße hinunter, vorbei an den Trümmern des Eckhauses, entlang der tarngrauen Fassade, aus der weiße Betttücher hingen, vorbei an dem Milchladen, am Schuhgeschäft, am Fischladen Grün, ihm entgegen kam Adolf Andersen, an diesem Frühlingstag nicht in brauner Uniform und glänzenden Schaftstiefeln, sondern in unauffälligem Grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, auch hob er nicht, wie gestern noch, den Arm, rief nicht Heil, nein, er zog den Hut, grüßte übertrieben freundlich nach rechts und links, stutzte, blieb stehen, als dieser tapsende Junge ihm grinsend entgegenkam und seine kurzfingrige Hand ausstreckte, die Andersen

Nein, Himmel.

Der Junge klatschte wieder in die Hände, tatsächlich, er tanzte, ein ungelenker Tanz, deutlich zu sehen, wie er einen langsamen Rhythmus mit den Händen klatschte, wie er zum Baum ging, dem einzigen hier stehen gebliebenen, der Bomben, Brand und die Sägen im Winter überstanden hatte, eine Kastanie mit Blättern wie kleine grüne Tatzen. Der Junge drängte sich an den Stamm, befühlte die Rinde, und seinem Mund entströmte ein Gurgeln. Er lief über die Straße, schlug mit den Armen, als wolle er fliegen, stieß heisere Schreie aus und folgte den Krähen, ahmte ihren Ruf nach.

 

Drei, vier Monate später, inzwischen wieder eingeübt in das, was normal sein sollte, begannen die Kinder, ihn zu ärgern. Sie verstanden ihn nicht. Er drohte mit der Faust. Aber selbst wenn es ihm gelang, eines von ihnen zu ergreifen, schlug er es nicht, sondern sagte nur: Schlaf brav! Und sagte: Schön leise!

Warum schlafen?

So spricht das Kind: Ich war der Jüngste und habe am längsten zu ihm gehalten. Wie wundersam, wenn er die Wolken mit einem Besen wegschieben wollte.

Weil er komisch ist.

Nein, er ist nicht komisch, nicht böse. Kinder können böse sein. Er nicht. Er tut niemandem etwas. Er wird immer ein wenig Kind bleiben.

So ungefähr war das Gespräch. Und mit ihm verbunden das Gefühl der Scham, jemanden verraten zu haben, um anderen zu gefallen.

 

Zwölf Jahre hatten die Eltern ihn in der Wohnung versteckt gehalten.

Ein Mietshaus, acht Parteien, vierter Stock, eine Endwohnung. Dort lebten zwei Erwachsene und ein Kind. Das Kind wurde in der Wohnung gehalten. Es galt aufzuteilen, was für zwei Erwachsene auf der Lebensmittelkarte vorgesehen war: Butter, Brot, Käse, Gemüse und Kartoffeln. Kaum, dass es für zwei reichte, wie denn für drei. Und der Junge aß viel, hatte Hunger, ständig Hunger, so die Mutter, wie ein Scheunendrescher, so der Vater, der hin und wieder von der Arbeit etwas mitbrachte, Karotten, etwas Kohl, ein Stück Seife und sehr selten Honig. Ein Kollege des Vaters in der Behörde für Wasserwirtschaft hielt in seinem Garten zwei Bienenstöcke. Er wusste von dem Jungen und seinem Versteck. Bienenhonig war ein Fest.

Wussten die Mieter im Haus etwas? Vielleicht der eine oder andere, vielleicht die darunter Wohnenden, weil sie, auch wenn die oben auf Socken gingen, doch hören mussten, dass sich da nicht nur zwei Menschen be

Sie haben geschwiegen.

Hätten sie geschwiegen, wenn es eine jüdische Familie gewesen wäre?

Der Schrecken, das Unaussprechliche.

 

Es muss zur Sprache kommen.

 

Die Trümmer. Im Sommer führten Wege über die Schutthügel. Trampelpfade. Dort ging der Trümmermörder. Dort lag die Asche. Dort lagen Knochenreste. Ziegelmehl. Humus. Fettes Grün, Lupinen und Disteln, auch der Huflattich. Kleine Wolken flogen aus den Senken auf, Kohlweißlinge. Die Alten sagten, nie habe es so viele Schmetterlinge gegeben wie im Sommer 1945. Schädlinge seien das. Sie fraßen den Kohl mit unersättlicher Gier, und auch der war knapp. Die Kinder jagten sie, schlugen mit dünnen Weidenruten nach ihnen, die Flügel zerfetzt, taumelten sie zu Boden.

Wir waren die Retter. Wir töteten die Schädlinge.

 

Im Traum konnte ich fliegen. Einfach war es. Ich breitete die Arme aus und schon war ich in der Luft. Unten: Häuser, Straßen, Bäume, der Lehrer Herr Blumenthal, dem die Haare aus Ohren und Nasenlöchern wuchsen, und dort ein Fahrradfahrer, der schwankte, zu kippen drohte, ja, er stürzte. Ich flog voller Lust. Ich freute mich auf das Zubettgehen. Ich freute mich auf das Einschlafen.

 

Meine Erinnerung: Der Jeep, ein Auto, so einfach, so erkennbar in seinen Funktionen, die Räder unverkleidet, das Lenkrad, die Gangschaltung, das Getriebe als Metallkugel über der Hinterachse sichtbar, am Heck der Ersatzreifen, auf der anderen Seite ein Spaten, die Frontscheibe konnte umgeklappt werden, der Wagen hatte keine Türen, die Soldaten stiegen einfach ein, bei Regen wurde ein Verdeck auf zwei Bügeln hochgeklappt.

Den Jeep fuhren auch die englischen Besatzungssoldaten in Hamburg, dieser aber, der im Juli im Eppendorfer Weg stand, hatte einen Stern auf der Kühlerhaube, und vorn saß ein amerikanischer Offizier in einer gestärkten Khakiuniform, die Hosen mit scharfen Bügelfalten, das blieb im Gedächtnis. Er rauchte. Der Fahrer, kein Schwarzer, obwohl, wie sich später erweisen sollte, viele Fahrer Schwarze waren, verteilte Kaugummiplättchen. Welch ein Selbstzweck: nur Geschmack, lirum larum Löffelstiel, und das Kauen, diese mahlende Bewegung im Gesicht, die den Körper ruhigstellte. Der Wagen roch nach Gummi, nach Benzin, ein Geruch, der mich seitdem begleitet und die ferne Erinnerung des Anderen, des Neuen ist.

Das Überraschende war, der Mann in Uniform verstand uns, er sprach Deutsch. Der Mann fragte nach den Namen der Kinder. Die nannten ihre Vornamen, auch ihr

Der Offizier lachte. Nein.

Der Fahrer schenkte Karlchen ein in Silberpapier gewickeltes Plättchen, und als der Junge das in den Mund schieben wollte, ließ der Offizier es sich wiedergeben, wickelte das Kaugummi aus und gab es dem Jungen. Karlchen kaute und klatschte in die Hände.

Die Gischt über den Wellen. Auf dem Schiff steht ein junger Mann, er hat einen Auftrag. Er heißt Hansen, Michael, genannt nach dem Engel, den die Deutschen für sich reserviert haben. Den Vornamen hat sein Vater ausgesucht. Hansen ist ein recht normaler, unauffälliger junger Mann. Er ist groß und Frauen sagen, er sehe gut aus. So, wie er geht, aufrecht, sieht man, er treibt Sport, seine Bewegungen sind ruhig, kraftvoll. Er kann zuhören, das ist eine Tugend. Auch ist er ein Fragender. Viele gute Eigenschaften, aber nichts Hervorstechendes.

Der junge Mann steht mit einem Kameraden an der Reling und schaut über das Meer, über diesen bedeckten Atlantik, der in den Himmel übergeht. Sie blicken angestrengt, wie auch der Ausguck auf der Brücke. Sie halten Ausschau nach den grauen Wölfen. Nach einem Periskop, einem Schnorchel, nach der Blasenbahn eines Torpedos. Kein Wolf in Sicht. Die werden inzwischen gejagt, mit Radar, Flugzeugen, Wasserbomben. Das Schiff, ein dunkelgrauer Truppentransporter, der früher einmal ein weiß leuchtendes Passagierschiff gewesen war, ist schneller als jeder dieser Wölfe.

Warum er?

Er spricht Deutsch und hat einen Führerschein.

Und von wem berufen?

Von der Psychological Warfare Division. PWD. Aber noch weiß er das nicht.

 

Vor sieben Monaten hatte er sich freiwillig zur Army gemeldet und war zur Nachrichtentruppe gekommen, erkennbar an zwei gekreuzten Fahnen auf den Uniformknöpfen. Er bekam einen A-Rucksack und einen B-Rucksack, die mit einem Riemen und Karabinerhaken verbunden und über der Schulter zu tragen waren. Er machte seine Grundausbildung, lernte das Bettenbauen und damit die Ordnungsschikanen kennen: Die Bettdecke musste derart straff gespannt werden, dass ein vom Ausbilder darauf geworfenes Fünfundzwanzig-Cent-Stück wieder hochsprang. Er lernte das Robben mit vorgehaltenem Karabiner, das Balancieren über Balken, das Kriechen unter Stacheldrahtrollen, das Hochsteigen an Bretterwänden, abermals balancieren, Waldlauf. Er konnte gut mithalten, hatte an der Washington University Basketball und Tennis gespielt. Er lernte, mit dem Karabiner zu schießen. Und wurde mit guten Bewertungen zu dem Offizierslehrgang kommandiert, lernte Taktik und das Übermitteln von Nachrichten, die schnell, genau und knapp sein mussten, wie der Colonel der Nachrichtenschule sagte, entscheidend für jede Schlacht. Selbst die tapfersten Soldaten, die ihre Befehle nicht rechtzeitig oder ungenau

Sie, sagte der Oberst, sind das Gehirn und die Nervenstränge unserer Truppe. Muskeln, Sehnen, Knochen, das sind die anderen, Infanterie, Artillerie, Panzertruppe.

Oder besser, Sie sind die Engel, die alle Botschaften weiterreichen. Aber auch alles sehen. Und hören. Sie haben den Feind im Blick. Nicht nur, wo welche Truppen stehen, sondern, was denkt der Feind? Was will er? Wie ist seine Stimmung?

 

Nach einem halben Jahr hatte Hansen seinen Offizierseid abgelegt und war zum Second Lieutenant ernannt worden. Ein sogenanntes six month wonder. Er konnte gegen die Deutschen, die Krauts, die Nazis, eingesetzt werden. Er war Amerikaner, wenn auch in Deutschland geboren, niemand fragte ihn, was er bei der Vorstellung empfand, dort kämpfen zu müssen, einmal abgesehen von der Angst, dabei zu Schaden oder gar zu Tode zu kommen.

 

Zu Hause, in Ringwood bei New York, hatte es mit seinen Eltern Diskussionen gegeben. Warum musste er

 

Hansen hatte sich in einem Magazin eingekleidet, eine knapp sitzende Uniform, die sich in Machart und Qualität des Stoffes von dem unterschied, was er als Gemeiner hatte tragen müssen, jetzt trug er eine dunkelgrüne Jacke mit blitzenden Knöpfen, rosafarbene Hosen, Hemd, Schlips, Schirmmütze, darauf der goldene Adler, auf der Schulterklappe ein schmaler Messingstreifen. Leicht und praktisch war die Uniform.

 

Drei Monate vor seiner Abreise nach Europa hatte er Catherine kennengelernt, kurz vor Weihnachten, im Zug. Ein Blizzard hatte den Verkehr in New York zum Erliegen gebracht.

Für ein verlängertes Wochenende hatte er Urlaub bekommen. Schon bei der Abfahrt fing es an zu schneien, und als der Zug in das Grand Central Terminal einlief,

Hansen war mit ihr in eine kleine, gegenüber dem Bahnhof gelegene Bar gegangen, wo sie noch zwei Stühle an einem wackeligen Metalltisch fanden. Eingezwängt saßen sie zwischen den anderen Gestrandeten. Die Fenster waren von den Ausdünstungen der feuchten Kleidung beschlagen. Hin und wieder sah man langsam die Scheinwerfer eines Autos vorbeiziehen. Sie tranken Bier, teilten sich, worauf sie bestand, den letzten erhältlichen Sandwich und hatten Zeit, einander zu erzählen. Zwischendurch war sie aufgestanden, hatte ihn abermals um Münzen gebeten und telefoniert. Er sah sie in der Nähe des Tresens stehen, wie sie in den Hörer sprach, wie sie den Kopf schüttelte, dieses dichte dunkelbraune, leicht rötlich schimmernde Haar. Graue weich fallende Hosen, ein dicker heller Pullover in Zopfmuster, unter dem sich schwach ihr Busen abzeichnete. Sie kam zurück, sagte, sie habe den Namen der Bar durchgegeben, falls denn Horace anriefe. Dieser Name Horace. Ihr Name? Catherine. Sie saßen in dieser überfüllten Bar näher

Was für Zeiten. Welch ein Wirrwarr. Ich hoffe, er lebt. Ich hoffe, sie leben. Seit drei Monaten habe sie keine Nachrichten von den Eltern.

Er legte, einer spontanen Regung folgend, die Hand auf ihren Arm und sagte: Das Gute an den schlechten Nachrichten ist, sie erreichen uns meist schneller.

Nach gut zwei Stunden ging die Tür der Bar wieder einmal auf, und ein junger Mann kam herein, in einen braunen Dufflecoat gekleidet, schneebestäubt. Hello, sagte er, umarmte Catherine, gab Hansen die Hand, drückte, fest, und Hansen drückte kräftig dagegen, es war ein kurzes, ihm später ein wenig peinliches Kräftemessen. Er fragte sich, ob der andere es ebenso empfunden hatte. Das ist Horace, sagte sie, und der sagte abermals Hello und dann, leider sei keine Zeit, er könne sich nicht setzen, es sei ja auch kein Platz, aber vor allem, der Wagen stehe draußen, wo er nicht stehen dürfe, sie müssten schnell los. Sie wollte zahlen. Horace wollte zahlen. Hansen wehrte ab, der Sandwich sei teilbar, nicht der Preis, was insofern stimmte, da dieser ungerade war. Es blieb aber noch Zeit, Adressen zu tauschen. Er schrieb die Adresse des Camps und die Telefonnummer seiner Eltern auf. Als sie gegangen war, betrachtete er ihre Visitenkarte. In Stahlstich stand: Catherine Weckmann. Er roch an der Karte, ein Parfum, ein ferner Duft, und steckte sie ein, als er die Augen der Umsitzenden auf sich gerichtet sah und in diese distanziert fragenden Mienen blickte. Es war vielleicht nicht ratsam gewesen, miteinander deutsch in einer so zugewandten, ja verschworenen Weise zu reden. Man hätte sie für

Hansen und Catherine hatten sich in den folgenden drei Monaten Briefe geschrieben, auf Deutsch, so konnten sie in seinem Ausbildungscamp von Kameraden nicht mitgelesen werden, obwohl sich nichts Intimes darin fand, allenfalls der Wunsch, sich recht bald wiederzusehen. Ihr Deutsch gefiel ihm, da es mit altertümlichen Wendungen durchsetzt war wie: So gehab dich wohl.

 

Zwei Tage bevor er sich auf dem Truppentransporter nach Europa einschiffen sollte, hatte er sich abends mit ihr in Keen’s Steakhouse verabredet. Sie redeten, tranken Cocktails und bestellten Essen. Sie wollte wissen, was seine Familie mache.

Die sei durch einen Affen nach Amerika gekommen.

Sie lachte und hielt es für einen Witz.

Doch. Sein Vater, von Beruf Präparator, habe in Deutschland einen Gorilla ausgestopft, der im Berliner Naturkundemuseum ausgestellt worden sei. Dort hatte der Direktor des New Yorker American Museum of Natural History auf einer Europareise das Tier gesehen und für seine Lebensechtheit bewundert. Der Vater habe ein Angebot des Museums erhalten und sei gefahren, habe dann 1932, also zwei Jahre später, die Familie, die Mutter, seine ältere Schwester und ihn nachgeholt. Später habe seine Mutter noch ein Kind bekommen, einen Jungen, ein Nachkömmling, sagte Hansen, ein stilles, verträumtes Kind, von dem man glauben könne, es trauere der Alten Welt, die es ja gar nicht kannte, nach.

Sie hatten viel gelacht. Auch über seine militärischen Ausbilder, über die brüllenden Corporals, über Kameraden, und Hansen, sonst eher ein Fragender, Zuhörender, war durch die Cocktails, vor allem aber durch ihr Lachen – ein helles Auflachen, das melodisch verstummte – in ein rasantes Erzählen gekommen. Sie lachen zu hören, war ein Glücksgefühl.

Als sie aufbrachen, war es für den Zug nach Ringwood zu spät. Er hätte sich ein Hotel suchen oder in das Wohnheim für Offiziere gehen müssen.

Sie bot ihm an, er könne in der Wohnung, die sie mit einer Freundin teile, übernachten. Sie würde mit der Freundin in einem Zimmer schlafen.

 

In der Wohnung kam ihnen eine junge Frau entgegen, in Pullover und Hose. Die Brille hatte sie ins Haar geschoben.

Das ist Gillian, die bereitet sich auf das Examen vor.

Sie setzten sich zu dritt an den Tisch, redeten ein wenig.

Du kannst, sagte Gillian zu Catherine, auf dem Sofa schlafen, wenn dich meine Lampe nicht stört.

Catherine bezog ihr Bett, in dem nun er liegen sollte.

Er duschte, trocknete sich ab, roch an den Flakons, bis er ihren Geruch entdeckte. Er legte sich ins Bett, und auch hier war dieser Duft. Jasmin? Er schaltete das Licht aus und hörte vom Nachbarzimmer das leise Reden der Frauen. Dann plötzliche Stille. Er dachte, sie habe sich drüben hingelegt. Schon im Hinübergleiten zum Schlaf hörte er, wie die Tür sich in eine jähe Helligkeit öffnete und wieder schloss, wie sie auf nackten Füßen ins Zimmer und näher kam. Sie hob die Decke hoch und legte sich zu ihm. Gillian muss arbeiten, flüsterte sie, und ich kann bei Licht nicht schlafen. Sie atmete, als wäre sie eilig eine Treppe hochgestiegen. Und nach einem Moment ihre Stimme: Wir müssen aber leise sein.

 

Ein schmales ebenmäßiges Gesicht, blondes Haar, links gescheitelt. Ein junger Mann mit einem ruhigen Mund und nachdenklichen Augen. Auch diese Erscheinung muss berücksichtigt werden bei der überraschenden Wendung des Abends, unerwartet, doch wie dem Wünschen gehorchend. Und auch das, was weder sie noch er ausgesprochen hatten, die bevorstehende Reise zu den europäischen Schlachtfeldern, wobei sich dort, anders als im Pazifik, der Krieg schon dem Ende näherte.

 

Am nächsten Morgen war ihre Mitbewohnerin schon früh gegangen. Catherine hatte kurz mit ihr geredet, war zurückgekommen. Vielleicht waren wir doch zu laut? Nein, man müsse sich um Gillian keine Gedanken machen, sagte sie. Die Freundin sei in die Bibliothek gegangen. Wir brauchen jetzt Kalorien, wir brauchen Fruchtsaft, wir brauchen Käse, Toast, Eier und Milch.

Sie fuhr im Fahrstuhl hinunter. Er blickte aus dem Fenster der 9. Etage in die 76th Street West und hoffte, sie beim Hinausgehen zu sehen. Vergeblich, sie war wohl am Haus entlanggegangen. Er betrachtete die beiden in Silber gerahmten Fotografien auf ihrem Schreibtisch, die eine zeigte eine elegant gekleidete Familie, der Mann im dunklen Anzug, die Frau in einem weiß gerüschten Kleid, wohl ihre Eltern, der Junge, ihr Bruder, im Matrosenanzug und das Mädchen, sie, im weißen Kleid.

Auf dem anderen Foto saß ein junger Mann an der Pinne eines Segelboots. Er lachte, zeigte viele weiße Zähne, das Braun seiner Haut hob sich vom Weiß des Polohemds ab. Hansen erkannte Horace nicht gleich, der eingehüllt und schneenass und auch nicht derart zahnweiß lachend in die Bar gekommen war, um sie aus dem Schneechaos zu befreien.

Die Kleidung, das große Segelboot, all das ließ auf eine wohlhabende Familie schließen.

Mit einer großen Papiertüte kam sie zurück ins Zimmer.

 

Catherine brachte Hansen zum Zug nach Ringwood. Er hatte sie schließlich doch nach Horace gefragt.

Horace? Ja. Nach einem Zögern sagte sie, ihre Verlobung sei geplant. In zwei Monaten. Das war ein wenig verdruckst gesagt. Und nach einem weiteren Zögern: Ihm, Horace, müsse sie nun sagen, was geschehen sei. Das Wort Bereuen. Nein, nicht, aber allein der Gedanke an Horace, das alles stimme sie traurig, und natürlich fürchte sie das kommende Gespräch. Und was werde, wisse sie nicht. Wie auch.

Ein Gespräch über Trennungen, das war ihr Abschied.

Eine lange Umarmung, bei der er sie bat, am nächsten Tag nicht zum Schiff zu kommen. Dort müsse er sich um die Mutter und seine Geschwister, auch den Vater kümmern, und überhaupt seien Abschiede auf Bahnhöfen und an Kais, die er schon als Junge erlebt habe, etwas Kompliziertes, dieses Warten, das sich Hinziehende, das immer noch eine kleine Weile Bleiben und dann endlich Losfahren, das sei alles doch immer quälend. Sie fand das nicht, es sei doch so, dass man sich und den anderen sehr deutlich spüre, da etwas von einem selbst getrennt werde.

 

Hansen stand mit seinen Eltern, seiner Schwester und dem kleinen Bruder zusammen, und der Vater nannte ihm Verwandte, die er, wenn es zu der Kapitulation Deutschlands komme, woran ja kein Zweifel bestehe, besuchen solle, und Michael Hansen versprach es. Und schreiben, gleich, wenn du ankommst, sagte die Mutter. Ja, auch versprochen. In dem Augenblick entdeckte er sie. Catherine stand in dem geblümten Kleid am Kai. Er ging, ja lief zu ihr und sagte, Wie schön, dass du gekommen bist, aber als er sie umarmen wollte, sagte sie schroff: Fass mich nicht an! Ich wollte dir nur Lebewohl sagen. Und schreibe nicht! Sie drehte sich um und ging weg. Es war wie ein körperliches Zurückstoßen.

Verwirrt stand er, überlegte, ob er ihr nachgehen, sie fragen solle, was diese heftige Zurückweisung bedeute, da sie doch zum Abschied gekommen sei. Aber da war sie schon zwischen all den Wartenden, Winkenden verschwunden. Sein kleiner Bruder kam und zog ihn an

 

In Antwerpen angekommen, bekam er seinen Marschbefehl, er sollte sich beim Stab des XII. US Corps in Frankfurt melden. Von Amsterdam wurde er zu einem erst vor sechs Tagen eingenommenen Feldflughafen bei Frankfurt geflogen. Ein paar zerschossene Jagdflugzeuge standen an der Behelfspiste.

- 2. April 1945 -

Fahrt nach Frankfurt. Das Umland ist von den Kämpfen verschont geblieben. Mist oder Heu wird ausgefahren, Wagen, von Rösslein gezogen, Sensen werden gedengelt, Frauen zupfen Unkraut, Kinder stehen am Straßenrand. Fachwerkhäuser mit ihren waagerechten und schrägen Balken. Muss an Hänsel und Gretel denken, das die Mutter vorlas. Keine Traktoren. Man kann nicht glauben, dass dieses Land Raketen und Düsenjäger gebaut hat.

- 3. April 1945 -

In Frankfurt, ein anderes Bild. Zerstörte Fabrikhallen, in denen riesige, rätselhafte Metallteile stehen, aufgeplatzte Röhren, Stellwerke, ausgebrannte Eisenbahnzüge, eine gesprengte Brücke, die schwankende Fahrt über eine pontoon bridge, Hausruinen, Fassaden sind stehen geblieben, dahinter der Ziegel- und Steinschutt,

Nur wenige Menschen sind auf der Straße, meist Frauen, zwei, drei alte Männer, einer zog eine mit Holz beladene Karre hinter sich her.

 

Im Quartier des XII. US Corps wurden Hansen von einem CIC-Offizier ein Jeep und ein Fahrer zugeteilt, mit dem Befehl, zu der 42nd Infantry Division zu fahren, die weiter Richtung Würzburg vorstieß. Sein Auftrag: Verhör und Feindaufklärung.

 

Ein Rauch, das war die Stadt.

Die Häuser, Romanik, Barock, Rokoko, Klassik, Kirchen, viele Kirchen, berühmte Kirchen, der Dom, das

Am 16. März 21:25 Uhr waren 220 Lancaster-Bomber der No. 5 Group Royal Air Force, derselben Gruppe, die zuvor schon Dresden bombardiert hatte, einen Angriff auf die Stadt geflogen und hatten zuerst Sprengbomben abgeworfen. Sie zerstörten Dächer, Türen und Fenster und sorgten für einen kräftigen Durchzug. Danach wurden 315000 Stabbrandbomben abgeworfen. Die Berechnungen für eine optimale Brandbeschleunigung hatten Wissenschaftler erstellt.

 

Und ein Rauch ging aus von der Stadt und zog über das Land, über Täler, Hügel, Flüsse. Die Stadt war danach keine Stadt mehr. Sie war ein riesiger Meiler. Temperaturen über tausend Grad. Was sich über Jahrzehnte, Jahrhunderte als Verfall vollzieht, dauerte hier keine zwanzig Minuten. Menschen verbrannten in den Kellern. Ich habe sie gesehen, sagt der Engel der Geschichte, Menschen aufgeplatzt wie zu heiß gebratene Würste. Gedärm hing heraus. Deutsche, meist alte Männer, trugen die Leichen weg. Was an verkohltem Fleisch übrig geblieben war, kam kalküberstreut ins Massengrab. Das Schwarzwerden der Sonne, das Verbluten des Mondes, das Schreien der Menschen.

 

Am 3. April setzten Pioniere der 42nd Infantry Division über den Main. Drei Tage wurde in den Ruinen Würzburgs gekämpft. Seit dem Rheinübergang hatte es

Einer aus dem Divisionsstab sagte, die Krauts seien wirklich Kraut gewesen, er sagte higgledy-piggledy. Zusammengewürfelte Soldaten, Hitlerjugend, alte Männer, die jedoch verbissen gekämpft hatten. Der Sohn des Kreisleiters war gefallen, der Gauleiter geflohen.

Ihn hätte Hansen verhören sollen.

- 8. April -

Würzburg. Die Kirchen und Türme in Trümmern und Trümmer die Häuser, verschüttet die Straßen und Gassen.

Fuhren über eine pontoon bridge, sehr schmal, die von den Pionieren über den Main geschlagen worden war. Es riecht nach Brand. Durchdringend, widerlich der Leichengeruch. Im Straßengraben ein Toter, zugedeckt mit einer Plane, die genagelten Stiefel deuten auf einen deutschen Soldaten, er liegt da wie abgelegt, zwischen Steinbrocken und Waffenschrott. Etwas weiter entfernt steht ein abgeschossener deutscher Schützenpanzer.

Quartier in einer Villa, deren Besitzer samt Familie geflohen ist. Nur das Dienstmädchen, eine Zwangsarbeiterin aus Polen, haben sie zurückgelassen, und die führte uns zum Weinlager im Keller. Aus dem Volksempfänger Tanzmusik von Beromünster. Schweizer Foxtrott und ein wenig – nun ja – Alpenswing. Das Mädchen tanzte tapfer, hatte sich die klobigen Holz

In einer Pause hört man von fern Artillerie.

Gespräch über die Zerstörung der Stadt. Einer sagte, die Krauts haben es nicht anders verdient. Wirklich alle? Alle! Ich sagte, ja, schon, widersprach dann aber, weil es mir zu einfach erschien, dieses Alle. Gilt das für die Kinder, gilt das auch für die, die sich den Nazis widersetzt haben?

Ein Colonel sagte, die Bombardierung sei militärisch völlig sinnlos gewesen. Idiotisch. Ein Major hingegen sah darin ein gerechtes Strafgericht.

Durch die Straßen irren Menschen. Sie suchen nach Verwandten und Freunden. Bekam den Befehl, einen Priester zu befragen, der in dem Keller eines Klosters den Brand überlebt hat. Seine Haare, die Augenbrauen verbrannt, Brandblasen an den Händen, im Gesicht. Ich fragte, er schüttelte den Kopf. Ein mechanisches Kopfschütteln. Kein Wort.

Der Meister hat recht, das Schreiben macht alles etwas leichter, schiebt es in die Distanz des Erträglichen.

 

Professor Kuppitsch hatte Hansen beim Abschied zwei fadengebundene Leinenhefte geschenkt, um Zeugnis abzulegen: Es gibt ein Hauptbuch der Engel, in dem all die Schandtaten verzeichnet werden, aber auch die Taten der Gerechten. Die himmlische Bürokratie. Schreiben Sie nieder, was Sie sehen. Schreiben Sie auf

 

Morgens kam der Befehl, zum Stab der 11th Armored Division zu fahren, die weiter nach Nordosten vorstieß. Joe, ein Schwarzer, fuhr den Jeep. Von fern war hin und wieder der Abschuss eines Geschützes zu hören. Es hörte sich keineswegs gefährlich an, eher gemütlich. Bums. Hansen sollte nach vorn, zum Befehlsstand des Obersten. Am Straßenrand waren von deutschen Soldaten Schützenlöcher ausgehoben und, was man an den herumliegenden Panzerfäusten und Gasmasken sehen konnte, kampflos aufgegeben worden.

Sie fuhren in eine hügelige Landschaft hinein, weiß waren die Blüten der Kirschbäume explodiert, das leuchtende Gelb der Forsythien. What an amazing landscape, sagte Hansen zu seinem Fahrer, und der sagte trocken, Yeah, without Krauts. Niemand war auf den Feldern zu sehen. Sie fuhren durch einen kleinen, dichten Laubwald. Gegenüber ein Hügel, darauf ein hingestreckt liegendes Gebäude, ein großer Bauernhof. Plötzlich, von vorn, Schüsse. Ein Maschinengewehr. Sie waren in die Spitze des Angriffs geraten.

Vor ihnen wurde aus einem Gehöft und einem sich rechts hinziehenden Schützengraben geschossen.

Der Fahrer und Hansen sprangen aus dem Jeep, Joe nach links und Hansen nach rechts, und warfen sich, wie in der Ausbildung eingeübt, in den Straßengraben. Das deutsche Maschinengewehr schoss heftig, aber zu hoch, die Schüsse prasselten über Hansen in die Äste. Er lag im

Kurz darauf wurde drüben bei den Deutschen die weiße Fahne gezeigt.

Fahne, sagte Hansen später, hört sich so heroisch an, es war ein Unterhemd, das sich einer der Deutschen ausgezogen hatte. Neben dem brennenden Gehöft lagen zwei Tote, ein alter Mann mit der Armbinde Volkssturm und ein Junge, vielleicht sechzehn, in HJ-Uniform. Der Junge lag mit dem Gesicht im Gras, der alte Mann gekrümmt auf der Seite, als hätte er Bauchschmerzen. Was Hansen überraschte, war die Menge des Bluts, die aus dem Körper des Volkssturmmannes geflossen war. Auch so etwas geht einem durch den Kopf, sagte er später, dass ein so alter Mann noch so viel Blut hat. Noch war es nicht getrocknet, aber das Rot hatte sich schon in ein Rotbraun verwandelt.

Das Überraschende für ihn war im Nachhinein, er hatte vor neugieriger Aufregung nicht einen Augenblick Angst gehabt. Kein Gedanke, dass es auch ihn hätte treffen können. Es ging zu schnell, begleitet von einer geradezu distanzierten Selbstbeobachtung, um das, was man in der Ausbildung gelernt hatte, jetzt im Ernstfall richtig zu machen. Und er ärgerte sich, weil ihm, als er sich hinwarf, der Stahlhelm vom Kopf geflogen war. Im ersten Moment dachte er, der Helm sei ihm vom Kopf geschossen worden. Aber dann merkte er, der Kinnriemen war nicht straff gezogen gewesen. Wie lächerlich.

Jemand schrie. Sanitäter wurden gerufen. Ein Corporal hatte einen Schuss ins Bein bekommen. Ein junger Texaner hatte einen Streifschuss am Kopf. Ihm war tatsächlich der Helm durchschossen worden. Auch das wusste Hansen, die Helme widerstanden keinem direkten Beschuss.

 

Am 11. April war Hansen mit der Division in Coburg eingerückt. Eine Kleinstadt, die zur Verteidigung gerüstet war, man hatte Barrikaden aus Pflastersteinen an den Einfallstraßen errichtet, Schützengräben am Flussufer ausgehoben – ein Fluss, die Itz, den man leicht hätte durchwaten können. Die Stadt wurde von Artil

 

Oberbürgermeister Greim, der die Parole ausgegeben hatte, die Stadt wird bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Mann verteidigt, hatte sich am Tag zuvor mit Frau, Kindern und Dienstmädchen abgesetzt. Amtsleiter Sauerteig übergab die Stadt an die Amerikaner. Der amerikanische Colonel übersah die ihm entgegengestreckte Amtsleiterhand und befahl: Wasserwerk, Elektrizitätswerke, Krankenhäuser arbeiten weiter. Waffen abliefern. Werewolves will be shot. Anyone resisting will be shot. Hansen übersetzte: Werwölfe werden erschossen. Wer Widerstand leistet, wird erschossen.

Noch gab es in der Stadt keine Plakate mit den Verordnungen des amerikanischen Militärs, die eine Aus

Am Stadtrand brannte ein großes Verpflegungslager der Wehrmacht. Flammen schlugen aus den Fenstern des rechten Gebäudeflügels. Offensichtlich war dieses Magazin von den abziehenden deutschen Soldaten entweder mit Absicht oder aus ängstlicher Hektik nicht systematisch angezündet worden. Frauen, viele Frauen, trugen Konservendosen aus dem Lagerhaus, einige hatten Kinderwagen mit Zucker- und Mehlsäcken bepackt. Die Frauen – Männer waren nicht zu sehen – ließen sich nicht beim Plündern stören, auch dann nicht, als die ersten amerikanischen Soldaten auf ihren Schützenpanzern vorbeifuhren. Da wird eingekauft, wie eine Frau zu Hansen sagte, und als er sehen wollte, was, öffnete sie den Rucksack. Darin waren Dosen, von der Hitze aufgequollen, aber noch verschlossen: Leberwurst und französische Gänseleber. Offensichtlich Bestände der Offiziersverpflegung. Sie sah Hansen an, ängstlich. Würde er sie verhaften lassen?

Er winkte ihr, weitergehen.

 

Am nächsten Tag waren die schon in den Staaten gedruckten Plakate in der Stadt angeschlagen worden. Fotografieren bei Todesstrafe verboten. Sperrstunde von abends 18 bis morgens 7 Uhr.

 

Deutschland scheint geschlagen. Du siehst Ruinen, du siehst Blumen, du siehst schöne Landschaften. Lass dich nicht verwirren; du bist in Feindesland. Sei auf der Hut, sei misstrauisch: Jeder Deutsche kann eine Gefahr sein. Es darf keine Fraternisierung geben. Fraternisieren heißt: sich Freunde machen. Aber die Deutschen sind nicht unsere Freunde. Sie können nicht kommen und ihre Hand ausstrecken und sagen: Es tut uns leid. Es tut ihnen nicht leid, dass sie den Krieg verursacht, sondern dass sie ihn verloren haben.

– Coburg, 14. April 1945 –

Gefordert ist, sie, die Deutschen, die mir entgegenkommen, nicht freundlich anzusehen, sondern sie zu übersehen. Nicht zurückgrüßen. Aber was heißt: die Deutschen? Sicherlich gibt es welche, deren devote Haltung abstößt. Andere zeigen ganz eindeutig Distanz, keine Regung, was wohl den Stolz des Besiegten signalisieren soll. Aber was ist mit dem Jungen, der mir meine Zigarettenkippe brachte, von der er glaubte, ich hätte sie verloren?

Tatsächlich hatte ich sie einfach fallen lassen. Darf man nicht lächeln, nicht Danke sagen oder, wenn schon nicht in der Sprache des Feindes, wenigstens: Thanks?

Nachtrag: Die beiden Panzer, die uns bei Dietersdorf herausgehauen haben, gehörten zum 761. Panzerbataillon. Die einzige schwarze Kampfeinheit in der Army. The Black Panthers. Hochdekoriert und mit einem ausgezeichneten Kampfgeist. Wir können es bezeugen.

 

Werewolves? If so, shoot them.

Die meisten hätten Uniformen getragen, darunter auch zwei Mann in Eisenbahneruniform. Die Eisenbahner und die sechs Zivilisten hätten vorschriftsmäßig Armbinden mit der Aufschrift Volkssturm Deutsche Wehrmacht getragen. Wahrscheinlich hatte der Captain, der das Scharmützel gemeldet hatte, die Armbinden nicht gesehen, vielleicht nicht lesen können. Die Schrift war klein. Jedenfalls hielt er diese so zivil in Jacken und Mäntel und Knickerbocker gekleideten Männer nicht für Soldaten. Auch nicht die Jungen, das letzte Aufgebot, Fünfzehn-, Sechzehnjährige in der braunen HJ-Kluft, einige noch in kurzen Hosen, einer mit Lederhose.

Dennoch, Hansen sollte sie befragen. Man wollte wissen, was treibt die Jungs an, statt hinter Mädchen her zu sein mit einem tschechischen Karabiner zu schießen – und sich erschießen zu lassen? Man sollte ihnen den Hintern versohlen.

Hansen verhörte den Fähnrich, der die versprengte Einheit kommandiert hatte. Zwanzig Jahre alt. Die linke Hand verbunden. Das Weiß vom Blut rot genässt.

Der Krieg ist verloren. Der Kampf sinnlos. Sinnlos sind die Toten, sinnlos ist es, die Brücken und Häuser jetzt noch zu zerstören.

Noch ist nichts verloren, sagte der junge Mann mit erhobenem Kinn: Ihr habt das Material, die Waffen, Munition, Flugzeuge, aber wir haben etwas, das stärker ist – Ideale, Tapferkeit, Treue. Und dann fragte er Hansen, wann er denn ausgewandert sei. Nach dreiunddreißig?

Die Fragen stelle ich, sagte Hansen und rief die Wache. Er bereute es, dem Mann eine Zigarette angeboten zu haben.

Get out!

Danach verhörte er einen Feldwebel, der ihm die Orden, während er sie sich von der Uniform nahm, erklärte, das EK I, hier das silberne Verwundetenabzeichen, das Infanterieabzeichen. Hier das Nahkampfabzeichen in Silber. Dreimal muss man das Weiße im Auge des Feindes gesehen haben.

Die brauchen Sie nicht mehr.

Wohin damit?

Können Sie in die Hosentasche stecken, wenn denn so viel Tapferkeit hineinpasst. Waren Sie in der Partei?

Nein.

Wie kommt man dazu? Ich meine, zu so viel Heldenmut.

Befehle, aber auch Wut, manchmal Gleichgültigkeit, schließlich Übung, Vorsicht und List, und vor allem das, sagte der Mann und tippte sich an die Nase. Witterung. Das gehört zum Beruf. Man kann auch darin zum Könner werden. Man schießt und sagt sich, sauber, wenn man getroffen hat. Und man ist zufrieden, wenn man nicht selbst getroffen wurde, weil man den richtigen Riecher hatte. Zum Krieger gehören List und

Der Mann, dachte Hansen, hat etwas Philosophisches. Im zivilen Leben war er Optiker. Eine lange Ausbildung.

Warum weiterkämpfen?

Die Kameraden im Stich lassen? Die sitzen doch auch in der Scheiße.

Das ist wohl wahr, sagte Hansen und ließ ihn zurück ins Gefangenenlager bringen.

Das waren die interessanten Fälle, die anderen wiederholten nur: Wir mussten. Wir konnten nicht anders. Innerlich waren wir dagegen. Pflicht. Pflicht. Gehorsam. Verweigerung bedeutete Todesurteil. Wir haben anständig gekämpft. Nachdem er vierzehn Gefangene verhört hatte, mochte er innerlich und anständig nicht mehr hören. Das Wort anständig kannte er von zu Hause, ein Wort, das sein Vater aus Deutschland mitgebracht hatte und oft benutzte: anständig bleiben. Auch in der Neuen Welt. Hier waren sie es alle gewesen. Unanständig waren die Nazis. Unanständig waren die da oben. Ein Volk der Anständigen. Nur wenige Unanständige, denen man aber gehorcht hatte. Die man auch gewählt hatte. Nicht die Mehrheit, wie Hansen wusste. Was sein Vater immer betont hatte. Die Mehrheit hatte nicht die Nazis gewählt. Aber sie waren ihnen dann gefolgt, begeistert und gehorsam.

- 15. April -

Das Vokabular, mit dem die Situationen beschrieben werden. Schuld: lange gewundene Ausreden. Angst: