Herbert Rosendorfer

Mitteilungen aus dem poetischen Chaos

Römische Geschichten

Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG

Kurzübersicht

Inhaltsverzeichnis

Über Herbert Rosendorfer

Herbert Rosendorfer, 1934 in Bozen geboren, war Jurist und Professor für Bayerische Literaturgeschichte. Er war Gerichtsassessor in Bayreuth, dann Staatsanwalt und ab 1967 Richter in München, von 1993 bis 1997 in Naumburg/Saale. Seit 1969 zahlreiche Veröffentlichungen, unter denen die ›Briefe in die chinesische Vergangenheit‹ am bekanntesten geworden sind. Herbert Rosendorfer, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen geehrt, u.a. dem Tukan-Preis, dem Jean-Paul-Preis, dem Deutschen Fantasypreis, dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und zuletzt 2010 mit dem Corine-Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten. Er lebte seit 1997 mit seiner Familie in Südtirol und starb am 20.9.2012 in Bozen.

Über dieses Buch

Rosendorfer, aufs beste mit dem Geist und den Geistern Roms vertraut, ist in diesen Geschichten der virtuose Komplize der Stadt aller Städte. Er pendelt zwischen der Bar Sant’ Eustachio und dem Forum, dem Caffè Greco und den römischen Salons und läßt sich dabei zu unser aller Vergnügen inspirieren.

Impressum

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei KiWi Bibliothek

© 2018 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

Covergestaltung: Rudolf Linn, Köln

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN (eBook) 978-3-462-41218-5

Für meinen Sohn Sebastian

Dinslaken oder wie ich Dr. Kappa kennenlernte

Man kann gegen die römisch-katholische Kirche viel einwenden, aber eins müssen ihr sogar ihre schärfsten Kritiker lassen: Feste feiern kann sie.

Ein solches Fest ist Peter und Paul am 29. Juni, der Namenstag der beiden Apostelfürsten, und an einem Peter- und Pauls-Tag habe ich Dr. Kappa kennengelernt. Genauer gesagt: anläßlich eines solchen Peter- und Pauls-Festes ein oder zwei Tage vorher. Voraus ging erstens meine – ich bin mir im klaren darüber: nicht sehr originelle, weil mit hunderttausenden Nordländern geteilte – Passion für die Stadt Rom, die mich schon einige Male hierhergeführt hatte, und zweitens eine Annonce in einer Zeitung: Exklusive Rom-Reise zur Papstmesse mit Herbert von Karajan, der die Krönungsmesse von Mozart in der Peterskirche dirigiert, dazu dies und jenes an Stadtrundfahrten und – und damit kam das, was mich am meisten elektrisierte – die seltene Gelegenheit, die Cappella Paolina zu besichtigen.

Ich halte Michelangelo für eines der größten Genies, die die Welt je hervorgebracht hat. Auch das ist nicht sehr originell, aber immerhin kann ich das formale Programm der Sixtinischen Deckengemälde so erklären, daß schon manchem die Tränen der Rührung gekommen sind. Ich gehe dabei von den beiden kaum beachteten blauen Streifen jeweils am Anfang und am Ende des Zyklus aus … nein – es würde hier zu weit führen, außerdem räume ich ein, daß die Idee zum Aufrollen des komplizierten Programms von diesen beiden blauen Streifen aus nicht von mir stammt, sondern von Hans Sedlmayr. Ich kürze also ab: Michelangelo, eines der größten Genies auf dem Gebiete der bildenden Kunst, das je gelebt hat.

Ich glaube, daß ich von seinen Hauptwerken, die in Florenz, Mailand, Brügge, Wien, Paris und eben hier in Rom stehen oder aufbewahrt werden, fast alle gesehen habe, und dazu viele von seinen kleineren Arbeiten. Immer wieder aber hat es mich zu den beiden großen, in ihrer Größe so unterschiedlichen Fresken hingezogen, eben in die Sixtinische Kapelle: zum Schöpfungszyklus an der Decke und zu dem fünfundzwanzig Jahre später gemalten Jüngsten Gericht an der Stirnwand des Raumes. Aus Abbildungen jedoch habe ich gewußt, daß es zwei noch spätere großflächige Wandgemälde gibt: die »Bekehrung Pauli« und die »Kreuzigung Petri«, die der fünfundsiebzigjährige Meister 1550 vollendet hat; die letzten Malereien Michelangelos, danach hat er sich fast nur noch mit Architektur befaßt. So viele Tausende von Besuchern aber haben die Sixtinische Kapelle und die dortigen Fresken besichtigt, die beiden anderen Bilder sieht kaum jemand – nur der Papst jeden Tag um fünf Uhr früh. Die »Bekehrung Pauli« ist nämlich auf die eine, die »Kreuzigung Petri« auf die andere Seitenwand der Cappella Paolina gemalt, und die Cappella Paolina gehört zu dem Teil des Vatican-Palastes, der für Besucher normalerweise nicht zugänglich ist.

*

So also traf ich Dr. Kappa. Er erwartete die Reisegruppe, zu der auch ich gehörte, am Flughafen Leonardo da Vinci. Fremdenführer sind für mich Schreckgespenster. Fremdenführer vernageln in der Regel das, wozu sie führen, mit Brettern aus Gleichgültigkeit. Fremdenführer sagen in der Regel falsche Jahreszahlen her. Fremdenführer bringen die Liste der Päpste hoffnungslos durcheinander. Fremdenführer haben keine Ahnung von der komplizierten Genealogie des julisch-claudischen Hauses, und Fremdenführer kennen nicht den Unterschied zwischen opus quadratum und opus reticulatum. Als ich den mir natürlich noch völlig unbekannten Dr. Kappa erblickte (»… in der Ewigen Stadt werden Sie von einem erfahrenen Fremdenführer erwartet, der Ihnen die Schönheiten der Stadt nahebringen wird …«), stellten sich mir also, allerdings wohl nur im übertragenen Sinn, die Haare auf. Ich war fest entschlossen, auch nicht ein Wort von dem zu glauben, was dieser »erfahrene Fremdenführer« plauderte, ich war dafür gewappnet, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu widersprechen, Jahreszahlen zu korrigieren und ihn vor allem durch tückische Fragen aus seinem, wie ich als gesichert annahm, auswendiggelernten Konzept zu bringen. Nachdem Dr. Kappa die ersten paar Sätze gesprochen hatte, war von allen diesen Vorsätzen keine Rede mehr, und ich hing, wie man so sagt, geistig von da ab an seinen Lippen. Er ist aber auch erstens überhaupt kein Fremdenführer, sondern gelernter Archäologe, der in Rom lebt und die Stütze eines feinen Pilger- und Bildungsreiseunternehmens ist, im Hauptfach Ägyptologe, und zweitens ist er ein Fremdenführer, wie man sonst keinen findet. Er verwechselt keinen einzigen Papst mit einem anderen, die Genealogie des julisch-claudischen Hauses ist ihm bis in alle Verästelungen hinein geläufig, selbst die Daten aller Früh- und Fehlgeburten, die schon leicht ins Gynäkologische hinüber schillern …, von Jahreszahlen gar nicht erst zu reden, und dumme oder tückische Fragen hätten ihn nicht aus der Fassung bringen können, weil er da schlichtweg geantwortet hätte: »das weiß ich nicht«, oder »da muß ich daheim erst nachschauen«. Aber ich stellte gar keine tückischen Fragen, nur hie und da ganz leise erlaubte ich mir eine wirkliche Frage, und es muß wohl das gewesen sein, woran Dr. Kappa erkannte, daß ich mich für Rom ehrlich interessierte. Er zeichnete mich dadurch aus, daß ich ab und zu auf die Gruppe stellvertretend aufpassen durfte, während er die Billetts kaufen ging, er zeichnete mich weiter dadurch aus, daß er mir vor der einen Besichtigungstour (»– das geistliche Rom oder, wie wir auch zu sagen pflegen: Roma sacra –«) zuflüsterte: »Das ist nichts für Sie. Das kennen Sie alles. Gehen Sie lieber ins Museo Barracco, das Sie vielleicht nicht kennen.« Natürlich kannte ich das Museo Barracco damals nicht; jetzt schon: die wohl einzige geschlossen erhaltene feine Sammlung eines reichen römischen Privatmannes. Und dann zeichnete er mich dadurch aus, daß er den mürrischen Kellner des Hotels anwies, mir anstatt des üblichen überbrühten Maikäfer-Sudes einen Espresso zu servieren.

*

Die beiden Freskenwelten, die Michelangelo im Abstand von fünfundzwanzig Jahren für die Cappella Sistina geschaffen hat, sind in ihrer Großartigkeit so verschieden voneinander, wie sie nur sein können: die Schöpfungsgeschichte als der Anfang der Welt ist ein intellektueller Bilderzyklus, eine spannende Erzählung, das Jüngste Gericht, also das Ende der Welt, ist ein einziger Schlag, die Größe der Einfachheit. Für die Schöpfungsgeschichte hat Michelangelo die Decke in eine unglaublich komplizierte Abfolge von Schein-Räumen aufgesplittert, in die das Bildprogramm eingespannt ist, für das Jüngste Gericht ist der unendliche Raum in die Fläche gezwungen und zerbricht sie.

»Ach, Unsinn«, sagte Michelangelo zu mir, als wir später im Caffè Greco saßen, »es sind ein paar gute Bilder, weiter nichts.«

Nein, ich saß selbstverständlich nicht mit Michelangelo im Caffè Greco, aber wenn ich dort mit ihm gesessen wäre, hätte ich gehofft, daß nicht die Rede auf den Petrus und den Paulus in der Cappella Paolina käme. Wahrscheinlich verstehe ich sie nur nicht, diese beiden Alterswerke. Oder man steht zu nahe davor, wenn man sie betrachtet: sie sind nicht so hoch oben wie die Schöpfungsgeschichte, ziehen sich nicht so hoch hinauf wie das Jüngste Gericht. Vielleicht enthüllt sich das Geheimnis dieser beiden Bilder erst, wenn man sich lang und oft und tief in sie versenkt. Vielleicht versteht sie der Papst, der jeden Tag um fünf Uhr in der Früh in der Cappella Paolina kniet. Vielleicht hat Michelangelo die Bilder so gemalt, daß man sie nur um fünf Uhr in der Früh versteht. Aber froh, sie gesehen zu haben, war ich natürlich doch, wenn es auch nur gegen elf Uhr vormittags war.

Der Tag war von Dr. Kappa sorgfältig und sinnreich geplant, er hat viel Erfahrung in solchen Dingen. Nach der Besichtigung der Cappella Paolina versammelte er die exklusive Rom-Reise-Gruppe um sich, der anzugehören ich die Ehre hatte, und erklärte den Ablauf: die Papst-Messe, bei der Karajan die Krönungs-Messe dirigiere, beginne um sechs Uhr und dauere alles in allem eineinhalb Stunden. Danach sei ein luxuriöses Abendessen in der Villa Miani auf dem Monte Mario vorgesehen. Ein Erzbischof sei anwesend.

»Hoffentlich«, sagte die Gattin eines Dermatologen aus Lüdenscheid, »ist zwischen der Papstmesse und dem Abendessen mit dem Erzbischof Zeit, daß man sich umziehen kann?«

»Leider nein«, sagte Dr. Kappa, »aber das ist alles nicht so wild in Rom. Sie können auch in Jeans kommen.«

»Aber wir haben extra den Smoking für meinen Mann eingepackt«, sagte die Gattin eines Grundstücksmaklers aus Amberg in der Oberpfalz. »Einen Smoking trägt man in Rom höchstens zur Operneröffnung, und dann auch nur, wenn man in einer der ersten drei Reihen sitzt.«

»Das ist ganz einfach«, sagte die Grundstücksmaklersgattin, »dann zieht mein Mann eben den Smoking schon zur Papstmesse an. Das ist zwar vielleicht etwas overdressed, aber der Papst wird daran ja wohl keinen Anstoß nehmen.«

»Nein«, sagte Dr. Kappa, »sicher nicht, aber sehr gut finde ich das nicht. Wir haben Juni

»Ja? Und?«

»Ihr Mann wird im Smoking von vier Uhr bis halb sechs Uhr auf dem Petersplatz stehen müssen. Im Juni. Das kann warm werden, milde ausgedrückt.«

»Ogottogott«, sagte die Dermatologengattin, »und was mache ich denn in meinem Chinchilla?«

»Warum in aller Welt müssen wir schon um vier Uhr auf dem Petersplatz sein?«

»Sie werden sehen«, sagte Dr. Kappa.

Für die Papstmesse braucht man Eintrittskarten. Die Eintrittskarten kosten nichts, man muß nur wissen, wo man sie bekommt. (Dr. Kappa weiß das selbstverständlich.) Weil die Eintrittskarten nichts kosten, sind sie auch nicht numeriert.

Die Sonne brannte auf den Petersplatz. Um vier Uhr nachmittags am 29. Juni, also kurz nach der sommerlichen Tag- und Nachtgleiche, steht sie um die Zeit noch fast senkrecht. Dr. Kappa verteilte leichte gelbe Stoffmützen an seine Reisegruppe. Die Carabinieri standen ungerührt, weiter hinten die Schweizergarde in Feiertagsuniform, also mit Silberhelm und Federbusch.

»Der Petersplatz«, erzählte Dr. Kappa, um die Wartezeit etwas abzukürzen, »ist ein staatsrechtliches Unicum. Er gehört nicht zu Italien, sondern zum Vaticanstaat. Die Grenze bildet die gedachte Linie, die das Oval der Bernini-Collonaden schließt. Der Vaticanstaat hat, wie jeder Staat, eine eigene Polizeihoheit, die übt er mittels der Schweizer Garde aus: nicht aber auf dem Petersplatz. Auf dem Petersplatz haben die Carabinieri die Polizeigewalt. So ist der Vatican der einzige Staat auf der Welt, der eine ausländische Polizei auf dem eigenen Staatsgebiet duldet.«

»Sehr interessant«, stöhnte ein Röntgenologe aus Dinslaken, »wenn es nicht so heiß wäre.«

»Deswegen«, erklärte Dr. Kappa weiter, »sehen Sie hier auf dem Petersplatz italienische Carabinieri, die Polizeigewalt der Schweizergardisten beginnt erst im Porticus der Basilica.«

»Die Carabinieri schwitzen offenbar nicht«, sagte die Röntgenologengattin.

Die Carabinieri, ohne Zweifel die schönsten Polizisten der Welt, schritten in voller Uniform, mit Troddeln und Säbel behängt, in schweres Tuch gehüllt, auf und ab. Die weißen Hemdkrägen wiesen nicht den geringsten Flecken schwitzender Verfärbung auf, und kein Tropfen zeigte sich auf den vom Zweispitz überwölbten Stirnen. Es war, als dringe die Hitze nicht bis zu den Carabinieri vor.

»Die Männer«, sagte eine reifere Chefsekretärin, »haben es in diesem Fall ausnahmsweise einmal schwerer.« Sie nahm ihre gelbe Mütze ab und fächelte sich Luft zu. »In Hemd und Kragen und Weste und Smoking. Wir können –«, sie kicherte, »– also ich wenigstens habe es mir unter meinem Kleid luftig gemacht.«

»Luftig?« fragte die Röntgenologenfrau.

»Sehr luftig«, sagte die Chefsekretärin.

»Und das bei einer Papstmesse«, zischte die Röntgenologenfrau ihrem Mann zu.

»Laß sie«, stöhnte der Röntgenologe, »vielleicht ist sie nicht katholisch.«

Obwohl wir um vier Uhr dagewesen waren, waren wir nicht die ersten, aber doch ziemlich weit vorn. Um viertel nach vier hatte sich der Platz bis weit hinter die Staatsgrenze des Vaticans gefüllt. Vor uns war die Absperrung aus den dicken, groben, grau gestrichenen Balkengittern.

Ich habe seitdem viel über Rom gelesen, aber ich kann mich nicht erinnern, daß sich irgend jemand über diese groben, grau gestrichenen Balkengitter des Petersplatzes Gedanken gemacht hätte, obwohl es, meine ich, lohnend wäre. Nicht der Papst ist in meinen Augen das Wahrzeichen des Vatican, nicht die Peterskuppel, nicht der Obelisk, nicht die Colannaden des Bernini sind es, sondern die groben, grau gestrichenen Balkengitter. Sie bestehen aus länglichen Elementen, die in verschiedenster Weise zu Zäunen zusammengefügt werden können. Man kann sie so aufstellen, daß der ganze Petersplatz in kleine Quadrate aufgeteilt ist, man kann breitere oder weniger breite Gassen der Länge oder der Quere nach schaffen, und man kann Teile des Platzes nach beliebigen geometrischen Figuren absperren. Manchmal stehen die groben, grau gestrichenen Elemente der Balkengitter noch aufgeräumt und geschichtet in einer Ecke hinter den Colonnaden. (Seltsamerweise ist der Zwickel hinter den rechten Colonnaden bis zur Mauer nicht vaticanisches, sondern italienisches Staatsgebiet. Dennoch befindet sich dort eine Zweigstelle der Vaticanpost und auch eine öffentliche Bedürfnisanstalt, deren staatsrechtliche Stellung wahrscheinlich unlösbare Probleme aufwerfen würde, wenn man anfinge, darüber nachzudenken.) Die Balkengitter waren, wenn sie nicht aufgeräumt waren, noch jedesmal in einer anderen geometrischen Anordnung aufgestellt, so oft ich auch den Petersplatz besucht habe. Die Zahl der Möglichkeiten der Anordnung dieser Balkengitter dürfte ein weiteres ungelöstes Problem sein, diesmal ein mathematisches, zumal wenn man bedenkt, daß manchmal der Zaun bis ganz vorn auf die Schräge vor der Treppe ausgreift und sich manchmal bis ganz nach hinten hinter den Obelisken und die Brunnen zurückzieht. Ob der Gitterzaun einer geheimen Gesetzlichkeit gehorcht? Oder ob ein verspielter Protonotar der Prefettura della Casa Pontificia seinen Hang zur Chaosforschung hier auslebt? Prof. P., mit dem ich oft in Rom war und der Naturwissenschaftler ist, vermutet allerdings, daß hinter der Sache mit den groben, grau gestrichenen Balkengittern ein Mysterium ganz anderer Art steckt: die Zahl der Möglichkeiten zur geometrischen Anordnung ist zwar sehr hoch, aber nicht unendlich. Jedesmal wird eine andere Möglichkeit gewählt, eine Möglichkeit, die noch nie verwendet worden ist und dann auch nie mehr verwendet werden wird. Erst wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind: dann und erst dann geht die Welt unter.

Es sei dem, wie ihm wolle, die groben, grau gestrichenen Balkengitter standen in kunstvoller Anordnung und drängten den immer mehr anschwellenden Besucherstrom zurück. Ich hatte mich Dr. Kappas würdig gezeigt und mich in einen leichten Leinenanzug gehüllt, und so schwitzte ich so wenig wie die Carabinieri dort, die immer noch würdig auf und ab schritten. Aber der Apotheker aus Wuppertal schwitzte, die Chefsekretärin zog ihre Schuhe aus und kicherte: wenn man die Halskette nicht zähle, so habe sie mit ihrem leichten Sommerkleid jetzt nur noch ein einziges Kleidungsstück an, die Dermatologengattin fächelte sich mit ihrem Chinchilla Kühlung zu, und der Röntgenologe aus Dinslaken sagte: »Wenn ich das gewußt hätte, hätten mich keine zehn Pferde hergebracht.«

*

Gegen fünf Uhr wurden wir eingelassen. Die Strategie Dr. Kappas bewährte sich. Wir bekamen günstige Plätze, und die Gemüter beruhigten sich etwas, weil in der Peterskirche Schatten herrschte und einigermaßen Kühle. Nun galt es aber, eine Stunde zu warten. »Wie ich den Laden hier inzwischen einschätze«, flüsterte der Dinslakener Röntgenologe, »dann sehen die es hier nicht gern, wenn man eine Zigarette raucht.« »Bist du wahnsinnig?« zischte die Gattin. Ich war für diesen Ernstfall gewappnet. Ich zog aus der Innentasche meiner Leinenjacke einen Band Gregorovius Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, in der handlichen Taschenbuchausgabe. Am 5. Mai 1874, zwei Jahre nach dem Erscheinen, wurde das Werk auf den Index gesetzt, und auch im Index von 1930 ist es noch unter den verbotenen Büchern verzeichnet, ein Werk, das selbst das katholische »Lexikon für Theologie und Kirche« als »bis heute nicht ersetzt« und als »ein literarisches Kunstwerk« bezeichnet. Vier Nummern weiter, im Index librorum prohibitorum, ist eine Kuriosität verzeichnet: Wenzel Grillparzer Von der Appellation an den römischen Stuhl, welches Buch 1787 indiziert wurde. Es ist die Doktor-Dissertation von Grillparzers Vater. Aber, wie gesagt, ich las nicht Papa Grillparzers Dissertation, sondern den Gregorovius. Zunächst befremdet einen immer die Betulichkeit Gregorovius’, aber nach wenigen Absätzen ist man von der Ehrlichkeit und Gründlichkeit gefesselt. Sicher hat Gregorovius die Geschichte der Päpste, die natürlich in die Geschichte der Stadt Rom unlösbar verwoben ist, von einem protestantischen Blickwinkel aus betrachtet, und auch deutschnationale Züge sind unübersehbar, aber in erster Linie war Gregorovius ebenso unübersehbar um historische Wahrheit bemüht. Die Monsignori der Index-Commission haben das Bemühen jedoch übersehen. Die Kirche verträgt offenbar die Wahrheit nicht. Wirklich richtig katholisch werde ich erst, wenn erstens Gregorovius’ Werke aus dem Index gestrichen und zweitens er selber zumindest seliggesprochen wird. Aber das dauert wohl noch eine Weile. Immerhin ist es ein guter Anfang, daß das Weihwasserbecken nicht aufgezischt hat, als ich daneben den Gregorovius herausgezogen und mich in ihn vertieft habe.

Die anderen schauten in die Luft. Der Röntgenologe rauchte im Geist Zigaretten. Die hauchdünn bekleidete Chefsekretärin, die inzwischen ihre Schuhe wieder angezogen hatte, blätterte aus Verlegenheit in dem broschierten Gebetbuch, das man mit der Eintrittskarte bekommen hatte. Die Dermatologenfrau zählte vielleicht die Haare ihres Chinchilla.

*

Kurz vor sechs Uhr flammte der elektrische Lichterkranz auf, der hoch oben über das ganze Gesims läuft. Ein Raunen rauschte auf. Dann kam der Papst – Papst Wojtila, Johannes Paul II. –, ging den Mittelgang nach vorn, weniger als einen Meter von mir entfernt, durch eine hüfthohe Ballustrade von mir und dem Volk getrennt. Er blieb stehen, schaute zu mir her, holte mit seinem Kreuzstock aus und schlug mir den Gregorovius aus der Hand. »Diabolus pfui!« schrie er und drohte mir mit dem Finger. Ein Schweizergardist spießte das Buch, das im weiten Bogen – ich nehme an, der Papst hat Übung in solchen Dingen – davongeflogen war, auf seine Hellebarde und trug es, die Schweizergardenase rümpfend, hinaus. Noch einmal, wenn er mich erwische, sagte der Papst, dann müsse ich zweitausendmal lateinisch den Satz schreiben: »Ich darf keine indizierten Bücher lesen, schon gar nicht in der Peterskirche.«

Nein. Das ist natürlich alles nicht wahr, denn ich steckte sofort zur Vorsicht den Gregorovius weg, als die Lichter aufflammten, und nahm das broschierte Gebetheft zur Hand. Der Papst kam auch nicht so einfach daher. Zwar sind die Zeiten vorbei, wo der Pontifex Maximus auf einer Sänfte durch das Kirchenschiff getragen und mit Straußenfederfächern bewedelt wurde wie noch Pius XII. (leider! vielleicht sind die Schwierigkeiten der Kirche darauf zurückzuführen, daß sie sich nicht mehr zu ihrer eigenen Gloriole bekennt), und der Papst trägt auch keine edelsteinbestickten Pantoffeln mehr, sondern – ich habe es genau gesehen – ganz ordinäre Lederslipper, noch dazu dunkelbraun, aber immerhin ging eine farblich geschmackvoll abgestufte Prozession von roten, grünen, schwarzen, goldenen, violetten, purpurnen, scharlachfarbenen Ministranten, Chorherren, Monsignori, Bischöfen, Erzbischöfen, Patriarchen und Cardinälen voran, bevor, in Weiß gekleidet, der Papst auftauchte.

IVIIVIIXI