Später Frost

Inhaltsverzeichnis

aber ich war nur in Nebraska.«

Little Bill in: »Erbarmungslos«

Langsam bewegte sich der Konvoi entlang der sandgelben Häuser. Der diesige Horizont Katamons begann im Schein der aufgehenden Sonne zu glühen. Henrik blinzelte verschlafen aus dem Autofenster. Sie waren hastig und ohne Frühstück aufgebrochen, nun war er hungrig und schälte eine der Orangen, die er in der Lobby eingesteckt hatte.

Dort, wo er herkam, gab es die exotischen Früchte nur am Weihnachtsabend, vorausgesetzt, man kam aus einer Familie, die es sich leisten konnte. Winter für Winter hatte er sich die Nase am Schaufenster von Karlssons Feinkostladen platt gedrückt, bevor er zum ersten Mal einen Spalt der Frucht hatte kosten dürfen. Das war lange her. In einem anderen Leben, in einem anderen Land. Hier dagegen gab es Orangen wie Sand am Strand von Sunnanö. Und in dem großen Hotel, in dem sie wohnten,

Der Wagen rumste durch ein Schlagloch. Henrik stieß sich den Kopf, Ferdinand, der Fahrer, fluchte. Am Straßenrand zogen Palmen und Kiefern vorbei. Die Kiefern mochte er, die gab es auch dort, wo er herkam. Dann wieder gelbe Gebäude, Sandstein, die ganze Stadt schien daraus gemacht zu sein, sogar die Grotte in Bethlehem, in der Jesus zur Welt gekommen war und die er am zweiten Tag nach seiner Ankunft hatte besichtigen dürfen. Drei Monate war das jetzt her.

Die Sonne goss ihr Licht großzügig auf die staubige Straße, auf Dächer und die Fassaden der Häuser. Plötzlich hielt der Wagen an, die Fahrzeuge vor ihnen waren ebenfalls zum Stehen gekommen. »Militärkontrolle«, sagte Ferdinand, zuckte mit den Schultern und griff nach seinen Zigaretten. Nun sah Henrik es auch. Eine Gruppe uniformierter Männer hatte den Konvoi gestoppt. Sie gingen die Reihe der Fahrzeuge ab und schauten in die Autos hinein, Schattenrisse in gleißendem Gegenlicht. Ferdinand zündete sich eine Zigarette an. Henrik kannte die Marke, Ferdinand rauchte sie ständig. Auf der orangefarbenen Schachtel stand zwischen hebräischen Buchstaben das englische Wort »Sport«, dahinter war ein athletisch gebauter Läufer abgebildet. Er mochte das Aussehen der Zigarettenpackung,

Henrik sah, wie er eine Waffe zog, danach krachte es, ohrenbetäubend. Im Fond des Wagens explodierte etwas. Dann noch einmal. Und noch einmal. Die letzte Explosion war ganz nah, beinahe so, als wäre etwas in ihm explodiert. Er spürte einen Blitz in seinem Arm. Das Letzte, das er wahrnahm, war das Blut, das aus ihm herauslief. Alles verschwand in Dunkelheit.

1

Wie ein Raumschiff schwebte der Bahnhof von Växjö in der feuchten Kälte des späten Februarnachmittags. Scheinwerferkegel hoben das holzverkleidete Gebäude aus der Dämmerung, und nur eine Treppe aus Beton, die vom Bahnhofsvorplatz auf den Gleisübergang führte, schien den halbrunden, ufoförmigen Bau am Abheben zu hindern. Vor der Treppe stand Stina Forss und sah über den unwirtlichen Bahnhofsvorplatz hinweg in eine menschenleere Fußgängerzone. Außer ihr waren lediglich drei andere Reisende dem Zug entstiegen, vermummte Gestalten, die schnell in verschiedene Richtungen verschwunden waren. Sie fror und vergrub ihre Hände tiefer in den Taschen ihres Lodenmantels.

Die zweitägige Zugreise von Berlin über Fehmarn durch Dänemark

Sie

Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen? Oder war das alles falsch? Eine übereilte Flucht? Oder, noch schlimmer, eine sentimentale Dummheit? Die Kälte schüttelte sie. Trotzdem entschied sie sich gegen das Taxi und machte sich zu Fuß auf den Weg durch die Fußgängerzone.

Das Hotel, das sie von Berlin aus gebucht hatte, lag ihrem zukünftigen Arbeitsplatz direkt gegenüber. Es machte einen nüchternen Eindruck. Der Mann an der Rezeption betrachtete ihren Personalausweis. Sein Blick verriet, dass er die deutschen Papiere mit ihrem akzentfreien Schwedisch in Einklang zu bringen versuchte. Er selbst hatte einen nordschwedischen

»Willkommen, Stina Forss!«

Fosch hatte er gesagt. Wie Frosch ohne r. Irgendwie klang es schwedisch ausgesprochen viel kraftvoller als auf Deutsch: Fosch. Ein Name wie ein Wasserschwall.

Sie hatte vorher nie darüber nachgedacht.

Im Zimmer packte sie ihre Sachen aus; ein weiterer, größerer Koffer würde in den nächsten Tagen mit der Post kommen, ebenso ihre Handtasche, das hatte ihr eine Mitarbeiterin der Fährgesellschaft zumindest am Telefon versichert. Dann rief sie ihre Cousine Maj an, die mit ihrer Familie unweit von Växjö auf dem Land wohnte. Sie hatte versprochen, sich nach ihrer Ankunft zu melden. Sie fand Majs Nummer in dem Telefonbuch, das auf ihrem Nachttisch lag. Maj war auch einmal eine Fosch gewesen, doch nun war sie seit Langem verheiratet und hieß Lundin.

Ihre Cousine freute sich, von ihr zu hören. Sie hatten sich zum letzten Mal vor drei Jahren auf einer Geburtstagsfeier getroffen. Forss schlug ein gemeinsames Abendessen in der Stadt vor. Maj lachte.

»Wir haben Sonntag!«

»Ja, eben. Bring doch die Kinder mit. Und Mathias möchte ich natürlich auch treffen.«

»Aber sonntags hat doch in Växjö kein Restaurant geöffnet.«

 

Die Lundins wohnten in Moheda, einem Dorf, das eine knappe halbe Stunde Autofahrt nordwestlich von Växjö lag. Die Straße zog sich wie eine nasse Schnur durch Nadelwald, einmal

»Das ist der Helgasee«, sagte Maj. »Im Sommer haben wir da ein Motorboot liegen. Du musst unbedingt mit uns hinauskommen! Wenn du willst, kannst du Wasserski fahren. Die Kinder lieben es.«

Maj lachte. Sie lachte oft, fand Forss. Bestimmt war sie eine fröhliche Mutter und eine gute Krankenschwester. Alles an der kräftigen Frau strahlte Lebensmut und Pragmatismus aus.

»Und du fährst die Strecke in die Stadt jeden Tag mit dem Auto?«

»Wir beide. Mathias muss ins Büro und ich ins Hospital. Wer nicht gerne Auto fährt, bekommt hier Probleme. Natürlich gibt es einen Bus, aber der fährt nicht häufig und ist im Winter oft unpünktlich. Mit dem Auto muss man allerdings aufpassen, gerade auf der Landstraße, wegen der Elche und anderer Tiere. Berlin ist ja ebenfalls nicht gerade klein, dort warst du bestimmt auch viel von A nach B unterwegs, oder?«

So hatte es Forss noch nie betrachtet.

»Man fährt schon lange Strecken«, sagte sie.

 

Lea und Tuva hatten die gleichen braunen Zöpfe und trugen die gleichen rosafarbenen Plastikclogs wie ihre Mutter. Mathias Lundin war ein dünner Mann mit festem Händedruck. Sie hatte ihn auf Familienfesten getroffen, damals mit langem Haar, eine Ewigkeit schien das her zu sein, jetzt trug er sein Haar kurz, was seine hohe Stirn betonte. Maj hatte Brot aufgedeckt, Butter und Käse, ein Abendessen wie aus Bullerbü, dachte sie, es steckte sogar ein kleines Holzmesserchen in der Butter. Zum Nachtisch gab es eingelegte Pflaumen mit Vanillesoße.

»Du

Maj sah sie an. Obwohl Forss auf die Frage gewartet hatte, fiel es ihr schwer zu antworten. Sie stach mit ihrem Löffel in eine Pflaume. Das Fruchtfleisch war ganz weich.

»Stina, es ist gut, dass du kommst, dass du das alles auf dich nimmst. Deine Nähe wird ihm guttun. Er hat dich vermisst, weißt du? Und jetzt mit der Krankheit wird es auch nicht gerade leichter für ihn.«

Forss spürte, wie sich etwas in ihr spannte.

»Wann warst du denn bei ihm?«

»Das letzte Mal vor zwei Wochen. Er ist in einer guten Einrichtung. Man kümmert sich. Aber trotzdem. Er … Er hat sich verändert. Und er verändert sich noch.«

Forss sah, dass eine Fliege auf der Schüssel mit den Pflaumen gelandet war. Dabei war doch Februar. Mathias hatte ihren Blick bemerkt. Mit einer Handbewegung scheuchte er das Insekt weg.

»Der Nachbar, er hat Kühe. Sie locken die Fliegen an.«

Es klang wie eine Entschuldigung.

»Wir haben dem Großonkel etwas gebastelt«, sagte Lea. Sie war das ältere der beiden Mädchen. »Einen Traumfänger. Der hängt jetzt im Krankenhaus an der Wand neben seinem Bett.«

»Wie bei einem alten Indianer«, sagte Tuva. »Wenn du willst, machen wir dir auch einen.«

 

Später saßen sie im Wohnzimmer, die Kinder hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Maj goss ihnen Tee in große, bunte Becher ein. Forss sah sich um.

»Schön habt ihr es hier. Das ganze Holz. Und so viel Platz.«

»Das ist der Vorteil, wenn man auf dem Land lebt. Warte erst auf den Sommer. Dann ist Schweden ein anderes Land.«

»Wenigstens für eine Woche«, sagte Mathias.

Sie

»Und deine Mutter?«, fragte Maj.

»Gut. Ja, es geht ihr richtig gut.«

Es klang kühler, als sie es beabsichtigt hatte. Obwohl seitdem so viele Jahre vergangen waren, fiel es ihr noch immer schwer, mit dem väterlichen Teil ihrer Familie über ihre Mutter zu sprechen.

»Das freut mich. Ehrlich, Stina, das freut mich sehr.«

Maj lächelte. Forss beschloss, ihr zu glauben. Sie tranken von ihrem Tee. Irgendwann war das Gespräch an seinem natürlichen Ende angelangt. Mathias bot an, sie in die Stadt zurückzubringen. Zum Abschied nahm Maj sie in den Arm. Länger, als sie es erwartet hatte.

»Willkommen zu Hause«, sagte sie.

2

»Diese verdammten Biester«, sagte Gunnar Berg und lachte. Ingrid Nyström war erleichtert. Wenigstens lachen konnte er also noch. Das Bild, das der massige Mann mit dem zotteligen Stofftier auf dem Schoß abgab, brachte auch sie zum Lächeln.

»Ich hatte Angst, du könntest es geschmacklos finden.«

»Ach was, du kennst mich doch. Wenn ich erst wieder zu

Gunnar Berg richtete seinen schweren Oberkörper auf und drückte einen der Knöpfe, die am Kopfende seines Bettes in die Wand eingelassen waren.

»Die Schwester soll eine Vase für deine schönen Blumen bringen. Möchtest du einen Kaffee oder so etwas? Die haben hier alles da. Der Segen einer privaten Zusatzkrankenversicherung. Ich sage nur Einzelzimmer, Ingrid!«

»Und ich dachte, du wärst Sozialdemokrat.«

»Bin ich auch. Aber das heißt nicht, dass ich ein bisschen Luxus nicht zu schätzen weiß. Olof Palme würde sich natürlich im Grab umdrehen, aber es hat seine Vorteile: Chefarztbehandlung, optimale Nachversorgung, Zimmer mit Kabelfernsehen. Wusstest du, dass es Sender gibt, die den ganzen Tag nichts als Golf oder Angelsport zeigen? Du solltest wirklich darüber nachdenken, schließlich bist du ebenfalls nicht mehr die Jüngste.«

»Danke, Gunnar. Sehr charmant.«

»Gern geschehen.«

Ingrid Nyström fühlte, wie eine Last von ihr abfiel. Gunnar Berg gab sich Mühe, so lebensfroh wie immer zu wirken. Zehn Tage war es her, dass er auf der Landstraße nach Tingsryd verunglückt war. Nachdem man seinen bewusstlosen Körper aus dem völlig zerstörten Auto geschnitten hatte, hatte Berg sechs Tage im Koma gelegen. Jetzt war sein Zustand stabil, aber er hatte eine Niere verloren und Trümmerbrüche in beiden Beinen. Die Prellungen, Schnittwunden und Abschürfungen würden verheilen, aber noch war völlig unklar, ob er jemals wieder würde laufen können.

Hauptkommissar

»Ich habe mit Edman gesprochen«, sagte er. »Er ist einverstanden. Die stellvertretende Landespolizeichefin ebenso. Es ist an der Zeit.«

Er machte eine Pause, strich mit den Händen die Bettdecke vor sich glatt. Dann fuhr er fort.

»Sehen wir den Dingen ins Auge. Das, was von meinen Beinen übrig ist, fühlt sich wie Griesbrei an, von der Niere ganz zu schweigen. Die Ärzte sind alles andere als optimistisch, genaue Prognosen gibt niemand, trotz Chefarztbehandlung. Und selbst wenn ich keine Dialyse brauche und eines Tages wieder gehen können sollte: Es sind jetzt noch etwas mehr als drei Jahre bis zu meiner Pensionierung. Wozu soll ich mir das antun? Ein Chefermittler mit Krücken? Oder einem Pissbeutel an der Seite? Entschuldige bitte, aber es ist doch wahr! Die Blicke und das Mitleid? Und erst die Treppen, wenn der Fahrstuhl mal wieder streikt?«

Berg versuchte sich an einem Grinsen. Sie wich seinem Blick aus. Es war ruhig im Raum, zu hören war nur das Tickern einer Maschine, aus der Schläuche unter Bergs Bettdecke verschwanden. Sie wollte das nicht hören. Weder die Maschine noch das, was Berg sagte. Das, was er sagen würde. Eine

»Ich habe auch mit meiner Frau geredet«, fuhr er schließlich fort, »sie sieht es genauso. Und Edman hat bereits mit Stockholm telefoniert. Die Signale sind so, dass ich wohl ohne Abzüge in Frühpension gehen kann. Edman ist ein miserabler Polizist und ein noch schlechterer Chef, aber kein schlechter Politiker, mit dem ganzen Verwaltungsmist kennt er sich wirklich aus.«

Er seufzte. Dann wieder ein missglückter Versuch zu grinsen.

»Ich stelle mir das so vor: Ich habe bei Per Enquist vom Bauamt noch etwas gut. Wenn ich eine Genehmigung bekomme, baue ich das Sommerhaus am Helgasee zu unserem Wohnhaus um, Elsa plant schon seit Jahren den Garten. Meine Pension werde ich in eine erstklassige Anglerausrüstung investieren. Wusstest du, dass man für eine gute Rolle mehr als 3000 Kronen hinlegen muss? Und erst die Ruten …«

»Hör auf mit dem Blödsinn!«, rief sie.

»Ingrid, ich versuche nur, es leichter zu machen.«

»Ich weiß. Entschuldige.«

Wieder suchte er ihren Blick, und wieder wich sie ihm aus. Stattdessen beobachtete sie weiterhin die Staubstrahlen, die im Raum standen.

»Du wirst übernehmen, Ingrid.«

Sie entgegnete nichts.

»Du bist die Einzige, die infrage kommt, niemand weiß das besser als du selbst. Du hast die Erfahrung, die Kompetenz, jeder im Team akzeptiert dich. Früher oder später wäre es sowieso

Die Tür öffnete sich, und ein Pfleger kam mit Kaffee und einer Vase für die Blumen herein. Sie wartete, bis der junge Mann den Raum verlassen hatte. Draußen hatte sich das Licht verändert. Die Wintersonne warf jetzt blasse Muster auf die Wände des Zimmers, der Staub war verschwunden. Der Kaffee schmeckte wässrig, trotz privater Krankenzusatzversicherung; vielleicht war ihr aber auch einfach nicht nach Kaffee.

»Was ist mit Anette? Ich weiß, dass sie sich auf die Stelle bewerben wollte. Perspektivisch.«

Berg schnaubte.

»Sie hätte keine Chance gehabt. Weder gegen dich noch gegen externe Bewerber. Ihr fehlt die Erfahrung, und sie neigt zum Jähzorn. Du nimmst niemandem etwas weg, Ingrid. Nicht mir und erst recht nicht Anette Hultin.«

Die Muster waberten an der Wand. Endlich sah sie ihn an.

»Ich habe es mir immer anders vorgestellt, weißt du? Deinen Ruhestand. Irgendwie als etwas Fröhliches, Nettes. Eine Art Feier, auf der wir alle Hütchen tragen und singen und Scherze machen. Weiter habe ich nie gedacht. Und jetzt … ganz vorne stehen … Ich weiß nicht, ob ich das so plötzlich kann. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich das überhaupt will.«

Sie war aufgestanden und ans Fenster getreten. Von hier oben konnte man über den Växjösee hinweg bis zur Schwimmhalle sehen. Obwohl die Temperatur seit Tagen über null lag, war die Eisdecke auf dem See noch geschlossen. Ein einsamer Schlittschuhläufer zog seine Bahnen, seine Arme pendelten regelmäßig wie ein Metronom. Mit einem Mal fröstelte es sie. Der Winter war noch lange nicht vorbei. Sie

»Es ist nur, dass es so plötzlich kommt. Es fühlt sich falsch an. Dass ich auf deinen Platz rücke, während du hier liegst. Weil du hier liegst.«

Sie hatte nach seiner Hand gegriffen.

»Wegen eines verdammten Wildschweins«, flüsterte sie.

»Es sind verdammte Biester«, sagte er leise und drückte ihre schmale Hand. Seine Haut fühlte sich an wie Sandpapier.

3

Er schaltete die Scheinwerfer aus und ließ den Wagen die letzten Meter im Leerlauf auf die Lichtung zwischen den Baumreihen rollen. Die Nacht war sternenklar, und nur vereinzelte Wolkenfetzen spiegelten sich in den Lachen, die sich zwischen den hartnäckigen Schneeresten in den Furchen des Waldwegs gebildet hatten. Lange blieb er in der Geborgenheit des Autos sitzen und starrte durch die Windschutzscheibe in die Schattenwelt, die sich in hohen Konturen vor dem Himmel abzeichnete. Ich sitze hier und starre wie ein Habicht, dachte er, und der Gedanke an den Raubvogel gefiel ihm. Minute um Minute blieb er so sitzen, bemüht, jeden Moment der Spannung und der Vorfreude auszukosten. Oft war er hier gewesen in all den Jahren, und nie hatte er den Ort ohne seine Beute wieder verlassen. Und auch heute würde es nicht anders sein, obwohl heute ein besonderes Mal war, denn heute war das letzte Mal, so hatte er es versprochen, das allerletzte Mal.

4

Nach dem Frühstück fuhr sie bei ihrer jüngsten Tochter Anna vorbei, um sich die Haare schneiden zu lassen. Zu ihrer Überraschung öffnete ihr eine junge Frau mit wilder Frisur die Tür, die sie vorher noch nie gesehen hatte, vermutlich eine von Annas unzähligen Freundinnen, über die sie ständig den Überblick verlor.

»Hej, ich bin Madeleine«, sagte das Mädchen in dem weiten T-Shirt und den Strumpfhosen mit Tigermuster. Es streckte ihr eine Hand entgegen. »Wir lernen gerade für die Friseurinnenprüfung«, fügte es hinzu, »Styling und so einen Kram.«

Um acht Uhr morgens, dachte Nyström, aber sie sagte es nicht laut. Das Letzte, was sie heute wollte, war ein Streit mit ihrer Tochter. Außerdem war sie insgeheim sogar zufrieden, dass sich der aktuelle Berufswunsch Annas zu verfestigen schien.

»Genau«, krähte Anna aus dem Hintergrund und, als habe sie die Gedanken ihrer Mutter erraten, »der frühe Vogel fängt den Wurm.«

Anna schnitt ihr die Haare und überredete sie anschließend sogar dazu, Lidschatten und etwas Rouge aufzutragen. Schließlich begutachtete sie ihre Mutter zufrieden.

»Jetzt

Madeleine grinste.

»Eine echte femme fatale.«

 

»Du siehst ja wie eine richtige Chefin aus!«

Lars Knutsson war der Erste, den sie im Flur der Abteilung im dritten Stock des Präsidiums traf.

»Herzlichen Glückwunsch zu deiner Beförderung, Ingrid!«

Ein wenig unbeholfen nahm der dicke, große, bärtige Mann sie in die Arme. Es fühlte sich an, als ringe sie mit einem Bären. Lars Knutsson war wie sie Anfang fünfzig und arbeitete seit vielen Jahren gemeinsam mit ihr in der Abteilung.

»Danke, Lasse.«

»Du hast es verdient, wirklich. Alle hier denken so. Mach dir also bloß nicht zu viele Gedanken.«

»Gunnar hat mit dir geredet, oder?«

»Ich war gestern bei ihm, aber …«

Lars Knutsson wurde rot. Er kratzte seinen Bart.

»Du, meinst du, du hast später noch mal ein bisschen Zeit für mich?«

»Geht es um die Lkw-Diebstähle in Alvesta?«

»Nein. Ja. Auch. Eigentlich um etwas anderes. Mein Sommerurlaub. Es war so, dass ich mich schon im Herbst eingetragen hatte. In den Urlaubskalender, meine ich. Und dann habe ich mich wieder ausgetragen, weil meine Frau doch im Frühjahr in Kur sollte. Also, jetzt wurde dieser Kuraufenthalt verlegt, und mein Schwager hat uns in sein Sommerhaus nach Öland eingeladen, aber nun haben sich schon zwei Kollegen für Juli in die Liste geschrieben und …«

»Lasse.«

»Mmh.«

»Heute ist mein erster Tag.«

»Mmh.«

Nyström atmete hörbar aus. Sie konnte fühlen, dass sie unter der ungewohnten Schminke schwitzte, außerdem kratzten Haarschnipsel im Kragen.

»Meinst du, wir können morgen über deinen Urlaub reden?«

»Kein Problem, Ingrid. Wirklich kein Problem.«

Knutssons Gesicht glühte. Er machte auf dem Absatz kehrt und stapfte mit großen Schritten den Flur hinab.

»Lasse«, rief sie. Der bullige Mann stoppte und drehte sich wieder zu ihr um. »Wegen der Lkw-Geschichte: Sagen wir nach dem Mittagessen in meinem Büro?«

 

Der Termin mit Erik Edman, dem Chef der Dienststelle, verlief so unerfreulich, wie sie es erwartet hatte. Die Besetzung des Postens mit dem eloquenten, aber wenig kompetenten Mann war eine politische Konzession gewesen, die in den vergangenen Jahren für einigen Unmut unter den Kollegen gesorgt hatte. Seine fehlende Sachkenntnis und Arbeitsmoral waren legendär, und nicht wenige nannten ihren obersten Vorgesetzten hinter vorgehaltener Hand Halbvier-Erik, denn das war die Uhrzeit, zu der er normalerweise das Präsidium Richtung Golfplatz verließ. Der formale Teil ihrer Beförderung zur Hauptkommissarin und Leiterin der Abteilung Kriminalpolizei bestand darin, dass er ein Fax der stellvertretenden Landespolizeichefin vorlas, das aus Stockholm gekommen

»Es ist deine Chance«, sagte Edman, als er ihr die Hand schüttelte. »Versau sie nicht.«

Sie war froh, als Halbvier-Erik ihr Büro endlich wiederverlassen hatte und sie sich weiter ihrer Arbeit widmen konnte.

 

Die Frau, die am späten Vormittag ihr Büro betrat, war in den Dreißigern, klein gewachsen und hatte ein auffallend schmales, mit Sommersprossen übersätes Gesicht, das von einem Wust rotbrauner Locken umrahmt wurde, der auf der Stirn zu einem schräg geschnittenen Pony gestutzt war. Das schiefe Lächeln ihres leuchtend rot geschminkten Mundes und der Umstand, dass ihr linkes Augenlid ein wenig zuweit nach unten hing, verstärkten den Eindruck von Asymmetrie im Gesicht der jungen Frau, dennoch wirkte sie auf Nyström nicht unattraktiv. Zu ihren weiten, schlaghosen-artigen Jeans, unter denen die abgerundeten Kappen teuer aussehender Pumps hervorlugten, trug sie eine knapp geschnittene, grasgrüne Trainingsjacke mit blauen Bündchen, die auch einer Elfjährigen gepasst hätte. Auf der schmalen Brust formten ausgeblichene Buchstaben den Schriftzug Reinickendorfer Füchse. Das Rot des Nagellacks auf ihren kurzen Fingernägeln war sowohl auf den Lippenstift als auch auf das Leder ihrer Schuhe und die münzgroßen Ohrringe abgestimmt, die bei jeder Bewegung zwischen ihren Locken schimmerten. Nichts an dieser Frau sah nach einer Kriminalbeamtin aus, trotzdem dokumentierte die Akte auf Nyströms Schreibtisch eine eindrucksvolle Karriere bei der Berliner Kriminalpolizei, einschließlich des Einsatzes in verschiedenen Mordkommissionen.

»Ich

Nyström war aufgestanden. Die beiden Frauen gaben sich die Hand.

»Willkommen. Ich bin Hauptkommissarin Ingrid Nyström. Heute ist auch mein erster Tag, gewissermaßen.«

Nyström lächelte, dann bat sie Forss, Platz zu nehmen. Sie berichtete von Bergs Unfall und den personellen Veränderungen im Revier, dann sprach sie über die allgemeinen Aufgabenbereiche der Abteilung, die Entwicklung der Kriminalität in Växjö und der Region Kronoberg und die zukünftigen Einsatzschwerpunkte der neuen Mitarbeiterin. Stina Forss war dem Kommissariat in Växjö für ein Anerkennungsjahr zugeteilt worden, an dessen Ende ihr die Reichspolizeibehörde eine dauerhafte Übernahme in den schwedischen Polizeidienst in Aussicht gestellt hatte. Neue EU-Richtlinien machten solche Programme möglich. Forss würde während dieses Jahres sowohl auf der Polizeidienststelle arbeiten als auch an zwei Tagen in der Woche Seminare an der Polizeihochschule in Växjö besuchen müssen. Zum Abschluss des Gespräches führte Nyström Forss durch das Präsidium und stellte sie ihren neuen Kollegen vor. Als ersten Ansprechpartner für Forss hatte Nyström Hugo Delgado ausgesucht. Er hatte eine ruhige, gelassene Art und war gut darin, Dinge zu erklären, außerdem war er etwa im selben Alter wie die junge Deutschschwedin. Während sich die beiden in ein Fachgespräch über Datenbanken vertieft zum Mittagessen Richtung Kantine aufmachten, hatte Nyström zum ersten Mal an diesem Tag ein gutes Gefühl. Vielleicht war es gar nicht so schwer, eine gute Chefin zu sein. Man musste nur delegieren können.

 

Als

»Störe ich? Du siehst aus, als wolltest du gerade gehen.«

»Wollte ich auch. Macht aber nichts. Komm rein. Was kann ich für dich tun?«

»Es ist so … Ich habe da noch eine Frage, dienstlicher Natur.«

Nyström fiel auf, wie sauber das Schwedisch der jungen Frau klang. Die vielen Jahre in Deutschland hatten keine Spuren hinterlassen. Jedenfalls nicht in der Sprache.

»Worum geht es?«

Forss antwortete nicht sofort, stattdessen rieb sie ihr rechtes Ohrläppchen mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Nyström kannte diese Geste aus Verhören. Sie war gespannt, was jetzt kommen würde.

»Ich wollte mit dir darüber sprechen, wie wir die Frage der Dienstwaffe handhaben wollen. Formal gesehen habe ich nur den Status einer Polizeianwärterin, einer Studentin im Praktikum. Faktisch werde ich hier allerdings ganz normale Arbeit

Nyström sah in das schiefe Lächeln sehr roter Lippen.

»Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken gemacht. Ich werde mich schlaumachen, was die juristische Situation angeht, einverstanden?«

Forss nickte.

»Aber du solltest dir keine Sorgen machen, Växjö ist in vielerlei Hinsicht anders als Berlin, Waffen kommen bei uns nur äußerst selten zum Einsatz.«

Forss lachte hell auf.

»Das habe ich schon gemerkt. Das mit dem Anderssein. Aber danke, dass du dich kümmerst.«

Sie wandte sich zum Gehen.

»Stina.«

»Ja?«

»Darf ich dich etwas Persönliches fragen?«

»Ja.«

»Gibt es einen besonderen Grund, warum du nach Schweden zurückgekehrt bist? Von einer Metropole in eine Kleinstadt in Småland?«

Die kleine Frau zögerte. Wieder griff sie an ihr Ohrläppchen.

»Familienbande«, sagte sie schließlich. Dann drehte sie sich um und klackerte mit ihren roten Absätzen den Flur hinunter. Aha, dachte Nyström, ein Klempner ohne Zange. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass Forss ihr nur eine Art von Wahrheit gesagt hatte.

5

6

Als Stina Forss am Samstagabend aus dem Hotel trat, trieb sie der nasse Westwind in die Fußgängerzone. In einer Seitenstraße blieb sie vor einer Plakatwand stehen. Ein Café de Luxe kündigte einen Sixties-Tanzabend an, und Gräddhyllan warb mit der Abbildung eines alten Schallplattenspielers für eine Vinylbar an Freitagen und Samstagen. Vielleicht wäre das

Eine Woche war sie nun in Växjö. Ihre Kollegen schienen ganz in Ordnung zu sein, aber sie hatte den Eindruck, nicht richtig für voll genommen zu werden. Die Dinge, die man ihr zu tun gegeben hatte, waren Kinkerlitzchen: ein Ladendiebstahl und eine Einbruchsserie in Gartenhäuschen, so etwas hatte sie in Berlin im ersten und zweiten Berufsjahr mit Anfang zwanzig gemacht. Dazu kam, dass ihr permanent jemand über die Schulter zu schauen schien, ein Gefühl, das sie überhaupt nicht mochte. Noch nicht einmal eine

Vielleicht war sie ein bisschen ungerecht. Vielleicht lag das Problem nicht darin, dass man sie unterschätzte, sondern dass hier einfach sehr wenig passierte, jedenfalls wenn man es mit Kreuzberg, Neukölln oder dem Märkischen Viertel verglich. Aber viel schlimmer als im Revier waren die beiden Tage an der Hochschule gewesen. Dort saß sie zusammen mit zwanzigjährigen Schulabgängern. Sie war fast doppelt so alt. Na ja, nicht ganz, aber trotzdem: Oma Stina. Da ging es um Facebook und wo man am Wochenende billig auf dem Campus saufen konnte. War ja auch sonst nichts los hier. Am Mittwochabend hatte sie einen Spaziergang gemacht und war in einer Pizzeria gelandet, in der sie der einzige Gast war und in der kein Alkohol ausgeschenkt wurde.

Doch eigentlich wusste Forss, dass ihre Unzufriedenheit einen ganz anderen Grund hatte. Sie war seit einer Woche in Schweden und war noch immer nicht bei ihrem Vater gewesen. Ein Teil von ihr redete sich ein, dass es an der Entfernung nach Ljungby liegen würde, aber das war natürlich Quatsch, die sechzig Kilometer hätte sie bequem nach Feierabend in einer Stunde fahren können, und selbst wenn sie sich noch nicht um ein eigenes Auto gekümmert hatte, wäre es ein Leichtes gewesen, sich einen Wagen zu mieten. Nein, sie

Das Lokal war mäßig besucht für einen Samstagabend. Die Hocker am Tresen waren von Männern besetzt, die Biergläser vor sich stehen hatten. Hinter dem Tresen war ein Fernsehschirm angebracht. Es lief ein Eishockeyspiel. Am Tisch neben ihr saß eng umschlungen ein knutschendes Paar Anfang zwanzig. Das Mädchen hatte blonde Zöpfe, deren Spitzen violett gefärbt waren. Das ist ja fast schon Punk, dachte Forss, Provinzpunk. Der Freund hatte sogar einen Irokesenschnitt. Nicht die Jungfußballer-Version, sondern einen echten, mit abrasierten Seiten. Als sich der Junge zurücklehnte, sah sie, dass sie sich vertan hatte: Es war ebenfalls ein Mädchen. Ein lesbisches Liebespaar. Punklesben. In der anderen Ecke des Raums saßen zwei Männer in Rollkragenpullovern, die sich laut unterhielten. Der eine griff in seine Jacke, die neben ihm auf der Sitzbank lag, und holte einen Flachmann heraus. Daraus goss er hinter vorgehaltener Hand etwas in sein Glas. Der weiß, wie man es macht, dachte sie. Sie schloss die Augen. Die Musikanlage hämmerte U2s notorisches Sunday, Bloody Sunday in anstrengender Lautstärke. How long must we stand this song?, dachte sie. Sie spürte, dass sie müde wurde. Vielleicht musste diese Vinylbar warten. Es würde noch viele Wochenenden geben. Sie bat um die Rechnung. Als sie bezahlt hatte, ging sie zu ihrem Hotel zurück. Oben, in ihrem Zimmer, fiel sie in einen traumlosen Schlaf.