Inhaltsverzeichnis

Für Freia

Vorwort

Nein, das geht natürlich nicht. Eine Biografie über Max Frisch – das ist ja genau der Schrecken, gegen den er ein Leben lang angeschrieben hat. Das fest gefügte Gebäude eines Lebens, zusammengefügt aus unverrückbaren Bausteinen, die Stein für Stein den lebendigen Menschen einmauern, bis die Wände ihn schließlich ganz umschließen und jede Bewegung unmöglich machen. Eine Biografie ist kein Spiel, eine Biografie – das ist der Tod. Der Tod des beschriebenen Menschen, der Tod seines Werkes, Tod der Liebe.

Dagegen anzuschreiben, das ist ein zentrales Motiv seines Schreibens von Anfang an. Flucht. Beweglichkeit. Neuerfindung des Ich. Sehnsucht nach einem anderen Leben, anderen Menschen, anderen Büchern – das ist das Ziel des Schreibens, das Motto des Lebens von Max Frisch: Leben als Entwurf, Leben als Möglichkeit, als immer wieder neu zu erfindende Ich-Geschichte. Ist diese Ich-Geschichte nach dem Tod eines Menschen auserzählt? Ist es Zeit, hundert Jahre nach der Geburt die Mauern um dieses Leben endgültig hochzuziehen? Um das Leben und Schreiben von Max Frisch? Nein, natürlich nicht. Eine Biografie über diesen Mann muss sich genau dieser Herausforderung stellen, muss den Versuch unternehmen, das Leben dieses phänomenalen Schriftstellers als Möglichkeit zu beschreiben. Als eine von vielen mög lichen Geschichten seines Lebens und Schreibens – als ein Spiel, zusammengesetzt aus Bildern, Geschichten und Erinnerungen, ein Spiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Wer war Max Frisch? Diese einfache Frage wird dieses Buch nicht beantworten. Max Frisch hat eine Vielzahl von Leben gelebt, hat eine Vielzahl von Entwürfen ausprobiert, ist einen weiten Weg gegangen: vom einsamen Ich-Sucher in Dubrovnik und männerstolzen Bergautor in den Schweizer Alpen zum konservativen geistigen Landesverteidiger in Uniform, vom Architekten zum Dramatiker, vom Bin-Sprengmeister zum Brecht-Schüler, vom politischen Wirkungsautor zum Dichter der Subjektivität, von rechts nach links, von einem Leben zum anderen. Immer auf der Suche, immer unterwegs. Wohin?

»Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur«, hat er in seinem ersten Tagebuch geschrieben. »Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, dass man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es lässt sich nichts machen dagegen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unsrer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus –.«

Darum geht es hier in dem vorliegenden Buch: um Täuschungen und Selbsttäuschungen, um Zickzack-Pfade und mögliche Wahrheiten, um Fehler, Zweifel und Selbstkritik. Mit Max Frisch ist man nie am Ende. Das ist der Zauber seines Werkes. Er hat sich immer wieder neu erfunden, hat die Beweglichkeit seines Denkens, die Zweifel an sich selbst in seine besten Bücher immer mit hineingeschrieben. Das hält sie lebendig, das macht sie modern. Max Frisch ist bis heute einer der modernsten Autoren der deutschsprachigen Literatur geblieben. Weltläufig, wie sehr er auch an seinem kleinen Heimatland hing und mit ihm haderte, politisch, wie radikal er im Alter seine politischen Wirkungsdramen auch infrage stellte. ER war maximal subjektiv und prägte dabei doch das kollektive Gedächtnis der Schweiz und vor allem Nachkriegsdeutschlands wie kaum ein zweiter Autor. Ja, er, der in seinen Büchern immer wieder zeigte, dass es ein gemeinsames Gedächtnis nicht gibt, hat durch sein Schreiben so etwas wie die Möglichkeit eines solchen gemeinsamen Gedächt nisses erzeugt. Immer wieder wandten sich Leser an ihn mit persönlichen Fragen und Nöten, weil sie dachten, er kenne sie. Er müsse sie kennen, denn er hatte doch von ihnen geschrieben. Und wirklich hatte das immer wieder am Anfang seines Schreibens gestanden: die Suche nach Gemeinsamkeiten mit den Menschen da draußen, das Bedürfnis nach Kommunikation, nach einem Gespräch mit dem Leser. »Die Angst, allein zu sein im Dschungel der Unsagbarkeiten«, hat er es einmal genannt. Die Angst, allein zu sein.

Dass diese Angst viele Millionen Leser mit ihm teilten, dass sich Millionen Leser von dieser Angst angesprochen fühlten, das ist vielleicht der erstaunlichste Triumph des Lebens und des Schreibens von Max Frisch.

1. Er beginnt

»Ich denke immer und unablässig nur an mich«

Über das Anfangen

Da sitzt ein junger Mann mit einer Schreibmaschine auf den Knien und weiß nicht, worüber er schreiben soll. Er muss sich beeilen, die Maschine ist nur geliehen, am nächsten Morgen muss er sie zurückgeben. Bis dahin braucht er eine Geschichte für die Zeitung, eine gute und lange Geschichte. Er wird nach Zeile bezahlt, und er braucht Geld.

Drei Monate zuvor ist sein Vater überraschend gestorben, er war erst Architekt, dann Liegenschaftsvermittler, nicht sehr erfolgreich. Wenn er einmal ein gutes Geschäft gemacht hatte, gab er das frisch verdiente Geld gleich mit vollen Händen aus. So war nie für längere Zeit Geld da, es reichte immer so gerade. Trotzdem sollten die Söhne studieren, durften sogar ihr Fach frei wählen. Der Ältere, Franz, entschied sich für Chemie, er hatte schon früh die Familie an regnerischen Sonntagnachmittagen mit explosiven Experimenten unterhalten. Eine Halbschwester haben die beiden Brüder auch. Emma Elisabeth, vier Jahre älter als Franz, hat der Vater nach dem frühen Tod seiner ersten Frau mit in die Ehe gebracht. Max, zwölf Jahre jünger als die große Schwester, will Schriftsteller werden, darum studiert er Germanistik. Als der Vater stirbt, ist er im vierten Semester an der Universität. Der Vater hinterlässt einen Berg Schulden, den der Bruder, der schon im Beruf steht, bereit ist, langsam abzutragen. Trotzdem wird es für Max und die Mutter finanziell sehr eng. Dem jungen Studenten wird von seinem Professor ein kleines Stipendium angeboten, um sein Studium fortzuführen, doch er lehnt ab. Er ist der Universität überdrüssig, kann dem wissenschaftlichen Arbeiten nur wenig abgewinnen, er will arbeiten, schreiben, eigenes Geld verdienen, sich bewähren im Leben.

Jetzt sitzt er also da, in der Wohnung seiner Tante in Zürich, wo seine Mutter und er nach dem Tod des Vaters untergekommen sind, er hat die Schreibmaschine auf den Knien und denkt nach, was er schreiben soll. Eine Überschrift hat er schon: »Ich erhänge mich«. Aber er erhängt sich natürlich nicht und schreibt auch nicht darüber, er hat sie nur gewählt, um die Leute neugierig zu machen auf den Text, in dem es dann aber um beinahe nichts gehen wird, außer eben um einen Mann, der eine Schreibmaschine auf den Knien hat und nicht weiß, was er schreiben soll. Bis er plötzlich, mitten im Text, von einem Schock berichtet: »Wie Eiscream läuft es mir durch den Rücken«, schreibt er ebenso euphorisch wie unbeholfen. Die Tasten der Leihmaschine hätten ihn angesehen, »als wollten sie etwas lächeln«. Und was? »Hier sind wir, mein Lieber, und du brauchst uns nur in der richtigen Reihenfolge anzurühren, so geben wir dir das monumentalste Dichtwerk aller Zeiten, mein Lieber.« Und er begreift: »In diesem kleinen schwarzweißen Tastenbrettchen schlummert die ganze Literatur der Zukunft.«

Es ist der Juni des Jahres 1932. Max Frisch ist einundzwanzig Jahre alt. Sein ganzes Werk liegt noch vor ihm.

 

Nur eine Woche nach dem Tod des Vaters hat er einen Text über sich selbst geschrieben, über Max Frisch, über den Tod des Vaters und den Beginn des neuen Lebens. Über seine Hoffnungen, die er mit dem Schreiben verbindet, über die Hoffnungen des Lebens, über die große Sorge, das Beste schon verpasst zu haben, vielleicht schon zu alt zu sein, um neu zu beginnen. »Was bin ich« nannte er den Text, den er in zwei verschiedenen Versionen schrieb. Eine Zürcher Studentenzeitung nahm ihn sofort an und druckte ihn, die Zeitschrift »Schweizer Spiegel«, der er eine andere Fassung zugeschickt hatte, druckte ihn nicht, sondern ließ ihn liegen. Der zuständige Redakteur schwankte wohl, ob er die selbstbegeisterte Ich-Bespiegelung des Autors für den lächerlichen Größenwahn eines großsprecherischen Scharlatans oder die berechtigte Anfänger-Euphorie eines großen Talents halten sollte. So hob er den Text auf, bis endlich klar war, dass etwas dran war an dem jungen Mann von damals und an seinem Text, der von seinen schwierigen Anfängen berichtete. Als man den Text schließlich wirklich druckte, fügte man ihm die redaktionelle Anmerkung hinzu: »Der Beitrag lag seit 1932 auf unsrer Redaktion. Schon damals hatten wir die Absicht, ihn erst zu publizieren, wenn der Autor sich einen Namen gemacht habe.« Das war 1948, sechzehn Jahre nachdem der junge Max Frisch den Text eingeschickt hatte.

Wie fängt einer an? Wie fängt einer an, der Geld verdienen muss und schreiben will? Der von einem Beruf als Berufung träumt, der all die verachtet, die Geld verdienen, um leben zu können, und leben, um Geld zu verdienen? Max Frisch beschreibt sich selbst auf dem Flur einer Zeitungsredaktion, verachtet sich selbst für seine Angst vor dem Gespräch mit dem Redakteur, »einfach läppisch, dass ich immer dieses Herzpochen habe«, lacht er über sich: »Aber hör jetzt bloß auf mit dieser Herzpocherei; wahrscheinlich tut er dir überhaupt nichts.« Er hängt seinen Gedanken nach, überlegt, ob er aufstehen sollte, wann immer jemand an ihm vorbeigeht, denkt aber immer erst daran, wenn derjenige schon wieder vorbei ist, und stellt sich schließlich verwirrt dem Redaktionsgehilfen vor, in früher James-Bond-Manier: »Wie bitte? Mein Name ist Frisch. Max Frisch, stud. Phil. Ich bin bestellt auf zehn Uhr.« Der Gehilfe bittet ihn, ruhig wieder Platz zu nehmen, Frisch wendet die Peinlichkeit und Selbstverachtung in Verachtung gegen den armen Gehilfen: »Das ist ja bloß so ein Kuli. Und wie er durch den Korridor läuft auf seinen schiefen Sohlen! Hast wohl dein fünfzehnjähriges Dienstjubiläum schon hinter dir? Und wenn man all deine Läufe durch diesen öden Korridor zusammennähme, so hättest du damit vielleicht die Erde umwandern können. Unsere ganze Erde. Warum hast du es nicht getan? Beruf heißt nicht Strafanstalt.« Und er verhöhnt den armen Mann innerlich noch ein bisschen weiter, träumt seine eigenen Hoffnungen in ihn hinein, meint, wenn er auf seiner Erdumwanderung durch »seltsame Dörfer, durch Länder mit unauslöschlichen Farben« gekommen wäre, dann wäre er jetzt vielleicht ein Maler oder ein Forscher. Aber so ist er eben nur ein Kuli geworden, und der junge Student hier ist noch gar nichts, nicht einmal Student ist er mehr, sondern arbeitslos. Mit großen Vorstellungen vom Leben in einer noch sehr dürftigen Wirklichkeit. Das Vorstellungsgespräch verläuft mittelerfolgreich. Ob er Praxis habe, wird er natürlich gefragt, der sich als Journalist vorgestellt hat. »Nein«, muss er da sagen, und er kennt es ja schon, diese »Kaffeemühle«, wie er es nennt, will er Praxis sammeln, heißt es: »Ja, haben Sie denn schon etwas Praxis?«, und er sagt Nein, und dann sagt das Gegenüber, dass es ihm leid tue und er nichts für ihn machen könne und immer so weiter, das Leben als eine »glatte, grifflose Wand«. Und er träumt sich wieder davon, in die Idee seines Lebens hinein: »Und wenn ich Romane schreiben würde? Oder Novellen? Oder Komödien? Und wenn ich hineingreifen würde in diesen Strom von Ideen und Empfindungen, wenn ich diese schillernden Farben ans Ufer reißen würde und, statt sie alle verströmen zu lassen, sie in feste Worte gießen würde, wenn ich denen da sagen würde, wie es aussieht in mir …«

Wie es aussieht in mir – darum geht es Max Frisch von Anfang an, auch in seinen journalistischen Texten. Jetzt beschreibt er, eine Woche nach dem Tod des Vaters, wie er sich dessen Handschuhe überstreift, noch vor Kurzem, so schreibt er, habe er gedacht, er würde sie »nie anziehen, ohne an Vater zu denken. Und jetzt denke ich immer und unablässig nur an mich: was bin ich?«.

Mit Scham, schrieb Frisch Jahre später, schaue er inzwischen auf seine frühen journalistischen Arbeiten. Nicht nur die Pose war ihm peinlich, diese vorgespiegelte Lebenssicherheit, die nur seine fundamentale Unsicherheit verbarg, sondern vor allem, dass er den Journalismus missbraucht habe »als schlechte Literatur«. Als eine Gelegenheit, von sich selbst zu sprechen, wo von den Gegenständen zu sprechen gewesen wäre.

Sein Gegenüber, der Redakteur, lässt Max Frisch hier, am Anfang seiner Karriere, aber erst einmal gar keine Möglichkeit, in einem Text von sich zu sprechen. Immerhin gibt er ihm überhaupt einen Auftrag: fünfzehn Druckzeilen für die Beschreibung eines Schaufensters. Mehr ist für den Anfänger nicht drin. Aber es ist mehr als nichts. Es ist ein Auftrag, und es ist, als gäbe er ihn sich selbst, wenn er schreibt: »Max. Fangen wir an, Max.«

Und er fängt an.

Die Mutter (Rechtenachweis Nr. 1)

Der Vater (Rechtenachweis Nr. 2)

Der Zweijährige in der Heliosstraße in Zürich (Rechtenachweis Nr. 3)

»Das war es doch, das Leben«

Traum vom Theater. Träume vom Ruhm

Wer fängt an? Was ist das für ein Mann da mit den zurückgekämmten dunklen Haaren, den etwas schiefen Zähnen und der kleinen Nase, die er nachts immer wieder massiert, in der Hoffnung, sie etwas stattlicher zu machen? Seine Anzüge sind aus feinem englischen Stoff, aber alle eine Nummer zu groß. Seine Augenlider hängen leicht herab, damals schon. Eine Lähmung der Lider, die sich im Alter noch verstärken wird, neben der Brille und der Pfeife geradezu das Markenzeichen des späten Frisch, wie ihn alle von den Porträts auf den Suhrkamp-Taschenbüchern kennen. Er hat später einmal erklärt, wie das kam. Er hätte im Halbdunkel liegen sollen, als er als kleiner Junge die Masern hatte, aber er las stundenlang im Licht der Taschenlampe unter der Bett decke den »Don Quijote«. Er war eigentlich gar nicht so ein großer, begeisterter Leser. Anders als seine Klassenkameraden las er zum Beispiel keinen einzigen Karl May. Nur »Don Quijote« und »Onkel Toms Hütte«, die beiden Bücher dafür mit umso größerer Begeisterung und Hingabe. Und vom »Don Quijote« war ihm also ein Leben lang dieser Blick geblieben, den ihm viele als Arroganz auslegten, andere als Schläfrigkeit oder Süffisance: »Ich habe als Schüler erfahren, wie sie den einen und andern Lehrer verdrossen hat: ein mäßiger Schüler und eine solche Arroganz.«

Vom Ruhm hat er früh geträumt. Allerdings nicht gleich vom Ruhm als Autor, sondern als Fußballtorwart, Nationaltorwart natürlich. Dabei war er gar nicht sehr sportlich, die schlechtesten Noten hatte er stets in Sport, aber Fußball spielte er immer mit Begeisterung. Doch bald schon galt dem Fußball nur noch die eine Hälfte seiner Lebenseuphorie: Ein Abend im Theater, so schreibt er einmal, habe ihn vollends umgeworfen. »Wieso Menschen, Erwachsene, die genug Taschen geld haben und keine Schulaufgaben, nicht jeden Abend im Theater verbringen«, versteht er nicht. »Das war es doch, das Leben.« Und als er dann eines Tages auch noch ein Stück auf der Bühne sah, mit Menschen, die modern gekleidet waren, und Max Frisch also erkannte, dass auch für ihn noch das Schreiben von Dramen möglich war, schrieb er einen Brief an den damals bekanntesten und wichtigsten Intendanten der deutschsprachigen Welt: an Max Reinhardt vom Deutschen Theater in Berlin. Der junge Wunschdramatiker kündigte dem fernen Mann in Berlin ein Stück unter dem Titel »Stahl« an. Zurück kam eine Karte, auf der der damals sechzehnjährige Frisch um die Zusendung jenes Stückes gebeten wurde. Höhnisch präsentierte der Vater die Karte am Mittagstisch, als wäre sie ein Witz, worauf der junge Dramatiker das Zimmer verließ, »vielleicht, das wusste ich noch nicht, für immer«, schreibt er in seinem kurzen Erinnerungs text »Autobiographie« aus dem ersten Tagebuch. Es war das erste Schriftstück, das ihn mit »Herr« anredete, die Eintrittskarte in eine neue Welt. Der Hohn des Vaters musste peinigend auf den Sechzehnjährigen gewirkt haben.

Der Vater ist streng, konservativ, meist fern. Er spielt für Max Frisch kaum eine Rolle. Eine »Gefühlslücke«, schreibt er später, aber auch nicht dramatisch, nicht im Sinne einer ersehnten Figur, die ihm fehlt. Er sei einfach nicht sehr wichtig gewesen, aber auch kein Mann, von dem man sich dringend habe absetzen müssen, immerhin wählt Max Frisch später denselben Beruf. Franz Bruno Frisch sieht ein bisschen aus wie ein zufriedener Clown, auf den wenigen Bildern, die es von ihm gibt. Rundes Gesicht, Schnauzbart, einmal im Sessel, skeptisch eine Illustrierte prüfend, einmal mit weißem Hut und ruhigem Blick. Das Theater und die Kunst sind ihm fern und fremd. Was der Vater hasste: den Kommunismus. Und der größte Feind war ganz in der Nähe. Frisch schreibt in »Montauk«: »Lenin. (Das schmale Männchen, das im Nachbarhaus ein und aus ging; mein Vater sagte, der wolle alles in dieser Welt kaputtmachen.)« Bald nahm er den Zug nach Russland, um sein Werk zu beginnen. Russland. Für Frischs Mutter war das »das Märchenland«. Manchmal erzählte sie davon wie von einer anderen Welt, von Odessa, wo sie einst als Kindermädchen gearbeitet hatte und das sie liebte. Und wenn der kleine Max krank war, dann durfte er das Buch mit den russischen Märchen ansehen. Immer wieder. Er liebte dieses Buch. Und er liebte, wie sie erzählte von Russland, von Odessa. Als er sich ein Jahr nach dem Tod des Vaters auf eine lange Reise in den Osten Europas begab, schrieb ihm seine Mutter: »Ich freue mich riesig auf deine Reiseberichte u. fühle mich zurückversetzt in meine Jugend, als ich auch, wie du, den Drang in die Welt hatte und so viel Schönes, oftmals Gemeinsames mit deinem Gesehenen, geniessen durfte u. auch wie du aus Selbsterworbenem. Und hätte ich nicht diese Erinnerungen, die an ein Draussen-gewesen gemahnen würden, ich käme mir nach meiner dreissigjährigen, in der letzten Hälfte mich unbefriedigenden Ehe als Eingesperrte vor. So aber kann ich sehr oft in Gedanken reisen u. auch dein Geschildertes gleich in ein Bild malen.«

Keine glückliche Ehe. Familie als Gefängnis. Die Mutter muss sehen, wie das Geld reicht, für die Familie, irgendwie. Immer in Angst vor der Pfändung. Wenn der Sohn ein neues Lehrbuch braucht in der Schule: Wovon bezahlen? In den Gas-Automaten der Wohnung muss man einen Zwanziger einwerfen, damit die Flamme am Herd kommt. Oft ist kein Zwanziger da. Aber wenn Geld da ist, bekommt die Mutter eine goldene Brosche. »Er versteht sich nicht aufs Sparen. So müssen wir es lernen.« Von einem roten Rennrad in einem Schaufenster träumt Max jahrelang. Er weiß, dass er es nie bekommen wird. »Es steht mir nicht zu.« Immer wieder diese Geldsituationen, mit einem Mädchen im Segelboot, das Geld reicht genau für eine Stunde, dann kommt plötzlich eine Flaute, sie kommen nicht rechtzeitig zurück, es wird nicht reichen, das Geld. Aber »das ist nicht Armut, nur peinlich«. Die Mutter ist nicht nur die Finanzmanagerin der Familie, die die knappen Mittel verwaltet, sie ist auch die Künstlerin, die Träumerin, die die Sehnsüchte des jüngsten Sohnes versteht. Ihr Vater war Maler, Max Frisch zeichnete ihn später mit mildem Spott: »Er nannte sich Maler, trug eine erhebliche Krawatte, weit kühner als seine Zeichnungen und Gemälde.« Später leitete er die städtische Kunstgewerbeschule. Die Mutter spottete nicht über die frühen künstlerischen Versuche des Sohnes. Aber der ließ sich vom Desaster am Mittagstisch ohnehin nicht entmutigen. Im Gegenteil: Berlin hatte geantwortet. Das Deutsche Theater hatte geantwortet und ihn mit »Herr Frisch« angeschrieben. Die erste Sensation seines Lebens.

Er schickte das Stück ein, wartete lange Wochen, bis ihn endlich ein ausführlicher Bericht erreichte, von dem er kein Wort verstand, nur so viel: Man ermunterte ihn, weitere Arbeiten einzusenden. Doch immerhin eine Art Erfolg, den er der lächelnden Familie präsentieren konnte.

»Stahl«, erinnert sich Frisch, war ein großstädtisches, heroisches Untergangsstück gewesen, ein Held auf einem Hochhausdach, aus den Fenstern der Stadt dringt gelber Rauch, und am Ende weiß sich der Held nicht anders zu helfen als mit einem Sprung vom hohen Dach. Aus. Der ermutigte Drama tiker schrieb noch drei, vier weitere Stücke bis zur Matura. Darunter eine Ehekomödie und »eine Farce über die Eroberung des Mondes«, aber der Erfolg bleibt aus, und er muss erfahren: »Das einzige, was die Welt von all dem anerkannte, war die Matur. Der Gang an die Universität war unvermeidlich.«

1929. Auf dem Berg (Rechtenachweis Nr. 6)

»Bücher sind Entblößungen«

Begeisterte Lehrer, plötzliche Liebe

Er studierte Germanistik, um das Schreiben zu lernen, um etwas über das Schreiben zu erfahren. Es war ein Missverständnis, natürlich. Er hörte mal dies, mal das, auch Theologie, Kunstgeschichte bei Heinrich Wölfflin, Psychologie bei C.G. Jung, fand aber das Leben auf den Gängen meist interessanter als die Vorlesungen in den Hörsälen. Über einige seiner Professoren veröffentlichte er im April 1933 freundliche, beinahe enthusiastische Porträts in der »Zürcher Illustrierten«. Man wundert sich ein wenig, dass er das Studium so leichten Herzens aufgab, wenn man diese Porträts echter Litera tur-Enthusiasten liest. Professor Bernhard Fehr spielt mit der Miene Buster Keatons vor übervollem Saal englische Gesellschaftsromane in verteilten Rollen nach, mit Theophil Spoerri wandert Frisch durchs Mittelalter: »Dann geht man ihm nach durch merkwürdige Gefilde, wo er uns dantische Strophen liest und manchmal stehen bleibt, um uns einen Ausblick zu zeigen auf unsere Gegenwart, einen ganz über raschenden Ausblick, wo wir uns plötzlich selber sehen und anders sehen als sonst. Noch kaum habe ich soviel Eigen artiges, Überdenkenswertes, Anregendes, Aufrüttelndes über unsere Gegenwart vernommen wie in diesen Vorlesungen: über das Mittelalter Petrarcas und Dantes.« Über Robert Faesi, der in seinen Vorlesungen gerne schamhaft auf seine eigenen Bücher verweist, heißt es verständnisvoll: »Denn Bücher sind solche Entblößungen und es gibt noch Autoren, denen das bewußt ist.« Bücher als Entblößungen – und Faesis Waffe, um sich zu schützen: »Die Ironie, immer blank und glänzend.« Robert Faesi verdankt Frisch vor allem den Kontakt zur »Neuen Zürcher Zeitung« (NZZ) und später auch zur Deutschen Verlags-Anstalt, wo sein erster Roman erscheinen sollte. Der Lehrer, der ihn an der Universität jedoch am meisten beeindruckt, ist Walter Muschg. Gerade mal dreizehn Jahre älter als Max Frisch, ist er in der zutiefst konservativen, altehrwürdigen Atmosphäre der Universität ein großes Glück. Er ist ein Literatur-Enthusiast, einer, der die Literatur, von der er spricht, lebt, die Begeisterung lebt, einer der Wenigen auch an der Universität, der die bald darauf im nördlichen Nachbarland verfemte deutsche Gegenwartsliteratur, die Literatur von Juden, Pazifisten und politisch Missliebigen, auf dem Lehrplan hält, der 1948 die berühmte »Tragische Literaturgeschichte« veröffentlicht, in der er schreibt: »Das Menschliche ist der einzige Gedanke, an den wir die Dichtung ehrlicherweise noch anknüpfen können. Sie menschlich verstehen heißt: sie in ihren nächstliegenden Ursachen zu begreifen und ernst nehmen, also nicht nur historisch oder philosophisch oder soziologisch, sondern als Ausdruck des persönlichen Lebensgefühls, das in den großen Dichtern vor uns steht. Sie haben einen Sinn des Menschseins ausgesprochen, der uns in den großen Dichtwerken und Dichterschicksalen noch ganz unmittelbar berührt. Wenn diese gelebte und gestaltete Wahrheit in ihrer menschlich ergreifenden Gewalt hervortritt und in ihren Ursprüngen sichtbar wird, hat die Literatur forschung ihre Hauptaufgabe erfüllt, und andernfalls hat sie sie trotz alles gelehrten Beiwerks und ästhetischen Raffinements versäumt.«

Muschgs Vorträge beschreibt Max Frisch schon damals, 1933, so: »Er sagt nicht: Kleist war zerrissen. Sondern er ist zerrissen und mitgerissen und reißt mit. Er springt aus sich heraus, über den Unterrichtsangestellten hinaus, wagt sich bis zum Menschen, der sich seines Herzens nicht schämt und sich darstellt in seiner Ergriffenheit, in seiner Verzücktheit und dessen Rede ein Kampf ist, ein augenblicklich in Worten gegossenes Erleben, ein Bekennen. O, wären es doch alle, welche diesen Titel tragen: Professoren, das heißt: Bekenner! Er ist es! Wir haben ihn gern. Wir hangen an seinen Vorträgen.«

Aber ebenso anregend wie die Vorträge von Walter Muschg ist das Leben in den Gängen des Universitätsgebäudes. Immer wieder heftig verliebt, meist heimlich und unglücklich, ohne dass die Geliebte je etwas davon erfährt. Viel Erfahrung hat er noch nicht gesammelt. Als er seine erste Ehekomödie schreibt, hat er noch nie ein Mädchen geküsst, außer Thesy, ein flüchtiges Mal, schreibt er. Scheu, sehr scheu ist die erste Liebe – zu ihr: Thesy, seine erste Liebe, an die er sich in »Montauk« erinnert. Max Frisch und sein bester Freund sind beide in sie verliebt, sie schmelzen Blei, um daraus Ringe zu formen, erste heimliche Eheringe, die dann aber nach dem Erkalten enttäuschend unsilbrig, stumpf und unschön aussehen. Auf einer Klassenfahrt dürfen beide Freunde Thesy einmal küssen. Max Frisch ist ihr später, als er schon das erste Mal verheiratet war, wieder begegnet. Sie wohnte in der Wohnung über ihm und seiner Familie, unheilbar krank, bewegungsunfähig. Jahrelang ging er nicht zu ihr hinauf. Einmal, als ein Blitz seine Frau traf und Thesys Pflegerin sie zu ihnen hochholte, musste er hinauf und mit Thesy sprechen. Er kam nie wieder.

Seine zweite Liebe, Else, war eine Schauspielerin aus Öster reich, mit einem Engagement am Zürcher Schauspielhaus für eine Spielzeit. Sie ging zurück nach Österreich, nach nur einer Saison, und verließ Max Frisch ungefähr zu der Zeit, als auch sein Vater starb. Wir wissen von ihr aus Briefen, aus Zeitungstexten und einem Roman. Max Frisch und sein öffentliches Leben und Lieben. Das fing früh an. Am 26. Juni 1932 erschien in der NZZ der Text »Ein Mensch geht weg«, ein Text über Else, über das Verschwinden eines Menschen aus dem Leben eines anderen, eines Liebenden, eines, der verlassen wird: »Das habe ich nie gewußt und ich hätte es mir gar nicht vorstellen können, daß sogar ein Schweigen auf hören kann, einfach aufhören kann, sterben kann. Denn ich habe noch keinen Menschen verloren und habe gedacht: ein Mensch, solange er mir lieb ist, kann nicht einfach aufhören; auch wenn er weg ist, sondern überall, wo sein warmer Leib gestanden hat und seine Stimme getönt hat, wird er ein Schweigen zurücklassen, das mir niemand wegnehmen kann, das mir für alle Zeit bleibt. Jetzt aber spüre ich: nicht einmal ihr Schweigen hat sie mir zurückgelassen.« Und am Ende noch einmal: »Else – Aber sogar das hat aufgehört. Sogar ihr Schweigen ist gestorben, und wenn ein Ton hineinschlägt, zerklirrt es und splittert in mein Hirn.« Und auch in seinem ersten Roman, »Jürg Reinhart«, ist Else wieder da, als Schemen der Vergangenheit: »Ich begreife es nicht, dieses Vorüberfließen, Aufleuchten, Zerschmelzen.« Auch mit Else gab es das: »Und er erinnert sich an eine Skitour mit ihr, und wie er ihr von einem vergangenen Glück vorschwärmte, und erst jetzt begreift er: ›Ich Karnickel, da redete ich von meiner Glück losigkeit und begriff nicht, dass das Glück damals neben mir lag.‹« Und auch in einem Brief an seine Mutter taucht der Else-Schock wieder auf: »ich erinnere mich an diese else, welche ich in jener woche über alles liebte und an die ich mich klammerte wie an das leben selber; und wie sie dann ein kind war und mich nicht verstand, sodass mir auch dieser boden unter den füssen weggezogen wurde.« Zum Glück gab es für den Einundzwanzigjährigen noch diesen einen Trost – Mutti: »das war jener samstag, als es mir schlecht wurde, und ich glaube, dass du es warst, mutti, an die ich mich geklammert hatte.«

»Unsere Leuchtwoche!«

Früher Größenwahn und Ausruhen vom Ich

Aber er klammerte sich nicht nur an Mutti, sondern vor allem: an das Schreiben. Es ist spektakulär für den Leser von heute, der das Leben und Schreiben Max Frischs bis zum Ende kennt, diesen öffentlichen Beginn eines Schreibens, den öffentlichen Beginn eines Lebenskunstwerks zu beobachten. Eine Woche nach dem Tod des Vaters hat er sein Suchen, seine Hoffnungen und Ziele öffentlich gemacht: »Diese eigene Unsicherheit reibt einen innerlich wund. Bis in die Träume hinein verfolgt einen das. Was bist du eigentlich, Max? Wozu taugst du denn, Max? Kann man dich überhaupt brauchen auf dieser Welt, Max?« Und schreibend ging das Suchen weiter. Er hatte Glück. Die besten Zeitungen der Schweiz, vor allem die NZZ, druckten seine Texte von der Suche nach dem Lebenskern. Der junge Frisch suchte vor allem in der Natur. Er beschreibt ausgedehnte Wanderungen, Bergwanderungen, Wolken, Stimmungen, Frauen und Jahreszeiten. Vor allem seine Lieblingsjahreszeit, sein Leben lang: den Herbst, die Jahreszeit des Abschiednehmens, der Vergänglichkeit. Die Texte heißen »Vom Herbst im Hoch gebirge« oder »Stadtherbst«, und Max Frisch schwärmt: »Unsere Leuchtwoche!« Die Farben, die Wälder, die Hügel, alles im Nebel nur angedeutet, »gleichsam vom Herrgott erst geträumt«. Frisch wandert und wandert, mal mit zwei jungen Männern, die er als Freunde zu gewinnen hofft, mal mit einer Frau, ein Text über einen Mann mit fehlendem Glückssinn beginnt so: »Das handelt zur Abwechslung wieder einmal von Liebe.« In einem anderen diskutiert der junge Journalist originellerweise die Frage »Was ist Kitsch?«. Und das ist schon etwas tollkühn von dem jungen Journalisten, was er da im Dezember 1932 in der NZZ unter dieser Überschrift veröffentlicht, denn seine starken Gefühlstexte dieses Jahres sind allesamt hart an der Kitschgrenze oder auch, aus heutiger Sicht, mitunter weit darüber hinaus. Trotzdem definiert er entschlossen voran, nimmt einen Umweg, beschreibt die Schönheit des Zürichsees, »immer unser Zürichsee«, und wieder bildermutig die Natur: »Der Himmel ist wie frisch gewaschen, blank und heiß. Sommerwolken greifen aus dem Blau wie gipsgegossene Fäuste.« Und während man noch denkt, das sei jetzt schon die Kitschdefinition, kommt diese jedoch in Wahrheit erst im letzten Absatz, wenn er den Festplatz unten am See beschreibt, darauf ein Podium mit Kulisse, die den Blick auf den Zürichsee versperrt, und auf diese Kulisse hat jemand den Vierwaldstättersee gemalt. Echte Natur ersetzt durch Kunstnatur, das ist Kitsch, wie der junge Frisch ihn sieht. Im selben Artikel definiert er auch noch die Begriffe »Popularität«, »Größenwahn« und »Erfolg«. Ein Träumer verschafft sich etwas Klarheit, definiert immer eng am eigenen Leben entlang. Erfolg zum Beispiel sieht er so: Er stellt sich vor, er habe ein Buch geschrieben und gehe nun so durch die Stadt, auf der Suche nach dem Buch in den Schaufenstern der örtlichen Buchläden. Aber leider ist es nirgends zu sehen. »Vor lauter Büchern sieht man d a s Buch nicht.« Der junge Autor wundert sich, betritt schließlich »inkognito« einen Buchladen, fragt, warum das besagte Buch nicht ausgestellt sei: »Nun jammert der Ladenbesitzer, dass ihm das leider unmöglich sei, weil ihm dann jeweils das Schaufenster eingehauen würde und am Morgen regelmäßig Ihre Bücher gestohlen worden seien.« Und er schließt: »Das wäre zum Beispiel literarischer Erfolg.« Man hätte diese frühe Schriftstellerfantasie allerdings auch gut unter dem Begriff »Größenwahn« aufschreiben können. Denn auch diesen hat er sich selbst schon in seinem Auftakttext programmatisch gestat tet: »Denn Größenwahn und Minderwertigkeitsängste sind uns immer noch interessanter als die Erkenntnis: ich bin einer vom Millionendurchschnitt.«

Max Frisch probiert in seinem ersten Jahr als Journalist Posen, Gefühle, Formen, sucht sich selbst und flieht vor sich. Er gibt sich preis und lässt die Leser an dieser Ich-Suche teilnehmen. Im Herbst 1932 schließt er sich einem Arbeitstrupp junger Menschen, Studenten und Arbeitsloser in den Bergen an, die einem »armen Dorf« im Turtmanntal beim Straßenbau helfen, für warmes Essen und eine Unterkunft. Den Lesern teilt er mit: »Und weil wir schon bei der Ich-Ehrlichkeit sind: Ich bin nicht hergekommen, um der armen Bergbevölkerung zu helfen, sondern um mir zu helfen. Gerade um dieses Leerseins willen. Um einmal das tun zu dürfen, wonach man sich in mancher Zweifelsenge sehnt, sein ganzes Ich abschütteln zu können. Ein Sich-selber-Loswerden, ein Aus ruhen von seinem Ich.« Oder einfach: »Ein vorübergehender Selbstmord.« Doch kaum ist der Kampf um die innere Leere gewonnen, der Kopf blank und frei, der Blick glotzend und dumpf, sehnt sich der junge Mann schon wieder in eine andere Richtung: »Ich sehne mich zurück nach der Stadt, nach dem bewussten Leben, nach dem Ich.«

Viele Themen und Motive des späteren Werks sind in diesen allerersten Texten schon angelegt. Aber in Ton und Form lassen sich beim besten Willen keine Spuren des späteren Autors herauslesen. Es ist alles stark gefühlt und schwach gestaltet, es liegt überhaupt kein Filter zwischen Leben und Text, keine Distanz, keine gestalterische Kraft. Max Frisch ist einundzwanzig Jahre alt. Er ahnt, was er kann, er fühlt, was er will, er schreibt, was ihm das Herz diktiert. Angst vor der Wirklichkeit, eine vorsichtige Liebe zu den Vorstellungen, die er sich von der Welt gemacht hat, prägen seine Texte.

Im Mai berichtet er von einer »Begegnung mit dem Genfersee«. Er hat ihn nie zuvor gesehen, er zögert das erste Mal hinaus: »Jetzt, da ich mich ihm sehr nahe weiß, möchte ich auf einmal, daß ich niemals hinkäme: daß die Zeit stehen bliebe, und ich dauernd so hinfahren dürfte mit wehender Krawatte um die Schultern, ohne mein Ziel je zu erreichen. Warum fürchte ich denn plötzlich den ersehnten See?« Er gibt sich selbst die Antwort. Er fürchtet ihn, weil er seine Sehnsucht liebt, weil er seine Vorstellungen des Sees liebt und die Enttäuschung fürchtet. Wie bei allem: »Ich fürchte die Begegnung mit diesem See, wie ich die Begegnungen fürchte mit Menschen, die ich liebe; denn ich bin immer noch zu jung, und meine Hoffnungen sind immer noch aus Träumen geblasen.« Doch in diesem Fall ist alle Furcht ohne Grund, der See hält den Vorstellungen stand, die Sonne »gießt ein lichtjauchzendes Glitzern« auf ihm aus, und Frisch endet: »Ich stehe. Es ist anders. Die Wirklichkeit ist ganz anders und größer, sehr viel größer.«

Scheinmännlein unterwegs

Sport-Reporter. Frauen-Entdecker. Erste Reise in den Osten

Der Mut wuchs, die Entschlossenheit auch, vielleicht waren es die frühen Geschichten der Mutter, die ihn die Idee einer großen Reise in den Osten verfolgen ließen, vielleicht war es einfach diese eine gute Idee und Gelegenheit. In Prag fand im Februar 1933 die Eishockey-Weltmeisterschaft statt. Frisch sprach bei der Sportredaktion der NZZ vor, gab an, ohnehin nach Prag zu fahren, sodass der Zeitung keine Reisekosten entstünden, und fragte also, ob er für die Zeitung darüber berichten dürfe. Er durfte, und so fuhr er los. Er wusste noch nicht genau, was das werden würde, wie weit die Reise gehen, wie weit das Geld reichen würde, aber dass es über Prag hinaus gehen würde, so weit wie möglich hinaus in die Welt, zum Schauen, Erleben und Schreiben, das wusste er genau. Genug der Suche nach sich selbst, nach Ziel und Inhalt des Lebens in Zürich, auf den Seen, auf den Bergen der Schweiz. Genug des Kreisens um sich selbst: »Ein Scheinmännlein sein im Schaukasten, aus dem ich nicht hinausgreife und bloß hin ausschaue und hinausurteile«, so hatte er sich und sein Problem öffentlich beschrieben. Damit sollte jetzt Schluss sein. Das Scheinmännlein will ein Mann werden.

Und er macht sich auf den Weg, zusammen mit der Schweizer Nationalmannschaft geht es im Zug zweiter Klasse nach Prag, Kuchen vom Bruder, Schokolade von der Halbschwester, Mittagsbrot von der Mutter dabei, und am Anfang berichtet er noch sehr detailliert und regelmäßig in Briefen nach Hause. Über sein Staunen und sein neues Leben. Kaum angekommen, »habe ich schon etwas auszusagen von dieser stadt: vor einem der vielen, wolkenkratzerartigen luxushotels sah ich einen bettler, der mit nackten, verschränkten beinen im tauenden strassenschnee sass und mit gefalteten händen murmelte«. Seine erste Beobachtung in der neuen Welt. (Den Grund übrigens für die in Briefen dieser Zeit konsequent verwendete Kleinschreibung hat er auch schon in einem Zeitungsartikel beschrieben: »Ich bin für Kleinschrift, weil ich ein fauler Kerl bin.«)

Ansonsten gehören seine ersten Beobachtungen aber dem Eishockey. Der Schweizer Berichterstatter sendet gut gelaunte Reportagen nach Hause. An der Organisation hat er einiges zu kritisieren, die Spielfeldbeleuchtung muss immer extra von den Schiedsrichtern angefordert werden, von den Schallplatten mit den Nationalhymnen wird grundsätzlich zunächst versehentlich die B-Seite aufgelegt, und das Temperament der Tschechen verleitet sie, »während den Spielen ein Benehmen zu zeigen, das wir freundlicherweise lieber nicht im Ausland berichten wollen«. Doch »im übrigen ist alles wie bei uns«. Die gemütlich-selbstverständliche Scheidung zwischen »Wir« und »den Anderen« prägt seine Reportagen, der Nationalcharakter der Gegner ist schnell umschrieben: »Die Letten sind lange und hagere Gestalten«, die noch nie etwas von Zusammenspiel gehört haben, und völlig ohne technisches Können. »Nicht dass der Gegner hart wäre, durchaus nicht; er ist nur unfair.« Über die Italiener heißt es: »Auch auf das Eis bringen die Südländer ihr heißes Blut mit.« Dass die Amerikaner die technisch feinen Schweizer 7:0 besiegen, hat nur einen Grund: »Die Ueberlegenheit der Amerikaner beruhte einzig in ihrer körperlichen Größe.« Der Reporter ist eher als Schlachtenbummler mitgefahren. Doch leider bringt auch seine Mannschaft nicht die richtige Einstellung mit, sie fasst das Ganze eher als Familienreise auf, und die Ergebnisse sind mies. »Das ist schade bei dem begeisternden Können unserer Leute, denen man hier nachsagt, sie wären die schönste Mannschaft.«

Und nach dem letzten verlorenen Spiel endlich: hinaus aus dem Stadion! Zu einer ganz anderen Schönheit, in die Stadt hinein, schauen, staunen und beschreiben. Max Frisch kann das alles kaum glauben: »Jetzt stehen wir also hier: Ein romanischer Turm und ich.« Atemlos teilt er den Lesern in der Schweiz sein Staunen mit. Das übermäßige Ich-Private, was seinen bisherigen Texten immer etwas unangemessen Aufdringliches gegeben hatte – hier in seiner Begeisterung über die fremde Welt erfüllt es seinen Zweck: »Ach diese Abende am Hradschin, wenn man durch lauter Großzügigkeit schlendert, und wenn ich dann tue, als gehöre die ganze Burg eigent lich mir!« Der Leser macht sich gemeinsam mit einem jungen Mann, der noch nie zuvor die Schweiz verlassen hat, auf, all dies zum ersten Mal zu sehen: »Lichtmeer der Großstadt, da unten, mit den farbigen und aufzuckenden und beweglichen Leuchtreklamen, mit den Straßenbahnen, die wie Glühwürmchen über die Brücken kriechen.« Er gibt seinen Texten nach wie vor den Charakter einer privaten Mitteilung, thematisiert dies aber explizit als Kunstform und beginnt einen seiner Texte zum Beispiel so: »Schriebe ich Ihnen einen Privatbrief, dürfte ich ehrlicher beginnen: mit den slawischen Frauen und mit diesem Wunderbaren, einmal den Stimmen schöner Frauen zu lauschen, ohne dabei verstehen zu müssen, was sie da sagen.« Oh, es werden noch viele Frauen erscheinen in seinen Texten aus dem Osten. In den Briefen an seine Familie zu Hause heißt es unterdessen vorsichtshalber: »habe übrigens schon recht ulkige leute kennen gelernt. männlichen geschlechtes.«

Viele Jahre später, Max Frisch hat das in »Montauk« aufgeschrieben, wird seine Mutter ihm sagen, er solle doch nicht ständig über Frauen schreiben, »denn du verstehst sie nicht«. Wie zutreffend dieser Satz auch immer für das gesamte Werk und für die Person Max Frisch sein mag, die Frauen in seinen frühen Texten sind in der Tat sehr befremdliche Schablonen. Oder auch einfach: Männerfantasien. Den slawischen Frauen bescheinigt er ganz allgemein eine »Schönheit, die seltsam ist, andersrassig und immer unbegreiflich«. Beschreibt er das Leben von Frauen in Sarajevo, die zum Teil wie Privateigentum des Mannes gehalten werden und nur vollkommen verhüllt die Straße betreten, schwärmt er begeistert erotisiert: »Solche Vermummung erhöht naturgemäß den Reiz, indem sie in uns den Ergänzer und Erdichter weckt, der sich flugs eine Schönheit hinter jedes Tuch malt.« Auch sonst hat die Frauenhaltung ihre preisenswerten Seiten: »Alles ist familiärer und nicht unser beziehungsloses Nebeneinander.« Überhaupt ist er ein ganz großer Generalisierer. »Jede Frau ist eine Kupplerin« ist so eine seiner Weisheiten, und hat sie eine sonnengebräunte Haut, findet er dieses schöne Bild aus dem Tierreich für die Dame: »Halb Mensch und halb Tier, braungelb gestreift wie eine Leopardin. Sehr apart.« An diesem Bild ist die Tatsache, dass weder Leoparden noch Leopardinnen je »gestreift« sind, wohl noch der verzeihlichste Fehler.