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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2016

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Redaktion Susann Rehlein

Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg

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ISBN Printausgabe 978-3-499-27219-6 (1. Auflage 2016)

ISBN E-Book 978-3-644-56651-4

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-56651-4

Prolog

Tel Aviv, Außenstelle der CIA,
21.3.2016

Derjenige, der sich als Agent Sharett vorgestellt hatte, durchschritt den Raum. Blieb an der dunkelgrün gestrichenen Wand stehen, als er sie erreichte. Drehte sich um und strich seine schwarze Krawatte nach unten. Der andere, mit den stahlblauen Augen, saß ihm gegenüber und schaltete das Aufnahmegerät ein. «Vernehmung von Herrn Efron Alterman am 21. März 2016. Uhrzeit: 15:38. Herr Alterman, würden Sie bitte Ihren vollständigen Namen, Ihr Alter und Ihre genaue Adresse nennen?»

Er nickte. «Mein Name ist Efron Yakov Alterman, ich bin 78 Jahre alt und wohne in der Ben-Yehuda-Straße Nummer 42 in Tel Aviv.»

«Gut.» Der Mann am Tisch nahm den Kugelschreiber, der vor ihm lag, in die Hand. «Warum sind Sie hier, Herr Alterman?»

«Ich will ein Geständnis ablegen. Ich habe vor 53 Jahren Präsident Kennedy erschossen.»

«Wiederholen Sie bitte, was Sie uns vorhin erzählt haben.»

Efron Alterman fuhr sich über die Stirn und räusperte sich. «Ich habe von 1959 bis 1998 für den israelischen Geheimdienst gearbeitet. Im Frühjahr 1962 wurde ich von meinem damaligen Führungsoffizier darüber informiert, dass der Konflikt mit der amerikanischen Regierung so schwerwiegend sei, dass diverse operative Aktionen gegen die USA erforderlich wären.»

«Um welchen Konflikt ging es da?»

«John F. Kennedy wollte Israels Atomwaffenprogramm verhindern.»

«Man hat Sie also direkt damit beauftragt, den amerikanischen Präsidenten zu ermorden?»

«Zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Ich wurde zunächst in ein geheimes Ausbildungslager des Mossad geschickt.»

«Wo befindet sich dieses Lager?»

«Zwischen Kiryat Gat und Rahat. Es existiert heute nicht mehr. Aber Sie werden sicher Reste davon finden. Wenn Sie mir eine Karte geben, kann ich Ihnen den Standort zeigen.»

«Was geschah dort?»

«Ich wurde auf meinen Einsatz in den USA vorbereitet. Ich lernte Englisch. Schließlich musste ich die Sprache fließend und akzentfrei beherrschen.»

«War das alles?»

«Nein. Außerdem bildete man mich zum Scharfschützen aus.»

«Wann erfuhren Sie von dem Auftrag, Präsident Kennedy zu töten?»

«Das erfolgte extrem kurzfristig. Am 18. November 1963 flog ich nach Houston, wo ich mich bei einem Kontaktmann meldete. Er bereitete mich darauf vor, dass demnächst eine äußerst delikate Operation für mich anstand.»

«Wie hieß dieser Kontaktmann?»

«Sie wissen genau, dass ich Ihnen das nicht sagen werde.»

«Okay. Können Sie uns erklären, warum gerade Sie für dieses Unternehmen ausgewählt wurden?»

Efron Alterman zuckte mit den Schultern. «Wissen Sie, die Sache kam nicht ganz überraschend.»

«Wie meinen Sie das?»

«Noch in Israel wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, ein höheres Mitglied einer ausländischen Regierung zu beseitigen. Möglicherweise sogar einen Regierungschef. Als ich dann mein Flugticket in die USA bekam, war mir klar, was auf mich zukommen würde.»

Der mit den stahlblauen Augen legte den Kugelschreiber zurück auf den Tisch und kratzte sich an der Schläfe. Agent Sharett gab seine Position an der Wand auf, trat heran und nahm an der Stirnseite des Tisches Platz. «Herr Alterman, lassen Sie uns über den Tag des Attentats reden. Was geschah am 22. November 1963?»

«Am Vormittag flog ich auf Anweisung meines Kontaktmannes von Houston nach Dallas. Am Tag zuvor hatte man mich mit dem Ablauf des operativen Vorgangs vertraut gemacht. Die Sache war im Grunde nicht besonders kompliziert. Eine Stunde bevor ich den Präsidenten erschießen sollte, fuhr man mich an den Tatort.»

«Können Sie das genauer beschreiben?»

«Gegen 11:30 brachte mich ein Mann namens Ruby mit einem Kleinlaster zum Parkplatz hinter der Elm Street. Das Gewehr hatte ich dabei.»

«Hatten Sie keine Schwierigkeiten, dort ungesehen mit der Waffe herumzuspazieren?»

Alterman lachte auf. «Schwierigkeiten? Ich glaube, man wäre aufgefallen, wenn man keine Waffe dabeigehabt hätte. Die gesamte Dealey Plaza wimmelte von Polizei und CIA-Leuten, die entweder ein Gewehr oder eine Handfeuerwaffe bei sich trugen.»

Die beiden Agenten nickten. «Was geschah dann?»

«Ich ging Richtung Grashügel, stieg über den Holzzaun und suchte mir eine von Bäumen relativ geschützte Stelle.»

«Sie sagen ‹relativ geschützte Stelle›. Hat man Sie denn nicht angesprochen und zur Rede gestellt?»

«Doch, natürlich. Einmal kam ein Polizist. Nachdem ich ihm meinen gefälschten CIA-Ausweis gezeigt und ihm klargemacht hatte, dass ich hier für die Sicherheit des Präsidenten abgestellt worden war, zog er wieder ab.»

«Ansonsten blieben Sie unbehelligt.»

«Ja.»

«Gut. Fahren Sie bitte fort.»

«Ich wartete, bis die Limousine des Präsidenten erschien. Als ich sah, wie der Wagen von der Main Street auf die Houston Street abbog, machte ich mich bereit. Das Fahrzeug stieß schließlich auf die Elm Street und fuhr einen scharfen Bogen nach links. Dabei musste es stark abbremsen. Nachdem die Limousine auf der Elm Street war, kam der Moment, in dem ich den Präsidenten perfekt im Fadenkreuz hatte. Ich drückte ab.»

«Gaben Sie nur einen Schuss ab?»

«Ich feuerte insgesamt zwei Mal. Der zweite Schuss traf den Präsidenten am Kopf.»

«Welches Gewehr benutzten Sie?»

«Eine 7.65er Mauser.»

«Ihnen ist klar, dass Ihre Darstellung der Ereignisse den offiziellen Ermittlungsergebnissen widerspricht?»

«Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Wenn Sie mir jetzt mit dem Bericht der Warren-Kommission kommen, dann können wir das Gespräch auch beenden. Sie sind doch Agenten der Agency, oder nicht? Dann wissen Sie auch, was von diesem Bericht zu halten ist. Eure Behörde weiß ganz genau, was damals vor 53 Jahren abgelaufen ist. Also stellen Sie mir nicht solche Fragen.»

Agent Sharett atmete geräuschvoll ein. Der andere begann: «Glauben Sie wirklich, wir …» Sharett legte ihm eine Hand auf den Unterarm. «Lass, Willis.» Der Angesprochene verstummte. Dann sprach Sharett: «Also gut. Gesetzt den Fall, Ihre Geschichte ist wahr, Mister Alterman, gibt es dafür irgendwelche Beweise?»

Alterman sah Sharett ruhig in die Augen. Während die Sekunden verstrichen, zeichnete sich auf Altermans Lippen ein breites Grinsen ab. «Endlich mal eine gute Frage.»

Teil I

1.

«Freunde der Wissenschaft, Wegbereiter des Fortschritts.» Dr. Dr. Leon Carl Rodriguez ließ seinen Blick über die Zuhörerschaft schweifen. Als Naturwissenschaftler neigte er nicht zum Pathos. Doch er war auch der Generaldirektor des Schweizer C.E.R.N., einer weltweit einzigartigen Einrichtung zur Erforschung der Materie und des Kosmos. Und heute waren eine Menge teurer Limousinen vorgefahren mit Gästen, die die Wiedereröffnung der Detektorkammer ATLAS feiern wollten. Nicht wenige von ihnen hatten erhebliche Teile der hierfür nötigen Millionen gespendet, als Privatleute oder als Vertreter von Regierungsinstitutionen. Diese Leute durften etwas erwarten für ihr Geld. Nicht ohne schmerzliche Gefühle dachte Rodriguez daran, wie er sich in einen Dreiteiler von Armani gezwängt und beim Schneider so getan hatte, als bemerkte er nicht, dass das Modell für ihn um fast 30 Zentimeter gekürzt werden musste. Unwillkürlich reckte er sich auf seinem Podest.

«Einen Moment lang, einen Wimpernschlag im Kosmos, hat es so ausgesehen, als würde das Licht der Forschung, das wir hier entzündet haben, für immer erlöschen. Zweifel wurden laut am Sinn unserer Arbeit. Lohnt es, so fragten sich einige, in eine Forschung zu investieren, die nicht unmittelbar dazu führt, dass neue Konsumprodukte entstehen. Immerhin arbeiten wir hier nicht an spülmaschinenfestem Glasdekor oder einem Auto, das von alleine lenkt und fährt.» Er nahm das Lachen des Publikums zur Kenntnis und nickte. «Dazu kamen Panikmacher aus der Umweltfraktion. Untergangsaktivisten schürten mittelalterlich anmutende Ängste. Es hieß, wir könnten mit unserer Arbeit ein Schwarzes Loch erschaffen, das die ganze Erde verschlingen würde.» Rodriguez hob die Hände in einer kindlichen Geste des Erschreckens.

Einige Zuhörer lachten auch hierzu höflich. Andere strichen sich über den teuren grauen Zwirn. Die Angestellten des C.E.R.N. waren an ihren verlegenen Mienen zu erkennen, außerdem an ihren Konfirmandenjacketts. Physiker legten wenig Wert auf Äußerlichkeiten.

«Ich weiß, ich weiß.» Rodriguez beschwichtigte eine nicht vorhandene Empörung. «Wir alle wissen, dass es unmöglich ist, ein stabiles Schwarzes Loch zu erzeugen. Sollte es uns je gelingen, werden Sie, meine Herrschaften, die Ersten sein, die es erfahren. Denn dann werden Dinge möglich sein, Dinge …»

«Zeitreisen!» Aaron Singelton, Physiker an der Cambridge University, hatte diesen Zwischenruf gewagt. Er schaute kindlich verzückt. Seit vier Jahren durchforschte er nun Datenreihen nach Hinweisen auf das Higgsteilchen, dessen Nachweis die Gedankengebäude der modernen Wissenschaft endlich bestätigt hatte. Der Ritterschlag für das menschliche Denken war getan. Sie hatten es schließlich entdeckt, das Gottesteilchen. Für ihn persönlich bedeutete das ein endloses Starren auf Datenreihen. Er war nichts weiter als lediglich eine von Tausenden von Arbeitsameisen.

Rodriguez lächelte und strich sich über sein jettschwarzes Haar. Lass die Kinder spielen, dachte er sich. Es war ein Feiertag. «Dann könnten Sie endlich Stephen Hawking widerlegen, Mister Singelton, was?» Die «Hört, hört»-Rufe ließen ihn grinsen. «Ja, Hawking gehört zu unserem Förderkreis. Wir arbeiten hier nicht an irgendetwas. Aber im Ernst.» Er streckte dem Auditorium die Arme entgegen. «Ihnen ist es zu verdanken und Ihrer Großzügigkeit, Ihrer Weitsicht, dass ab jetzt am C.E.R.N. wieder Geschichte geschrieben werden kann. Die Geschichte der Menschheit, mehr noch, die Geschichte unserer Welt.» Er räusperte sich und senkte den Kopf, um seinem Publikum Gelegenheit zur Andacht zu geben. «Zugleich», fuhr er dann fort, «ist dies heute der Anlass, eines der ganz Großen unseres Faches zu gedenken. Eines Mannes, der die Disziplin der theoretischen Physik in den letzten Jahren vorangebracht hat wie kein Zweiter: Doktor Matthieu Savary.»

Als Spanier, Wissenschaft hin oder her, war er Katholik genug, sich bei der Erwähnung eines Toten unwillkürlich zu bekreuzigen. Es war eine Geste der Schadensabwehr. Dieser Savary! Keine zwei Jahre war er am C.E.R.N. gewesen, ein Shooting Star, wie es hieß, mit Fördergeldern und Privilegien nur so gestopft. Hatte hier geschaltet und gewaltet, wie es ihm gefiel, hatte sich nicht um irgendwelche Vorgaben geschert. Und am Ende den Detektorraum ATLAS in die Luft gejagt. Ein Millionenverlust! Wofür er das tat und was er dort heimlich getrieben hatte, das hatten sie bis heute nicht rekonstruieren können. Savarys Unterlagen hatten sich ebenso in Luft aufgelöst wie er selbst. Asche zu Asche, Staub zu Staub. «Für Doktor Savary war der Griff nach den Sternen keine Metapher. Und ich wage zu behaupten, befände er sich noch unter uns, die Theorie der Supersymmetrie wäre bewiesen.»

Savary war in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Paris gestorben und dort auch auf dem Père Lachaise begraben, soweit Rodriguez wusste. Er hatte nie das Bedürfnis verspürt, dorthin zu gehen. Wunderbar, dass der Kerl tief unter der Erde lag. Savary hatte ihm Ärger genug beschert.

«Aber nicht nur ein begnadeter Wissenschaftler ist mit Savary von uns gegangen, sondern auch ein Freund und Kollege.»

Der einzige Weg, zu vertuschen, dass er, Rodriguez, als Leiter des C.E.R.N. versagt und einen Verrückten unbeaufsichtigt hatte herumexperimentieren lassen, war es gewesen, Savary zum Helden zu machen. Ein Märtyrer der Wissenschaft, so würde der Franzose in die Geschichte eingehen. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, die Fakten zu fälschen. Rodriguez hatte es nicht gerne getan. Aber es hatte sich gelohnt. Spender aus Savarys Verwandtschaft meldeten sich, die Universitäten, an denen er arbeitete, trommelten für einen Fond, neue Forschungsgelder flossen, und die Savary-Stiftung sammelte alles ein wie ein fleißiges Bienchen. ATLAS konnte endlich neu erstehen. Ein beigeordneter Minister für Forschung und neue Technologien war eigens für die heutige Einweihungsfeier aus Frankreich angereist. Als hätte er Rodriguez’ Gedanken gelesen, erhob sich der ministre de recherche scientifique just in diesem Moment und knöpfte sein Jackett zu, bereit, nach vorne zu kommen und die Plakette zu enthüllen, die von nun an die wiederhergestellte Detektorkammer zieren sollte.

«Ich darf hinzufügen», sagte der Generaldirektor, hastig über das Mikro geneigt, um diese Pointe noch anzubringen, «dass die Kollegen mir verraten haben, der Spitzname für Savary sei ‹Tricolore› gewesen. ‹Bleu, blanc, rouge›, seiner blauen Augen und rötlichen Haare wegen.» Rodriguez wartete das Gelächter ab.

Der Minister verhielt seinen Schritt.

«Daher ist es mir eine besondere Freude, unseren französischen Gästen verraten zur dürfen, dass der Teilchenbeschleuniger ATLAS hausintern ‹La tricolore› genannt wird. Savary ist nicht tot. Sein Erbe lebt weiter. Die Wissenschaft lebt!»

Unter allgemeinem Beifall schritten die beiden Männer zur Enthüllung der Gedenktafel.

«Na», sagte weiter hinten eine Frau im grauen Kostüm. Sie hatte die üppigen schwarzen Haare und die Mandelaugen einer Südseeschönheit. Ihr Blick aber war hart. «Wie gefällt Ihnen Ihr Nachruf?» Sie neigte sich dichter an das Ohr des Mannes, zu dem sie getreten war: «Monsieur Savary?»

2.

Der Mann, an den sie herangetreten war, zuckte zusammen. Unwillkürlich zog er seine Krücke an sich heran. Er blickte sich um, doch niemand schien von ihnen Notiz zu nehmen.

Wie die anderen trug er einen Anzug, allerdings ein zerknittertes, ein wenig zu weites Exemplar. Als wäre er durch eine Krankheit aus dem Textil geschrumpft. Seine Hautfarbe passte zu dieser Vermutung. Bleu, blanc, rouge: Wer ihn so in Erinnerung hatte, hätte ihn nicht wiedererkannt. Die Blässe seiner Haut wirkte kränklich, eher grau als weiß, durchzogen von zahlreichen Brandnarben, die die Explosion zurückgelassen hatte. Seine einstmals weichen, jungenhaften Züge waren scharf geworden. Das rotblonde Haar hatte die Chemotherapie vernichtet. Es war dunkler nachgewachsen, kupferbraun, jedoch so schütter, dass er es kurz rasierte, was ihm zusammen mit den Narben ein verwegenes Aussehen verlieh. Er hielt sich wie ein Mann, der Schmerzen hatte. Eine getönte Brille verdeckte die blauen Augen, sodass sich über seinen Blick nichts sagen ließ.

«Ich habe Sie nicht kommen hören, Mrs. Fletcher», beschwerte er sich.

«Das war der Zweck der Übung.» Sadie Fletcher wippte auf den Ballen.

Matthieu Savary warf einen Blick über die Schulter. Und richtig: Da waren sie, die unvermeidlichen Bodyguards, die nie von seiner Seite wichen. Sadie Fletcher arbeitete für eine Organisation, die man in Ermangelung eines offiziellen Namens einen Geheimdienst nennen konnte. Sie und die Organisation kümmerten sich um ihn. Fletcher und ihre Kettenhunde auf der einen Seite, er auf der anderen. Falsch, korrigierte Savary sich: Ich bin ein Teil von ihnen. Ich arbeite für diese Organisation. Seit sie mich aus den Trümmern von ATLAS gezogen und mir in ihren Spezialkliniken ein bisschen Leben zurückgegeben haben. Nicht viel. Aber genug Leben, um meine Forschungen zu betreiben. «Ich wäre Ihnen schon nicht weggelaufen», sagte er unwillig.

«Matthieu, Sie sind mir bereits weggelaufen. Sind in Paris einfach aus der Klinik verschwunden.»

«Ich brauchte frische Luft.»

«Und offenbar musste es Schweizer Luft sein. Im ersten Moment dachte ich, Sie wollten Ihr Grab besuchen.»

«Da war ich auch», gab er zu. «Wenn man offiziell für tot erklärt wurde, gibt es nicht mehr viele Orte, an die man gehen kann.» Er dachte an seinen kurzen Besuch auf dem Père Lachaise.

Die Luft war vom Gezwitscher der Vögel erfüllt gewesen. Von den Knospen der Bäume tropfte der schmelzende Schnee, glitzerte in der schrägstehenden Frühlingssonne.

Matthieu Savary hatte die Augen zusammengekniffen und auf den Stein gesehen, in den seine Lebensdaten eingraviert waren. Anfang und Ende. Das Ende. Er hatte sich etwas stärker auf seine Krücken gestützt. Die Operationen der letzten Monate waren schmerzhaft gewesen, doch sie hatten ihm das Ende erspart, ein weiteres Mal. Man hatte sein Knochenmark transplantiert, stellenweise waren sogar ganze Knochen ausgetauscht worden. Außerdem hatte er eine neue Leber bekommen. Wie bei einem Baukasten würden sie jedes Organ, jeden Teil seines verstrahlten Körpers herausnehmen und durch einen neuen ersetzen. Es würde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dauern.

Auf seinem Grab hatten Blumen gelegen. Nicht mehr ganz frisch, von dem Tauwetter in Mitleidenschaft gezogen. Unter dem Strauß, der seine Blüten hängen ließ, ein Zettel. Er hatte sich nach vorne gebeugt, bis er das Papier zu fassen bekam. Die Buchstaben waren verwaschen, und doch hatte man lesen können, was dort stand: «Mein Herz gleicht einer umgestürzten Flamme.»

Guillaume Apollinaire. Hatte sich ein Verehrer des Dichters etwa in der Grabstätte geirrt? Matthieus Blick war auf das Grab gefallen, das direkt neben seinem lag: Die letzte Ruhestätte des Poeten. Und doch waren Blumen und Worte nicht für Apollinaire bestimmt gewesen. Jemand, der wusste, dass der viel zu früh verstorbene Dichter zu seinen Lieblingsautoren gehörte, hatte ihm die Verse aufs Grab gelegt.

Unwillkürlich griff Savary in seine Jacketttasche und zog den Zettel hervor. Es gab nur eine Person, von der der Zettel stammen konnte. Mutter, dachte er und fühlte sich plötzlich hundeelend. Wie alle anderen aus seinem alten Leben hielt auch seine Mutter ihn für tot. Sie musste ihn für tot halten. Das war Teil des Vertrags, den er abgeschlossen hatte. Das gebrochene Herz seiner Mutter. Wie er sich plötzlich hasste, in diesem Moment.

Applaus brandete auf. Man hatte die Marmortafel mit der Inschrift enthüllt. Sein Name stand darauf, seine Lebensdaten. Ein kurzes Lob seiner Leistungen. Ein Witzbold hatte die Trikolore darüber gehängt. Gegen seinen Willen lebte Savary ein wenig auf. Idioten, aber liebenswerte, dachte er. Er hatte sie nicht zu schätzen gewusst, als er noch mit ihnen arbeitete. Sie waren ihm alle so simpel vorgekommen. So schlicht im Geiste. Es stimmte, er war arrogant, aber sie hatten einfach zu wenig Phantasie. Jagten einer so uninteressanten Sache wie dem Higgsteilchen hinterher. Hielten stabile Schwarze Löcher für Unfug. Stephen Hawking ist widerlegt, hätte er ihnen am liebsten zugerufen. Ich bin in der Zeit gereist. Ich habe die Vergangenheit mit meinen eigenen Augen gesehen. Und ich werde es wieder tun, wann immer mir danach ist.

Er spürte, wie Sadie Fletcher sich neben ihm bewegte, wie sie ihre Finger auf den Lautsprecher in ihrem Ohr legte, um einer Botschaft ihrer Mitarbeiter zu lauschen. Seine kurze Euphorie fiel in sich zusammen. In der Tat, er würde noch oft in die Vergangenheit reisen. Aber nicht, wann immer er es wollte, sondern dann, wenn sie und ihre Vorgesetzten es befahlen. Denn er arbeitete nicht nur für sie. Er war ihr ausgeliefert. Er gehörte ihr. Ein Pakt mit dem Teufel, dachte Savary bitter. Doch wäre er ihn nicht eingegangen, das Grab in Paris wäre tatsächlich mit seinen sterblichen Überresten gefüllt. Ja, er hatte das Reisen in der Zeit erfunden. Aber bei seinem ersten Versuch, damals im Large Hadron Collider des C.E.R.N., war ihm am Schluss alles um die Ohren geflogen. Daher sein zerstörter Organismus. Doch die Zeitreise hatte funktioniert, und sie war von der Organisation registriert worden. Schon seit längerem hatte sie ihn beobachtet. Danach der Deal: Entweder er würde für den Geheimdienst weitere Zeitreisen vornehmen und sein altes Leben vergessen, oder er würde sterben. Offiziell war er da bereits tot. Hatte er eine Wahl gehabt?

Er lebte nur noch, weil er sich bereit erklärt hatte, die Time Unit anzuführen. Weil er sein Genie in den Dienst einer Truppe stellte, die zur Aufgabe hatte, die Cold Cases der Vergangenheit aufzuklären.

Matthieu versuchte, die dunklen Gedanken zu vertreiben. Er erinnerte sich an das köstliche Mahl, das er gestern Abend in einem Restaurant in der Rue Louis Blanc zu sich genommen hatte. Als Entrée hatte es eine Gazpacho gegeben. Dann waren ihm Nierenzapfen vom Rind serviert worden. Dazu glasiertes Gemüse mit Grenaille-Kartoffeln. Da durfte ein feiner Burgunder nicht fehlen. Seit langer Zeit endlich mal wieder ein Essen, das seinen Namen verdiente. Ein wahres Fest für die Geschmacksknospen. Die Nahrung in der Klinik hatte ihn in kulinarischer Hinsicht mürbe gemacht.

 

«Alles in Ordnung?» Sadie Fletchers Stimme erschien ihm ungewöhnlich weich. Er antwortete nicht. Langsam wandte er ihr seinen Kopf zu. Sie war eine Schönheit, das musste er zugeben. Ihre Haltung war ebenso makellos wie ihre kaffeebraune Haut. Matthieu erinnerte sich an ein Lied von Serge Gainsbourg. J’aime ta couleur café, tes cheveux café, ta gorge café. J’aime quand pour moi tu danses. Das würde er gern einmal erleben, dachte er, dass Sadie Fletcher für ihn tanzte. Beinahe hätte er laut aufgelacht. Stattdessen wartete er darauf, dass die weiche, exotische Schönheit neben ihm jeden Augenblick umschlug in das, was sie wirklich war: klar, entschieden, unnachgiebig und knallhart. Sadie Fletcher war ein Mensch, der wusste, was er wollte. Nie würde sie auch nur eine Sekunde lang an ihren Prinzipien oder Zielen zweifeln.

«Kommen Sie», sagte sie. «Sie hatten Ihren Spaß.»

In dem Moment kam Bewegung auf das Podium. Eine junge Frau trat auf, die von Rodriguez als Professor Doktor Karoline Freitag von der Universität Oxford angekündigt wurde. Sie war kurzfristig Mitarbeiterin des C.E.R.N., ehe sie in Oxford einen Lehrstuhl für Geschichte übernahm. Und sie hatte den verstorbenen Savary gekannt, wie Rodriguez salbungsvoll erklärte, als «Kollegen und Freund».

«Schau an», stellte Sadie Fletcher fest. Es klang überrascht, aber auch anerkennend.

Matthieu Savary konzentrierte sich, um zu sehen, was die Chefin der Time Unit sah. Karoline Freitag war ein Mitglied der Time Unit. Anfangs war sie nicht mehr als eine idealistische Nachwuchswissenschaftlerin gewesen, wild entschlossen, die Chance auf eine Zeitreise zu nutzen. So entschlossen, dass sie die Geheimorganisation in deren Schlupfwinkel auf der Insel Jersey aufgespürt und sich schamlos aufgedrängt hatte. Von dem naiven Pummel von damals war nicht viel geblieben. Eine Lady im englischen Landhausdress stand vor dem Auditorium, wie frisch vom Pferd gestiegen, dem sie zweifellos eine strenge Dressur verpasst hatte. Schlank, gepflegt, beherrscht. Was war aus dem jungen Mädchen geworden, das bei der ersten Berührung mit der Luft eines viktorianischen Armenviertels in Ohnmacht gefallen war?

«Sie hat sich ziemlich verändert», stellte Matthieu fest.

«Ja», bestätigte Sadie Fletcher. «Wir werden ihr mehr bezahlen müssen.»

Sie beobachteten, wie die Frau dort vorne ihre Papiere auf dem Rednerpult zurechtlegte, um dann das Publikum ins Auge zu fassen. Nur wer sie gut kannte, entdeckte noch etwas von der alten Aufgeregtheit an ihr.

«Ob sie weiß, dass ich hier bin?», überlegte Savary.

«Auf keinen Fall.» Sadie Fletcher reckte sich, um die Rede zu verfolgen, die nun begann. Sie war so ausgewogen und perfekt wie der ganze Auftritt von Karoline Freitag.

«Was ist?», fragte Savary argwöhnisch, als er Sadie Fletcher lächeln sah.

«Das ist das Schöne an diesen Musterschülerinnen», erwiderte sie. «Gib ihnen eine Aufgabe, egal welche, und sie werden sich die Seele aus dem Leib reißen, um sie optimal zu erfüllen.»

«Egal welche?», fragte er. Er fühlte sich getroffen. War nicht auch er so ein Musterschüler? Ein Musterschüler, der im Dienste der Wissenschaft jeden Auftrag perfekt erledigen wollte? Fletchers Spott gefiel ihm nicht.

Sie hingegen lachte, als hätte sie seinen Gedanken erraten. «Keine Sorge», sagte sie. «Diesen Auftrag werden Sie mögen.» Damit drehte sie sich um und ging.

Savary starrte ihr nach. Nach einer Weile begriff er. «Es gibt einen Auftrag?», stammelte er. Rasch raffte er seine Krücken zusammen. Seine Brille verrutschte. Er rückte sie zurecht. Wo war Fletcher? Wo waren die Bodyguards? Wo wartete die verdammte Limousine? Er lief doch gar nicht weg. Er wehrte sich doch nicht. «Warten Sie», rief er, ein wenig lauter, als er vorgehabt hatte, und hastete mit seinen Gehhilfen so schnell voran, wie er konnte. Noch sah er ihren Rücken in der Menge. Herrgott, was musste sie auch so rennen. «Warten Sie.»

Sie blieb stehen und drehte sich um.

Atemlos klemmte er sich die Krücken unter die Arme. «Sagen Sie mir endlich: Was ist das für ein neuer Auftrag?»

Sadie Fletcher hob die Hand. Die Limousine fuhr vor. Einer der Bodyguards öffnete die Tür für Savary.

Er starrte in den Wagen, zögerte kurz. Dann legte er entschlossen seine Gehhilfen zusammen und schickte sich an, einzusteigen. Sadie Fletcher lächelte. «Sie werden im Hauptquartier alles Nötige erfahren», sagte sie. «Wie immer.»

Savary stieg ein, zog die Hosenbeine straff und klopfte gegen den Rahmen, um anzudeuten, dass die Tür geschlossen werden konnte.

Fletcher nahm vorne Platz. Über die Schulter sagte sie: «Dann rufen wir sie also zusammen?»

«Ja», bestätigte Savary, als der Wagen anfuhr. Das C.E.R.N. glitt vorbei und verschwand. Irgendwo in diesem Schweizer Tal würde eine Cessna auf sie warten. In weniger als zwei Stunden wären sie auf Jersey. Im Hauptquartier. Bei der Arbeit. Beinahe könnte man sagen, zu Hause. «Ja», wiederholte er mit fester Stimme. «Wir rufen die Time Unit zusammen.»

3.

Sie waren wieder auf Jersey. Savary befand sich in den Eingeweiden des Teilchenbeschleunigers. Nicht ohne ein Gefühl der Feierlichkeit drückte er auf den Lichtschalter. Lautlos sprangen die Neonröhren an und beleuchteten die vertraute Halle mit den Aktenschränken, den Computeranlagen und dem zylindrischen Kessel in der Mitte, dem Ionenstrahlkonverter. Dahinter, tief in der Erde, versteckt unter einem alten englischen Herrenhaus, lag der Korridor, der zu seinem LHC führte, mit seinem Kontrollraum, seinen Tunnelfahrzeugen und seinem 35 km langen Teilchenbeschleuniger. Obwohl das Gehen ihm noch immer schwerfiel, konnte Savary nicht anders: Er humpelte vom Aufzug durch den Korridor bis zu dem Punkt, wo der Tunnel des LHC begann und die elektrischen Zweisitzer auf ihn warteten für die Fahrt, die er gar nicht beginnen wollte. Er musste nur mit eigenen Augen sehen, dass alles noch da war und dass es echt war, nicht etwa wie in dem Film «Die Truman Show», dessen Hauptfigur in einer Kuppel gefangen war und die dort für ihn aufgebaute künstliche Welt für sein echtes Leben hielt. Bis er eines Tages an den Horizont stieß, der nichts weiter als eine bemalte Leinwand war.

Aber nein, alles war da. Fühlte sich an, wie es sollte. Sein neues Leben war echt.

Auf dem Weg zurück glitten seine Blicke über die Kabel und Rohre an den Wänden des Korridors. Savary lächelte unwillkürlich. Bald würde es losgehen.

Er öffnete die Tür zum Besprechungsraum. Sadie Fletcher stand vor einem der Flip-Charts. «Sukov ist noch nicht da?», fragte er. Der Russe Timofej Sukov war der Techniker in ihrem Team. Neben Savary betreute er die Anlage und tüftelte ständig an technischen Verbesserungen. Außerdem war er Matthieus und auch Sadie Fletchers Schachpartner. Meistens jedoch spielte er gegen sich selbst.

Fletcher wandte sich nicht um. «Negativ», sagte sie. «Aber wir wissen genau, wo er sich befindet. Und da kann er nicht weg, es ist Sperrgebiet.»

«Ist er wieder zu einem Atomunfall gerufen worden?» Savary war alarmiert.

Mit einer energischen Geste drückte Fletcher einen Magnetpin auf den Flip-Chart. «Sachalin», sagte sie. «Er macht Urlaub bei seiner Frau.»

Savary atmete auf. Sukovs Frau Agrippina war Meteorologin und hauste die meiste Zeit des Jahres in einem Turm am Ende der Welt, auf der Halbinsel Sachalin, wo sie die Veränderungen des Klimas in der Eismeerzone beobachtete.

«Sein letzter Zug war Läufer auf F5.» Fletcher trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk.

Jetzt sah auch Savary, was sie auf der Tafel befestigt hatte. Es war ein Foto, ein Hochglanzbild, schwarzweiß, circa 40 × 30 Zentimeter, in hoher Auflösung. Doch es war nicht irgendein Bild, es war eine Ikone, ein Motiv, das um die Welt ging. Die Aufnahme stammte aus einer Zeit, als Fotos gerade erst begonnen hatten, dies zu tun: um die ganze Welt zu reisen. Die Macht der Bilder über den Menschen war entdeckt worden. Fotografien wurden benutzt, um Images zu erschaffen, Mythen, Helden. Mit einem Bild, wie etwa dem von Marilyn Monroe, den weißen Rock von einem Luftstoß aus dem U-Bahn-Schacht um die Beine geweht, konnte man plötzlich Geschichte schreiben, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Langsam trat Savary näher und starrte die Szene auf dem Foto an. Sie zeigte ein Auto ohne Verdeck, eine Limousine aus den Sechzigern. Fünf Menschen saßen darin. Der Mann auf dem Rücksitz wirkte vielleicht ein wenig steif, war aber kaum zur Seite geneigt. Der Schrecken, den die Situation verströmte, ging von der Frau an seiner Seite aus. Offenbar in Panik, versuchte sie, von der Rückbank aus auf die Heckklappe zu klettern, obwohl der Wagen in voller Fahrt war. Es sah umso verstörender aus, als sie dabei ein Kostüm mit engem Rock, Pumps und eine Art Pillbox-Hut trug. Von einem zweiten Wagen aus, der hinter dem ihren fuhr, kletterte ihr ein Mann entgegen, offenbar um sie zurück nach vorn zu stoßen. Menschen säumten den Straßenrand.

«Die Schüsse von Dallas», murmelte Savary, «Die Ermordung John F. Kennedys.»

Amerika verlor seinen Märchenprinzen, seine Hoffnung auf Fortschritt und seine vermeintliche Unschuld an jenem 22. November 1963 in Dallas. Zumindest war das die offizielle Version.

«Ist das unser Fall?», fragte Savary. Er bemühte sich, ruhig zu klingen. Doch alles in ihm vibrierte. Er war kein Amerikaner. Doch der Anschlag auf diesen Mann hatte möglicherweise die Geschichte der gesamten Welt verändert. Oder aber gezeigt, dass sie sich nicht von einem Einzelnen verändern ließ, der sich gegen das System stellte.

«Wieso beschäftigen wir uns damit?», fragte er möglichst lässig und spröde, um seine Aufregung zu verbergen. «Jeder weiß doch, dass Kennedy von seinem eigenen Geheimdienst exekutiert wurde. Oliver Stone hat sogar einen Film darüber gedreht.» Er wandte sich zu ihr um. «Selbst die Hälfte der US-Amerikaner glaubt nicht mehr an die offizielle Version, nach der der Mörder ein psychisch gestörter Einzeltäter war.»

«Ich bin nicht an Glaubensfragen interessiert, Savary.» Sadie Fletcher mühte sich ab, das Flip-Chart so in Position zu bringen, dass es von einer Gruppe aus zwei blauen Sofas und einigen Sesseln aus gut gesehen werden konnte. Die Sitzecke hatte sich im Laufe des letzten Falls als Zentrum ihrer gemeinsamen Beratungen herauskristallisiert. Sie wirkte weniger klinisch als der Rest der Umgebung. Außerdem arbeiteten sie bei ihren Fällen gerne mit möglichst wenig Elektronik. «Was nicht über eine elektrische Leitung geht, kann auch nicht infiltriert werden», pflegte Sadie Fletcher zu sagen. Und sie musste es wissen, meinte Savary, auch wenn er es bezeichnend fand, dass man auf der langen Suche nach Sicherheit heute quasi zurück in die Steinzeit ging: zum Handschlag, dem verbrannten Zettel und dem ins Ohr geflüsterten Wort. Wenn das der Weisheit letzter Schluss war: Wozu dann Jahrhunderte der technischen Entwicklung? Sadie Fletcher hätte vermutlich gesagt, dass die Antwort hinter ihm in seinem LHC lag. Jetzt meinte sie: «Die offizielle Version der Vereinigten Staaten von Amerika lautet noch immer, dass Kennedy von Lee Harvey Oswald erschossen wurde, einem Einzelgänger mit narzisstischem Persönlichkeitsprofil. Sie haben die Waffe, die Kugeln und den Tatort, an dem Oswald sich befand. Und darüber hinaus: Wenn ich etwas wissen will, dann will ich es genau wissen. Was ist das überhaupt: CIA, FBI, Staatssicherheit? Und wenn ja: Wer steckt im Einzelnen dahinter?» Sie richtete sich auf und schaute ihn an. «Wer hat befohlen? Wer hat geschossen? Wer hat vertuscht? Außerdem sind unter den Verdächtigen, wenn ich richtig informiert bin, noch die Mafia, die Kubaner und die Russen.»

«Nicht zu vergessen», ergänzte Savary, «der industrielle-militärische Komplex, die Schwulen, die Juden und die Außerirdischen.» Als er ihren Blick sah, zuckte er mit den Schultern. «Kommt darauf an, welche Website Sie konsultieren.» Als sie nicht antwortete, fuhr er fort. «Sie wollen es also wirklich genau wissen, habe ich das richtig verstanden? Unser Auftrag lautet, herauszufinden, wer John F. Kennedy tatsächlich ermordet hat?»

«Ja.» Sie schaute ihm ohne zu blinzeln in die Augen.

«Und wer will das wissen?»

«Savary!» Sie hob beide Hände in einer abwehrenden Geste und wollte weiterreden, doch er unterbrach sie.

«Ich frage nur, weil die Antwort ja oft stark davon abhängt, wer der Auftraggeber ist.» Wütend verschränkte er die Arme.

«Okay. Sie fragen, weil es letztes Mal einen Versuch gab, unsere Forschungsergebnisse zu manipulieren», gab sie zu und holte tief Luft. «Weil ich versucht habe, ein von unseren Auftraggebern erwünschtes Ergebnis zu erzielen.»

Feige ist sie nicht, dachte Savary. Er löste die Arme und gab seine abwehrende Haltung auf. «Ja», sagte er. «Genau deshalb.»

Erneut holte sie tief Luft. Das hier schien der schwierige Teil der Angelegenheit zu sein. Savary behielt sie genau im Auge. Sie sagte: «Es wird diesmal keine solchen Versuche geben.»

«Es will also tatsächlich niemand, dass eine bestimmte Person nicht der Täter sein darf?»

Sadie Fletcher nickte. «Diesmal geht es um die Wahrheit. Unser Auftraggeber will die Wahrheit. Er benötigt sie, damit er weiß, wie er mit den Dingen umgehen kann, die bald behauptet werden. Und es werden Dinge behauptet werden, Savary, öffentlich und laut. Unser Auftraggeber versucht zu verstehen, was gespielt wird. Er ist bereit, mit jedem Ergebnis, das wir liefern, zu leben. Das habe ich mir versichern lassen.»

«Weil die Wahrheit in diesen luftigen Höhen der Macht eine Rolle spielt», sagte Savary ironisch.

«Sie ist die Basis für alles. Wer sie kennt, kennt Freund und Feind.» Sadie Fletcher neigte den Kopf. «Seien Sie nicht so zynisch.»

«Ach, ich bin zynisch? Im Ernst? Ich bin von uns beiden hier der Zyniker?»

Sadie Fletcher biss sich auf die Lippen. «Jedenfalls haben wir diesmal eine gute Ausgangshypothese.» Sie machte eine Pause. Dann fuhr sie fort: «Es gibt einen Mann, der den Mord gestanden hat.»

«Und?», entfuhr es Savary. «War er es auch?»

Fletcher hob die Hände. «Das herauszufinden, wird unsere Aufgabe sein.» Wieder hielt sie inne.

Das «Und?» stand deutlich in Savarys Gesicht geschrieben. Doch er sprach es nicht aus.

«Es handelt sich um einen israelischen Agenten.»

«Kann man den Mann kennenlernen?»

«Er ist tot, aber wir werden im Team das Video analysieren, das von seiner Aussage gemacht wurde.»

«Im Team», sprach Savary nachdenklich. Er nickte. Genau, das Team. Sie würden zusammen daran arbeiten. Er brauchte sich dieser Aufgabe nicht alleine zu stellen.

«Wollen wir uns nicht setzen?» Fletcher nahm auf einem der Sofas Platz.

Savary setzte sich in einen Sessel. «Das Team», wiederholte er. «In alter Besetzung.»

Das war keine Frage. Und Fletcher machte sich kaum die Mühe eines Nickens.

«Tarvo Hakala», nannte Savary den Ersten. «Zuständig für Taktik und Sicherheit.»

«Der Mann mit dem Messer.» Fletcher lächelte. «Er wird froh sein zu hören, dass er bei diesem Auftrag wieder auf Schusswaffen zurückgreifen darf. Die gab es 1963 reichlich.»

«Amerika, Amerika», summte Savary. «Wo steckt Hakala jetzt?»

«Macht Urlaub.» Fletcher griff in ihre Tasche und zog ein Notizbuch heraus, das Savary zum ersten Mal bei ihr sah. Kein Tablet, kein Blackberry. Sie blieb ihren Prinzipien treu. «Wir sind an ihm dran.»

«Sukov kommt also von Sachalin, wenn wir ihn dort erreichen.» Savary nahm beim Durchzählen die Finger zu Hilfe. Der Daumen war der Finne, der Zeigefinger der Russe. Mittelfinger: «Karoline Freitag.» Er freute sich auf die erneute Zusammenarbeit mit der Historikerin. Sie war klug, fleißig und loyal. «Aber ob sie interessiert ist an dieser Zeit? Sie arbeitet doch über das neunzehnte Jahrhundert, nicht wahr?»

«Interessiert daran, die maßgebliche Biographie über den größten US-Präsidenten aller Zeiten zu schreiben?», tat Sadie Fletcher seinen Einwand ab und machte sich eine Notiz. «Wir sind an ihr dran. Ebenso an einem Nachfolger für Finlay.»

«Wir brauchen einen Stilberater für die Sechziger?», fragte Savary zweifelnd. «Für das Viktorianische England habe ich das ja eingesehen. Aber Dallas 1963? War da nicht alles im Wesentlichen wie heute, bis auf die Frisuren und die Anzahl der Fernsehkanäle?»

«Für Sie vielleicht», gab Fletcher zurück. «Weiß und männlich, wie Sie sind. Ich wäre damals wohl allenfalls ihr Hausmädchen gewesen.»

«Oder meine Sekretärin», sagte er mit einem schadenfrohen Grinsen. «Das mit den Notizen machen Sie ja schon ganz gut.» Er betrachtete sie. Aber etwas stimmte nicht: Sie hatte nicht die Haltung einer Sekretärin: Knie geschlossen, eifrig vorgeneigt und … er konnte es nicht erfassen, aber es stimmte einfach nicht. So hatte Doris Day in den Filmen einfach nicht dagesessen.

«Vermutlich haben Sie recht», gab er nach. «Haben Sie schon jemanden im Blick?»

«Es gibt da eine Fotografin, Casting-Agentin in Hollywood. Sie arbeitet auch als Beraterin für Filme, die in den Sechzigern spielen.»

Was es nicht alles gab. «Klingt perfekt», sagte er. «Ich meine, nach Finlay ist fast alles perfekt. Oder ist sie auch ein saufendes, koksendes Wrack mit pädophilen Neigungen und einem übergroßen Ego?» Einen Moment lang dachten sie beide an Kenneth Ossian Finlay, Shakespeare-Mime, Großdarsteller und abgestürzter Mensch. Er war ein Ekel gewesen, aber ein großartiges Ekel. Er würde ihnen fehlen.

«Also weiter.» Ringfinger. Das Gefühl von Intimität. Er hatte Hannah Rüthli eine ganze Zeitlang sehr anziehend gefunden. Sie hatte ihn damals aus den Trümmern des C.E.R.N. gezogen. Und für ein paar Augenblicke hatte er geglaubt, er müsste sie dafür lieben. Das hatte sie ihm gründlich ausgetrieben. Hannah war nicht nur eine perfekte Diebin und Trickbetrügerin, sondern auch eine zutiefst spröde und hinter ihrer aufgesetzten Burschikosität zurückhaltende Persönlichkeit. So unsichtbar, wie sie in ihre Zielobjekte einstieg und mit ihrer Beute wieder verschwand, so verborgen hielt sie auch ihr wahres Ich. Sie war der vielleicht einsamste Mensch, den Savary kannte. Von sich selbst abgesehen. An Hannah war er nie wirklich herangekommen.

Und dann war ja auch Ondina Conti in sein Leben getreten. Ondina hatte für sie als Pathologin gearbeitet. Seine Ondina. Sie war bei ihrem letzten Einsatz gestorben. Nein, verbesserte Savary sich, sie war ermordet worden. Vor seinen Augen. Und er hatte es nicht verhindern können.

Sein Schweigen dauerte so lange, dass Sadie Fletcher aufschaute. Vermutlich erfasste sie, was in ihm vorging. Sie beide wussten, dass die Time Unit einen neuen Mediziner brauchen würde. Und Ihnen beiden war klar, dass es heikel werden würde, das Thema anzusprechen.

Ich bin ein Feigling, dachte Savary. Damals bei Ondina und heute. Ein Krüppel und ein Feigling, der in der Zeit reisen kann. Aber die Dinge, auf die es ankommt, die kann ich nicht. Gequält versuchte er ein Lächeln. «Und Hannah Rüthli?», sagte er schließlich laut. «Was treibt unsere Meisterdiebin derzeit so?»

Sadie Fletcher machte sich eine Notiz und meinte nur: «Wir sind an ihr dran.»

«Na also», sagte Savary und griff nach seinen Krücken, um sich hochzuhieven. Er wollte in sein Zimmer, so schnell wie möglich. Er musste alleine sein.

4.

Die Züricher Bahnhofstrasse strahlte genau den Reichtum aus, den man klischeehaft der gesamten Schweiz unterstellte. Hier befanden sich hinter neoklassizistischen Fassaden Geschäfte der Luxusklasse: Modehäuser, Uhrenläden und Juweliere, deren Auslagen durch ein warmes, bernsteinfarbenes Licht in Szene gesetzt wurden.

Etwa in der Mitte der Straße erhob sich ein Bauwerk, dessen griechische Säulen an einen Tempel erinnerten. Und genau das war es auch in gewisser Weise. Hinter der imposanten Steinfassade huldigte man dem Mammon.

Hannah Rüthli, deren Gesicht zu einem großen Teil durch eine Sonnenbrille verdeckt war, gab sich unbeeindruckt von dem Bankhaus. Ruhig, beinahe gelangweilt schlenderte sie am Eingang des Gebäudes vorbei, bog in eine Seitengasse, kaufte sich einen Cappuccino to go im Pappbecher mit Plastikdeckel und setzte sich auf einen Mauervorsprung. Sorgsam stellte sie den Kaffee neben sich. Dann holte sie einen Tablet-PC aus ihrer Handtasche. Während das Gerät hochfuhr, behielt sie eine unscheinbare Box im Auge, die gegenüber an der Wand des Bankhauses angebracht war.

Sie dachte an früher. Da war sie noch in persona eingebrochen. In Kunstgalerien, in hochgesicherte Villen von Privatleuten oder in die Geheimlabore irgendwelcher Wirtschaftsunternehmen. Einmal sogar in den Hochsicherheitsbereich des C.E.R.N. Stets hatte sie im Auftrag Dritter gearbeitet und ihren Job zur Zufriedenheit ihrer Kunden erledigt. Unerschütterlich kaltblütig, leichtfüßig und geräuschlos wie ein Schatten. Heute arbeitete sie auf eigene Rechnung. Seitdem sie keine finanziellen Probleme mehr hatte, konnte sie sich aussuchen, wen sie bestehlen wollte. Hauptsächlich tat sie es, weil sie auf das Gefühl, am Limit zu sein, einfach nicht verzichten konnte. Sie brauchte den Kick, die Gefahr. Der Ausnahmezustand war ihre Droge. Sonst kam sie sich vor wie eine Puppe. Wie ein Etwas, das zwar atmete und verdaute, aber nicht wirklich lebte.

Jetzt zum Beispiel stand sie kurz vor dem Moment, wo jede Zelle ihres Körpers vom ultimativen Nervenkitzel erfüllt sein würde. Sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte, wie ihre Wahrnehmung sich schärfte. Etwas in ihr schaltete auf Autopilot und begann, nach seinem ureigenen sicheren Instinkt zu handeln. Wie sagte der große japanische Schwertkämpfer Miyamoto Musashi: Bei allem, was man tut, kommt es auf den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Rhythmus an. Jetzt spürte sie ihn, den richtigen Rhythmus. Der Flow war da. Sie marschierte. Bald würden die Endorphine in ihrem Blut vor Lust und Aufregung explodieren.

Die Gefahr, die sie heute einging, war anders als früher, als sie noch Fassaden hochkletterte, Scheiben aufschnitt und Tresorschlösser austrickste. Für das, was sie hier veranstaltete, brauchte sie nur am Computer zu sitzen. Hier im Freien, in der Sonne. Die Spannung blieb dennoch. Und mehr denn je kam es auf den richtigen Zeitpunkt an.

Hannah tippte ins Tablet, bis der drahtlose Kontakt zu dem Schaltkasten der Bank hergestellt war. Zunächst steuerte sie verschiedene Schaltkreise an und veränderte hier und da eine Verbindung. Dann hackte sie sich in das Überwachungssystem. Nach wenigen Sekunden hatte sie die Kontrolle über die Kamera im Empfangsraum. Dort herrschte normaler Alltagsbetrieb. Hinter einer Reihe von Schaltern versahen Bankangestellte ihren Dienst, befanden sich im Gespräch mit Kunden oder liefen durch den Raum. In ihren grauen Anzügen und Kostümen sah einer aus wie der andere. Hannah Rüthli beobachtete alles eine Weile, bis sie die Bewegungsmuster erkannt hatte. Schließlich steuerte sie die Kamera nach links, dann nach rechts. Alles klar. Als Nächstes würde die Gesichtserkennungssoftware zum Einsatz kommen.

Neben dem Programm der NSA, das sie in ihrer Zeit bei der Time Unit verwendet hatte, benutzte sie die Software des schweizerischen Bundesamts für Polizei. Vor wenigen Wochen war sie in den zentralen Polizeicomputer eingedrungen und hatte sie dort gestohlen. Die Software beruhte auf den biometrischen Daten, die jeder Bürger preisgab, wenn er sich einen Personalausweis ausstellen ließ. Auf diese Weise ließ sich den Menschen, die Hannah mit der Kamera einfing, eine Identität zuordnen. Unter jedem Gesicht auf dem Bildschirm erschienen dann Name und Geburtsdatum. Eventuell auch der Beruf und die Vorstrafen dieses Menschen. Man fühlte sich fast wie in einem Computerspiel. Hannah startete das Programm, und die Buchstabenfelder ploppten auf. «Hannes Buchli, 14.5.79.» Fehlanzeige. «Daniel Orth, 29.9.90. Fahrradbote. Vorbestraft wegen Drogenhandels.» Auch nicht ihr Kandidat.

Hannah war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Mann. Robert Odermatt, 44 Jahre. Sicherheitsangestellter. Bei ihm würde sie finden, was sie brauchte. Sie nahm sich einen nach dem anderen vor, fixierte die Gesichter und zoomte sie heran, bis das Programm Rückmeldung gab: Friedrich Bürgler, Herbert Flütsch, Thomas Wildhaber, Sebastian Amader. Für einen Moment hielt sie inne. Ihre Augen blieben an dem Vornamen hängen. Sebastian. Plötzlich stand sein Bild wieder vor ihr. Bastian, ihr kleiner Sohn. Ihr Sohn, der gestorben war. In einem Krankenhauszimmer, an dessen Wänden Kinderzeichnungen hingen, in einem Bett, über dem ein Mobile aus Drachen, Kriegern und Monstern kreiste.

Sie schüttelte den Flashback ab. Sie musste sich konzentrieren, durfte sich durch nichts ablenken lassen. Wie sie vermutet hatte, verlief die Analyse der Personen im Empfangsraum negativ. Wenn nötig, würde sie alle dreiundzwanzig Kameras der Bank ansteuern, eine nach der anderen, bis sie den Sicherheitsangestellten gefunden hätte.

 

Eine knappe Stunde später war es so weit. Robert Odermatt saß in einem Büroraum, wo er Akten studierte. Im Hintergrund, an der Wand, eine Schweizer Berglandschaft. Hannah aktivierte einen bestimmten Algorithmus, der eine Verbindung zu den elektronischen Geräten herstellte, die Odermatt bei sich trug. Als Sicherheitsmann besaß Odermatt den Zugangscode für den Zentralrechner der Bank. Erleichtert stellte Hannah fest, dass er ihn bei sich hatte. Er war auf einer elektronischen Sicherheitskarte gespeichert. Ohne dass Odermatt auch nur das Geringste ahnte, lud sie diesen Code auf ihr Tablet herunter. Dann loggte sie sich aus dem System aus. Niemand würde je erfahren, dass sie da gewesen war.

Erneut drang sie in den Schaltkasten ein. Jetzt musste sie einen Weg in das Intranet der Bank finden. Die Sicherheitsvorkehrungen waren ein Kinderspiel. Ihre Finger tippten einen Wirbel auf das imaginäre Tastenfeld. Zum wiederholten Male wunderte sich Hannah, wie leicht es war, die Firewall zu umgehen. Bei fast allen Unternehmen waren die Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft. Täglich gab es Hunderte von Cyberattacken auf die verschiedensten Wirtschaftskonzerne und Industrien. Sogar Atomkraftwerke waren vor Angriffen nicht sicher. Glücklicherweise richteten die Hacker dort keinen allzu großen Schaden an. Niemand hatte ein Interesse daran, ein Atomkraftwerk hochgehen zu lassen. Oftmals ging es nur darum, Sicherheitslücken aufzuspüren. Doch Hannah hatte anderes im Sinn.

Sie loggte sich durch die verschiedenen Computer, bis sie am Zugang für den Zentralrechner angelangt war. Endlich. Gleich würde die Party steigen. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde sie die gesammelten Kundendaten einer der größten Schweizer Banken auf ihren Rechner ziehen. Wie viele Steuerbetrüger aus dem Ausland da wohl zu finden wären? Genug. Mehr als genug. Auf jeden Fall würde man sie fürstlich entlohnen, wenn sie den Datensatz an eine ausländische Regierung verkaufte.

Hannah öffnete die Datei mit dem Code, kopierte ihn und fügte ihn in das Abfragefeld ein. Dann drückte sie auf Enter. Es öffnete sich ein Fenster, in dem ein leerer Balken erschien. Langsam wurde der Balken mit grüner Farbe gefüllt. Fünf Prozent, zwölf, sechzehn. Hannah spürte, wie ihre Aufregung stieg. Nur die Ruhe, ermahnte sie sich. Bleib im Flow. Es kann nichts mehr passieren. Nicht am Ende alles durch unnötige Aufregung vermasseln. Biete das ganz gewöhnliche Bild einer Business-Tussi in ihrer Mittagspause. Sie nippte an ihrem Cappuccino.

Mit einem Mal ließ die Kopier-Geschwindigkeit nach. Eine völlig normale Sache, beruhigte Hannah sich. Ein kleiner Datenstau. Es war unwahrscheinlich, dass man ihren Hack bemerkt hatte. Nicht in so kurzer Zeit. Na bitte: Der grüne Balken wuchs weiter. Sie schaute auf ihre Uhr. Nahm noch einen Schluck. Legte den Kopf in den Nacken, als genieße sie die Mittagssonne.

Als der Balken bei neunzig Prozent angelangt war, geriet er erneut ins Stocken. Die Sekunden vergingen, doch nichts geschah. Das System arbeitete doch noch? Da! Einundneunzig Prozent! Geht doch! Zweiundneunzig, dreiundneunzig … Verdammt! Was war das? Das Bild bewegte sich nicht mehr. Hannah versuchte die Maus zu bewegen. Fehlanzeige. Der Bildschirm war eingefroren. «Was zum Teufel!»

Plötzlich begann das Bild zu flimmern. Scheiße! Sie musste unbedingt aus dem System, bevor man sie entdeckte. Hannah probierte verschiedene Tastenkombinationen, keine von ihnen zeigte irgendeine Wirkung. Dann wurde der Bildschirm schwarz. Hannah starrte erschrocken auf ihren Rechner.