Luise Rinser
Silberschuld
Roman
FISCHER Digital
Luise Rinser, 1911 in Pitzling in Oberbayern geboren, war eine der meistgelesenen und bedeutendsten deutschen Autorinnen nicht nur der Nachkriegszeit. Ihr erstes Buch, ›Die gläsernen Ringe‹, erschien 1941 bei S. Fischer. 1946 folgte ›Gefängnistagebuch‹, 1948 die Erzählung ›Jan Lobel aus Warschau‹. Danach die beiden Nina-Romane ›Mitte des Lebens‹ und ›Abenteuer der Tugend‹. Waches und aktives Interesse an menschlichen Schicksalen wie an politischen Ereignissen prägen vor allem ihre Tagebuchaufzeichnungen. 1981 erschien der erste Band der Autobiographie, ›Den Wolf umarmen‹. Spätere Romane: ›Der schwarze Esel‹ (1974), ›Mirjam‹ (1983), ›Silberschuld‹ (1987) und ›Abaelards Liebe‹ (1991). Der zweite Band der Autobiographie, ›Saturn auf der Sonne‹, erschien 1994. Luise Rinser erhielt zahlreiche Preise. Sie ist 2002 in München gestorben.
Ein Traumroman voller Bilder und Bedeutung – Abstieg in die geheimnisvolle Stadt jenseits von Grenze und Zeit, zu den Ahnen, zu ihrer Schuld, die wir zu erkennen, zu ertragen und zu tilgen haben.
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei FISCHER Digital
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Copyright © by Christoph Rinser
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Montasser Medienagentur, München
Covergestaltung: buxdesign, München
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Impressum der Reprint Vorlage
ISBN dieser E-Book-Ausgabe: 978-3-10-561199-9
Für Kim Song Ju
Am frühen Morgen des 15. September schrecke ich aus dem Schlaf auf. Es ist noch dunkel. Hat das Telefon geläutet, oder habe ich geträumt? Ich nehme schlaftrunken den Hörer ab. Von weither eine fremde Stimme: »Heute früh wurde Abberwill zur offenen Stadt erklärt.« Nichts weiter. Ich habe doch wohl geträumt. Aber geträumt oder nicht: was für eine sonderbare Mitteilung kam mir da zu? Wie heißt die Stadt? Aberwil, Oberweil, Abbaville? Gibt es eine Stadt solchen Namens? Der Klang bleibt mir im Ohr. Ganz fremd ist mir der Name nicht. Nebelschleier über meinem Gedächtnis. Aber was heißt das denn: »zur offenen Stadt erklärt?« Rom, offene Stadt. Ein Filmtitel. Die Wirklichkeit: 1944 war Rom zur offenen Stadt erklärt worden. Das hieß: die Stadt wird nicht verteidigt, also darf sie nicht angegriffen werden. Sie stellte sich sozusagen tot. Damals war Krieg und Rom die Kapitale. Aber jetzt ist kein Krieg, und welche Wichtigkeit kann dieses Abawil haben? Ich habe doch wohl geträumt.
Aber mir ist ein Köder zugeworfen. Ich kann nicht mehr weiterschlafen. Ich hole das Büchlein mit den Postleitzahlen. Abtswind, Abtweiler, Albersweiler, Appenweier. Wie aber sagte die Stimme am Telefon? Ich warte ungeduldig, bis das Reisebüro öffnet. Gibt es einen Ort namens Abbewil oder so ähnlich?
Hier auf unsrer Seite nicht. Das kann nur Abbeville sein.
Das liegt jenseits der Grenze. Wollen Sie Genaueres wissen? Dann müssen Sie bitte ins Reisebüro kommen. Ich versuche, Informationen zu finden.
Die Auskunft: eine Stadt aus dem Mittelalter mit einer vollständig erhaltenen Stadtmauer, mit alten Wehrtürmen und mit schönen Fachwerkhäusern aus dem 16. Jahrhundert.
Eine Ansichtskarte: eine hübsche Stadt, geeignet für historische und für Heimatfilme. Ich gestehe mir ein, daß ich anderes erwartet habe, aber was?
Das Fräulein im Reisebüro sagt: Die Stadt ist etwas schwierig zu erreichen. Hier die Straßenkarte.
Aber die ist alt.
Das macht nichts. Flüsse und Berge und Dörfer bleiben doch an ihrem Platz, sagt das Fräulein.
Nicht immer, sage ich.
Das Fräulein sagt: Wenn Sie hinfahren, vergessen Sie nicht, daß die Stadt auf der andern Seite liegt. Welchen Weg Sie auch nehmen: Sie haben immer einen Grenzübergang.
Klar, sage ich, obwohl mir die Sache keineswegs so klar ist. Die Frage ist, sage ich, ob ich überhaupt fahre.
Viel Glück, sagt das Fräulein, als habe sie nicht gehört, was ich sagte, und als sei es beschlossene Sache, daß ich fahre. Mir scheint die Fahrt jetzt ohne Sinn. Ich sage zu dem Fräulein: Das war nur eine ganz unverbindliche Information.
Ich sage das unangemessen streng, um dieses Fräulein in die Schranken zu weisen. Ich habe plötzlich den Verdacht, sie wolle mich von dieser Fahrt abhalten, während sie mich scheinbar ermutigt. Oder auch umgekehrt.
Sie sagt freundlich, übertrieben freundlich, wie mir scheint: Wenn Sie zurück sind, wollen Sie mir erzählen, was Sie dort erlebten?
Was soll ich schon dort erleben? Ich schaue mir eine Stadt an, die mich interessiert aus einem eigentlich nur sprachlichen Interesse.
Ich verstehe, sagt das Fräulein sanftmütig. Ich wollte schroff erwidern, daß sie gar nichts verstehe. So wenig wie ich, aber das Fräulein sagt noch etwas. Sie zeigt auf meine Halskette: Ist die aus Silber?
Ja, warum fragen Sie das?
Weil, sagt sie und zögert, weil man dort kein Silber trägt.
Wieso nicht? Wird es einem gestohlen? Oder ist die Einfuhr von Silber verboten? Gilt man etwa als unerlaubt reich, wenn man Silberschmuck trägt?
Sie tun gut, meinem Rat zu folgen. Silber weckt dort ungute Gefühle.
Nun denn: ohne Silber über die Grenze, weil Silber ungute Gefühle weckt. Aber jetzt bin ich neugierig, jetzt will ich fahren, ich bin plötzlich versessen darauf zu fahren.
Am nächsten Morgen fahre ich ab.
Zunächst ist die Landschaft vertraut, dann wird sie fremd und immer fremder. Ich schaue die Landkarte an. Nicht einmal die Vorkriegsautobahn ist eingezeichnet, so alt ist die Karte. Und so viele Risse hat das Leinen, auf dem sie aufgezogen ist, daß ein Gewirr von Linien entstand, von denen nicht mit Sicherheit zu sagen ist, ob es Risse oder Straßen oder Kanäle sind. Und wo ist die Grenze, die ich passieren muß? Sie ist nicht eingezeichnet. Gab es damals, als die Karte gezeichnet wurde, diese Grenze nicht?
Ich meine mich verfahren zu haben, die Richtung verfehlt. Schon bin ich entschlossen, bei der nächsten Ausweichstelle zu wenden, da sehe ich in weiter Ferne ein einsames Haus inmitten einer sonst leeren Ebene. Ich fahre darauf zu. Das Haus, das weit weg lag, schießt jetzt auf mich zu, als führe ich mit einer Filmkamera darauf los. Jetzt sehe ich: es ist ein seit langem unbewohntes Haus, die Fensterläden sind geschlossen, aber die Tür steht spaltweit offen, gehalten von einer rostigen Kette mit rostigem Schloß, der Verputz ist an vielen Stellen abgebröckelt, die Bodenfeuchtigkeit steigt in den Mauern auf, so daß sie schwarz erscheinen. Ein Gespensterhaus. Weit und breit kein Mensch. Doch ein Stück weiter ist die Straße halb versperrt durch einen Grenzbalken, der aber an einer Seite sich aus der Gabel gelöst hat und zu Boden hängt. Der Schlagbaum zeigt Spuren von Farbe: violett und gelb, spiralig angeordnet. Welches Land hat diese Farben? Ein Pfosten trägt eine Tafel, aber die Inschrift ist unleserlich.
Ich hebe den Balken zur Seite und fahre weiter. Ich bin jetzt im Niemandsland und erwarte die andre Grenze. Aber sie kommt nicht. Die Straße scheint seit Jahren nicht mehr befahren. Mir wird unbehaglich. Aber jetzt, da ich so weit schon fuhr, will ich weiterfahren. Umkehren ist meine Sache nicht. Ich durchquere eine Art Steppe ohne Baum, ohne Strauch, ohne Tiere, nicht einmal Krähen überfliegen das Land. Kommt denn dieses Abbeville nie? Gibt es hier überhaupt irgendwo eine Stadt? Hat man mich genarrt? Soll ich hier umkommen? Aber ich kann ja immer noch kehrtmachen. Die Grenze ist offen, den Schlagbaum habe ich selbst vollends geöffnet.
Aber nun macht die Straße eine unvorhergesehene Kurve, ein Wäldchen taucht auf und dahinter, wie dem Boden entstiegen, ein Hügel mit einer Stadt. Ich kenne sie von der Ansichtskarte her: hübsch, mit Stadtmauer und Wehrtürmen. Der Hügel, von hier aus gesehen, fällt auf: ein Kegelstumpf, regelmäßig abgerundet. Das ist kein Naturhügel, der ist mit vieler Kunst aufgebaut. Mich erinnert er an die riesigen Rundhügel der Königsgräber in Korea. Die Vorstellung verfolgt mich: das ist eine Gräberstadt. Vielleicht wohnt gar niemand dort. Aber es ist doch wohl eine bewohnte Stadt. Es ist die Stadt aus dem Prospekt. Meine Steppenstraße mündet in eine andre, breitere. Die hätte ich nehmen sollen, aber wo hat sie begonnen? Ich sah keine Abzweigung. Nun, jetzt bin ich also doch angekommen, beinahe angekommen: an der Stadtmauer versperrt mir eine Menge Leute die Weiterfahrt. Eine schweigende Menge bei fieberhafter Arbeit. Ich lasse den Wagen stehen und gehe zu Fuß weiter. Kein Mensch achtet auf mich. Es scheint, als sähen sie mich nicht.
Im Weitergehen wird mir klar, was geschehen ist: ein Teil der Stadtmauer ist eingestürzt. »Eine vollständig erhaltene Stadtmauer aus dem Mittelalter«, hatte das Fräulein im Reisebüro gesagt. Wenn das bisher gestimmt hat: jetzt stimmt es nicht mehr. Etwa die Hälfte des Nord-Ost-Trakts liegt in Trümmern. Die Stadtmauer ist also offen. Die offene Stadt! So also wars gemeint. Jemand hat mir das durchs Telefon mitgeteilt. Warum aber mir? Ein Irrtum. Eine verwechselte Telefon-Nummer.
Nun bin ich eben da. Ich frage einen Mann: Wie ist denn das passiert? Aber er wendet sich ab und geht. Ich frage einen andern, ich frage eine Frau, eine nächste, ich frage an die zwanzig Leute. Sie wenden sich ab und mischen sich unter die andern. Antwort bekomme ich keine. Ich bemerke, daß sie auch untereinander nicht reden. Sie arbeiten, als gelte es ihr Leben. Vielleicht gilt es wirklich ihr Leben. Vielleicht ist ihnen eine Frist gesetzt, die nicht einzuhalten Verderben bringt. Darum wohl müssen auch die Alten und die Kinder arbeiten. Jeder scheint seine besondere Aufgabe zu haben: die einen klopfen die Steine nach ihrer Tauglichkeit ab, andre räumen die für brauchbar befundenen beiseite, andre reichen sie an jene weiter, die Maurerarbeit machen. Halbwüchsige mischen den Mörtel, Kinder tun Handlangerdienste. Dieses stumme Arbeiten läßt mich vermuten, daß hier ein Straflager ist. Jene unbewachte Grenze, jener unbrauchbare Schlagbaum, jene unlesbare Beschriftung der Grenztafel vor dem, was ich für ein Niemandsland zwischen zwei Ländern gehalten hatte: war das eine Tarnung? Ist dieses Gebiet durch Elektronen-Augen bewacht? War ich durch jenen Telefon-Anruf hierher gelockt worden von einem unbekannten Geheimdienst? Sollte ich auch ein Sträfling sein? Oder nur Zeugin eines Strafvollzugs? Ich schaue die Gesichter der Leute an: ihnen allen, selbst den Kindern, ist das Bewußtsein und das stumme Eingeständnis einer Schuld aufgeprägt. Niemand zwar trägt Sträflingskleidung, niemand eine aufgenähte Gefangenen-Nummer, niemand einen Winkel am Ärmel, niemand ein aufs Handgelenk eingebranntes Zeichen. Ich sehe auch keine Wächter, keine Polizei. Alle arbeiten gleicherweise. Natürlich könnten sie von dem stehengebliebenen Wachturm aus beobachtet und durch Fernsteuerung zur Arbeit angetrieben werden.
Außer mir gibt es einen einzigen Untätigen. Auf einem umgekippten Schubkarren sitzt ein junger Mensch in blue jeans, langhaarig, blond, ob Mädchen oder junger Mann, ist nicht auszumachen. Das Wesen sitzt lässig da, die Knie hochgezogen, die Hände darum gelegt, und beobachtet mäßig interessiert die Szene. Ich nähere mich diesem Wesen und erhoffe Auskünfte.
Als ich auf drei Schritte nahgekommen bin, blickt es auf und sagt: Da bist du ja.
Jetzt scheint mir das Wesen auffallend große Ähnlichkeit mit dem Fräulein vom Reisebüro zu haben. Sie allein wußte von meiner Fahrt, sie allein konnte mich erwarten.
Ich sage: Aha, so ist das, und Sie sind der Morgen-Anrufer, und Sie haben mich hierher gelockt. Was für ein übles Spiel. Was wollen Sie eigentlich von mir?
Das Wesen lächelt.
Ich beharre auf meiner Frage: Haben Sie mich angerufen?
Es sagt: Anrufe kommen immer von innen.
Ja, ja, schon, aber ich rede von einem konkreten Telefon-Anruf.
Alles ist konkret, und Außen ist Innen und Innen ist Außen.
Philosophisch, sage ich, aber ich frage präzise und will eine präzise Antwort.
Statt der Antwort kommt eine Gegenfrage: Erinnerst du dich an diese Stadt?
Nein. Ich war nie vorher hier.
Man kann sich auch an etwas erinnern, das man nie gesehen hat.
Ich habe auch nie vorher etwas gehört über diese Stadt.
Indem ich das sage, habe ich das Gefühl zu lügen. Ein absurdes Gefühl, aber nicht abzuweisen. Um mich abzulenken, frage ich: Wer sind denn Sie eigentlich? Wieso sagen Sie einfach du zu mir? Sind Sie von hier?
Von hier und nicht von hier.
Rätsel-Antworten sind keine Antworten auf meine präzisen Fragen.
Man bekommt keine andern Antworten.
Ach, gehen Sie zum Teufel.
Das kann ich beim besten Willen nicht, sagt das Geschöpf und lacht, als habe ich einen lustigen Witz gemacht. Dieses Lachen nimmt mir die Waffe aus der Hand. Nun auch das Du gebrauchend, sage ich: Du fremdes Geschöpf, was weißt du von dieser Stadt?
Was willst du wissen?
Also: warum ist sie auf meiner Landkarte nicht eingezeichnet?
Weil sie jenseits der Grenze liegt. Hier sind Orte nicht eingezeichnet.
Na schön. Eine andre Frage: warum arbeiten diese Leute so stumm verbissen? Ist das eine Strafkolonie?
Ja und nein.
Was heißt das?
Die Leute haben sich diese Stadt gebaut, damit sie sich einschließen konnten.
Warum?
Das wirst du noch herausfinden.
Sie haben also diese Mauer selbst gebaut?
Ja, und sie bauen sie immer wieder auf, so oft sie auch einstürzt.
Es ist also nicht der erste Einsturz, den sie erleben?
O nein. Aber vielleicht ist es der letzte. Vielleicht geben sie endlich auf.
Glauben sie im Ernst, die Mauer gebe ihnen Schutz? Eine mittlere Kanone und eine ganz kleine Bombe reißt sie mit Leichtigkeit ein, das müssen sie doch wissen.
Es ist schon geschehen. Aber sie bauen die Mauer sofort wieder auf. Mauern ohne Tore. Es gibt nur einen einzigen schmalen Durchlaß. Früher gab es sieben Tore.
Sie mauern sich also ein. Sie bauen sich ihr eigenes Grabmal. So war mein Eindruck richtig, daß der Hügel hier den Hügeln über den koreanischen Königsgräbern gleicht. Aber sag mir: warum um Himmelswillen tun die Leute das?
Um das zu erfahren, bist du doch gekommen.
Was sagst du da? Ich habe doch vorher gar nichts von alledem gewußt.
Und du erinnerst dich nicht an diese Stadt?
Nicht im geringsten, das sagte ich doch schon.
Wieder habe ich das Gefühl, zu lügen oder doch höchst leichtfertig zu antworten.
Vielleicht erinnerst du dich morgen, oder übermorgen.
Aber was denkst du! Ich bleibe doch nicht hier. Ich fahre heute abend noch zurück.
Wozu bist du gekommen, wenn du nichts sehen und nichts erfahren willst?
Ich kann doch den ganzen Nachmittag die Stadt besichtigen, das genügt.
Wenn es hell ist, siehst du nichts.
Aber ich kann mein Auto nicht hier draußen stehen lassen.
Warum nicht? Es geschieht ihm nichts. Ins Zentrum kannst du es nicht mitnehmen, und nur im Zentrum findet man, was man sucht.
Ich suche doch nichts!
Das Geschöpf lächelt, dann sagt es: Im Zentrum gibt es ein gutes Hotel, den Michaelshof.
Jetzt kommt mir ein Verdacht: dieses Geschöpf ist Student oder Studentin (die Frage nach dem Geschlecht ist noch nicht geklärt), Gelegenheitsarbeiter, bezahlter Zutreiber für das Hotel, das, weitab vom Verkehr und von der Welt abgeschlossen, Gäste braucht. Andrer Verdacht: hatte das Geschöpf nicht gesagt, es habe mich erwartet? Das Fräulein vom Reisebüro hat meinen Besuch angekündigt. Neuer Verdacht: gleicht dieses Wesen nicht wirklich auffallend dem Fräulein vom Reisebüro? Es kann ein Zwillingsbruder oder eine Zwillingsschwester sein. Das Ganze ist eine Verschwörung, um mich in diese verwünschte Stadt zu locken, weiß der Teufel, warum.
Ich sage, wieder das Sie aufnehmend: Sie haben eine gute Schule für Tourismus-Propaganda hinter sich; aber merken Sie sich: ich spiele da nicht mit.
Wieder lächelt dieses Geschöpf: Du bist schon im Spiel. Komm jetzt. Du wirst Wichtiges erfahren.
Also gut, sage ich. Aber wenn mein Auto gestohlen oder beschädigt wird?
Ich sagte dir: du kannst ganz unbesorgt sein.
Das Geschöpf beginnt vor mir herzugehen, ohne sich umzuschauen, ob ich folge. Da sehe ich, daß es keine Schuhe anhat. Es läuft auf bloßen Füßen ganz leicht über Schutt und Scherben, als ob es sie gar nicht berühre. Es geht wie ein Spitzentänzer.
Ich sage: Tun Ihnen nicht die Sohlen weh? Wieso tragen Sie nicht wenigstens Sandalen?
Ich brauche keine.
Na ja, sage ich, Hermes hatte Sandalen mit kleinen Flügeln.
Ich nehme an, das Geschöpf versteht das nicht, aber es lacht.
Flügel, sagt es, braucht man auf jeden Fall, aber es ist nicht nötig, sie an Schuhen und Füßen zu befestigen.
Aber, sage ich, mir fehlen Flügel wo auch immer, und mir tun die Füße weh.
Da bleibt es stehen und streckt mir, ohne sich umzusehen, die Hand hin. Ich nehme sie, in Gottes Namen, und lasse mich ziehen. Das Geschöpf geht ungemein schnell. Ich habe den vagen Eindruck, als flögen wir. Mir wird unbehaglich, ich halte mich an einem Laternenpfahl fest. Das Geschöpf dreht sich um und schaut mich an. Es sagt nichts, ich sage auch nichts. So stehen wir eine Weile. Ein stummes Tauziehen. Dann löst das Geschöpf den Bann, es geht einfach weg. Heißt das, daß es mich aufgibt? Ich ertrage es schlecht, wenn man mich einfach so stehen läßt. So folge ich schließlich. Das Geschöpf schaut sich nicht nach mir um. Das ärgert mich. Ich denke: Erst lockt es mich in diese verwünschte Stadt, dann läßt es mich stehen, ich finde mich hier nicht zurecht, was für ein Gewinkel von Gassen und Gäßchen zwischen Fachwerkhäusern. Das ist ein Labyrinth ohne Ausweg vielleicht, und ich bin darin verloren, und kein Mensch zu sehen, natürlich, alle sind an der Mauer beschäftigt, ich will versuchen, den Rückweg zu finden, aber ich habe die Richtung verloren, ich glaube, jemand will mein Verderben.
Da sehe ich das Geschöpf wieder, es wartet, es dreht sich mir zu, es lächelt, es sagt: Hörst du?
Ich höre: da plätschert und rauscht irgendwo Wasser. Das Geschöpf sagt: Der Michaelsbrunnen; wir kommen jetzt zum Marktplatz im Zentrum der Oberstadt, und dort drüben ist das Hotel.
Ich will nicht ins Hotel, ich will heim.
Ohne erfahren zu haben, was du erfahren willst?
Ich will gar nichts erfahren, ich will jetzt heim.
Du bist freiwillig gekommen.
Darum will ich nicht gezwungen werden, hierzubleiben.
Niemand zwingt dich.
Nun gut, bringen Sie mich zum Auto.
Der Rückweg führt nach vorne, das weißt du selbst.
Können Sie mir eine Sicherheit geben, daß ich heil aus dieser Stadt zurückkomme?
Das Geschöpf lacht. Es lacht mich einfach aus. Ich werde allmählich zornig. Ich sage: Führen Sie mich sofort zur Polizei, zum Einwohner-Meldeamt.
Was meinst du damit?
Die Frage verwirrt mich, meine eigene Frage scheint mir jetzt selbst töricht. Nun gut, sage ich, was ist, wenn ich bleibe?
Du wirst erfahren, warum du herkamst, du wirst erfahren, was du wissen sollst. Es ist ein großes Angebot, und es wird dir nie wieder gemacht.
Jetzt redet das Geschöpf mit einer Autorität, die ebenso sanft wie zwingend ist.
Also denn, sage ich. Und was jetzt?
Das ergibt sich. Wir sehen uns morgen früh wieder. Du findest mich in dem Buchladen an der Ecke neben der Kirche.
Sind Sie denn Buchhändler oder soll ich sagen: Buchhändlerin?
Das Geschöpf lacht belustigt. Es sagt: Ich habe nicht von meinem Beruf geredet, ich sagte nur, daß du mich dort findest.
Aber ich weiß nicht einmal Ihren Namen.
Ich habe mehrere. Du kannst wählen: Herma oder Stella oder Donat oder Victor.
So sind also Herma und Stella Ihre Vornamen, aber Donat und Victor, sind das Ihre Familiennamen?
Ich habe keine Familie mit Namen, sagt das Geschöpf.
Jeder Mensch hat einen Vornamen und einen Familiennamen.
Ja, sagt das Geschöpf. Ja. Sonst nichts.
Dann sagen Sie wenigstens, ob Sie ein Mädchen sind, Sie könnten ebensogut ein junger Mann sein, Ihre Stimme ist so dazwischen, und überhaupt …
Das Geschöpf bricht meine Überlegung ab; es sagt: Am besten trifft der Name Herma.
Jetzt hat das Geschöpf wenigstens einen Namen. Es will also ein Mädchen sein oder dafür gelten, obwohl ich keineswegs sicher bin, daß die Auskunft stimmt.
Also bis morgen!
Aber ich habe alles, was ich für die Nacht brauche, im Auto.
Du brauchst nichts davon. Du findest alles im Hotel.
Damit läßt es, oder jetzt vielmehr sie, mich stehen und verschwindet.
Jetzt erst bemerke ich, daß es schon dämmert. Wir müssen stundenlang durch die Stadt gelaufen sein, denn als ich ankam, war früher Nachmittag. Nach Hermas Weggang fühle ich mich abscheulich verlassen. Ich stehe eine Weile vor dem Brunnen: der Erzengel Michael steht auf einer Säule und sticht nach dem Drachen, aus dessen verwundeter Seite anstelle des Blutes ein dicker Wasserstrahl hochschießt, der, fallend, sich in eine flache Schale ergießt, die nach allen Seiten überfließt und eine zweite, größere Schale füllt, bis das Wasser in einem dritten breiten Becken sich sammelt. Das Plätschern und Rauschen ist sehr laut, als komme es von einem hohen starken Wasserfall. Der ganze Marktplatz ist voll von diesem Rauschen, das immer stärker wird. Es ist ein gewaltiges Rauschen, unangemessen dem gar nicht großen Brunnen. Es umgibt mich wie ein dichter Vorhang. Ich bin schließlich froh zu sehen, daß über einer Tür eine Laterne aufleuchtet und ein Schild bestrahlt, auf dem steht: »Hotel Michaelshof«. Für eine Nacht also bin ich untergebracht.
Das Hotel scheint eins von den guten altmodisch behaglichen zu sein: eine holzgetäfelte Eingangshalle mit alten Möbeln und alten Stichen: lauter Abbildungen alter Ruinenstädte, wie Piranesi sie darstellte. Hinter einer Theke der Portier. Ein erstaunlich alter Mann, an dem alles eisgrau ist, wie im Rauhreif gefroren: das halblange Haar, die buschigen Augenbrauen, die Haut, der Kittel. Seine spitzen Schultern hat er hochgezogen, so daß der Kopf wie bei einem Buckligen dazwischen steckt. Vielleicht ist der Alte wirklich bucklig, ich kann das in der etwas trüben Beleuchtung nicht genau erkennen. Er schreibt etwas. Er nimmt keine Notiz von mir. Ich sage: Guten Abend, ich möchte ein Zimmer für eine Nacht, ich glaube, jemand hat es für mich vorbestellt. Er antwortet nicht. Hinter ihm bewegt sich das Pendel einer großen Standuhr, aber ich höre kein Ticken, und als der Zeiger auf acht steht, schlägt sie nicht, der Zeiger wandert lautlos weiter. Ich warte.
Schließlich sagt der Mann, der augenscheinlich der Portier ist: Was wollen Sie hier?
Ich sagte es schon: ein Zimmer für eine Nacht.
Ich frage Sie, was Sie in dieser Stadt wollen.
Bin ich gezwungen, Ihnen auf eine solche Frage zu antworten?
Jetzt erst blickt er auf. Mir wird plötzlich kühl, und ich drehe mich um, zu sehen, ob jemand die Eingangstür geöffnet und einen kalten Luftzug eingelassen hat. Niemand ist hereingekommen und ganz gewiß niemand hinausgegangen. Der Alte schaut mich eine Weile an mit seinen eisgrauen Augen, in denen aber keine Härte ist, sondern prüfende Besorgnis. Ich fühle mich wie ein Angeklagter vor einem strengen, aber wohlwollenden Richter. Doch überläuft mich mehrmals ein kleiner kühler Schauer. Es ist freilich auch ein wenig frostig in der Halle.
Schließlich sagt der Alte: Sie kamen über die Grenze?
Ja, sage ich, und ich habe einen Paß, aber der ist in meinem Auto außerhalb der Mauer, im Dunkeln finde ich nicht dorthin zurück, ich bringe ihn morgen früh.
Unnötig, sagt der Alte. Sie sind mir bekannt.
Wieder überläuft mich der kleine Schauder, aber ich sage aufsässig: Ja, natürlich, ich habe bereits begriffen, daß die Organisation tadellos funktioniert: der Telefon-Anruf, das Fräulein im Reisebüro, dieses Mädchen namens Herma und wie sie sonst noch heißt, und jetzt der Portier dieses Hotels. Perfekt.
Der Alte sagt ruhig: Ich bin der Pförtner.
Ja, das weiß ich.
Er wiederholt: Ich bin der Pförtner.
Na ja, Pförtner oder Portier, als sei da ein Unterschied.
Es ist einer.
Nun, wenn Sie Pförtner sind, wo ist die Pforte? Das ist eine Haustür, keine Pforte.
Er deutet stumm auf den Boden.
Sie haben die Pforte passiert und die Schwelle bereits überschritten. Ich bin der Hüter der Schwelle.
Mir wird kalt.
Er dreht sich jetzt um und holt vom Bord hinter seinem Rücken zwei Schlüssel und legt sie vor mich auf die Theke.
Ich brauche nur ein Zimmer, nicht zwei.
Er sagt: Ich weiß. Wählen Sie!
Wie kann ich wählen, ohne die Zimmer gesehen zu haben?
Es handelt sich nicht darum, ein Zimmer zu wählen, sondern einen Schlüssel.
Jetzt schaltet er ein weiteres Licht ein. Ich sehe, die Schlüssel sind sehr alt, sie haben schwere Bärte und schön gearbeitete Griffe. Die Griffe sind Ringe, in denen frei an einem Metallfaden ein Medaillon hängt, das, ebenfalls aus Metallfäden gearbeitet, etwas darstellt, sehr klein, aber deutlich erkennbar. Das eine: ein Wagen, zweirädrig, ohne Vorspann, darauf frei stehend ein Mann, dessen Haar und Umhang vom offenbar starken Fahrwind nach rückwärts geweht sind. Der Mann hat in der Hand, lässig nach unten gehalten, ein Szepter oder eine Trophäe. Er sieht aus, als komme er siegreich aus einem Kampf zurück.
Das Bild gefällt mir, wie mir alles Siegreiche gefällt, allerdings mit Vorbehalt.
Den da! sage ich.
Der Pförtner reicht mir eine Lupe. Jetzt sehe ich, daß sich ein Rad des Siegerwagens halb gelöst hat, es wird gleich abfallen, das Gefährt wird umstürzen und das, was auf dem Wagen liegt, die Siegesbeute offenbar, ein Sack, ist schon halb vom Wagen geglitten, der Sack hat sich geöffnet, und was herausfällt, scheinen Münzen zu sein, der Fahrer merkt es nicht, oder er merkt es und fährt so rasch, um wenigstens den Rest nach Hause zu bringen. Mit der Lupe sehe ich, daß sein Gesicht verzerrt und sein Mund weit offen ist: er schreit. Jetzt verstehe ich, warum er das Szepter nach unten hält: er ist ein Schein-Sieger.
Nun? sagt der Pförtner und schiebt mir den andern Schlüssel zu: Ein junger Mann zu Fuß, über der rechten Schulter ein Stab mit einem Beutel, der sichtlich leer ist, und auf dem Kopf eine Schellenkappe. Ein Bettler, nein: ein Narr. Ihm folgt ein Hund, der sich in seinen Mantel verbissen hat. Der Narr sieht das, er könnte den Hund mit seinem Stab vertreiben, er tut es nicht, er lacht heiter; es scheint, er wolle den Hund streicheln, jedenfalls nimmt er die Sache nicht ernst, vielleicht spielt der Hund auch nur.
Nun? fragt der Pförtner.
Also den da, sage ich, und greife nach dem Narrenschlüssel.
Das Gesicht des Pförtners verrät weder Zustimmung noch Mißbilligung. Er nimmt die Sache zur Kenntnis. Sie überrascht ihn offenbar nicht. Er hängt den nicht gewählten Schlüssel wieder an das Brett, an dem kein weiterer hängt.
Ich frage: Hat das Hotel nur zwei Zimmer?
Er sagt: Sie reden immer von Zimmern. Es handelt sich aber um Schlüssel.
Aber, sage ich, mir geht es um ein Zimmer, in dem ich in dieser Nacht schlafen kann.
Er deutet mit dem Zeigefinger zur Treppe.
Und wie finde ich das Zimmer?
Sie finden es.
Im ersten Stock steht eine Tür offen. Ich nehme an, dies ist das Zimmer für mich.
Ein angenehm altmodisches Zimmer mit schönen alten Möbeln, wie sie meine Großeltern mütterlicherseits hatten. Frühes Biedermeier. Über dem breiten Bett hängt ein Bild, ein Doppelportrait, Mann und Frau. Der Mann trägt ein schwarzes Käppchen wie ein Rabbiner. Gekleidet sind beide im Biedermeierstil. Der Mann schaut streng, die Frau lächelt etwas gezwungen, wie für den Maler; es ist kein gutes Lächeln. Beide schauen mich an.
Das ist mir unangenehm. Die beiden erinnern mich an Leute, die ich gekannt habe. Dem Alter nach könnten sie meine Urgroßeltern sein, die ich nur von den Fotos her kenne. Die Vorfahren meiner Mutter waren reiche Leute, große Geschäftsherren und Bankiers. Mutters Vater war besonders reich. Mein Vater sprach, obwohl selber reich, mit Zorn von ihm, aber ich weiß nicht mehr wieso, vielleicht ging es um das Erbe, das meiner Mutter zustand und das ihr vorenthalten wurde, ihrer irgendwie unpassenden Heirat wegen, aber das ist nebelhafte Erinnerung. Und wie käme ein Bild meiner Ahnen hierher? Unsinn, sage ich, und beschließe, mich nicht um das Bild zu kümmern und statt dessen zum Essen zu gehen. Ich habe Hunger. Ich gehe in die Halle hinunter.
Der alte Pförtner ist nicht mehr da, statt dessen ein junger munterer Bursche, der vor sich hinsingt. Ich frage nach dem Alten.
Ach der, der ist mal da, mal nicht, er kommt und geht, wir wechseln uns ab.
Während er redet, hüpft er von einem Bein aufs andre, als wolle er kalte Füße wärmen.
Frieren Sie? frage ich.
Nein. Wieso?
Weil Sie so springen.
Oh, das kommt daher, daß ich ein Läufer und Tänzer war und meine Lust am Laufen nicht bezwingen kann.
Aber, sage ich, dann haben Sie den falschen Beruf gewählt.
Er lacht, und bei seinem Lachen und Springen klirren die Gläser in einer Vitrine wie kleine Schellen.
Hören Sie, sage ich, wo kann ich etwas zu essen bekommen?
Hier nicht. Die Küche ist seit langer Zeit unbenützt, sie ist verschlossen. Aber Sie können drüben im Ratskeller etwas bekommen.
Wie lange ist hier die Pforte offen?
Immer. Stadt und Pforte sind offen.
Aha. Offene Stadt. Aber wenn die Mauer wieder aufgebaut ist, dann ist sie verschlossen.
Ja, sagt er, und springt noch rascher, und die Gläser klirren und klingeln noch lauter.
Mensch, sage ich, können Sie denn um Himmels willen nicht einen Augenblick stillstehen?
Schwerlich, sagt er. Ich bin zum Laufen und Springen gemacht.
Scheint so, sage ich. Plötzlich erinnert er mich an etwas. An zweierlei: an das Mädchen Herma und an das Medaillon mit dem Narren an meinem Schlüssel.
Aus Spaß sage ich: Wenn Sie so springen, wunderts mich nicht, daß die Stadtmauer einstürzt.
Er lacht, jetzt springt er mit beiden Beinen zugleich hoch, als spiele er Seilhüpfen. Nun klirrt und klingelt alles im Raum, auch die Fensterscheiben und die Lampen. Ich beginne Lust zu verspüren, auch zu hüpfen. Nur mit Mühe bezähme ich mich, aber beim Hinausgehen hüpfe ich doch, wenn auch nur wenig und vor mir selber verlegen.