Luise Rinser
Hochebene
Roman
FISCHER Digital
Luise Rinser, 1911 in Pitzling in Oberbayern geboren, war eine der meistgelesenen und bedeutendsten deutschen Autorinnen nicht nur der Nachkriegszeit. Ihr erstes Buch, ›Die gläsernen Ringe‹, erschien 1941 bei S. Fischer. 1946 folgte ›Gefängnistagebuch‹, 1948 die Erzählung ›Jan Lobel aus Warschau‹. Danach die beiden Nina-Romane ›Mitte des Lebens‹ und ›Abenteuer der Tugend‹. Waches und aktives Interesse an menschlichen Schicksalen wie an politischen Ereignissen prägen vor allem ihre Tagebuchaufzeichnungen. 1981 erschien der erste Band der Autobiographie, ›Den Wolf umarmen‹. Spätere Romane: ›Der schwarze Esel‹ (1974), ›Mirjam‹ (1983), ›Silberschuld‹ (1987) und ›Abaelards Liebe‹ (1991). Der zweite Band der Autobiographie, ›Saturn auf der Sonne‹, erschien 1994. Luise Rinser erhielt zahlreiche Preise. Sie ist 2002 in München gestorben.
Die Hochebene, in deren düsterer, schwermütiger Landschaft sich die drei Lebenswege dreier Menschen kreuzen, ist mehr als ein bloßer geographischer Ort. Wenn sich Juliane Brenton am Ende dieses Liebesromans für das selbstlose Leben an der Seite eines Arztes entschieden haben wird, hat sie im übertragenen Sinne die Hochebene ihres Lebens erreicht. Es ist nicht nur das Thema allein, das in dieser Erzählung ergreift – es ist die klare, bildkräftige Sprache, mit der die Dichterin die feinen Verästelungen seelischer Entwicklungen aufspürt. Unter der scheinbaren Nüchternheit drängt verhaltene und gebändigte Leidenschaft zur Entscheidung.
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei FISCHER Digital
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
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ISBN dieser E-Book-Ausgabe: 978-3-10-561209-5
Im Morgengrauen kam Juliane in der kleinen fremden Stadt an, wohin ein Telegramm sie gerufen hatte. Sie war die Nacht hindurch gefahren, um ihren Vater vor seinem Tode noch einmal zu sehen. Müde und frierend verließ sie das Bahnhofsgebäude und ging durch eine Allee von gestutzten Kastanien. Es war Anfang Februar, aber es lag kein Schnee. Juliane schlug die Pelzkappe hoch, verbarg die Hände tiefer im Muff und steckte das Kinn in den seidenen Schal, den sie unter dem Mantelkragen trug. Sie ging langsam und so gedankenlos, daß sie öfter als einmal in eine tiefe Pfütze geriet. Sie hatte die ganze Stadt zu durchqueren, um zu dem Hotel zu gelangen, in dem ihr Vater lag; doch sie beeilte sich nicht. Sie dachte daran, daß sie den Vater nicht mehr gesehen hatte, seitdem man sie, nach dem Tod der Mutter, in ein Genfer Internat geschickt hatte. Sie besaß keine gute und keine schlechte Erinnerung an ihn; sie hatte ihn vergessen. Doch fiel ihr plötzlich eine kleine Szene aus ihrer Kindheit ein. Der Vater sprach drängend und finster auf die Mutter ein, die ihn ruhig und spöttisch ansah, bis er unsicher wurde und ging. »Warum ist er böse?« hatte die Kleine gefragt. Die Mutter zuckte die Achsel. »Böse? Ach nein. Er ist nur schwach. Schwach und dumm.« Im nämlichen Augenblick fiel draußen im Flur eine Tür zu, und dieser laute Knall verlieh den letzten Worten der Mutter den Nachdruck eines scharfen und unwiderruflichen Urteils.
Diese Szene, vergessen und plötzlich wieder aufgetaucht, beschäftigte Juliane so sehr, daß sie beinahe an dem Hotel vorbeigegangen wäre, in das man sie gerufen hatte. Sie fragte den Portier, wo sie ihren Vater, Herrn Brenton, finden könne. Der Portier räusperte sich, spielte mit seinem Bleistift und drehte seinen Schnurrbart hoch. Dann rief er in gleichsam überstürztem Entschluß einen Boy, der in der winzigen und armseligen Halle herumlungerte. »Bring das Fräulein auf Nummer fünfzehn!«
»Oh«, sagte der Junge, »der Herr ist doch …«
»Bring das Fräulein hinauf«, befahl der Portier erbost.
»Was ist mit Herrn Brenton?« fragte Juliane, als sie die ausgetretene knarrende Treppe hinaufstiegen.
»Er ist tot. Gestorben«, sagte der Junge trocken. Dann schlug er sich mit der Hand auf den Mund und spähte scheu über das Treppengeländer hinunter. Juliane empfand bei dieser Eröffnung weder Bestürzung noch Schmerz, nur eine leise Beklemmung. Als sie die Tür von Nummer fünfzehn öffnete, drang lautes Hämmern und der Geruch nach Lysol heraus. Zwei Männer in Arbeitsschürzen waren damit beschäftigt, den Deckel auf den schwarzen Sarg zu nageln.
»Er wird gleich abgeholt werden«, sagte der Boy. Juliane blieb auf der Schwelle stehen. Der Sarg war zugenagelt. Die Männer gingen an ihr vorüber aus dem Zimmer. Sie war allein mit dem schwarzen Sarg, der ziemlich ärmlich aussah. Auch das Zimmer war armselig. »Weshalb lebte Vater so billig?« dachte sie erstaunt. »Wir haben doch Geld.« Sie legte die Hand auf das schlecht geglättete Holz. Dann ging sie in die Halle hinunter. Der Portier räusperte sich und sagte mit Trauermiene: »Mein Beileid, Fräulein.« Dann fuhr er eifrig fort: »Das Fräulein sollen hier warten, bis ein Herr Doktor Hackliff oder Heckliff kommt.«
»Heckliff?« fragte Juliane und zog die Brauen zusammen. »Wer ist denn das?«
Der Portier zuckte die Achseln. »Er wird gleich hier sein.« Er zog sich in seine Loge zurück, und Juliane ließ sich in einen der abgeschabten roten Plüschsessel fallen, die um ein Marmortischchen standen. Der Boy, durch eine schmutzige Serviette unterm Arm in einen Kellner verwandelt, schlenderte herbei, und Juliane bestellte ein Frühstück. Angewidert betrachtete sie die klebrigen Spuren von Likörgläsern auf der Tischplatte, die Flecke auf den Plüschmöbeln, die schäbigen Gardinen und Läufer und die albernen Öldrucke an den Wänden. Als der Boy mit dem Frühstück kam, war sie, den Kopf auf der Lehne, eingeschlafen.
Sie schlief unruhig, doch zu tief, um zu bemerken, daß jemand längere Zeit vor ihr stand und sie betrachtete. Es war ein Mann, der so groß und so breit war, daß er das einzige Fenster der Halle, vor dem er stand, fast verdeckte, so daß es plötzlich düster darin geworden war. Er beugte sich ein wenig vor, um das Gesicht der Schlafenden zu sehen. Der Anblick dieses Gesichts schien ihn zu erschrecken, denn er fuhr heftig zurück. Der Portier streckte seinen Kopf aus der Loge, verwundert über diese Bewegung. Mißtrauisch beobachtete er, wie der Fremde sich von neuem über die Schlafende beugte, die ganz in seinem Schatten versank. Die Fäuste auf die Armlehnen des Sessels gestützt, wartete der Fremde auf das Erwachen des Mädchens, ohne sich um die Blicke des Portiers und des ruhelos umherstreichenden Boys zu kümmern.
Plötzlich standen, ohne daß man sie hatte eintreten hören, vier schwarzgekleidete Männer mit Zylinderhüten in der Halle. Sie schritten, vom Portier angewiesen, stumm über die Treppe und kehrten nach kurzer Zeit zurück, den ärmlichen Sarg auf den Schultern. Als sie den untersten Treppenabsatz erreichten, stolperte einer der Träger, und es entstand ein polterndes Geräusch, von dem Juliane erwachte. Sie richtete sich auf. Ihr Blick fiel auf den Sarg, den man an ihr vorüber durch die Halle hinaustrug. Dann erst bemerkte sie den Mann, der schweigend neben ihr stand. Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an und schob ihre Kapuze, die während des Schlafs zurückgeglitten war, wieder über ihr braunes, wirrgelocktes Haar.
»Ich bin Doktor Heckliff«, sagte er, ohne sie anzuschauen. Dann verstummte er, um ihr Zeit zu lassen, eine Frage zu stellen. Doch sie blickte ihn nur kühl und schweigend an. Plötzlich ergriff er sie am Arm und sagte: »Kommen Sie.«
Der Tag war trüb. Es hatte begonnen zu regnen. Sie gingen wortlos mit hochgezogenen Schultern. Juliane fragte nicht, wohin sie gehen würden. Endlich stieß er die Tür zu einem Café auf. Es war leer. Ein magerer Kellner lehnte am Fenster und starrte in den Regen. Heckliff bestellte Kaffee und Zwetschgenschnaps. Dann sagte er heiser: »Ich weiß nicht, ob Sie meinen Namen schon früher gehört haben.« Zögernd fügte er hinzu: »Von Ihrer Mutter vielleicht.«
»Nein«, sagte Juliane und sah ihn an.
»Nein«, wiederholte er düster und nickte abermals. Dann sagte er: »Man hat mich zum Vormund für Sie eingesetzt.«
»So?« sagte Juliane.
»Ja«, fuhr Heckliff mühsam fort, »Ihr Vater wollte mich besuchen. Aber er wurde hier krank und er kam nicht mehr nach Steinfeld. Dort wohne ich.« Er machte eine unbestimmte Handbewegung, die in Juliane die Vorstellung erzeugen mußte, Steinfeld liege am Ende der Welt. Der Kellner brachte Kaffee und Branntwein. Heckliff trank sein Glas mit einem Zuge leer. Dann fuhr er fort: »Morgen mittag ist die Beerdigung. Bis dahin wohnen Sie bei Frau Deuerlich. Sie wird Trauerkleider für Sie kaufen. Vor der Beerdigung hole ich Sie ab.«
Er schob ihr einen Briefumschlag zu, den sie, ohne den Inhalt anzusehen, gedankenlos einsteckte. Daraufhin entstand eine lange Pause, während der Heckliff mehrere Gläser Schnaps leerte und Juliane ihn betrachtete. Er war, so schätzte sie, etwa vierzig Jahre alt, vielleicht auch älter. Das Gesicht war braun und von Sonne und Wind gegerbt. Je länger Juliane es betrachtete, desto stärker empfing sie den Eindruck einer melancholischen Gewalttätigkeit, die sie erregte, ja gegen ihn aufbrachte, obwohl sie nichts als Gutes von ihm erfuhr. Sie begriff, daß sie auf diesen Mann bis zu ihrer Volljährigkeit angewiesen sein würde, und ihr ganzes Wesen lehnte sich dagegen auf.
Plötzlich wandte er sich ihr zu und machte eine Bewegung, als wollte er nach ihrer Hand greifen, doch er nahm nur sein leeres Glas und hielt es während des ganzen Gesprächs fest. Juliane blickte kühl in seine Augen, die ihr übermäßig blau und groß erschienen. Er sagte: »Ihr Vater war zu mir gekommen, um mir zu sagen, daß etwas Unangenehmes geschehen ist.«
Sie schaute ihn unverwandt an, als er fortfuhr: »Das Geld Ihres Vaters ist restlos verloren.«
Sie runzelte die Brauen und schob die Unterlippe vor, eine Bewegung, die ihrem Gesicht einen kindlich trotzigen Zug verlieh. Sie sagte mehr erstaunt als bestürzt »Ach« und überließ es Heckliff weiterzusprechen. Er betrachtete sie verwundert, ehe er weitersprach: »Es ist nicht einmal soviel Geld da, daß Ihr Studium bezahlt werden könnte.«
Nun öffnete sie den Mund und starrte ihn mit weiten Augen an. Er schaute dunkel und unerbittlich auf sie, als er sagte: »Ich biete Ihnen mein Haus an. Ich bin Arzt in Steinfeld auf den Rothöhen, und Sie können mir in meiner Praxis helfen. Ich bin allein.«
Juliane schüttelte den Kopf, zuerst langsam und ungläubig, dann heftig, und schließlich rief sie so laut, daß der melancholische Kellner aus seinen Träumen aufschreckte: »Nein! Ich gehe nicht mit Ihnen.« Sie schlug dabei sogar mit ihrer kleinen Faust auf die Tischplatte. Heckliff betrachtete sie ungerührt. In seinen Augen lag mit einemmal ein Glanz wie von Grausamkeit. Er schwieg, bis Juliane ihre Faust vom Tisch genommen hatte und, beunruhigt von seinem Blick, im Kaffee zu rühren begann. Endlich sagte er langsam: »Und was gedenken Sie zu tun?«
Sie rührte heftiger in ihrer Tasse und sagte trotzig: »Ich weiß es nicht. Aber ich gehe nicht mit Ihnen.«
»Warum nicht?« fragte er gelassen.
»Weil … nun, weil ich nicht will.« Zornig fügte sie hinzu: »Weil ich nicht abhängig sein will. Nicht von Ihnen. Und von niemand.«
Er sagte rätselhaft: »Ja«; dann rief er den Kellner und bezahlte.
Juliane legte ein Geldstück auf den Tisch, und da er es beiseiteschob, ließ sie es liegen, als sie gingen. Er hatte es bemerkt und sein Gesicht zu einem Lächeln verzogen, das sie nicht sah.
Sie legten den ganzen Weg wortlos zurück, bis sie in eine enge Gasse mit winzigen Häusern kamen. Eines von diesen hatte im Erdgeschoß einen kleinen Antiquitätenladen. Eine alte verschrumpelte Frau begrüßte Heckliff ehrerbietig und warf einen verwunderten, fast bestürzten Blick auf Juliane. Heckliff verabschiedete sich kurz und ließ Juliane bei der kleinen Alten zurück, die sie über ein enges Stiegenhaus in ein winziges Zimmer führte. Während sie die Tür öffnete, sagte sie fast ängstlich: »Es ist ein wenig eng hier, aber ich habe nicht gewußt …« Sie vollendete den Satz nicht, sondern fragte hastig: »Wenn das Fräulein vielleicht eine Tasse Tee möchte?«
Juliane sagte: »Danke, ich möchte nichts.« Nachdem die alte Frau gegangen war, blieb sie lange unbeweglich mitten im Zimmer stehen. Der Regen schlug gegen die Scheiben und rann unaufhörlich an ihnen herab. Der Raum war niedrig und vollgepfropft mit Glasvitrinen, Kommoden und Sesseln, deren Seidenbezüge mit grauen Tüchern bedeckt waren. Auf einer Kommode befand sich eine große, weiße Porzellanfigur, einen sitzenden Chinesen darstellend, dessen Kopf, Hände und Zunge beweglich waren, so daß bei jeder leichten Erschütterung des Fußbodens Leben in die Gestalt kam. Sie wackelte mit den Händen und bewegte die rote Zunge in dem weitgeöffneten Mund. Juliane sah es schaudernd. Dann setzte sie sich mit dem Rücken zu dem Chinesen und starrte aus dem Fenster. Plötzlich zog sie den Umschlag aus der Manteltasche, den ihr Heckliff gegeben hatte, und schleuderte ihn zu Boden. Dann warf sie sich auf das Bett und grub sich in die Kissen. Ab und zu hob sie ihr nasses Gesicht aus den Händen und schaute angstvoll auf den Chinesen, der nun unbeweglich in seinem kalten, stumpfen Weiß dastand.
Am Nachmittag brachte Heckliff Julianes Koffer. Er lauschte nach oben, und als nicht das leiseste Geräusch zu hören war, drängte er die alte Frau nachzusehen. Als sie den Laden verlassen hatte, ging er unaufhörlich hin und her. Schließlich nahm er diesen und jenen Gegenstand vom Tisch und stellte ihn wieder hin, ohne ihn angesehen zu haben. Plötzlich entfiel seinen Händen eine kleine rote Porzellanschale und zerschellte auf dem Boden. Endlich kam die alte Frau zurück. Sie sagte leise und bekümmert: »Das Fräulein schläft. Es liegt mit den Kleidern auf dem Bett, und das Kissen ist naßgeweint. Das arme Fräulein.«
Heckliff zuckte ungeduldig die Achseln. »Wenn sie aufwacht, sorgen Sie für ein gutes Abendbrot.« Er legte einen Geldschein auf den Tisch und ging.
Als Juliane erwachte, blickte sie verwirrt umher. Sie sah das Zimmer von tiefer Dämmerung erfüllt, aus der nur der weiße Chinese schimmerte. Augenblicklich erinnerte sie sich ihrer Lage. Auf dem Boden mitten im Zimmer lag der Umschlag mit Heckliffs Geldscheinen. Sie ließ sich wieder in die Kissen zurückfallen und blieb unbeweglich liegen, bis es völlig Nacht geworden war. Sie konnte nicht mehr weinen. Nichts brachte ihr Erleichterung. Sie fühlte sich verraten und verlassen von allem, was ihr vertraut und selbstverständlich gewesen war, sie sah sich ausgeliefert einem finstern, gewalttätigen Fremden, einem einsamen und armseligen Leben auf den rauhen Rothöhen.
Plötzlich faßte sie einen Entschluß. Sie sprang aus dem Bett, zog sich eilends an, schob Heckliffs Geld mit dem Fuß beiseite und schlich, den schweren Koffer in der Hand, über die Treppe, deren dürres Holz bei jedem Schritt knarrte. Viele Male mußte sie innehalten, um jeden Verdacht eines etwa Lauschenden zu zerstreuen. Als sie endlich im Laden stand, fand sie die Tür zur Straße verschlossen und verriegelt und den Schlüssel abgezogen. Sie stand eine Weile verstört und ratlos da, dann tastete sie sich ans Fenster. Es war von hundert kleinen Dingen verstellt. Sie wagte kein Licht zu machen. Im Finstern stellte sie in lautloser Hast Gegenstand um Gegenstand auf den Boden. Endlich war das Fenster freigelegt. Sie öffnete es, und die Läden ließen sich mühelos entriegeln. Scharfe Morgenluft strömte herein. In der Gasse lag dichte Dämmerung. Juliane hob den Koffer auf die Fensterbank und schwang sich hinaus. Dann drückte sie vorsichtig Fenster und Läden hinter sich zu, ergriff ihren Koffer und ging durch die Gasse davon, den Kopf hoch erhoben. Sie ging zum Bahnhof. Der Weg war weit und der Koffer schwer, doch sie spürte es kaum.
Der Bahnhof lag noch menschenleer. Noch brannten die Lichter, doch schon mischte sich das Tageslicht fahl und frostig darein. Juliane las den Fahrplan. Um Mittag ging der Schnellzug nach Basel. Sie trug ihren Koffer zum Aufbewahrungsschalter. Er war, wie die Wartesäle, geschlossen. So schleppte sie den Koffer in eine Ecke der Halle und setzte sich darauf.
Stunden später fand Heckliff sie hier. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht, sein Atem ging keuchend, sein langer Ledermantel stand offen. Von dem dicken Lammfellfutter war ein Streifen abgerissen und hing unter dem Saum hervor. Seine Hosen waren mit Dreck bespritzt. Als er Juliane sah, erhellte sich sein Gesicht, doch nur für einen Augenblick, dann zog es sich schmerzhaft zusammen. Juliane sprang auf, wich bis zur Wand zurück und starrte ihn an. So standen sie sich gegenüber, einander fest im Auge behaltend.
Endlich sagte Heckliff ruhig: »Sie wollen fort?«
»Ja.«
»Wohin?«
»Zurück nach Genf.«
»Und dort?« Er schaute sie verwundert an.
»Arbeiten.« Sie zog ihre verrutschte Kapuze mit einer zornigen Bewegung zurecht.
»Arbeiten?« sagte er. »Das können Sie bei mir auch.«
Sie schwieg. Er beugte sich ein wenig vor und fragte, sie besorgt und aufmerksam anblickend: »Warum laufen Sie mir davon?«
Sie zuckte wütend die Achseln. Nach einer Weile sagte er: »In einer Stunde ist die Beerdigung.«
Ohne auf ihre Antwort zu warten, ergriff er ihren Koffer und ging ihr voran durch die Bahnhofstraße. Sie folgte ihm willenlos. Aber als sie bereits durch die Kastanienallee gingen, entriß sie ihm den Koffer und rief: »Was fällt Ihnen ein? Sie glauben, weil ich arm bin, können Sie über mich bestimmen? Ich will Ihr Geld nicht. Ich will Ihre Hilfe nicht. Ihr Geld liegt bei Frau Deuerlich.«
Sie machte Miene, zum Bahnhof zurückzueilen. Er stellte seinen schweren Stiefel auf ihren Koffer und sagte gelassen: »Ich bin Ihr Vormund.«
»Ach«, rief sie voller Verachtung aus, »mit Gewalt wollen Sie mich halten?« Sie lachte zornig. Er nahm seinen Stiefel vom Koffer und blickte sie mit einem Ausdruck von Qual, ja Verzweiflung an, der sie erschreckte. Ratlos schaute sie in seine Augen. »Gut«, sagte sie, »ich bleibe bis nach der Beerdigung.« Er nickte stumm, ergriff ihren Koffer und begann ihr voran durch die Stadt zu gehen, die Augen auf das feuchte Straßenpflaster gerichtet.
Als sie im Laden von Frau Deuerlich ankamen, war es zwölf Uhr. Die alte Frau kam aus ihrem Gerümpel hervorgehuscht. »Herr Doktor«, rief sie, doch als sie Juliane sah, verstummte sie. Juliane schaute nach dem Fenster. Alle Gegenstände waren in der alten Ordnung wieder auf die Fensterbank gestellt worden. Die alte Frau sagte aufgeregt: »Aber die Trauerkleider! Jetzt ist es Mittag. Alle Geschäfte sind geschlossen. Vielleicht könnte man einen schwarzen Mantel und einen Trauerhut zu leihen nehmen?«
»Ach was«, sagte Heckliff ungeduldig. »Es ist Zeit zu gehen.«
Er verließ mit Juliane den kleinen Laden, während die alte Frau vor sich hinklagte: »Ohne Trauerkleider zur Beerdigung von ihrem Vater. Das arme Fräulein …«
Heckliff und Juliane gingen durch das Städtchen, bis sie endlich vor einem großen halbgeöffneten Tor standen, in dessen Bogen mit schwarzen Buchstaben eingegraben war: »Das Licht leuchtet in der Finsternis.« Heckliff stieß einige unverständliche Worte aus und zog sich den Pelz zurecht.
Vor dem großen unverhängten Fenster der Halle standen drei schwarzgekleidete Frauen, das Gesicht dicht am Glas. Heckliff murmelte: »Das sind sie, die drei Schwestern.« Juliane erinnerte sich dunkel an drei Tanten, Schwestern ihres Vaters. Sie bewohnten zusammen ein kleines Haus in irgendeiner kleinen Stadt, und sie waren schon immer alt gewesen. Heckliff räusperte sich. Eine der drei Tanten wandte sich plötzlich um und schaute neugierig auf die Angekommenen. Aber sie erkannte weder Heckliff noch erinnerte sie sich an Juliane. So drehte sie den beiden entschlossen den Rücken zu, aber die spiegelnde Fensterscheibe verriet, daß sie weiterhin beobachtete.
Heckliff trat dicht hinter sie und sagte laut: »Fräulein Brenton!«
Alle drei wandten sich mit einem Ruck zugleich um und starrten ihn an. Mit einem Blick erkannte Juliane die drei wieder: die kleine, mausäugige Tante Wilhelmine, die magere geizige Friederike und die stets wehmütige Helene. Heckliff ließ sie eine Weile staunen, dann sagte er: »Ich bin Doktor Heckliff, der Vormund von Fräulein Juliane.«
In diesem Augenblick traten vier Männer mit Zylinder auf dem Kopf in die Halle. Die drei Tanten brachen erneut in Schluchzen aus. Friederike ergriff Juliane an der Hand und führte sie, als wäre sie ein kleines Kind. Juliane entzog sich ihr ärgerlich, worauf Friederike den Schleier hob und sie erstaunt anstarrte. Juliane blickte sich nach Heckliff um, der, die Pelzmütze in den Händen, in einiger Entfernung folgte. Sie traten in die Halle, in der der Sarg aufgestellt war. Der Pfarrer mit den Ministranten kam. Von irgendwoher aus der Höhe der Kuppel tönte das melancholisch feierliche Spiel eines Harmoniums. Während der Zeremonie stand Heckliff halb hinter einer Säule verborgen. Juliane drehte sich mehrmals nach ihm um, und keiner ihrer Blicke entging ihm.
Dann setzten die Träger ihre Zylinder auf und hoben den Sarg auf ihre Schultern. Sie gingen, vom Pfarrer, den drei Schwestern, Juliane und Heckliff gefolgt, durch den Friedhof. Nach einer Weile hörte Juliane, wie Tante Wilhelmine flüsterte: »O Gott, o Gott, sie hat ja keine Trauerkleidung an.« Darauf brach Helene in heftiges Schluchzen aus und murmelte: »Die arme, arme Waise. Niemand hat sich offenbar um Trauerkleider gekümmert.« Sie wandte sich nach Heckliff um, der in einiger Entfernung hinter ihnen ging, und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
Das Grab lag neben frisch aufgehäuften Hügeln, wo nur ärmliche Grabsteine und hölzerne Kreuze waren. Es hatten sich jene Leute eingefunden, deren Leidenschaft dahin geht, bei keiner Beerdigung des Städtchens zu fehlen: Alte Männer und humpelnde Weiblein aus dem Spital. Auch der Boy aus dem Hotel, in dem Julianes Vater gestorben war, stand bei ihnen. Seine Blicke hingen an Juliane.
Eine kleine Glocke begann dünn zu läuten. Der Sarg polterte in die Grube. Julianes Blick suchte Heckliff, und er schaute sie an. Dann wandte er sich schroff ab und starrte wieder über die Mauer hinweg auf die kahlen Höhen.
Das Begräbnis war vorüber, die Glocke verstummte. Die drei Schwestern standen noch am Grabe. Sie weinten nicht mehr. Friederike beugte sich zu den beiden hinüber und flüsterte: »Was für eine armselige Beerdigung, keiner hat sich drum gekümmert, er war doch so reich. Sie hat nicht geweint, habt Ihr gesehen? Was für ein schreckliches Kind.« Juliane hatte die Worte verstanden, so leise sie gesagt waren. Sie wandte sich vom Grabe weg und suchte Heckliff. Er war schon ein wenig weitergegangen, stand nun an einen Grabstein gelehnt und wartete. Juliane sah, wie Tante Friederike sich scheu umblickte, und als sie glaubte, daß weder Juliane noch Heckliff zu nahe standen, um es zu hören, flüsterte sie: »Ist das nicht dieser bewußte Heckliff, der Arzt, Ihr wißt schon?«
Wilhelmine nickte lebhaft: »Ja, er ist es ohne Zweifel. Wie konnte Friedrich ihn zum Vormund machen?«
Alle drei wandten sich hastig nach Heckliff um. Dann warfen sie noch einen langen Blick ins Grab, an dem sich schon der Totengräber zu schaffen machte, und traten langsam zurück.
Wilhelmine flüsterte: »Wir müssen ihn ansprechen.« Die Schwestern nickten.
Sie umringten Juliane, die ungeduldig wartend zwischen ihnen und Heckliff stand. »Mein armes Kind«, rief Helene aus, »nun ist alles vorüber!«
»Ja«, sagte Juliane und blickte nach Heckliff, der mit dem Stiefel im nassen Kies des Weges bohrte, daß er knirschte.
»Nun wirst du wohl bald wieder nach Genf zurückkehren, nicht wahr, mein Kind?« fragte Wilhelmine.
»Nein«, sagte Juliane.
»Nein?« riefen alle drei.
»Nein«, wiederholte Juliane.
»Was wirst du denn tun, armes Kind?«
»Ich werde mit Doktor Heckliff gehen«, sagte Juliane trocken.
»Wie?« riefen sie aus. »Ist das dein Ernst?« Sie blickten sich fassungslos an.
»Nun ja«, sagte Juliane.
»Aber willst du denn nicht weiterstudieren?«
Juliane machte eine unwillige Bewegung.
Nun fielen alle drei über sie her und bestürmten sie, von ihrem Plan abzulassen. Juliane zuckte ungeduldig die Achseln und sagte: »Wenn ihr es wissen wollt: Es ist kein Geld da. Vater hat alles verloren.«
Die drei wichen bestürzt zurück. »Ach!« riefen sie aus.
Friederike faßte sich am ehesten: »Darum also die Beerdigung nur zweiter Klasse, der schäbige Sarg. Aha!«
Dann betrachteten sie wieder Juliane, die gelassen vor ihnen stand.
Tante Helene zog sie an sich und benetzte sie mit Tränen, die Juliane ungeduldig abwischte. Sie machte sich entschlossen frei und trat einen Schritt beiseite. Friederike, in düsterem Nachdenken, murmelte: »Alles verloren … Natürlich steckte diese Bettina dahinter.«
Juliane wandte sich ihr zornig zu. »Meine Mutter ist seit sechs Jahren tot.«
Alle drei blickten sie bestürzt an: »Ja, ja, liebes Kind«, sagte Tante Helene begütigend, »ja, ja, wir wissen es.«
Juliane ging auf Heckliff zu, der, ohne aufzublicken, im Kies wühlte. Friederike neigte sich zu den Schwestern und flüsterte: »Mein Gott! Seien wir froh, daß dieser Heckliff sich ihrer annimmt! Wer sollte es sonst tun? Wir mit unseren bescheidenen Zinsen …« Sie zuckte die Achseln.
Juliane stand vor Heckliff und sagte: »Ich glaube, die Tanten wollen sich verabschieden.« Er blickte auf die drei kleinen alten Frauen herab, die, um zu ihm aufschauen zu können, ihre Köpfe zurückneigen mußten. Friederike sagte mit ein wenig krächzender Stimme: »Es ist ja recht schön, daß Sie sich unserer Nichte annehmen. Wir haben bereits aus dem Munde unserer Nichte von dem bedauerlichen Zusammenbruch des Unternehmens unseres armen Bruders – Gott hab’ ihn selig! – gehört.«
»So«, sagte Heckliff und blickte Juliane an, die sich abgewandt hatte.
»Ja«, rief Wilhelmine aus, »es ist ein Jammer. Das begabte Kind … Nun muß es aufhören Musik zu studieren.«
Friederike sagte knarrend: »Ist gar kein Geld mehr da? Könnte unsere Nichte nicht mit bescheidenen Mitteln doch noch …?«
»Nein«, sagte Heckliff, »nichts.«
Die drei Schwestern schüttelten die Köpfe. Friederike fuhr fort: »Die Begräbniskosten – wer –«
»Ich«, sagte Heckliff. »Kümmern Sie sich nicht darum. Es ist alles in Ordnung«, und indem er sich an Juliane wandte, fragte er: »Wollen wir jetzt gehen?«
Juliane reichte den Tanten die Hand, ließ sich widerwillig von Helene küssen und folgte Heckliff, der schon dem Friedhofstor zuschritt, während Wilhelmine ausrief: »Sie gleicht völlig der Mutter. Sie hat gar nichts von unserm armen Friedrich.«
»Nein«, sagte Friederike knarrend, »sie ist keine Brenton.«
Heckliff überquerte, ohne sich umzublicken, gesenkten Hauptes den Platz vor dem Friedhof und bog in eine schmale Gasse ein. Juliane war ihm gefolgt bis zu einer Toreinfahrt, in der er verschwand. Sie hörte aus dem Hof seine herrische Stimme und das Klappern von Pferdehufen. Während sie wartend am Toreingang stand, verging der Trotz, den sie ihren Tanten gegenüber empfunden und der sie dazu bestimmt hatte, sich an Heckliff zu halten, und sie sah sich einer verzweifelten Unsicherheit ausgeliefert. Sie begann vor dem Tor auf und ab zu gehen. Die Bilder der fernen, schon aufgegebenen Stadt und der Schule drangen lebhaft auf sie ein; sie sah die hellen Studienräume, den Park, die Feste unter freiem Himmel, die heitern Freundinnen. Sie klammerte sich an diese köstlichen Erinnerungen mit jenem Eigensinn, der blind und taub macht für alles andere.
Plötzlich hörte sie das Geräusch eines anfahrenden Wagens. Heckliff führte sein Pferd am Zügel aus der Einfahrt. Das Pferd, mehr einem schweren Ackergaul gleichend als einem Kutschpferd, war vor einen jener leichten, altmodischen zweirädrigen Wagen mit einem schwarzen Lederverdeck gespannt, die man sonst zu kleinen Spazierfahrten auf städtischen Promenaden benutzt. Die Räder waren von dicken Schmutzkrusten bedeckt, und das Dach war mit Dreckspritzern übersät, so daß das ganze Gefährt mehr lehmgelb als schwarz und übelhergenommen aussah. Heckliff fuhr in die Gasse ein und hielt dort an. Er hatte seinen dunklen Pelz hochgeschlagen, die Pelzmütze tief ins Gesicht gezogen und dicke Fäustlinge an den Händen.
»Nein«, dachte Juliane schaudernd, »ich kann nicht mit ihm fahren. Ich werde jetzt zu ihm gehen und ihm sagen, daß ich es nicht kann.« In diesem Augenblick hob Heckliff ihren Koffer auf den Wagen, wandte sich nach ihr um und sagte: »Können wir fahren?« Da schwang sie sich auf das Gefährt und setzte sich neben ihn. Er breitete einen Pelz und die Pferdedecke über ihre Knie, reichte ihr dickgefütterte Handschuhe, stopfte ein Kissen in ihren Rücken und zog die Zügel an. Der schwere Gaul setzte sich in Bewegung, und sie rollten, von heftigen Stößen geschüttelt, über das unebene Straßenpflaster. Juliane sah, daß da und dort das Roßhaarfutter aus den Kissen quoll und daß, hätte es geregnet, der Regen durch die Risse im Lederverdeck geronnen wäre. Ein leichter Nebel lag über dem Städtchen.
Sie fuhren über eine steinerne Brücke und ließen die letzten Häuser des Städtchens hinter sich. Die Straße begann langsam anzusteigen. Der Nebel blieb im Tal zurück.
Juliane wurde von großer Müdigkeit befallen. Die Ereignisse der letzten Tage, die Qualen der Entscheidung hatten sie zermürbt. So war es jetzt fast eine Wohltat für sie, nicht mehr denken und widersprechen zu müssen. Sie fuhren durch kahle Laubwälder, die immer dünner und spärlicher wurden, und gelangten, indes die Straße unablässig anstieg, in ein heideähnliches Land. Weit und breit war kein Haus, keine Hütte, kein Mensch. Ehe sie die steile Steigung nahmen, hielt Heckliff an, ließ das Pferd verschnaufen, langte aus seinem Mantelsack einige Äpfel und kleine Roggenbrote heraus und reichte sie Juliane, die sie nahm und neben sich legte. Dann fuhren sie weiter. Rechts und links von der Straße lagen nun weitausgedehnte, tiefe Steinbrüche mit roten Felsen. Weitab vom Wege wurde irgendwo in den Brüchen gearbeitet. Man hörte das Geklopfe von vielen Hämmern und rauhe Rufe in einer Mundart, die Juliane nicht verstand. »Marmor«, sagte Heckliff, indem er mit dem Peitschenstiel auf die Steinbrüche deutete.
Es war die letzte Steigung gewesen. Bald rollte das Gefährt auf einer Hochebene dahin, die, aus unzähligen Hügelwellen bestehend, von keinem Baum bewachsen, nackt und unwirtlich dalag. Ein durchdringend scharfer Luftzug strich darüber hin. Das Land war mit kurzem, hartem Gras bedeckt. Eine große Schafherde weidete in der Ferne. Der Wind trug ihr Geblöke bis zur Straße, und es klang wie rauhe Klage. Überall lagen große rötliche Felsblöcke, hier und da ganze Felder von rotem Geröll. Plötzlich deutete Heckliff in die Ferne und sagte: »Steinfeld!« Juliane sah ein hohes, langes Dach und in einiger Entfernung davon mehrere niedere. Auch Bäume standen dort, die kahl und sehr hoch die Dächer überragten.
»Vielleicht wohnen Menschen dort, mit denen man sprechen kann«, dachte Juliane. Plötzlich wurde sie aufs neue schmerzhaft von der Erinnerung an die ferne Stadt und die Schule überfallen, so daß sie ihr Gesicht in dem rauhen Polster verbergen mußte. Heckliff wandte sich ihr zu und blickte sie lange an, doch sie merkte es nicht.
Der schwere Gaul begann plötzlich von selbst zu laufen, als er das Dorf sah. Ein heftiger Stoß des Gefährtes riß Juliane aus ihrer Ecke, und sie sah, daß sie in einen Feldweg eingebogen waren, der zwischen steinigen Äckern und eingezäunten Obstgärten hinlief.
Die Häuser des Dorfes waren graue Würfel mit flachen Schindeldächern, von denen viele mit großen Steinen beschwert waren.
Beim ersten dieser Häuser hielt Heckliff an. Er sagte nichts als: »Hier«, sprang vom Wagen und wartete, bis auch Juliane es getan hatte. Ohne sie anzuschauen, ohne sich um sie zu kümmern, schnallte er den Koffer vom Wagen, stellte ihn zu Boden, spannte das Pferd aus und ließ es in den Stall traben. Dann schob er den Wagen in die Remise. Während dieser Zeit stand Juliane auf der Straße, müde, durchgerüttelt von der langen Fahrt und gedankenlos. Sie sah, daß das Haus Heckliffs, genau wie alle anderen Häuser des Dorfes, aus grauen, roh behauenen Steinen gebaut war, die durch eine dicke Mörtelschicht verbunden waren, welche überall zwischen den Steinen hervorquoll. Die Türen und Fenster waren mit roten Marmorsteinen eingefaßt. Die Fenster waren schmal und tief in die dicken Mauern eingelassen, so daß die Häuser den Eindruck von kleinen Festungen erweckten.